Gestern war heute noch morgen

Gestern war heute noch morgen

Ernst F. Reinhard


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-99131-141-6
Erscheinungsdatum: 04.08.2022
Ernst F. Reinhard nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch seinen Kopf, versinkt in Gedanken, Erinnerungen, taucht wieder im Heute auf, erzählt, kommentiert, schweift ab, greift den Faden erneut auf und lässt so ein buntschillerndes Kaleidoskop entstehen.
Regenträume

Manchmal, an Tagen, an denen der Himmel grau und ohne Tiefe in den Bäumen hängt und der Regen monoton sein Lied auf die Dächer trommelt, kommen Gesichter, Gestalten aus dem Nebel, öffnen sich Gruften in den hintersten Winkeln des Gedächtnisses, tauchen Erinnerungen auf – und mit einem Mal ist der Himmel offen und die pannonische Sonne brennt heiß auf die Sandsteinfelsen, die widerhallen vom Klang der Fäustel, der sich vermengt mit dem Geschrei der Dohlen zu einer Symphonie …

Summer of – nein, nicht summer of sixty-nine, sondern seventy-six.
Römersteinbruch St. Margarethen im Burgenland.
Der Himmel ist tiefblau und weit, die Sonne brennt und die Dohlen kreischen.

Steile Sandsteinfelsen werfen ihr Gekreische zurück, strahlen Hitze aus und mitten in diesem Kessel eine Gruppe rothäutiger, weil von der Sonne verbrannter Wahnsinniger, die mehr oder weniger verzweifelt, vor allem aber mit mehr oder weniger Talent versuchen, aus rohen Steinblöcken künstlerisch wertvolle Skulpturen zu fabrizieren.
Na ja, einige wenigstens scheinen wirklich vom künstlerischen Ehrgeiz gepackt zu sein. Andere wieder nehmen das ganze Unternehmen eher von der heiteren Seite, betrachten dieses „Blockseminar plastisches Gestalten – Bildhauerei“ mehr als eine Art Aktivurlaub vom Stress des Akademielebens.

Dass wir dann dort drei Tage lang – selbstverständlich erst nach Beendigung des Tagwerkes, das ja schlussendlich beurteilt werden würde – sehr intensiv feierten, dass (ich glaub, es war) Gabi am ersten Abend noch nicht ihren zwanzigsten Geburtstag hatte, am zweiten, dass sie eben diesen beging, was selbstverständlich ordentlich zu begießen war, denn immerhin war sie ab sofort kein Teenager mehr (und damit fürderhin zur Seriosität verdammt oder so ähnlich) und schlussendlich am dritten, dass alle, abgesehen von einem – je nach Konstitution und Feierintensität, es soll welche gegeben haben, die es sich besonders gaben, während andere … – leichten oder weniger leichten Brummschädel (gegen den aber Alkohol trefflich zu helfen im Rufe stand – das legendäre „Reparaturvierterl“) die beiden vorigen Tage mehr oder weniger schadlos überstanden hatten, sei jetzt nur so nebenbei und der Vollständigkeit halber erwähnt.

Ich verliere jetzt auch kein weiteres Wort über die grandiose Idee meines Namensvetters, der an einem dieser Tage nach dem sechsten oder siebenten Viertel burgenländischen Weines meinte, eine Sodawasser-Siphon-Spritzbattle anzuzetteln zu müssen, die nicht nur mit einer klaren Siegerin im eigentlich gar nicht veranstalteten Contest um den Titel der Miss Wet T-Shirt, sondern auch mit einem (durchaus nicht unfreundlich gehaltenen, kein Wunder angesichts der Zeche, aber doch bestimmten) Hinauswurf aus der gastlichen Stätte endete, ebenso wenig wie darüber, dass wir daraufhin – quasi zwangsläufig – die gute, alte irische Sitte des „pub-crawl“ (eine auf der grünen Insel angeblich durchaus übliche, beliebte und bewährte Tradition und gerne gepflogene Wochenendbeschäftigung) in den pannonischen Gefilden einführten, ja, geradezu einführen mussten.

Ein Schlag, ein Klirren …
„Scheiße!“
Aus tiefster Seele kam dieser Schrei, ein Aufbrüllen der Wut, der Enttäuschung.
Ein Schlag, ein Schlag zu viel und die Arbeit von drei Tagen war dahin.
Da lag er nun, jener verflixte Steinbrocken, der eigentlich den Oberteil meiner Sandsteinplastik hätte bilden sollen.

