Cover: Abserviert!

Abserviert!
Erinnerungen einer Bedienung mit Haut und Haar


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 218
ISBN: 978-3-99130-666-5
Erscheinungsdatum: 29.10.2024
Susanne verfolgt ihren Mädchentraum, einmal eine souveräne und multilinguale „Super-Bedienung“ zu sein. Dafür muss sie sich der ganzen Härte der internationalen Gastronomie stellen und es nicht nur mit allgegenwärtigem Sexismus aufnehmen.
Vorwort

Haben Sie sich schon einmal überlegt, was Sie alles erdulden würden, nur um in Ihrem Beruf, den Sie lieben, zu bestehen? Oder um besser zu sein als alle anderen? Und für wie lange? Was, wenn es ein Beruf wäre, der gesellschaftlich völlig unterschätzt wird?

Klar, denken Sie, jetzt fallen mir Überstunden, Selbststudium, diverse Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen ein. Sehr gut! Dann lieben Sie Ihren Beruf.

Wären Sie auch bereit, Überstunden ohne Bezahlung zu machen oder regelmäßig an Wochenenden zu arbeiten? Was sagen Sie zu sexuellen Belästigungen durch Arbeitgeber, Kollegen und Kunden? Das Ganze ist natürlich unterbezahlt. Jetzt wird’s eng, stimmt’s?

Vergessen Sie nicht, Sie lieben Ihren Beruf und wollen ganz nach oben. Dann lassen Sie mich mal sehen. Wie wäre es mit Personalunterkünften, die vor Schmutz triefen und vor Ungeziefer wimmeln? Nicht zu vergessen, dass die Personalkantine Ihnen bereits verdorbene Speisen serviert. „Oh“, sagen Sie, „jetzt ist aber eine Grenze erreicht, die ich nicht überschreiten will.“

Verständlich, aber das ist noch nicht alles. Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau und bekommen den Job nicht, obwohl Sie besser geeignet wären, eben weil Sie eine Frau sind. Und wenn Sie den Job doch bekommen, dann müssen Sie am Ende um ihr Geld kämpfen. Nicht zu vergessen, dass die Sache noch komplizierter wird, wenn Sie eine deutsche Frau sind. Jetzt steigen Sie aus. Habe ich Recht?
Ich sollte auch erwähnen, dass die harte körperliche Arbeit unangenehme gesundheitliche Folgen mit sich bringt.

Und doch ist es einer der aufregendsten Berufe mit so vielfältigen und wunderbaren Möglichkeiten. Die Hotelfachfrau – oder wie ich mich nannte: die Superbedienung!

Dieses Buch ist autobiografisch und alle geschilderten Erlebnisse entsprechen der Wahrheit. Trotz allem habe ich am Ende meiner gastronomischen Laufbahn befunden, dass es die schönste Zeit meines Lebens war.



Die Entscheidung – oder wie Orientierungslosigkeit manchmal zum Ziel führt (1982)

Schuld war mein Vater. Er war an vielen Wendungen in meinem Leben schuld, lenkte mich aber immer unaufgeregt und mit liebevoller und verständnisvoller Hand. Das Verhältnis zu meiner Mutter hingegen war diplomatisch ausgedrückt gespalten. Sie schien nie stolz auf mich zu sein, im Gegenteil. Die ständige Einvernehmlichkeit mit meinem Vater trug nicht gerade zur Entspannung bei. Nun gut, zur Entspannung gab es ja den Erstgeborenen, der den Anspruch meiner Mutter an Intelligenz und Ernsthaftigkeit vollkommen erfüllte.

