Burgherr dringend gesucht
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 128
ISBN: 978-3-7116-1376-9
Erscheinungsdatum: 02.03.2026
Eine Kleinstadt mit einer verfallenen Burg. Um mehr Besucher zu anzulocken, erfindet der Stadtrat einen Urahnen des letzten, schon lange verstorbenen Burgherren und macht es publik. Dieser Plan funktioniert besser, als alle gedacht hätten…
Stellen wir uns eine malerische, verträumte Kleinstadt vor, die in einem Tal liegt und mitten in Rheinland-Pfalz. Sie trägt den Namen Elfenstein. Ihre Bewohner sind einfache und ehrliche Bürger. Um die Stadt ragen sich mehrere Berge. Auf einem der Berge steht eine alte, verfallene Burg, die jede Nacht im hellen Neonlicht erstrahlt. Die Altstadt ist von Fachwerkhäusern umringt, wodurch ein kleiner Fluss fließt. Nahe der Altstadt steht eine Kirche, deren Kirchturm weit in die Höhe ragt. Nicht weit davon steht das Rathaus, in dem gerade eine Sitzung stattfindet. Die Mitglieder des Rates sind alle vollständig da und sitzen an einem Tisch. Wie gewohnt treffen sie sich regelmäßig zu einer nichtöffentlichen Sitzung, zu der sie der Bürgermeister der Stadt einberufen hat. Verschiedene Punkte werden diskutiert und festgelegt. Der letzte Punkt auf der Tagesordnung lautet: Wie können wir unsere Stadt für den Touristenverkehr attraktiver machen! Der Bürgermeister bittet um Vorschläge. Die Mitglieder sehen sich fragend an, dann geht ein leises Raunen durch den Raum. Dann erhebt einer die Hand. „Hans“, sagt der Bürgermeister, „was hast du für einen Vorschlag“. „Nun, wir könnten mehr Blumenkästen aufstellen.“ Darauf beginnen die anderen Mitglieder, die alle um einen runden Tisch sitzen, in ein lautes Gelächter zu fallen. „Was soll das bringen?“, fragt der Bürgermeister. „Nun, ich dachte mir, es würde unsere Stadt schöner aussehen lassen.“ Dann meldet sich ein anderer zu Wort. „Klaus, was hast du für einen Vorschlag?“
„Vielleicht sollten wir unseren Park etwas attraktiver gestalten, zum Beispiel mit einem besonderen Spielplatz.“
„Das bringt doch auch nichts. Jede Stadt und jedes Dorf hat doch heute schon einen Spielplatz. Nein, es müsste etwas ganz Besonderes sein. Etwas, was sonst keiner hat.“ Dann meldet sich eine Frau zu Wort. „Sonja, was hast du für einen Vorschlag zu machen?“, fragt der Bürgermeister.
„Wie wäre es, wenn wir ein Fest veranstalten. Das lockt doch viele Besucher an.“
„Da hast du recht, aber wir haben doch unser traditionelles Kirmesfest mit seinem Umzug, wo auch auswärtige Musikkapellen mitmachen.“
„An so was dachte ich nicht.“
„An was dachtest du denn, Sonja?“
„Es müsste was ganz Besonderes sein, etwas Ausgefallenes.“
„Und was?“, fragt Klaus.
„Wie wäre es mit einem Burgfest auf der Burgruine.“
„Das wäre schon was Besonderes, da gebe ich dir recht, Sonja.“
Ja, ich denke, unser Heimatverein würde uns dabei gerne unterstützen“, bekennt der Bürgermeister.
„Bist du da nicht Mitglied in diesem Verein?“, fragt Hans.
„Ich nicht, aber Tobias.“
„Ja, ich bin im Heimatverein und ich könnte mit dem Vorstand reden. Der macht bestimmt mit.“
„Man könnte es ja so aufziehen, so wie im mittelalterlichen Stil. So mit Kostümen, wie sie sie früher trugen. Und Marktständen wie damals“, sagt Sonja.
„Ja, vielleicht sollte man auch alte Traditionen zeigen, so wie sie früher arbeiteten“, schlägt Tobias vor.„Prima, das halte ich für eine gute Idee“, lenkt der Bürgermeister ein.
„Was wissen wir eigentlich über unsere Burg und unseren ehemaligen Burgherren?“, fragt Hans den Bürgermeister.
„Über unsere Burg weiß ich nur, dass es Daten gibt, wann sie ungefähr zerstört wurde, und es gibt Aufzeichnungen, wie sie einmal früher ausgesehen haben soll. Anhand der Mauerreste, die noch oben auf der Burgruine zu finden sind. Über die Menschen, die dort einst lebten, weiß ich jetzt eigentlich nichts, aber wieso fragst du mich das, Hans? Wieso willst du das wissen?“
„Ich dachte gerade, was wäre denn, wenn wir das wüssten?“
„Und was würde das ausmachen? Es gibt da keinen mehr“, antwortet der Bürgermeister.
„Stellen Sie sich doch mal vor, wir würden sagen, es gäbe, oder wir hätten herausgefunden, dass es noch einen Urahnen unseres letzten Burgbesitzers gäbe. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Wissen viele Besucher anlocken würde, nur aus Neugierde, um ihn zu sehen und kennenzulernen.“
„Das würde es bestimmt. Aber wir haben keinen Urahnen, und wen willst du denn hinstellen?“
Er zuckt darauf mit den Schultern.
„Die Idee, die Hans hat, ist gar nicht so schlecht, Herr Bürgermeister. Er hat recht, das würde bestimmt viele Besucher anlocken“, mischt sich Klaus ein. „Aber zu behaupten, wir hätten einen Urahnen unseres ehemaligen Burgbesitzers ermittelt, wäre eine Lüge. Aber was wäre, wenn wir sagen, wir hätten vermutlich einen Urahnen unseres ehemaligen Burgbesitzers gefunden. Wäre das auch eine Lüge? Keiner außer uns weiß doch, ob wir überhaupt danach gesucht haben. Wenn es so weit ist, könnten wir doch sagen, unsere Vermutung hat sich leider nicht bestätigt. Was meint ihr denn dazu?“
Wieder geht ein Raunen durch den Raum.
