Humor & Satire

Protokolle eines Wachmanns

Johann Bernhard

Protokolle eines Wachmanns

Leseprobe:

Einführender Gedanke

Im Raum und an der Zeit orientieren wir uns. Das ist so ziemlich das Wichtigste, was wir Menschen begreifen müssen, und meistens das Einzige, was wir kapieren: an welchem Ort wir uns befinden und wie die Zeit vergeht bzw. wir älter werden.
Gravierender als der Raum ist dabei der Faktor Zeit im Bewusstsein präsent. Die Zeit und nicht der Ort zeigt uns, wie vergänglich wir sind, wie schnell das Leben an uns vorbeizieht und uns dann und wann in den Abgrund zu reißen droht oder gar an die Schwelle der Vernichtung schleudert.
Die Zeit ist es auch, die uns klarmacht, wie sehr oder wenig wir uns verändern, wie stark oder marginal sich unsere Lebensumstände verändern und mit wie viel Lebenszeit wir im Normalfall noch in etwa rechnen dürfen – Krankheiten, Un- und Zufälle sowie Mordanschläge etc. aus der Kalkulation ausgenommen.
Mit der Zeit und dem Aspekt der Zeit hat es auch meine Geschichte auf sich. Ich gebe Ihnen ein wenig Einblick in verschiedene Zeiten, die ich durchgemacht, mitgemacht, hinter mich gebracht und verbracht habe – als ein kleiner, unwichtiger Wachmann, der eben meint, etwas erzählen zu müssen.
Genug der Worte, ich will mal meine alten Protokolle – sowohl die Dienstprotokolle als auch jene, die irgendwo in meinem Gedächtnis hinterlegt sind – hervorkramen und sie eins zu eins hier wiedergeben.
Anspruch auf Vollständigkeit oder Besonderheit dessen, was ich Ihnen zu erzählen habe, erhebe ich keinen. Vielleicht aber darf ich mich dessen erfreuen, dass der und die ein oder andere unter Ihnen gewisse Fehler nicht machen wird, die ich gemacht habe, sich gegen gewisse Kräfte und äußere Lebenseinflüsse zu wehren weiß, wider welche ich mich seinerzeit nicht zu wehren gewusst hatte, und manch einer unter Ihnen Trost in meinen Worten finden mag, weil ich mit dem, was ich schreibe, zeige, dass wir alle unsere Scheiße eben im Leben mitmachen – und da nun mal (gewollt oder ungewollt spielt keine Rolle) durchmüssen!


Größenwahn der Presse

Es war ein langweiliger Dienst wie immer, auf einer langweiligen Veranstaltung – wie so oft. Im Falle des besagten Events handelte es sich um eine Messe für den Gastronomiesektor. Die Wachleute meiner Firma wurden schon im Vorfeld der Messe angeheuert, um bereits während der Vorbereitungsarbeiten das Gelände sowie die auf ihm befindlichen Objekte zu sichern.
Wie immer ist auch dieses Mal die Einschulung und die Einweisung durch die Vorgesetzten recht dürftig (meint: gar nicht) ausgefallen. Wie immer war die Bezahlung mies – Stichwort Niedriglohnsektor. Wie immer war ich von Leuten umgeben, die das noch nie gemacht hatten, neu in der Firma waren und darauf hofften, dass der Job nur eine Übergangslösung bliebe: Wenngleich die meisten unter ihnen bei dem Job – mehr schlecht als recht, mehr ungewollt als gewollt – in der Regel hängen blieben. Wie immer war es stressig, das Einzige, was an dieser mühseligen und nervenaufreibenden Arbeit während der Messe einen Hauch von Motivation gab, war das Wissen darum, dass man binnen zweier Wochen circa 120-140 Stunden schieben würde und sich somit das niedrige Gehalt im Lichte der vielen Stunden ein klein wenig verbessern würde.
