Humor & Satire

Aus der Großstadt in die Provinz

Urban Schweizer

Aus der Großstadt in die Provinz

Vergnügliche Erlebnisse und Eindrücke eines Zuwanderers in Hintertupfigen

Leseprobe:

Eine Silberhochzeit

Vor rund 25 Jahren bin ich nach einem halben Leben in der Großstadt hierher aufs verheißungsvolle Land gezogen. So lange lebe ich nun schon im Provinznest Hintertupfigen. Seither bin ich gewissermaßen mit meinem idyllischen Umfeld vermählt. Heute gibt es also eine Art Silberhochzeit zu feiern!

Gut, am Anfang war es sicher keine Liebe auf den ersten Blick. Und schon gar keine Mussehe. Es war eher eine Zweckheirat. Man raufte sich zusammen, arrangierte sich und akzeptierte einander sukzessive. Man tolerierte die Schrullen und Eigenheiten des Partners und übersah dabei großzügig seine Mängel und Fehler. Ja, bei uns herrschte bei Weitem nicht immer eitel Sonnenschein! Aber mit der Zeit lernte man, sich gegenseitig zu schätzen und zu respektieren.

Nach einem Vierteljahrhundert ist das gemeinsame Leben nun natürlich weitgehend zur Routine geworden. Nur manchmal glimmt noch ein kleiner Funke von echter Zuneigung auf. Trotzdem bleibt man zusammen, solange man in dieser Beziehung auch weiterhin zufrieden leben und bisweilen sogar ein Quäntchen Glück empfinden kann. Allmählich verspürt man vor allem eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem langjährigen Partner.

So schreibe ich mit diesem Buch eine leise Liebeserklärung an Hintertupfigen und seine Bewohner.


Katze im Sack

Zu unserem Haushalt gehörte viele Jahre lang neben meiner Frau und mir auch eine Katze. Charly war ein prächtiger weißhaariger Angorakater mit unergründlich blauen Augen. Zudem war er völlig gehörlos, wie das offenbar häufig bei überzüchteten Rassenkatzen vorkommt. Diese Teilinvalidität war eigentlich schuld daran, dass meine Frau überhaupt auf Charly gestoßen war. Leider war er schon vor mir mit ihr zusammen, sodass er in seinem ausgeprägten Katerbewusstsein sich immer als stolzer Herr im Ring fühlte und sich auch gerade so verhielt. Damit müsse ich mich halt einfach abfinden, hatte mich eine Tierpsychologin getröstet, der Kater sei und bleibe der wahre Mann im Haus.

Unser Kater wurde kurioserweise in Hintertupfigen geboren, nur ein paar Schritte von unserem heutigen Heim entfernt. Er war also im Gegensatz zu uns ehemaligen Stadtbewohnern ein waschechter Provinzler! Er lebte zuerst als Katzenbaby in der großen Tierfamilie eines Hobby-Katzenzüchters. Doch dann bemerkte der Mann eines Tages, dass Charly mitten auf der Dorfstraße Platz nahm, sich hingebungsvoll putzte und sich auch durch hupende Autos wenig stören ließ. Das Kätzchen hörte offensichtlich keinen Ton. In einem Inserat bot der Tierliebhaber Charly schließlich zum Kauf an unter der Bedingung, dass das Tier ausschließlich in einer Wohnung gehalten werde. So landete der Kater schließlich bei meiner Frau und akzeptierte später widerwillig, dass auch ich mich noch dazugesellte.

Natürlich musste auch er gewisse minimale Konzessionen eingehen. So war ich strikt dagegen, mit einer kratzenden und beißenden Katze im selben Bett zu schlafen. Er maunzte, schrie und lärmte nächtelang vor der geschlossenen Schlafzimmertür und warf sich hundertmal mit voller Wucht gegen die ungeliebte Barrikade. Erst nach rund einer Woche gab er auf und hatte einen Wollkorb als neuen Schlafplatz auserkoren. Aber mindestens jede Stunde raste er los und sprang unter großem Getöse auf einen mannshohen Holzschrank neben dem Stubenfenster. Viel später habe ich dann herausgefunden, dass er Fledermäuse vor dem Fenster jagen wollte.