„Leute“, sagt der Bürgermeister. „Ich verstehe euch, aber das können wir nicht machen.“
„Doch“, sagt Tobias, „aber es muss unter uns bleiben, es darf nichts nach draußen dringen. Versprecht es.“
„Wir sind dabei“, rufen alle Ratsmitglieder nacheinander.
„Ich nehme es nicht auf meine Kappe“, sagt der Bürgermeister darauf, „aber ich werde am Ende dafür die Verantwortung tragen müssen.“
Zwei Tage später erscheint in der Tageszeitung ein Artikel mit dem Text:
DIE STADT ELFENSTEIN GIBT BEKANNT
Nach eingehender Recherche ist es uns gelungen,
einen möglichen Urahnen unseres ehemaligen
Burgeigentümers zu ermitteln.
Genaueres muss noch untersucht werden.
Der Bürgermeister
Noch am selben Tag nach Erscheinen des Artikels laufen die Telefone im Rathaus heiß. Reporter rufen ständig an und wollen mehr darüber wissen. Aber sie erreichen immer nur die Sekretärin, die sie abwimmelt mit den Worten: „Ich darf dazu keine Auskunft geben.“ Am späten Nachmittag läutet wieder das Telefon. Die Sekretärin nimmt ab. Ein Professor meldet sich von einer Universität, er bittet um einen Termin beim Bürgermeister. Sie bittet ihn, einen Moment in der Leitung zu warten. Darauf steht sie hastig auf, klopft kurz an der Tür des Bürgermeisters an und tritt gleich ein. „Ein Professor aus München ist am Telefon, er will einen Termin, soll ich ihm einen geben?“ „Ja, ja“, antwortet der Bürgermeister. Die Sekretärin schließt die Tür des Büros hinter sich und geht zurück zum Telefon. Dann meldet sie sich. „Ich könnte Ihnen frühestens für nächste Woche einen Termin geben.“ „Hören Sie“, sagt der Professor etwas erbost. „Ich komme von weit her und nicht, um mich von Ihnen abwimmeln zu lassen. Ich muss Ihren Bürgermeister heute noch sprechen. Machen Sie mir gefälligst heute oder spätestens morgen früh einen Termin. Dann nehme ich mir ein Hotelzimmer in Ihrer Stadt, so was werden Sie doch haben, oder?“
„Natürlich. Na gut, kommen Sie morgen um acht Uhr, dann können Sie mit ihm reden.“ Danach legt er auf. Sie stellt ihr Telefon zum Bürgermeister durch und berichtet ihm von dem Termin.
Kurz vor acht Uhr klopft es an der Tür der Sekretärin. „Herein“, ruft sie. Gleich danach tritt er ein und geht zielstrebig auf den Schreibtisch der Sekretärin zu. Der Professor ist ein Mann in imposanter Erscheinung. „Ist er da, kann ich gleich rein?“
„Moment mal, wer sind Sie denn überhaupt?“
„Der Professor, wir haben doch gestern miteinander telefoniert, wissen Sie das nicht mehr?“
„Und ob. Aber ich kenne Sie ja nicht. Wie Sie sehen, habe ich kein Bildtelefon. Ich werde Sie gleich anmelden.“
Sie steht auf und geht zur Bürotür und klopft an. Von drinnen hört sie, wie der Bürgermeister „herein“ ruft. Sie öffnet und der Professor tritt gleich ein, obwohl sie noch in der Tür steht, und sie schließt danach gleich. Der Bürgermeister sitzt hinter seinem Schreibtisch. Doch als sich der Professor ihm nähert, steht er auf und begrüßt ihn, indem er ihm die Hand reicht. Danach bietet er ihm einen Stuhl an, der vor seinem Schreibtisch steht.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragt der Bürgermeister höflich.
„Mein Name ist Ebner. Ich bin Historiker und Genealoge und habe von Ihrem Fall gehört. Sie sollen einen möglichen Urahnen gefunden haben, heißt es. Wie konnten Sie den ermitteln und was können Sie mir dazu sagen?“
„Nun, dazu kann und will ich noch keine Angaben machen. Noch steht es nicht einhundertprozentig fest, ob er es wirklich ist. Aus München kommen Sie, sagte mir meine Sekretärin. Wie haben Sie davon gehört?“
„Das spielt jetzt keine Rolle, aber wenn es Sie interessiert: Einer meiner Studenten erzählte mir davon. Er stammt wohl aus Ihrer Stadt und sein Vater hat es ihm wohl berichtet, so erzählte er es mir.“
„Ach, und da haben Sie sich auf den weiten Weg gemacht.“
„Ich muss zugeben, dieser Fall hat mich neugierig gemacht. Aber lenken Sie jetzt nicht ab und sagen Sie mir, wie Sie den ermitteln konnten.“
„Nun, dazu kann ich nichts sagen.“
„Na gut, dann übergeben Sie mir doch Ihre Unterlagen, ich werde sie prüfen.“
„Das geht nicht, das ist noch Verschlusssache.“
„Heißt das, Sie haben gar nichts? Das war nur ein Bluff?“
Die Gesichtsfarbe des Bürgermeisters verändert sich.