Auch dieses Jahr war es dasselbe Affentheater wie schon im Jahr zuvor, im Jahr davor auch, im Jahr danach wieder und vermutlich ebenso noch heute. An den Zufahrten wurden Wachposten aufgestellt, die nur akkreditierte Aussteller in das Gelände reinlassen durften. An den Ein- und Ausgängen waren ebenfalls Standposten positioniert. Diese hatten während der Auf- und Abbauarbeiten dafür zu sorgen, dass nur reinkam, wer reingehörte. Sie mussten 12h täglich an ein und derselben Stelle stehen – ich war einer von ihnen – sie hatten eine halbe Stunde Mittagspause, in der sie von zu Hause mitgebrachtes Essen zu sich nahmen oder eben am Messegelände zu horrenden und überteuerten Preisen einen kleinen Imbiss erstehen konnten (sofern sich nicht einer der Wirtsleute erbarmte und den Wachleuten dann und wann etwas verbilligt bzw. gratis zusteckte, was durchaus vorkam). Wenn man das Bedürfnis hatte, zur Toilette zu gehen, rief man sich gegenseitig zu, um auf diesem Weg irgendwann eine Ablöse zu bekommen, damit nichts in die Hose ging. In der Regel dauerte das Eintreffen der Vertretung recht lange. Meistens war es nämlich nur eine einzige Person, die die Posten ablöste und – mit dieser Aufgabe beschäftigt – wie irre den ganzen Tag am Gelände herumwieselte. Dabei bekam die Pausenablöse oft den Ingrimm und Zorn der Standposten ab, welche ihrerseits durch das Verhalten vieler Kunden und Aussteller wie auch Lieferanten bereits derart aufgestachelt und aggressiv waren, dass die Ablöse das einzige präsente Ventil für die Frustrationen der Wachleute darstellte. Aus diesem Grund gab es auch beinahe jeden Tag eine andere Ablöse.
Die Auf- und Abbauzeit ging schleppend vorüber. Es waren schier endlose Tage: im Winter eiskalt im Freien, im Sommer eine Tortur unter der brütenden Hitze. Die meisten meiner damaligen Kameraden brachten die langen Tage damit zu, nebenher zu rauchen, hie und da zu telefonieren, sich mit Ausstellern zu unterhalten und zu streiten oder – wie es einige auch taten – Alkohol zu konsumieren bzw. sich dann und wann einen Schluck zu genehmigen. Letztere Sorte war in der Minderzahl, aber eben auch vor Ort am Geschehen beteiligt. Leseratten wie mich traf und trifft man in diesem Gewerbe nicht so oft an, dennoch gab es einige, die auch lasen.
Als dann endlich die Messe richtig im Gang war, wurde die Präsenz der Wachmannschaft verstärkt. An sämtlichen Eingängen waren Posten stationiert und kontrollierten am Einlass, ob alles rechtens vonstattenging. Hier setzt nun das eigentliche Erlebnis um den „Größenwahn der Presse“ ein, von dem die obige Überschrift verheißungsvoll spricht.
Es war an diesem Tag, in der Mitte der Messewoche, am frühen Nachmittag. Schon seit 07:00 Uhr stand ich an einem der Durchlässe für die Messebesucher. An jenem Tag passierten schon Politiker mit ziviler Polizeieskorte meinen Durchgang, passierten schon hochrangige Geschäftsleute meinen Durchgang, passierte schon die regionale Prominenz meinen Durchlass – genauso wie das Fußvolk der Gastronomen (in all ihren Facetten) sowie neugierige Interessierte. Keiner war merklich unhöflich oder auffällig. Bisher! Dann kam er. Klein, ca. 1,60?m groß (ich bin knapp 1,90?m groß), rundlich, rote Backen, Zigarette im Mund, fett, aufgedunsen, schmuddelig, eine Kamera um den Hals. „Lass mich rein“, sagte er, ohne zu grüßen, ohne irgendeine Art von Akkreditierung, geschweige denn ein Besucher-Ticket vorweisen zu können und zu wollen. „Verzeihen Sie bitte, ich lasse Sie passieren, sobald Sie mir Ihre Akkreditierung oder Ihre Besucherkarte gezeigt haben“, entgegnete ich ihm gelassen – an seinen Menschenschlag schon recht