In diesem Moment beschloss ich, mit sofortiger Wirkung von der ersten zur zweiten Gruppe überzuwechseln, das Werkzeug in einer letzten Geste der Wut hinzuschmeißen und mir zuallererst ein frisches Bier aufzumachen.
Der Vollständigkeit halber sei jetzt nicht verschwiegen, dass ich die Sandsteinplastik, die schlussendlich dem gestrengen Herrn Professor zur Beurteilung vorzulegen, vorzustellen oder welche Version von „präsentieren“ bei einem gar nicht so leichten Steinbrocken man hier treffendst verwenden mag, war, dann – nicht mehr nach den originalen Vorstellungen (da ein Teil fehlte) aber doch irgendwie – in meiner Freizeit, um genau zu sein, in den Sommerferien, fertiggestellt habe.

… Wir gedachten nicht der neunundneunzigsten Wiederkehr deiner Geburt, Harry Haller, wir dachten nicht einmal bewusst an dich – und doch, wie in deinem magischen Theater machte sich plötzlich das Gespräch selbstständig, marschierte unbeirrbar in eine Richtung, erstarrt, unfähig abzuspringen saßen wir auf diesem Zug, der uns immer tiefer riss …

„Du kannst kochen?“
Na, selbstverständlich konnte ich.

Ich hatte zwar – damals, inzwischen hat sich das, wie mir immer wieder bestätigt wird, doch gründlich geändert, auch wenn ich weiterhin ohne Haube am Herd stehe, was aber kein Problem darstellt, da die Gefahr, dass sich ein Haar vom Haupt in die Suppe verabschieden könnte, inzwischen so groß ist wie die Wahrscheinlichkeit, dreimal hintereinander entweder den Jackpot leerzuräumen oder vom Blitz erschlagen zu werden – vom Kochen ungefähr die gleiche Ahnung wie die berühmte Kuh vom Stricken, aber das hat mich noch nie daran gehindert, etwas zu versuchen.
Nur, warum ausgerechnet ich, das einzige anwesende männliche Wesen, und nicht eine meiner drei Kolleginnen?
Vielleicht hatte ich den Mund doch ein wenig zu voll genommen, was ich mir aber eigentlich, wenn ich es so recht bedenke, nun wiederum überhaupt nicht vorstellen kann, bescheiden und schüchtern, wie ich mich nicht nur grundsätzlich zu geben bemühe, sondern wie ich es eben auch tief drinnen bin.

Also los.

„Ich brauche Zwiebel, Knoblauch, verschiedenes Gemüse, Speck, zwei Eier, Pomodoro oder frische Paradeiser …“ – „Tomate“ sagte damals, wenn man einmal vom zu diesem Zeitpunkt Jungpantomimen und Noch-nicht-wirklich-Kabarettisten Andreas Vitasek absieht, der dies viele Jahre später öffentlich machte (und selbst da bin ich mir nicht sicher, dass dies auch schon für damals Gültigkeit hat oder ob dies nicht nur seinem austrophoben Kabarettprogramm geschuldet war), zumindest in der Gegend rund um die steirische Hauptstadt, kein Mensch, außer eventuell ein Vertreter jener exotischen Gattung Mensch, die da – ohne jemals verstehen zu können, warum – als Piefke an den Rand der Gesellschaft gedrängt dahinvegetieren musste – böse Zungen behaupten, da war der balkanesische Kollega vom inzwischen legendären Plakat des Steirischen Herbst(es), „I haaß Kollaritsch, du haaßt Kollaritsch – warum sogn’s zu dir Tschusch?“, noch deutlich besser integriert als die Kollegenschaft von der Waterkant – „… etwas Reis und Erdäpfel (was für die Tomate gilt, gilt auch für „Kartoffel“) nein, ohne Knoblauch geht gar nichts … also, was ist jetzt mit dem Knoblauch?“

Hurra, eine Chance, eine Hilfe der Götter.
Da war mein verzweifelt gesuchter Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe.
Kein Knofel – kein Kochen.
Aber Maria trieb dann doch noch, weiß der Kuckuck woher, einige Zehen auf.
Also wurde gekocht.

Und überraschenderweise, am meisten zu meiner eigenen Überraschung, wurde die „original friulanische Minestrone“ nicht nur nicht grauenvoll, sondern sogar recht gut.
Zugegeben, der Wein, den wir dazu tranken, war besser, viel besser, vielleicht war auch er der Grund dafür, dass uns die Spezialität des Hauses mundete, auf alle Fälle waren alle sehr zufrieden.

Es war Hesses Geburtstag.
Es hätte wohl auch jeder andere Tag sein können, es hätte keine Rolle gespielt, aber es war nun mal kein anderer.
Nicht, dass irgendjemand daran gedacht hätte, bewusst oder unbewusst oder überhaupt, oder dass gar jemand gesagt hätte

„Wisst ihr eigentlich, der alte Hermann – ihr wisst schon, der mit dem Buch, nach dem sich die Band benannt hat, die die Musik zu „Easy Rider“ … genau, „Born to be Wild“ … der hat heute Geburtstag, den neunundneunzigsten noch dazu, da wäre es doch eigentlich angebracht …“

Nein, dieses Zusammenfallen, dieser Zufall wurde mir erst viel später bewusst und eigentlich war und ist es ja auch vollkommen nebensächlich, ob wann, wer … denn schließlich haben Millionen von Menschen jeden Tag Geburtstag und keiner – außer den Betreffenden selbst und vielleicht noch deren Freunde und Verwandte – denkt daran und keinen berührt es sonderlich. (Möglicherweise auch Arbeitskollegen, wenn sich denn an diesem Arbeitsplatz die Sitte erhalten hat, dass das Geburtstagskind die Kollegenschaft und -schaftin, ordentlich gegendert muss schon werden, damit der weiblichen Belegschaft und deren Geschlechtsvertreterinnen nicht auffällt, dass es wichtigere Dinge gäbe über die man sich Gedanken machen könnte, wie gleichen Lohn für gleiche … – mit einer Jause, einem, selbstverständlich alkoholfreiem Kindersektumtrunk erfreut) –, Dennoch.
Zu einer Zeit, in der Hesse – eigentlich seine Bücher – wichtig für mich war, man sich, wenn man etwas auf sich hielt, selbst als Mischung aus Harry Haller, dem Steppenwolf, und Goldmund – je nach Stimmung einmal mehr in die eine, dann wieder die andere Richtung schwankend (jedoch ohne die Alternative, die Ersterer ernsthaft überlegt, auch nur ansatzweise anzudenken, jene, es Adalbert Stifter gleichzutun und beim Rasieren zu verunglücken – ob aus Feigheit, dem Gefühl, dass da noch etwas kommen könnte, auf das zu warten es sich lohnt, oder der Tatsache geschuldet, dass diese Variante mit einem elektrischen Rasierapparat schwer bis gar nicht durchführbar ist, man sich schon, wie einige Jahre später ein selbsternannter Verteidiger der bajuwarischen Rasse auch ohne Hände vorführte, am Kabel aufhängen müsste bis dass …, sei jetzt dahingestellt, aber auch ohne den finalen Weg in die klösterliche Abgeschiedenheit zu erwägen) – betrachtete, bekamen auch solche Zufälligkeiten nachträglich ihre Bedeutung zugeschrieben. Auch wenn ich immer öfter meinte, an mir Ähnlichkeiten, eine geistige Verwandtschaft mit, Züge, Eigenschaften von Stephen Daedalus festzustellen – der Dubliner, der seine Landsleute als versiffte, rotzigglockige Bagage heruntermachte und von diesen doch verehrt und gefeiert wird (posthum, selbstverständlich – irgendwie sind sie da den Österreichern ähnlich, die Iren), kam gerade in Mode, zumindest bei mir.

Auch an diesem Abend hatte es mich, wie immer öfter in den letzten Wochen, beinahe selbstverständlich in die Ungergasse getrieben, wo wir nun hockten, jene drei Opfer, Studienkolleginnen, die mich mehr oder weniger freudestrahlend zu ertragen hatten und dies auch, im Nachhinein betrachtet, offensichtlich nicht ungern taten, denn ansonsten hätten sie mich ohne weitere Probleme hinauskomplimentieren können, und ich.

Was haben wir da philosophiert und diskutiert.
Über Gott und die Welt, die Niedrigkeit und Widrigkeiten des Alltags, Kunst im Allgemeinen und im Speziellen – sei es, weil etwas besonders gut war oder besonders schlecht, unserer Meinung nach, die selbstverständlich von besonderem Sachverstand getragen war …

„Also ich weiß nicht, diese ganze Herumpatzerei mit Gips und Ton – also meine Sache ist das bei Gott nicht … gebt mir einen Bleistift oder eine Feder, von mir aus auch Farben und Pinsel und ich kann damit etwas anfangen, aber dieses Herumpatzen, dauernd den Dreck an den Händen …“

Ich sah förmlich, wie es gegenüber arbeitete.

Weniger bei Maria und Gerda, aber Erna konnte nicht anders, sie musste widersprechen.
Sie finde es großartig, wenn unter ihren Händen etwas entstehe, wenn etwas Form annehme, das zuerst nur als vager Gedanke, als Vorstellung in ihr gewesen sei und nun begreifbar sei, begreifbar im wahrsten Sinn des Wortes.

Zugegeben, die Gipsmasken, die wir im Seminar angefertigt hatten, anfertigen hätten sollen – ich hatte es irgendwie, vermutlich durch ständiges Wechseln meiner Position und Hilfestellung jeglicher Art bei den lieben Kollegen und (vor
allem) -innen, doch tatsächlich geschafft, mich davor zu drücken, gipsgetränkte Verbandsstreifen auf das vaselinebeschmierte Gesicht gepatzt zu bekommen, bis nur noch zwei vorher in die Nase gesteckte Strohhalme aus der Masse ragen –, seien Spielerei, Fingerübung und nichts Besonderes, aber dennoch …

„So weit kommt’s noch, dass ich mir meine eigene Totenmaske anfertige!“

Ohne es zu wissen, noch viel weniger, ohne es bewusst zu wollen, hatte ich damit ein Signal auf Grün gestellt, eine Weiche umgelegt, die Richtung vorgegeben, die uns den ganzen Abend über beschäftigen sollte, die uns …

Aber der Reihe nach.

Totenmaske, Tod schlechthin, was soll das in diesem Alter, gut, eine gewisse Morbidität wird Österreichern ja grundsätzlich nachgesagt, wenngleich eher die Wiener als – welch garstig Wort – todaffin gelten, wo sonst wohl wäre eine Liedersammlung mit dem Titel „Es lebe der Zentralfriedhof“ zum Kult geworden, wenn nicht dort, und eigentlich ist das ja auch nichts Schlechtes, rechtzeitig zu deponieren, dass man gerne noch einmal die Sunn’ aufgeh’n sehen will, aber dennoch … das Leben hatte, genau betrachtet, noch nicht einmal richtig begonnen und schon diskutierten wir das Ende.

Nicht etwa von einer unweigerlich auf uns zurasenden globalen Katastrophe war die Rede, nicht von Endzeit, post war, nuklearem Erst- und Zweitschlag, dem Tag danach oder der Wiederkehr von Nemesis – von Klimakatastrophe und Treibhauseffekt war damals ohnehin noch nicht die Rede, ja, nicht einmal die Begriffe waren noch geschaffen, die schwedische „Santa Greta per futura mundi“ noch nicht einmal ein sündiger Gedanke ihrer zukünftigen Eltern, wir lebten in der festen Überzeugung, dass die Grenzen des Wachstums irgendwo lägen und den Club of Rome hielt damals vermutlich so ziemlich jeder für eine mafiöse Vereinigung, einen Fußballverein oder bestenfalls für irgendeine italienische Nobeldisco.
Nein, Thema war das sehr persönliche und individuelle Ende, das manchmal unmittelbar hinter der nächsten Ecke zu warten schien oder wie ein Buch aus dem Regal hervorgeholt werden konnte – warum nicht jetzt, gerade jetzt, wo alles schön und in Ordnung scheint, wer weiß, was man sich alles ersparen möcht, jetzt, wo alles besprochen ist, wo alles gedacht ist, wo jedes weitere Wort, jeder weitere Gedanke nur mehr Plagiat, sein eigenes Echo sein könnte – manchmal war ich uralt, als ich so jung war.

Und trotzdem, so seltsam das auch klingt, schienen alle nur auf dieses Stichwort gewartet zu haben.

Tod, was ist danach?
Über eines waren wir uns einig.
Das Ende ist er nicht – aber was dann?

