Das große Hochstapeln

Das große Hochstapeln

Michael Waldek


EUR 23,90
EUR 14,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 446
ISBN: 978-3-99107-702-2
Erscheinungsdatum: 10.08.2021
Die schwere Leichtigkeit des Bauleiterseins wird beim Bau der Cheopspyramide im historischen Kontext zu einer Sternstunde der Menschheit. Eine fiktive und absurde Geschichte, mit Parallelen zur Jetztzeit mit ihrer unüberschaubaren Anzahl an Bauvorschriften.
Das Buch

Die Cheopspyramide ist ein Hammer, selbst in ihrem heutigen Zustand. Wenn man beruflich im Bauwesen involviert ist, vor diesem Monumentalbauwerk im ägyptischen Gizeh steht und Gelegenheit hat, in die inneren Gänge und Räume zu gelangen, überkommt einen dieses unbeschreibliche Gefühl von staunender Demut. Man reibt sich die Augen und erfasst ergriffen, was nachhaltiges Bauen nun wirklich bedeutet.
So ist eine fiktive und absurde Geschichte entstanden, die in der Zeit des Baues dieser großen ägyptischen Pyramide spielt. Ich selbst sollte in der Geschichte der leibhaftige Bauleiter dieses hoch und steil aufgestapelten Monuments sein. Ich hatte Lust darauf, den Leser in diese Sternstunde der Menschheit, satirisch aufgearbeitet eintauchen zu lassen und durch die Erzählung, treffende Vergleiche und auch bissige Parallelen zum heutigen Bauen mit staatstragenden Auftraggebern aufzuzeigen.
Ich bin schon sehr lange als Architektenbauleiter auf Groß-und Kleinbaustellen tätig. Ich weiß also, über was ich schreibe. So hat sich über die Jahre in mir eine Hassliebe zu meinem Beruf aufgebaut. Insofern kommt der Spott in meinem Roman von ganzem Herzen. Man erliest sich schnell mein Schreibvergnügen, denn ich hatte Spaß am Herrgott-Spielen.
Bevor ich mit dem Schreiben dieser Erzählung begann, habe ich mich über allgemein gültige Leitlinien für Autoren erkundigt. So fand ich bei Henryk M. Broder einen bemerkenswerten Satz. „Ein Autor sollte Herz, Leidensdruck, Fantasie und Distanz zu sich selbst haben“ (1). Das sind große Worte, fand ich, und begann, meine Talentansätze auf mögliche Übereinstimmungen zu überprüfen.
Herz hatte und habe ich. Leidensdruck, nun ja, nicht wirklich. Fantasie hatte und habe ich auf jeden Fall. Doch Distanz zu mir selbst zu haben, war unmöglich. Nicht so richtig viel Übereinstimmung zu finden, dachte ich mir. Immerhin konnte ich mir Herz und Fantasie bescheinigen und begann loszuschreiben.

