Es war einmal ...

Es war einmal ...

Gerhard Wolf


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 164
ISBN: 978-3-99131-629-9
Erscheinungsdatum: 31.10.2022
Der König hat einen Auftrag von höchster Wichtigkeit für sein Volk. Es gilt, ein Spezialfensterputzmittel für die Fenster seines Palastes zu beschaffen, Wem dies gelingt, der soll eine groβe Belohnung erhalten. Zwei Brüder wagen sich an das Abenteuer heran und erleben dabei märchenhafte und tolle Dinge.
Der Weg ins Abenteuer

Von den Nadelspitzen der Fichten und von den Blättern der hohen Laubbäume entlang des Weges fielen noch vereinzelte Wassertropfen herab. Es hatte in der Nacht geregnet.
Die Sonne war gerade aufgegangen und ihre Strahlen schimmerten waagerecht zwischen den Baumstämmen hindurch. Die aufkommende Wärme ließ die am Boden herrschende Feuchtigkeit als Dunst aufsteigen. Ein intensiver, würziger Duft nach Baumharz, Holz, feuchtem Moos, modrigem Unterholz und Pilzen machte sich breit.
Alexander und Bernhard hatten ihre derben Wanderschuhe an den Füßen und windundurchlässige Jacken an. So machte ihnen die Feuchtigkeit nichts aus. Jeder von ihnen hatte einen stabilen Wanderstock in der Hand. Damit ließ es sich besser laufen. So kamen sie gut voran.
Sie liefen in Richtung Osten, also der aufgehenden Sonne entgegen. Sie waren auf dem Weg nach China!



Die sieben Zwerge

Sie waren schon sehr weit gelaufen. Die Sonne war inzwischen weit aufgestiegen und schickte ihre wärmenden Strahlen nun beinahe senkrecht auf die Erde hinunter. Die hohen Bäume ringsum spendeten jedoch einen kühlenden Schatten. So war das Wandern relativ angenehm. Zudem führte der Weg, den Alexander und Bernhard eingeschlagen hatten, stetig, aber fast unmerklich leicht bergab.
Sie kamen an eine Lichtung. Saftig grünes Gras wuchs hier, auch zahlreiche wunderschön blühende Wildblumen. Es wehte ein betörender Duft über diese freie Fläche mitten im Wald.
Es mischte sich jedoch noch ein anderer Duft darunter. Es roch nach frisch gebrühtem Kaffee und leckerem Kuchen!
Auf der anderen Seite der Lichtung erkannten Alexander und Bernhard ein flachgestrecktes Haus. Vor dem Haus, an einem langen Tisch sitzend, machten sie sieben kleinwüchsige Gestalten aus. Auf dem Tisch war eine rotkarierte Tischdecke ausgebreitet und in der Mitte stand eine große, runde Platte mit einem mit Schokolade überzogenen Rührkuchen darauf. Daneben stand eine dickbauchige Kanne, aus der dieser köstliche Kaffeeduft entwich.
Die Wichtelmänner hatten die beiden Ankömmlinge zwar bemerkt, ließen sich jedoch nicht davon abbringen, sich gegenseitig große Stücke von dem leckeren Kuchen zu reichen und sich Kaffee einzuschenken.
Alexander und Bernhard gingen bis dicht an den Tisch heran. „Seid ihr etwa die sieben Zwerge?“, fragten sie, wie aus einem Munde.
„Bingo!“, sagte einer der Zwerge und lachte dabei. „Ja, wir sind die sieben Zwerge, die man aus dem Märchen kennt“, sagte er. „Hier bei uns ist es jedoch üblich, dass man sich den Tagesgruß erbietet! Guten Morgen, ihr beiden“, fügte er hinzu.
Alexander und Bernhard stieg etwas die Schamröte in die Gesichter. Dann sagten sie auch: „Guten Morgen!“
Nun stellte sich der Zwerg selbst und alle anderen anwesenden sechs Kleinwüchsigen vor. Die nickten jeweils, wenn ihr Name genannt wurde und deuteten im Sitzen eine knappe Verbeugung an.
„Ich heiße Alexander und hier neben mir, das ist mein Bruder Bernhard“, sagte Alexander.
Die Zwerge luden die beiden Jungs zu Kaffee und Kuchen ein. Das tat gut! Bisher hatten die beiden noch keine Rast gemacht. Sie ließen sich den angebotenen Kuchen und den duftenden Kaffee gut schmecken.
„Weshalb kommt ihr denn hierher?“, fragte ein Zwerg an der anderen Seite der Tafel.
„Das ist reiner Zufall“, erklärte Alexander. „Wir laufen stets in Richtung Osten. Wir wollen nach China. Eure Lichtung liegt direkt an unserem Weg.“ Dann erklärten beide Jungs, sich gegenseitig ergänzend, weshalb sie sich auf den Weg nach China gemacht hatten.
„Da habt ihr euch ja viel vorgenommen!“, bewunderten alle sieben Zwerge den Mut der beiden Jungs.
Der älteste Zwerg erklärte ihnen, dass sie selbst kein spezielles Mittel zum Putzen der Fenster in ihrem Häuschen nutzten. Sie nähmen klares Wasser und anschließend ein altes Hemd oder einen anderen Stofffetzen zum Blankreiben.
„Jetzt habe ich auch eine Frage“, meldete sich Bernhard zu Wort, „wo ist eigentlich Schneewittchen? Ich hätte sie auch gern mal kennengelernt!“
„Ja, das ist eine lange Geschichte, aber kurz erzählt“, seufzte der erste Zwerg und die anderen sechs seufzten mit. „Es war eine wunderschöne Zeit, die wir hatten, als Schneewittchen bei uns weilte! Wir wünschten uns, sie würde immer bei uns bleiben. Stets machte sie unsere Betten, wusch die Wäsche, machte das Haus sauber und wenn wir nach getaner Arbeit nach Hause kamen, stand immer ein leckeres Essen auf dem Tisch!“ Alle anderen Zwerge nickten eifrig und bei jedem rann eine kleine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel.
„Und, warum ist sie nicht mehr hier?“, unterbrach Bernhard, „Ist ihr etwas zugestoßen?“
„Nein, nein“, beschwichtigte der älteste Zwerg. „Sie erfreut sich bester Gesundheit!“, fuhr er fort, „Schneewittchen lebt jetzt in einer großen Stadt am anderen Ende der Welt! Einmal nur war sie bisher hier, um Urlaub zu machen. Aber das ist auch schon wieder viele Jahre her“, seufzte der Erzähler erneut.
Dann erzählte der Gnom, dass der Drehstab für einen Kinofilm hier im Walde gewesen wäre. Man wollte einen Märchenfilm drehen und fand diesen Wald und diese Lichtung als Kulisse passend.
Natürlich hatten die Filmschaffenden auch das wunderschöne Schneewittchen entdeckt, aber die sieben Zwerge kaum beachtet. Der Produzent des Filmes ließ sich ausführlich von Schneewittchen erzählen, wie sie hierhergekommen war. Spontan rief er damals aus: „Aus der Story mache ich einen Film!“
Er hatte Schneewittchen die Hauptrolle in dem Film angeboten und ihr eine sehr hohe Gage zugesichert. Daraufhin hatte Schneewittchen nicht lange überlegt, denn solch eine Chance bietet sich einem wohl nicht alle Tage! Sie hatte sich sofort von den Zwergen verabschiedet und war mit dem Drehstab davongefahren. Heute lebte sie wohl in Amerika in der Filmstadt Hollywood. Sie hatte inzwischen verschieden Hauptrollen in weltweit bekannten Märchenfilmen gespielt und war ein international sehr bekannter Filmstar.

Alexander und Bernhard hatten inzwischen mit großem Appetit ihre Kuchenstücken aufgegessen. Nun tranken sie ihre Kaffeetassen leer.
„Wir müssen uns nun leider verabschieden“, sagte Alexander und Bernhard nickte sehr beifällig. „Wir haben noch einen sehr weiten Weg vor uns!“
Die beiden Jungs standen auf, umarmten die Zwerge, einen nach dem anderen, dann setzten sie ihren Weg fort. Wenn sie sich umschauten, konnten sie sehen, dass ihnen die Kleinwüchsigen noch lange nachwinkten.



Die Goldmarie

Inzwischen hatte sich die Sonne weiter auf ihren täglichen Weg gemacht und schien nun etwas von rechts, also aus Richtung Süden. Die beiden Jungs liefen tapfer und unbeirrt weiter. Der süße Kuchen und der starke Kaffee hatten in ihnen neue Energien geweckt. Sie liefen in einem recht forschen Tempo, rannten aber nicht. Es galt, die Kräfte einzuteilen.
Beide waren es ja nicht gewohnt, größere Strecken zu laufen. Der tägliche Weg zur Schule war in etwa fünfzehn Minuten zu bewältigen. Auch die anderen Wege innerhalb ihres kleinen Wohnortes, waren nicht von langer Dauer. Der Bäcker hatte seinen Laden unweit. Auch der Lebensmittelladen war nicht sehr weit entfernt von ihrem Elternhaus.
Die beiden waren stolz auf sich! Sie beschlich eine Vorfreude auf den triumphalen Empfang, den man ihnen sicherlich bereiten würde, wenn sie mit dem Spezialfensterputzmittel zurückkehren würden. Sie waren felsenfest davon überzeugt, dass es ihnen gelingen würde, zumindest die Rezeptur für dieses Putzmittel zu finden.

Sie waren plötzlich aus dem Wald getreten und vor ihnen breitete sich eine weite Ebene aus. Dicht bei dicht standen darauf halbhohe Bäume. An ihren Ästen und Zweigen hingen prächtige, rotbackige Äpfel.
Alexander und Bernhard pflückten sich jeder einen Apfel und bissen krachend hinein. Oh, waren die saftig! Beide schauten sich vergnügt an und labten sich an dem köstlichen Obst.
Sie blieben dabei aber nicht stehen, sondern gingen langsam weiter. Nach einigen hunderten von Metern war zwischen den Apfelbäumen ein großes Haus mit einem weitausladenden Torbogen davor zu sehen.
„Hier wohnt Frau Holle!“, sagte eifrig Bernhard.
„Woher willst du das wissen?“, fragte etwas ungläubig Alexander. „Hier steht nirgendwo ein Name dran!“
Bernhard beteuerte, dass er sich an eine Abbildung in seinem Märchenbuch erinnern könne. Dort habe das Haus der Frau Holle genauso ausgesehen.
Alexander wusste, dass Bernhard eine sehr gute Beobachtungsgabe und auch ein sehr gutes Gedächtnis hatte. Er hatte beobachtet, dass Bernhard sich während ihres Weges oftmals umgeschaut hatte, um sich markante Punkte einzuprägen, mit deren Hilfe er später den Heimweg leichter finden könnte.
Aus dem Haus drangen nun Geräusche und ein blondes Mädchen trat heraus.
„Das ist die Goldmarie!“, raunte Bernhard seinem Bruder Alexander ins Ohr. „Ein sehr hübsches Mädchen!“, fügte er leise hinzu und unterstrich sein Urteil mit einem übermütigen Ellenbogenstüber in die Rippen seines älteren Bruders.
Das Mädchen, das eigentlich schon eine junge Frau war, kam ihnen weiter entgegen und fragte die beiden nach ihrem Begehr.
Die beiden Jungs berichteten nun auch der Goldmarie von ihrem Vorhaben.
Die Goldmarie schaute etwas ungläubig drein.
„Ein Spezialfensterputzmittel sucht ihr?“, fragte sie. „Ich putze die Fensterscheiben hier im Haus der Frau Holle mit klarem Wasser und reibe die Scheiben mit einem weichen Lappen trocken. Der Lappen darf aber nicht fusseln!“, betonte sie.
„Unser König verlangt, dass die dreihundertfünfundsechzig Fenster seines Palastes täglich blitzblank geputzt werden. Dazu ist eine spezielle Reinigungsflüssigkeit zu verwenden, die in einem großen Fass im Keller des Palastes gelagert wird. Nun geht dieser Vorrat spürbar zur Neige! Deshalb suchen wir Nachschub in China!“, erklärte Alexander geduldig.
Alexander und Bernhard erwähnten nun beiläufig, dass sie auch bei den sieben Zwergen vorbeigekommen waren.
„Bei den sieben Zwergen wart ihr!“, staunte die hübsche Goldmarie. „Wohnen sie immer noch auf dieser idyllischen Lichtung mitten im Wald? Ist Schneewittchen noch bei ihnen?“
Die beiden Jungs erklärten ihr, was sie beobachtet und gehört hatten.
„Ein berühmter Filmstar ist sie jetzt also!“, staunte Goldmarie. „Davon habe ich bisher nichts gehört! Hier gibt es ja auch weit und breit kein Kino und auch eine bunte Illustrierte kommt nicht bis hierher!“, bedauerte sie.
Um das Gesprächsthema zu wechseln, fragte Bernhard: „Funktioniert eigentlich noch der Torbogen hier?“ Er zeigte mit dem Finger nach oben.
„Ach was!“, winkte die Goldmarie ab. „Hier ist alles nicht mehr das, was es früher einmal war!“
Dann berichtete sie, dass von dem Torbogen weder Goldmünzen herunterrieselten, wenn ein fleißiger und redlicher Mensch darunter hindurchschritt noch dass schwarzes, klebriges Pech heruntertröpfelte, wenn ein Faulpelz hindurchging. Auch die Federbetten der Frau Holle könnte man schütteln, so kräftig man auch wollte, es käme kaum noch Schnee heraus.
„Stimmt, es gab schon lange keinen Winter mehr mit so viel Schnee, dass er zumindest für eine zünftige Schneeballschlacht getaugt hätte! Geschweige denn zum Rodeln oder gar um einen Schneemann zu bauen!“, bestätigte Alexander.
„Die Frau Holle ist inzwischen eine sehr alte Frau geworden und ihre einst so prall und rund gefüllten Federbetten sind vom vielen Schütteln so erbärmlich dünn geworden, dass kaum noch Schneeflocken herauszuschütteln sind!“, klagte die Goldmarie. „Seht euch doch an, wie das einst so schöne Haus der Frau Holle aussieht! An vielen Stellen fehlt der Putz an der Fassade. Die Fenster müssten mal wieder gestrichen werden. Die Scharniere der Türen quietschen, weil sie lange nicht geölt worden sind!“
Die Goldmarie meinte, dass dringend ein Handwerker kommen müsste, um die Reparaturen im und am Haus durchzuführen, die sehr nötig geworden waren. In der Küche tropfte zum Beispiel der Wasserhahn stetig und zwar so laut, dass man oft in der Nacht von diesem Geräusch aus dem Schlaf gerissen wurde. Auch der nicht weit entfernte, große, gemauerte Backofen aus dem früher die Brote riefen, dass sie fertig gebacken seien und man sie herausziehen möge, funktionierte nicht mehr richtig. Entweder waren die Brote „klietschig“ oder die Kruste war total verbrannt. So würde man dort auch kein Brot mehr backen. Zum Glück gab es weitab eine Brotfabrik, von der ab und an ein kleines Fahrzeug kam, um Brot auszuliefern. Lediglich die Apfelbäume wuchsen weiter und würden laut rufen, wenn die Äpfel so reif waren, dass man sie pflücken müsste.
„Und, was machst du mit den vielen Äpfeln?“, fragte Alexander.
„Ich hatte eine gute Geschäftsidee und habe sie erfolgreich in die Tat umgesetzt“, sagte, nicht ohne Stolz, die Goldmarie.
Dann erzählte sie, dass sie am Anfang die geernteten Äpfel mit großen Körben in die nächste Stadt getragen und dort auf dem Markt verkauft hatte. Das sei ihr aber auf die Dauer zu viel Arbeit mit verhältnismäßig kleinem Nutzen gewesen. Zudem waren die Äpfel während des Transports oft aneinander gestoßen und hatten dann hässliche, braune Flecken gehabt. Solche Äpfel wollte dann auf dem Markt keiner mehr kaufen. So war sie dann letztendlich auf die Idee gekommen, aus den Äpfeln leckeres Apfelmus zu kochen, in Gläser zu füllen und dann in großen Posten an Bäckereien zu liefern, die damit bestimmte Kuchen backten oder Pfannkuchen damit füllten. Auch Lebensmittelhändler würden bei ihr große Stückzahlen an Gläsern mit Apfelmus für ihre Ladenkunden ordern.
„Und die Pechmarie hilft dir dabei?“, interessierte sich Bernhard.
„Die alte Frau Holle sitzt tagein tagaus in ihrem hohen Ohrensessel und schaut aus dem Fenster. Die faule Pechmarie sitzt daneben. Nur wenn das Telefon läutet, notiert sie die Bestellungen für Apfelmus“, seufzte die Goldmarie. „Sonst ruft ja hier niemand an!“
Die Goldmarie bot den beiden Jungs an, hier im Haus zu übernachten. Beide lehnten jedoch dankend ab. Sie wollten sich nicht von einem tropfenden Wasserhahn um den verdienten Schlaf bringen lassen. So liefen sie alsbald weiter.



