Cover: Aphorismen und Traktate

Aphorismen und Traktate


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 246
ISBN: 978-3-7116-0012-7
Erscheinungsdatum: 06.08.2024
Aphorismen und Traktate zu Fragen der Erziehung („kompliziert“), zum Thema Bildung und Berufsleben (ebenfalls „kompliziert“) und zum Thema Mann und Frau (soviel sei verraten: „sehr kompliziert“).
Vom Normalmenschen

Der Normalmensch ist, wie es ihm sein angeborenes Wesen vorgibt. Ich bin, wie ich will.




Vom Neurologen

Es ist seltsam: Gehe ich mit Unterleibschmerzen zum Urologen, und diagnostiziert er beispielsweise eine Blasenentzündung, so sagt er, meine Blase sei krank; dies werde er kurieren. Gehe ich mit Ohrenschmerzen zum Ohrenarzt, so sagt er, mein Innenohr sei krank; dies werde er kurieren. Gehe ich mit Magenschmerzen zum Internisten, so sagt er, mein Bauch sei krank; dies werde er kurieren. Gehe ich aber zum Neurologen, so sagt er, ich sei krank. Warum ist das so?




Des Dichters Seele

Des Dichters Seele ist und bleibt ein Ort von wenig Heiterkeit.




Vom Sportlichen

Überall sehe ich Bräunungs- und Fitnessstudios und makellose Körper auf der Werbung dafür. So lange es überall auf der Welt durch den Menschen, sei er sportlich oder nicht, Kriege und Gewalt gibt, bedarf es keiner tüchtigen Körper, sondern tüchtiger Geister. Diese gibt es im Regelfall nirgendwo.




Vom Tier Mensch

Der Mensch ist im Normalfall leider nicht zum Wachsen oder Werden da, sondern nur zum Sein. Davon aber versteht er viel, wenn auch nur mit tausend Lebenslügen. Trotzdem: Gleichsam einem Tier frißt, scheißt und schläft er. Am Ende seiner Tage muß er Abschied nehmen und tut sich mit dem Nirvana schwer. Im Laufe seines Lebens begegnen ihm viele unerträgliche narzißtische Kränkungen. Alle körperlichen Krankheiten zusammen richten in ihm keinen annähernd so großen Schaden an, wie die Herabwürdigungen, die ihn dauerhaft bis zur Persönlichkeitsstörung prägen. Nichtsdestotrotz läßt keiner den anderen in Frieden. Wozu ist das Leben da?




Wo kommen wir her?

Es gibt für die Entstehung des Menschen zwei bedeutsame Theorien: Die eine ist die Evolution, die andere ist die Schöpfungsgeschichte. Bei der einen fehlen wichtige Bindeglieder, die bis heute nicht gefunden worden sind. Bei der anderen stellt sich die Frage, warum ein allmächtiger Gott wissentlich zwei zunächst vollkommene Menschen schuf, die danach aber zu mutierten Sündern werden und dieses weitervererben würden, denn der Mensch handelt bei seiner Aggression oftmals nicht aus einem angeborenen oder erworbenen Zwang, den man vielleicht noch entschuldigen könnte, sondern aus einer zutiefst empfundenen Leidenschaft, die naturgemäß begrüßt und bejaht wird. Dieses wiederum impliziert die volle Schuldfähigkeit. Wer also wird der Richter sein, die Evolution, also niemand, oder Gott? Wie wird er urteilen, und was sind seine Motive, falls er welche hat?




Sie sind wie alle

Den größten Bewertungszwang von allen haben Psychotherapeuten und Psychologen. Sie brüsten sich des Übermenschen und der Erkenntnis vom Leben schlechthin. Jede Abweichung davon nehmen sie mit Schadenfreude zur Kenntnis, bestätigt sie doch scheinbar die eigene Unfehlbarkeit. Und doch sind sie vom Normalmenschen kaum oder gar nicht zu unterscheiden, denn auch sie unterliegen

dem Bewertungszwang
dem Moralismus gegen andere
der Ablehnung
der Egozentrik
der Eitelkeit
der Zufriedenheit nach Vollfraß
der zentralnervösen Paralysesymptomatik nach überdosierter Applikation von Ethanol (Lallen und Torkeln nach Saufen)
dem mangelnden Gespür für den nächsten, obwohl es der Beruf eigentlich anders lehrt.




Von der Ausdauer

Der kluge Schüler sitzt seine Schulzeit ab, der gescheite Knacki seine Strafe, der begabte Lehrling seine Ausbildung. Die Besten unter uns wissen es genauer: Sie sitzen das ganze Leben ab. Welch Ausdauerleistung und Prüfung der Geduld!




Vom Zweifel

Es waren stets der neurasthenische Zweifel und das eher subjektiv-abstrakte Denken, die mich lächerlich erschienen ließen. Und doch besitzen sie eine große Legitimität, denn die größte vernachlässigte Fehlerquelle im Denken ist und bleibt die maßlose Sicherheit darin. Zwar scheint sie makellos, nicht widerlegbar und offenkundig richtig. Aber doch zeigt die Geschichte: Was gestern galt, gilt heute nichts mehr, was gestern richtig war, ist heute falsch. Sogar: Was gestern bewiesen wurde, ist heute nichts mehr wert. Falls der konkrete Denker ausnahmsweise der subjektiven Denkweise zugänglich gemacht und somit ad absurdum geführt werden konnte, welch Zweifel sind in seinem Gesicht!




Das Ende

Es war in der Zeit, als die Apokalypse dem Menschen den Garaus gemacht hatte. Auf den Feldern verwesten die menschlichen Kadaver, um dem Boden Dünger zuzuführen. Es war ein Vertreter Gottes, der auch an meiner Tür klingelte, um mir den Prozeß zu machen. Ich lag wie so oft im Bette, da es mein irdisches Schicksal war, an Depressionen und übelsten Magenschmerzen zu leiden, und das über die meisten Jahre meines Lebens. Ich sagte: „Was fällt Ihnen ein, mich daniederliegend im Bette und leidend zu stören? Wenn Sie über mich richten wollen, warum sind Sie nicht viel früher gekommen, um endlich Schluß zu machen?“
Ich bekam für meine durchaus objektiven Frechheiten die schlimmste aller erdenklichen Strafen: Ich wurde zu ewigem Paradies verurteilt, und das ohne die Möglichkeit, jemals begnadigt zu werden!




Der Kluge

Sage ich, ich sei klug, hält man mich für eitel, arrogant und versnobt. Sage ich, ich sei dumm, so glaubt es jeder.




Der Großkotz

Nur wenige haben sich vor mir nicht großgetan.




Was ist die Persönlichkeit?

Das seelische Gesamterscheinungsbild eines Lebewesens ist die Persönlichkeit. Die schlechte Persönlichkeit gibt es überall, nur wer blind ist, sieht sie nicht. Eine gute Persönlichkeit ist geprägt von tief empfundenen {moralischen} Erkenntnissen, die den {moralischen} Geist voraussetzen. Die Formel ist recht einfach: Kein Geist, keine Erkenntnisse, schlechte Persönlichkeit, oder wenn man so will, keine Persönlichkeit.




Von der Erziehung

Es war einmal ein kleines Mädchen, das wurde antiautoritär erzogen. Es war dieselbe, die Jahre später alles forderte und nichts wußte. Es war einmal ein kleiner Junge, der wurde autoritär erzogen. Es war derselbe, der Jahre später wegen seines Aggressionsstaus mehrere Morde begangen hatte und dafür lebenslänglich bekam. Wie bloß erzieht man richtig?




Der Liebenswerte

Nur der Liebenswerte ist durch Liebenswürdigkeiten zu erfreuen.




Die Diktatur

Die älteste Diktatur ist die des einzelnen. Teils wird sie überschattet von staatlichen Diktaturen, aber irgendwann ist es Zeit, jede solche über Bord zu werfen und durch eine andere Regierungsform zu ersetzen. Was bleibt, ist das angeborene menschliche Verhalten, welches auf Fremdbestimmung und Zuweisung abzielt und das tägliche Zusammenleben im Kern bestimmt. Es hat sich als negativ und unabänderlich erwiesen. Es gibt also keine Möglichkeit, den Anspruch auf diese Fremdbestimmung und der damit verbundenen Diktatur zu beseitigen.




