Humor & Satire

Du haben Zeit

Mara Mate

Du haben Zeit

Leseprobe:

31. August 2014

Mara sitzt auf der Veranda ihres für 4 Wochen gemieteten Appartements in Kreta. Ihr ist zum Weinen zumute. Vor ihr steht die Kanne mit dem halben Liter Weißwein, welchen sie von Manolos Taverne nach dem Abendessen mitgenommen hat. Sie hat noch nicht einen Schluck des trockenen, sehr guten Weißweines genossen. Stattdessen hat sie das ebenfalls bestellte Mineralwasser zum Essen leer gemacht und dann fluchtartig die Taverne verlassen. Mit dem Wein und einem Weinglas. Warum? Mara weiß es selbst nicht so genau. Dabei hat alles so gut begonnen.



Februar/März 2014

Mara wird nach einem sonntäglichen Nachmittagsschläfchen munter. Sie hat eine Eingebung. Bevor sie in den Schlaf versunken ist, hat sie darüber nachgedacht, was sie wohl am besten machen kann, um ihrem Alltag zu entfliehen. Sie fühlt sich matt, ausgelaugt, müde. Nichts funktioniert, was sie gerade angreift. Alles ist schiefgegangen in den letzten Monaten und dieser Lauf will zu keinem Ende kommen. „Ich brauche ein Zeichen“, dachte sie beim Einschlafen.
Als sie aus ihrem Nickerchen erwacht ist, hat sie es gewusst. Ein Monat Auszeit, in Griechenland, im September. Als hätte ihr es jemand im Traum geflüstert und beim Aufwachen in ihr Bewusstsein gehaucht. „Aha“, denkt sie, „gar keine miese Idee. Na, schau ma einmal …“, dann ist dieser Gedanke wieder weg.

Wiedergekommen ist dieser Gedanke im Zuge des Mitarbeitergespräches mit ihrer Chefin einen Monat später. Das Mitarbeitergespräch läuft überraschend gut und die Chefin ist voll des höchsten Lobes über ihre Arbeit. Auch die dazugehörige Prämie für 2013 ist entsprechend hoch ausgefallen. Als die Chefin zum Abschluss des Gespräches fragt, ob Mara irgendwelche Wünsche hätte, ist es einfach so aus ihr herausgesprudelt. Ohne dass sie sich das vorher überlegt hätte oder ein Plan dahinter gesteckt hätte. „Ja“, sagt Mara, ohne zu zögern. „Ich hätte tatsächlich einen Wunsch. Ich möchte mir bitte den ganzen September Urlaub nehmen.“ Die Chefin sinkt in ihrem Sessel nach hinten und sieht Mara fassungslos an: „Was? Wieso? Was hast du denn vor?“ „Ich möchte gerne für ein Monat nach Griechenland fahren. Ganz alleine. Abschalten, Ruhe haben. Sieh es einfach als Burn-out-Vorbeugung. Mir gehen die Leute rundherum alle auf die Nerven, ich habe es satt, ständig zu reden. Ich bin ausgelaugt, es macht mir zurzeit keinen Spaß. Ich will nicht mehr. Ich will meine Ruhe haben, ich kann nicht mehr. Ich merke selber, wie ich immer ungehaltener und unfreundlicher werde. Es ist ein Wunder, dass sich kein Kunde über mich beschwert. Mir geht alles am Arsch!“ Maras Chefin sieht sie ungläubig an: „Da kann ich dir aber feedbacken, dass ich keine einzige Rückmeldung dieser Art habe und dass ich das nicht bemerkt hätte.“ „Ja, ich bin eine gute Schauspielerin, aber mir geht seit Monaten nichts von der Hand. Ich habe das Gefühl, festzustecken, und ich bin unendlich genervt von der Allgemeinsituation. Ich glaube, das wird mir total viel bringen.“ Mara ist selber sehr überrascht über die Wendung dieses Gespräches. War das wirklich sie, die diese Worte ausgesprochen hat? „Wo kommt das denn her?“, denkt sie. Während sie selbst noch überrascht ist, meint die Chefin. „Tja, wenn du noch so viel Urlaub hast und wenn es von den Kollegen her geht, dann habe ich nichts dagegen einzuwenden.“ Am nächsten Tag im Büro stellt Mara fest, dass sie, obwohl sie heuer schon auf Urlaub war und noch einen weiteren Urlaub bereits gebucht hat, noch 3 Wochen und 2 Tage Urlaub stehen hat. Aus einem nicht verbrauchten Urlaub aus dem Jahr 2012. Das hatte sie total vergessen. Gutstunden sind auch immer zahlreich vorhanden, somit können die restlich verbleibenden 3 Tage locker mit Zeitausgleich abgedeckt werden. Außerdem ist nur je ein Kollege für je 2 Wochen auf der Urlaubsliste im September eingetragen. „Das ist ein Zeichen“, denkt Mara und trägt ihren Urlaub in den entsprechenden Listen ein.