Ali Baba und die vierzig Räuber

Bald hatten sie die weite, mit Apfelbäumen bestandene Ebene hinter sich gelassen. Vor ihnen erstreckte sich nun ein leicht ansteigendes, hügeliges Land. Am Horizont konnte man sogar felsige Berge erkennen.
Die Sonne hatte sich inzwischen Richtung Süden weiterbewegt und stand nun flach über dem Horizont. Ihr Schein hatte sich in ein flammendes Rot verändert. Damit wurden die sich vor Alexander und Bernhard ausbreitenden, schroffen Felswände gigantisch angestrahlt. Sie sahen beinahe aus, wie eine breite Feuerwand. Begeistert beobachten Alexander und Bernhard dieses beeindruckende Naturschauspiel.
Etwas oberhalb des Massivs erkannten sie ein gewaltiges Felsplateau und dort auch den Eingang zu einer Höhle. Ein steiler, breiter Weg führte nach dort oben.

Als die beiden ein wenig außer Atem dort oben angekommen waren, bemerkten sie etliche Männer, die sich vor dem Höhleneingang zu schaffen machten.
Schnell versteckten sich Alexander und Bernhard in einer schmalen Felsnische und beobachteten von dort aus zunächst das Geschehen. Sie zählten vierzig Männer. Einer von ihnen, es schien ihr Anführer zu sein, war sehr wohlbeleibt und trug einen dicken Turban auf dem Kopf. Am Kinn wucherte ein üppiger Rauschebart und in seinem Gürtel steckte ein riesiger Krummsäbel.
Natürlich hatten diese Männer die Ankunft der beiden Jungs längst bemerkt. Zwei von ihnen hatten sich von hinten angeschlichen und sich dann auf Alexander und Bernhard gestürzt, ihnen die Arme auf den Rücken gedreht und die Handgelenke in Fesseln gelegt. Dann wurden sie aus ihrem Versteck gezogen und auf das Plateau gedrängt.
Der Anführer betrachtete die beiden Jungs sehr aufmerksam. Dann verzog sich sein Mund zu einem breiten Grinsen.
„Nehmt ihnen die Fesseln ab!“, befahl er. Dann befragte er Alexander und Bernhard, wie und weshalb sie beide hierhergekommen seien.
Erneut erzählten die beiden nun ihre Geschichte und schilderten auch die Begegnungen, die sie auf ihrem Weg bisher hatten. Der Anführer und auch die anderen Männer hörten sehr aufmerksam zu, dann nickten sie sichtlich beeindruckt mit ihren Köpfen.
Besonders beeindruckt schienen sie vom Ansinnen der beiden Jungs, die zu erwartende Geldprämie für die Beschaffung des Spezialfensterputzmittels ihren Eltern geben zu wollen, um sich damit für deren jahrelange, gute Erziehung, deren liebevolle Fürsorge, gute Ernährung und ordentliche Kleidung zu bedanken.
Die Männer waren alle sehr elegant gekleidet und trugen Maßanzüge und Seidenkrawatten zu den strahlend weißen Business-Hemden darunter. Nur der Anführer trug diese seltsame Tracht.
Der Anführer stellte sich nun als Ali Baba vor und stellte dann dar, dass sie alle einst Ali Baba und die vierzig Räuber gewesen waren. Es war ihnen aber in den letzten Jahren immer schwerer gefallen, Postkutschen zu überfallen, in Häuser einzubrechen, Leute zu bestehlen, um sich mit Geld und wertvollem Schmuck zu bereichern. Überall gab es jetzt Alarmanlagen und Sicherheitsdienste. Sie hatten inzwischen auch selbst die Vorrichtung zum sicheren Verschließen der eigenen Höhle gewechselt. Man musste nicht mehr rufen „Sesam öffne dich!“ oder „Sesam schließe dich!“. Jetzt reichte es, dass man einen Zahlencode eintippte, um das große, gepanzerte Tor zum Öffnen oder Schließen der Höhle in Bewegung zu setzen. Zum anderen hatten sie keinerlei Bargeld oder wertvolle Schmuckgegenstände mehr in ihrer Höhle. Die Höhle diente nur noch als Treffpunkt und Festsaal. Ihr Geld verdienten sie jetzt anderweitig. Sie hatten eine Bank gegründet. Die Ali-Bank! Sie nutzten nun Spareinlagen ihrer Kunden für die Durchführung sehr gewinnbringender, schneller Geldgeschäfte. Sie gaben auch Kredite aus und erwirtschafteten sich mit den üppigen Zinsen Riesengewinne. Das war viel einträglicher als ihre früheren Raubzüge. Es war auch viel bequemer und vor allem wurde man nicht mehr als Räuber verfolgt. Jetzt saß man in klimatisierten Büros, hatte eine hübsche Sekretärin und wurde von allen Menschen geachtet und freundlichst gegrüßt. Sogar von der Polizei!

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