Cover: Ein Paar ungewöhnliche Schuhe

Ein Paar ungewöhnliche Schuhe


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 136
ISBN: 978-3-7116-1118-5
Erscheinungsdatum: 04.03.2026
Was haben Menschen, Fabelwesen und ein Kater aus Grimms Märchen gemeinsam? Sie tragen Schuhe. Wie würden sie ihre Geschichten selbst erzählen? Eine satirische, leicht düstere Neuinterpretation einst kinderfreundlicher Märchen.
Ein Rattenheer, wie lange flötet er?

Es war einmal ein Paar außergewöhnliche Schuhe. Diese konnten wie du und ich reden. Hören konnte ein Mensch sie leider nicht.
Denn Menschen, müsst ihr wissen, fehlt dafür das Kleingefühl. Ansonsten würden sie auch mit Tieren und Pflanzen reden können, und wenn sie diese erst verstehen könnten, dann würden sie diese armen Geschöpfe vielleicht besser behandeln. Ach stimmt ja, solche Wesen existieren bereits, nennt man auch umgangssprachlich Frauen. Dennoch haben die Menschen ihren eigenen Charme und auch eine Daseinsberechtigung … zumindest in dieser Geschichte.
Diese außergewöhnlichen Schuhe brauchten nämlich stets einen Besitzer, der sie trägt. So ist das wohl, wenn man ein außergewöhnlicher Gegenstand ist, einfach existieren und auf sich allein gestellt sein, das wäre ja zu einfach.
Na ja, weiter in der Geschichte … Die Schuhe hopsten an einem wunderschönen Nachmittag auf einem in Sonne getauchten Waldweg zur fröhlichen Musik … gefolgt von Tausenden von Ratten, geradewegs auf eine Klippe zu. Ehm ja, Erzähler, mach’ du weiter.

Ich glaub’, du bist nicht mehr ganz dicht,
so erzählt man diese Geschicht’…
Es war einmal ein Paar Schuhe,
diese hatten ihren eigenen Sinn.
Sie wollten einen Träger mit viel Ruhe,
doch diese Geschichten
erinnern uns an die Gebrüder Grimm.
So zogen sie los, um die Ratten zu bezwingen.
Der Flötenmeister jedoch wollte diese umbringen.
Und so sehen wir ihnen nun zu,
was machen wohl jetzt die Schuh?

Der rechte Schuh fragte: „Sag mal, jetzt, wo er alle Ratten dazu gebracht hat, ihm zu folgen … was will er dann mit ihnen machen?“
Darauf antwortete der linke Schuh: „Na ja, wenn ich mir die Schilder so ansehe, an denen wir vorbeikommen, würde ich meinen, dass er sie geradewegs zur Klippe führt.“ Völlig schockiert und aufgebracht sagt der rechte Schuh: „Das können wir doch nicht zulassen, das ist grausam! Was haben die Ratten denn Schlimmes getan, dass die Menschen so einen Hass auf sie haben?“ Der linke Schuh denkt kurz darüber nach und antwortet seelenruhig: „Weiß nicht, vielleicht klauen sie zu viel Essen, beißen die Haustiere und Menschen, welche dann durch Krankheiten sterben, oder räumen ihre Hinterlassenschaften nicht weg. Menschen regen sich doch über alles Mögliche auf, also kann es einiges sein.