Wir tauchen also ein in die Zeit der Herrschaft des Pharao Cheops. Es ist die früheste der klassischen Perioden des alten Ägypten, die Geschichte spielt im alten Reich.
Der gelbliche Sand der ägyptischen Wüste ist durchwoben von Brocken aus Kalkstein, die millionenjahrelang der Wind, die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht aus dem gewachsenen Fels geschlagen haben. Hier regnet es kaum. Die Brocken bleiben somit ungeschliffen. In der Nähe der Nil, ein großer und breiter Fluss. Der speist sich aus den Monsunregen im fernen Äthiopien im Jahrestakt im Mai und im Juni, wächst zu einem riesigen Strom und bringt seit ewiger Zeit fruchtbaren Nilschlamm. Wir befinden uns an einem Punkt des Flusslaufes, dort, wo die Wassermassen des Nils beginnen, sich zu einem mächtigen Delta zu spreizen. Das ist der Ort meiner Geschichte.
Die Tektonik und das Klima unseres Planeten veränderten im Laufe der Jahrmillionen den Ort unserer Handlung. Nicht immer war es hier trocken und heiß. Es entwickeln sich Pflanzen, es siedeln sich Tiere und schließlich Menschen an. Die Menschen verdanken ihre Existenz und ihre Kultur dem großen Fluss, den sie gottgleich verehren. Die ersten menschlichen Siedlungen sind an diesem Ort in der vordynastischen Zeit vor ca. 6 800 Jahren nachgewiesen. Danach bildeten sich, je nach mythologischem Entwicklungsstand des Kulturareals, Herrscherperioden heraus, die in der Ägyptologie als Dynastien des alten Reiches beschrieben werden. Die 4. Dynastie (2620 bis 2500 v. Chr.) wurde von Snofru gegründet. In einer Zeitspanne von etwa 120 Jahren wechselten sich sieben Könige ab, von denen die vier Könige Snofru, Cheops, Chephren und Mykerinos eine relativ lange Regierungszeit zwischen 18 und 30 Jahren ausübten. Diese Dynastie war eine Blütezeit Ägyptens und bleibt der Nachwelt durch die größten jemals in Ägypten errichteten Pyramiden in Erinnerung. So lernen wir es in der Schule, so jedenfalls die Mitteilungen der Wissenschaft der Ägyptologie und so oder ähnlich kann man die geschichtlichen Vorgänge im alten Ägypten durch vielfältige Quellen recherchieren.

Genau das ist die Zeit meiner Geschichte, die Zeit des Baues der großen Pyramide des Pharaos Cheops.
Ich lasse den Leser an den Planungen, an den Ausschreibungen und an der Realisierung dieses herrlichen Polyeders, dem rätselhaftesten Bauwerk der Menschheitsgeschichte, teilhaben. Wohl gemerkt, satirisch und mit Augenzwinkern aufgearbeitet. Ich lasse in den folgenden Kapiteln miterleben, welchen objektiven und subjektiven Konflikten die Projektbeteiligten ausgesetzt sind, wie die Verantwortlichen ringen, dem Pharao das gewünschte Denkmal für die Ewigkeit zu setzen. Dabei wird nicht unterlassen zu beschreiben, unter welchem persönlichen Druck die Protagonisten der Geschichte ihr privates Leben dem großen Ziel unterordnen und sich voll und ganz in den Dienst des Bauherrn stellen. Dies allerdings durchaus manchmal nicht ganz selbstlos.
Ich wünsche nun Freude beim Lesen. Kommen sie mit in die Welt, der schweren Leichtigkeit des Bauleiterseins.

Der Autor


Ein Dankeschön an

Fadi Esper für die Karikaturen
Stefan Waldek für die Covergestaltung
Heike Wehrmann-Ernst für eine freundlich kritische Beratung
an Gunter, Ludwig, Harald, Ines, Antje
und besonders an Regine




1. Kapitel
Aufregung im Sekretariat
der Bauabteilung

Die stetige Ost-West-Passage des Sonnengottes Re am Himmelsfirmament zeigt an, dass es später Vormittag ist. Es herrscht Windstille. Das Leben in Memphis nimmt seinen gewohnten Lauf. Die aufkommende Mittagshitze beginnt sich in der Hauptstadt durchzusetzen. Traditionell beginnen die Menschen jetzt, ihren Lebensrhythmus runterzufahren. Sie suchen schattige Plätze und bereiten ihr Mittagsschläfchen vor. Das Geschäftsleben kommt zur Ruhe. Nicht so im Sekretariat der Bauabteilung. Hier wird heute aufgeregt und hitzig debattiert. Eine Depesche, mit einem schon lange angekündigten Gutachten zum statischen Zustand der Djoser Pyramide, ist soeben aus Sakkara eingetroffen. Das Gutachten soll Dr. Djosi-Meter erstellt haben, ein gefürchteter, aber dennoch anerkannter Experte für Tragwerkzustände. Die Chefsekretärin der Bauabteilung wirft einen flüchtigen Blick in das Dokument und kann nicht glauben, was da niedergeschrieben steht.

Die Bauabteilung ist untergebracht in einem modernen Geschäftshaus direkt an der Zufahrtsstraße aus Richtung Gizeh. Ein vergoldetes Firmenschild ziert unübersehbar den Gebäudeeingang. Es dient als Wegweiser für die Besucher und informiert über die Sprechzeiten der Baufachleute. Ursprünglich war beabsichtigt, dass der Partnerarchitekt der Bauabteilung sich mit seinen Mitarbeitern im gleichen Geschäftshaus einmietet. Damit wären die Kommunikationswege der Baufachleute auf das geringste Maß verkürzt. Der Architekt hatte aber abgelehnt und es vorgezogen, ein Büro in einem ruhigeren Stadtteil, am Rande der Großstadt gelegen, zu beziehen. Dort ist dem ebenerdigen Büro ein großer Garten zugeordnet. Diese Direktbeziehung zur Natur ist dem Planer wichtig. Er findet im Garten den für Architekten so wichtigen entspannenden Freiraum zum Ordnen seiner Gedanken. Hier entstehen die Skizzen, hier bestimmen Kopf und Hand die tragenden Hauptlinien seiner Bauentwürfe. Blumenrabatte, ob künstlich angelegt oder wild gewachsen, und die wunderschönen Schmetterlinge seines Gartens inspirieren seine Farbkonzepte. Er weiß, dass sich die Natur nicht irrt. Biologischer Obstanbau wurde bereits vom Vormieter angelegt, der das Angebot des in der Nähe befindlichen Kaufmannladens an Qualität bei weitem übertrifft. Die Inanspruchnahme dieses Füllhorns der Natur ist für seine Angestellten sogar dienstrechtlich geregelt, denn der Architekt ist sich sicher, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Flaschengeist gären kann. Von unschätzbarem Wert ist, dass in seinem Garten ideale Auslaufmöglichkeiten für seinen Hund und für seine Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Bewusst wählte er für sein Büro ein Gebäude mit einem begehbaren Flachdach. So kann er mit seinen Mitarbeitern in festgelegten Intervallen Körperertüchtigung mittels Dachterrassensport betreiben.

Diese großartigen Arbeitsbedingungen können die Räume des Baubüros der Bauleitung nicht bieten. Sie liegen an einer lauten staubigen Hauptstraße. Dafür sind sie aber hell, ausreichend in der Fläche geschnitten und großzügig ausgestattet. Moderne Zu- und Abluftöffnungen sind in den Böden und Decken der Büroräume eingelassen. Ein auf dem Dach des Geschäftshauses befindlicher Luftturm bringt die Sogöffnungen in den Räumen klimatechnisch relevant in die Funktion. Raffiniert angeordnete Klappensysteme in den Öffnungen sind über eine zentrale Handsteuerung je nach Bedarf bedienbar. Die Kollegen der Haustechnik bezeichnen derartige Anlagen als Anlagen der Gebäudeleittechnik und versicherten der Bauleitung, dass sie dem neusten Stand der Technik entsprechen. Somit wird ein steter Luftumschlag erzeugt, der die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter in der Hitze des Tages erträglich macht. Ein Grund, den Kollegen der Haustechnik auch einmal dankbar zu sein.
Im Mietbereich der Bauabteilung befinden sich das Arbeitszimmer des Projektleiters, das Arbeitszimmer des Bauleiters, ein Sekretariat mit zwei Arbeitsplätzen, ein größerer Raum mit sechs Arbeitsplätzen für technische Mitarbeiter und Praktikanten, eine Plankammer mit Archiv, eine Besenkammer mit Besen, eine Teeküche für die Zubereitung von Kaffee und ein Besprechungsraum. Im Flur des Geschäftsbereiches ist das Terrarium mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Rauchmeldeleguan in Deckennähe untergebracht. Diese Tiere sind besonders geeignet, für die Zwecke des vorbeugenden Brandschutzes eingesetzt zu werden. Von Natur aus sind sie mit einem hochsensiblen Geruchssinn ausgestattet und sie sind trainiert, schon bei geringster Rauchentwicklung durchdringend quäkende Laute auszustoßen. Die Bauabteilung ist ein Konstrukt des Amtes für Städtebauangelegenheiten, welches im zentralen Pharaopalast der Hauptstadt die Fäden für Regierungs- und Sonderbauten in der Hand hält. Der Amtsleiter, ein erfahrener Wesir am Hofe des Cheops, hat den Architekten und den Projektleiter direkt berufen. Diese wiederum haben sich nach ihren eigenen Vorstellungen eine Mannschaft zusammengestellt, die die großen Projektherausforderungen stemmen kann.

Große Aufregung herrscht also im Sekretariat der Bauabteilung. Die Chefsekretärin Frau Notvertrete mahnt zur Ruhe und Besonnenheit. „Es macht keinen Sinn, sich über das Gutachten von Dr. Djosi-Meter zu echauffieren. Eigentlich kommt es genau zum richtigen Zeitpunkt“, beschwört die Chefin des Büros die verunsicherten Mitarbeiter. „Es ist in der Welt und basta, machen wir das Beste draus. Wir wissen jetzt, wie wir es nicht machen sollen“, so die entschiedene Ansage von Frau Notvertrete. Die Chefsekretärin wurde in einem aufwendigen Bewerbungsverfahren vom Projektleiter persönlich ausgewählt. Die Kriterien, die die Verfahrensteilnehmerinnen zu erfüllen hatten, waren höchst anspruchsvoll. Frau Notvertrete erfüllte diese Kriterien und wurde sofort eingestellt. Zum einen war ihre fachliche Eignung zur Besetzung der Stelle einer Büroleiterin herausragend und zum andern überzeugte sie durch ihre unglaublich feminine Ausstrahlung. Sie ist eine schöne Frau mittleren Alters, mit selbstbewusster Körpersprache und resoluter Stimme. Die Idealbesetzung schlechthin für männliche Führungskader, die Wert auf fachliche Kompetenz, Jovialität und weibliche Sinnlichkeit legen.