gewohnt. Er wurde laut, brüllte, sein ekelhafter Speichel benetzte meine Uniform und er schrie, dass so ein kleiner, unwichtiger wie auch dämlicher Wachmann, wie ich eben einer sei, ihn gefälligst durchzulassen habe. Er sei nämlich von der Presse. Höflich, aber bestimmt machte ich dem Herrn klar, dass er mit mir nicht zu schreien brauche und ich ihn gewiss durchlasse, wenn er mir einfach nur seine Akkreditierung bzw. seinen Presseausweis zeige, damit ich Bescheid wüsste. Schließlich sei er mir ja nicht bekannt und ich könnte ja nicht jeden durchlassen, was er verstehen müsse, denn warum bräuchte es sonst einen Sicherheitsdienst, der den Zugang kontrolliert. „Du lässt mich jetzt sofort rein, du Wicht, oder es setzt was“, lautete seine plumpe und primitive Antwort. Daraufhin – es schauten schon die Leute aus allen Richtungen, vor allem aber aus der Warteschlange hinter ihm grimmig in unsere Richtung – trieb ich ihn in die Enge: „Warum werden Sie auf einmal so aggressiv? Bitte schreien Sie mich nicht an und nehmen Sie wieder den gebührenden Abstand eines Meters zu meiner Person ein. Außerdem besteht das Problem nicht darin, dass Sie ein wichtiger Mensch von der Presse sind. Das Problem besteht darin, dass Sie mir Ihren Presseausweis nicht zeigen und dabei – während Sie glauben, mich fertigmachen zu müssen – den Zorn der Warteschlange auf sich ziehen, weil alle ausharren, während Sie sich weigern, Ihren Ausweis vorzuweisen.“ Schon wollte er wieder aggressiv werden, begann schon mir damit zu drohen, mein Foto morgen in die Zeitung zu geben, mich, meine Firma und meinen Berufsstand darin „zur Sau“ zu machen und mein armseliges Dasein zu ruinieren. In diesem Moment allerdings gingen Wartende, die sich sein Betragen und seinen Auftritt angesehen hatten, es satt hatten, seinetwegen weiter zu warten und sich seine verbalen Idiotien anzuhören, nach vorne, unterbanden sein Treiben und drängten ihn dazu, nun seinen Ausweis zu zeigen oder sich vom Acker zu machen. Täte er es nicht, machten ihm die Leute klar, würden sie ihn entfernen – als Zivilisten, die sich von ihm angeekelt fühlten. Er zeigte daraufhin widerwillig sofort seinen Ausweis, passierte und wurde von mir an diesem Tag nicht mehr gesehen. Einer, der nach ihm eingelassen wurde, sagte: „Größenwahn und Presse, machen Sie sich bitte keinen Kummer wegen so einem Idioten. Man kann sich ja vorstellen, für was für ein Schmierblatt so ein Depp schreibt.“ Der Kunde entlockte mir mit seinen ehrlichen und groben Worten ein Lächeln. Dieses Lächeln half mir über den Tag, der noch bis 22:00 Uhr andauern sollte und dem am folgenden Tag wieder ein 12-stündiger Dienst folgte.


Mark Ebenkirch oder eine Begegnung mit dem Wahnsinn

Im Grunde genommen sind die Menschen heutzutage insofern recht abgebrüht, als dass zum einen das, was man früher als abnorm(al), aberwitzig, irrsinnig, krank usw. bezeichnet hätte (ob nun zurecht oder zu Unrecht sei dahingestellt), mittlerweile als völlig normal registriert wird. Meistens zumindest. Zum anderen haben die Filmindustrie sowie die Medien, die tagtäglich von allerlei abweichenden Formen menschlichen Verhaltens berichten, dazu beigetragen, dass es mit einem Menschen ziemlich viel auf sich haben muss, dass man ihn als hochgradig atypische und dabei noch als recht interessante Erscheinung in der Vielfalt der Schöpfung identifizieren kann. Ich meine mit Herrn Markus Ebenkirch eine solche Bekanntschaft anno dazumal gemacht zu haben. Aus diesem Grund sei auch das Protokoll dieser Begegnung den Tiefen meiner kümmerlichen Erinnerungen enthoben und Ihnen hier dargetan – mit all seinen Facetten.