Und so wuchs ich in einem kleinen Dorf im oberbayerischen Alpenland als mittleres von drei Kindern heran. Mein Bruder der Intellektuelle, meine Schwester die Künstlerin und ich. Ich war immer gut gelaunt, flatterte durchs Leben, hatte ständig Flausen im Kopf und war komplett überfordert damit, was die Welt einer Pubertierenden so alles bietet. Jungs, Partys, Kino und Diskotheken! Daneben gab es aber auch die unerfreuliche tägliche Pflicht, ein Lehrinstitut in Form einer katholischen Mädchenrealschule zu besuchen. Das entsprach in keinster Weise dem, was ich unter Spaß verstand. Dementsprechend konzentrierte ich mich auch auf andere Dinge. Musik zum Beispiel. Um den konservativen Musikvorlieben meiner Eltern (Klassik und deutsches Liedgut) etwas entgegenzusetzen und wie es sich für einen Teenager gehört, der etwas auf sich hält, fand ich großen Gefallen an revolutionäreren Genres. Gerne hörte ich Pop, Rock und auch Heavy Metal. Außerordentlich wählerisch war ich dabei nicht. Besonderen Gefallen fand ich jedoch an „The Who“ und war begeistert, als die Künstler ihre Gitarren vor Ekstase auf der Bühne zertrümmerten. Meine Mutter fand dieses Verhalten im höchsten Maße unpassend und beschloss, meine musikalischen Vorlieben in eine andere Richtung zu lenken. Ganz oben auf ihrer Liste stand Country.
Unglücklicherweise begann ich zu singen. Schnell erkannte mein Umfeld, dass ich es zwar mit grenzenloser Leidenschaft aber null Komma null Begabung tat. Um dieses quälende Verhaltensmuster rasch zu unterbinden, war schnelles Handeln gefragt. Meine Eltern agierten hierbei sehr kreativ und ich wurde umgehend zum Blockflötenunterricht angemeldet. Das Repertoire dieses Instrumentes war relativ begrenzt und auch meine Bemühungen Hard Rock damit zu spielen, gingen ordentlich daneben. Wenn schon ein Instrument, dann hätte ich mich mit Gitarre oder Schlagzeug anfreunden können, aber hier bestand wieder ein erhöhtes Risiko der stimmlichen Begleitung. „Dann ein Klavier! Bitte!“, bat ich mit tränenden Augen. „Nein!“ Selbst meine Drohung, dann aus Trotz einfach extra falsch zu singen, konnte sie nicht erweichen.
Ähnliche Interessenkonflikte ergaben sich auch beim Findungsprozess meines zukünftigen Berufes. Die Begeisterung über das nahende Ende meiner Schulzeit wurde überschattet von der Androhung seitens meiner Mutter, dass jetzt der Ernst des Lebens beginne und ich mir Gedanken über meinen zukünftigen Broterwerb machen solle. Zunächst dachte ich in meiner unbefangenen Art, ich mache etwas, wofür mein Herz brennt. Das war tanzen. Fasziniert saß ich vor dem Fernseher und verfolgte das Bayerische Fernsehballett bei jeder sich bietenden Möglichkeit. Auch Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers begeisterten mich über alle Maßen. Allerdings hatte ich vor, eine Tätigkeit zu wählen, die ich bis ans Ende meiner beruflichen Laufbahn ausüben konnte, und was ich sah, waren ausschließlich junge, schöne Menschen. Außer den Kessler-Zwillingen kannte ich keine betagten Tänzerinnen und der Weg auf die großen Bühnen der Welt war ein extrem harter. Das war selbst mir klar. Man musste ja nicht aus jedem Hobby einen Beruf machen. Daher entschied ich, mich erst einmal einer Volkstanzgruppe anzuschließen, auch wenn es hier rein musikalisch wenig Überschneidungen mit meinem favorisierten Musikgenre gab.

Mein Herz brannte aber für so viel. Schauspielerei zum Beispiel. Ich trat der örtlichen Theatergruppe bei und legte einen beachtlichen Enthusiasmus an den Tag, wenn es darum ging, in andere Rollen zu schlüpfen. Auf Kommando lachen oder weinen? Kein Problem. Nach jedem Kinobesuch war ich davon überzeugt, dass ich das problemlos, wenn nicht besser, hätte darstellen können. Pah! Nichts leichter als das! Allerdings öffnete mir mein Vater bezüglich einer Schauspielausbildung die Augen, indem er beiläufig anmerkte, dass ich nach München ziehen müsse, weil es in unserem Ort nun mal keine Schauspielschule gab. Oder noch schlimmer nach New York. Als er die Begeisterung in meinen Augen las, schob er sofort nach, dass er nicht bereit sei, diese Ausbildung zu finanzieren. Außerdem konnte ich mir letztendlich doch nicht vorstellen, mein gewohntes Umfeld zu verlassen. Zu meinem Erstaunen gab es jetzt noch einen anderen Parameter, der für die Berufswahl ausschlaggebend war, und der war geografischer Natur. Und da kam mir die Idee schlechthin. Ich stürmte freudestrahlend früh morgens um 11:00 die Küche und rief: „Ich werde Friseuse.“ Meine Mutter teilte meine Begeisterung nicht und argumentierte, dass ich da ja nichts verdiene. Toll!
Mein zukünftiger Beruf soll mir Spaß machen, in der Nähe sein, Geld bringen, ja was denn noch! Ich erspare Ihnen, liebe Leser, meine weiteren phantasievollen Eskapaden, Vorstellungen und Frustmomente.

