Humor & Satire

Das Buch Mike

Nyka Foidl

Das Buch Mike

Bericht aus dem Revier

Leseprobe:

Polizeioberwachtmeister Mike vom Schärligbach,

seit nunmehr 8 Jahren bei einem dreiköpfigen hessischen Familienbetrieb, meldet sich zum Dienst.
Das heißt, eigentlich habe ich gerade Zeit und denke über mein bisheriges Leben nach.
Geboren bin ich im Bayerischen Wald, in einem winzigen Dorf nahe der tschechischen Grenze. Mein Start als einer von acht Geschwistern mitten in einer Herde Kühe war zwar bescheiden. Dennoch kann ich mich durchaus als von edlem Geblüt betrachten, denn einer meiner Urahnen stammte noch aus dem Hause derer von den Gänsewiesen, welches sozusagen den Hochadel in der Gesellschaft der Gesetzes- und Ordnungshüter schlechthin darstellt. Jene meiner direkten Verwandten tragen die Farben Schwarz-Weiß-Rot und hatten ihren Ursprung im schönen Entlebucher Tal in der Schweiz. Ich habe auch direkte Verwandtschaft im Berner Land und im Appenzell, aber die Familie ist zerstritten, und treffen einmal Ableger verschiedener Täler aufeinander, bleibt selten ein Auge trocken.
Meine Dienststelle ist ein Einfamilienhaus inmitten einer gemütlichen Wohnsiedlung eines Frankfurter Vorortes, wo die Welt noch in Ordnung ist. Die alten Menschen gehen mit den kleinen Menschen oder mit meinen Kollegen oder miteinander spazieren, während die mittelalten Menschen allesamt sehr früh am Morgen in riesige Höllenmaschinen klettern und damit wegfahren. Am Wochenende hocken sie auch manchmal in ihren Vorgärten, wo sie scheinbar irgendetwas vergraben wollen. Seltsamerweise sind es immer irgendwelche Pflanzen, Büsche oder Blumen, mit denen sie hernach überhaupt nichts anfangen können.
Wenn ich etwas vergrabe, dann ist das zum Zwecke der Fermentierung von Nahrungsmitteln. Es hat einen vernünftigen Grund. Aber zum Thema menschlicher Vernunft wird ohnehin später noch genügend zu sagen sein.
Wo war ich? Richtig, die Dienststelle. Es leben dort außer mir noch drei Personen. Meine Teamleiterin, ihr männlicher Partner und ihr männlicher Welpe, sie nennen das „Kind“ oder auch „Junge“.
Der Junge ist gerade in dem Alter, wo er seine ganz eigene Welt entdecken und auf keinen Fall von den Alten dabei beaufsichtigt werden will. Es gibt immer jede Menge Geschrei, wenn beide Parteien, der Junge und die Alten, im Haus aufeinandertreffen, was mich aber nicht weiter stört, denn erstens ist auch schnell wieder Frieden und zweitens ist immer was los, und ich kann auf diese Weise mühelos feststellen, dass alle noch auf ihrem jeweiligen Posten sind und dass es ihnen gut geht.
Der Vater des Jungen ist „Mein Großer Gönner“. Ich nenne ihn MGG. In der Frühe starten wir den Tag gemeinsam in der Küche, wo wir bei Kaffee und einem frühen Snack die Lage für den Tag besprechen. Dann geht jeder in sein Büro. Das heißt, zuerst checke ich eben im Zimmer des Jungen, ob noch irgendwelche Essensreste zu entfernen sind. Man soll ja schließlich nichts verkommen lassen. Später machen wir ein Frühstück und es gibt eine Streicheleinheit im Flur. Nachmittags treffen wir uns wieder zur Lagebesprechung bei Kaffee und Snacks in der Küche und abends zur Nachtwache auf dem Sofa im Wohnzimmer. Und während wir zwar selten zusammen draußen auf Streife gehen, haben wir doch auf der Dienststelle alles total im Blick.
Meine Teamleiterin ist dagegen für die Arbeit draußen zuständig. Ich sag’ es, wie es ist: Sie ist „Meine Große Liebe“. Ich nenne sie MGL. Sie war es, die in der ersten Zeit mit mir auch nachts nach draußen ging, wenn ich musste. Sie gibt mir meine großen Mahlzeiten, sie bringt mich zum Arzt und wieder zurück. Sie redet mit mir und manchmal, nach Dienstschluss, streichelt und massiert sie mich sogar. Und sie zieht mir die Zecken aus dem Fell.