„Also doch. Ich sehe es in Ihrem Gesicht. Ich hatte Recht, geben Sie es wenigstens zu.“
„Ja, ich gestehe, wir wollten damit unsere Stadt für den Tourismus etwas attraktiver machen.“
„Also habe ich den weiten Weg umsonst gemacht, worüber ich sehr enttäuscht bin. Das muss aber nicht sein, darum mache ich Ihnen einen Vorschlag. Sie übergeben mir alles, was Sie haben über Ihre Burgruine, über mögliche Baupläne, und ich brauche Einsicht in die Kirchenbücher. Reden Sie mit dem zuständigen Pfarrer. Ich möchte auch mit Nachbargemeinden reden. Vielleicht gibt es da noch irgendwelche Aufzeichnungen, oder vielleicht findet man da noch etwas in den Kirchenbüchern. Lassen Sie mir da freie Hand. Dieser Fall hat mich neugierig gemacht.“
„Ich werde alles veranlassen“, spricht darauf der Bürgermeister. Beide Männer stehen auf und reichen sich die Hände. Er begleitet den Professor zur Tür des Büros. „Ich werde dafür sorgen, dass man Ihnen die Unterlagen ins Hotel bringt.“
„Nein“, antwortet der Professor. „Lassen Sie mich in Ihr Archiv, ich suche mir selbst heraus, was ich brauche.“
„Meine Sekretärin wird Sie hinführen.“
Mit diesen Worten trennen sie sich. Darauf holt die Sekretärin einen Schlüssel und führt ihn in den Keller des Rathauses.
„Wenn Sie fertig sind, schließen Sie bitte ab und bringen mir den Schlüssel hoch“, bittet sie ihn.
Dann geht sie und der Professor sieht sich um. Verstaubte Akten liegen auf den Regalen. Schließlich wird er in einer Ecke fündig. Pläne der zerstörten Burg liegen sortiert in einer Akte. Auch das Alter der Zerstörung ist darauf notiert. Er sieht sich weiter um. Aber keine der anderen Akten deuten auf ein Wissen über die Burg hin. Er nimmt die Akte und geht zur Tür, dann knipst er das Licht aus, und verlässt den Kellerraum. Dabei verschließt er die Tür. Mit der Akte unter dem Arm, geht er zur Treppe hinauf, klopft kurz an der Tür der Sekretärin, die gleich darauf zur Tür kommt, und übergibt ihr den Schlüssel des Archivs.
„Die nehme ich mit“, sagt er und deutet auf die Akte.
In seinem Hotelzimmer sieht er sich die Akte genauer an und notiert sich dabei die Jahreszahlen der Zerstörung und das genauere Datum, wann die Burg vermutlich erbaut wurde. Dann greift er zum Telefon in seinem Zimmer und ruft die Rezeption an.
„Hier ist der Gast aus Nr. 12. Machen Sie mir bitte eine Verbindung mit dem hiesigen Pfarramt und stellen es mir durch.“ Dann legt er auf. Kurz danach läutet das Telefon. Der Pfarrer meldet sich mit seinem Namen und dem Namen der Pfarrei.
„Herr Pfarrer“, sagt er, „ich bin Professor Ebner. Ich bin Historiker und Genealoge und habe einen Lehrstuhl in München. Ich nehme an, der Bürgermeister hat Sie bereits über mich informiert.“
„Ja, hat er.“
„Gut. Dann wissen Sie bereits, dass ich gerne Einblick in die Kirchenbücher hätte. Wären Sie dazu bereit?“
„Ja, selbstverständlich. Aber dazu müssten Sie hierher kommen.“
„Gerne. Ich mache mich gleich auf den Weg. Bis später.“
Mit seinen Notizen, die er auf seinem Notebook gespeichert hat, macht er sich auf den Weg und steht schon wenige Minuten später vor dem Pfarrhaus. Der Pfarrer öffnet ihm selbst die Tür und bittet ihn gleich, einzutreten. Er führt ihn in seine Amtsstube und bittet ihn, sich zu setzen. Nachdem er auch Platz genommen hat, spricht er zu dem Professor.
„Der Bürgermeister rief mich schon heute Morgen an und teilte mir mit, dass Sie Einblick in die Kirchenbücher möchten. Selbstverständlich werde ich es Ihnen gewähren. Sie müssten mir nur sagen, für welchen Zeitraum Sie die Bücher brauchen. Dann werde ich sie Ihnen holen.“
„Wie weit in der Geschichte ragen denn Ihre Bücher zurück?“
„Weit, sehr weit. Wenn ich mich recht erinnere, bis in das 11. Jahrhundert.“
„Gut. Je eher es kirchliche Aufzeichnungen gibt, desto besser. Vielleicht finde ich da was.“
„Ich muss Sie aber warnen. Sie sind schon etwas verstaubt, die Bücher meine ich.“
„Das bin ich gewohnt. Holen Sie sie mir bitte.“
„Es dauert noch eine Weile. In der Zwischenzeit werde ich meine Köchin bitten, Ihnen etwas zu trinken zu bringen. Sie werden es brauchen bei diesem Staub. Was möchten Sie denn trinken?“
„Mineralwasser, das reicht.“
„Gut, ich werde es ihr sagen. Sie bringt es Ihnen gleich. In der Zwischenzeit hole ich dann die Bücher.“
Während der Pfarrer das Zimmer verlässt, schweifen die Blicke des Professors im Zimmer hin und her. Kurz darauf öffnet sich die Tür und eine etwas ältere Frau mit einem Tablett, worauf ein Glas und eine Flasche Mineralwasser stehen, betritt den Raum. Sie stellt das Tablett vor ihn hin und verlässt wieder den Raum. Der Professor schenkt sich ein und nimmt einen großen Schluck aus dem Glas. Gelangweilt schaut er kurz auf seine Uhr, die er am Handgelenk trägt, und dann wieder zur Tür. Beladen mit zwei dicken Büchern tritt kurz darauf der Pfarrer ein.
„Ah, wie ich sehe, hat Ihnen meine Köchin schon etwas zu trinken gebracht“, sagt er schon bei seinem Eintritt.
„Ja, geben Sie her.“
„Das sind die ältesten Kirchenbücher, die ich habe.“
„Legen Sie sie einfach hier hin und stören Sie mich nicht weiter.“
Der Pfarrer legt die Bücher vor ihn auf den Tisch und geht zu seinem Schreibtisch. Der Professor schlägt das erste Buch auf und liest darin. Geburten, Hochzeiten und Todesfälle sind darin verzeichnet, mit Datum und Ortsangaben. Auch Taufen und Konfirmationen. Er nimmt sich das älteste Buch vor und geht die Liste aller Namen durch. Besonders sieht er sich die Orte aller Geburten an. Aber in dem Buch findet er nur Namen von Geburten in der Stadt. Nachdem er das erste Buch durchgesehen hat, nimmt er sich das zweite Buch vor. Und wieder sind alle Geburten in der Stadt verzeichnet. Als er auf der letzten Seite ankommt, entdeckt er, dass hier sehr viele Todesfälle verzeichnet sind. Der Pfarrer sitzt noch immer hinter seinem Schreibtisch, um eine Predigt vorzubereiten. Da klingelt sein Telefon, das vor ihm auf dem Schreibtisch steht. Er hebt den Hörer ab und meldet sich. Am anderen Ende ist ein Mann, der einen Termin haben möchte. Der Pfarrer sieht in seinem Terminkalender nach und gibt ihm einen, dann legt er wieder auf. Gleich danach spricht ihn der Professor an.
„Herr Pfarrer“, sagt er, „ich sehe hier, dass hier sehr viele Todesfälle eingetragen sind. Wissen Sie, ob es da eine Seuche in der Stadt gab?“
Der Pfarrer steht auf und geht zu ihm hin. Der Professor zeigt ihm die Daten. Der Pfarrer sieht sich die Daten genau an, dann sagt er: „Davon ist mir nichts bekannt. Aber sehen Sie sich mal die Geschichtsdaten an. In Deutschland gab es doch mal eine Seuche.“
„Viel später“, wendet der Professor ein. „Damals im Dreißigjährigen Krieg. Da gab es die Pest. Aber sehen Sie doch mal auf diese Daten.“
„Vielleicht gab es da irgendwelche Seuchen, ich weiß es nicht.“
Der Pfarrer geht zurück an seinen Schreibtisch und arbeitet weiter an seiner Predigt. Der Professor schaut darauf in seine Notizen und vergleicht sie mit den Daten im Kirchenbuch.
„Das könnte passen“, sagt er laut vor sich hin.
„Was meinen Sie?“, ruft der Pfarrer ihm zu.
„Laut den Daten, die ich über die Burg habe, passt das zusammen mit der Zerstörung der Burg. Ich denke, die Franzosen haben die Stadt überfallen, die Einwohner niedergemetzelt und dann die Burg angegriffen und sie zerstört. Deswegen die vielen Todesfälle. Aber ich habe immer noch keinen Hinweis auf einen Burgbesitzer. Ich sehe mal weiter. Vielleicht finde ich darunter einen Hinweis. Ich werde mir die Namen noch einmal genauer anschauen.“
Er sieht das Buch noch zu Ende durch.
„Können Sie mir das nächste bringen?“, ruft er zum Pfarrer hinüber.
„Morgen, heute nicht mehr. Ich habe noch zu tun. Kommen Sie bitte morgen wieder. Wie wäre es um die gleiche Zeit wie heute?“
„Gut, dann will ich Sie nicht weiter stören.“
Er packt seine Notizen ein und steht auf, dann verabschiedet er sich und geht. Seinen Wagen hat er direkt vor dem Pfarrhaus geparkt. Mit ihm fährt er in das Hotel zurück, wo er seine Notizen noch einmal in Ruhe durchsieht. Am nächsten Tag klingelt er, wie besprochen, an der Haustür des Pfarrers. Die Köchin lässt ihn herein und bittet ihn, im Flur zu warten.
„Der Pfarrer ist noch in einer Besprechung“, erklärt sie ihm.
Im Flur steht eine Bank, zu der er geht und Platz darauf nimmt. Aus dem Amtszimmer des Pfarrers hört man leise Stimmen. Die eines Mannes und einer Frau. Auch die Stimme des Pfarrers ist zu hören. Endlich wird es leiser und die Tür öffnet sich. Ein junges Paar kommt heraus.
„Ach, Sie sind schon hier“, begrüßt ihn der Pfarrer, als er ihn sieht. „Kommen Sie herein“, sagt er weiter, „die nächsten Bücher liegen schon für Sie bereit.“
Der Professor geht am Pfarrer vorbei, der ihm die Tür aufhält. Er geht direkt zu dem Tisch, auf dem die nächsten beiden Bücher liegen, und schlägt eines auf. Wieder stößt er dabei auf viele Todesfälle. Doch dann entdeckt er einen adligen Namen unter den Todesfällen, der ihm zuvor nicht auffiel. Er geht noch ein paar Seiten zurück, um nach einem Geburtsdatum zu suchen, das ihm vielleicht zuvor nicht aufgefallen war. Aber er findet keines. Dann schlägt er wieder die Seite mit dem Namen des Adligen auf und sucht weiter. Nur wenige Zeilen weiter findet er ein Hochzeitsdatum. Im gleichen Buch findet er auch die Namen zweier Söhne.
„Ich habe etwas gefunden“, ruft er zum Pfarrer hinüber, der an seinem Schreibtisch sitzt.
„Was?“, fragt er.
„Adlige, hier sind Adlige verzeichnet, sie müssten die Burgherren sein. Jetzt muss ich ihren Stammbaum verfolgen. Bin gespannt, ob es da noch Nachkommen gibt. Dazu brauche ich das nächste Buch.“
„Kriegen Sie. Aber erst morgen“, spricht der Pfarrer prompt.
„Gut, dann komme ich morgen wieder um die gleiche Zeit wie heute.“
„Einverstanden“, antwortet der Pfarrer.
Zufrieden steigt der Professor in sein Auto ein und fährt damit in sein Hotel zurück. Sein Weg führt ins Restaurant. Die Bedienung kommt an den Tisch.
„Bringen Sie mir bitte einen trockenen Weißwein und mein Essen, das ich heute Morgen bestellt habe.“Kaum ist die Bedienung weg, da klingelt sein Telefon.
„Ja bitte“, spricht er. Am anderen Ende der Leitung ist der Bürgermeister.
„Hallo Herr Professor Ebner, haben Sie schon was gefunden? Die Journalisten lassen nicht locker. Ständig läutet unser Telefon.“
„Ja, es gibt tatsächlich etwas Neues. Ich bin auf Namen von Adligen gestoßen. Sie könnten die Burgherren gewesen sein. Denn das einfache Volk besaß keine Burg. Morgen sehe ich weiter. Ich werde Sie informieren, wenn ich mehr weiß.“
„Gut, wenigstens ein Lichtblick, bis demnächst.“
Die Bedienung kommt an den Tisch und bringt das Essen. Er legt sein Telefon neben sich auf den Tisch.
...
„Vielleicht sollten wir unseren Park etwas attraktiver gestalten, zum Beispiel mit einem besonderen Spielplatz.“
„Das bringt doch auch nichts. Jede Stadt und jedes Dorf hat doch heute schon einen Spielplatz. Nein, es müsste etwas ganz Besonderes sein. Etwas, was sonst keiner hat.“ Dann meldet sich eine Frau zu Wort. „Sonja, was hast du für einen Vorschlag zu machen?“, fragt der Bürgermeister.
„Wie wäre es, wenn wir ein Fest veranstalten. Das lockt doch viele Besucher an.“
„Da hast du recht, aber wir haben doch unser traditionelles Kirmesfest mit seinem Umzug, wo auch auswärtige Musikkapellen mitmachen.“
„An so was dachte ich nicht.“
„An was dachtest du denn, Sonja?“
„Es müsste was ganz Besonderes sein, etwas Ausgefallenes.“
„Und was?“, fragt Klaus.
„Wie wäre es mit einem Burgfest auf der Burgruine.“
„Das wäre schon was Besonderes, da gebe ich dir recht, Sonja.“
Ja, ich denke, unser Heimatverein würde uns dabei gerne unterstützen“, bekennt der Bürgermeister.
„Bist du da nicht Mitglied in diesem Verein?“, fragt Hans.
„Ich nicht, aber Tobias.“
„Ja, ich bin im Heimatverein und ich könnte mit dem Vorstand reden. Der macht bestimmt mit.“
„Man könnte es ja so aufziehen, so wie im mittelalterlichen Stil. So mit Kostümen, wie sie sie früher trugen. Und Marktständen wie damals“, sagt Sonja.
„Ja, vielleicht sollte man auch alte Traditionen zeigen, so wie sie früher arbeiteten“, schlägt Tobias vor.„Prima, das halte ich für eine gute Idee“, lenkt der Bürgermeister ein.
„Was wissen wir eigentlich über unsere Burg und unseren ehemaligen Burgherren?“, fragt Hans den Bürgermeister.
„Über unsere Burg weiß ich nur, dass es Daten gibt, wann sie ungefähr zerstört wurde, und es gibt Aufzeichnungen, wie sie einmal früher ausgesehen haben soll. Anhand der Mauerreste, die noch oben auf der Burgruine zu finden sind. Über die Menschen, die dort einst lebten, weiß ich jetzt eigentlich nichts, aber wieso fragst du mich das, Hans? Wieso willst du das wissen?“
„Ich dachte gerade, was wäre denn, wenn wir das wüssten?“
„Und was würde das ausmachen? Es gibt da keinen mehr“, antwortet der Bürgermeister.
„Stellen Sie sich doch mal vor, wir würden sagen, es gäbe, oder wir hätten herausgefunden, dass es noch einen Urahnen unseres letzten Burgbesitzers gäbe. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Wissen viele Besucher anlocken würde, nur aus Neugierde, um ihn zu sehen und kennenzulernen.“
„Das würde es bestimmt. Aber wir haben keinen Urahnen, und wen willst du denn hinstellen?“
Er zuckt darauf mit den Schultern.
„Die Idee, die Hans hat, ist gar nicht so schlecht, Herr Bürgermeister. Er hat recht, das würde bestimmt viele Besucher anlocken“, mischt sich Klaus ein. „Aber zu behaupten, wir hätten einen Urahnen unseres ehemaligen Burgbesitzers ermittelt, wäre eine Lüge. Aber was wäre, wenn wir sagen, wir hätten vermutlich einen Urahnen unseres ehemaligen Burgbesitzers gefunden. Wäre das auch eine Lüge? Keiner außer uns weiß doch, ob wir überhaupt danach gesucht haben. Wenn es so weit ist, könnten wir doch sagen, unsere Vermutung hat sich leider nicht bestätigt. Was meint ihr denn dazu?“
Wieder geht ein Raunen durch den Raum.
„Leute“, sagt der Bürgermeister. „Ich verstehe euch, aber das können wir nicht machen.“
„Doch“, sagt Tobias, „aber es muss unter uns bleiben, es darf nichts nach draußen dringen. Versprecht es.“
„Wir sind dabei“, rufen alle Ratsmitglieder nacheinander.
„Ich nehme es nicht auf meine Kappe“, sagt der Bürgermeister darauf, „aber ich werde am Ende dafür die Verantwortung tragen müssen.“
Zwei Tage später erscheint in der Tageszeitung ein Artikel mit dem Text:
DIE STADT ELFENSTEIN GIBT BEKANNT
Nach eingehender Recherche ist es uns gelungen,
einen möglichen Urahnen unseres ehemaligen
Burgeigentümers zu ermitteln.