Eines Tages, ich war in höchstem Maße deprimiert, weil mein Vater geschäftlich unterwegs war und meine Mutter meine Teenager-Sorgen nicht wirklich teilte, sondern nur die Augen ob meiner Lebensplanung verdrehte, entschied ich einfach, reich zu heiraten. Das erschien mir plausibel, erfüllte alle gesellschaftlichen Anforderungen und ließ sich phantastisch mit meinen Hobbys verbinden. Ich musste nur noch den richtigen Mann finden. Pah, denken Sie sich jetzt, ein Kinderspiel! Aber ich gebe zu bedenken, dass es 1982 noch keine Handys oder Datingplattformen gab. Da war weiblicher Instinkt gefragt, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Während ich noch dabei war, in meinem stillen Kämmerchen einen Plan auszuhecken, wie man ein geeignetes Exemplar zur Strecke bringt, geschah etwas, was mein ganzes Leben nachhaltig aus der gewohnten Bahn warf und für mich die Weichen völlig neu stellte.

Mein Vater kam von der Geschäftsreise nach Hause und während des Abendessens erzählte er mit strahlenden Augen, dass er und seine Geschäftspartner in einem ganz außergewöhnlichen Restaurant diniert hatten und ihn die Bedienung dort tief beeindruckt hatte. Sie war gepflegt, trug ein dunkles Kostüm und hatte rot lackierte Fingernägel. Sie war mehrsprachig, distanziert, aber zuvorkommend und begeisterte die Herren mit ihrem sicheren und souveränen Auftreten. Wow! Ein kurzer Blick auf meine Nägel verriet mir, dass diese mein kleinstes Problem waren. Ich wollte auch, dass mein Papa feuchte Augen bekommt und so begeistert von mir spricht. Mein Entschluss stand fest. Meine Abschlussnoten waren ohnehin nicht dazu angetan, eine akademische Karriere anzustreben, aber das hatte ich auch nie in Betracht gezogen. Am nächsten Morgen verkündete ich lauthals meine Entscheidung mit den Worten „Ich werde Bedienung“. Unglücklicherweise konnte man damals die genaue Berufsbezeichnung noch nicht googeln, sonst hätte sich „staatlich geprüfte Hotelfachfrau“ schon etwas kompetenter angehört.
Meine Mutter quittierte meine Entscheidung gewohnt emotionslos, aber mein Vater meinte resigniert: „Wenn du das wirklich willst, dann mach das.“ Ja, klar wollte ich das. Und wie!

Nun musste ich leider die Erfahrung machen, dass es nicht genügt, eine Entscheidung zu treffen, man musste sie auch zielstrebig verfolgen. Hätte ich das mit dem gleichen Ehrgeiz getan, wie meinen mäßigen Schulabschluss zu feiern, dann hätte ich etwas Entscheidendes versäumt. Aber alles der Reihe nach. Nachdem ich also nach der exzessiven Abschlussfeier wieder zu mir kam, sah ich klar, und zwar meine Mutter. Sie legte mir ganz nebenbei nahe, es doch mal mit Bewerbungen zu versuchen. Das war meiner Ansicht nach gar kein schlechter Plan und ich machte mich daran, meinen überschaubaren Lebenslauf und ein Anschreiben zu verfassen, das besagte, dass mein ganzes Sehnen und Trachten danach strebe, im besten Haus am Platz eine sklavenähnliche, dreijährige Ausbildung zu absolvieren und mit deren Beginn meine Menschenrechte abzugeben. Um bei der Wahrheit zu bleiben, ganz so deutlich habe es nicht formuliert. Was sich heute kaum noch jemand vorstellen kann, ich tat dies handschriftlich und fehlerfrei. Nachdem dieser intellektuelle Kraftakt aber einige Zeit in Anspruch nahm und ich nach wie vor irgendwie mit Berufswunsch Nr. 1, der Tänzerin, liebäugelte, geschah das, was zwangsläufig geschehen musste: Ich bekam keine Lehrstelle mehr. Jetzt musste Plan B her. Ich war davon überzeugt, dass es mich schon einmal einen Schritt weiterbringen würde, meine Nägel zu lackieren. Irgendwie hatte ich auch noch vage in Erinnerung, dass die Idealbesetzung dieses Berufszweiges mehrsprachig sein sollte.