Urlaub

Family first! Das ist die Devise. Deshalb fange ich bei meiner Jobbeschreibung gleich mal mit der härtesten Phase des Jahres an.
Einmal im Jahr geht die gesamte Belegschaft gemeinsam auf große Fahrt. Es werden Taschen mit Kleidung vollgepackt und zusammen mit Spielsachen, Musikinstrumenten und sogar mal einem Schlauchboot in der beweglichen Kiste namens Auto verstaut. Wenn nichts mehr reingeht, werden meine Schmusedecke, mein Futter, ich selbst und danach alle anderen Hausbewohner in die Lücken gequetscht und es geht los.
Wir verbringen den ganzen Tag gemeinsam in der Kiste. Das ist herrlich. Alle machen einmal das, was ich täglich im Haus tue. Schlafen, essen, schauen, kurz nach draußen und pinkeln, wieder schlafen.
Irgendwann steht die Welt plötzlich still und alle steigen aus, strecken die eingerosteten Glieder und atmen tief die fremde Luft ein. Dann heißt es „Aha“ und „Oh, wie nett!“ und wir erkunden die Unterkunft, in der wir für die Dauer der Exkursion übernachten werden.
Für mich sind diese Auslandsaufenthalte, die von den Menschen „Urlaub“ und „Freizeit“ genannt werden, purer Stress. Ich weiß nicht, was ich ihnen getan habe, dass ich Jahr für Jahr gezwungen werde, mich in immer haarsträubendere Abenteuer zu begeben.
Zuerst musste ich gegen meinen Willen in Wasser treten. Es schmeckte fürchterlich und war einfach überall und je länger ich an einer Stelle blieb, desto tiefer sanken meine Pfoten in schleimigen Schlick und ich konnte mich bald gar nicht mehr rühren.
Das war nichts gegen die Tatsache, dass die Familie nicht für Geld und gute Worte davon abzubringen war, immer weiter hinein in die abscheuliche Brühe zu marschieren und sich am Ende sogar wohlig stöhnend darin zu wälzen. Regelmäßig beschwört dieser Anblick eine Reihe von Schreckensvisionen vor meinem geistigen Auge herauf: MGL in der endlosen Weite verloren, unter ihr ein Abgrund aus undurchdringlicher Nachtschwärze, erfüllt von Tentakeln, Glubschaugen und scharfen Zähnen aller Arten irrwitzigen Getiers. Und ich, verlassen an einem fremden Strand, eine Tagesreise von meiner geliebten Dienststelle und meiner Schlafecke entfernt! Es hält mich nichts mehr. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und stürze mich in das widerliche Nass. Irgendwann spüre ich keinen Boden mehr unter den Pfoten. Egal. MGL muss gerettet werden, danach werde ich den Jungen zurückholen. Nach einer Ewigkeit mühseligen Paddelns, Naseschnaubens und Japsens erreiche ich endlich MGLs Gesichtskreis. Ich mache unmissverständlich klar, dass ihr Benehmen unverantwortlich und einfach inakzeptabel ist, indem ich eine Kehre um 180 Grad schwimme und ihr bedeute, mir auf der Stelle ans sichere Ufer zu folgen.
Und was macht Frau Sorglos? Sie lacht und schwimmt noch ein bisschen weiter raus!
„Mikey! Komm’, ist das nicht wunderbar!“, ruft sie dazu noch aus. Wasser spritzt. Ich setze meinen Rückzug stur fort. Am Ufer muss ich erst mal verschnaufen. Setze dann aber sofort zur zweiten Rückholaktion an. So lange, bis das renitente Weib endlich zur Vernunft kommt und mir am Strand ein paar Bälle wirft, wie es sich gehört.