Damals, als ich Ebenkirch kennenlernte, war ich beim Militär. Diese Zeit, die uns in eine Zeit des Kummers, des Selbstzweifels sowie des Eigen-, Selbst- und Weltschmerzes meiner Wenigkeit zurückführt, war mir Balsam für die Seele. Balsam für die Seele war die Zeit als Soldat nicht, weil ich sie dazu genutzt hätte, etwaige martialische Triebe in mir zu entdecken oder den Berserker aus dem Schlund meiner inneren Dunkelheit freizulassen. Es war ebenso wenig eine schöne Zeit, weil es so schön gewesen wäre, einmal Hirn und Verstand auszuschalten (was viele nicht ohne Grund womöglich meinen könnten, jedoch keinesfalls zutreffend ist). Ganz im Gegenteil! Ich dachte, sann und plante, träumte und grübelte gar viel in jenen Tagen. Genauso war es auch keine schöne Zeit, weil ich vom Staat dafür erhalten wurde, dass ich das Handwerk lernte, wie ich ihn im Notfalle (dürftig aber doch) verteidigen könne und dabei mitunter Opfer für ein politisches Gebilde brächte, mit dem ich mich ja eigentlich weder identifizieren kann noch will – wenngleich ich es immer wieder versucht habe, ohne Erfolg – was vermutlich all dem geschuldet sein mag, was ich gehört, gesehen, erlebt, aus nächster Nähe miterlebt, verfolgt und selbst gelitten habe …
Eine schöne bzw. für mich angenehm gewesene Zeit sehe ich in meiner Dienstzeit als Soldat nur darin, als dass sie in eine Lebensphase fiel, in der ich in mir selbst verloren gewesen und frühzeitig mit der Welt fertig gewesen zu sein schien. Die Einberufung zum Militärdienst hatte während dieser äußerst beschissenen Phase meines bisherigen irdischen Daseins den positiven Nebeneffekt, mich von vielem Leid und inneren Zwistigkeiten abzulenken. Im Heere fand ich Rahmen, Zeit und Raum, meine Konzentration wie auch meine Gedanken darauf zu richten, darauf zu richten, mich fit zu halten, mich durch Sport und Lesen abzulenken und meine Zukunft in einem geschützten Raum mittelfristig zu planen. Der Sport stählte meinen Leib, gab mir Selbstvertrauen zurück und verhalf mir dazu, neuen Mut zu fassen. Außerdem verhinderte das ermüdende sportliche Treiben, dass ich Ebenkirch zu Leibe rückte – wofür ich allen Grund hatte, wie Sie noch entnehmen werden. Das Lesen verschiedenster Lektüre über Strategie und Taktik, über Wehrethik, -pädagogik, -politik und Wehrmachtsverbrechen sowie das Verschlingen zahlreicher Romane gaben mir Entspannung und Ruhe nach dem Sport, wie ich ebenfalls aus den Büchern viel gelernt zu haben noch heute meine. Außerdem wurde ich in dieser Zeit vom Staat ernährt, versorgt, behütet und beschützt, was mir die Möglichkeit gab, meine nächsten Lebensschritte einzuplanen. Insofern war die Soldatenzeit eine gute Zeit in meinem Leben, eine Zeit, die ich beinahe zu idealisieren geneigt wäre, wäre nicht Ebenkirch – der Quälgeist, die Plage, die Geisel Gottes, das Verhängnis des Wahn- und Irrsinns wie auch -witzes – gewesen.
