Cover: Mit Ohne geht es auch

Mit Ohne geht es auch


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 272
ISBN: 978-3-7116-1074-4
Erscheinungsdatum: 23.10.2025
Alex hat bis jetzt immer All-inclusive-Urlaube bevorzugt. Doch diesmal verschlägt es Alex in das zentrale Afrika zu den Berggorillas. Begleiten Sie Alex in dieser ungewohnten Umgebung, bei einigen Katastrophen und vielen Gefühlen.
1. Noch acht Wochen bis Abflug

Ich kann ihn spüren und es gibt nicht viele Gefühle, die besser sind als dieses: Das Gefühl, wenn langsam Sand zwischen meinen Zehen hinunterrieselt, während ich bäuchlings auf der Sonnenliege chille. Die Sonne scheint durch ein Blätterdach gedämpft auf meinen Rücken und ich spüre gleichzeitig die Wärme und eine leichte Brise. Ich liebe dieses Gefühl von warmen Sandkörnern, die für mich Freiheit bedeuten und gleichzeitig beruhigen, weil sie auch Heimat bedeuten. Meine Augen sind geschlossen und ich höre diese beruhigende Mischung aus Meeresrauschen, wenn so kleine Wellen regelmäßig, aber langsam auf den Strand treffen, und dem Gemurmel urlaubender, entspannter Menschen, die sich lachend unterhalten. Ein Gemurmel, das mich langsam gen Schlaf bringen wird.
Gott sei Dank ist kein Kindergeschrei in dieser Mischung dabei. Doch ich schätze, auch das fände ich in diesem Augenblick meiner persönlichen Glückseligkeit toll. Denn während ich so daliege, genieße und die Sonne meinen Rücken erwärmt, werde ich sanft eingecremt, ganz langsam und vorsichtig, mit diesem kleinen Tick Erotik, der einen Nachmittag am Strand perfekt macht.

Doch plötzlich höre ich ein Fiepen, erst leise, dann immer lauter und aufdringlicher.
Und ganz plötzlich bin ich wieder wach. Kein Sand mehr zwischen meinen Zehen. Stattdessen läuft mir die Spucke den Mundwinkel herab und ich stelle fest, dass ich auf meiner handgeschriebenen Einkaufsliste eingeschlafen bin, die nun an meiner rechten Wange klebt und sicherlich kaum noch lesbar ist.
Damit bin ich schlagartig zurück in meiner Realität und somit auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet. Weit und breit nichts von glückseligen Empfindungen.
Denn anstatt mich auf den nächsten Strandurlaub vorzubereiten, den ich gemeinsam mit wem auch immer wie üblich in einem wunderbaren Adults-only-All-inclusive-Hotel mit direktem Strandzugang und allem Schnickschnack gebucht habe, sitze ich nun hier und grüble über der Pack- und Einkaufsliste für einen Abenteuerurlaub in der Zentralafrikanischen Republik und der Republik Kongo.

Eigentlich gibt es keinen Grund für solch eine Extremtat. Ich befinde mich in der besten Zeit meines Lebens, auch wenn mein Personalausweis behauptet, dass ich schon zum fünften Mal 25 Jahre alt geworden bin. Meine mir nicht wohlgesonnenen Feinde würden vielleicht behaupten, ich steuere straff auf die 30 zu. Aber solch eine Behauptung würde keiner in meinem Umkreis unbeschadet überleben. Ich fühle mich wie 25 und somit bin ich auch noch 25. Diese Illusion des eigenen Jungbrunnens gehört einfach zu meiner Persönlichkeit dazu. Denn meine Persönlichkeit ist nicht unbedingt unauffällig und auch nicht ansatzweise langweilig. Ich schillere mich sozusagen durch mein Leben.
Das Ernsthafteste, das ich in meinem Leben bieten kann, ist sicherlich mein Job. Direkt nach der Schule habe ich aufgrund der zahlreichen Empfehlungen von Erwachsenen aus der Schule und aus meinem Bekannten- und Familienkreis, aber auch wegen meiner eigenen Ahnungslosigkeit eine Lehre bei einer Versicherung begonnen. Aufgrund meiner guten schulischen Leistungen konnte ich mir meinen zukünftigen Arbeitgeber sogar aussuchen. Zum Studieren hatte ich einfach keine Lust und vor allem wollte ich Geld für mein Leben und meine Unabhängigkeit verdienen.
In dieser Versicherung bin ich dann auch hängengeblieben, in einem langweiligen Nine-to-five-Job im Büro versteckt, ohne Kundenkontakt und mit recht wenig Tageslicht. Es ist deswegen auch kein Wunder, dass ich außerhalb dieses Jobs schillere wie ein Regenbogen. Meine Persönlichkeit, die anderen vielleicht oberflächlich und aufgesetzt erscheinen mag, muss einfach raus und in die Welt geschrien werden. Und so habe ich mir mein Leben zwischen Glitter und Nadelstreifen voller süßer kleiner Klischees aufgebaut.
Außerhalb des Büros bin ich Dauerkonsument am Handy und – das gebe ich gern zu – ich folge hier jedem zweiten Trend, der mir geboten wird. Warum auch nicht, es macht doch Spaß und erweitert meinen Horizont. Und alles, was Spaß macht, gehört in mein Leben.

Meine Freunde sind entweder genauso schillernd wie ich oder ziemlich gut im Ertragen meiner Charakterzüge. Ich gehe für mein Leben gern shoppen, feiere auf jeder Party, die mir angeboten wird, mit und nehme alles leicht, was anderen eher Kopfzerbrechen bereitet. Deshalb habe ich auch diese Vorliebe für All-inclusive-Urlaube, die mir all das bieten, ohne dass ich mich auch nur im Ansatz um irgendetwas kümmern muss. Eigentlich bin ich ziemlich zufrieden mit meinem Leben.
Und trotzdem habe ich vor einem halben Jahr entschieden, dass ich mehr Abenteuer brauche. Doch statt eines Fallschirmsprungs vom nächstgelegenen Provinzflughafen oder zumindest einen Rafting-Nachmittag im Kanupark um die Ecke zu reservieren, was nebenbei gesagt meinen derzeitigen Abenteuer-Action-Level schon locker verzehnfacht hätte, habe ich mich hinreißen lassen, eine Tour mitten in das zentrale Afrika zu buchen, um dort die Flachlandgorillas persönlich kennenzulernen.
Mir stehen 16 Tage Abenteuer pur in der freien Wildbahn von Afrika bevor. Jeder andere hätte bei solch einem Gesinnungswandel mit einer geführten Gruppenreise nach Namibia im Reisebus angefangen, wo man sich sogar auf Deutsch hätte verständigen können. Dann wäre es sicherlich ein Luxus-Lodge-Urlaub ohne Überraschungen, aber dafür mit ganz vielen Touristen geworden. Das wäre auch der Urlaub, den sich alle meine Lieben vorstellen könnten, wenn sie an mich denken: schön im Hotel mit entsprechendem Luxus und reichlich Bargetränken und mit ganz viel planbarer Sicherheit um mich herum. So kennen mich alle und so habe ich die letzten Jahre ausschließlich gelebt.

Doch vor einem halben Jahr war ich aus mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen mächtig übermütig und habe eine Kleingruppentour in die zentralafrikanische Region gebucht.
Hier werde ich in einfachen Zelten oder Unterkünften, die nicht die Bezeichnung „Hotel“ im Namen tragen, nächtigen. Luxus ist ein Wort, das es in der Sprache der Einheimischen wohl eher nicht gibt.
Ich habe in meinem ganzen Leben erst zweimal in einem Zelt übernachtet und beide Male nur, weil ich stundenlang dazu überredet wurde. An die erste Nacht kann ich mich nicht mehr erinnern, weil die Party beziehungsweise der Grund für die Zeltübernachtung so gut waren, dass ich dabei einige Gehirnzellen verloren habe. Spätestens nach der zweiten Nacht habe ich das mit dem Zelten von meinem Wunschzettel des Lebens gestrichen. Ich war übersät mit Mückenstichen und hatte deshalb auch kein Auge zugemacht. Die Luftmatratze war so unbequem, dass ich vor Schmerzen jammerte, und die Entfernung zur Toilette machte das Ganze endgültig unerträglich. Alles in allem nichts, wovon ich später mal meinen Enkelkindern in den buntesten Farbtönen vorschwärmen möchte.

Jedoch bin ich manchmal so glitzernd unterwegs, dass ich mir Herausforderungen suche, die nicht unter das Motto „einfach“ fallen. Nach Namibia reisen, in eine Lodge, kann ich ja schließlich immer noch, wenn ich wie die üblichen Teilnehmenden dieser Busreisen meine Rente beantragt und im Blick habe. Doch jetzt, in meinen Mittzwanzigern, heißt es Abenteuer und davon gleich die volle Dröhnung. Bisher jedenfalls kenne ich Gorillas und Affen nur aus dem Zoo. Zumindest, wenn wir von den frechen, gefräßigen Affen auf meiner entspannenden Ayurveda-Kur in Sri Lanka mal absehen. Die haben mir damals fast meinen Fotoapparat geklaut und überhaupt waren sie nicht sehr touristenfreundlich.
Doch im Zoo fand ich Gorillas zumindest schon immer toll und auch interessant. Warum also diese Menschenaffen nicht in der freien Wildbahn ansehen, solange es sie noch gibt? Da sie zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten zählen, habe ich nicht unendlich Zeit, mir dieses Abenteuer zu gönnen.
Außerdem habe ich kürzlich einen Youtuber gesehen, der genau dieses Gorillatracking gebucht und es unter „100 Dinge, die du erlebt haben musst“ beschrieben hat. Und was dieser Youtuber kann, kann ich doch auch, oder? Zudem hat er berichtet, dass er damit auch noch die Gorillas vor dem Aussterben rettet. Challenge meinerseits angenommen. Auch ich möchte einen Gorilla retten und schützen. Und wenn ich das durch meinen Besuch schaffen kann, dann nichts wie hin.
Na ja, eigentlich werde ich ja nicht direkt retten und schützen, sondern eher so indirekt. Denn durch meinen Besuch und die Unmenge an Erspartem, das ich dort lassen werde, können die Forscher vor Ort ihre Arbeit machen. Dazu gehört auch die Beobachtung der Gorillas in ihrer natürlichen Umgebung durch eben diese Forscher. Und es gehört auch dazu, dass diese wenigen Gorillagruppen, die es überhaupt noch gibt, tagtäglich vor bösen Wilderern geschützt werden müssen.
Tja, und damit schließt sich der Kreislauf wieder. Ich bezahle und schau es mir an und mit meinem Geld wird gerettet und beschützt.
Und, wie es mein Schicksal so will, erfülle ich damit auch gleich ein paar meiner guten Vorsätze für dieses Jahr. Denn schließlich stand neben dem Abnehmen, was ich dringend noch angehen muss, und mehr Aktivität, was auch bisher untergegangen ist, auch auf dem Zettel, dass ich ein paar gute Taten für meine Karmapunkte am Ende des Jahres erfüllt haben möchte. Also werde ich gleich vier Klappen mit einem Gorilla schlagen: abnehmen aufgrund der fehlenden Buffets, aktive Bewegung im Dschungel auf der Suche nach Wildtieren, deutlich mehr Abenteuer in meinem Leben und Tierschutz als gute Tat.

Während jetzt so meine Packliste an meiner rechten Wange klebt, frage ich mich allerdings ernsthaft, ob das Ganze eine meiner besten Ideen war. Aber diese Frage will ich mir einfach noch nicht beantworten, denn noch habe ich kein Abenteuer erlebt und keine Tiere gerettet. Ich stecke erst einmal nur knietief in den Vorbereitungen zu diesem Abenteuer. Bis jetzt geht es nur darum, meinen Koffer sinnvoll zu packen und alles dabei zu haben, was ich brauche.
Und da sind wir schon beim ersten Problem, über dem ich wohl auch verzweifelt eingeschlafen bin: Denn statt die üblichen 23 Kilogramm plus Karenz in meinen bunten XXL-Koffer zu packen, sitze ich nun hier, und vor mir steht ein nigelnagelneuer schwarz-gelber Trekkingrucksack, der mir irgendwie winzig erscheint, unbequem vorkommt und so gar nicht stylish wirkt. Dieser Rucksack wurde zwar mit einem unglaublichen Fassungsvermögen beworben, als könnten ganze Jumbojets darin landen, aber wenn ich ihn mir so ansehe, hat er eine Packfläche von gerade einmal 25 mal 35 Zentimetern und das kommt mir im Vergleich zu meinem Koffer eindeutig viel zu klein vor. Und nun habe ich diese gefühlt unlösbare Herausforderung, alles von meiner Liste hineinzubekommen und gleichzeitig die Kilogrenze von maximal 15 Kilogramm nicht zu überschreiten.

Mit der Buchung meines Abenteuers habe ich ein zweiseitiges Blatt meiner Reiseagentur zum Thema Gepäck erhalten und darin steht ganz dick geschrieben: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Die beigefügte Liste gleicht jedoch einer Zusammenstellung für eine dreijährige Weltraumexpedition, ohne Kontakt zu irgendwelchen Zivilisationen außerhalb meiner Reisegruppe. Da stehen Dinge drauf, die bisher weder jemals in meinem Reisegepäck landeten, geschweige denn überhaupt in meinem Besitz waren. Teilweise wusste ich noch nicht mal, dass es so etwas gibt:

Ein internationaler Impfausweis, mit Inhalten, die ein Vermögen kosten und meine Angst vor Spritzen sicherlich zu einer Psychose anwachsen lassen werden,
dunkle, dezente und lange Kleidungsstücke, um die Tiere nicht zu erschrecken. Und so schaue ich in meinen Kleiderschrank und sehe ganz viel Pink, leuchtendes Rot, Blau und Grün und natürlich viel bunten Glitzer. Nichts, was auch nur ansatzweise in diese Beschreibung passen könnte.
eine Gürteltasche: ein Accessoire, dem ich mich bisher erfolgreich in meinem Leben verweigert habe, trotz einiger Trendaktivitäten im Internet. Und wozu brauche ich so etwas überhaupt? Ich habe doch schon dieses Trekkingmonster auf dem Rücken und den Handgepäck-Rucksack auf dem Bauch. Eine Gürteltasche für meine Wertsachen ist nicht nur extrem unstylish, sondern sagt mir auch, dass mich Leute womöglich ausrauben wollen, während ich mit meinen Siebensachen durch Afrika ziehe. Und dann soll diese Gürteltasche das Einzige sein, was mir für solch einen Fall und zur Sicherung meiner Reiseunterlagen und Wertgegenstände bleibt? und
ein leichter Reiseschlafsack: Ich habe nicht mal einen schweren und wo verdammt ist eigentlich der Unterschied? Heißt leicht leicht oder dünn und wo bekomme ich so ein Ding in Tarnfarbe her? Brauche ich eigentlich auch noch ein Moskitonetz? Und darf ich mein Kuschelkissen und mein Plüschtier mitnehmen? Von den wirklich wichtigen Dingen steht hier so rein gar nichts.

Doch dafür steht noch so viel mehr von dem mir so Unbekannten auf diesem Merkblatt. Wenn ich diese Packliste und die Hinweise zur Reise lese, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was um Himmels willen hat mich geritten, diese Reise zu buchen? Ich schätze, ich muss betrunken gewesen sein oder im Rausch des Glücks, denn ich war der festen Überzeugung, dass es genau das ist, was ich diesen Sommer tun möchte. Und nun sitze ich hier und lege vorsichtig alles zur Seite, was ich mir im ersten Versuch des Packens zurechtgelegt hatte. Die drei Bücher, die ich lesen wollte, passen einfach nicht mehr rein. Und mein Lieblings-T-Shirt in pastellenen Einhorn-Regenbogenfarben fällt nicht in die Kategorie „beruhigende Motive für ausgewachsene Gorillas“.
Auch mein geliebter Kuschelschlafanzug mit Einhörnern ist wohl etwas overdressed für den leichten Schlafsack in Tarnfarben.
Aber, was soll’s, ich wachse hier offensichtlich mit meinen Herausforderungen. Und diese Herausforderungen sind riesig.
Doch einige Dinge sind vom Aussortieren ausgeschlossen. Denn ohne sie fahre ich nicht los. Mein Fotoapparat für unendlich viele Bilder von den wilden Gorillas, die ich dann allen zeigen werde, gehört natürlich ins Handgepäck genauso wie mein Tagebuch, die Kopfhörer, meine Handys, sämtliche Reiseführer und die schon vorproduzierten Postkarten. Ja wirklich, ich habe mir Postkarten vorproduziert – aber das nur aus zwei recht plausiblen Gründen: Erstens möchte ich all meinen Lieben unter die Nase reiben, was ich für ein cooles Abenteuer erlebe, und zweitens wollte ich sichergehen, dass ich nicht an einer fehlenden Postkartenauswahl scheitere, um Ersteres auch garantiert realisieren zu können.
Deshalb habe ich mir wunderschöne Postkarten mit Gorillabildern aus dem Zoo selbst erstellt und drucken lassen, 30 Stück an der Zahl.
Ich überlasse hier nichts dem Zufall. Manche Leute würden mir dafür sicherlich den Einweisungsschein für die Klapsmühle zeigen. Verrückt wäre es meiner Meinung nach aber nur gewesen, wenn ich auch schon den Text vorproduziert hätte. Doch da will ich realistisch bleiben und werde erst vor Ort aufschreiben, was ich wirklich erlebe. Ich werde dabei alles in den tollsten Farben ausmalen und garantiert übertreiben.
Und damit bin ich nun auch so weit, über das zweite vierseitige Merkblatt zum Thema Gorillatracking nachzudenken. Dieses bereitet mir eigentlich noch mehr Angst und Panik als die Packliste.

Es geht unter anderem um den schon erwähnten internationalen Impfausweis. Ich war ja schon froh, dass ich solch einen gelben in meinen Unterlagen gefunden habe. Aber außer der abgelaufenen Polio-, Diphtherie- und Tetanus-Impfung, meinem pünktlich eingefangenen Corona-Schutz und der fünf Jahre zurückliegenden letzten Grippeschutzimpfung sah das gelbe Heft noch ziemlich jungfräulich aus. Laut meines Merkblatts muss sich das nun dringend ändern. Denn die Polio-Impfung ohne Lebendviren gehört aufgefrischt. Und dann brauche ich eine Masernimpfung, die volle Hepatitis-Dröhnung, etwas gegen Gelbfieber und einen negativen Tuberkulose-Test.
Während die Impfungen zu meinem eigenen Schutz sein sollen und meine Ängste eher wachsen lassen, als mich zu beruhigen, ist der negative Test nur für die schnuckeligen Menschenaffen gedacht. Denn für diese bin ich das tödliche Risiko und die Gefahr. Schließlich könnte ich alle möglichen Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose in ihren Lebensraum bringen und nicht andersherum. Und da hilft alles Beteuern nichts, weder dass ich nie Tuberkulose hatte, noch dass ich überhaupt nicht mit den Gorillas kuscheln möchte. Ich muss einen Tuberkulin-Test machen und das Ergebnis auch rechtzeitig nachweisen, um überhaupt in den Flieger gelassen zu werden.

Deshalb habe ich heute Nachmittag einen langen, sehr langen Termin im Zentrum für Reisemedizin, der mich sicherlich ein Vermögen kosten wird, bei dem ganzen Zeug, was da in mich hineinsoll. Wegen des Tuberkulin-Tests bekomme ich sogar Tuberkulose unter die Haut gespritzt oder gekratzt, darf mich mehrere Tage nicht waschen und erst dann kann man sagen, ob das Ergebnis als positiv oder negativ gewertet werden kann. Ein negatives Ergebnis wäre positiv, denn nur so darf ich zu den Gorillas. Eines ist jedenfalls klar: Nach dem Test werde ich riechen wie eine Verwandte dieser Menschenaffen. So würde mich jeder Gorilla in der Gruppe akzeptieren.
Heißt es eigentlich Gruppe oder Rudel?
Ich muss mir wohl noch etwas Literatur zum Thema Gorillas besorgen. Das kommt gleich mit auf die Einkaufsliste, unter den Schlafsack und die Stirnlampe und das Regencape und die Regenhose und und, und, und.

Ich muss sagen, ich bin schon jetzt gestresst von den Reisevorbereitungen, und dabei habe ich noch nicht mal alles im Blick. Denn ich brauche ja auch noch die Visa für beide Länder. Und die bekomme ich nur in Berlin. Somit habe ich zumindest noch einmal einen guten Grund für einen Kurztrip in das bunte Berlin, verbunden mit ausgiebigen Shoppingtouren und langen Nächten. Ich war schon immer gut darin, das Beste aus Zitronen zu machen. Nämlich einen leckeren Gin Fizz mit Refill. Und schon freue ich mich wieder auf die Reisevorbereitungen. Ich werde gleich mal ausprobieren, ob ein Gin Fizz auch eine gute Idee für meine heutige Zusammenstellung der Pack- und Einkaufsliste ist.



2. Der Fakir in mir

Vor dem Vergnügen stehen wie immer die Arbeit, der Schmerz und die Tränen. So oder so ähnlich hieß es schon in einer Binsenweisheit. Es mag sein, dass ich jetzt etwas übertreibe und wehleidig rüberkomme, aber ich sitze gerade im Wartezimmer der Universitätsklinik beziehungsweise deren Abteilung für Reisemedizin und es fühlt sich verdammt nach Schmerz und Tränen an, wenn ich an meine kurz bevorstehende Erfahrung denke.
Und wenn wir schon dabei sind: Das Zentrum für Reisemedizin – diesen Trip hatte ich echt nicht gebucht, als ich mich für Afrika als Reiseziel entschieden habe. Ich dachte, wenn ich mein Abenteuer über eine deutsche Reiseagentur buche, ist alles sicher und ich muss mir auf der Reise um nichts mehr Gedanken machen. Wie blauäugig ich doch manchmal bin.
Ich sehe mich schon als zukünftiges Nadelkissen oder als Unterlage eines Fakirs oder als Stachelschwein. Besser ausgedrückt sehe ich mich als Mischung von alledem und das wiederum bringt mich trotz meiner Angst zum Lächeln. Dabei bin ich noch nicht mal im Behandlungszimmer, sondern wälze im Wartebereich eine Gala und bringe mich auf den neuesten Stand, was den aktuellen Tratsch und Klatsch angeht.
Aber ich habe da so eine Vorahnung, was mich gleich erwarten wird. Denn die Dame an der Rezeption hat mir schon mein persönliches Worst-Case-Szenario angekündigt, als ich ihr die Liste der notwendigen Impfungen vorgelegt habe. Sie meinte nämlich: „Oh, da müssen wir noch weitere Termine nach dem Gespräch vereinbaren.“
Ich will kein „Oh“ im Zusammenhang mit den zu erwartenden Impfungen hören. Laut ihrer Einschätzung kann man aus medizinischen Gründen nicht alle Impfungen auf einmal erhalten. Ich muss wohl noch mindestens dreimal hin. Vorfreude auf den Urlaub, in den Monaten vor dem Urlaub, habe ich mir echt anders vorgestellt.
Eigentlich habe ich nichts gegen Impfungen per se. Denn als die ersten Termine für Corona-Impfungen buchbar waren, saß ich quasi schon mit hochgekrempeltem Ärmel bereit. Und wenn es nach mir gehen würde, bekäme ich heute die volle Dosis im großen Mixtopf beziehungsweise mit einer einzigen Nadel in den Arm geschossen.
Aber dies entspricht vermutlich nicht der sadistischen Ader der angestellten Ärzte und Schwestern. Aber warten wir mal ab, was der liebe Onkel Doktor meint, vielleicht kann ich ihn ja noch von meiner Idee überzeugen. Effektiver wäre meine Lösung allemal – für alle Beteiligten. Noch hat der Arzt ja keine Ahnung von meiner Aufnahmekapazität in Sachen Impfstoffe.

