Schön, dass Sie da sind

Schön, dass Sie da sind

Stefan Klomann


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 482
ISBN: 978-3-95840-611-7
Erscheinungsdatum: 13.03.2018
Neuer Job, neues Leben - so tritt Oliver seine Stelle bei der Strober GmbH an. Mit seiner liebenswert flapsigen Art stellt er schnell fest, dass die Luft oben auf der Karriereleiter verdammt dünn ist. Zudem verdreht ihm Kollegin Marianna gewaltig den Kopf …
Tag 1

„Herzlich willkommen, Herr Bierstedt! Schön, dass Sie da sind!“
Mit einem breiten Lächeln begrüßt mich die Personalchefin der Strober GmbH wie den Gewinner eines Preisausschreibens. Sabine Mergentheimer – ca. 40 Jahre alt, 1,80 Meter groß, schlank, lockiges, na, sagen wir mal braunes Haar, dunkelblauer Hosenanzug mit Weste, weiße Bluse, ein Dekolleté, das keines ist – streckt mir die Hand entgegen. Ihr fester Händedruck passt zu ihren eher männlichen Zügen und ihrem robusten Auftreten, das bereits bei meinen Vorstellungsgesprächen unübersehbar war. Eine moderne Managerin, stets bereit, den männlichen Kollegen zu zeigen, dass man es mit ihrer Härte aufnehmen kann. Weiblichkeit stört hier scheinbar, macht wohl schwach. Also weg damit!
„Gehen wir zunächst einmal in mein Büro!“
Sie komplimentiert mich in den Aufzug.
„Ich gehe mit Ihnen erst einmal alle Formalitäten durch, den Werksausweis bekommen Sie danach, und dann mache ich mit ihnen einen Rundgang und stelle Ihnen die Führungskräfte vor!“
„Jawohl, Herr General“, bin ich versucht zu sagen, aber stattdessen raune ich ein devotes: „Ja, vielen Dank!“
Im vierten Stock des in die Jahre gekommenen Gebäudes, in dem die Personalabteilung residiert, steigen wir aus dem Aufzug. Mich empfängt ein langer Flur, Marke Finanzamt, mit grauem Linoleum-Boden und den klassischen, in die Decke eingelassenen, stets durch ein munteres Würfelmuster strahlenden Deckenbeleuchtungen, die millionenfach die meisten Büro-Gebäude der Welt in eine wohl notwendige Arbeitsatmosphäre kleiden. Tageslicht ist da fehl am Platz, alle Türen des langen Ganges sind auch geschlossen. Ich stelle mir vor, wie dahinter die Arbeitssklaven sitzen und galeerengleich an den Rudern ziehen, tagein, tagaus, von morgens bis abends, ohne Ausweg, immer angetrieben von der Peitsche der Zielerreichung. Ihre geschundenen Körper biegen sich auf wackeligen Bürostühlen oder grünen Pezzibällen, besonders rückenschonend, die Bildschirme ihrer vergilbten, aus der digitalen Steinzeit stammenden PCs flimmern in immer gleichbleibenden Strukturen von Word-Dokumenten und Excel-Tabellen, die Schreibtische …
„Kommen Sie?“
Die Stimme von Frau Mergentheimer holt mich zurück in die Wirklichkeit. Sie ist bereits einige Meter entfernt und ich stehe immer noch vor dem Aufzug. Ich muss mit diesen Tagträumen aufhören! Das passiert mir immer wieder und hat mich schon des Öfteren in peinliche Situationen gebracht, wie damals in der Sauna, als …
„Herr Bierstedt?“
Da, schon wieder. Ich eile ihr hinterher.
„Entschuldigen Sie bitte, aber ich hatte gerade so ein enormes Déjà-vu. Gerade als ich aus dem Aufzug kam, dachte ich, diese Situation hätte ich schon einmal erlebt. Daher habe ich gestutzt.“
Ich bin natürlich um keine Ausrede verlegen. Strike! Sie lächelt gequält und ich sehe in ihrem Gesicht, dass ich besser die Klappe gehalten hätte, statt so einen Schwachsinn von mir zu geben.