April 2013

Mara ist bester Laune. Nur noch wenige Tage bis zu ihrem Urlaub in der Türkei. Eigentlich hat Mara sich vorgenommen nie wieder in die Türkei zu fahren. Vor genau 20 Jahren war Mara das erste Mal in ihrem Leben in der Türkei auf Urlaub und hatte sich unsterblich in einen Türken verliebt. Damals hat Mara drei Monate mit ihrem damaligen türkischen Freund in Icmeler zusammengelebt. Davor war sie auch etliche Male in der Türkei und hat sehr viel Zeit mit ihm verbracht. Insgesamt war sie eineinhalb Jahre mit dem türkischen Mann zusammen. Diese Liebe ist schiefgegangen. Mara hat danach sehr lange gebraucht, um das zu verarbeiten. Sie hat sich damals, vor 20 Jahren, geschworen nie wieder nach Icmeler zu fahren. Oder besser gesagt, sie hat sich geschworen, nie wieder in die Türkei zu fahren und nie wieder etwas mit einem türkischen Mann anzufangen. Das hat sie durchgezogen, zwanzig Jahre lang.

Maras sehr gute Freunde machen einmal pro Jahr einen Türkeiurlaub, verbunden mit einer blauen Reise. Immer wieder haben sie total begeistert davon erzählt. Sie haben versucht Mara zu motivieren mit ihnen einen gemeinsamen Urlaub in der Türkei zu machen. Mara hat standhaft jahrelang dankend abgelehnt. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Aus einer Weinlaune heraus fragt Peter sie erneut. „Wohin genau fahrt ihr denn?“, fragt Mara. Sie hat für 2013 noch keinen Urlaubsplan und als Single ist es nicht so einfach, einen Urlaub zu planen, wenn man diesen nicht alleine verbringen will. Ihre gute Freundin Barbara, mit der Mara immer wieder mal ihre Urlaube verbringt, hat auch noch keine Idee vorgebracht. Maras und Barbaras Urlaubsideologien driften auch ein wenig auseinander. Sommerurlaubsplanung ist daher bei Mara jedes Jahr eine neue, sich ständig wiederholende Herausforderung. Barbara will im Urlaub am liebsten nichts machen. All-inclusive, den ganzen Tag lesend am Strand liegen und sonst nichts. Mara ist eher der aktive Urlaubstyp, der sich schnell langweilt, und kann mit all-inclusive nichts anfangen. In Anbetracht dieser für Mara sehr überschaubaren Urlaubssituation fragt sie also genau nach. Sie weiß, dass die beiden nach der blauen Reise immer in einem super All-In-Hotel unterkommen, und damit wäre so ein Urlaub auch für Barbara kein Problem. Sollen die beiden ihre blaue Reise machen und Barbara und ich bleiben dann halt gleich zwei Wochen im All-In, ist ja auch egal, besser als nix. Das ist in diesem Moment des übermäßigen Weinkonsums Maras Gedankengang. Kommt halt auf den Preis an und wohin die Reise gehen soll, denkt sie noch, als Peters Antwort sie aufhorchen lässt. „Na ja, wir treten mit dem Boot von Marmaris aus die blaue Reise an und nach einer Woche sind wir dann eine Woche in der Nähe von Marmaris, ich weiß nicht, wie das heißt, irgendwas mit Ic oder so, in einem tollen All-In-Hotel um echt wenig Geld.“ „Na, sag jetzt aber nicht Icmeler?“, ruft Mara aus. „Ja, genau! Wieso weißt du das?“, zeigt Peter sich überrascht. Klar, er kennt Maras Vorgeschichte nicht, ist ja auch nicht so rühmlich, dass man diese jedem auf die Nase bindet. „Hmm …“, weicht Mara aus. „Ich kenne das halt, da war ich schon vor 20 Jahren.“ „Na dann wird es ja Zeit! Was sagst?“, probiert Peter es erneut. So ist es gekommen, wie es offensichtlich kommen musste. Mara und Barbara haben ihren 2-Wochen-All-In-Urlaub vor sich, gemeinsam mit den Freunden, die ihre erste Woche auf dem Boot verbringen und dann dazustoßen.
„Samstag um 3:30 Uhr holt uns das Flughafentaxi ab, dann fahren wir mit dem Taxi zu Peter und Valerie, das liegt am Weg, um 5:30 geht der Flieger, um 11:00 Uhr sind wir dann im 5-Stern-plus-All-In und eine Woche später gesellen sich die beiden für eine Woche zu uns“, erklärt Mara Barbara am Telefon. „Also am gescheitesten ist es, du kommst schon am Freitag zu mir, wir heben noch einen und lassen uns dann gemütlich von mir daheim abholen.“ Gesagt, getan. Barbara und Mara gehen noch gemütlich essen, danach packt Mara noch den Koffer und leert die restliche Flasche Wein, während Barbara bereits schläft. Mara ist ein Nachtmensch, daher kommt schlafen ohnedies nicht infrage. 3:30 Uhr ist unchristlich und da bleibt keine Zeit zum Schlafen, befindet Mara.



Mai 2013/Erster Urlaub in Icmeler

Alles läuft wie geschmiert, die vier haben einen angenehmen Flug und viel Spaß. Peter und Valerie werden in Marmaris verabschiedet und Barbara und Mara fahren weiter nach Icmeler in ihre Schickimicki-nobelhobel-5-Stern-plus-Unterkunft.

Mara hat noch einen Rausch vom Vortag und keine Minute geschlafen. Als man Barbara und Mara an der Rezeption beim Einchecken mitteilt, dass das Zimmer erst ab 14 Uhr bezugsfertig ist, ist Mara entsprechend schlecht gelaunt. „Na super“, mault Mara Barbara an. „Das ist ja nicht zu fassen. In so einer Nobelbude, bitte schau dich mal um, wie superelegant das da alles aussieht. Also da darf so was aber nicht passieren. In miesen Pensionen um 25 Euro pro Nacht kannst um elf Uhr schon ins Zimmer.“ „Aber was“, meint Barbara. Sie ist ausgeschlafen und bester Stimmung über dieses tolle Hotel. „Macht ja nichts, wir haben super Wetter und das Hotel ist echt der pure Luxus.“ „Na gut, dann suchen wir halt einmal die Bar, ich brauche sowieso ein Reparaturseidel“, sagt Mara und ihre Laune hebt sich, denn es erscheint ihr schon undankbar, da jetzt so herumzumotzen.

Tatsächlich ist das bis jetzt das tollste Hotel, in dem Mara jemals Urlaub gemacht hat. Allerdings ist es auch das teuerste, das sie jemals hatte. Wobei, für 5-Stern-plus mit All In rund um die Uhr ist es preis- und leistungstechnisch nicht allzu teuer. Aber für eine Appartement-Urlauberin, die von einem Ort zum anderen fährt, immer unterwegs ist und auf einfach und ursprünglich setzt, ist das hier der Kompromissurlaub aller Zeiten ums sauteure Geld. So viele schöne Kleider und anderes Zeug hatte sie noch nie im Koffer. Normal beschränkt sich ihr Urlaubsgepäck auf eine kurze und eine lange Hose, 5 T-Shirts, ein Paar feste und ein Paar offene Schuhe. Diesmal hat sie in Anbetracht der Luxusbude doch tatsächlich für jeden Abend ein anderes Kleid mit dazu passenden Schuhen, Schmuck und den ganzen Klimbim dabei. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Mara vor dem Problem gestanden, die 23-kg-Koffergewichtsbeschränkung einzuhalten. Für zwei Wochen bitte! Nicht einmal als sie drei Monate in der Türkei war, war das ein Problem gewesen. Auch nicht, als sie einen Monat lang durch Costa Rica trampte. Ganz zu schweigen von den Motorradurlauben mit einem Tankrucksack für drei Wochen Korsika. So sahen Maras Urlaube bislang aus. Aber eines muss sie schon gestehen, das kann was. „Das ist schon der Burner“, denkt sie auf dem Weg durch die riesige Lobby aus Marmor mit Blumen und Schnörkel und feudalen Sofas und Tischen und was nicht sonst noch alles. Treppen dorthin und hierher und Aufzüge aus Glas mit goldfarbigem Drumherum.

Mara wird gar nicht fertig mit Schauen, während sie auf dem Weg zur Außenanlage ist, in der Hoffnung, auf die Bar zu stoßen. Unschlüssig bleiben Barbara und Mara stehen, um sich in der riesigen Lobby zu orientieren und auszumachen, wo da der Ausgang ist. Die Bar ist durch das Glas zu sehen, die Türen hinaus müssen erst entdeckt werden. Während sie stehen bleiben, tritt eine kleine, junge Frau an Mara heran. „Hello! My name is Sam Sam. I am from the Spa in this Hotel. Are you from Holland?“ Mara erstarrt und gafft der kleinen Frau ungläubig ins Gesicht. Dazu sei erwähnt, dass klein relativ ist. Mara ist mit ihren 1,83 Metern eine bemerkenswert große Frau. Durch ihre endlos erscheinenden langen Beine, die blonden, naturgelockten langen Haare und die braunen Augen im markanten Gesicht empfinden die meisten Menschen sie als sehr attraktiv. Mara ist sehr präsent in ihrem Auftritt und vor allem Männer haben höchsten Respekt vor ihr. Wenn man sie aber näher kennt, bemerkt man relativ schnell, dass sie durch ihre offene Art und ihren Humor sehr umgänglich und weit weniger gefährlich ist, als man anfangs glauben möchte. Generell ist Mara ein freundlicher Mensch. Es sei denn, sie hat Hunger oder das Gefühl, betrogen oder hintergangen zu werden. Oder aber sie hat noch einen Rausch vom Vortag, nicht geschlafen und muss noch Stunden auf ihr Zimmer warten. Also im Moment ganz schlecht! Während Mara Sam Sam ungläubig anschaut, schleicht ein sehr freundlich dreinblickender Mann auf Barbara und Mara zu und übernimmt das Gespräch. Dieser stellt sich als Antonio vor, gibt beiden freundlich die Hand und erklärt ebenfalls auf Englisch, dass er und Sam Sam gemeinsam in dem Hotelspa arbeiten und er ihnen gerne die Spa-Angebote nahebringen würde. Mara ist fassungslos. Also wenn sie viel erwartet hätte, aber dass man sie in einem 5-Stern-plus-Hotel in den ersten Minuten des Ankommens ankeilt, auf diese Idee wäre sie niemals gekommen. Und noch dazu in Englisch! Mara kennt Icmeler von vor 20 Jahren. Damals haben alle Deutsch gesprochen und ja, man wurde angekeilt. Am Basar oder auf der Promenade wegen irgendwelcher Bootstouren. Damals war sie selbst eine von denen, die die Touristen angesprochen hat und Touren verkauft hat. Aber in einem so teuren Schuppen? Das gibt es ja nicht. Erneut steigt Unmut in Mara hoch. Noch dazu kann Mara nicht wirklich Englisch. Sie versteht sehr viel, ist aber kaum mehr der englischen Sprache mächtig. Sie hat vor 30 Jahren einmal in der Schule Englisch gelernt und es nie wieder benötigt. Genauso hört es sich auch an, als sie losfaucht, noch bevor Barbara reagieren kann: „Please, dont do this now! We are landing in this moment here, we didn’t sleep, we are tired and we want to go to the bar. Not yet! Please leave us alone!“ Mit diesen Worten sprintet Mara Richtung … irgendwohin, weil wo sie hinmuss, weiß sie nicht … und rennt … gegen eine Glaswand! Das dafür aber laut und deutlich. Mit einem lauten Kawum, sodass sich alle Blicke der sich in der Lobby befindlichen Gäste sowie die des Personales auf Mara richten. Super, genau das, was man in einem Nobelschuppen braucht. Gegen eine Wand rennen. Gleich am ersten Tag! Nein, noch bevor man richtig angekommen ist! Perfekt!

Zum Glück öffnet sich neben Mara eine Schiebetür. Wahrscheinlich durch die Erschütterung ausgelöst. So kann Mara in Sekundenschnelle, noch bevor jemand reagieren kann, durch diese Türe nach draußen huschen. Dort findet sie sofort die Bar, wo auch schon ein Kellner zur Stelle ist. Auch er hat das Schauspiel beobachtet und fragt sie als Erstes, ob es ihr gut geht: „Are you O. K.?“ „Na sicher, frag nicht so deppert, sondern bring mir ein Bier“, lautet die ungehaltene Antwort von Mara, da ihr nun klar ist, dass hier kein Mensch Deutsch spricht oder versteht. An der Rezeption hat man extra eine Mitarbeiterin geholt, die halbwegs Deutsch konnte, um sie zu begrüßen. Der Kellner schaut sie fragend an. Mara ringt sich ein Lächeln ab und bestellt bemüht freundlich ein Bier auf Englisch, während Barbara kommt, die sich das Lachen nicht verbeißen kann. „Super Auftritt! Alle Achtung. Hast es wieder geschafft, dass dich alle von der ersten Minute an kennen. Gratulation!“ „Ja eh“, knurrt Mara, aber dann lachen die beiden Freundinnen herzhaft los. „Ist ja wirklich zum Schreien“, kichert Mara, während der Kellner das Bier bringt und auch herzhaft lachend die Lustigkeit dieser Aktion beteuert. Er stellt sich als Alkin vor und Mara beschließt, dass sie sich diesen Namen niemals merken wird, dass er aussieht wie ein Oliver und ab jetzt Oli heißt. Alkin ist einverstanden und von da an heißt er Oli und hörte auch den Rest dieses und der zwei weiteren Urlaube, die noch folgen werden, auf diesen Namen.
„Sag, kannst du mir sagen, warum du vor dem so davongerannt bist?“, will Barbara wissen.
Mara kennt die Antwort genau, zuckt aber nur mit den Schultern.

Die beiden sitzen keine 5 Minuten an der Bar, da sieht Mara wieder diesen Spa-Typ anschleichen. „Wenn der jetzt hierherkommt und uns anquatscht, dann hock i eam um“, sagt Mara zu Barbara und deutet mit einem Kopfnicken in die Richtung, aus der Antonio kommt. Barbara zuckt zusammen, als genau dieser Fall eintritt. Antonio geht zu dem freien Stuhl, deutet darauf und fragt, ob er sich dazusetzen darf. Dabei blickt er Mara in die Augen. „You are welcome“, ist das Einzige, was Mara einfällt, als sie in diese Augen blickt und lächelt dabei das charmanteste und freundlichste Lächeln der Welt. Barbara zieht eine Augenbraue in die Höhe. In diesem Moment wird ihr alles klar. Die Frage, warum Mara so davonrannte, ist beantwortet.

Antonio ist Türke. Etwas kleiner als Mara, dunkler Typ, dunkles Haar, braunschwarze Augen, gut gebaut, hat einen exakt geschnittenen Bart und ist genau Maras Typ. Er ist charmant, freundlich, bemüht und macht Mara 14 Tage lang den Hof. Und Mara verliebt sich. Richtigerweise muss man sagen, Mara hat sich in der ersten Sekunde, als sie Antonio gesehen hat, in ihn verliebt. Deswegen ist sie weggerannt und gegen das Glas gedonnert. Mara dachte nur: „oh mein Gott! Bitte nicht! Das ist genau das, was ich nicht brauche. Wie komme ich nur aus dieser Nummer raus?“ Wegrennen hat nicht funktioniert. Sie ist sinnbildlich gegen eine Wand gelaufen. Ein einziges Mal in den 14 Tagen dieses Urlaubes waren Mara und Antonio gemeinsam aus. Sind in Marmaris an der Promenade entlanggelaufen, waren auf ein Getränk und haben geplaudert. Sonst haben sie sich jeden Tag im Hotel gesehen und stundenlang geplaudert. Mara hat Massagen und Behandlungen im Spa gebucht, die sie normalerweise nie in Anspruch genommen hätte, und hat gedacht, dass Antonio nur deshalb so freundlich ist. Sie hat sich nie angebraten gefühlt. Barbara und auch Peter und Valerie, die nach einer Woche dazugestoßen sind, haben Mara zwar erklärt, dass er ihr den Hof macht, aber Mara dachte, sie steht alleine mit ihren Gefühlen da. Antonio hat auch bei dem gemeinsamen Treffen in Marmaris keine Anstalten gemacht und es ist zu keinem Körperkontakt gekommen. Sie haben sich gut unterhalten, gut verstanden, haben viele Gemeinsamkeiten erkannt, aber das war auch schon alles. Antonio hat Mara dann am Ende des Abends heimbegleitet, sie an der Ecke zum Hotel abgesetzt, sich mit einem Bussi links und rechts verabschiedet, aber mehr ist da nicht gelaufen. Am Ende des Urlaubes hat Mara Antonio ihre Adresse und Telefonnummer gegeben mit den Worten: „Falls du einmal nach Wien kommst, melde dich, ich würde mich freuen.“ Antonio war sichtlich gerührt und hat eine Abschiedsrede gehalten, die Barbara die Tränen in die Augen getrieben hat, weil diese so nett und emotional war. Und sie sind abgereist.



Juni 2013

„Mir hat es in der Türkei so gut gefallen, was hältst du davon, wenn wir noch einmal, im Oktober vielleicht, einen Urlaub in der Türkei machen?“, fragt Barbara Mara im Zuge eines ihrer täglichen Telefonate. „Yes, why not?“, antwortet Mara, die mit Barbara ausgemacht hat, nur noch englisch mit ihr zu sprechen. Mara hat in diesem Urlaub bemerkt, wie schlecht ihr Englisch tatsächlich ist, da die Kommunikation mit Antonio und den anderen Gästen und Kellnern sehr schwierig für sie war. Barbara hingehen spricht sehr gut englisch und hat ständig für Mara einspringen müssen. Das ist Mara erheblich auf die Nerven gegangen. So hat Mara beschlossen einen Englischkurs zu machen und Barbara beauftragt, ab jetzt nur noch englisch mit ihr zu sprechen. Mara zeigt sich etwas talentbefreit, was das Erlernen von Fremdsprachen betrifft, gibt aber ihr Bestes und schön langsam werden ihre Englischkenntnisse doch halbwegs passabel. Nach ewiger Sucherei nach einem adäquaten Hotel und einer passenden Destination in der Türkei stellt sich heraus, dass tatsächlich das Hotel vom Mai das beste Preis-Leistungs-Verhältnis hat. So buchen die beiden erneut 14 Tage in Icmeler im selben Hotel. Mara beunruhigt das zwar ein wenig, denn sie hat Angst, dass ihr mit diesem Antonio das Gleiche geschehen könnte, wie es ihr vor 20 Jahren schon einmal in der Türkei ergangen ist. Dann beruhigt sie sich mit der Tatsache, dass ja kein Kontakt besteht und somit nichts passieren kann, denn es ist ja beim ersten Mal auch nichts passiert.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-99048-178-3
Erscheinungsdatum: 14.09.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 16,90
EUR 10,99

Krampus & Nikolo