Textiles Flüstern
Anekdoten aus über 40 Jahren in der Textilbranche
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 130
ISBN: 978-3-7116-1827-6
Erscheinungsdatum: 21.07.2026
Von Prinzen, die beim Tanzen mehr Haut zeigen, als ihnen lieb ist. Vom „Baumwolli“, der in einer Schneiderei das Licht der Welt erblickt. Und von sonderbaren Dessous – amüsante, skurrile und berührende Anekdoten aus der Textilbranche.
Einleitung
Wenn es etwas gab, das ich nie, wirklich niemals tun wollte, dann ein Buch zu schreiben. So, und jetzt sitze ich hier und tue genau das! Eigentlich unvorstellbar, war ich doch diejenige, auf deren Antwort heute noch etliche Briefe warten. Schickten Freunde und Familie mir Ansichtskarten aus aller Welt, kam ich hingegen von Reisen zurück und hatte völlig vergessen, überhaupt Karten zu kaufen. Wurde allerdings jemand gebraucht, der die Wohnung streicht, beim Umzug hilft, das Lieblingskleid repariert oder den Abfluss frei bekommt, dann war auf mich Verlass. Wer aber auf beantwortete Briefe hoffte, wartet wahrscheinlich bis heute vergebens.
Aber, wie sagte einst ein Herzensfreund zu mir: „Liebe Bettina, der Kopf ist rund, damit das Denken leichter die Richtung ändern kann.“ Mein Kopf ist offensichtlich rund genug. Was war passiert?
Unlängst war ich auf einem Seminar, von dem ich mir erhoffte, es möge mich in Sachen Rednerkarriere weiterbringen. Tat es auch. Vieles habe ich mitgenommen aus der Woche, viele Tipps und Tricks für erfolgreiches Marketing, richtiges Vernetzen auf Social Media und so weiter. Vor allem: „Schreibe ein Buch!“
Zunächst glaubte ich, darum könnte ich mich drücken, aber wenn die Agentin einen als besser vermittelbar einstuft, was Funk und Fernsehen betrifft, und man in absehbarer Zeit wieder als Freiberuflerin überleben will – was soll ich sagen? Also schüttelte ich den Kopf und ordnete mein Denken neu. Es ist ja nicht so, dass man nach Jahrzehnten in der Textilbranche nichts zu erzählen hätte. Aber muss man das der Welt mitteilen? Dass diese Frage an mich selbst völlig absurd ist, in Anbetracht der Tatsache, dass ich als Speakerin ja genau das mache, habe ich dann selbst gemerkt.
Somit setze ich mich nun hin und bringe die Anekdoten aus über vierzig Jahren zu Papier. Vieles ist witzig, einiges skurril, manches vielleicht auch anrührend, gar traurig. Bisweilen ist auch etwas Fachsimpelei dabei, man möge es mir verzeihen. Wobei, vielleicht gelingt es mir ja, euch nebenbei ein bisschen Wissenswertes „subkutan unter die Hirnrinde zu jubeln“, wie Prof. Dr. Harald Lesch es einst so treffend formulierte.
Meine Vergangenheit setzt sich zusammen aus einer klassischen Ausbildung im Schneiderhandwerk, einigen Stippvisiten in Handel und Handwerk, einem knappen Vierteljahrhundert mit meinem eigenen Maßatelier und einem Jahrzehnt als angestellte Führungskraft im textilen Einzelhandel. Da trifft man reichlich Menschen aller Couleur und erlebt genug Situationen, um aus dem Nähkästchen plaudern zu können.
Seid gespannt, was kommt. Ich bin es auch.
Kapitel 1
ÜberzeugungstäterInnen –
Warum wir lieben, was wir tun
In all den Jahren, die ich mittlerweile in der Textilbranche verbracht habe, ist mir eines klar geworden: Wer hier länger arbeitet, ist verliebt in textile Strukturen, Formen, Farben, Schnitte, Abwechslung, Epochen, kurz, in die gesamte Vielfalt, die das Leben im Bereich Bekleidung mit sich bringt. Man muss stets neugierig, wandlungsfähig und innovativ sein, um hier bestehen zu können. Während meiner Zeit als selbstständige Schneidermeisterin habe ich sehr viele junge Menschen auf ihrem Weg zum Profi begleiten dürfen. Später hatte ich im Einzelhandel KollegInnen, die dafür brannten, Menschen zu helfen, ihre Individualität mit ihrer Kleidung auszudrücken und denen kein Weg zu viel war, um für die Kundschaft das perfekte Outfit zu kreieren. Allen ist eines gemein. Sie waren und sind ÜberzeugungstäterInnen. Weil sie fest daran glauben, dass das richtige Outfit, der richtige BH, das richtige Kostüm das Leben jeder Person verbessern kann.
