Mensch ärgere dich (nicht)

Mensch ärgere dich (nicht)

Thomas Pfitzmann


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 102
ISBN: 978-3-95840-540-0
Erscheinungsdatum: 24.05.2018
Gehen Sie auf die 60 zu oder sind sogar schon drüber? Leben Sie in einer Großstadt und regen sich häufig über rücksichtslose Mitmenschen auf? Die Botschaft dieses Buches ist einfach: Mensch, ärgere dich nicht! Oder vielleicht doch?
Prolog


Es ist ein schönes Gefühl, sich einfach hinzusetzen, zu entspannen, nichts zu tun und mit sich im Reinen zu sein. Vielleicht ist das Wetter schön, der Ausblick aus dem Fenster interessant, man freut sich auf eine aufregende Verabredung oder über ein spannendes Buch.
Vielleicht denkt man an heroische Siege im dörflichen Sportverein, den letzten Opernbesuch oder an Pleiten, Pech und Pannen.
Vielleicht ist man aber auch mit privaten Problemen beschäftigt und versucht noch, die Ehe zu retten. Oder den Arbeitsplatz. Und muss dafür mit sich alleine sein, um zu Lösungen zu kommen.
Oder man denkt über Gott und die Welt nach. Vielleicht lässt man auch das packende Fußballspiel vom Wochenende Revue passieren. Lacht innerlich über gute und auch schlechte Witze.
Oder erfreut sich einfach des Lebens und frönt einem angenehmen Müßiggang. Loriot lässt grüßen.
Doch dann passiert es. Ganz plötzlich aus heiterem Himmel. Manchmal aber auch ganz langsam und schleichend. Es entwickelt sich, man kann eine Zeit lang noch hoffen, manchmal leider vergebens. Auf leisen Sohlen kommt es, aber auch ganz plötzlich.
Es gefällt den lieben Mitmenschen nicht, wenn Sie so entspannt dasitzen, wenn jemand „seine Ruhe hat“.
So können Sie zu Hause jäh um Ihren Frieden gebracht werden, wenn der Nachbar seine Heimorgel aufdreht und „Freude schöner Götterfunken“ intoniert.
Auch das moderne Großstadtleben konfrontiert Sie mit allerlei Störungen Ihrer Lebensgestaltung.
So gelingt es in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht immer, in „aller Ruhe“ von einem Ort zum anderen zu fahren. Sie können während einer Fahrt oftmals Erfahrungen fürs Leben sammeln.
Erziehungsberechtigte spannen Sie bei der Erziehung der lieben Kleinen mit „Können Sie mal eben die Flasche halten“ ein. Anschließend können noch weitere Erziehungsaufgaben auf Sie zukommen.
Selbst der schönste Sitzplatz im Bus nutzt Ihnen wenig, wenn Ihnen ein dynamischer Mensch mit elegantem Schwung seine zu groß geratene Umhängetasche ins Gesicht schleudert und dies noch nicht einmal bemerkt!
Reisen bildet, sagt man. Insbesondere bildet das Reisen die Grundlage für neue Vorurteile. Es ist manchmal gar nicht so einfach, mit der Bahn von einer Stadt A zu einer Stadt B zu gelangen. Da kann es immer lustige Zwischenfälle geben.
Auch in öffentlichen Räumen und auf Gehwegen können Sie so manche Überraschung erleben. Besonders gefährlich sind Schirme in Verbindung mit Handy-Gesprächen. In der Rechten das Handy, in der Linken der Schirm, der als Waffe gegen den imaginären widerspenstigen Gesprächspartner eingesetzt wird. Eine gute Reaktion von Ihnen kann Leben retten.
Ehrlicherweise muss zugegeben werden, dass die Begegnungen mit Ihren Mitmenschen auch sehr unterhaltsam sein können. So kann das Essen in einem Restaurant zum Theaterbesuch werden. Selbst die Bürokratie hat manchmal eine heitere Note. Und auch das Einkaufen bietet lustige Momente.
Trotzdem hat man manchmal das Gefühl, als hätten sich alle anderen Menschen gegen einen verschworen.
Man denkt: Alle wollen mich nur ärgern und haben Spaß daran! Alle sind gegen mich! Wieso passiert mir das bloß immer?
Manchmal bringt uns auch die Technik zur Verzweiflung, die einen überhaupt nicht leiden mag. Komisch, bei anderen funktioniert sie immer.
Auf alle Fälle brauchen Sie im Umgang mit den lieben Mitmenschen und Ihrer Umwelt gute Nerven, Geduld und ein dickes Fell. Sie sollten sich auf keinen Fall zu sehr ärgern, nur ein bisschen. Und am besten einen Notizblock zum Mitschreiben dabeihaben. Dies lohnt sich garantiert. Besonders für ältere Semester! Versprochen.




Reisen macht Freude


Mit der Bahn zu fahren kann viel Spaß machen, jedoch nicht immer. Die Ursache dafür kann bei der Bahn selber liegen, aber auch an den lieben Mitreisenden. Häufig ist es auch eine Kombination aus beiden Faktoren.
An Wochenenden oder an Feiertagen kleben schon mal an nicht zu großen Bahnhöfen Zettel mit Aufschriften wie „Ich bin eine Woche in Urlaub und deshalb bleibt die Fahrkartenausgabe geschlossen.“. Der potenzielle „Kunde“ ist dann begeistert über diese Form der persönlichen Ansprache. Auch der gut gemeinte Hinweis auf die Fahrscheinautomaten ist nicht immer hilfreich.
Diese Fahrscheinautomaten sind eine echte Plage. Für ihre Nutzung darf man nicht zu groß oder zu klein sein, muss einen sicheren Stand haben, sollte möglichst keinen Migrationshintergrund aufweisen und die Augen eines Adlers besitzen. Wahrscheinlich sponsert die Optiker-Innung inzwischen die Deutsche Bahn, da für einige Automaten Spezialbrillen benötigt werden. Auch der Deutsche Olympische Sportbund freut sich, dass für die Betätigung einiger Tasten Kniebeugen (natürlich nur bei normaler Größe des Benutzers) erforderlich werden. Wer noch mit Bargeld bezahlen will, hat selber Schuld, wenn er seinen Geldschein nicht vorher gebügelt hat, damit er ihn schön mittig einziehen lassen kann. Manchmal gefällt der Schein dem Automaten trotzdem nicht und er wird sofort zurückgeschickt. Basta!! Auch Automaten haben einen Anspruch darauf, ihre Individualität auszuleben. Dann hilft bei den nächsten Versuchen nur noch beten, also freut sich auch die Kirchengemeinde in der Nachbarschaft.
Erstaunlicherweise schafft es die Bahn bereits bei der Nummerierung der Bahngleise die Reisenden, insbesondere die eiligen ortsunkundigen Fahrgäste, zu verwirren. Eigentlich doch eine einfach zu lösende Aufgabe, denkt man. Z. B. könnten die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6 usw., möglichst auch in dieser Reihenfolge, für die Gleise ausgewählt werden. Aber mitnichten. Es lässt sich doch leicht ein hübsches Zahlenrätsel konstruieren, ein solches, wie sie manchmal bei Intelligenztests eingesetzt werden. So lautet die Reihenfolge der Gleise in einer größeren aufstrebenden Stadt in den neuen Bundesländern: 4, 2, 1, 6, …? Nun raten Sie mal, wie das nächste Gleis beziffert worden ist. Keine Ahnung? Dann sollten Sie lieber demnächst keinen Intelligenztest ablegen. Nun, ausgehend von dem Basiswert 4 sind zunächst die Zahlen jeweils zu halbieren. Dann ist eine neue Basiszahl auszuwählen, die um zwei Einheiten höher als die erste Gleiszahl ausfällt. Und dann? Dann muss die Gleiszahl natürlich wieder halbiert werden. Also wie lautet das Ergebnis? Richtig: 4, 2, 1, 6, 3.
Oder handelt es sich einfach nur um die Telefonnummer des Bahnhofvorstehers, die er sich sonst nicht merken kann? Da die „5“ da einfach nicht vorkommt, hat sie Pech gehabt. Nun, so viel sei verraten: Gleis 5 gibt es einfach nicht! Eingespart wie vieles andere bei der Bahn.
Insbesondere das Fahren mit dem ICE kann sehr entspannend sein, allerdings erst, wenn man seinen Platz gefunden und besetzt hat. Dies ist nicht immer einfach. Ich leistete mir ein ICE-Ticket für eine längere Fahrt. Hatte es trotz der langen Warteschlange lieber am Schalter gekauft, da ich es nicht gleich mit zwei Automaten, einen für die richtige Verbindung und einen zum Bezahlen, aufnehmen wollte. Auf den Wagenstandsanzeiger geschaut, aha, der Zug war sehr lang und bestand aus zwei separaten Zugteilen, mein Platz war ganz hinten im letzten Waggon des zweiten Zugteils. Die 1. Klasse befand sich am Anfang der jeweiligen Zugteile. Als der Bahnsteig fast zu Ende war, hatte ich meinen besten Warteplatz erreicht.
„Achtung, eine wichtige Durchsage!“, krächzte es aus einem Lautsprecher. In diesem Moment fuhr ein ratternder und quietschender Regionalzug auf dem Nachbargleis ein. Nichts war mehr zu verstehen. War die Durchsage wirklich wichtig gewesen? Worum war es gegangen? Zu den Nachbarn auf dem Bahnsteig geguckt, aber allgemein ratloses Kopfschütteln. Niemand hatte etwas verstanden!
Nun, ein paar Minuten Verspätung sollte der ICE jetzt haben, also bisher alles im normalen Bereich. Doch da, wieder wurde die wichtige Durchsage angekündigt. Jetzt war sie gut zu verstehen oder doch nicht?
„Achtung, der Zug weist heute eine umgekehrte Reihenfolge der Wagen auf. Die Wagen der 1. Klasse sind am Ende des Zuges zu finden.“
Was wollten uns diese Worte sagen? War die Reihenfolge der Wagen wirklich so geändert worden, dass der ansonsten letzte Wagen nun ganz vorne war und der erste Wagen plötzlich ganz hinten? Hatte die Bahn es wirklich geschafft, die Reihenfolge aller Wagen zu ändern? Ging dies überhaupt? Bezog sich die Durchsage auf den ganzen Zug oder jeweils auf die zwei Teilzüge? War jetzt die Reihenfolge erster Teilzug: 2. Klasse vorne, dann 1. Klasse; zweiter Teilzug: 2. Klasse vorne, 1. Klasse hinten? Oder war es gelungen, die gesamte 1. Klasse nach hinten zu verfrachten? Oder hatte sich jemand nur einen Spaß erlaubt? Nun, auf alle Fälle sorgte diese Durchsage für richtige Aufbruchstimmung und regen Betrieb auf dem Bahnsteig. Die Träger von Nadelstreifenanzügen bewegten sich hurtig nach hinten, ich orientierte mich mit anderen etwas mehr zur Mitte, immer noch ziemlich unentschlossen. Da näherte sich der Zug. Angestrengt guckten alle Reisenden auf die Nummern der Waggons, die nur schwer zu erkennen waren. Wo war bloß mein Wagen? Nun, das Rätsel war dann schnell gelöst. Die Reihenfolge der Wagen war genauso wie auf dem Wagenstandsanzeiger aufgeführt. Absolut identisch. Die ganze Aufregung war umsonst gewesen. Aber es war gelungen, alle Reisenden total zu verwirren. Dies löste wiederum hektische Betriebsamkeit aus. Die Nadelstreifenanzugträger bewegten sich hurtig wieder zurück zur Mitte, das Fußvolk mit meiner Wenigkeit wieder zum Ende des 2. Zugteils. Gut, dass ich nicht ganz nach vorne gelaufen war.
Es standen auch nicht sehr viele Menschen bereit, den letzten Wagen zu betreten. Wer weiß, wo sich die anderen Fahrgäste gerade befanden. Doch was war das? Eine Dame mittleren Alters stieg als Erste in den letzten Wagen ein, einen monstergroßen Koffer hinter sich herziehend. Sie musste unbedingt die Erste sein, warum auch immer. Und herein damit in den Großraumwagen. Wie sie das bloß geschafft hat? Da musste jemand geholfen haben. Endlich konnte ich auch einsteigen. Nicht weit von mir entfernt stand sie jetzt ziemlich ratlos im Gang. Wohin mit dem Koffer? Wo war der eigene Sitzplatz? War sie überhaupt im richtigen Wagen? Wo war die Brille, um die Platznummern an den Sitzen zu identifizieren? Es ging weder vorwärts noch zurück! Es gab einen Stau! Der Mega-Koffer steckte endgültig fest! „Könnten Sie bitte weitergehen? Könnten Sie bitte den Koffer beiseitestellen, wir möchten durch!“, so meckerten die ungeduldig werdenden anderen Reisenden. Die Lage wurde dadurch problematisch, dass es noch nicht alle Reisenden geschafft hatten, in den Zug hineinzukommen. Außerdem kamen jetzt von der anderen Seite Nadelstreifenanzugträger, die anscheinend einen imaginären allerletzten Wagen suchten. Hofften sie noch, dort die 1. Klasse zu finden? Pech gehabt, marsch, marsch zurück! Irgendwie hatte ich doch etwas Schadenfreude empfunden. Die 1. Klasse hatte es heute nicht leicht!
Fairerweise muss man zugeben, dass es nicht gerade einfach ist, einen Abstellplatz für große Koffer zu finden. Irgendwie ist es noch nicht bei der Bahn angekommen, dass Fernreisende auch viel Gepäck dabeihaben. Aber warum in aller Welt musste die orientierungslose Dame mit dem Monstergepäck sich vordrängeln, statt den Koffer erst einmal in einer Ecke abzustellen?
Es ging nicht vor und zurück, erste Reisende versuchten im eleganten Sprung das Hindernis zu überwinden. Andere Reisende kommentierten diese Versuche mit den Worten „Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten!“. Draußen wurden die wartenden Fahrgäste immer unruhiger, riefen: „Was ist denn da drinnen bloß los? Wir wollen auch noch mit!!“
Irgendeinem psychologisch geschulten Menschen gelang es schließlich, die Dame zur Einsicht zu bewegen, einem körperlich kräftigen Menschen gelang es, den Koffer zurückzuziehen. Irgendwie war es wie ein Wunder, dass sich schließlich alles im Gänsemarsch zurückbewegte. Einige Fahrgäste mussten wieder raus, das Corpus Delicti landete aufrecht stehend neben der Eingangstür, sodass zumindest der Weg einigermaßen frei war. Auch ich musste wieder aussteigen, was ich eigentlich nicht recht einsehen wollte. Ich sagte dies auch deutlich. Doch der körperlich recht kräftige Mensch drückte mich einfach raus. Wie rücksichtslos! Dann schnell wieder rein und jetzt konnten auch die Fahrgäste laut schimpfend einsteigen, die den Zug bisher nur von außen kannten. Keiner musste zurückbleiben.
Leider fuhr der Zug jetzt aber nicht los. Was war passiert? Da, wieder eine wichtige Durchsage: „Leider müssen wir noch auf unseren Lokführer warten. Der befindet sich noch in einem verspäteten anderen Zug!“ Irgendwie komisch die Vorstellung, dass unser Lokführer Opfer der Verspätung eines Kollegen war. Oder war gemeint, dass er diesen Zug auch schon fahren musste? Diese Frage konnte nicht geklärt werden. Die Minuten vergingen. Wer hatte eigentlich den Zug in den Bahnhof gefahren? Hatte dieser Lokführer einfach Feierabend gemacht? Ein hoffnungsvoller Blick auf den Bahnsteig, aber kein Bahnbediensteter mit Aktentasche rannte an die Spitze des Zuges zu seinem Arbeitsplatz. Da setzte sich plötzlich der Zug in Bewegung, hoffentlich gesteuert vom dafür vorgesehenen und ausgebildeten Lokführer.
Bis auf die daraus resultierenden 9 Minuten zusätzliche Verspätung verlief die Fahrt dann reibungslos. Zumindest fast. Vor drei Bahnhöfen hintereinander hieß es: „Wir müssen leider noch warten, das Gleis ist noch nicht frei.“ Stand da noch ein anderer Zug? Was passierte auf dem Gleis? Gibt es nicht genügend Gleise in den Bahnhöfen? So sammelten wir schnell eine gute halbe Stunde Verspätung ein, was die Grundstimmung im Zug sichtlich verschlechterte. Insbesondere dann, wenn Anschlusszüge partout nicht auf uns warten wollten. Was eigentlich auch wieder zu verstehen war.
Die Überbringer schlechter Nachrichten wurden früher nicht sehr nett behandelt. Wo saß der Zugführer bloß? Wahrscheinlich war er ständig im Zug auf der Flucht und machte seine Durchsagen per Handy, wo auch immer sitzend. Wahrscheinlich getarnt in Zivil. Deshalb sollten alle Handybesitzer unter Generalverdacht gestellt werden, Mitarbeiter der Bahn zu sein.
Es blieb schließlich die Erinnerung an eine eigentlich ganz normale Fahrt mit dem Zug, wie es halt immer so ist.




Gut zu Fuß


Es soll gesund sein, viel zu Fuß zu gehen. Insbesondere Radfahrer sind jedoch der natürliche Feind des Spaziergängers.
Auch auf einem Fußweg sind Sie niemals sicher vor Radfahrern, die leise an Sie heranfahren und Sie dann mit einem lauten energischen Klingeln auffordern, endlich den Weg frei zu machen. Gerade im Dunkeln sind diese Radfahrer kaum zu sehen, insbesondere wenn das Licht kaputt ist. Auf die dumme Frage: „Wieso fahren Sie im Dunkeln ohne Licht auf dem Fußweg?“ erntet man leicht die passende Antwort: „Na, gerade weil mein Licht kaputt ist, fahre ich lieber auf dem Fußweg, Du Saftnase!“ Und weg ist er!
Lustig ist es auch, wenn zwei Fahrradfahrer auf dem Fußweg direkt vor einem Fußgänger „aufeinandertreffen“ und sich dann streiten, wer (un-)recht hat. Der betroffene Fußgänger wird bei dieser Diskussion großzügigerweise ignoriert.
Besonders aggressiv werden Radfahrer an Bushaltestellen, wenn die Fahrgäste es wagen, beim Ein- bzw. Aussteigen den Radweg zu betreten. Wütendes Gebimmel und wüste Beschimpfungen der Fahrgäste sind die Folge. Durch das akrobatische Herumreißen des Lenkers und der anschließenden Fahrt in Schlangenlinien über den Gehweg sind auch unbeteiligte Personen stark gefährdet.
Es herrscht eine klare Hierarchie auf den Gehwegen. Erst kommen die Radfahrer (Kategorie 1), dann die Jogger (2), dann Fußgänger mit großem Hund (3), dann die Fußgänger mit kleinem Hund (4) und schließlich die einfachen Fußgänger ohne besondere Rechte in der Kategorie 5. Sie werden eher widerwillig von den anderen geduldet, aber nur, wenn sie sich möglichst unauffällig verhalten und jederzeit zügig Platz machen. Dies ist aber gar nicht so einfach. Raum und Zeit scheinen für die Fußgänger auf den Gehwegen permanent zu schrumpfen. Das Straßenbegleitgrün verbreitet sich dschungelartig auf den Wegen. Links verkleinern die parkenden Autofahrer den Weg, rechts engen die Fahrräder an den Hauswänden den Bewegungsspielraum ein. Der auf einen zu radelnde Verkehrsteilnehmer erwartet trotzdem, dass sich die Masse Mensch schnell beiseite bewegt. Wo auch immer hin! Insbesondere Radfahrer, die im Rücken des Fußgängers lautstark klingeln, erwarten, dass der Weg für sie unverzüglich freigeräumt wird. Aber pronto.
Nur wenn einfache Fußgänger sich in Gruppen zusammenrotten, haben sie eine Chance, sich durchzusetzen. Ein Einzelner hat es dagegen schwer.
Insbesondere dann, wenn das sogenannte „Gassi fahren“ angesagt ist. Ein sportlicher Radfahrer vorneweg, ein hechelnder Hund der Kategorie 3 hinterher. Der hat es nicht einfach, dem Herrchen über Stock und Stein zu folgen und dabei noch alle Verkehrsregeln zu beachten.
Auch die Jogger in den Städten vermehren sich laufend. In der City zu laufen ist in, die Sportplätze sind dagegen ziemlich leer. Da guckt ja keiner zu. Die Jogger sind ziemlich schnell unterwegs, insbesondere wenn sie von einem frei laufenden Hund der Kategorie 3 verfolgt werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen (nein, nicht die Hunde) verstöpselt und verkabelt durchs Leben gehen bzw. fahren, nur mit sich selber beschäftigt, in einer eigenen abgeschotteten Welt lebend und die Umgebung nicht mehr wahrnehmend. Nichts hören und meistens auch nichts sehen ist das Motto. Jetzt komme ich, nur das zählt! Proteste des einfachen Fußgängers sind sinnlos, zumal sie gar nicht wahrgenommen werden.
Manchmal dreht sich auch alles um den mitgeführten Hund.
Besonders lustig wird es, wenn Hundebesitzer ihren Liebling (nein, nicht den Ehegatten) an der langen Leine führen. Die modernen Leinen können schnell verlängert oder verkürzt werden und geben den Hunden ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten, die sie natürlich gerne nutzen. Auch in sehr belebten Fußgängerzonen oder auf öffentlichen Plätzen soll der Hund seinen Auslauf bekommen. Wenn Sie dann beim Spazierengehen unaufmerksam sind und sich in der kilometerlangen Leine eines Hundes verfangen, haben Sie natürlich selber schuld. Ich konnte, als ich mich einmal in so einer Leine verheddert hatte, gerade noch einen unangenehmen Sturz verhindern. Noch einmal Glück gehabt. Der Dackel als Hund der Kategorie 4 zog immer weiter an der Leine und wirkte sehr beleidigt, da ich ihn am Weiterlaufen hinderte. Noch beleidigter wirkten Frauchen und Herrchen. „Komm Waldi, bleib stehen, der Herr hat leider nicht richtig aufgepasst.“ Zusätzlich erntete ich bitterböse Blicke der Hundebesitzer. Sie dachten wohl: „Wieso haben Sie es versäumt, rechtzeitig hochzuspringen? Wie konnten Sie nur!“
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich für meine nicht Olympia reife Tagesform bei Frauchen, Herrchen und Waldi zu entschuldigen. Die Entschuldigung wurde angenommen.
Vielleicht sollte die Straßenverkehrsordnung insoweit geändert werden, als dass eindeutige Vorrangs- und Vorgehregeln auf den Fußwegen eingeführt werden. Rechts vor links könnte auch auf den Fußwegen gelten, aber natürlich nur für die einfachen Fußgänger. Für Radfahrer gelten diese Regeln natürlich nicht, da sie ja auf Gehwegen gar nichts zu suchen haben. Jogger sind einfach zu flink unterwegs, Besitzer von großen Hunden haben ein eingebautes Vorgehrecht. Bei den kleinen Hunden wäre es vielleicht möglich, sie den einfachen Fußgängern gleichzustellen. Hier sollten empirische Untersuchungen durchgeführt werden. Ach nein, wie oben geschildert, hat der Fußgänger auch dann zurückzutreten – hinter die Interessen der kleinen Hunde meine ich natürlich.
Einfache Fußgänger sollten eine gewisse Mindestgeschwindigkeit einhalten müssen. Plötzliches Stehenbleiben, um vielleicht mit dem Nachbarn beim Brötchenholen zu klönen, sollte strengstens verboten sein. Sie könnten dabei den Vorgehverkehr (Radfahrer, Jogger, Hunde) behindern. Plötzliches Rückwärtsgehen und Wenden ist selbstverständlich verboten. Natürlich müssen sich Fußgänger rechts halten, ein Abbiegen muss rechtzeitig und deutlich angekündigt werden. Dies muss über eindeutige Handzeichen erfolgen. Wozu haben die Fußgänger zwei Arme?!
Die Behinderung und Gefährdung der anderen Verkehrsteilnehmer (Kategorie 1 bis 4) ist besonders beim Abbiegen in das eigene Grundstück bzw. den Hauseingang auszuschließen. Gegebenenfalls hat der Fußgänger sich einweisen zu lassen. Auch das Überholen anderer Fußgänger sollte durch Handzeichen signalisiert werden, zügiges Überholen ist dann natürlich Pflicht. §?25 der Straßenverkehrsordnung ist also dringend zu überarbeiten.


4 Sterne
Mensch ärgere dich (nicht) - 19.09.2018
Annegret Bernhard

Ein vergnügliches Buch, das mir viele Aha-Momente beschert hat! Man findet sich wieder in diesem Buch und als älterer Mensch kann man viele Situationen aus dem eigenen Erleben nur schmunzelnd bestätigen.

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