“ Der rechte Schuh starrt sie etwas skeptisch an: „Ich finde das trotzdem viel zu extrem … Manchmal bist du echt emotionslos, selbst wenn jemand nicht der Netteste auf der Welt ist, sollte man dennoch nicht gleich denjenigen verurteilen oder zu einer Schlucht führen!“ „Ja, vielleicht fehlen mir die Emotionen, aber stell’ dir vor, auch ich finde es etwas zu extrem, gleich jemanden zu töten, nur weil man seine Gesellschaft nicht mag. Richtig dramatisch.“, sagt der linke Schuh dazu und pfeift daraufhin den Ratten zu. Diese reagieren nicht. Warum auch, wenn die Musik gut ist, würde ich auch jeden ignorieren, der mir die Stimmung vermiesen will. Auf jeden Fall brüllt sie daraufhin nach hinten: „He, ihr Ratten! Warum folgt ihr überhaupt der Flöte? Merkt ihr nicht, dass ihr geradewegs auf eine Klippe zurennt?!“
Abgesehen von den vorderen Ratten wird der linke Schuh von den anderen ignoriert. Verständlich. Wie gesagt, gute Musik und man kann alles und jeden ignorieren. Also, wo waren wir … ah ja, die Ratten. Die Ratte, die ihr am nächsten ist, antwortet wie in Trance: „Diese Melodie ist so wunderschön. Eine Klippe, sagst du? Diesen Klängen werde ich ohne zu zögern in den Tod folgen, denn sie erfüllen mich mit einer Freude, die ich so noch nie erlebt habe.“ … Ja, ein gutes Gefühl, aber gleich sterben ist doch etwas übertrieben. Auch der rechte Schuh stimmt mir da zu und brüllt so laut, dass seine Stimme bricht: „Hergottsakramentnochmal! Ihr rennt auf eine Klippe zu, ihr werdet nicht nur theoretisch sterben!“
Die Ratten reagieren nicht darauf und laufen weiterhin verträumt hinter der Flöte her.
„Was machen wir denn jetzt?!“, fragt der rechte Schuh verzweifelt.
Der linke Schuh denkt nicht groß nach und handelt direkt. Sie stolpert über einen Stock, der auf dem Weg liegt, kurz vor der Klippe, und … oh ja, das wollt ihr nicht sehen. Aber als Erzähler muss ich es euch ja sagen.
Der Mensch stolpert über den Stock, die Flöte lässt er aus Schock los und … da fliegt er im hohen Bogen die Klippe herunter. Ob er es überlebt hat? In einem Märchen ist doch alles möglich, also macht euch keine Gedanken darüber.
Natürlich schaffen die Schuhe es, sich rechtzeitig von den Füßen des Flötenmeisters zu befreien. Bei dem rechten ist es etwas knapp, aber der linke Schuh hat schon damit gerechnet und hält ihn an der Hacke fest.
Die Ratten bleiben abrupt stehen, da die gute Musik aufgehört hat.

