Humor & Satire

Gegen Störungen aller Art

Gerd Spans

Gegen Störungen aller Art

Leseprobe:

Betthupferl.

Betthupferl ist etwas Süßes im Mund beim Zubettgehen, jedenfalls etwas Ähnliches wie eine Praline. Man springt in ein Bett mit Schokolade oder mit Marzipan oder mit beidem auf der Zunge. Betthupferl können das Alleinsein versüßen, weil man eben alleine ins Bett geht.
Vorher muss man allerdings die zahnärztlichen Vorhaltungen überwinden, die ähnlich klingen: Vor dem Zubettgehen werden erst mal die Zähne geputzt. Was ist dann das Betthupferl wert? Kein Einschlafen mit dem köstlichen Geschmack auf der Zunge, die Augen schon geschlossen, bereit in Orpheus’ Arme zu gleiten. Das war doch der Sinn eines echten Betthupferls – in Orpheus’ Arme gleiten.
Fangen wir noch einmal von vorne an. Mamas Regel war: erst Zähneputzen, dann Bett. Genießen – Aufstehen – Zähneputzen – Zubettgehen, so schwierig war sie, die blöde Mama. Ich bin alleine, und da soll ein Zähneputzen mich von dem liebestollen Orpheus abhalten? Gibt es keinen Ausweg? Nicht dass die Zahnärzte das Fernsehen erfunden hätten mit den Serien von Liebe und unglücklich machender Sehnsucht, die man nur mit Schokolade überleben konnte. Oder die Klassiker der Schnulzen mit Tränengarantie, wie konnte man das überleben ohne Süßigkeiten?
Schluss jetzt. Schon früher gab es Zahnpasta und Mamas, die dazu eine dezidierte Meinung hatten. Aber Mama ist nicht da, da liegt das Betthupferl so verführerisch auf dem Kopfkissen herum und scheint zu sagen: Komm, nimm mich, ich bin so lecker, komm, nasch mich.
Der Hotelier ist schuld oder wenigstens das Zimmermädchen, das verführen will. Die Zimmerbar ist auch keine Lösung; auch da steht Mama dahinter mit dem Zeigefinger, also keinen Schlaftrunk, bevor man die Augen schließen kann. Wo ist die Lösung bei diesem Dilemma?
Sie haben die Lösung in der Hand, das Betthupferl zum Lesen. Zahnärzte brauchen nicht den Zahnbohrer aufheulen zu lassen, um Sie davon abzuhalten, eine Sünde zu begehen. Auch Mama hat keine Probleme damit. Sie kuscheln sich in die Kissen und entscheiden sich für Ihre eigene Orpheusgeschichte – nach dem Zähneputzen.



Ein Sack Reis.

Ein Sack Reis, der irgendwo in China umfällt, was keinen interessiert. Wie falsch, konnte man in der Wochenendausgabe lesen, wo es doch sonst nur Angenehmes zu berichten gilt.
Es ging um eine Firma, die Solaranlagen herstellt, sie hatte sich Geld von einer Investmentbank geliehen, konnte aber die Rückzahlungsrate nicht bedienen. Das ist doch der Fall des berühmten Sacks, den hierzulande keinen interessiert. Schon wieder falsch. Denn es kam zu vielen Säcken bei der Investmentbank, nämlich dass Firmen nicht die Raten zurückzahlen konnten. Normalerweise hat der chinesische Staat dann eingegriffen, um das Ungleichgewicht, die Summe auszugleichen – aber diesmal nicht. Vielleicht lag es daran, dass mit dieser Anleihe kein größerer Trust betroffen war. Oder aber, dass die Weltöffentlichkeit nicht so genau hinschaut, was in China so vorgeht. Die Gleichgültigkeit könnte sich rächen.
Wenn die Dominosteine fallen, dann könnte Folgendes passieren: Das hätte erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Kapitalversorgung vieler Privatinvestoren würde empfindlich getroffen und die Binnennachfrage würde einbrechen. Das würde bedeuten, dass China nur sechs statt 7,5 Prozent Wachstum hätte. Das hätte Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, auch die von Deutschland, weil wir viel exportieren, aber es nicht dann mehr könnten. Dann würde auch die Investitionsbereitschaft weltweit nachlassen, ganz ähnlich wie die Pleite von Lehman Brothers. Entscheidend wäre aber wohl, wie die westlichen Notenbanken reagieren würden.
Viele wenn, könnte, wäre tauchten in dem Wochenendartikel auf. Uns geht sehr wohl der Sack Reis in China was an. Dass er nicht umfällt, darum müssen wir uns kümmern. So ist uns noch nie klar gemacht worden, was Globalisierung bedeutet. Wir alle sitzen im gleichen Boot: der Bauer, der Reis anpflanzt, genauso wie der Arbeiter, der bei Mercedes Autos herstellt. Sie wohnen verschieden, sehen anders aus und sprechen verschiedene Sprachen, aber die Sache mit dem Sack Reis haben sie beide verstanden.



Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Ein Sprichwort, das nicht nur Ekel auslöst, sondern man kann sich richtig vorstellen, wie die Oberen sich Sachen geleistet haben, die richtig stinken. Dabei ist stinkender Fisch das Ärgste, was man sich vorstellen kann.
Hallo, aber ich hätte da einige Fragen. Elefantenkadaver, die in der Serengeti so herumliegen, müssten, weil sie sehr viel größer als Fische sind, mehr stinken und Wale liegen tot am Strand und müssten auch mehr stinken als ein kleiner Fisch. Meine Mutter hat ihre Nase ins Packpapier gehalten und gerochen, um festzustellen, ob der Fisch fangfrisch war oder schon müffelte. Dass sie den Kopf von dem Fisch vor dem Rest des Fisches eher roch, hat sie nie erwähnt. Vielleicht kommt es auch daher, weil wir zuhause den Kopf nie auf dem Teller hatten, wir aßen ihn nicht.
Wenn man das Sprichwort anders auslegen würde, „Der Fisch stinkt wie ein Fischverkäufer“, kämen wir auch nicht weiter. Da wäre auch eine Dusche die Lösung. Und ‚Der Fisch stinkt‘ würde in die falsche Richtung gehen, denn fangfrische Fische stinken nicht. Fangen wir nochmal von vorne an. Vielleicht können uns die Fischverkäufer weiterhelfen, die mit den feinen Nasen – vielleicht.
Noch mal von vorne. In Politik, Industrie oder Verbänden, die da oben Mist gebaut haben mit fatalen Auswirkungen für das gesamte System. Dafür brauchte man eine Definition leicht verständlich. ‚Der Fisch stinkt von oben her‘, wollte man sagen. Dann wurde der ‚Kopf‘ des Fisches mit in das Sprichwort hineingenommen; wissenschaftlich untermauert, weil das Hirn schneller verderblich ist, deswegen früher stinkt. Das hätte uns auch der Fischverkäufer sagen können, ungeduscht.
Dabei bleibt noch die Frage zu klären, warum eine frisch schamponierte Pudeldame sich breit in dem am Strand liegenden fürchterlich stinkenden Fisch wälzt?
Nun sind wir bei den Hunden angekommen, wo wir doch bei den Managern sein sollten, die etwas verbockt haben und nicht dafür gerade stehen wollten. Man sollte sie mit fischstinkender Brühe übergießen, damit sie von allen gemieden werden.



Mitgift.

Natürlich weiß man, was Mitgift bedeutet, aber das Wort ‚Gift‘ lässt einen schon aufhorchen: Ist da ein anderer Sinn dahinter, sind andere Auslegungen versteckt? Man kann ja nie wissen. Versuchen wir etwas über das Wort herauszufinden, im Duden beispielsweise: Mitgift (Mittelhochdeutsch: ‚mitegift‘, das Mitgegebene) oder Aussteuer, bezeichnet Vermögen in Form von Gütern und Hausrat, die eine Braut mit in die Ehe bringt. Die Mitgift ist eine kulturell festgelegte Form des Gabentausches anlässlich einer Heirat. Sie wird vom Vater der Braut an den Vater des Bräutigams oder direkt an das Ehepaar übergeben.
In Deutschland war bis ins späte 20. Jahrhundert üblich, dass junge Frauen bis zum Zeitpunkt ihrer Heirat eine Grundausstattung an Gütern für den zukünftigen Haushalt angesammelt hatten. Diese als Aussteuer bezeichneten Güter bestanden häufig aus hochwertigen Heimtextilien, Essgeschirren und anderen im Haushalt benötigten Gegenständen, die bis zur Heirat aufbewahrt wurden. Die Aussteuer wurde in Menge und Qualität bei entsprechenden finanziellen Möglichkeiten ungefähr so gewählt, dass sie bis ins hohe Alter ausreichte.
Jetzt könnte man eine Diskussion veranstalten, was sich alles geändert hat im Gegensatz zu den früheren Zeiten, als das Vermögen bis ins hohe Alter reichte, bis zur goldenen Hochzeit und darüber hinaus – bis dass der Tod euch scheidet. Da wurden im Grundbuch nicht unerhebliche Ackerflächen zur Gebietserweiterung eingeheimst. Heute bringt die Braut statt Ackerflächen Wissen mit und eigenes Einkommen auf dem eigenen Konto. Da wird vor der Ehe über Steuerklasse 3 oder 5 geredet und über Ehevertrag oder Zugewinn verhandelt. Andere Begriffe, aber es geht um die gleichen Themen. Sicherheit, versichert sein. Der Heuwagen mit den Truhen steht auf dem Hof und wartet, was die Zukunft so bringt mit dem Mann, auf den man sich eingelassen hat. Die Unsicherheit ist bis in die heutige Zeit geblieben.



IT-Liebe, der neue Himmel?

Es gibt nicht wenige, die von sich behaupten, dass sie ihren Wagen geliebt haben. Auch kann man sich vorstellen, dass ein Arbeiter, der zwanzig Jahre an seiner Maschine gearbeitet hat, sagt, dass er sie verstanden hat. Auch dass man sich in ein Glockenspiel verlieben kann, will einem noch verständlich sein. Und in eine Stimme, die auf dem Bahnsteig die Ankunft und Abfahrten ansagt? Wie ist das mit der Stimme des Navigationsgerätes, die den Weg erklärt. Liebe?
Liebe, könnte man ganz verwuschelt sagen, ist eine Verbindung von Informationen, die zu einem gewollten, zu einem positiven Ergebnis führt. Das hört sich schon ziemlich technisch an.
Jetzt denken wir mal in die Zukunft, Maschinen können denken, mitfühlen und mitleiden. Wenn sie zornig werden, beleidigt, eifersüchtig? Das versucht ein Film darzustellen, aus einer nicht allzu fernen Zukunft. Aber wie die Beziehung der Menschen zu Maschinen ist, wie sich die Psychologie im Verhältnis zwischen Mensch und Maschine verändert, wenn eine Maschine lieben lernt oder Schmerz erfährt, wie sich das Selbstbild auch des Menschen dreht, wenn Maschinen sich emanzipieren, dafür braucht es, wenn nicht die Philosophie, dann wenigstens Literatur oder Kino. Der Film heißt ‚Her‘. Er beschreibt, wie selbstverständlich ein Leben in Los Angeles ist, in dem die Technik den Menschen hilft, die Einsamkeit zu überwinden. Eine Einsamkeit, die die Technik, vielleicht oder auch nicht, erst selbst erschaffen hat.
In dem Film gibt es einen Namen „Samantha“, was ist sie, was will sie, wie sie sich entwickelt, denn sie ist Theodore, ihrem Menschen, doch so unendlich überlegen, was vor allem mit der Geschwindigkeit ihrer jeweiligen Prozessoren zu tun hat.
Wie es in „Her“ mit dem ungleichen Pärchen ausgeht, wie sie sich arrangieren und wie es uns hilft in unserer Zeit mit unseren Paarbeziehungen klar zu kommen, das bleibt unklar, aber trotzdem ist er ein formal brillanter, fast verstörend schöner Film von dem 44-jährigen Regisseur Spike Jonze.

### Sehr empfehlenswert.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-95840-502-8
Erscheinungsdatum: 09.10.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 16,90
EUR 10,99

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