Meine Englischkenntnisse beschränkten sich auf unnütze Liedertexte von The Who und ACDC, die aber in der alltäglichen Kommunikation nicht wirklich hilfreich waren. Doch dann hatte ich – also genauer gesagt meine Mutter – die entscheidende Idee. Bis heute glaube ich daran, dass sie von egoistischen Motiven getrieben war, als sie mir den Vorschlag unterbreitete, ich solle es doch erst einmal ein Jahr in England als Au-pair-Mädchen versuchen und arbeiten. Also Arbeit per se war für mich nie ein Problem, das tat ich gern, aber ich musste mich mit dem Gedanken anfreunden, meine Heimat zu verlassen. Allerdings konnte ich auch sehr gut mit der Vorstellung umgehen, eine ordentliche Abschiedsfeier mit meinen Freunden zu feiern.

Und … ich war etwas Besonderes! Niemand aus meinem Dorf hatte je etwas so Waghalsiges zustande gebracht. Und so kam es, dass ich im zarten Alter von 16 Jahren meine Koffer mit dramatischen Gesten, tränenüberströmt und die schlimmsten Befürchtungen aussprechend packte, um mich mutterseelenallein ins feindliche Ausland aufzumachen. Ich kam zu einer reizenden Familie mit zwei Kindern. Die Dame des Hauses war die Schwester eines Freundes. Man möchte ja mit der Tochter auf Nummer sicher gehen. Und was mich mit dem Vorhaben schlagartig versöhnte, war Titus. Ein dunkelhaariger, sehr maskuliner und doch so liebenswerter Rüde. Wir eroberten gegenseitig unsere Herzen im Sturm und ich kam bezüglich meines Berufswunsches wieder ins Schwanken. Sollte ich Tierpflegerin werden? Aber wie schon erwähnt, muss man ja nicht jedes Hobby gleich zum Beruf machen. So verbrachte ich ein Jahr in Great Malvern in Worcestershire. Ja, genau da, wo die gute Soße herkommt. Und ich war glücklich. Ich lernte Verantwortung zu übernehmen, zu arbeiten, Verlässlichkeit und erfuhr auch, was Nachbarschaftshilfe bedeutet. Ich hütete Schreikinder und taube Riesenpudel mit der gleichen Hingabe wie bissige Retriever mit Verdauungsstörungen und Kinder in einsamen Häusern, die auf den ersten Blick für Locations billiger Horrorproduktionen prädestiniert waren.

Ich zauberte bayerischen Apfelstrudel und deutschen Hackbraten für Familienfeste der Nachbarn und verzauberte George. Oder besser gesagt er mich. Ich wusste zwar, dass mein Gastspiel in der englischen Kleinstadt nicht für die Ewigkeit angelegt war, aber darüber machte ich mir natürlich zunächst keine Gedanken. In Hollywoodstreifen fanden die Liebenden immer zueinander und dabei spielten Raum und Zeit keine Rolle. Vor allem aber lernte ich Englisch und machte die wunderbare Erfahrung, dass ich ein seltenes Talent für Sprachen hatte. Nach einem Jahr war es wieder so weit und ich packte erneut mit dramatischen Gesten, tränenüberströmt und die schlimmsten Befürchtungen aussprechend meine Koffer, um in meine Heimat zurückzukehren. Aber ich hatte etwas im Gepäck, das mir einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bei Teil 2 meiner Suche nach einer Ausbildungsstelle verschaffte. Ich sprach fließend und fast akzentfrei englisch. Und ich musste zum ersten Mal feststellen, dass sich Dinge ändern. Ich war eine weit gereiste Frau, die etwas zu erzählen hatte. Titus, mein geliebter Hund, starb kurz nachdem ich England verließ an Kummer. Nur eines blieb gleich. Meine Mutter stellte sachlich fest, dass ich wieder da war, und mein Vater war wirklich stolz auf mich. Ich war erwachsen geworden – also zumindest so erwachsen, wie eine 17-Jährige sein kann, die denkt, sie sei noch 13.