„Ja, so etwas soll vorkommen“, sagt sie leicht irritiert. „Soll vorkommen“, bei Idioten wie mir. Na super, so ’ne blödsinnige Nummer zum Start. Okay Bierstedt, das kannst du besser!
Sie öffnet eine Tür kurz vor dem Ende des Ganges und ich trete auf das Deck der Sklavengaleere. Circa fünfzig Quadratmeter, fünf Arbeitsplätze, von denen fünf Personalsachbearbeiter ihre Köpfe heben, mich interessiert anschauen, den Blick dann fast gleichförmig zu Frau Mergentheimer wenden, um sogleich wieder angestrengt in den PC zu starren.
„Schönen guten Morgen“, schmettere ich fast provozierend in die Runde und höre die leise, fast geduckte Antwort „Guten Morgen“ aus fünfstimmigen Sklavenkehlen. Wir durchqueren den Raum, an dessen Ende der Eingang zu Frau Mergentheimers Büro liegt. Links neben der Eingangstür vegetiert eine traurige Yuccapalme vor sich hin.
Büropflanzen sind arme Geschöpfe auf Gottes Erde. Sie leben in runden, auf Rollen gelagerten, wahlweise eierschalenfarbenen oder dunkelbraunen Pflanzenkübeln, gefüllt mit rotbraunem Pflanzengranulat. Der Wasserstandsanzeiger ragt rot aus dem dafür vorgesehenen Röhrchen heraus, weil es wieder mal jemand besonders gut mit dem Gießen gemeint hat. Ein Umstand, den die Pflanzen mit vielen gelben Blättern quittieren. Es gibt jede Menge Umweltschutz-, Tierschutz- und Pflanzenschutz-Organisationen, aber ich habe noch nie gehört, dass sich eine dieser Organisationen für die Rechte der Büropflanzen eingesetzt hat. Millionen von Pflanzen fristen so ein unwürdiges Dasein, langsam sterbend, Hilfe suchend, Blätter abwerfend, solidarisch zwar mit den sie umgebenden Angestellten, aber dennoch unwürdig und hoffnungslos.
Ich trete durch die Tür und – nein – es ist nicht das Büro von Frau von Mergentheimer. Es ist ihr Vorzimmer, in dem uns Ihre Sekretärin freudestrahlend begrüßt.
„Schön, dass Sie da sind! Darf ich Ihnen einen Kaffee bringen? Oder ein Wasser?“
Die hat tatsächlich ein Vorzimmer! Wie früher! Man kann ihr Büro nur betreten, wenn man da durchgeht. Ja bin ich hier beim Vorstandschef? Unfassbar: In all den Jahren, in denen ich nun Führungskraft bin, habe ich mich immer wieder gefragt, wieso man ein Vorzimmer braucht. Eine Assistentin, ja, ohne mein Zweithirn wäre ich die letzten Jahre sicher deutlich schlechter zurechtgekommen, aber eine künstliche Barriere zwischen den Mitarbeitern und mir? Nein danke! Das steht für einen mir unglaublich unbehaglichen Führungsstil. Ein Relikt aus alten Zeiten, das zugegebenermaßen von ganz bestimmten Führungskräften weiter gepflegt wird. Von genau den Führungskräften, mit denen ich grundsätzlich Ärger bekomme. Na bravo, mit der Personalchefin, das kann ja heiter werden.
Mühsam reiße ich mich von diesen Gedanken los und blicke in das immer noch lächelnde Gesicht von – wie heißt sie eigentlich? „Danke, ein Kaffee wäre nett“, sage ich immer noch leicht irritiert. Na also, es gibt hier auch lächelnde Menschen. Und wie sie lächelt. Makellose Zähne, ein hübsches Gesicht mit kleinen Grübchen, da hat sie bei mir sowieso schon gewonnen. Ihre auffallend weibliche, gut proportionierte Figur passt nicht so recht in das Gesamtbild, tut aber meinen Augen und meiner Seele gut, zeigt sie doch, dass hier auch andere Kollegen auf mich warten. Leider muss ich mich jetzt von ihr losreißen, ich glaube, ich habe sie auch ein Tick zu lange angeschaut. Na ja, wie auch immer. Es kann auf jeden Fall nie schaden, einen guten Draht zu Sekretärinnen – nein, halt, politisch korrekt muss das Assistentinnen heißen – zu haben, man weiß ja nie, wann man das mal braucht.
Ich betrete das Büro von Frau Mergentheimer. Wenigstens bin ich nicht mehr überrascht. Das Büro entspricht voll und ganz dem Klischee. Rechts, vier Meter von der Eingangstür entfernt, steht vor dem Fenster der dunkelbraune Eichenschreibtisch (Jahrgang anno Tobak). Durch das Fenster hat man einen herrlichen Blick auf eine circa zehn Meter entfernte Backsteinmauer. Kein Himmel zu sehen, dafür ragen drei, vier Äste eines immerhin üppig grünen Baumes, der, wie ich hoffe, nicht im Pflanzgranulat steht, von links ins Fenster. Hinter ihrem Schreibtisch ist der obligatorische Chef-Sessel, braunes Leder, auch in die Jahre gekommen, wie alles hier im Raum. Ihr Schreibtisch ist leer, bis auf eine kobaltblaue Vorlagemappe, einen PC-Flachbildschirm links und ein Telefon rechts (mit gigantischem Zusatzspeicher für mindestens 100.000 Telefonnummern).
Ich werde nie verstehen, wie ein Schreibtisch leer sein kann. Bei mir geht das nicht. Bei mir türmen sich üblicherweise Unterlagen, feinsäuberlich in Klarsichthüllen sortiert, neben Visitenkarten, Stiftehaltern, Notizblöckchen, Heftern, Tesa und, und, und. Ich habe vor Jahren damit aufgehört, auch noch Schreibtischunterlagen zu nutzen, die pünktlich am Ende jedes Jahres von irgendwelchen Druckereien hereinflatterten. Erstens machte das meinen Schreibtisch noch voller und zweitens gehöre ich zu den Telefonkritzelern. Alles, was man dazu braucht, sind ein Telefonat, ein Stift und eben eine Schreibtischunterlage. Das Ergebnis sind Kringel, Kästchen, kleine Figuren, Würfel, Quader, Zahlen, Schraffierungen etc. Alles in allem ein heilloses Durcheinander, an dessen Ende gerne auch ein leicht bläulicher Hemdsärmel steht. Jahrelang habe ich mich dieser Leidenschaft hingegeben, der Peinlichkeit, wenn der Vorgesetzte neben dem Schreibtisch stand und in einer Mischung aus Amüsement und Mitleid die Bilder aus dem Augenwinkel betrachtete. Aber auch der grenzenlosen Freude, wenn man nur durch das Abreißen des Blattes auf ein makelloses Weiß blickte, der Schreibtisch mit einer Handbewegung sauber und ordentlich erschien und der Schmutz der letzten Wochen – tatsächlich war ich immer fasziniert von dem Grauschleier auf dem bemalten Blatt, der erst durch das neue Blatt darunter einen Weg ins Bewusstsein fand – sich in blütenweiße Jungfräulichkeit verwandelte.
Blieb dann nur noch die Frage: Wohin mit dem alten Blatt? Wegschmeißen? Nein! Die Nummern, Notizen oder Gedanken, die irgendwo zwischen dem restlichen Gekrakel Platz gefunden hatten, mochten in den kommenden Wochen wichtig werden. Durch Wegwerfen wären sie unwiederbringlich verloren gewesen. Also: Zusammenfalten und ab in die unterste Schreibtischschublade. Mit der Zeit sammelten sich so Unmengen dieser Blätter an und – der geneigte Leser mag es sich denken – sie wurden nie wieder gebraucht. Nicht ein einziges Mal. Denn wirklich wichtige Nummern pflege ich auf separaten Zetteln zu verlieren. Aber das führt jetzt zu weit!