Er, Ebenkirch, kam zu einer Zeit als neuer Rekrut in meine Kaserne, als ich bereits zwei Monate vor dem Abrüsten stand. Er hatte noch viele Monate vor sich, ich hatte die meiste Zeit hinter mir. Bereits die erste zufällige Begegnung mit Ebenkirch war relativ interessant und gewiss ein wenig ungewöhnlich. Ich stand gerade am frühen Abend – nach Dienstschluss – am Eingang des Truppengebäudes und rauchte genüsslich meine Zigarette, zu der ich einen Becher billigen Automaten-Kaffee trank. In jenem Moment kam Ebenkirch von der Einfahrt zur Kaserne her anmarschiert. Er hatte sein ganzes Marschgepäck bei sich und sollte nun der neue Wachkommandant in meiner Kaserne werden. Das erzählte er mir auch sofort, nachdem er mich begrüßt hatte, mich gefragt hatte, wie die Leute hier so drauf seien, sich darüber beschwert hatte, wie dumm doch alle im Militär wären (außer ihm), mir darüber hinaus noch seine Lebensgeschichte mitgeteilt hatte und meinte mich ohne Grund warnen zu müssen, es mir mit ihm ja nicht zu verscherzen, weil er ein gefährlicher Mann sei, der schon an die zwanzig bis dreißig Gegner auf einmal kaputt geschlagen hätte. Nicht nur, dass es in diesem Augenblick bei mir in dem Sinne „Klick“ machte, dass ich an den Abzug einer Schusswaffe dachte – wobei ich mich nicht zu entscheiden wusste, ob nun meine Befreiung von ihm oder die Befreiung der unfreien und freien Welt von ihm besser gewesen wäre –, sondern auch die Tatsache, dass es bei mir insofern „Klick“ machte, als ich wusste, der hat eine Schraube locker, war mir klar, der Kerl könnte potenziell nervig und nervlich anstrengend werden. Ich sollte mich NICHT irren und KEINES Besseren belehrt werden.
Dezent ignorierte ich seine latente Drohung, war schon im Begriff, diese als bloße Lächerlichkeit durch ein höhnisches Grinsen zu kommentieren. Ich konnte noch gar keine Reaktion auf seine verbale Gesprächsaktion folgen lassen, da fuhr Ebenkirch schon fort, mir zudem zu erzählen, dass er Fantasy-Literatur liebe, selbst die x-te Reinkarnation eines keltischen Magiers zu sein, welcher später ein germanischer Druide, irgendwann der Buddha, einige Propheten verschiedener Religionen und nun das kümmerliche Etwas geworden sei, was nun vor mir stünde. Natürlich erkannte er sich selbst in seiner (damals) jetzigen, empirisch anwesend gewesenen Daseinsform nicht als kümmerlich an, ich selbst sagte es ihm überdies auch nicht, sondern erklärte mir, er sei nach wie vor ein großer Schamane, der die Sprache der Tiere spreche und verstünde, der über die außersinnlichen Fähigkeiten der Post- und Präkognition verfüge und darüber hinaus ein Meister in Angelegenheiten der Telekinese sei. Jedenfalls, dem Himmel sei Dank, kam ein Unteroffizier, der ihn erwartet zu haben schien, und brachte ihn auf seine Gemächer. Die Gemächer, die dem Herrn zur Verfügung gestellt wurden, waren tatsächlich – für militärische Verhältnisse – luxuriös: Er musste ein 12-Mann-Zimmer nur mit einem Kameraden teilen. Dieser war ich. Und als ich ihm dabei zusah, wie er seinen Spind einräumte und dabei mit seinem Geplapper fortfuhr, wünschte ich mir, ich wäre nie gewesen. Fortan ging ich tagtäglich nach dem Dienst in die Kraftkammer, machte zweistündiges Kraftausdauertraining und anstelle eines Cool-downs wählte ich die Option, nachher noch eine Stunde laufen zu gehen, damit ich erschöpft genug sei dem Sandmännchen anheimzufallen, bevor Ebenkirchs Stimme und die Inhalte, die diese trug, an mein Ohr zu dringen vermochten. Das gelang meistens ganz gut. Wenn es nicht gelang, bat ich ihn höflich die Fresse zu halten, weil ich müde sei, nicht so mächtig und voller Energie wie er wäre, und daher des Schlafes bedürfe, wessen er hingegen entbehren konnte, weil er ja der große allmächtige Ebenkirch wäre. Es half, es wirkte und es machte ihn bzw. das Leben in seiner Nähe einigermaßen erträglich.
Dennoch bekam ich zuhauf mit, was seine Gedanken, Worte und Werke hervorbrachten, sprich, wie es mit ihm weiterging. In Kürze einige Highlights:
Erstens hatte Ebenkirch einen Witz, dem er jedem, wirklich jedem, der mehr als fünf Minuten am Stück mit ihm eine Konversation führte, erzählte. „Wer hat mehr vom Ficken, die Frau oder der Mann?“ „Hmmm???“, war die Antwort seiner Gesprächsteilnehmer. Seine Antwort auf die von ihm brillant und geistreich vorgetragene rhetorische Frage (von der er nicht wusste, dass es eine solche war), formuliert als Witz, lautete: „Die Frau!!“ Und wenn man ihn nicht fragte: „Warum?“, dann gab er des Rätsels Lösung gleich dazu: „Sie kriegt ein Würstel (meint einen Schwanz), zwei Eier und einen G’spritzten.“
Wir gehen über zum zweiten Highlight. Ebenkirch war nur geschätzte 4, gefühlte 10 Stunden (sofern man diese in seiner Nähe verbrachte) Wachkommandant. Dieser Umstand hatte seine Ursache darin, dass seine Mutter beim Kasernenbefehlshaber anrief – wie mir ein Unteroffizier zuraunte und Ebenkirch selbst mit einem irren Lachen bestätigte – und diesem vehement davon abriet, so sehr sie ihren Sohn liebe, einem derart kranken Menschen eine Waffe in die Hand zu geben, für den sie nicht die Hand ins Feuer legen wolle, dass er sie nicht gegen jemanden richten und auf diesen das Feuer eröffnen werde, wenn ihm danach wäre, ihm in seinem Wahne jemand feindlich gesonnen zu sein schiene oder er meinte, von jemandem ginge eine Gefahr wider ihn aus. Der Kommandant hielt danach Rücksprache mit der Kaserne, in der Ebenkirch zuvor seine Ausbildung genossen hatte, wobei er in Erfahrung bringen konnte, dass man über Ebenkirchs Versetzung glücklich sei, diesen nicht mehr sehen wolle und selbiger nun sein Problem sei. Danach wurde prompt aufgelegt. Der Kommandant holte Ebenkirch zu sich. Ebenkirch betonte, dass er zuverlässig sei, Eindringlinge eliminieren werde, der Waffe schon einen Namen gegeben habe und im Falle eines Überfalls wie John Rambo die Kaserne zu verteidigen wüsste und zu diesem Zwecke auch schon einen Notfallplan ausgedacht habe. Das Gespräch war kurz und vermutlich aufschlussreich – zumindest für einen der beiden Gesprächspartner. Kaum aus dem Zimmer des Kommandanten entlassen, musste Ebenkirch sein Sturmgewehr (Munition hatte er noch keine), sein Feldmesser sowie seinen Spaten und das Feldbesteck abgeben. Auf seine Entwaffnung hin brachte ihn die Militärpolizei erst mal zum psychologischen Dienst, von dem er am darauf folgenden Tag zurückkam und uns Bericht darüber erstattete, wie fertig die Psychologen alle seien, selbst er als großer Heiler diesen nicht mehr helfen könne und glücklich darüber sei, aus den Fängen dieser kranken Individuen durch List entwichen sowie heil und gesund zu uns zurückgekehrt zu sein. Amen! Nach diesem zweiten Highlight wurde für Ebenkirch eine neue Verwendung gefunden. Er wurde so eine Art Mädchen für alles, dessen Aufgabe darin bestand, den Rasen zu mähen, Hecken zu schneiden, das Gelände aufzuräumen, am Schießstand Munition einzusammeln und Fahrzeuge zu betanken. Hier knüpft das nächste Ereignis an.
Viertens. Ebenkirch der Tankwart. Es war ein schöner, warmer Frühlingstag. 25 Grad Außentemperatur, wenig Wind, blauer Himmel und der Bedarf an vielen aufgetankten Fahrzeugen zum Zwecke eines Manövers. Ebenkirch war mit der Aufgabe betraut, Fahrzeuge zu betanken. Diese Aufgabe wurde ihm entrissen, als ihn der Fahrzeugkommandant eines Lkws beim Betanken gesehen hatte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 182
ISBN: 978-3-99048-773-0
Erscheinungsdatum: 09.05.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo