Cover: Kopfüber in ein neues Leben

Kopfüber in ein neues Leben


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 232
ISBN: 978-3-7116-1912-9
Erscheinungsdatum: 13.08.2026
Nach einer spontanen Entscheidung wird Annelieses Leben völlig auf den Kopf gestellt. Unerwartete Hilfe erhält sie aus dem Jenseits von ihrer Großmutter – und von ihrer besten Freundin Ingrid.
Kapitel 1

Als Anneliese ihre Wohnung um Punkt acht Uhr verließ, schien bereits die Sonne auf die Dächer des Stuttgarter Westens. Wie immer in den letzten 37 Jahren war sie zu Fuß auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz, einer kleinen Buchhandlung, in der sie schon seit ihrer Lehrzeit arbeitete. Der Spätsommer ging langsam in den Herbst über und sie freute sich auf ihren Lieblingsmonat, den Oktober. Schon immer mochte sie den Herbst mit seinen bunten Blättern und der tiefstehenden Sonne am liebsten. Jetzt begann die ruhige Zeit in der Stadt und in die Buchhandlung kamen wieder mehr Kunden, um Bücher zu kaufen und sich beraten zu lassen. Auch das Weihnachtsgeschäft war schon in Sichtweite und musste vorbereitet werden. Die Tage wurden kürzer und Bücher wieder wichtiger für die Menschen.

Das war auch die Jahreszeit, zu der sie normalerweise Urlaub nahm bevor der ganz große Rummel begann. Seit zehn Jahren tat sie das allein. So lange lebte sie nun schon getrennt von ihrem Mann. Michael hatte sich damals in eine langbeinige Blondine namens Silvia verliebt und lebte mit ihr in deren Haus am Kräherwald. Silvia bot von allem mehr: mehr Beine, mehr Haare, mehr Busen und vor allem einen besseren Verdienst. Sie war eine erfolgreiche Pharmareferentin und hatte zudem noch ein Haus von ihrem verstorbenen Mann geerbt. Anneliese sah ein, dass sie da nicht mithalten konnte.
Aber sie war nicht nachtragend. Wenn sie in den Spiegel schaute, war ihr klar, dass sie ein langweiliges graues Mäuschen war, das nicht viel vom Leben zu erwarten hatte. Hauptsache, alles ging seinen geregelten Gang. Mehr wollte sie gar nicht. Wer keine großen Erwartungen stellt, erlebt auch keine großen Enttäuschungen. Das war ihr Lebensmotto. Und genau diese Lebenseinstellung war Michael auf die Dauer zu trist gewesen, wie er ihr erklärt hatte. Bevor er zu ersticken drohte, müsse er die kleine Wohnung im Westen verlassen, um mit Silvia zu neuen Ufern aufzubrechen. Anneliese hatte sich kampflos ergeben. Irgendwie konnte sie ihn sogar verstehen. Langweilig hatte er sie genannt und viel zu verkopft. Na ja, wenigstens zahlte er ihr einen kleinen Unterhalt und die Wohnung hatte sie von ihrer Mutter geerbt. So konnte sie einigermaßen gelassen ihrer Rente entgegensehen.

An diesem Morgen im September sollte sich jedoch plötzlich alles ändern. Hätte sie morgens schon geahnt, was auf sie zukam, wäre sie sicher im Bett geblieben und hätte sich krankgemeldet. Als sie, wie immer pünktlich um neun Uhr, die Tür zur Buchhandlung Kellermann im Stuttgarter Westen aufschloss, ahnte sie jedoch noch nicht, was dieser Tag noch bringen sollte. Hier gehörte sie schon zum lebenden Inventar und hatte viele Kollegen und Kolleginnen überdauert, die unter ihrem cholerischen Chef gelitten und meist freiwillig das Schlachtfeld geräumt hatten. Herr Kellermann gehörte zur charmanten Sorte derer Arbeitgeber, die ihre Angestellten als „bezahlte Feinde“ betrachteten. Er hatte die Buchhandlung von seinen Eltern geerbt und nach Annelieses Meinung keine Ahnung von Büchern und schon gar nicht davon, wie man Kundschaft bediente. Sie hatte hier noch unter dem alten Chef gelernt, den sie sehr verehrt und gemocht hatte, und hielt es deshalb für ihre Pflicht, den Laden am Laufen zu halten. Heute war übrigens ihr Geburtstag, der fünfundfünfzigste, an dem sie davon ausging, wie jedes Jahr, vom Chef einen freien Nachmittag zu bekommen, um mit ihrer Freundin Ingrid ein Tässchen Kaffee trinken zu können. Sie wollten sich gegen 14 Uhr im Café Königsbau gegenüber dem Neuen Schloss treffen, um an ihrem Ehrentag ein bisschen zu entspannen und zu plaudern.
Ingrid war auch Single und hatte immer viel zu erzählen – vornehmlich Männergeschichten, über die Anneliese nur staunend erröten konnte. Gut, natürlich hatte selbst sie alle Bücher der Shades-of-Grey-Reihe gelesen, was sie ihrer Kundschaft schuldig war. Aber im wirklichen Leben so etwas wie ein reges Sexualleben zu haben, also nein, das konnte sie sich, zumal in ihrem Alter, einfach nicht mehr vorstellen. Als Herr Kellermann, wie immer mürrisch und vom Stress des Aufstehens gezeichnet, gegen 11 Uhr seine Buchhandlung betrat, gratulierte er nicht, wie erwartet, zum Geburtstag, sondern schrie quer durch den Laden: „Frau Lindner, eine Tasse Kaffee ins Büro, aber schnell!“ Dass sie gerade Kundschaft hatte, schien ihn nicht zu interessieren, schließlich war er, wie immer, der wichtigste Mensch auf diesem Planeten.
Anneliese entschuldigte sich bei ihrer Kundin und brachte den gewünschten Kaffee (schwarz, mit zwei Stück Zucker) in Herrn Kellermanns Büro, das wie üblich aussah, als hätten Bomben eingeschlagen. Nach einem freundlichen „Guten Morgen, Herr Kellermann!“ wollte sie wieder zurück zu Frau Mertens, die immer noch im Laden stand und auf ihre Ratschläge wartete, als ihr Chef sie mit einem barschen: „Moment noch!“ zurückhielt. Er will mir gratulieren, hat meinen Geburtstag doch nicht vergessen, dachte Anneliese und stellte sich mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln vor seinen Schreibtisch. Was er jetzt zu ihr sagte, ließ sie aber zur Salzsäule erstarren: „Frau Lindner, diese lange Plauderei mit unserer Kundschaft können Sie sich in Zukunft abschminken. Natürlich geben Sie Auskunft auf konkrete Fragen, aber alles andere sollten Sie sich sparen. Ich zahle Sie schließlich nicht, um die Probleme der Damen und Herren durchzukauen, nur um ihnen hinterher ein kleines Gedichtbändchen zu verkaufen. Stellen Sie lieber die Bestelllisten zusammen, um die ich Sie gestern gebeten habe!“
„Herr Kellermann, die Listen liegen direkt vor Ihnen auf dem Tisch. Ich habe sie heute Morgen noch vor Ladenöffnung fertiggestellt – hier bitte schön“, flüsterte Anneliese unter Tränen. Wieso brachte dieser Mensch es immer wieder fertig, sie derart aus dem Gleichgewicht zu bringen und das an ihrem Geburtstag, dem einzigen Tag im Jahr, an dem es mal um sie ging? Mit einer ihr nie gekannten Wut drehte sie sich um, ging in den Raum, in dem die Angestellten ihre Garderobe hatten, nahm ihren Mantel, die Handtasche und den neuen Hut, den sie sich letzten Monat bei Hut-Hanne gegönnt hatte, und verließ mit den Worten: „Herr Kellermann, ich kündige, und zwar fristlos, hier und jetzt wegen fortgesetzter seelischer Grausamkeit. Ich werde jetzt meinen Geburtstag feiern gehen und wünsche Ihnen noch ein schönes Leben.“ Hocherhobenen Hauptes verließ sie die Stätte ihres 37-jährigen Wirkens und schritt mit klappernden Absätzen die Schwabstraße hinunter. Nach etwa hundert Schritten wurde ihr übel und sie musste sich auf die Bank einer Bushaltestelle setzen, um nicht in aller Öffentlichkeit umzukippen. Oh mein Gott, was habe ich da nur getan? Ich kenne doch nichts anderes als die Buchhandlung und was soll ich denn jetzt den ganzen langen Tag machen? Von was soll ich leben? Schweißgebadet bestieg sie den nächsten Bus und kam erst wieder zu sich, als sie merkte, dass sie in eine Richtung fuhr, die sie weder nach Hause noch in die Innenstadt zum Café Königsbau brachte.
Um die Mittagszeit hatte sie sich so weit gefangen, dass sie nach Hause fahren und sich umziehen konnte. So weit kam es noch, dass sie ihren Geburtstag im Bus verbrachte! Sie huschte die Treppen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hoch. Hier, in diesem schönen Altbau in der Gutenbergstraße mit seiner Sandsteinfassade, hatte sie schon ihr ganzes Leben verbracht. Die Großeltern waren hier schon glücklich gewesen, und seitdem ihre Mutter viel zu früh gestorben war, gehörte sie ihr. Lediglich nach ihrer Heirat hatte sie mit Michael in einem zweckmäßigen Neubau in der Stadtmitte gewohnt. Richtig wohl fühlte sie sich aber eigentlich nur hier, wo die Holztreppe an den vertrauten Stellen knarrte und immer ein Hauch von Bohnerwachs in der Luft hing.
Sie durchforstete ihren Kleiderschrank nach etwas, das nicht grau oder schwarz war. Ingrid behauptete immer, ihre Garderobe hätte etwas, das für einen Bestattungsunternehmer als angemessen gelten würde, sie aber wie eine sizilianische Witwe aussehen ließ. Na ja, irgendwie hatte sie ja recht: Im Schrank fand sich tatsächlich kein einziges Teil, das man als modisch bezeichnen konnte. Alles war zweckmäßig und auf ihren Alltag in der Buchhandlung ausgerichtet. Ihre Wochenenden verbrachte sie meistens in der Wohnung beim Putzen oder Lesen und als absoluten Höhepunkt gönnte sie sich ab und an einen Besuch im Mineralbad Leuze, wo sie auch einen alten, verwaschenen Badeanzug trug, dessen modisches Verfallsdatum längst abgelaufen war.
Eigentlich musste sie sich wegen ihrer Figur keine Sorgen machen: Sie war gertenschlank, ohne mager zu sein, und obwohl sie sich so gut wie nie sportlich betätigte, hatte sie immer noch eine hübsche Figur. Nur ihre Haare, die hatte sie wirklich immer vernachlässigt. Nach dem Motto: „Wer braucht schon einen teuren Friseur?“ ging sie schon seit Jahren zum selben kleinen Salon hier im Westen, dessen Einrichtung und die Besitzerin zusammen in Würde gealtert waren. Waschen und Legen war hier noch an der Tagesordnung und den einzigen Luxus, den sie sich alle vier Wochen gönnte, war ein wenig Farbe für ihre grauen Haare. Dabei achtete sie allerdings strikt darauf, ihre Naturfarbe (ein sanftes „Straßenköter-Blond“, wie Inge es nannte) möglichst genau zu treffen, um nicht unnatürlich zu wirken.
Überhaupt war alles an ihr sehr natürlich, abgesehen von dem rosafarbenen Lippenstift kam an ihre Haut nur Wasser und Nivea. Und das war gut so! Wie verachtete sie diese aufgedonnerten Damen, die sie bei ihren seltenen Besuchen in der Innenstadt oft sah. Nein, da war sie doch lieber ganz sie selbst. Das Einzige, was ihrer Meinung nach wirklich schön an ihr war, waren ihre rehbraunen Augen, auf die sie schon oft angesprochen worden war. Nach ein paar Minuten hatte sie sich für einen knöchellangen schwarzen Plisseerock und einen langen Lurex-Pullover in Hellgrau darüber entschieden. Das hatte ihrer Meinung nach genau den etwas feierlichen Touch für so einen Geburtstagskaffee, ohne gleich übertrieben zu wirken. Jetzt noch die kinnlangen Haare durchgekämmt, die praktischen schwarzen Ballerinas angezogen, die ja wirklich zu allem passten, und sie war bereit, sich der Innenstadt zu präsentieren. Als sie gerade im Treppenhaus des schönen Altbaus im zweiten Stock stand und die Wohnungstür abschließen wollte, sagte eine ältere weibliche Stimme:
„Und so willst du also in die Stadt gehen?“
Anneliese drehte sich um, aber niemand stand im Flur.
„Du brauchst dich gar nicht umzusehen, du wirst nämlich nichts sehen!“
Oh mein Gott, jetzt werde ich wahrscheinlich auch noch verrückt und höre Stimmen! Kein Wunder, nach allem, was an diesem Tag passiert ist, dachte Anneliese und merkte gleichzeitig, wie eine Hitzewallung in ihr hochstieg. Fein, das passt ja wunderbar zu diesem denkwürdigen Tag.
„Kind, jetzt beruhig dich doch. Seit sage und schreibe 53 Jahren versuche ich, Kontakt zu dir aufzunehmen, aber du bist ja dermaßen abweisend und verschlossen, wie soll man da an dich rankommen? Ich bin ehrlich froh darüber, dass du mich endlich wahrnimmst!“
„Wie, was soll ich wahrnehmen? Hilfe!“
„Anneliese, setz dich erst mal hier auf die Treppe, die ist ja blank gebohnert und sauberer als jeder Stuhl, den ich von früher kenne, da wirst du sicher nicht schmutzig.“
Anneliese setzte sich tatsächlich, da ihr im Stehen die Knie dermaßen zitterten, dass sie Angst hatte, hier und jetzt ohnmächtig zu werden, und das schon das zweite Mal an diesem vermaledeiten Tag.
Und es war noch nicht einmal Freitag, der 13., sondern ein ganz normaler Mittwoch. Ich mach jetzt die Augen zu und versuche tiiiieeeef zu atmen: Nase ein, Mund aus, dachte sie bei sich.
„Nützt doch alles nichts, meine Süße, du wirst mich trotzdem hören. Jetzt, wo ich endlich in Verbindung mit dir gekommen bin, kann nur ich sie wieder abbrechen.“
Ich werde verrückt, war das Einzige, was Anneliese immer wieder im Kopf herumschwirrte. „Ich muss dringend zurück in die Wohnung und schnellstens nach der Telefonnummer eines Psychiaters suchen, vielleicht kann man ja gleich zu Anfang am besten was machen, solange ich noch nicht völlig durchgedreht bin.“
„Oh Kindchen, was für ein Theater, nur weil du mit deiner Großmutter sprichst. Nun beruhig dich doch endlich und hör mir zu! Danach kannst du immer noch entscheiden, ob du dich für verrückt erklären lassen willst. Das hat aber ganz schöne Folgen, das kann ich dir gleich sagen. Den ganzen Tag mit anderen verbringen, die denken, sie wären Napoleon oder sonst wer, nur weil du mich endlich hörst. Nein, das wäre ja wirklich bescheuert!“
„Okay, okay, wenn du meine Großmutter bist, dann solltest du wissen, dass du schon lange tot bist. Ich war noch klein, als du gestorben bist. Mutter hat immer gesagt, dass es schade für mich war, dich nicht gekannt zu haben, weil du eine, wie hat sie dich immer genannt? Lustige und patente Person warst!“
„Na, wenn ich nicht tot wäre, müsste ich ja wohl nicht auf diese komplizierte Art mit dir kommunizieren, dann würden wir doch wohl heute an deinem Geburtstag miteinander feiern, und zwar mit Sekt und allem Pipapo! Herzlichen Glückwunsch übrigens, und zwar nicht nur zu deinem Geburtstag, sondern auch dazu, dass du heute das allererste Mal in deinem Leben eine Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen hast. Ich dachte schon, du willst tatsächlich dein ganzes Leben in der muffigen Buchhandlung von diesem Grobian verbringen. War höchste Zeit, dass du da abgehauen bist. Jawohl! Am besten gehst du jetzt endlich los zu deinem Kaffeeplausch. Ich schwöre dir, mich erst wieder zu melden, wenn du zu Hause bist. Allerdings bekomme ich trotzdem alles mit, was du tust und sagst, das war schon seit meinem Ableben so.“
Na, das sind ja feine Aussichten, dachte Anneliese. Andererseits: Entweder sie war verrückt, oder die angebliche Großmutter hockte ihr schon immer im Nacken, wie sie sagte, dann kam’s wohl jetzt auch nicht mehr darauf an. Also raffte sie sich auf und fuhr mit dem Bus zur Stadtmitte und ging die paar Meter zum Kaffee, wo Ingrid schon aufgeregt winkend an einem der begehrten Tische am Fenster saß und mit Mantel und Handtasche den zweiten Stuhl verteidigte. Von hier hatte man einen atemberaubenden Blick auf das Neue Schloss und die Parkanlage davor. „Hallo, meine Süße!“, zwitscherte sie. „Alles Liebe zum Geburtstag. Aber sag mal: Wie siehst du denn aus? Richtig zum Fürchten!“ Wie immer saß sie gut gelaunt und elegant am Tisch. Mit einer Körpergröße von 1,78 Meter und ihren flammend roten Haaren sah sie ein bisschen wie Milva aus und zog alle Blicke auf sich. Ingrid hielt gar nichts von Natürlichkeit, was Anneliese manchmal ein wenig peinlich fand. Egal, wo man mit ihr auftauchte, schauten die Männer interessiert und die Frauen gehässig in ihre Richtung. Aber sie waren schon seit der Schulzeit befreundet und es gab wohl niemanden, der sie so gut kannte. „Danke, Ingrid, es tut doch immer wieder gut, mit dir zu plaudern“, erwiderte Anneliese etwas eingeschnappt. „Aber dafür, was heute alles passiert ist, bin ich froh, noch hier zu sein, anstatt in irgendeiner psychiatrischen Abteilung ruhiggestellt zu werden. Ich glaube, ich bestell mir jetzt erst einmal einen Cognac.“ „Um Himmels willen, Anneliese, jetzt mach ich mir aber wirklich Sorgen. Ich kenne dich jetzt seit 45 Jahren, aber so habe ich dich ja noch nie erlebt. Was ist denn so Schreckliches passiert?“ Nebenbei winkte sie einen Kellner heran und orderte zwei Cognacs, „aber bitte Doppelte und etwas zügig, wenn ich bitten darf“.
„Du wirst es nicht glauben, Ingrid: Ich habe heute Morgen gekündigt, fristlos sozusagen“, sagte Anneliese kleinlaut und mit Tränen in den Augen. „Das war eine absolute Kurzschlussreaktion! Was soll ich denn jetzt machen? Alleinstehend und mittellos!“ Da fiel selbst Ingrid kurz die Kinnklappe herunter, aber sie fing sich erstaunlich schnell wieder. „Lieschen, nun mach mal halblang: Erstens bist du nicht mittellos. Immerhin bekommst du doch noch etwas Unterhalt von deinem Ex, und zweitens auch noch Arbeitslosengeld und drittens bin ich mir ganz sicher, dass du jede Menge gespart hast, vernünftig, wie du bist!“ „Na, du bist gut! Mein Erspartes wollte ich erst antasten, wenn ich in Rente bin. Und vom Arbeitsamt bekomme ich erst in drei Monaten was, wenn ich selbst gekündigt habe! Und außerdem, und das ist das Schlimmste, höre ich Stimmen!!!“ „Stimmen, was für Stimmen denn?“
„Na ja, eigentlich nur eine! Sie behauptet, meine verstorbene Großmutter zu sein! O Gott, jetzt bin ich auch noch verrückt! Alleinstehend, verrückt und mittellos! Oh Ingrid, was soll ich denn jetzt tun?“ „Jetzt beruhigst du dich erst einmal. Ah, da kommt ja unser Cognac. So, jetzt erst mal prost, Anneliese – weg damit.“ Mit diesen Worten stürzte Ingrid den Inhalt ihres Glases in einem Zug runter, während Anneliese nach einem kleinen Schlückchen schon hüstelte. „Lieschen, jetzt machen wir erst einmal einen Plan, wie du die nächsten Tage überstehst, und dann sehen wir weiter“, meinte Ingrid ganz pragmatisch. „Du bist wirklich eine gute Freundin, Ingrid“, sagte Anneliese in weinerlichem Ton. „Aber ich glaube, diesmal kannst auch du mir nicht helfen.“ „Diesmal ist gut, wann hast du denn jemals meine Hilfe gebraucht? Ich kann mich da an nicht viel erinnern. Nicht mal während deiner Trennung warst du jemals so aufgeregt wie jetzt. Also mach jetzt nicht so ein Drama draus, wenn ich dir helfen will. Das ist doch wohl selbstverständlich. Denk mal dran, wie oft du dir meine Beziehungsprobleme anhören musstest. Ich weiß doch genau, wie oft ich dir auf die Nerven gegangen bin mit meinen nächtlichen Anrufen wegen irgendeines Kerls, dessen Namen ich drei Wochen später nicht mal mehr gewusst hab. Wenn jemand meine Hilfe verdient hat, dann du! Übrigens: Gestern Abend war ich im Theater und in der Pause habe ich die Bekanntschaft eines ganz süßen Typen gemacht. Gutaussehend, groß, schwarzhaarig …, aber lassen wir das. Ich erzähle es dir dann ein andermal. Jetzt machen wir erst einmal den Dreitagesplan. Glaub mir, das hilft immer. Die ersten drei Tage nach so einem Schock sind die schwierigsten. Erzähl mir erst einmal alles der Reihe nach, und zwar ganz genau und in allen Einzelheiten.“
Während Annelieses Bericht wurden noch jeweils zwei Cognacs geordert und der Kellner schaute schon etwas irritiert. Er hatte zwar manches Mal Damen, die sich statt Kaffee und Kuchen dem einen oder anderen Prosecco hingaben, aber Cognac – das war schon eine andere Liga – das mussten schwerwiegende Probleme sein, die die zwei da wälzten. Nachdem Anneliese alles erzählt hatte, sah sie Ingrid an: „Und, was sagst du? Bin ich verrückt, oder was? Du hattest doch mal eine längere Affäre mit diesem … Wie hieß er doch? Arndt! Der ist doch Psychiater. Meinst du, den könnten wir mal fragen?“
„Nein, den fragen wir sicher nicht, der gehört doch selbst in Therapie, wenn du mich fragst!“, antwortete Ingrid. „Wir müssen jetzt zuerst herausfinden, ob die Stimme tatsächlich deiner verstorbenen Großmutter gehört.“ „Ja, hältst du das denn für möglich?“ „Na ja, wer weiß … Also ich würde sie nach etwas fragen, das nur sie und eine noch lebende Person wissen kann. Dann gehst du da hin und voilà – schon hast du den Beweis! Aber als Erstes solltest du morgen früh zum Arbeitsamt gehen, damit hast du schon mal eine Aufgabe für den Vormittag. Das wird dir guttun.“ „Also gut, wenn du meinst. Aber jemanden zu finden, der meine Großmutter kannte und heute noch lebt, ist eher unwahrscheinlich. Sie war schließlich Jahrgang 1915. Das heißt, der- oder diejenige wäre heute schon uralt. So, und nun lass mich die Rechnung bestellen, ich lade dich ein zu dem denkwürdigsten Geburtstagskaffee meines Lebens, ganz ohne Kaffee und Kuchen“, kicherte Anneliese schon etwas angeheitert von dem ungewohnten Spirituosenverbrauch.
Als sie sich vor dem Kaffee verabschiedeten, nahm Ingrid Anneliese fest in den Arm. „Du schaffst das, glaub mir, in ein paar Wochen werden wir zusammen über die ganze Geschichte lachen. Da kommt dein Bus, steig ein und geh zu Hause gleich ins Bett, damit du morgen fit bist für den ersten Tag ohne deinen Cheftyrannen, aber mit Großmama im Schlepptau.“ Als Anneliese im Bus saß, winkten sie sich noch mal zu. „Diese Ingrid! Denkt immer, es gibt für alles eine Lösung!“ Aber irgendwie war ihr schon leichter ums Herz und als sie nach Hause kam, legte sie sich ins Bett und schlief, ohne noch einmal Großmutters Stimme gehört zu haben, ein. Vielleicht waren es doch nur meine überreizten Nerven, war ihr letzter hoffnungsvoller Gedanke an diesem Tag.

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