Sonst war sein Jagdtrieb nicht besonders ausgeprägt. Einmal fand ich ihn tief und friedlich schlafend in seinem Wollkorb – und erschauderte. Auf dem Fenstersims nebenan hatte sich eine große Taube niedergelassen, die sich durch das offene Fenster in unsere Stube verirrt hatte. Es gelang mir die brenzlige Situation ohne Verluste an Mensch und Tier zu bereinigen. Dann fand ich heraus, dass Charly doch auf gewisse Reize sofort als instinktiver Jäger reagierte. Er konnte im hintersten Winkel im tiefsten Schlaf liegen, aber sobald er auch nur ein bestimmtes Geruchsmolekül wahrnahm, war er auf der Stelle hellwach. Er liebte genau wie ich die wunderbar duftenden und köstlich süßen Bretzelchen aus dem Emmental!

Überhaupt war unser Kater ein lukullischer Feinschmecker. Manchmal war seine Vorliebe für und noch öfter seine Abneigung gegen bestimmte Sorten von Katzenfutter völlig unergründlich. An einem Tag schmatzte er laut und genussvoll aus einer Dose, am nächsten Tag protestierte er angeekelt gegen dieselbe Nahrung. Vermutlich war sein Geruchsempfinden so fein, dass er bereits winzige Mengen an Fremdstoffen im Futter wahrnahm. Es brauchte dazu wohl nicht gerade „Pferd im Rindfleisch“, wie die führende Schweizer Tageszeitung kürzlich schrieb, sondern geringste Spuren einer Beimengung reichten für ein vernichtendes Urteil seinerseits.

Nach einem langen und erfüllten Katzenleben musste unser Charly, gerade 20-jährig, vom Tierarzt eingeschläfert werden. Wir Hinterbliebenen trauerten schmerzvoll um ihn und beschlossen, keine weitere Katze mehr zu uns zu nehmen. Stattdessen haben wir in der Zwischenzeit vier Enkelkinder erhalten, die wir noch viel mehr lieben.
Vielleicht sollte ich noch anfügen, was es mit dem Titel der Geschichte eigentlich auf sich hat. Nun gut, auf der Rechnung des Tierarztes fanden wir folgende knappe Angabe über unseren kürzlich verschiedenen Patienten: Charly, Katze, weiblich! Der Veterinär hatte sich dabei wohl kaum geirrt …


Unsere Helden

Wir Schweizer tun uns grundsätzlich schwer mit Helden jeglicher Art.
Vielleicht gründet dieser Umstand auf unserer demokratischen Staatsform, die ja laut Verfassung die Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger festschreibt. Tatsächlich ist unser berühmtester Schweizer Held, Wilhelm Tell, wohl nur eine geniale Erfindung von Friedrich Schiller gewesen. Auch der legendäre Arnold Winkelried, so wird zumindest gemunkelt, soll in der Schlacht von Sempach vermutlich von Miteidgenossen in die Angst einflößende Phalanx gegnerischer Spieße geschubst worden sein – oder er ist halt einfach nur unglücklich hineingestolpert.

Sogar in der heutigen Zeit fehlen uns Schweizern noch immer echte Helden, wenn man von ein paar Sportstars absieht. Wahrscheinlich ist es so, dass wir stets unter unserer eigenen Kleinräumigkeit, Engstirnigkeit und Intoleranz gelitten haben. Die ewig gefühlte Minderwertigkeit kompensieren wir dann, indem wir uns selbst heimlich als die Größten und Besten einstufen. Somit existieren gar keine Größeren und Besseren, also auch keine Helden. Müssten wir Schweizer aus unseren Reihen einen König oder eine Königin wählen, dann fiele die Wahl folgerichtig auf eine Person, die höchstens so durchschnittlich und mittelmäßig wie wir alle wäre. Schon die alten Lateiner haben dafür in weiser Voraussicht den Begriff Primus inter pares geprägt. Aber ich sollte hier lieber mit solchen Mutmaßungen aufhören, sonst riskiere ich am Ende noch als Landesverräter erschossen zu werden.

Jeden Frühling wurde in unserem Zentralschweizer Kanton ein Mitbürger des Jahres erkoren. Diese Wahl wurde stets mustergültig vom wöchentlich erscheinenden Lokalblatt organisiert, welches notabene in jeder Ausgabe sogar eine Person der Woche auszeichnete. Meist rekrutierten sich die kurzzeitigen Laureaten aus den üblichen lokal ansässigen Automobilhändlern, Restaurantbesitzern und stramm bürgerlichen Stammtischpolitikern, welche den Gratisanzeiger regelmäßig mit ihren protzigen Inseraten oder langatmigen Leserbriefen fütterten. Für die Wahl des Jahres sollte dagegen die Leserschaft würdige Kandidatinnen und Kandidaten vorschlagen und in einer Abstimmung den Wägsten (Fähigsten) oder die Beste von allen auslesen.

Es kam, wie es erwartungsgemäß kommen musste. Die erste Auswahl von rund fünfzig Personen passte perfekt zum Niveau des Gratisanzeigers: ein trostloses Abbild von schierem Provinzialismus und Spießbürgertum! Unter den herausragenden Verdiensten der vorgeschlagenen Kandidaten fand man die 20-jährige Bewirtung im Restaurant Rütli, eine 40-jährige Tätigkeit als Hilfspolizist oder die 60-jährige Mitgliedschaft in einem Dorfturnverein.
Daneben wurden drei Fastnächtler, der Leiter eines Akkordeonorchesters, ein Modellautobauer und sogar die Sekretärin des Lokalblattes als heldenmütige Persönlichkeiten befürwortet. Glücklicherweise wurde die Kandidatenliste in einer zweiten Ausmarchung drastisch reduziert. Und sie passte nun irgendwie perfekt zum kuriosen Sammelsurium von Artikeln und Inseraten in der betreffenden Nummer des Gratisanzeigers, wie nachfolgend erläutert werden soll.

Ein freundlicher Herr in weißem Hemd über einem Bierbauch kandidierte mit angeblich sagenhafter Leistung. Er hatte nämlich 50 Jahre im Kirchenchor des winzigen Weilers Niederwil mitgewirkt. Direkt unter seinem Porträt stand in riesig großen Lettern „Rheuma“. Ja klar, dachte ich, das war sicher der Schlüssel zur langen Karriere des Sängers. Ohne Rheumatherapie mit Kräuterbehandlung, Akupunktur, Massage und Schröpfen hätte er es nie und nimmer so viele Jahre lang in einer zugigen Kirche ausgehalten. Dennoch empfand ich des Sängers Beharrlichkeit dann doch nicht als wirklich preiswürdig.

Neben dem Bierbauch erblickte ich eine ziemlich streng dreinschauende Nonne in Ordenstracht. Schwester Huberta sollte für ihre goldene Profess geehrt werden. Nach meinem Verständnis als Protestant musste das etwas Ähnliches wie die goldene Hochzeit mit Jesus Christus bedeuten. Ich akzeptierte, dass 50 Jahre Klosterleben eine einigermaßen respektable Leistung darstellten. Aber müsste dann zur Wahrung der Chancengleichheit nicht auch noch ein altehrwürdiger Pater auf der Kandidatenliste stehen?
Allerdings hatte sich der männliche Klerus wegen vereinzelten Verstößen gegen den Zölibat oder sogar sexuellen Übergriffen selbst disqualifiziert. Autsch! Mein Blick fiel da gerade auf einen Artikel mit dem grauslichen Titel „Kastraktionsaktion“, wobei sogar dem Journalisten der Schreck in Form eines überflüssigen k in die Feder gefahren zu sein schien. Hoffentlich ging es hier nicht um buchstäblich einschneidende Maßnahmen zur Wahrung des Zölibats! Nein, erleichtert las ich, dass im Artikel doch nur die üblichen Tiere gemeint waren.

Ein ernsthafter Anwärter auf den zu vergebenden Titel war offenbar schon amtierender Titelträger, nämlich als K1-Kickbox-Weltmeister. Leider vermisste ich weitere Angaben über diesen Star, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Doch auf der Seite nebenan sah ich eine verheißungsvolle Rubrik über „Boxspring-Kompetenz“. Toll, hier fand ich alles Weitere über ihn. Aber weit gefehlt: Der Werbeartikel schilderte nur die Vorzüge von Federkernmatratzen eines neuartigen Typs. Wie auch immer, ein Kickbox-Weltmeister hätte bei unserer Wahl ohnehin kaum eine Titelchance. Wenn er wenigstens eine traditionelle heimische Sportart wie Turnen, Schwingen oder Hornussen ausübte, dann könnte man ihm vielleicht noch die Stimme geben. Aber mit solchen Kung-Fu-Kämpfern wollen wir hier bei uns dann doch lieber nichts zu tun haben!

Zwei Kandidatinnen wurden wenigstens für Verdienste in hiesigen Sportvereinen gewürdigt, nämlich die Leiterinnen des Mädchenturnvereins Hintertupfigen respektive einer lokalen Girl Dance Company. Nun erinnerte ich mich, gerade einen Beitrag über „Girls in Motion“ überflogen zu haben. Es wurde aber weder über den Turnverein noch die Tanzgruppe berichtet, sondern über Ferienkurse für Schulkinder. Auch „Fox in der Halle“ hatte nichts mit Turnen oder Tanzen zu tun, ebensowenig mit einem Foxterrier oder Fuchs, sondern mit einem Sänger namens Fox. Trotzdem waren Turnverein und Tanzgruppe für Mädchen eine gute Sache und äußerst populär. Warum wohl? „Gut gebaut für die Zukunft“, fand ich als mögliche Erklärung. Doch dieser Artikel berichtete über ein geplantes Hochhaus des Schweizerischen Obstverbands, was also eher die exorbitanten Preise von Äpfeln erklärte.

Mehr mit Ernährung zu tun hatte hingegen der letzte Kandidat, ein bekannter Koch und Fastnächtler. Essen war für die hiesige Bevölkerung zweifellos das beliebteste Thema. Ein exaktes Abbild dieser Vorliebe oder gar Sucht fand man in verschiedenen Beiträgen oder Inseraten wie „Zürcher Geschnetzeltes“, „Saletti Spaghetti“ oder sogar „Essen Sie sich schlank“. Im letzten Fall zeigte ein Schlankheitsinstitut neben Fotos von extrem Übergewichtigen ein halbseitiges Bild des ganzen Beratungspersonals. Alle waren in weiße Arztkittel gekleidet und lächelten einen so klinisch steril an, dass einem fast das Blut in den Adern erstarrte und einem sowieso jeder Appetit schlagartig verging. Nein, den Koch sollte man also besser doch nicht wählen.

Wer war nun aber wirklich die würdige Persönlichkeit des Jahres? Wem sollte man seine Stimme letztlich geben? Ich wählte schließlich die treue Schwester Huberta. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang in einem Kloster auszuharren grenzte für mich wahrhaft an Heldentum!


NACHTRAG

Die Wahl wurde in der Zwischenzeit entschieden. Gewählt wurde eine mir völlig unbekannte und farblos wirkende Entertainerin, die ich als Kandidatin schlicht übersehen hatte. Zweifellos war sie jünger als die Nonne und der Kirchenchorsänger, ungefährlicher als der Kickboxer, etwas hübscher als die Oberturnerin oder die Vortänzerin und auch linienbewusster als der Koch. Dennoch erschien sie mir dann doch zu durchschnittlich und zu unbedeutend für eine Persönlichkeit des Jahres. Aber eben: Die Provinz wählte fast immer ein echtes Landei. Verzeihung für diesen Ausdruck, doch ich war wirklich maßlos enttäuscht!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 156
ISBN: 978-3-99038-762-7
Erscheinungsdatum: 18.02.2015
EUR 14,90
EUR 8,99

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