So verzweifelt auch der eine Schuh sein mag.
Dem Anderen fällt ein Stock ins Aug an diesem Tag.
Er läuft geradewegs darauf zu und
nun stolpert auch der andere Schuh.
Der Mensch, er fällt, oh weh!
Was macht er denn nur mit seinem großen Zeh?
Er klammert sich an den linken Schuh,
doch dieser lockert sich im Nu.
Dem rechten weiß nicht, wie ihm ist,
er fühlt sich hintergangen von dieser List.
Doch auch er, um es kurz zu fassen,
hat nun seinen Fuß schnell genug verlassen.
So stehen sie an der Klippe
und der linke Schuh posaunt ein fröhliches „Bidde!“
Der rechte Schuh ist dem Geschehen bereits abgewandt,
der linke Schuh jedoch schaut dem Fall
des Menschen hinterher gebannt.

Der rechte Schuh ist sichtlich wütend. Sagen wir mal lieber angepisst, aber nicht wortwörtlich. „WAS ZUM … WARUM … SAG MA’ HACKT’S BEI DIR?!“, brüllt er den linken Schuh an. Der linke Schuh lässt sich von seinen Emotionen nicht beeindrucken und antwortet recht fröhlich, was vielleicht bedenklich ist, wenn man mich fragt: „Ja, sein Zeh hätte mich beinahe mitgenommen, aber dem bin ich nochmal entkommen.“ Daraufhin hopst sie etwas umher.
Nochmal als kleine Erinnerung für die Urteilenden unter euch: Solche Extremsituationen können zu „unnatürlichem“ Verhalten führen. Ich bin kein Spezialist und kann euch auch nicht mit medizinischem oder biologischem Hintergrundwissen beglücken, aber in unangenehmen Situationen zu lachen, ist normaler, als ihr denkt.
Das ist noch kein besorgniserregendes Verhalten, also weiter in der Geschichte.
Der rechte Schuh ist genauso erstaunt wie ein paar von euch und schreit ungläubig: „SAG MA … DIR IST AUCH NICHT ZU HELFEN! WARUM HAST DU DAS GETAN?!“
Daraufhin antwortet der linke Schuh selbstverständlich: „Du hast gefragt: ‚Was machen wir jetzt?‘ und ich hab’ halt was gemacht, um die Ratten zu retten.“ Der linke Schuh hat den rechten sehr gut nachgeahmt.
Was dem rechten Schuh missfällt, er kann seinen nicht vorhandenen Ohren kaum glauben und brüllt: „UND DA DACHTEST DU, IHN DIE KLIPPE RUNTERSTÜRZEN LASSEN SEI BESSER?!“ Der linke Schuh denkt kurz nach und sagt sehr überzeugt: „Nun ja … ja. Du warst nur hysterisch und ich hab’ dann eben reagiert. Selbst wenn wir was anderes gemacht hätten, damit er aufhört zu spielen, ich bezweifle, dass er die Ratten wieder gehen lassen hätte. Ich sag’ ma’ so, nur der Ton macht die Musik und jetzt ist er nun mal verstummt.“
Der linke Schuh grinst etwas aufgrund seines schlechten Wortspiels und der rechte Schuh schluckt seinen nächsten Wutausbruch runter und antwortet gefasster als zuvor darauf: „… Irgendwie hast du ja recht, aber gleich SO zu reagieren. Das war nicht richtig von dir. Ich werde dir das nochmal verzeihen … Aber ab sofort sprechen wir erst, bevor wir handeln. Einverstanden? Und außerdem macht das Sprichwort in dem Kontext keinen Sinn.“
Natürlich konnte er es nicht auf sich sitzen lassen, hätte ich aber auch nicht gekonnt.
„Von mir aus reden wir nächstes Mal, wenn wir in Millisekunden handeln müssen. Das Sprichwort hat auf jeden Fall Sinn ergeben, schließlich spielt er jetzt keine Flöte mehr“, antwortet der linke Schuh schnippisch.
Der rechte Schuh steht wieder kurz vor dem nächsten Ausbruch und sagt: „Du bist unfassbar manchmal … Und …“
Während die Schuhe sich unterhalten, stehen die Ratten hinter ihnen und hören gebannt zu, bis die vordere Ratte sie unterbricht.
„… Ich will euch eigentlich nur im Namen unserer Gemeinschaft danken. Hättet ihr nicht so schnell gehandelt, dann wären wir jetzt am Fußende dieser Klippe gelegen, anstelle von diesem Menschen.“
Der linke Schuh antwortet fröhlich: „Gern geschehen!“
Der rechte Schuh schaut den linken an und sagt seufzend: „… ja, haben wir gerne gemacht …“
Eindeutig nicht, aber wäre auch sehr unhöflich, den Ratten zu vermitteln, dass man sie beinahe hätte sterben lassen.
Die Ratten verbeugen sich und ein Teil dreht sich bereits um, da hält der linke Schuh sie davon ab.
„Wartet! Kennt ihr vielleicht einen Menschen, der ein neues Paar Schuhe braucht?“
Die Ratten schauen sich verwirrt an und fangen an zu tuscheln. Manche haben gar nicht gehört, was der linke Schuh gesagt hat, weil sie zu weit hinten stehen. Daher fragen sie einander, ob sie wissen, um was es geht. Das Getuschel ist mittlerweile so laut wie ein Lkw.
„He, wir haben unseren Besitzer für euch gerade geopfert, da könntet ihr schon …“, setzt der linke Schuh, so laut es geht, an, bevor er vom rechten unterbrochen wird.
„SAG MA! Du kannst sie doch nicht dafür verantwortlich machen! Das war alleine d …“
Die Ratte unterbricht sie direkt, da sie nicht noch einmal den Streitereien der Schuhe zuhören will. Die anderen Ratten sind sichtlich erleichtert. Ganz ehrlich, ich auch …
„Schon gut, kein Grund, sich wieder zu streiten. Nun ja, ins Dorf solltet ihr jetzt lieber nicht mehr zurück. Aber es gibt einen Jäger, der wohnt südwestlich von dem Dorf. Er hat dort eine kleine Waldhütte und letztens erzählte er davon, dass er sein Fenster reparieren müsste, also werdet ihr ohne Probleme heute Nacht hineinkommen. Laut ihm ist das Dorf wohl knapp eine Stunde entfernt. Aber er besitzt auch ein Maultier.“
Der rechte Schuh wundert sich über diese Aussage der Ratte und stellt gleich mehrere Fragen: „Woher weißt du das alles? Und wo liegt überhaupt Süden? Gibt es keinen direkten Weg? Und warum bitteschön sollen wir nicht in die Stadt zurück?“
Der linke Schuh wundert sich wiederum über die Fragen des rechten Schuhs und gibt ihm eine ausführliche Antwort.
„Dein Ernst? Man merkt, dass du wesentlich später als ich verwunschen wurdest … Wir befinden uns gerade Richtung Westen, siehst du den Sonnenuntergang vor uns? Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steht sie zur Mittagszeit, da wir uns auf der Nordhalbkugel befinden, und im Westen geht sie unter. Auf der Südhalbkugel wechselt der Süden mit dem Norden, logischerweise.“
Den unterschwelligen Diss nicht beachtend, fragt der rechte Schuh: „Ah. Und wie findet man Norden?“
„Da musst du dem Polarstern folgen, den findest du in der Nähe vom Großen Wagen, welcher wiederum beim Großen Bären ist und …“
Während der linke Schuh dem rechten die verschiedenen Himmelsrichtungen erklärt, werden die Ratten ungeduldig.
Einige der hinteren rennen bereits zurück, manche sind sich noch unschlüssig und eine schubst die vordere Ratte, damit sie die Schuhe unterbricht.
Die Ratte ist sichtlich genervt und unterbricht sie, damit sie alle endlich nach Hause können: „Ihr müsst von hier nach links gehen, am besten schräg zwischen der Klippe und dem Dorf entlang. Dann müsste irgendwann ein Pfad kommen und dem folgt ihr, da stehen auch Schilder zum Nadelwald. Da hat er seine Hütte. Ich weiß so viel, da wir überall im Dorf vernetzt sind. Ich habe unzählige Verwandte und wenn wir uns treffen, erzählen wir uns die neuesten Neuigkeiten über die Menschen. Warum, fragst du dich bestimmt?! Damit wir einfach an Essen kommen und unsere Metropole dort weiter aufbauen können und rate nochmal: Wir übertragen Krankheiten, die dafür sorgen werden, dass die Stadt uns gehört! Ist es unsere Schuld?! Nein! Wir sind den Menschen so ähnlich, dennoch wissen wir, dass zu viele von uns auch viel Dreck verursachen. Die Menschen werfen ihren Dreck raus und wundern sich dann, warum alles um sie herum stinkt und wir in Massen tagsüber zu sehen sind. Unsere Verstecke sind voll mit ihrem Dreck! Wir lassen uns das nicht mehr bieten! Ihr könnt gerne mitkommen, aber einen neuen Besitzer werdet ihr nicht finden. Zumindest keinen, der euch dann noch trägt. Die ersten sind bereits krank und haben angefangen, die anderen anzustecken. Pest nennen sie es und die Überlebensrate ist sehr niedrig. Wir nennen es „evolutionäre“ Selektion. Ihr könnt es ruhig verhindern, aber ein Stolpern bringt euch hier nicht weiter!“
Die Ratte macht kehrt auf ihrem Absatz, rennt beinahe los, aber dreht sich dann doch um und sagt: „Was immer euer Problem miteinander ist, löst es und noch einen schönen Abend!“
Die Ratten rennen nun davon und die Schuhe sind sichtlich schockiert von dieser Offenbarung der Ratten. Sie starren ihnen hinterher und schweigen für eine Weile.
Der rechte Schuh sagt, nachdem er sie nicht mehr sieht und sich einigermaßen sicher fühlt: „Ehm … du. Irgendwie war die Ratte ein richtiger Schuft. Ein Bösewicht, wie er im Buche steht.“
„Ja … jetzt tut mir unser alter Besitzer leid. Hätte nicht gedacht, dass was so Kleines, Süßes so aggressiv sein kann. Voll die Arschloch-Ratte.“
„Mmmh … na dann auf zum Jäger?“ „Ja. Hört sich wie die beste Option an.“ So laufen sie los und folgen der Wegbeschreibung der Ratte zur Hütte des Jägers.