Also, rein zum Onkel Doktor und mal sehen, was der so meint. Herr Mischendorf jedenfalls, der Name macht mir Hoffnung, nimmt mein gelbes Impfheft in die Hand und staunt über dessen in seinen Augen jungfräulichen Zustand. „Selten so ein neues Heft gesehen“, meint er. Doch ich höre da schon den süffisanten Unterton in seiner Stimme heraus. Ich schätze, in Gedanken malt er sich schon aus, wie viele Spritzen er genüsslich in mich hineinjagen kann.
Nach dieser ersten ernüchternden Einschätzung fragt er mich nun aus: „Wohin soll es denn in den Urlaub gehen?“
„Was werden Sie dort unternehmen?“
„Wie sind Sie dort in der Regel untergebracht?“ und so weiter und so fort. Er beendet seine Fragestunde mit einer Frage, die wohl eher eine Aussage ist: „Es ist Ihre erste Reise nach Afrika?“
..
5 Sterne
Mit Ohne geht ws auch! - 07.02.2026
Tilla Heidemeyer

Ich hoffe das Buch wird verfilmt! Beim lesen habe ich alles vor mir gesehen, geschmunzelt, gelacht und mitgefiebert. Mit einer Leichtigkeit wird man auf dieser abenteuerliche Reise mitgenommen, neugierig gemacht und es lässt nichts offen. Von mir eine absolut Leseempfehlung!

5 Sterne
Inspiration gepaart mit Humor - 29.01.2026
Kerstin

Tolle Mischung aus Witz, Selbstironie und nachdenklichen Momenten. Eine Inspiration, die einlädt, die eigene Komfortzone und die Bedeutung echter Abenteuer neu zu hinterfragen.

5 Sterne
Super unterhaltsames und leichtes Buch für Jederzeit  - 03.11.2025
Despyna

Unglaublich schönes und unterhaltsames Buch. Der Schreibstil ist sehr leicht zu lesen, wodurch man schnell und ohne Probleme in die Geschichte findet und es zu jeder Tageszeit gut lesen kann. Lustig sind dabei vor allen Alex Gedankengänge und Beschreibungen verschiedener Situationen, die man super gut nachempfinden kann.Aber nicht nur diese Momente machen das Buch schön. Besonders gut fand ich auch den Perspektivwechsel den man bekommt, durch die beschriebene entgegengesetzte Lebensweise der Einheimischen, die sich mit jeder Kleinigkeit zufrieden stellen. Somit wird nicht nur die Reise von Alex unterhaltsam und lustig dargestellt, sondern auch ein Bewusstsein geschaffen, dass wir als Leser auch viel glücklicher sein sollten, wenn wir einfach mal den vermeintlich „blöden Alltag“ vergessen und uns mit den Kleinigkeiten zufrieden stellen, von den andere Leute nichtmal erahnen können zu träumen.

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