Dieses Spielchen musste ich in den vergangenen Jahren immer wieder an verschiedenen Gewässern durchführen. Wenigstens waren auch ein paar wohlschmeckende Seen dabei.
Eine andere Spezialität meiner lieben Familie ist das Überwinden großer Strecken per Luftschaukel. Wobei es ihr darauf ankommt, sich in möglichst kleine, möglichst schwankende Behälter mit 20 Fremden zu zwängen, mit möglichst vielen Fenstern, von denen aus man freien Blick hat auf buschige Baumwipfel, schartige Felskanten, steile Abhänge. Und das alles in schwindelnder Höhe. Dazu machen die drängelnden, schiebenden Menschen Geräusche wie „Ooh, schau’, da ist unser
Zeltplatz!“ oder „Was eine Aussicht! Guck’, da ist der Gipfel!“ oder mein Favorit „Ui, das geht aber mächtig runter da!“.
Genau. Deswegen bleibt man schön auf der Erde. Dann kann es auch nicht mächtig runtergehen und ich sterbe nicht am Herzinfarkt! Aber was ist schon der simple Wunsch zu überleben gegen diese schöne Aussicht?
Wie dem auch sei, ich verbuche die jährlichen Betriebsausflüge als berufliche Weiterbildung und ertrage sie klaglos. MGL wird sicher einen guten Grund haben, diese fast übertierischen Anstrengungen von mir zu verlangen.
Von ihr habe ich ja auch sonst alles gelernt, sie hat mit mir unermüdlich trainiert. Zusammen gingen wir zum Beispiel wöchentlich in das Trainingscamp zur Grundausbildung, wo wir die Basiskenntnisse erwarben, um später im Team perfekt kommunizieren zu können.



Grundausbildung

Damals war ich noch sehr jung, quasi frisch geschlüpft, noch gänzlich feucht hinter den Ohren. Und wie es meiner Natur entspricht, sorgte ich bei jeder Ausbildungsstunde, bei der wir ordentlich im Kreis aufgestellt zu sein hatten, gleich zu Anfang lautstark für Ordnung: „So, Leute, Aufgepasst! Ihr haltet jetzt alle auf der Stelle die Klappe! Also subito piano, jetzt! Und nehmt gefälligst mal Haltung an! Was ist denn das schon wieder für ein verlotterter Sauhaufen hier!“
Doch gerade, als ich auf den Höhepunkt meiner Motivationsansprache kommen will, tritt die oberste Cheftrainerin langsam auf mich zu, bleibt vor mir stehen. Ich schaue zu ihr auf, denn ihr Kopf ist nicht nur höher als meiner, sondern auch ihre persönliche Aura lässt mich kurz innehalten. Ich hoffe natürlich auf ein Zeichen der Anerkennung für mein Engagement. Tatsächlich blickt sie mich auch lächelnd an und sagt mit einer Stimme, so zärtlich und süß wie die der Heiligen Jungfrau,: „Na, du lernst es wohl nie, du kleiner Scheißer“, tätschelt mir dir Wange und geht weiter.
Habe ich mich da eben verhört oder was? Ich sehe mich nach MGL um. Sie lächelt die Cheftrainerin entschuldigend (!) an, aber ich weiß, auch sie ist zutiefst beleidigt.
Da in der Grundausbildung sowieso nichts Neues mehr zu erwarten war, verzichteten wir auf die letzten Kursstunden und gingen gleich zum nächsten Level weiter.



Sozialkompetenz und Aufgabenverteilung, Berufswahl

Hier fand ich mich in der Gruppe der jugendlichen Rabauken wieder. Wir waren alle Rekruten unserer jeweiligen künftigen Wirkungsfelder, jedoch wurde sehr schnell klar, dass es sich bei den meisten nur um ein ewiges Kinderparadies voller Spiel, Spaß und Bällebad handeln würde. Kein Sinn für Ordnung, kein Verantwortungsgefühl. Ich hatte schon in der ersten Übungsstunde alle Pfoten voll zu tun, die Gruppen einzuteilen und jeden dieser jungen Taugenichtse auf seinen korrekten Platz zu verweisen.
Die Trainerin, die für die menschlichen Teamleiter zuständig war, sah aus wie eine Karotte. Sehr hoch und gerade gewachsen, lange glatte braune Haare und insgesamt sehr ruhig und beherrscht war sie. Sie hatte auch mehr Verständnis für meine Arbeit. Eines Tages kam Ausbilderin Karotte zu MGL und erklärte ihr, wie ich wohl so ticke. Ich sei ein ernster Hund.
„Der will nicht spielen wie die anderen hier. Der will arbeiten. Und das solltet ihr auch machen. Der braucht eine ernste Aufgabe, sonst ist er nicht glücklich. Siehst du, wie er die anderen sortiert? Und jetzt geht er dort dazwischen, wo sich zwei in der Wolle haben.“
Fast war ich versucht, Ausbilderin Karotte zu meiner neuen „Großen Liebe“ zu erklären. So viel Wertschätzung, so eine Kompetenz! Aber da kam Chefausbilderhund Bogus seitwärts heran und raunte mir nur ein „träum’ weiter, Kleiner. Meine Chefin hat schon einen Partner und der bin ich“ zu.
Von Bogus war ich restlos beeindruckt. Ich wollte so werden wie er. Die Autorität in Person. Von allen respektiert und gemocht, traf er immer den richtigen Ton, wenn es darum ging, uns jungen Hüpfern Manieren beizubringen. So gab ich mir denn auch alle Mühe, hilfreich zu sein. Bald stieg ich in der Gruppenhierarchie zum Hilfs-Sheriff auf und schließlich beendete ich das Ausbildungsjahr mit dem Diplom „Ordnungshüter mit Auszeichnung“. Damit war ich sozusagen zum Besuch der „Hunde-Uni“ zugelassen und konnte dort am Ende die Begleithundeprüfung machen. Dazu kam es dann doch nicht mehr. Ich vermute MGL war dem Druck nicht gewachsen.
Wir stiegen ohne großes Abschlusszeugnis in die Arbeit ein. Ich hatte mein eigenes Revier. Ich würde nach Herzenslust alles ordnen, was sich unaufgeräumt im Wald herumtrieb, würde kontrollieren und beaufsichtigen, hier und da zu Hilfe eilen oder dazwischengehen, wenn es zu Raufereien kam.
Doch es sollte noch eine Weile dauern, bis es sich herumgesprochen hatte, wer der Chef im Ring ist. Vor allem die schon vorhandenen Kollegen wollten mich nicht so recht akzeptieren. Dabei wären wir eigentlich ein super Team, aber bis heute sind wir nicht recht warm geworden.