Wenn ich an meine Azubis denke, die oft nach Feierabend fragten, ob sie bleiben könnten, um sich noch was Schönes zu nähen, zaubert mir das ein Lächeln ins Gesicht. Getrieben von der Neugier, was da wohl entstehen mag, blieb ich natürlich auch länger. Eine Auszubildende fing nach Geschäftsschluss um 18:00 Uhr an, eine Bluse zu nähen, mit der sie dann um 21:00 Uhr den Laden verließ, um das neue Werk auf eine Party auszuführen. Das kam durchaus häufiger vor. Mit dem Schneidervirus Infizierte wirken auf ihre Umwelt bisweilen wie Besessene. Oft hörten wir bei solchen „Nachtschichten“ Hörbücher, gerne mit Black Stories, oder spielten Musik und sangen laut mit. Somit hörte und merkte auch wirklich jeder in der Nachbarschaft, wie fleißig die tapferen Schneiderlein waren. Ein Kunde, der regelmäßig zu später Stunde am Atelier vorbeifuhr, kommentierte das irgendwann einmal mit den Worten: „Ihr seid brutal!“ Dabei war das „brutal“ seinem Dialekt folgend eher ein: „Bruddaaaal!“ (Danke für dieses Kompliment, lieber Walter).
Hin und wieder überließ ich den Azubinen den Schlüssel fürs Atelier, damit sie auch unbeobachtet werkeln konnten. Einmal entstand an so einem unbeobachteten Abend sogar eine Überraschung für mich. Da hatten sie doch anlässlich meiner Hochzeit eine Patchwork-Tagesdecke gefertigt, auf der sie diverse Hinweise auf mich und das Atelier mit Stofffarben verewigt hatten. So zum Beispiel einen Suppenteller, als Symbol für die nächtens angerührten Tütensuppen, einen Notenschlüssel und viele kleine tanzende Noten wegen unserer Liebe zur Musik. Auch meine Initialen und die meines Mannes sind auf dem Prachtstück zu finden. Und die Zahl 2,5. Heute kann ich nicht mehr sagen, weshalb diese Zahl zum Running Gag geriet, aber vermutlich war sie unsere persönliche Antwort auf die Fragen des Universums. Tja, Douglas Adams’ Weltraumreisender Arthur Dent hatte die 42, unser Geheimnis war wohl die 2,5. Bei der Gelegenheit möchte ich anmerken, dass besagter Arthur von uns dringend ein ordentliches Outfit verpasst bekommen hätte. Im Bademantel auf Reisen gehen geht gar nicht. Wo bleibt da die Kultur? Spätestens in meiner Zeit bei einem Herrenausstatter gehobener Güte wäre der galaktische Anhalter liebevoll, aber sehr bestimmt von den dortigen Erstverkäufern umgestylt worden. Liebevoll, mit einer gewissen Resolutheit, das macht den Unterschied zur oft gleichgültigen Beratung, die nicht auf die Kundschaft fokussiert ist, sondern nur auf Umsatz. Das mag jetzt sonderbar erscheinen, aber wirklich gute Beratung zeichnet sich dadurch aus, dass nicht schnell verkauft wird, sondern kundengerecht, und manchmal müssen KundInnen auch ein wenig in die richtige Richtung geschubst werden. Ich durfte glücklicherweise viele kompetente Textilfachkräfte im Verkauf kennenlernen und einige Jahre begleiten, und was für den Herrenausstatter gilt, ist in einer Dessousabteilung ebenso oberstes Gebot. Ich erinnere mich nur allzu gut an die Kollegin, die sich über Stunden mit Hingabe einer Kundin widmete, weil diese sich momentan in allen BHs unwohl fühlte. Immer mit dem fröhlichen Ton in der Stimme, der dieser Kundin signalisierte: „Ich bin für Sie da. Ich finde das Richtige für Sie!“ Kein Anzeichen von Gereiztheit oder Genervtsein. Und dem Verständnis, dass die Kundin nicht aus bösem Willen in den Wechseljahren war, wodurch sie alles auf der Haut als unangenehm empfand. Nebenbei bemerkt, ein typisches Symptom. Die gute Nachricht ist, das geht vorbei. Ich weiß, wovon ich rede!
Glücklicherweise ist das mit dem guten Service ja keine Einbahnstraße, sondern es kommt immer so viel zurück. Sei es die Kundin, die letztlich BHs gefunden hat, in denen sie sich rundum wohlfühlt, oder die Braut, der wir ihr Unikat für den großen Tag auf den Leib geschneidert haben. Da ist meine Freundin, die Ballettlehrerin, deren Elevinnen und Eleven wir mit phantasievollen Kostümen unterstützen. Auch der Kunde, der mit einem Gardemaß von Größe 66 einen Hochzeitsanzug braucht, bekommt das Rundum-sorglos-Programm. Wir helfen der frisch gebackenen Oma, die Erstlingsgarnitur für das ersehnte Enkelchen auszusuchen. All diese Menschen haben wir glücklich gemacht. Sie bedanken sich, indem sie uns mit kleinen Aufmerksamkeiten bedenken oder gute Rezensionen schreiben. Auch eine Weiterempfehlung nehmen wir gerne an. Vielleicht habt Ihr es schon bemerkt? Hier geht es um viel mehr als um bloßes Anziehen oder Einkleiden. Kleidung ist immer verbunden mit Gefühlen, Wirkung, mit Erwartungen und oft auch mit Erinnerungen.
Wer Menschen dabei hilft, sich einzukleiden, der muss über ein hohes Maß an Empathie verfügen. Gilt es doch, andere bei ihren Vorhaben planerisch und stilsicher zu unterstützen, sei es die Hochzeit, das Vorstellungsgespräch oder welcher Anlass auch immer. Weshalb ich das so ausführlich erkläre? Mir ist es wichtig, herauszustellen, dass Kleidung viele Aspekte hat. Das können ökonomische, ökologische, soziale, emotionale oder auch medizinische Gesichtspunkte sein. Dieses breite Spektrum möchte ich in diesem Buch beleuchten. Und im besten Falle möchte ich euch auch unterhalten.
Kapitel 2
Ich bin eine Litfaßsäule –
Sei deine eigene Werbefläche
Nein, das nehmen wir jetzt bitte nicht allzu wörtlich. Zwar bin ich nicht gerade das, was man als skinny bezeichnet, aber ganz am anderen Rand bewege ich mich auch nicht. Auch zum Herumtragen mannshoher Werbetafeln will ich hier nicht aufrufen, schon gar nicht zum Tragen jedweder Tierkostüme zu Werbezwecken. Was also ist gemeint? Zur Erläuterung fange ich mal bei meinen Anfängen an. Es waren die 80er, und man kann über den damaligen Kleidungsstil trefflich streiten. Unstrittig ist hingegen, dass auch in jenen neonbunten Zeiten das Tragen von Putzkitteln nicht zum Trend gehörte. Als Absolventin der einjährigen Berufsfachschule Textil mit äußerst vorzeigbarem Abschluss wurde ich in etlichen Ausbildungsbetrieben der Umgebung vorstellig, denn schließlich wollte ich das zweite und dritte Lehrjahr in einem Maßatelier mit Expertise abschließen. Man mag sich meine Verwunderung vorstellen, als mir ein ums andere Mal Damen die Tür öffneten, von denen ich glaubte, sie seien die Reinigungsfachkraft. Weit gefehlt; es waren die Meisterinnen der betreffenden Ateliers. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich angenommen, dass Menschen, die Mode zu ihrem Beruf gemacht haben, diese auch leben und lieben würden. Zumindest waren die Lehrerinnen an der Berufsschule äußerst modisch gekleidet und daher inspirierend. Jetzt sollte man wissen, dass Ausbildungsplätze in der Zeit der ausgehenden 80er-Jahre dünn gesät waren. Dennoch riet mir eine innere Stimme, weiter Ausschau zu halten, ob sich nicht doch ein Atelier findet, das meinen Ansprüchen genügte. Hybris der Jugend! Frei nach dem Motto: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet …!“ Gut, nicht für ewig, aber doch immerhin zwei lange Jahre. Und dann war da diese kleine feine Schneiderei. Die Meisterin war noch jung und toll angezogen. Nur war sie leicht irritiert bezüglich meines mehrfachen Nachfragens, ob sie auch wirklich die Inhaberin sei. Als ich den Lehrvertrag unterschrieben hatte und in ihrem Atelier anfing, nahm sie dies zum Anlass, noch einmal nachzuhaken. So erklärte ich ihr die Ursache meiner Überraschung bezüglich ihrer Erscheinung, als sie mir damals die Tür geöffnet hatte. Es fehlte der Putzkittel!
Da ich das Spiel mit Farben, Stilen und Materialien liebe, habe ich immer darauf geachtet, wie ich mich kleide. Es hat mich zumindest noch nie jemand für meine eigene Reinigungsfachkraft gehalten. Im Gegenteil, in meiner Zeit als selbstständige Schneidermeisterin war ich darauf bedacht, möglichst oft eigene Kreationen zu tragen. Sehr häufig animierte das Kundinnen zur Auftragserteilung. Denn wenn die Kundschaft Kleidung am lebendigen Körper sieht, ist die Wirkung eine andere als auf einem Kleiderbügel oder einem Mannequin. Besonders stolz machte es mich, wenn meine Azubis Schnitte meiner Modelle wollten. Immerhin war ich ja eine Generation älter als sie. Das zeigt aber auch, dass Kleidung sehr wohl alterslos sein kann, wenn sie zur tragenden Person passt. In meinen Jahren im Herrenbekleidungssegment war das mit der Identifikation schon etwas schwieriger. Aber die Herren kamen ja oft in Begleitung ihrer Partnerinnen, somit war mir auch hier die Möglichkeit zur Inspiration gegeben.
Wenn man Kleidung mit Überzeugung trägt, wirkt sie auf andere in einem Maße, dessen sich viele nicht bewusst sind. Es geht gar nicht darum, sich so abwechslungsreich und bunt zu kleiden, wie ich das tue. Manchen wäre das zu anstrengend. Aber, was man trägt, sollte authentisch sein und die Persönlichkeit unterstreichen. Und ja, ich weiß, dass es Berufe gibt, die das nicht zulassen, aber hier sei gesagt, es gibt Schlupflöcher. Eine Pflegerin, die von Berufs wegen immer weiß tragen muss, teilte mir neulich über Social Media mit, dass sie immer bunte, selbst gestrickte Socken trage. Das sei ihre kleine Flucht in die Individualität, und die Patient:innen würden sie so auch besser erkennen. Und genauer betrachtet ist auch uniformierte Kleidung eine Aussage. Sie zeigt die Zugehörigkeit zu einem Berufsstand und/oder zu einem Unternehmen. Natürlich sollte diese Einheitskleidung sinnhaft sein. Corporate Identity in Sachen Optik der Mitarbeitenden kann in einem großen Möbelhaus/Baumarkt/Elektronikmarkt sehr nützlich für die Kaufwilligen sein, da hier die Flächen oft unübersichtlich weitläufig sind. Da erleichtert einheitliche Kleidung das Auffinden qualifizierter Servicekräfte ungemein. In der kleinen Parfümerie-Filiale, wo gefühlt auf jeden Quadratmeter eine Servicekraft kommt, stellt sich mir die Frage nach dem Nutzen schon eher. Im textilen Einzelhandel, zumal wenn es hier noch Beratung gibt, ist es wenig zielführend, wenn alle MitarbeiterInnen das Gleiche tragen. Schließlich will man die Kundschaft ja zum Kauf von Trends animieren und inspirieren. Meiner Erfahrung nach reicht ein Namensschild oder das Logo des Unternehmens völlig aus, um den BesucherInnen zu signalisieren: „Ich gehöre hier dazu!“ Mir macht es Spaß, jeden Tag in mich hinein zu spüren und mich dementsprechend zu kleiden. Häufig bin ich damit Inspiration für andere und mache ihnen Mut, etwas Neues auszuprobieren. Wenn das passiert, freut es mich sehr, denn dann transportiere ich optisch das, was ich vermitteln möchte. „Sei mutig und hab’ Spaß an dem, was du trägst.“ Letztlich mache ich so Werbung für mich selbst beziehungsweise für die Sache, die ich unterstütze.
Kapitel 3
Size matters! – Vom Größen-Wirrwarr
in der Bekleidungsbranche
Ja, ich höre es laut und vernehmlich!
Das Stöhnen bezüglich des Größenchaos in der Textilbranche. Grundsätzlich ist es gar nicht schwer, es gibt Regeln. Nur: Es hält sich keiner dran! Da ist es nützlich, hilfreich und äußerst zeitsparend, wenn geschultes Fachpersonal vorhanden ist, das die tückischen Klippen in den unendlichen Weiten der Größenvielfalt zu umschiffen weiß. Allerdings bietet das Thema auch reichlich Diskussionsstoff auf der Fläche. Wenn man beispielsweise einem kaufwilligen Menschen erklären soll, dass die gewünschte Passform bei dieser oder jener Marke nun einmal anders ausfällt. Es gab eine Zeit, … nein, ich erzähle jetzt keine Märchen! Es gab eine Zeit, da wurden Frau/Mann regelmäßig vermessen und darauf basierten dann die Durchschnittsmaße, nach denen die Textilindustrie arbeitete. Aber damals waren viele Produktionsstätten noch in Deutschland oder uns nahen Ländern. Durch die Globalisierung ist mittlerweile jedes namhafte Label international vertreten. Folglich stimmen somit die Daten, auf denen die Schnitte basieren, nicht mehr überall. Hinzu kommt, dass aus Kostengründen gerne kleiner produziert wird. To make a long story short: Das Größenlabel in unserer Kleidung ist nicht mal das Material wert, in das es gewebt wurde. Hinzu kommt, dass vor allem Kundinnen extrem größenfixiert sind. Mit Ausrufen wie: „Diese Größe habe ich noch nie gebraucht!“, wird das Teil sofort wieder aus der Kabine gereicht, ohne je die Chance auf eine Anprobe bekommen zu haben.
Das ist der Moment, in dem ich dann gerne die Hosen runterlasse; natürlich nicht wörtlich, sondern bezüglich meiner eigenen Größenvariationen. Obenrum reicht bei mir das Spektrum von M (38) bis XXL (44), bei Hosen und Röcken liege ich zwischen L (40) und 3XL (46) und bei BHs Körbchen C–E und Weiten von 75–85 in beliebiger Kombination. So, jetzt wisst ihr Bescheid! Warum das kleine Schildchen mit der Maßangabe für so viele Emotionen sorgt, werde ich nie verstehen. Kein Mensch sieht es, oder wer trägt die Labels inside out? Und, Achtung Geheimtipp, man kann die Dinger einfach rausschneiden. Dies ist sowieso meine erste Amtshandlung bei neuen Teilen, denn die kratzen meist wie S…! Gut, einige Hersteller, vorzugsweise im Wäschebereich, drucken die Maßangaben innen auf das Material. Aber wie gesagt, innen! Und auch das wäscht sich ab. Das Hauptaugenmerk von Kleidung liegt doch ohnehin auf der Passform. Heißt, es muss gut sitzen, den Proportionen der Trägerin oder des Trägers entsprechen. Und natürlich deren Persönlichkeit unterstreichen. Da ist es doch völlig ohne Belang, was innen auf dem Etikett steht.
Allerdings bin auch ich gewillt, mich aufzuregen, wenn beispielsweise lange erfolgreich funktionierende Passformen plötzlich von einer Saison auf die nächste „angepasst“ werden. Das sorgt sogar beim kundigen Fachpersonal für reichlich Verdruss. Von der Kundschaft ganz zu schweigen. Denn natürlich ist es fein, beim Kauf von neuer Kleidung Zeit sparen zu können, weil man weiß, dieses oder jenes Modell passt perfekt. Es gibt durchaus KundInnen, die nicht anprobieren wollen, sondern das gewohnte Kleidungsstück in der gewohnten Größe einfach so kaufen. Besonders Männer neigen zu dieser rationellen Form des Outfit-Shoppings. Und viele Frauen haben ihre absolute Lieblingspassform, da nehme ich mich nicht aus. Wenn dann aufgrund von Modellanpassungen die Sucherei von vorne losgeht, ist das schon ärgerlich. Eigentlich sollte hier gelten: „Never change a running system!“ Wieso nimmt die Textilindustrie diese Änderungen vor? Bitte die Antworten gerne an mich. Der modische Aspekt ist kein Argument. Wenn nötig, bringt ein neues Modell auf den Markt.
…
Wenn es etwas gab, das ich nie, wirklich niemals tun wollte, dann ein Buch zu schreiben. So, und jetzt sitze ich hier und tue genau das! Eigentlich unvorstellbar, war ich doch diejenige, auf deren Antwort heute noch etliche Briefe warten. Schickten Freunde und Familie mir Ansichtskarten aus aller Welt, kam ich hingegen von Reisen zurück und hatte völlig vergessen, überhaupt Karten zu kaufen. Wurde allerdings jemand gebraucht, der die Wohnung streicht, beim Umzug hilft, das Lieblingskleid repariert oder den Abfluss frei bekommt, dann war auf mich Verlass. Wer aber auf beantwortete Briefe hoffte, wartet wahrscheinlich bis heute vergebens.
Aber, wie sagte einst ein Herzensfreund zu mir: „Liebe Bettina, der Kopf ist rund, damit das Denken leichter die Richtung ändern kann.“ Mein Kopf ist offensichtlich rund genug. Was war passiert?
Unlängst war ich auf einem Seminar, von dem ich mir erhoffte, es möge mich in Sachen Rednerkarriere weiterbringen. Tat es auch. Vieles habe ich mitgenommen aus der Woche, viele Tipps und Tricks für erfolgreiches Marketing, richtiges Vernetzen auf Social Media und so weiter. Vor allem: „Schreibe ein Buch!“
Zunächst glaubte ich, darum könnte ich mich drücken, aber wenn die Agentin einen als besser vermittelbar einstuft, was Funk und Fernsehen betrifft, und man in absehbarer Zeit wieder als Freiberuflerin überleben will – was soll ich sagen? Also schüttelte ich den Kopf und ordnete mein Denken neu. Es ist ja nicht so, dass man nach Jahrzehnten in der Textilbranche nichts zu erzählen hätte. Aber muss man das der Welt mitteilen? Dass diese Frage an mich selbst völlig absurd ist, in Anbetracht der Tatsache, dass ich als Speakerin ja genau das mache, habe ich dann selbst gemerkt.
Somit setze ich mich nun hin und bringe die Anekdoten aus über vierzig Jahren zu Papier. Vieles ist witzig, einiges skurril, manches vielleicht auch anrührend, gar traurig. Bisweilen ist auch etwas Fachsimpelei dabei, man möge es mir verzeihen. Wobei, vielleicht gelingt es mir ja, euch nebenbei ein bisschen Wissenswertes „subkutan unter die Hirnrinde zu jubeln“, wie Prof. Dr. Harald Lesch es einst so treffend formulierte.
Meine Vergangenheit setzt sich zusammen aus einer klassischen Ausbildung im Schneiderhandwerk, einigen Stippvisiten in Handel und Handwerk, einem knappen Vierteljahrhundert mit meinem eigenen Maßatelier und einem Jahrzehnt als angestellte Führungskraft im textilen Einzelhandel. Da trifft man reichlich Menschen aller Couleur und erlebt genug Situationen, um aus dem Nähkästchen plaudern zu können.
Seid gespannt, was kommt. Ich bin es auch.
Kapitel 1
ÜberzeugungstäterInnen –
Warum wir lieben, was wir tun
In all den Jahren, die ich mittlerweile in der Textilbranche verbracht habe, ist mir eines klar geworden: Wer hier länger arbeitet, ist verliebt in textile Strukturen, Formen, Farben, Schnitte, Abwechslung, Epochen, kurz, in die gesamte Vielfalt, die das Leben im Bereich Bekleidung mit sich bringt. Man muss stets neugierig, wandlungsfähig und innovativ sein, um hier bestehen zu können. Während meiner Zeit als selbstständige Schneidermeisterin habe ich sehr viele junge Menschen auf ihrem Weg zum Profi begleiten dürfen. Später hatte ich im Einzelhandel KollegInnen, die dafür brannten, Menschen zu helfen, ihre Individualität mit ihrer Kleidung auszudrücken und denen kein Weg zu viel war, um für die Kundschaft das perfekte Outfit zu kreieren. Allen ist eines gemein. Sie waren und sind ÜberzeugungstäterInnen. Weil sie fest daran glauben, dass das richtige Outfit, der richtige BH, das richtige Kostüm das Leben jeder Person verbessern kann.
Wenn ich an meine Azubis denke, die oft nach Feierabend fragten, ob sie bleiben könnten, um sich noch was Schönes zu nähen, zaubert mir das ein Lächeln ins Gesicht. Getrieben von der Neugier, was da wohl entstehen mag, blieb ich natürlich auch länger. Eine Auszubildende fing nach Geschäftsschluss um 18:00 Uhr an, eine Bluse zu nähen, mit der sie dann um 21:00 Uhr den Laden verließ, um das neue Werk auf eine Party auszuführen. Das kam durchaus häufiger vor. Mit dem Schneidervirus Infizierte wirken auf ihre Umwelt bisweilen wie Besessene. Oft hörten wir bei solchen „Nachtschichten“ Hörbücher, gerne mit Black Stories, oder spielten Musik und sangen laut mit. Somit hörte und merkte auch wirklich jeder in der Nachbarschaft, wie fleißig die tapferen Schneiderlein waren. Ein Kunde, der regelmäßig zu später Stunde am Atelier vorbeifuhr, kommentierte das irgendwann einmal mit den Worten: „Ihr seid brutal!“ Dabei war das „brutal“ seinem Dialekt folgend eher ein: „Bruddaaaal!“ (Danke für dieses Kompliment, lieber Walter).
Hin und wieder überließ ich den Azubinen den Schlüssel fürs Atelier, damit sie auch unbeobachtet werkeln konnten. Einmal entstand an so einem unbeobachteten Abend sogar eine Überraschung für mich. Da hatten sie doch anlässlich meiner Hochzeit eine Patchwork-Tagesdecke gefertigt, auf der sie diverse Hinweise auf mich und das Atelier mit Stofffarben verewigt hatten. So zum Beispiel einen Suppenteller, als Symbol für die nächtens angerührten Tütensuppen, einen Notenschlüssel und viele kleine tanzende Noten wegen unserer Liebe zur Musik. Auch meine Initialen und die meines Mannes sind auf dem Prachtstück zu finden. Und die Zahl 2,5. Heute kann ich nicht mehr sagen, weshalb diese Zahl zum Running Gag geriet, aber vermutlich war sie unsere persönliche Antwort auf die Fragen des Universums. Tja, Douglas Adams’ Weltraumreisender Arthur Dent hatte die 42, unser Geheimnis war wohl die 2,5. Bei der Gelegenheit möchte ich anmerken, dass besagter Arthur von uns dringend ein ordentliches Outfit verpasst bekommen hätte. Im Bademantel auf Reisen gehen geht gar nicht. Wo bleibt da die Kultur? Spätestens in meiner Zeit bei einem Herrenausstatter gehobener Güte wäre der galaktische Anhalter liebevoll, aber sehr bestimmt von den dortigen Erstverkäufern umgestylt worden. Liebevoll, mit einer gewissen Resolutheit, das macht den Unterschied zur oft gleichgültigen Beratung, die nicht auf die Kundschaft fokussiert ist, sondern nur auf Umsatz. Das mag jetzt sonderbar erscheinen, aber wirklich gute Beratung zeichnet sich dadurch aus, dass nicht schnell verkauft wird, sondern kundengerecht, und manchmal müssen KundInnen auch ein wenig in die richtige Richtung geschubst werden. Ich durfte glücklicherweise viele kompetente Textilfachkräfte im Verkauf kennenlernen und einige Jahre begleiten, und was für den Herrenausstatter gilt, ist in einer Dessousabteilung ebenso oberstes Gebot. Ich erinnere mich nur allzu gut an die Kollegin, die sich über Stunden mit Hingabe einer Kundin widmete, weil diese sich momentan in allen BHs unwohl fühlte. Immer mit dem fröhlichen Ton in der Stimme, der dieser Kundin signalisierte: „Ich bin für Sie da. Ich finde das Richtige für Sie!“ Kein Anzeichen von Gereiztheit oder Genervtsein. Und dem Verständnis, dass die Kundin nicht aus bösem Willen in den Wechseljahren war, wodurch sie alles auf der Haut als unangenehm empfand. Nebenbei bemerkt, ein typisches Symptom. Die gute Nachricht ist, das geht vorbei. Ich weiß, wovon ich rede!
Glücklicherweise ist das mit dem guten Service ja keine Einbahnstraße, sondern es kommt immer so viel zurück. Sei es die Kundin, die letztlich BHs gefunden hat, in denen sie sich rundum wohlfühlt, oder die Braut, der wir ihr Unikat für den großen Tag auf den Leib geschneidert haben. Da ist meine Freundin, die Ballettlehrerin, deren Elevinnen und Eleven wir mit phantasievollen Kostümen unterstützen. Auch der Kunde, der mit einem Gardemaß von Größe 66 einen Hochzeitsanzug braucht, bekommt das Rundum-sorglos-Programm. Wir helfen der frisch gebackenen Oma, die Erstlingsgarnitur für das ersehnte Enkelchen auszusuchen. All diese Menschen haben wir glücklich gemacht. Sie bedanken sich, indem sie uns mit kleinen Aufmerksamkeiten bedenken oder gute Rezensionen schreiben. Auch eine Weiterempfehlung nehmen wir gerne an. Vielleicht habt Ihr es schon bemerkt? Hier geht es um viel mehr als um bloßes Anziehen oder Einkleiden. Kleidung ist immer verbunden mit Gefühlen, Wirkung, mit Erwartungen und oft auch mit Erinnerungen.
Wer Menschen dabei hilft, sich einzukleiden, der muss über ein hohes Maß an Empathie verfügen. Gilt es doch, andere bei ihren Vorhaben planerisch und stilsicher zu unterstützen, sei es die Hochzeit, das Vorstellungsgespräch oder welcher Anlass auch immer. Weshalb ich das so ausführlich erkläre? Mir ist es wichtig, herauszustellen, dass Kleidung viele Aspekte hat. Das können ökonomische, ökologische, soziale, emotionale oder auch medizinische Gesichtspunkte sein. Dieses breite Spektrum möchte ich in diesem Buch beleuchten. Und im besten Falle möchte ich euch auch unterhalten.
Kapitel 2
Ich bin eine Litfaßsäule –
Sei deine eigene Werbefläche
Nein, das nehmen wir jetzt bitte nicht allzu wörtlich. Zwar bin ich nicht gerade das, was man als skinny bezeichnet, aber ganz am anderen Rand bewege ich mich auch nicht. Auch zum Herumtragen mannshoher Werbetafeln will ich hier nicht aufrufen, schon gar nicht zum Tragen jedweder Tierkostüme zu Werbezwecken. Was also ist gemeint? Zur Erläuterung fange ich mal bei meinen Anfängen an. Es waren die 80er, und man kann über den damaligen Kleidungsstil trefflich streiten. Unstrittig ist hingegen, dass auch in jenen neonbunten Zeiten das Tragen von Putzkitteln nicht zum Trend gehörte. Als Absolventin der einjährigen Berufsfachschule Textil mit äußerst vorzeigbarem Abschluss wurde ich in etlichen Ausbildungsbetrieben der Umgebung vorstellig, denn schließlich wollte ich das zweite und dritte Lehrjahr in einem Maßatelier mit Expertise abschließen. Man mag sich meine Verwunderung vorstellen, als mir ein ums andere Mal Damen die Tür öffneten, von denen ich glaubte, sie seien die Reinigungsfachkraft. Weit gefehlt; es waren die Meisterinnen der betreffenden Ateliers. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich angenommen, dass Menschen, die Mode zu ihrem Beruf gemacht haben, diese auch leben und lieben würden. Zumindest waren die Lehrerinnen an der Berufsschule äußerst modisch gekleidet und daher inspirierend. Jetzt sollte man wissen, dass Ausbildungsplätze in der Zeit der ausgehenden 80er-Jahre dünn gesät waren. Dennoch riet mir eine innere Stimme, weiter Ausschau zu halten, ob sich nicht doch ein Atelier findet, das meinen Ansprüchen genügte. Hybris der Jugend! Frei nach dem Motto: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet …!“ Gut, nicht für ewig, aber doch immerhin zwei lange Jahre. Und dann war da diese kleine feine Schneiderei. Die Meisterin war noch jung und toll angezogen. Nur war sie leicht irritiert bezüglich meines mehrfachen Nachfragens, ob sie auch wirklich die Inhaberin sei. Als ich den Lehrvertrag unterschrieben hatte und in ihrem Atelier anfing, nahm sie dies zum Anlass, noch einmal nachzuhaken. So erklärte ich ihr die Ursache meiner Überraschung bezüglich ihrer Erscheinung, als sie mir damals die Tür geöffnet hatte. Es fehlte der Putzkittel!
Da ich das Spiel mit Farben, Stilen und Materialien liebe, habe ich immer darauf geachtet, wie ich mich kleide. Es hat mich zumindest noch nie jemand für meine eigene Reinigungsfachkraft gehalten. Im Gegenteil, in meiner Zeit als selbstständige Schneidermeisterin war ich darauf bedacht, möglichst oft eigene Kreationen zu tragen. Sehr häufig animierte das Kundinnen zur Auftragserteilung. Denn wenn die Kundschaft Kleidung am lebendigen Körper sieht, ist die Wirkung eine andere als auf einem Kleiderbügel oder einem Mannequin. Besonders stolz machte es mich, wenn meine Azubis Schnitte meiner Modelle wollten. Immerhin war ich ja eine Generation älter als sie. Das zeigt aber auch, dass Kleidung sehr wohl alterslos sein kann, wenn sie zur tragenden Person passt. In meinen Jahren im Herrenbekleidungssegment war das mit der Identifikation schon etwas schwieriger. Aber die Herren kamen ja oft in Begleitung ihrer Partnerinnen, somit war mir auch hier die Möglichkeit zur Inspiration gegeben.
Wenn man Kleidung mit Überzeugung trägt, wirkt sie auf andere in einem Maße, dessen sich viele nicht bewusst sind. Es geht gar nicht darum, sich so abwechslungsreich und bunt zu kleiden, wie ich das tue. Manchen wäre das zu anstrengend. Aber, was man trägt, sollte authentisch sein und die Persönlichkeit unterstreichen. Und ja, ich weiß, dass es Berufe gibt, die das nicht zulassen, aber hier sei gesagt, es gibt Schlupflöcher. Eine Pflegerin, die von Berufs wegen immer weiß tragen muss, teilte mir neulich über Social Media mit, dass sie immer bunte, selbst gestrickte Socken trage. Das sei ihre kleine Flucht in die Individualität, und die Patient:innen würden sie so auch besser erkennen. Und genauer betrachtet ist auch uniformierte Kleidung eine Aussage. Sie zeigt die Zugehörigkeit zu einem Berufsstand und/oder zu einem Unternehmen. Natürlich sollte diese Einheitskleidung sinnhaft sein. Corporate Identity in Sachen Optik der Mitarbeitenden kann in einem großen Möbelhaus/Baumarkt/Elektronikmarkt sehr nützlich für die Kaufwilligen sein, da hier die Flächen oft unübersichtlich weitläufig sind. Da erleichtert einheitliche Kleidung das Auffinden qualifizierter Servicekräfte ungemein. In der kleinen Parfümerie-Filiale, wo gefühlt auf jeden Quadratmeter eine Servicekraft kommt, stellt sich mir die Frage nach dem Nutzen schon eher. Im textilen Einzelhandel, zumal wenn es hier noch Beratung gibt, ist es wenig zielführend, wenn alle MitarbeiterInnen das Gleiche tragen. Schließlich will man die Kundschaft ja zum Kauf von Trends animieren und inspirieren. Meiner Erfahrung nach reicht ein Namensschild oder das Logo des Unternehmens völlig aus, um den BesucherInnen zu signalisieren: „Ich gehöre hier dazu!“ Mir macht es Spaß, jeden Tag in mich hinein zu spüren und mich dementsprechend zu kleiden. Häufig bin ich damit Inspiration für andere und mache ihnen Mut, etwas Neues auszuprobieren. Wenn das passiert, freut es mich sehr, denn dann transportiere ich optisch das, was ich vermitteln möchte. „Sei mutig und hab’ Spaß an dem, was du trägst.“ Letztlich mache ich so Werbung für mich selbst beziehungsweise für die Sache, die ich unterstütze.
Kapitel 3
Size matters! – Vom Größen-Wirrwarr
in der Bekleidungsbranche
Ja, ich höre es laut und vernehmlich!
Das Stöhnen bezüglich des Größenchaos in der Textilbranche. Grundsätzlich ist es gar nicht schwer, es gibt Regeln. Nur: Es hält sich keiner dran! Da ist es nützlich, hilfreich und äußerst zeitsparend, wenn geschultes Fachpersonal vorhanden ist, das die tückischen Klippen in den unendlichen Weiten der Größenvielfalt zu umschiffen weiß. Allerdings bietet das Thema auch reichlich Diskussionsstoff auf der Fläche. Wenn man beispielsweise einem kaufwilligen Menschen erklären soll, dass die gewünschte Passform bei dieser oder jener Marke nun einmal anders ausfällt. Es gab eine Zeit, … nein, ich erzähle jetzt keine Märchen! Es gab eine Zeit, da wurden Frau/Mann regelmäßig vermessen und darauf basierten dann die Durchschnittsmaße, nach denen die Textilindustrie arbeitete. Aber damals waren viele Produktionsstätten noch in Deutschland oder uns nahen Ländern. Durch die Globalisierung ist mittlerweile jedes namhafte Label international vertreten. Folglich stimmen somit die Daten, auf denen die Schnitte basieren, nicht mehr überall. Hinzu kommt, dass aus Kostengründen gerne kleiner produziert wird. To make a long story short: Das Größenlabel in unserer Kleidung ist nicht mal das Material wert, in das es gewebt wurde. Hinzu kommt, dass vor allem Kundinnen extrem größenfixiert sind. Mit Ausrufen wie: „Diese Größe habe ich noch nie gebraucht!“, wird das Teil sofort wieder aus der Kabine gereicht, ohne je die Chance auf eine Anprobe bekommen zu haben.
Das ist der Moment, in dem ich dann gerne die Hosen runterlasse; natürlich nicht wörtlich, sondern bezüglich meiner eigenen Größenvariationen. Obenrum reicht bei mir das Spektrum von M (38) bis XXL (44), bei Hosen und Röcken liege ich zwischen L (40) und 3XL (46) und bei BHs Körbchen C–E und Weiten von 75–85 in beliebiger Kombination. So, jetzt wisst ihr Bescheid! Warum das kleine Schildchen mit der Maßangabe für so viele Emotionen sorgt, werde ich nie verstehen. Kein Mensch sieht es, oder wer trägt die Labels inside out? Und, Achtung Geheimtipp, man kann die Dinger einfach rausschneiden. Dies ist sowieso meine erste Amtshandlung bei neuen Teilen, denn die kratzen meist wie S…! Gut, einige Hersteller, vorzugsweise im Wäschebereich, drucken die Maßangaben innen auf das Material. Aber wie gesagt, innen! Und auch das wäscht sich ab. Das Hauptaugenmerk von Kleidung liegt doch ohnehin auf der Passform. Heißt, es muss gut sitzen, den Proportionen der Trägerin oder des Trägers entsprechen. Und natürlich deren Persönlichkeit unterstreichen. Da ist es doch völlig ohne Belang, was innen auf dem Etikett steht.
Allerdings bin auch ich gewillt, mich aufzuregen, wenn beispielsweise lange erfolgreich funktionierende Passformen plötzlich von einer Saison auf die nächste „angepasst“ werden. Das sorgt sogar beim kundigen Fachpersonal für reichlich Verdruss. Von der Kundschaft ganz zu schweigen. Denn natürlich ist es fein, beim Kauf von neuer Kleidung Zeit sparen zu können, weil man weiß, dieses oder jenes Modell passt perfekt. Es gibt durchaus KundInnen, die nicht anprobieren wollen, sondern das gewohnte Kleidungsstück in der gewohnten Größe einfach so kaufen. Besonders Männer neigen zu dieser rationellen Form des Outfit-Shoppings. Und viele Frauen haben ihre absolute Lieblingspassform, da nehme ich mich nicht aus. Wenn dann aufgrund von Modellanpassungen die Sucherei von vorne losgeht, ist das schon ärgerlich. Eigentlich sollte hier gelten: „Never change a running system!“ Wieso nimmt die Textilindustrie diese Änderungen vor? Bitte die Antworten gerne an mich. Der modische Aspekt ist kein Argument. Wenn nötig, bringt ein neues Modell auf den Markt.
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