„Aber nehmen Sie doch Platz!“
Frau Mergentheimer zeigt auf einen Stuhl an ihrem runden Besprechungstisch. Der steht links neben der Tür und ist passend zum Rest des Interieurs, ja, Eiche dunkelbraun. Die vier klassischen Swingerstühle (Heißen die eigentlich wirklich so? Man könnte da glatt auf komische Gedanken kommen! Hey Bierstedt, lass es!) sind kleeblattartig darum angeordnet. Ich setze mich auf den hinter dem Tisch, damit ich alles im Blick habe. Ganz schön groß, das Büro! Typisch! Die Sklaven schuften draußen auf engstem Raum und der Kapitän hat eine Luxuskajüte.
„So, hier ist Ihr Kaffee!“
Die süße Assistentin betritt den Raum.
„Danke, Frau Franzen!“, sagt der Kapitän schneidig. Aha, Franzen heißt sie also. Sie kommt zu mir und – welch glückliche Fügung – muss sich zu mir beugen, um mir die Tasse hinzustellen. Dabei gibt sie mir einen ausgesprochen angenehmen Blick auf ihr Dekolleté frei, der nur noch durch den atemberaubenden Duft ihres Parfums getoppt wird. Komisch, ist mir draußen gar nicht aufgefallen. Sie wird doch nicht extra noch mal etwas aufgelegt haben? Ich lächle sie an und bedanke mich artig, immer bedacht, ihr in die Augen zu schauen. Wäre gleich wieder peinlich, wenn sie mitbekommen würde, wie ich auf ihren Busen starre. Da ist es wieder das alte Problem. Ein halb freigelegter Busen muss nun mal angeschaut werden. Das geht nicht anders, da bin ich Neandertaler mit Pawlowschem Reflex. Im Grunde, bin ich mir sicher, wollen das die Frauen auch sagen: „Hey, schau her, was ich zu bieten habe, kann sich sehen lassen, oder?“ Irgendwann bringt man uns Männern aber bei, da „nicht so hinzuschauen“, denn schaust du hin und wirst erwischt, bist Du ein sexgeiler Bock, der sich nicht im Griff hat. Schaust du nicht hin, bist du schwul! Am Ende aber wissen beide: Ja, er schaut hin, und ja, sie findet es gut, dass er sie anschaut. Aber nein, nur nicht darüber reden!
„Ich habe Ihnen die Unterlagen hingelegt“, sagt sie an Frau Mergentheimer gewandt. Der magische Moment ist vorbei! Ich löse meinen Blick und greife nach dem Kaffee. Na schau mal, sie hat mir einen Keks auf die Untertasse gelegt. Sie mag mich, jetzt bin ich mir sicher. Der Kaffee schmeckt lecker, ist ein Nespresso-Kaffee. Diese Maschinen sind ein Segen der Menschheit, endlich schmeckt auch mir Kaffee. Jahrzehntelang musste man in Büros seine Geschmacksnerven mit einer aufgebrühten Kaffee-Plörre ruinieren, die stundenlang in einer Glaskanne, gerne mit bräunlich verflecktem Plastikdeckel, auf der Warmhalteplatte einer vor sich hin schlürfenden Kaffeemaschine auf ein Opfer wartete. Doch heute ist der Kaffee frisch, wird tassenweise zubereitet und ist eine Wohltat für meine gustatorische Wahrnehmung. Gut, nun gibt es wieder Kritiker, denen das zu teuer ist, oder die meinen, das wäre vakuumverpackte Katzenkacke und nur der frisch gemahlene Kaffee darf mit ihrem Gaumen in Berührung kommen. Jo, sollen sie sich ihre scheißteuren Supermaschinen kaufen und damit glücklich werden. Mir schmeckt die vakuumverpackte Katzenkacke!
Die süße Assistentin verlässt den Raum und schließt die Tür. Jetzt wird’s wohl offiziell.
„Ich habe hier für Sie die neue Dienstwagenregelung, die Parkordnung, unsere Arbeitsordnung und unsere Unternehmensregeln.“
Man beachte die Reihenfolge! Frau Mergentheimer setzt sich zu mir. Sie klappt die blaue Mappe auf und holt die ersten Papiere heraus.
„Ich möchte Sie bitten, diese gründlich durchzulesen, und falls Sie Fragen haben, können Sie sich gerne an mich wenden.“
Nach und nach zieht sie alle Unterlagen aus der Mappe und legt sie mir hin. Na, da hat sie ja gleich einen Volltreffer gelandet. Wenn ich etwas hasse, dann sind es starre Regeln und Gesetze. Nicht, dass ich ein Gesetzesbrecher wäre, aber mich nerven einfach klassisch deutsche Vorschriften, zum Beispiel wo man parken oder nicht parken darf, wer wann die Hausordnung zu erfüllen hat und die Straße oder den Hausflur reinigen muss oder wie man bei Anfragen an die Geschäftsleitung den Dienstweg einhalten muss. Und jetzt bekomme ich hier den Baukasten für Regeleinhaltungen bei der Strober GmbH.
„Das mache ich dann, da wird es sicher das eine oder andere geben, was Sie mir erklären können.“
Ein bisschen Einschleimen kann nichts schaden, nach dem Beginn.
„Ja, wie gesagt, gerne.“
Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Na also, geht doch!
„Und hier habe ich noch Ihre Unterlagen für die Betriebliche Altersvorsorge.“ Danach zählt sie extrem detailliert deren Vorteile auf: besser als Riester, garantierte Verzinsung, Eigenanteil, bla, bla, bla … Irgendwann schalte ich ab und lasse es an mir vorüberziehen.
Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren eine Art Schutzmechanismus entwickelt, der sich immer dann einschaltet, wenn mein Gehirn mit unnötigem Zeug vollgequatscht wird. Mein Gegenüber nimmt mich als aufmerksamen Zuhörer wahr und fühlt sich durch mein Kopfnicken oder -schütteln bestätigt, je nach Situation, ebenso durch bestätigende Laute oder auch gerne mal ein „ach ja?“ oder „interessant!“. In Wahrheit aber sind es eintrainierte Gesten, die mein Körper automatisch steuert, gänzlich ohne mein bewusstes Zutun. Quasi wie eine Gans, die im Fliegen schlafen kann. Mein Gehirn kann dann problemlos an andere Dinge denken oder sich kurzzeitig für ein Nickerchen zurückziehen. Wenn es darauf ankommt, springt es aber sofort auf Vollleistung, quasi meine ureigene Start-Stopp-Steuerung. Da muss es irgendwo einen Schalter geben, der das in längstens einer Tausendstelsekunde bewerkstelligt.
„… und deshalb sollten Sie sich überlegen, wie viel Gehalt Sie umwandeln wollen!“
Ich nicke noch im Schutzmodus.
„Ja … und … warten Sie mal, wo ist er denn? Ach ja, hier … Hier habe ich den Schlüssel für Ihren Dienstwagen.“
Schalter: „Oh, vielen Dank.“ Ich nehme ihn in die Hand. BMW.
„Ist ein weißer 5er und steht auf Parkplatz 56, das wird auch Ihr Parkplatz sein. Sie können sich dann in Ruhe ein neues Fahrzeug aussuchen und bestellen, das ist ein ZBV-Auto.“
Das letzte Mal, dass ich „ZBV“ gehört habe, war bei der Bundeswehr, das passt – irgendwie. Ich habe einen eigenen Parkplatz – auf dem Werksgelände. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich gehöre jetzt zu den wichtigen Personen. Nix mehr Fußmarsch ins Büro, weil der Parkplatz eine halbe Stunde entfernt liegt. Regen und Schnee, ade. Privilegiert sein fühlt sich gut an. Ich gebe es zu. Ich liebe es, Frequent Flyer zu sein und in die Lounge zu können, wenn das normale Reisevolk draußen warten muss. Ich bin gerne in teureren Hotels, weil man da wirklich hofiert wird, und ich stehe jetzt gerne AUF dem Werksgelände und darf durch die Schranke fahren, die mir vorhin noch den Weg versperrt hätte, wäre ich mit einem Wagen angereist. Ein Dienstwagen als Basis der Selbstbestätigung. Ich bin Mann und Neandertaler. Da darf das so sein!