Otto

Da ist zum einen Otto. Er ist sozusagen der Silberrücken im Revier. Ein Koloss von mindestens 60 Kilo Kampfgewicht, welches er gemessenen Schritts durch die Gegend trägt. Dabei behält er stets den todernsten Ausdruck des mit allen Wassern gewaschenen Konstablers im blond umrandeten Labradorengesicht, der jedem Entgegenkommenden zugleich Respekt und Furcht einflößt.
Bei unserer ersten Begegnung rief uns sein Teamleiter schon von Weitem zu: „Nehmen Sie die Leine ab, der Otto kann das nicht leiden!“
Was es bedeutet, wenn Otto etwas nicht leiden kann, haben schon verschiedene Vertreter unserer Gattung schmerzhaft erfahren müssen. Es kursieren diverse Geschichten über mehr oder weniger schlimme Blessuren, mit denen der Konstabler sowohl kleine wie große Mithunde gesegnet hat, die versehentlich in seine Reichweite kamen. Und jede dieser Geschichten beginnt mit „Kennen Sie schon Otto?“
„Otto? Oh, Gott …“

Ich selbst bin bis jetzt glimpflich davongekommen, obwohl er mich gleich am ersten Tag bei Dienstantritt in die Mangel nehmen wollte. Vielleicht hat er mich aber inzwischen doch als Kollegen im Amt akzeptiert. Ich kann mich jedoch nicht zurückhalten, ihm jedes Mal, wenn sich unsere Routen kreuzen, eins zu versetzen, einfach, weil ich sein dummes Gesicht sehen will, wenn er mich nicht zerfleischen darf. Ich rufe dann im Vorbeigehen so etwa: „Alter Schwede, bist du immer noch auf den Beinen? Ich dachte, sie hätten dich längst einbalsamiert! Mach’ ja nicht zu schnell, sonst kriegst du hier noch ein Herzkaschperl!“
Und er darauf nur: „Vom Schärligbach, komm’ mir nur einmal in Quere! Ich schüttel’ dich durch, dass du deine Knochen alle neu sortieren kannst!“
Ich find’s lustig. MGL ist nicht sehr erfreut. Leider hat sie überhaupt keinen Sinn für Humor.
Zumindest habe ich mir Konstabler Ottos bösen Blick abgeguckt, und wie man einen jugendlichen Halbstarken mal so richtig zur Schnecke macht. Habe ich bei Cujo gemacht, war lustig. Allerdings war Cujo damals gerade ein paar Monate alt und auf viel zu großen tapsigen Pfoten unterwegs, und ich fürchte, er könnte es mir ein wenig übel genommen haben. Jedenfalls mache ich heute lieber einen Bogen, wenn mir ein ausgewachsener Bullmastiff mit mindestens 60 Kilo reiner Muskelmasse entgegenkommt. Man weiß ja nie.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 68
ISBN: 978-3-99107-301-7
Erscheinungsdatum: 03.12.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 15,90
EUR 9,99

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