Danach wagte ich einen weiteren Bewerbungsvorstoß und es klappte. Ich hatte eine Ausbildungsstelle als Hotelfachfrau im besten Hotel am Platz, dem „Goldenen Waller“, und es sollte auch umgehend losgehen. Aber erst einmal wurde mein Teilerfolg gefeiert. Mit großer Freude stellte ich fest, dass in meinem Dorf alles beim Alten geblieben war, und so war mein Leben wieder im Lot. Es sei nur nebenbei erwähnt, dass ich nie wieder etwas von George, dem schönen Engländer aus Great Malvern, gehört habe. Tja, so etwas gibt es wohl doch nur in Hollywood.



„Der goldene Waller“ – oder warum es immer sinnvoll ist, eine Waffe bei sich zu tragen (1983)

Mein erster Arbeitstag. Ich stand gebügelt und gestriegelt mit sauber zusammengebundenen Haaren schüchtern an diesem imposanten Empfang des Vier-Sterne-Hotels und hielt meinen Arbeitsvertrag in meinen rot lackierten Fingern. Diese kamen jedoch nicht so gut an, wie ich es erhofft hatte. Genauer gesagt wurden sie nicht einmal zur Kenntnis genommen. Ich verfügte ja immerhin noch über meine Englischkenntnisse. Mein Lehrverhältnis wurde aufgrund meiner Schulbildung – mittlere Reife – und meines Auslandsaufenthaltes um ein halbes Jahr gekürzt. Ich konnte nur hoffen, dass die Kürzung in einer Abteilung zum Tragen kam, die ich gerne verkürzt gehabt hätte. Zunächst erhielt ich eine exklusive Hausführung. Die adrette, unterernährte Empfangsdame führte mich in einem ausgesprochen hastigen Tempo durch die Abteilungen, sodass sich mir der Eindruck aufdrängte, sie machte das nicht zum ersten Mal und auch nicht sehr gerne. Sie erklärte mir, dass ich nacheinander in den Abteilungen Service, Küche, Empfang und Zimmer arbeiten würde. Zimmer hörte sich gut an, aber ich musste ja unbedingt ins Restaurant, denn ich wollte ja schließlich Bedienung werden! Dort landeten wir auch nach unserem Schnelldurchlauf vor einem großen Stapel tonnenschwerer Silberteller.

Davor standen meine zukünftigen Kolleginnen, die ich aufgrund ihrer etwas geduckten Haltung sofort als Auszubildende entlarvte. Da war die vollbusige, blonde Carmen – zweites Lehrjahr –, die schüchterne Silvia, eine graue Maus, wie sie im Buche stand, die heute auch ihren ersten Arbeitstag hatte und die ich auf den ersten Blick als nicht ernst zu nehmende Konkurrenz einstufte. Dann gab es noch den adretten Sunnyboy Michael, der auch bereits im zweiten Lehrjahr war. Ich erkannte instinktiv, dass er mir wahrscheinlich viel beibringen konnte. Meine Aufgabe bestand darin, besagte Silberteller zu polieren und diese anhand eines Sitzplanes im Restaurant auf die Tische zu verteilen. Das klappte super! Es folgten Servietten, poliertes Besteck und Gläser und ich lernte von Sunnyboy wie und warum man das Besteck in einer bestimmten Reihenfolge eindeckt. Als wir fertig waren, hatten wir auch schon Pause. Toll! Also daran konnte ich mich doch gewöhnen. Carmen, die Maus, Sunnyboy und ich holten aus der Küche unser miserables Personalessen und setzten uns in eine kleine Stube.
Kurz vor 18 Uhr kamen dann die Bedienungen erster Klasse. Grundgütiger! Ich erlebte den Auftritt der Diven im Zeitlupentempo. Gestärkte weiße Blusen, enge schwarze, knielange Röcke und sorgfältig geputzte Schuhe. Mit wiegenden Schritten, wehenden Haaren und Zuckerwattelächeln kamen sie dynamisch die Treppen hochgelaufen. Ach was, sie schwebten! Fasziniert mit meiner Gabel in der Luft konnte ich sie nur anstarren. Ich sah, wie sie gekonnt ihre Teller schwenkten und auf unseren Tisch zusteuerten. Das waren sie also, meine Vorbilder, meine Idole. Die Attraktivste von ihnen kam direkt auf mich zu, beugte sich über mich und gab Sunnyboy einen Kuss auf die Wange. Was? Ich war sofort wieder in der Realität angekommen. Sunnyboy grinste dämlich und etwas verlegen und erklärte ihr nicht, wie ich erhofft hatte, dass ich seine neue Flamme sei. Schließlich verbrachten wir ja bereits einen gemeinsamen Nachmittag im Restaurant. Schwachkopf! Das Miststück lächelte mich abschätzend an. Das war zu viel für den Anfang und ich stufte sie kurzerhand als Feindin ein.