„Ich würde vorschlagen, wir machen jetzt den Werksausweis und dann führe ich Sie herum.“
Hey, dieser Ton klingt ja gar nicht mehr nach Befehl. Sie taut auf.
„Früher hätte ich Sie noch nach Ihrer Lohnsteuerkarte gefragt, aber in diesen modernen Zeiten …“
Tatsächlich wurde dieses Din-A5-große Relikt aus grauen Vortagen irgendwann in den letzten Jahren abgeschafft. Wann genau ging an mir vorbei. Obwohl ich sie vermisse, mal in Lindgrün oder Hellblau, ich erinnere mich aber auch an ein blasses Gelb, ein seichtes Rosa oder – ganz frech – ein munteres Orange. Ob es irgendwo im Finanzministerium einen Ausschuss gab, der in tagelangen Sitzungen um die Farbe des nächsten Jahres stritt? Waren die Entscheidung dann parteiübergreifend oder konnte man die Farben der jeweiligen Regierung zuordnen? Wurde das immer für das kommende Jahr neu entschieden oder vielleicht, wie die Austragungsorte der Olympischen Spiele, für Jahre im Voraus? Jetzt war es also vorbei mit diesen Relikten grauer Vorzeit. Die Jahreslohnsteuerbescheinigung kam nun immer auf weißen und langweiligen Computerausdrucken, nie mehr auf diesem antiquierten Ökopapierkarton. Die Karte war ausgestorben, wie die Dinosaurier, nur ohne Meteoriteneinschlag …
Wir verlassen ihr Büro und sie legt Frau Franzen, deren Blick sich bei meinem Anblick gleich wieder erhellt – wie meiner sich bei ihrem übrigens auch –, beim Hinausgehen ein paar Unterlagen hin. Die erste Verbündete habe ich in diesem Laden! Mein Blick fällt auf die auffallend hässliche Wanduhr neben dem Eingang. Tatsächlich schon kurz vor 10:00 Uhr. Das heißt, der Vortrag über die Altersversorgung muss über eine halbe Stunde gedauert haben. Alle Achtung, habe ich irgendwie nicht mitgekriegt.
Wir verlassen das Sklavendeck und begeben uns wieder zum Aufzug. Der ist sogar schon da und wir steigen ein, was er mit einem kleinen, fast unmerklichen Hopser quittiert. Will er mir damit sagen, dass ich definitiv zu viele Kilos habe und er sich besonders anstrengen muss oder ist er einfach nur alt und wackelig? Frau Mergentheimer erahnt meine Gedanken, vielleicht sieht sie auch meinen Blick auf das Typenschild (Baujahr 1976, letzte Wartung vor 8 Monaten), denn sie sagt:
„Keine Sorge, das macht der immer. Bin noch nie stecken geblieben.“
Der Aufzug setzt sich in Bewegung und … bleibt stecken. Mit einem kleinen Ruck, irgendwo zwischen dem zweiten und dem ersten Stock.
„Tja, irgendwann ist halt immer das erste Mal!“, sprudelt es spontan aus mir heraus. Das findet sie aber nicht komisch, denn sofort zeigt ihre ganze Körperhaltung eine Mischung aus Beunruhigung und Verärgerung. Sie legt blitzartig den Nothaltschalter um. Äh, halten tun wir doch eh schon, also was soll das? Und dann drückt sie wie wild auf allen Knöpfen herum. Na? Haben wir vielleicht Klaustrophobie, Herr General? Einer der Schalter löst einen ohrenbetäubenden Alarmton aus. Sie drückt ihn drei, vier, fünf Mal. Es gibt aber keine Sprechanlage und so können wir nicht erkennen, ob er von irgendjemandem gehört wird, und wenn ja, ob er auch der Bedeutung dieses Ereignisses zugeordnet wird.
„Vielleicht rufen Sie kurz mit dem Handy Ihre Assistentin an?“, versuche ich es in einem männlich-beruhigenden Ton, cool, abgeklärt, überlegen. Lass mich nur machen, Schätzchen! Sie quittiert es mit einem „Oh ja, natürlich …“, und denkt vermutlich: „Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?“ Aber immerhin, sie merkt, dass ich nicht leicht zu Panikattacken neige, obwohl … Nein, ich bleibe kalt und souverän und lasse mir nicht anmerken, dass ich sichtlich erleichtert bin, als nach einer gefühlten Ewigkeit der Hausmeister auftaucht, der Aufzug sich gemächlich nach unten bewegt und sich die Tür im ersten Stock öffnet.
„Ei, da habbe nur fuffzehn Zentimeder gefehlt, sonst wär die Dür eher uffgange.“
Der Hausmeister schaut uns freundlich an. Auch er passt ins Bild. Grauer Kittel, Holzfällerhemd, Schiebermütze, Hausmeister müssen so aussehen.
„Schön, dass Sie so schnell da waren“, sage ich freundlich zu ihm. Es ist nie verkehrt, einen Hausmeister als Freund zu haben. Man weiß nie, wann man auch das mal brauchen kann. Und außerdem habe ich festgestellt, dass das meistens ganz patente Kerle sind, die immer eine Lösung parat haben. Schon in der Schule hatte ich, im Gegensatz zu den meisten Schülern, eher eine liebevolle Beziehung zum Hausmeister. Für mich stand er für Sandwaffeln, wahlweise mit oder ohne Schokolade, und Capri Sonne, zu kaufen während der großen Pausen in einer kleinen Bude unterhalb der hinteren Schultreppe. Diese positive Prägung setzte sich während des Studiums fort, als der Uni-Hausmeister den für mich allen Hausmeistern der Welt gewidmeten Satz „Wart’s ab, des kriehe mer!“ prägte (Für die des Hessischen nicht Mächtigen: „Kleinen Moment: Das bekomme ich sicher gleich hin!“). Einen Satz, der immer dann folgte, wenn jemand ihn mit einem Problem behelligte. Und – er bekam es immer hin.
„Ei ja, ich hab grad im Keller Frühstück gemacht, da war ich gleich da … und so’n Uffzug repariere is mei leichtest Übung!“
Na also, des kriehe mer!
„Tut mir leid, dass wir Ihr Frühstück unterbrochen haben“, antworte ich ihm. „Ich war eh grad ferdisch, hat mir nit geschmeckt. Mei Fra sacht immer …“
„Ja, vielen Dank also“, drängelt Frau Mergentheimer, „wir müssen dann weiter.“
Schon schiebt sie mich zum Treppenhaus.
„Hat mich gefreut“, rufe ich ihm noch zu.
„Übrigens, mein Name ist Bierstedt, Oliver Bierstedt, ich bin der neue Marketingleiter.“
„Schöne Daach noch“, höre ich schon mehr auf der Treppe seine Antwort. Seinen Namen, den er wohl gerade auch noch sagte, bekomme ich schon nicht mehr mit, da die Treppenhaustür davor zuschlägt.
„So, jetzt haben Sie unsere Quasselstrippe auch kennengelernt“, sagt Frau Mergentheimer sichtlich missbilligend.
„Wenn Sie den ins Erzählen kommen lassen, nagelt der Sie fest. Ein schrecklicher Mensch!“
„Der dich aus dem Aufzug befreit hat, du arrogante Akademikertussi“, denke ich, mache aber nur „hm“.

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