Genaueres muss noch untersucht werden.
Der Bürgermeister
Noch am selben Tag nach Erscheinen des Artikels laufen die Telefone im Rathaus heiß. Reporter rufen ständig an und wollen mehr darüber wissen. Aber sie erreichen immer nur die Sekretärin, die sie abwimmelt mit den Worten: „Ich darf dazu keine Auskunft geben.“ Am späten Nachmittag läutet wieder das Telefon. Die Sekretärin nimmt ab. Ein Professor meldet sich von einer Universität, er bittet um einen Termin beim Bürgermeister. Sie bittet ihn, einen Moment in der Leitung zu warten. Darauf steht sie hastig auf, klopft kurz an der Tür des Bürgermeisters an und tritt gleich ein. „Ein Professor aus München ist am Telefon, er will einen Termin, soll ich ihm einen geben?“ „Ja, ja“, antwortet der Bürgermeister. Die Sekretärin schließt die Tür des Büros hinter sich und geht zurück zum Telefon. Dann meldet sie sich. „Ich könnte Ihnen frühestens für nächste Woche einen Termin geben.“ „Hören Sie“, sagt der Professor etwas erbost. „Ich komme von weit her und nicht, um mich von Ihnen abwimmeln zu lassen. Ich muss Ihren Bürgermeister heute noch sprechen. Machen Sie mir gefälligst heute oder spätestens morgen früh einen Termin. Dann nehme ich mir ein Hotelzimmer in Ihrer Stadt, so was werden Sie doch haben, oder?“
„Natürlich. Na gut, kommen Sie morgen um acht Uhr, dann können Sie mit ihm reden.“ Danach legt er auf. Sie stellt ihr Telefon zum Bürgermeister durch und berichtet ihm von dem Termin.
Kurz vor acht Uhr klopft es an der Tür der Sekretärin. „Herein“, ruft sie. Gleich danach tritt er ein und geht zielstrebig auf den Schreibtisch der Sekretärin zu. Der Professor ist ein Mann in imposanter Erscheinung. „Ist er da, kann ich gleich rein?“
„Moment mal, wer sind Sie denn überhaupt?“
„Der Professor, wir haben doch gestern miteinander telefoniert, wissen Sie das nicht mehr?“
„Und ob. Aber ich kenne Sie ja nicht. Wie Sie sehen, habe ich kein Bildtelefon. Ich werde Sie gleich anmelden.“
Sie steht auf und geht zur Bürotür und klopft an. Von drinnen hört sie, wie der Bürgermeister „herein“ ruft. Sie öffnet und der Professor tritt gleich ein, obwohl sie noch in der Tür steht, und sie schließt danach gleich. Der Bürgermeister sitzt hinter seinem Schreibtisch. Doch als sich der Professor ihm nähert, steht er auf und begrüßt ihn, indem er ihm die Hand reicht. Danach bietet er ihm einen Stuhl an, der vor seinem Schreibtisch steht.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragt der Bürgermeister höflich.
„Mein Name ist Ebner. Ich bin Historiker und Genealoge und habe von Ihrem Fall gehört. Sie sollen einen möglichen Urahnen gefunden haben, heißt es. Wie konnten Sie den ermitteln und was können Sie mir dazu sagen?“
„Nun, dazu kann und will ich noch keine Angaben machen. Noch steht es nicht einhundertprozentig fest, ob er es wirklich ist. Aus München kommen Sie, sagte mir meine Sekretärin. Wie haben Sie davon gehört?“
„Das spielt jetzt keine Rolle, aber wenn es Sie interessiert: Einer meiner Studenten erzählte mir davon. Er stammt wohl aus Ihrer Stadt und sein Vater hat es ihm wohl berichtet, so erzählte er es mir.“
„Ach, und da haben Sie sich auf den weiten Weg gemacht.“
„Ich muss zugeben, dieser Fall hat mich neugierig gemacht. Aber lenken Sie jetzt nicht ab und sagen Sie mir, wie Sie den ermitteln konnten.“
„Nun, dazu kann ich nichts sagen.“
„Na gut, dann übergeben Sie mir doch Ihre Unterlagen, ich werde sie prüfen.“
„Das geht nicht, das ist noch Verschlusssache.“
„Heißt das, Sie haben gar nichts? Das war nur ein Bluff?“
Die Gesichtsfarbe des Bürgermeisters verändert sich.
„Also doch. Ich sehe es in Ihrem Gesicht. Ich hatte Recht, geben Sie es wenigstens zu.“
„Ja, ich gestehe, wir wollten damit unsere Stadt für den Tourismus etwas attraktiver machen.“
„Also habe ich den weiten Weg umsonst gemacht, worüber ich sehr enttäuscht bin. Das muss aber nicht sein, darum mache ich Ihnen einen Vorschlag. Sie übergeben mir alles, was Sie haben über Ihre Burgruine, über mögliche Baupläne, und ich brauche Einsicht in die Kirchenbücher. Reden Sie mit dem zuständigen Pfarrer. Ich möchte auch mit Nachbargemeinden reden. Vielleicht gibt es da noch irgendwelche Aufzeichnungen, oder vielleicht findet man da noch etwas in den Kirchenbüchern. Lassen Sie mir da freie Hand. Dieser Fall hat mich neugierig gemacht.“
„Ich werde alles veranlassen“, spricht darauf der Bürgermeister. Beide Männer stehen auf und reichen sich die Hände. Er begleitet den Professor zur Tür des Büros. „Ich werde dafür sorgen, dass man Ihnen die Unterlagen ins Hotel bringt.“
„Nein“, antwortet der Professor. „Lassen Sie mich in Ihr Archiv, ich suche mir selbst heraus, was ich brauche.“
„Meine Sekretärin wird Sie hinführen.“
Mit diesen Worten trennen sie sich. Darauf holt die Sekretärin einen Schlüssel und führt ihn in den Keller des Rathauses.
„Wenn Sie fertig sind, schließen Sie bitte ab und bringen mir den Schlüssel hoch“, bittet sie ihn.
Dann geht sie und der Professor sieht sich um. Verstaubte Akten liegen auf den Regalen. Schließlich wird er in einer Ecke fündig. Pläne der zerstörten Burg liegen sortiert in einer Akte. Auch das Alter der Zerstörung ist darauf notiert. Er sieht sich weiter um. Aber keine der anderen Akten deuten auf ein Wissen über die Burg hin. Er nimmt die Akte und geht zur Tür, dann knipst er das Licht aus, und verlässt den Kellerraum. Dabei verschließt er die Tür. Mit der Akte unter dem Arm, geht er zur Treppe hinauf, klopft kurz an der Tür der Sekretärin, die gleich darauf zur Tür kommt, und übergibt ihr den Schlüssel des Archivs.
„Die nehme ich mit“, sagt er und deutet auf die Akte.
In seinem Hotelzimmer sieht er sich die Akte genauer an und notiert sich dabei die Jahreszahlen der Zerstörung und das genauere Datum, wann die Burg vermutlich erbaut wurde. Dann greift er zum Telefon in seinem Zimmer und ruft die Rezeption an.
„Hier ist der Gast aus Nr. 12. Machen Sie mir bitte eine Verbindung mit dem hiesigen Pfarramt und stellen es mir durch.“ Dann legt er auf. Kurz danach läutet das Telefon. Der Pfarrer meldet sich mit seinem Namen und dem Namen der Pfarrei.
„Herr Pfarrer“, sagt er, „ich bin Professor Ebner. Ich bin Historiker und Genealoge und habe einen Lehrstuhl in München. Ich nehme an, der Bürgermeister hat Sie bereits über mich informiert.“
„Ja, hat er.“
„Gut. Dann wissen Sie bereits, dass ich gerne Einblick in die Kirchenbücher hätte. Wären Sie dazu bereit?“
„Ja, selbstverständlich. Aber dazu müssten Sie hierher kommen.“
„Gerne. Ich mache mich gleich auf den Weg. Bis später.“
Mit seinen Notizen, die er auf seinem Notebook gespeichert hat, macht er sich auf den Weg und steht schon wenige Minuten später vor dem Pfarrhaus. Der Pfarrer öffnet ihm selbst die Tür und bittet ihn gleich, einzutreten. Er führt ihn in seine Amtsstube und bittet ihn, sich zu setzen. Nachdem er auch Platz genommen hat, spricht er zu dem Professor.
„Der Bürgermeister rief mich schon heute Morgen an und teilte mir mit, dass Sie Einblick in die Kirchenbücher möchten. Selbstverständlich werde ich es Ihnen gewähren. Sie müssten mir nur sagen, für welchen Zeitraum Sie die Bücher brauchen. Dann werde ich sie Ihnen holen.“
„Wie weit in der Geschichte ragen denn Ihre Bücher zurück?“
„Weit, sehr weit. Wenn ich mich recht erinnere, bis in das 11. Jahrhundert.“
„Gut. Je eher es kirchliche Aufzeichnungen gibt, desto besser. Vielleicht finde ich da was.“
„Ich muss Sie aber warnen. Sie sind schon etwas verstaubt, die Bücher meine ich.“
„Das bin ich gewohnt. Holen Sie sie mir bitte.“
„Es dauert noch eine Weile. In der Zwischenzeit werde ich meine Köchin bitten, Ihnen etwas zu trinken zu bringen. Sie werden es brauchen bei diesem Staub. Was möchten Sie denn trinken?“
„Mineralwasser, das reicht.“
„Gut, ich werde es ihr sagen. Sie bringt es Ihnen gleich. In der Zwischenzeit hole ich dann die Bücher.“
Während der Pfarrer das Zimmer verlässt, schweifen die Blicke des Professors im Zimmer hin und her. Kurz darauf öffnet sich die Tür und eine etwas ältere Frau mit einem Tablett, worauf ein Glas und eine Flasche Mineralwasser stehen, betritt den Raum. Sie stellt das Tablett vor ihn hin und verlässt wieder den Raum. Der Professor schenkt sich ein und nimmt einen großen Schluck aus dem Glas. Gelangweilt schaut er kurz auf seine Uhr, die er am Handgelenk trägt, und dann wieder zur Tür. Beladen mit zwei dicken Büchern tritt kurz darauf der Pfarrer ein.
„Ah, wie ich sehe, hat Ihnen meine Köchin schon etwas zu trinken gebracht“, sagt er schon bei seinem Eintritt.
„Ja, geben Sie her.“
„Das sind die ältesten Kirchenbücher, die ich habe.“
„Legen Sie sie einfach hier hin und stören Sie mich nicht weiter.“
Der Pfarrer legt die Bücher vor ihn auf den Tisch und geht zu seinem Schreibtisch. Der Professor schlägt das erste Buch auf und liest darin. Geburten, Hochzeiten und Todesfälle sind darin verzeichnet, mit Datum und Ortsangaben. Auch Taufen und Konfirmationen. Er nimmt sich das älteste Buch vor und geht die Liste aller Namen durch. Besonders sieht er sich die Orte aller Geburten an. Aber in dem Buch findet er nur Namen von Geburten in der Stadt. Nachdem er das erste Buch durchgesehen hat, nimmt er sich das zweite Buch vor. Und wieder sind alle Geburten in der Stadt verzeichnet. Als er auf der letzten Seite ankommt, entdeckt er, dass hier sehr viele Todesfälle verzeichnet sind. Der Pfarrer sitzt noch immer hinter seinem Schreibtisch, um eine Predigt vorzubereiten. Da klingelt sein Telefon, das vor ihm auf dem Schreibtisch steht. Er hebt den Hörer ab und meldet sich. Am anderen Ende ist ein Mann, der einen Termin haben möchte. Der Pfarrer sieht in seinem Terminkalender nach und gibt ihm einen, dann legt er wieder auf. Gleich danach spricht ihn der Professor an.
„Herr Pfarrer“, sagt er, „ich sehe hier, dass hier sehr viele Todesfälle eingetragen sind. Wissen Sie, ob es da eine Seuche in der Stadt gab?“
Der Pfarrer steht auf und geht zu ihm hin. Der Professor zeigt ihm die Daten. Der Pfarrer sieht sich die Daten genau an, dann sagt er: „Davon ist mir nichts bekannt. Aber sehen Sie sich mal die Geschichtsdaten an. In Deutschland gab es doch mal eine Seuche.“
„Viel später“, wendet der Professor ein. „Damals im Dreißigjährigen Krieg. Da gab es die Pest. Aber sehen Sie doch mal auf diese Daten.“
„Vielleicht gab es da irgendwelche Seuchen, ich weiß es nicht.“
Der Pfarrer geht zurück an seinen Schreibtisch und arbeitet weiter an seiner Predigt. Der Professor schaut darauf in seine Notizen und vergleicht sie mit den Daten im Kirchenbuch.
„Das könnte passen“, sagt er laut vor sich hin.
„Was meinen Sie?“, ruft der Pfarrer ihm zu.
„Laut den Daten, die ich über die Burg habe, passt das zusammen mit der Zerstörung der Burg. Ich denke, die Franzosen haben die Stadt überfallen, die Einwohner niedergemetzelt und dann die Burg angegriffen und sie zerstört. Deswegen die vielen Todesfälle. Aber ich habe immer noch keinen Hinweis auf einen Burgbesitzer. Ich sehe mal weiter. Vielleicht finde ich darunter einen Hinweis. Ich werde mir die Namen noch einmal genauer anschauen.“
Er sieht das Buch noch zu Ende durch.
„Können Sie mir das nächste bringen?“, ruft er zum Pfarrer hinüber.
„Morgen, heute nicht mehr. Ich habe noch zu tun. Kommen Sie bitte morgen wieder. Wie wäre es um die gleiche Zeit wie heute?“
„Gut, dann will ich Sie nicht weiter stören.“
Er packt seine Notizen ein und steht auf, dann verabschiedet er sich und geht. Seinen Wagen hat er direkt vor dem Pfarrhaus geparkt. Mit ihm fährt er in das Hotel zurück, wo er seine Notizen noch einmal in Ruhe durchsieht. Am nächsten Tag klingelt er, wie besprochen, an der Haustür des Pfarrers. Die Köchin lässt ihn herein und bittet ihn, im Flur zu warten.
„Der Pfarrer ist noch in einer Besprechung“, erklärt sie ihm.
Im Flur steht eine Bank, zu der er geht und Platz darauf nimmt. Aus dem Amtszimmer des Pfarrers hört man leise Stimmen. Die eines Mannes und einer Frau. Auch die Stimme des Pfarrers ist zu hören. Endlich wird es leiser und die Tür öffnet sich. Ein junges Paar kommt heraus.
„Ach, Sie sind schon hier“, begrüßt ihn der Pfarrer, als er ihn sieht. „Kommen Sie herein“, sagt er weiter, „die nächsten Bücher liegen schon für Sie bereit.“
Der Professor geht am Pfarrer vorbei, der ihm die Tür aufhält. Er geht direkt zu dem Tisch, auf dem die nächsten beiden Bücher liegen, und schlägt eines auf. Wieder stößt er dabei auf viele Todesfälle. Doch dann entdeckt er einen adligen Namen unter den Todesfällen, der ihm zuvor nicht auffiel. Er geht noch ein paar Seiten zurück, um nach einem Geburtsdatum zu suchen, das ihm vielleicht zuvor nicht aufgefallen war. Aber er findet keines. Dann schlägt er wieder die Seite mit dem Namen des Adligen auf und sucht weiter. Nur wenige Zeilen weiter findet er ein Hochzeitsdatum. Im gleichen Buch findet er auch die Namen zweier Söhne.
„Ich habe etwas gefunden“, ruft er zum Pfarrer hinüber, der an seinem Schreibtisch sitzt.
„Was?“, fragt er.
„Adlige, hier sind Adlige verzeichnet, sie müssten die Burgherren sein. Jetzt muss ich ihren Stammbaum verfolgen. Bin gespannt, ob es da noch Nachkommen gibt. Dazu brauche ich das nächste Buch.“
„Kriegen Sie. Aber erst morgen“, spricht der Pfarrer prompt.
„Gut, dann komme ich morgen wieder um die gleiche Zeit wie heute.“
„Einverstanden“, antwortet der Pfarrer.
Zufrieden steigt der Professor in sein Auto ein und fährt damit in sein Hotel zurück. Sein Weg führt ins Restaurant. Die Bedienung kommt an den Tisch.
„Bringen Sie mir bitte einen trockenen Weißwein und mein Essen, das ich heute Morgen bestellt habe.“Kaum ist die Bedienung weg, da klingelt sein Telefon.
„Ja bitte“, spricht er. Am anderen Ende der Leitung ist der Bürgermeister.
„Hallo Herr Professor Ebner, haben Sie schon was gefunden? Die Journalisten lassen nicht locker. Ständig läutet unser Telefon.“
„Ja, es gibt tatsächlich etwas Neues. Ich bin auf Namen von Adligen gestoßen. Sie könnten die Burgherren gewesen sein. Denn das einfache Volk besaß keine Burg. Morgen sehe ich weiter. Ich werde Sie informieren, wenn ich mehr weiß.“
„Gut, wenigstens ein Lichtblick, bis demnächst.“
Die Bedienung kommt an den Tisch und bringt das Essen. Er legt sein Telefon neben sich auf den Tisch.
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