Frau Notvertrete ist verheiratet. Ihren Mann hat sie schon früh während ihrer Ausbildung an der Fachschule für gute Büroorganisation kennengelernt und lebt mit ihm kinderlos und bescheiden in einem kleinen Häuschen am Stadtrand. In ihrer knapp bemessenen Freizeit widmet sie sich der Beschaffung modischer Kleidung, dazu passendem Schmuck und angesagter Kosmetik. Ganz besonders liebt sie das Backen. Auch für diese Fähigkeit genießt sie in der gesamten Bauabteilung höchste Anerkennung. Kostproben ihres Backschaffens bringt sie in regelmäßigen Abständen mit ins Büro und stellt diese den Mitarbeitern zum Verzehr zur Verfügung. Besonders ihre Plätzchen sind von herausragender Qualität und verhelfen so, wenn sie den Geschäftspartnern angeboten werden, mancher Geschäftsbesprechung zum Erfolg. Die Mitarbeiter haben sich etwas beruhigt. Frau Notvertrete nimmt sich nun den Punkt der Zusammenfassung des Gutachtens vor und resümiert vor den Kollegen der Bauabteilung: „Die Kalksteinstruktur des Tragwerks der Djoser Pyramide ist miserabel, schlecht gebaut und schlampig überwacht“. Frau Notvertrete schaut vom Text auf und betont mit ihrer Mimik das ungeheuerlich Geschriebene. „Das ist dort tatsächlich formuliert. Den Baumeister Imhotep nennt der Gutachter in seinem Text sogar einen Imho-Depp!“ Wieder lässt sie den Text sinken. Betroffenheit macht sich breit. „Dieser Wortwitz sollte besser nicht an die Öffentlichkeit, denn das ägyptische Volk verehrt den Baumeister als Nationalhelden“, fügt die Chefsekretärin belehrend ein. Sie führt weiter aus, dass es lächerlich wäre, eine so kleine Pyramide, mit einer so läppischen Höhe von nur 118 und einer Grundfläche von 231 mal 208 Königsellen (2), als Stufenbauwerk auszubilden. Es wäre besser gewesen, eine scharfzügige, klar strukturierte Pyramide zu errichten. Erst dann wäre der Anspruch des Bauherrn berechtigt, ein Bauwerk erschaffen zu haben, welches nicht von dieser Welt ist. „Und was ist daraus geworden?“, fragt der Gutachter provozierend. Er antwortet im Gutachten: ein hässlicher abgestufter Steinhaufen, der mit Sicherheit spätestens in 4500 Jahren zu erodieren beginnen wird. Bei Weglassen des ganzen Firlefanzes mit den Basisbauten der Tempel, der Gräber für hohe Beamte und der Umfriedungsmauer wären die Mittel vorhanden gewesen, die Stabilität einer so kleinen Pyramide auch ohne Abstufung abzusichern. „Und dann unterschreibt Dr. Djosi-Meter noch mit freundlichen Grüßen!“ Entsetzt lässt Frau Notvertrete den Schmäh-Papyrus sinken, schaut in die Runde und ist sich sicher, dass dieses Gutachten in Fachkreisen hohe Wellen schlagen wird. Sie geht in das Dienstzimmer des Projektleiters und legt das Gutachten auf seinen Schreibtisch. Er ist derzeit unterwegs und sie kann sich in Ruhe der Überprüfung des Zustandes von Ordnung und Sauberkeit des Arbeitsbereiches ihres Chefs widmen und penibel kleinere Mängel korrigieren. Sie macht es gern, denn sie weiß, dass ihr Chef nicht die Zeit hat, auf den Tischen und in den Regalen Ordnung zu halten. Es ist gut, dass mit der Einstellung von Frau Notvertrete als Chefsekretärin eine Person in der Bauabteilung vorhanden ist, die trotz hoher und strenger Arbeitsanforderungen an die Belegschaft eine wohltuende Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Sie ist beliebt und wird von allen Mitarbeitern verehrt. Das Wohlwollen ihres Chefs besitzt sie im besonderen Maße, denn es kommt schon mal vor, dass üppige Blumensträuße ihren Schreibtisch zieren, die ihr der Chef persönlich arrangiert hat. Meist ist im Strauß ein kleines Kärtchen mit sympathischen Widmungen an seine Sekretärin platziert. Sie dirigiert geschickt die alltäglichen Aufgeregtheiten, besänftigt und stachelt an, je nach Bedarf und Charakter des betreffenden Mitarbeiters. Besonders in resignativen Phasen des Büropersonals ist diese Frau unersetzlich. Ein Beispiel: Wenn es nicht mehr anders geht, dann nimmt sie eine große Kamelhaardecke und verdeckt damit die an der Wand befestigten Grundrisse, Ansichten und Schnitte des gigantischen Bauwerks. Es sind die Dimensionen und die beabsichtigte Bauart, die zu akuter Schlaflosigkeit, zu plötzlichen Schwindelgefühlen und Angstzuständen bei den Mitarbeitern führen. Frau Notvertrete weiß das. Sie nimmt dann die Decke und schon ist das bedrohlich Unvorstellbare für die ängstlichen Augen nicht mehr präsent.

Die Bauabteilung mit dem Kerngeschäft der Baustellenorganisation ist vom Bauherrn zum Zwecke der Umsetzung eines in der Menschheitsgeschichte einmaligen und unvorstellbaren Bauwerks installiert worden. Sie ist direkt dem Wesir für Städtebauangelegenheiten am Hofe des großen Pharaos unterstellt. Pharao Cheops will einen Riesenquader mit quadratischer Grundfläche in den Dimensionen 440 x 440 Königsellen (2) und einer Höhe von 280 Königsellen aus gebrochenem Kalkstein und zum Teil aus Granit in hochfeinem Zustand auf einem Hochplateau am Nilufer in der Umgebung von Gizeh errichten lassen. Wozu das Ganze? Das sagt er nicht. Es lässt sich nur ahnen, dass mit der gewaltigen Größe des Bauvorhabens eine Symbolik zur Größe des Pharaos manifestiert werden soll. Welche Funktion haben die Hohlräume und Gänge im Quader? Auch das sagt er nicht. Hierzu behält er sich noch Angaben vor. Das Bauvorhaben hat etwas Bedrohliches und es darf nicht scheitern.test
5 Sterne
Ein vergnügliches Leseerlebnis - 02.01.2022
Kirsten Simon

Rezension „Das große Hochstapeln - ein Bauleiter packt aus“ vom 19.11.2021Als Bauleiterin, die seit vielen Jahren in mehreren Architekturbüros die Planung und Durchführung von Bauvorhaben angeleitet hat, gehöre ich genau zur Zielgruppe für dieses Buch. Zudem bei all meinen Urlaubsreisen, die ich unternommen habe, das beeindruckendste Bauwerk, was ich je gesehen und erkundet habe, die Cheops-Pyramide ist – erbaut vor mehr als 4000 Jahren in einer unfassbaren technischen Perfektion!Also lies ich mich gern ein auf dieses Buch, welches beide Themen beinhaltet und mit einander verbindet.Bei aller Wertschätzung für Architekten und Ingenieure war ich darauf vorbereitet, dass das Erstellen von Texten nicht die herausragendste Fähigkeit dieser Berufsgruppe ist.Umso mehr überraschte es mich, dass das Buch mit seinen über 400 Seiten sehr unterhaltsam, spannungs- und aufschlussreich als auch humoristisch geschrieben ist. Für die im Bauwesen tätigen Leser ergeben sich vielfältige Parallelen bei der Planung und Ausführung der Pyramide zum heutigen Baugeschehen. Die menschlichen Faktoren und mitunter auch die Unzulänglichkeiten aller Baubeteiligten bestimmen den Bauprozess mehr als Prozesse in der stationären Industrie – das macht der Autor deutlich.Die Geschehnisse um „Echt-Natron“, seine Plätzchen backende Sekretärin „Notvertrete“, den Vermesser „Pi-Latus“, den Projektleiter „Hoch-Hartmut“ und den Bauleiter selbst machen die Lektüre zu einem vergnüglichen Leseerlebnis. Das Vorlesen der Bautagebücher als Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder des Bauleiters ist nur eins der vielen Einfälle, die mich amüsiert haben. Wer sich noch nicht mit den Geheimnissen, die die Cheops-Pyramide heute immer noch birgt, beschäftigt hat, wird angeregt, dies unbedingt nachzuholen. Ich wünsche dem Autor und seinem Buch viel Erfolg und zahlreiche Leser und Leserinnen! Kirsten Simon

4 Sterne
Ja, so könnte es gewesen sein! - 30.09.2021
Doreen Zander

Ich vermute, so ergeht es jedem Betrachter, wenn er zum ersten Mal die Cheops-Pyramide, die älteste und größte der drei Pyramiden von Gizeh in Ägypten, mit eigenen Augen sieht. Um sich von der besonderen Architektur und Geschichte dieses über 4000 Jahre alten Weltwunders der Antike beeindrucken zu lassen, muss man nicht, wie der Autor dieses Buches, Michael Waldek, Diplomingenieur und Architektenbauleiter sein. Sofern man aber, wie dieser, mit der heutigen unüberschaubaren Anzahl an Bauvorschriften und sonstigen Rechtsmaterien vertraut ist, oder einmal versucht hat, eine Baugenehmigung für eine Garage zu beantragen und diese dann auch bauen zu lassen, der wird sich erstaunt einem weiteren Wunder gegenübersehen. Sofern die bürokratischen Hürden im Alten Reich genauso ausgefuchst waren wie im heutigen Zentrum Europas, darf man bass erstaunt sein, dass dieses grandiose Bauwerk überhaupt realisiert wurde. Ein solches Gedankenexperiment spielt der Autor bis ins Detail durch und erzählt die fiktive Entstehungsgeschichte der großen Pyramide des Pharaos Cheops vom Bauauftrag bis zur Fertigstellung unter Einbeziehung historischer Fakten und ganz viel modernen Irrsinns. Ich wurde hier unweigerlich an die amerikanische Zeichentrickserie „Flintstones“ aus den 60er Jahren erinnert, in der eine Steinzeitfamilie ein modernes Leben führt.Der Autor entwirft hier das Bild einer ähnlichen Gesellschaft, nur eben nicht in der Steinzeit, sondern im Alten Reich am Nil, in der der ÖPNV zwischen Gizeh und Theben genauso schlecht ausgebaut ist, wie im Mecklenburger Land dieser Tage und in der reiche Einfamilienhausbesitzer bei der Jagd auf unterirdische Tiere aus Versehen das Golfspiel erfinden und auf Öl stoßen.Michael Waldek lässt hier seiner scheinbar grenzenlosen Fantasie bezüglich moderner Referenzen freien Lauf, schießt dabei aber auch das ein oder andere Mal übers Ziel ins Tal der Albernheit hinaus.Die Erzählung ist aus verschiedenen Erzählsträngen aufgebaut, die aus unterschiedlichen Perspektiven berichten. So folgt der Lesende dem Bauleiter als Ich-Erzähler zu unzähligen Baubesprechungen und dem ein oder anderen Besäufnis, inklusive Schnapsideen zum Bauprojekt, oder bekommt aus der auktorialen Erzählperspektive geschildert, was es mit dem Einfluss der Götter (!) auf das Baugeschehen auf sich hat.Grundsätzlich wird hier vieles in der Indirekten Rede vorgetragen.Damit bedient sich der Autor auch des teilweise sehr umständlichen bürokratischen Stils, den er in diesem Roman gleichsam karikiert und daher vermutlich bewusst so gewählte, was mich als Leserin jedoch über lange Strecken etwas ermüdet hat, zumal das Buch mit 443 Seiten nicht unbedingt als schmal bezeichnet werden kann.Dadurch ist es leider kein wirklicher „Pageturner“ durch dessen Seiten es mich „wie im Fluss“ hindurchrauschte, sondern es kostete mich durchaus Konzentration und die ein oder andere Extra-Satzrunde, um der Handlung zu folgen. Glücklicherweise kann ich mich an dem humoristischen Potential des Stils durchaus erfreuen, aber auch hier hätte es ein bisschen weniger auch getan.Ein paar Grundkenntnisse über das „Alte Ägypten“ sind ebenfalls hilfreich für die Lektüre.Die Zielgruppe für dieses Buch würde ich schon als durchaus exklusiv bezeichnen.Es hilft, wenn man sich für die Geschichte des Alten Reichs interessiert und wenn es einem bei Begriffen und Formulierungen aus dem sogenannten „Beamtendeutsch“ nicht gleich die Gehirnwindungen verknotet. Humor und einen Sinn für die ein oder andere Albernheit sind auch von Vorteil. Das klingt widersprüchlich und nach hohen Anforderungen an den potentiellen Leser, die potentielle Leserin, aber ich bin sicher, dass es davon einige gibt. Möglicherweise wissen diese es nur noch nicht. Hervorzuheben sind auch die wunderbar humorvollen Illustrationen von Fadi Esper, die das ein oder andere Kapitel sowie das Buchcover zieren und bereichern.

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