Ojemine ojemine, die Ratten und
die Menschen tun sich wohl gegenseitig weh.
Welch ein Hass dort wohl entstanden mag,
den Schuhen scheint dies viel zu arg.
Die Ratten schien wehrlose Opfer in
dieser Geschichte zu sein,
doch so sehr trügt nun der Schein.
Selbst die Schuhe sind sich einig und
ziehen fort in Richtung Süden.
Hoffentlich weit weg von dem Dorf,
was sich dem Unglück scheint zu fügen.



Wie lange ist der Jäger ihr Träger?

Die Schuhe laufen einige Stunden, währenddessen fragt der rechte Schuh den linken aus über ihre Kenntnisse von den Himmelsrichtungen und sie erzählt ihm alles, was sie weiß, auch die Sternbilder erklärt sie dem rechten Schuh, bis sie an die kleine Hütte mit dem offenen Fenster kommen. Drinnen hören sie ein lautes Schnarchen. Sie überlegen sich, wie sie hineingelangen können.
Der linke Schuh fragt: „Hast du einen Plan, wie wir durch dieses Fenster kommen können?“
Als hätte er darauf gewartet, antwortet er: „Tatsächlich fällt mir gerade was ein, ob es funktioniert, ist eine andere Frage.“
„Und? Willst du mich einweihen in deinen Plan?“, fragt der linke Schuh interessiert.
„Wir können uns doch der jeweiligen Größe des Fußes anpassen und problemlos uns auch vom Fuß lösen. Schon mal versucht, dich ohne Fuß zu vergrößern oder zu verkleinern?“, erklärt der rechte Schuh seine Theorie.
Amüsiert sagt der linke Schuh: „Ahhhh. Ja dann, du fängst an.“
Der rechte Schuh nimmt etwas Abstand und versucht, sich zu vergrößern. Der linke schaut belustigt zu. Der rechte bläst sich auf und hält die Luft an, doch es passiert nichts, außer dass er die Farbe wechselt zu einem leichten Rot. Der linke Schuh lacht ihn daraufhin aus.
Beleidigt sagt er: „Dann mach du es doch! Wenigstens hatte ich einen Plan, es hätte auch funktionieren können!“
Immer noch am Lachen, versucht sie ihm zu erklären: „Die Idee war echt nicht schlecht, aber es tut mir leid, dich zu enttäuschen … So etwas können wir nicht. Denkst du echt, dass, wenn ich das gekonnt hätte, ich es dir nicht gesagt hätte? Oder dass wir dann stundenlang durch den Wald spazieren würden, anstatt einen großen Schritt zu machen? Die Dinge, die ich mit unbegrenzter Größe alle tun könnte …“ Sie schweift ab in ferne Gedanken, die bestimmt nichts Gutes beinhalten. Vermute ich zumindest.
Er unterbricht ihre Träumereien und fragt frustriert: „Was machen wir dann jetzt?“
Nachdem sie wieder in der Realität angekommen ist, erklärt sie ihm ihren Plan: „Wir machen etwas ganz Einfaches. Anstatt uns die derzeitig nicht vorhandenen Schnürsenkel darüber zu zerreißen, wie wir durchs Fenster kommen, klopfen wir einfach gegen die Tür.“
Völlig entgeistert schaut der rechte Schuh sie nun an.
„Warte, WAS?! Aber dann sieht er uns!“
Er wird von ihr noch rechtzeitig unterbrochen. Ansonsten müssten wir uns jetzt wahrscheinlich ein Streitgespräch von mehreren Seiten durchlesen.
„Bevor du dich jetzt unnötig aufregst, lass mich den Gedanken kurz einmal ausführen. Wir stellen uns rechts neben die Tür. Ich trete kurz dagegen. Er wird aufwachen und wahrscheinlich mit seinem Gewehr fragen: ‚Wer ist da?‘. Keiner antwortet. Er öffnet dann die Tür und wird sich umsehen und dann sieht er uns und sagt: ‚Solche schönen Stiefel habe ich lange nicht mehr gehabt‘. Und schon sind wir drinnen.“
Ich bin gespannt, ob der Jäger sich wirklich so anhört oder sie ihn dümmer dargestellt hat, als er sein wird. Vorurteile hat sie ihm gegenüber auf jeden Fall.
Ihre Erklärung scheint plausibel genug für den rechten Schuh zu sein. Für mich nicht wirklich, aber sehen wir mal, was passiert.
„Na gut … ich hoffe, du hast recht.“
Die Schuhe stellen sich neben die Tür. Der linke holt aus und tritt mit voller Wucht dagegen. Das Schnarchen wird abrupt beendet und von drinnen hört man ein ‚Wer ist da?‘. Na schön, sie hat ins Schwarze getroffen mit ihrer Nachahmung.
Man hört ein Klicken und Schritte, die sich der Tür nähern. Die Tür wird aufgerissen und dahinter steht ein im Schlafhemd gekleideter Mann mit einem Gewehr in der Hand, der sich nun in der Tür umschaut. Er macht einen Schritt vor und schaut blitzartig um die Ecke. Er sieht keine Bedrohung und sichert das Gewehr wieder.

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