Von der Überzeugung

Als ich noch jung war, hatte ich wie jedermann Überzeugungen, seien es gute oder schlechte gewesen. Waren es nicht die einen, so waren es andere. Aber im Laufe der Jahre hat sich bei mir gezeigt, daß jede Überzeugung nur so lange Bestand hatte, wie sie nicht durch neue Erfahrungen oder Einsichten ersetzt und abgelöst wurde. Aus diesem Grunde fällt es mir heute recht schwer, überhaupt eine Idee oder einen Gedanken, sei er eigens oder fremd, als revolutionär, genial oder als Maßstab für die Welt zu erachten. Das Moment der Täuschung des unvollkommenen Menschen wird auf lange Zeit gesehen deutlich erkennbar. Es kann daher für uns im Denken und Handeln keine Sicherheit geben, selbst wenn wir tausend Jahre leben sollten.




Von der Erfahrung

Im Alter habe man an Lebenserfahrung gewonnen, so sagt man. Die differenzierte Betrachtung aber läßt wie so oft zweifeln: So gibt es nicht nur erfahrene Menschen im hohen Alter auf der einen und naive Kinder auf der anderen Seite, sondern auch diejenigen, die aus dem langjährig Erlebten keine Konsequenzen ziehen und solche, die gering an Jahren sich anhand des Erfahrenen einer gnadenlosen Selbstkritik unterwerfen. Darüber definiert sich der Jüngling von hundert Jahren und auch der jungenhafte Menschenkenner.




Von der Bluttat

Nicht nur bei Proleten ist der Täter ein Held und das Opfer ein Feigling, habe der Täter auch noch so perfide gehandelt.




Von der Freundschaft

Die Freundschaft obliegt dem Menschen durch seine Geburt nur ausnahmsweise. Zu schnell findet man sich gegenseitig langweilig, ja unerträglich. Obwohl der Mensch von Natur aus gesellig ist, hat er es nur zum oberflächlichen Beisammensein gebracht, um nicht in die Einsamkeit zu geraten. Der jeweils andere ist in aller Regel gleichgültig. Wird doch ausnahmsweise die Freundschaft angeboten, so wird sie zum größeren Teil durch Ausreden oder angeblich mangelnde Zeit abgelehnt und zum kleineren Teil sogar empört zurückgewiesen. Sollte es aber doch einmal zu einer Beziehung kommen, die den Anschein der Freundschaft hat, so solle man genau darauf achten, daß zwischen beiden Liebe herrsche, falls es hier auch nur zu geringen Unregelmäßigkeiten kommen sollte, offenbart sich der Verräter an der Sache. Also schon wieder einer, der für die Freundschaft nichts taugt.




Was der Mensch nicht verträgt

Das eine oder andere wird dir der Mensch verzeihen, aber eines nie: Wenn du ihn verläßt, und das, obwohl er selbst nicht anders handeln würde!




Von der Arbeit

Es gibt etwas, was in Deutschland traditionell seit jeher maßlos überbewertet wird: die Arbeit nämlich.




Das verbockte Abitur

Es ist immer dasselbe: Wer denken kann, schafft das Abitur nicht.




Der typische Deutsche

Die Deutschen sind ein sonderbares Völkchen. Stets brauchen sie etwas, an das sie fest glauben können. Früher war es einmal der Kaiser, danach der Führer, anschließend Adenauer und vielleicht auch Kennedy. Am Ende rundete Kohl dieses Bild ab. Heutige wesentliche Idole außer dem Amtsarzt sind mir nicht bekannt, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit.




Von der Intelligenz

Wer folgerichtig und gegen seine Erfahrung denken kann, der ist wirklich intelligent und bewundernswert.




Vom Kriege

Wer in den Krieg zieht und gute Waffen schmieden kann, der ist gut beraten. Wer aber die meisten Panzer bauen kann, der gewinnt ihn.




Der Feind

Es gibt in der Welt liebe Jungs und böse Buben. Ist das Feindbild erstmal da, gibt es nur noch böse Buben.




Der Meister der Erzählung

Der Meister der Erzählung tut sich mit der Mathematik sehr schwer. Umgekehrt ist es dasselbe.




Vom Urologen

Immer wenn ich urologisch untersucht worden bin, denke ich nachher anders als vorher.




Die Frohnatur

Nie habe ich einen größeren Haß verspürt, als gegen den, der ständig guter Stimmung ist. Er findet alles positiv, obwohl es so viel Schlechtes gibt. Bricht er sich ein Bein, so freut er sich, daß er sich nicht beide gebrochen hat. Verliert er hundert Mark, so freut er sich, daß es nicht zweihundert waren. Ist ihm übel, so wäre wohl ein Herzinfarkt schlimmer gewesen. Er schimpft mich destruktiv, weil ich seine Manie nicht teilen möchte. Diese Menschen haben den Bezug zur Realität teilweise verloren, ohne davon zu wissen. Dennoch sind sie im allgemeinen beliebter als der schwere Melancholiker, weil der Umgang mit ihnen Flügel verleiht. Es handelt sich hierbei aber um eine pathologisch frohnatürliche Konfiguration.




Der Menschliche

Es heißt, ich solle menschlich sein. Also gut, wen soll ich umbringen?




Vom Genie

Die meisten Genies gibt es in psychiatrischen Krankenhäusern.




Warum der Hund Männchen macht

Alle Säuge- und Wirbeltiere sind sehr gelehrig und intelligent. Sie verfügen wie wir über ein ausgeprägtes Bewußtsein, nur daß sie es nicht sagen können. Nehmen wir beispielsweise den Hund oder die Katze. Der Hund erkennt sehr frühzeitig den Zusammenhang zwischen Männchenmachen und Leberwurst. Die Katze bemerkt sehr bald, daß Scheißen auf dem Katzenklo und nicht schnurrend vom Balkon zusätzliche Streicheleinheiten nach sich ziehen. Je größer die Belohnung und somit das Motiv ist, desto größer sind die Lernerfolge; ja Vierbeiner werden regelrecht zu Rettungshunden ausgebildet, und suchen mit großem Erfolg nach Verunglückten. Katzen werden mit großem Erfolg dressiert und springen im Zirkus von Hocker zu Hocker, über den Dompteur hinweg und anschließend durch einen Ring aus Feuer.
Ändern sich allerdings die Gegebenheiten und Umstände, so erkennt man die Grenzen des unmittelbaren Intellektes, das heißt der Hund sucht ohne Erfolg beim Nachbarn nach Verletzten, die Katze scheißt in den Kaninchenstall der Schwiegermutter und der Papagei krächzt ohne Sinn und Verstand „Papa hat ’ne Freundin“, was ihm die Kinder beigebracht haben und Mama nun zufällig hört. Ebenso ist es beim Menschen. Ist das Motiv ein hohes, so sind die Lernerfolge in aller Regel entsprechend. Ist es das Diplom, das lockt, so wird es erreicht werden. Ist es die Promotion, die lockt, so wird auch sie erreicht werden. Habilitation? Kein Problem, ein gewisses Talent natürlich immer vorausgesetzt. In den verschiedensten Situationen des Lebens aber scheitern vor allem Lehrer, Ärzte, Juristen, Polizisten und Psychologen. Lehrer erweisen sich als nicht subjektiv denkend, was aber dem Verständnis des Schülers dienlich wäre, Ärzte stellen vor allem bei angeborenen und nicht gleich sichtbaren Veränderungen der Organe die Diagnose des Simulantentums, Juristen verhängen keine harten Strafen gegen gefährliche Gewaltverbrecher, Polizisten schlagen unbescholtene Ausländer und Psychologen destruktivieren den Patienten, weil dieser eine andere Meinung hat. Unter diesen Umständen der Praxis, die durchaus von dem Gelernten abweichen kann, versagen sie fast alle. Es ist nichts Neues: Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht.




Es gibt keinen Gott

Man muß nur lange genug leben, um zu sehen, daß es keinen Gott gibt. Alles im Leben ist nur die Folge und Folgesfolge des Vorangegangenen. Ein Gott, heiße er Allah oder Jehova oder Manitou, passt da nicht hinein. Aber selbst wenn es ihn doch geben sollte, verdiente er tatsächlich Anerkennung?
Das Brett vor dem Kopf
Das größte Brett vor dem Kopf hat ohne Zweifel der Sozialphobiker. Er ist daher der meistgehaßte homo sapiens überhaupt. Frag die Lehrer, Ausbilder, Erzieher, aber auch Bekannte, Nachbarn oder Schwiegermutter, alle sagen über ihn dasselbe: Schuld am Elend aller ist nur er allein. Ihm wird eine größere Aggression entgegengebracht als dem größten Schweinehund, da es mit der Geduld des zivilisierten Menschen nicht weit her ist. Wieso aber bekommt ausgerechnet er den Nobelpreis?
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