5 Sterne
Autobiografie einer Servicekraft: eine Abrechnung mit Augenzwinkern - 02.01.2025
Prof. Dr. Dirk Heckmann

Susanne Schubert bringt in ihrem Erstlingswerk Abserviert! eine klare Leidenschaft für die Gastronomie und einen scharfen Blick für zwischenmenschliche Feinheiten zum Ausdruck. Aufgewachsen in Bayern und mit einer bewegten beruflichen Laufbahn, schöpft sie aus einem reichen Fundus an Erfahrungen, die ihr Werk prägen.Ein humorvoller Blick hinter die KulissenMit viel Witz und Charme gewährt Schubert einen Einblick in die Welt der Gastronomie, die oft romantisiert oder unterschätzt wird. Abserviert! ist weit mehr als eine Sammlung von Anekdoten – es ist eine humorvolle, aber auch kritische Reflexion über die Herausforderungen und Absurditäten, mit denen Servicekräfte täglich konfrontiert sind (einschließlich der nie enden wollenden sexistischen Anzüglichkeiten und ähnlichem machohaften Gehabe). Die Autorin beschreibt mit großer Detailgenauigkeit und Selbstironie Situationen, die gleichermaßen unterhalten und zum Nachdenken anregen. Schubert versteht es meisterhaft, den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die von der Ausbildung bis zur europaweiten Tätigkeit in der Gastronomie reicht. Ihr Stil ist erfrischend lebendig, ihre Beobachtungen sind treffend und oft überraschend ehrlich. Insbesondere die Schilderung von Arbeitsbedingungen, die man für überholt gehalten hätte, verleiht dem Buch eine besondere Tiefe.Authentisch, kurzweilig und fesselndDas Buch überzeugt durch seine Mischung aus humorvollen Episoden und gesellschaftskritischen Zwischentönen. Schubert gelingt es, die Eigenheiten der Gastronomiebranche auf den Punkt zu bringen, ohne dabei ins Klischeehafte abzugleiten. Ihre Erzählweise ist locker und doch präzise, wodurch das Lesen zum Vergnügen wird. Man lacht, schmunzelt und fühlt mit der Erzählerin, die trotz widriger Umstände ihren Humor nie verliert.FazitAbserviert! ist ein Muss für alle, die sich für die Gastronomie interessieren oder einfach einen unterhaltsamen und intelligenten Lesegenuss suchen. Susanne Schubert schafft es, den Leser nicht nur zu unterhalten, sondern auch für die oft unsichtbaren Herausforderungen in einer Branche zu sensibilisieren, die allzu häufig unterschätzt wird. Mit feinem Gespür für Humor und menschliche Eigenheiten serviert sie ein literarisches Menü, das nachhallt. Ein kurzweiliger Genuss, der sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken anregt – absolut lesenswert!

5 Sterne
Absolut Lesenswert - 31.12.2024
Petra Preuß

Das Buch ist spannend, humorvoll und sehr wortgewandt geschrieben. Man (Frau) möchte es am liebsten von Anfang bis zum Ende an einem Stück durchlesen. Ich habe gestaunt und viel gelacht beim Lesen. Auch sensibilisiert es den Blick auf die Gastronomie und die Mitarbeiter. Vielen Dank für das tolle Buch!

5 Sterne
Abserviert - 06.12.2024

Habe Buch in kurzer Zeit gelesen. Total interessant und Kompliment an die Autorin: "aufhören geht "nicht". Vielleicht gibt es bald ein zweites Buch! Wäre schön!

5 Sterne
Abserviert - 06.12.2024

Habe Buch in kurzer Zeit gelesen. Total interessant und Kompliment an die Autorin: "aufhören geht "nicht". Vielleicht gibt es bald ein zweites Buch! Wäre schön!

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Abserviert!

Andreas Staeck

Ostdeutsche Geschichte(n)

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder