Treppenwitz zur Hochkultur

Treppenwitz zur Hochkultur

Walther Wever


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 500
ISBN: 978-3-948379-20-9
Erscheinungsdatum: 21.04.2020
Kulturgeschichte gilt heute nicht mehr en vogue. Doch Walther Wever gelingt es, unsere vom Mittelalter bis zur Romantik reichende Hochkultur heiter zu erzählen, eingebunden in Tagebucheinträge einer Romanze zweier Liebender.
Über die drei Paukenschläge der ,Schönen Künste‘

„Nun endlich, liebe Claudia, kommt der bedeutungsvollste Moment der heutige Epoche. Nun darf ich dir von den ‚Schönen Künsten‘ jener 26 spannenden, ‚frühklassischen‘ Jahre zwischen 1774 und 1800 am Ende der Epoche des Absolutismus erzählen. Beginnend im Jahr 1774 mit drei ‚Paukenschlägen‘ als Wetterleuchten einer neuen Epoche. Man darf behaupten, die Kunstwelt wurde so sehr erschüttert, dass wir das Jahr 1774 bis heute als epochales Jahr ansehen. Als das Jahr, mit dem der ‚Frühklassizismus‘ bzw. die Frühklassik bei uns einsetzte. In der Architektur, in der Malerei, in der Musik und in der Literatur. Eine idealistische Hochphase epochaler künstlerischer Ideen einleitend, wie wir sie bis heute in einer so kurzen Zeitspanne nie wieder erlebten.“ „Du machst es aber verdammt spannend“, befindet Claudia.
„Beginnen möchte ich mit der frühklassizistisch geprägten Architektur. 1774 wurde – als ‚kultureller Paukenschlag‘ – das erste frühklassizistische Gebäude in unserem Land fertiggestellt. Ein Stil, bei dem sich unsere Architekten nicht nur an der Klassik hellenischer Gebäude orientierten, sondern sie auch zum Sinnbild klassischer Ideale hochstilisierten. Als Versinnbildlichung der Idee der Demokratie, die ja in Griechenland entwickelt und in den Vereinigten Staaten wiederbelebt wurde. 1774 eingeleitet mit dem von Friedrich von Erdmannsdorf erbauten Wörlitzer Schloss. In seiner schlichten Formgestaltung – insbesondere seinen Säulen und dem darüber liegenden Portikus, aber auch dem Grundriss – auf die Antike bezugnehmend. Nur drei Jahre später folgte die Fertigstellung des Kasseler ‚Friedericianums‘ in dem gleichen neuen Stil. Nicht gebaut als Schloss, sondern als erstes öffentliches Museum Mitteleuropas. 1791 folgte der Bau des von Karl Langhans entworfenen Brandenburger Tors, das sich zum Sinnbild der neuen Zeit mausern sollte. In seiner ganzen Schlichtheit frei von spätbarocken Schnörkeln bis heute von hohem Erinnerungswert.
Mit dem ‚Früklassizismus‘ setzte auch in der Landschaftsgärtnerei eine Gezeitenwende ein. 1785 ließ der Großherzog in Eutin einen englischen Park anlegen. Der dann 1789 von dem Münchener Gartenbaudirektor Friedrich v. Sckell mit dem Münchener ‚Englischen Garten‘ wirkmächtig übertroffen wurde. Geprägt von der revolutionären Idee unbelassener Natur, durch die sich nur wenige Sichtachsen zogen. Um damit bewusst die geometrisch abgezirkelte, in schnurgerade Beete und streng geschnittene Bäume und Büsche gezwungene Natur aus ihrem Korsett zu befreien.
Natürlich setzte sich nicht über Nacht der ‚Frühklassizismus‘ bei uns landesweit ein. Noch gab es Architekten, die den Spätbarock zu perfektionieren gedachten. Was man in beeindruckender Weise an der Klosterkirche Ettal tief im Süden ausmachen kann. Auch klang in dem 1787 von Carl v. Grontard errichteten frühklassizistischen Potsdamer Marmorpalais noch ein wenig der Rokokostil nach.
Die Architektur färbte auf die ‚frühklassizistische Malerei‘ ab, eine neue Bedeutung des Lichts als Ausdruck des Erkenntnisgewinns geistiger Erleuchtung zum Ausdruck bringend. Wie in der ‚Apotheose‘ Heinrich Friedrich Fügers oder in emanzipatorischen Sujets ‚über die Ehe‘ des Künstlers Daniel Chodowiecki, dessen Themen selbst vor der Privatheit der Familie nicht halt machten. Geprägt durch scharfe Konturen ohne fließende Übergänge wie sein Kupferstich ‚Minerva‘. Die Göttin der Weisheit repräsentierend, mit ihrer lichtspendenden Rolle einer die großen Religionen – des Christentums, Islams und Judentums – zusammenführenden Gestalt. Asmus Carstens schuf seine ‚Geburt des Lichts‘. Neben dem Licht als spezifisch frühklassizistisches Motiv setzte sich der Frühklassizismus auch durch eine gestochen scharfe, von Nüchternheit geprägte Malform durch. Ein typisches Werk war Heinrich Tischbeins ‚Goethe in der Campagna‘, den jungen Literat in weißem Mantel vor den Resten antiker Reliefs und Säulen darstellend, geprägt von dem durch Winkelmann ausgelösten Fernweh, das Goethe in seiner ‚Iphigenie‘ so trefflich beschrieb, ‚denn auch mich trennt das Meer von den Geliebten/und an dem Ufer stehe ich lange Tage,/das Land der Griechen mit der Seele suchend‘.
Alois Senefelder erfand 1798 den Steindruck, also die Lithographie. Ein Flachdruckverfahren, das sich in den nächsten Epochen zur dominanten Drucktechnik mauserte. Bis weit in das Zwanzigste Jahrhundert basierend auf der Verwendung von Kalkschiefersteinen, um erst in jüngster Zeit durch den Offsetdruck abgelöst zu werden.
1797 schuf Johann Schadow sein berühmtes ‚Doppelstandbild der Prinzessinnen‘, sich an antik-klassischen Figurengruppen orientierend. Sowohl Luise als spätere preußische Königin als auch ihre Schwester Friedrike, die spätere Königin von Hannover, in ihrer so liebevoll jugendlichen Umarmung verewigend. Eine Plastik, die lange in einem königlichen Hinterzimmer verstaubte, weil man es als Skandal empfand, dass Friedrike später als nicht verheiratete Frau schwanger wurde. Doch Gott sei Dank änderte sich der moralische Zeitgeist, sodass heute dieses frühklassizistische Meisterwerk sehr prominent die Besucher am Eingang der ‚Alten Nationalgalerie‘ der Berliner Museumsinsel in ihren Bann ziehen kann. So viel zum ersten Paukenschlag.“ „Den ich gerne, mein Lieber, akzeptiere. Denn ich persönlich finde den Frühklassizismus wirklich besonders schön.“
„Der zweite kulturelle ‚Paukenschlag‘ des Jahres 1774 erfasste die frühklassizistische Musik, die sich in zwei Stilrichtungen aufteilte.“ „Sag bloß, geht das schon wieder los“, befindet Claudia. Um hinzuzufügen: „Es ist schon erstaunlich, dass dieses Mal ausgerechnet die Musiker eine Sonderrolle spielten.“ „Na wart es erst mal ab.“ „Ich ahne Böses“, schluckt sie. „Jedenfalls entfaltete sich im musikalischen ‚Frühklassizismus‘ ein besonderes Spannungsfeld von ‚Frühklassik‘ und ‚Frühromantik‘.“ „O. k., so weit kann dir folgen, mein Lieber.“
„Mit seiner Oper ‚Iphigénie‘ thematisierte der Oberpfälzer Komponist Christoph Gluck in diesem Jahr 1774 nicht nur erstmals ein „klassisches Thema“, sondern beschritt musikalisch neue romantische Wege. Sodass dieses Werk mit Rezitativ und großer Orchesterbegleitung als erstes Werk der ‚Frühromantik‘ gilt. Auch Johann Reichert, seit 1775 Berliner Hofkapellmeister, machte sich nun als Komponist einen Namen, Oden und Lieder zu Gedichten von Klopstock, Claudius und Hölty schreibend. 1788 folgten seine ‚Deutschen Gesänge‘, mit denen er die Gedichte Schillers und Goethes vertonte. So das Gemischte Quartett zu Goethes ‚Felsen stehen gegründet‘. Auch Carl Zelter vertonte seit 1796 Gedichte Schillers und Goethes. Etwa seinen ‚Erlkönig‘ wie seine ‚Rastlose Liebe‘. Auch der 1779 beginnende Sinnestaumel des ‚Walzers‘ erfasste die Jedermanns landauf landab. Dessen Wurzeln liegen übrigens nicht in Wien, sondern in den Bauerntänzen der ‚Weller‘, die die deutschen Bauern Westfalens und Bayerns bei ihren Dorffesten in Ekstase versetzten.
Auf der anderen Seite entfaltete sich die ‚Frühklassik‘. Klassisch verstanden, in dem ihm heute zukommenden Sinne eines bedeutsamen, fest strukturierten Kunstwerkes jener Epoche. Unter den Musikern der Frühklassik ragten besonders zwei heraus. Joseph Haydn, ein Österreicher, der unsere Nationalhymne komponierte, und der Salzburger Wolfgang Amadeus Mozart. Joseph Haydn schlug mit seinen über 100 Sinfonien neue klassische Töne an, dabei die Orchester wesentlich vergrößernd. 1774 schuf er seine berühmte Sinfonie in C, geprägt von dem Prestissima des vierten Satzes, einer zerklüfteten kontrastreichen Komposition. Er setzte aber auch schon vor dieser Maßstäbe in seiner Trauersinfonie Nr. 44 in e-moll und seinem natur-idealistischen Großoratorium ‚Schöpfung‘. Sein vaterländisches Lied ‚Gott erhalte Franz den Kaiser‘ mutierte später – melodisch gesehen – zu unserer Nationalhymne. Grund genug, ihn hier hochleben zu lassen.
Der im Kurfürstentum Salzburg – zwischen Bayern und Österreich gelegen – geborene Wolfgang Amadeus Mozart komponierte 1774 seine Concertone für zwei Violinen, sein Fagottkonzert und einige seiner Serenaden. Gekennzeichnet von festen Strukturen mit schnellen, langsamen und wieder schnellen Sätzen, die wir – bis heute – als ‚frühklassische Musik‘ lieben. Seine Divertimenti waren ebenso stilprägend wie seine Opern. Etwa die 1782 uraufgeführte – ‚Entführung aus dem Serail‘, die 1786 folgende ‚Hochzeit des Figaro‘ und die sich 1787 anschließende Oper ‚Don Giovanni‘. Lange als die Oper aller Opern gefeiert! Alle drei entwickelten sich bis heute zu Publikumsmagneten wie später auch seine Opern ‚Cosi fan tutte‘ und ‚Zauberflöte‘. Goethe sollte später sagen, Mozart hätte den Faust vertonen müssen. Doch der war noch nicht geschrieben, als Mozart verstarb. So viel zur frühklassischen Musik.“ „O.k., auch hier finde ich, dass Christoph Gluck wirklich mit der Oper Iphigénie eine einmalige Komposition glückte.“
„Der dritte kulturelle ‚Paukenschlag‘ des Jahres 1774 bezog sich auf unsere Literatur. Du erinnerst dich vielleicht noch an die beiden literarischen Kraftfelder der Vorklassik, der ‚frühen Aufklärung‘ und der ‚frühen Empfindsamkeit‘, oder?“ „Na klar“, erwidert Claudia. „Ich habe doch kein Gedächtnis wie ein Sieb.“ „Entschuldige. Im ‚Frühklassizismus‘ entlud sich das literarische Feuerwerk gleich in fünf Stilrichtungen.“ „Ich hab’s geahnt“, stöhnt Claudia, „ist mal wieder typisch für die Philologen. Immer komplizierter denkend als der Rest der Künstler.“ „Vielleicht, weil sie mit ihrem Werkzeug die Stimmung punktgenauer beschreiben können.
Jedenfalls muss ich dich jetzt mit dem ‚magischen Fünfeck‘ eines zauberhaften Stilpluralismus konfrontieren.“ „Mit was?“ „Mit fünf Grundströmungen, die unsere deutsche Literatur in die Sphären der Unsterblichkeit katapultierten. Wir hatten vorher keinen Shakespeare wie die Engländer, keinen Molière wie die Franzosen und keinen Kochanowski wie die Polen. Doch wie aus heiterem Himmel entlud sich nun unsere klassizistische Literatur zu einem Feuerwerk der Vielfalt. Und all das in gerade einmal 26 Jahren. Dabei eine solche Wirkmächtigkeit entfaltend, weshalb wir sie noch heute als unsere ‚Hochkultur‘ betrachten.“ „Wenn du meinst“, befindet Claudia, „ich fürchte, da muss ich wohl durch.“ Er nimmt dies kommentarlos zur Kenntnis. „Die ‚frühe Aufklärung‘ mutierte zur ‚Aufklärung‘, bei der ein Name wie eine Leuchtfigur alle anderen Protagonisten überstrahlt: der des Emanuel Kant. Auch die ‚frühe Empfindsamkeit‘ steigerte sich zur ‚Empfindsamkeit‘, erfasst vom idealistischen Zeitgeist der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Revolution. Auch für diese will ich dir vorab die Leuchtfigur Ephraim Lessings nicht vorenthalten.
Doch zeitgleich geschah das Unerwartete, das Neue, das Einmalige. Ausgerechnet in dem Wendejahr 1774 wurden die Jedermanns literarisch mit etwas Revolutionärem konfrontiert. Mit Goethes ‚Die Leiden des jungen Werther‘, sich als sechster und letzter Paukenschlag des ‚Frühidealismus‘ erweisend. Eine neue Stilrichtung kreierend, die wir bald als ‚Sturm und Drang‘ bezeichnen sollten. Nachdem schon drei Jahre zuvor Klopstock mit seinen ‚Oden‘ den Zeitenwechsel anzudeuten verstand, war es eben jener junge Jurist Johann Wolfgang Goethe, der mit seinen ‚Leiden des jungen Werther‘ eine neue Tür aufstieß. Eine idealistische Rebellion der Jugend gegen den erstarrten Zeitgeist entfachend. In diesen Leiden schilderte Goethe seine autobiografische Geschichte der unerwiderten Liebe zu Charlotte Buff, sein verzweifeltes Liebesleiden und seinen sich zum Exzess steigernden Liebeskummer, um – zumindest literarisch – nicht davor zurückzuschrecken, sich am Ende aus Liebeskummer das Leben zu nehmen.
Was den Berliner Aufklärer Moses Mendelssohn dazu veranlasste, lediglich die letzten fünf Seiten des Werthers umzuschreiben, um das Werk – mit einem Happy End versehend – als die ‚Freuden des jungen Werther‘ zu veröffentlichen. Um damit zu scheitern. Nicht die Dimension des Schmerzes als starke Ausdrucksform des neuen drangvollen Zeitgeistes erfassend. Nicht bemerkend, wie die Modewelle der ‚Werther Kleidung‘ einer gelben Weste und Hose, einem blauen Frack und braunen Stulpenstiefeln – ausgelöst allein durch ein literarisches Werk – einen Modehype der jungen Generation auslöste. Mit anderen Worten, zunächst hatten wir es mit der ‚Aufklärung‘, der ‚Empfindsamkeit‘ und dem ‚Sturm und Drang‘ zu tun.
Bis der ‚Sturm und Drang‘ – du wirst sicher sagen zu allem Überfluss – seine idealistisch jugendliche Anziehungskraft verlor. Um sich in zwei Richtungen aufzuspalten. Zum einen in die ‚Frühklassik‘, die sich am Transponieren antiker Themen erfreute, um sich auch stilistisch an den Hexa- wie Pentametern der Antike zu bedienen. Die Matthias Claudius mit seinen Versen lächerlich zu machen suchte, ‚im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein,/im Pentameter drauf lässt er ihn wieder heraus‘. Und zum anderen in die ‚Frühromantik‘, die – sich an der mittelalterlichen Mystik orientierend – an die Gefühle der verinnerlichten Leser appellierte.
Goethe war es, der auf der einen Seite das Tor zur ‚Frühklassik‘ aufstieß, sich ganz im Sinne Winkelmanns an der griechischen Kultur orientierend, um vornehmlich gebildete Leser zu erfreuen. Während auf der anderen Seite Schiller das Tor zur Frühromantik öffnete, sich auf eine ästhetische Erziehung der Jugend versteifend. ‚Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt‘. Wozu sich seiner Meinung nach die phantasiegeladenen ‚Schönen Künste‘ besonders eigneten. Schiller sah die Zeit eines nun anbrechenden ‚tintenklecksenden Säkulums‘ vorher.
Der Frühromantiker Friedrich Schlegel griff diesen Gedanken Schillers mit seiner ‚progressiven Universalpoesie‘ auf, die im Zeitalter der Arbeitsteilung für jedermann verständlich sein müsse. Geprägt von Ironie und der produktiven Einbildungskraft der göttlichen Imagination der Frühromantik. Um sein Publikum aufzufordern, ‚nicht in die politische Welt verschleudere du Glauben und Liebe,/aber in der göttlichen Welt der Wissenschaft und Kunst öffne dein Innerstes in den heiligen Feuerstrom ewiger Bildung‘. Novalis schrieb, ‚indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten und dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich‘. Nach seiner Auffassung war ‚Poesie als Gemüt-Erregungskunst‘ die Gabe der ‚Konstruktion der transzendentalen Gesundheit‘, sodass er als Poet für sich in Anspruch nahm, ein ‚transzendentaler Arzt‘ zu sein. Der erste Schritt zur ‚Kulturnation‘ war damit getan.
Diese fünf Pole jenes magischen Fünfeckes der frühklassizistischen Literatur möchte ich nun etwas konturenschärfer beleuchten.“ „Muss das sein?“ „Ich fürchte, ja. Nur so, glaube mir, wird sich dir wirklich die Welt des ‚Frühidealismus‘ erschließen. Nun wird es jedenfalls wieder anschaulicher.“ „O. k., war nur eine Frage“, erwidert Claudia, dabei an ihrem Weinglas nippend.



Erstes magisches Eck der ‚Aufklärung‘

„Ich beginne mit der ‚Aufklärung‘, mit den herausragenden Geistern Georg Lichtenberg, Christian Wolff, Immanuel Kant, Friedrich Hegel und Adolph v. Knigge. Georg Lichtenberg begründete den deutschen ‚Aphorismus‘, also kurze Sinnsprüche pointierter Aussagen, die ihn als Physiker zugleich als Aufklärer entlarvten. Wie etwa, ‚jeder Mensch hat seine moralische backside, die er nicht ohne Not zeigt, und so lange als möglich mit den Hosen des guten Anstandes zudeckt‘. Er war es, der seine Gedanken in seinen Tagebüchern als lose Aufzeichnungen festhielt, der Nachwelt seine wundersame Tiefe ‚zentrierter Denkenergie und empfindsamer Differenziertheit‘ hinterlassend. Um uns etwa seinen Aphorismus zu schenken: ‚Ich möchte was dran geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie waren für das Vaterland getan.‘
Christian Wolff legte Wert auf die deutsche Sprache, in der er lehrte, Begrifflichkeiten – zunächst in der Rechtswissenschaft – terminologisch festzuhalten. Etwa den Begriff des ‚Bewusstseins‘, den er in das Strafrecht einführte.
1781 definierte Immanuel Kant, die Aufklärung sei als ein Prozess zu begreifen, ‚sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Unmündigkeit sei das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung anderer zu bedienen. Selbst verschuldet sei diese Unmündigkeit, wenn die Ursache nicht am Mangel des Verstandes, sondern an der Entschließung liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen‘.
Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‘ beschrieb die Gesetze unseres Erkennens, seine ‚Kritik der praktischen Vernunft‘ die Gesetze unseres Handelns. Nur durch unser Gewissen heraus beurteilend, was richtig und falsch ist, um in seinem berühmten kategorischen Imperativ zu münden, wonach ‚jeder jederzeit so handeln sollte, dass er zugleich wollen könne, dass die Handlung ein allgemeines Gesetz werde‘. Sein drittes Werk lautete ‚Kritik der Urteilskraft‘, mit dem er postulierte, ‚es gebe eine subjektive Allgemeinheit des Schönen, wonach viele Menschen dieselben Dinge als schön empfinden‘.
Friedrich Hegel machte mit seiner Offenbarungsschrift auf sich aufmerksam. Um sich nach den großen Schriften Kants des ‚was soll ich wissen‘, ‚was soll ich tun‘ und ‚was ist der Mensch‘ mit der Frage ‚was darf ich hoffen‘ zu beschäftigen. Kant war so von ihr angetan, dass er den jungen Hegel zum Mittagessen einlud und später diese Schrift anonym veröffentlichte. Bis Kant schließlich in der ‚Allgemeinen Literaturzeitung‘ schrieb, dass es kein anderer als Hegel war, der die Offenbarungsschrift verfasst hatte. Worauf Hegel über Nacht berühmt wurde.
Zu den Aufklärern gehörte schließlich auch Adolph v. Knigge, der 1788 sein Werk ‚Über den Umgang mit Menschen‘ verfasste. Um sich mit den guten Umgangsformen auseinanderzusetzen, die wir noch heute mit seinem Namen verbinden. In dem es ihm nicht auf die plumpe Anwendung der Umgangsregeln ankam, sondern auf die aus eigenem Verantwortungsbewusstsein erwachsende Erkenntnis. ‚Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Menschen schuldig sind und wiederum von ihnen fordern können. Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind‘.“



Zweites magisches Eck der
„idealisierenden Empfindsamkeit“

„Die idealistischen Ideen jener Zeit führten zweitens zur Stilrichtung der ‚idealisierenden Empfindsamkeit‘. Für sie stehen viele Literaten, die landauf landab auf sich aufmerksam machten. So Gottfried Herder, Leopold v. Glockingk, Karl Moritz, Johann v. Salis-Seewis, August Kotzebue, August Iffland, Christoph Wieland, Johann Wezel, Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Johann Karl Wezel und Ephraim Lessing.
Gottfried Herder verfasste in dem magischen Jahr 1774 sein Werk ‚Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit‘. In diesem wollte er Geschichte als eine organologische Abfolge einzelner Epochen beschreiben, genauso, wie wir dies heute tun. Herder kritisierte immer lauter die Aufklärung als ‚leere Worthülsen‘, um neue literarische Formen anzuregen, getragen von einer ‚lebendigen Vernunft‘, die aus der schöpferischen Potenz der Natur entspringen müsse. Er brachte seine ‚Volksbücher‘ heraus, um sich damit in das Rampenlicht des literarischen Interesses zu katapultieren. Um über die Nation zu befinden, sie sei ein ‚ungejäteter Garten voller Unkraut, ein Sammelplatz von Torheiten und Fehlern‘. Worauf Körner schrieb, ‚es ist ein armseliges, kleines Ideal, für eine Nation zu schreiben, einem philosophischen Geiste ist diese Grenze durchaus unerträglich‘. Mit anderen Worten, sein Denken erstreckte sich weit über die Grenzen der deutschen Sprache hinaus.
Naturbeobachtungen rückten immer mehr in das Blickfeld unserer Literaten. Karl Moritz beschrieb 1780 den Berliner Sonnenaufgang: ‚Aus grauer Dämm’rung wälzen hohe Erker,/besonnte Gipfel sich hervor./Des blaugewölbten Tages Glanz wird stärker/und majestätisch steigt Berlin empor./Schon seh’ ich hier Paläste an Palästen,/die ihre stolzen Häupter bläh’n,/und – wie an einer graden Schnur in fest geschloss’nen Reihn,/gleich unsren Kriegern – steh’n‘. Und Johann v. Salis-Seewis schrieb sein ‚Herbstlied‘: ‚Bunt sind schon die Wälder/gelb die Stoppelfelder/und der Herbst beginnt./Rote Blätter fallen,/graue Nebel wallen,/kühler weht der Wind‘.

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