Etwa, entsprechend der christlichen Lehre – je nachdem, wie brav man in diesem Leben war, wie sehr man die Regeln der alleinseligmachenden Mutter Kirche befolgt, zumindest aber etwaige Verfehlungen rechtzeitig gebeichtet und anschließend um Absolution angesucht und diese auch erhalten oder eben die erlösenden Worte „Ego te absolvo“ nicht vernommen hat – der Übergang zu entweder Himmel, Hölle oder Fegefeuer?
(Von der Möglichkeit einmal abgesehen, die da dereinsten schon Martin Luther auf die – von ihm in Rom durchaus erblickte und also bekannte – Palme getrieben und ihn schlussendlich voller Ingrimm und Sendungsbewusstsein zu Papier, Feder, Hammer und Nagel und damit in letzter Konsequenz auch nach Hand und wohl manch anderem Körperteil der ehemaligen Nonne Katharina von Bora greifen ließ, sich Ablass, die Vergebung der Sünden zu erkaufen, durch Spenden, durch das eifrige und willfährige Bezahlen von Messen zum Gedenken an und für das Seelenheil aller Verwandten und Bekannten, denen man etwas Gutes tun möchte, durch sich lustvoll kasteien, sich, den stacheligen Büßergürtel umgeschnallt ins kratzende Gewand gehüllt, auf den Weg nach Santiago zu machen und dies nicht als „Once in a lifetime“-Erfahrung zur Selbstfindung auffassen. Wir wissen ja inzwischen, dass es so nicht funktioniert.)

Abgelehnt!

Das Ende des einen und der Beginn eines neuen Lebenszyklus, der Drachen, der sich selber vom Schwanze her auffrisst, die Katze, die sich in eben diesen beißt oder ihm zumindest in ewigen Kreisen nachjagt, like a circle in a circle, like the wheel within a wheel, windmills of your mind oder Shivas Traum, wie es die alten Inder glauben – Reinkarnation, gibt es das wirklich, sind diese „Déjà-vu“-Erlebnisse wirklich nichts als seltene Erinnerungen an etwas, das man wirklich schon einmal gesehen, erlebt hat, in einem anderen, früheren Leben, entscheiden unsere Taten jetzt und hier darüber, wie und als wer oder was wir dereinsten wiedergeboren werden, so, wie unser jetziges Leben das Ergebnis dessen ist, was wir in einem vorigen getan oder nicht getan, gedacht oder nicht gedacht … haben (fickt Karma wirklich jeden, besteht tatsächlich die vage Möglichkeit, als Ameise oder gar Mittelstreifen einer Autobahn wiedergeboren zu werden?) – oder ist das, was wir Leben nennen, nur der Traum einer Nacht im wirklichen Leben …
5 Sterne
Wo beginnen? - 18.09.2022
E.P.

Eine Bewertung für "Gestern war heute noch morgen" abzugeben ist mir ein Bedürfnis. Doch: wo beginnen? Genausowenig, wie ich einen Aufbau des Buches erkennen konnte, wird es auch nicht möglich sein, in dieser Rezension eine Gliederung zu erkennen. Beginnen wir bei den äußeren Umständen: Ich bin ungefähr dasselbe "Baujahr" wie E.R. und kann also in vielen seiner Erzählungen, die seine jüngeren Jahre zum Inhalt haben, den "spirit" nachempfinden, der darin vermittelt wird. Alle diese "G'schichtln" haben deshalb schon ein Plaus verdient, weil er es schafft, diesen Zeitgeist in der Erinnerung wieder auferstehen zu lassen. Ein Staunen ringt mir auch ab, mit welch wachem Blick er die in den Urlaubserzählungen geschilderten Länder und ihre Bewohner beobachtet und den Leser*) - oftmals auch als Randnotiz - in die Geschichte jener Regionen entführt. In vielen Kapiteln kommen die Geschichte-Kenntnisse und das Allgemeinwissen des Autors zum Vorschein, ohne dass dies jemals belehrend wirkt. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man zur Aneignung dieses Wissens über viele Tellerränder geblickt haben muss. In recht kritischen Texten setzt sich der Autor auch mit gesellschaftlichen und (Welt)politischen Blödheiten auseinander und artikuliert dabei oftmals so ziemlich genau was ich denke bzw. das Unbehagen, das ich empfinde. Auch wenn es um ernste Dinge geht, fehlt es in keinem Kapitel an pointierten, teilweise recht schrägen Formulierungen. Die sprachliche Umsetzung seiner oftmals recht krausen Gedankengänge ist durchaus als sehr gelungen zu bezeichnen - auch wenn ich manche Absätze ein zweites Mal lesen musste, um zu behirnen, was dahinter steckt.Bei den Erzählungen, die die Familie betreffen, kann man erahnen, dass E.R. trotz all seines Sarkasmus und seiner Ironie durchaus ein Mensch "mit Tiefgang" ist.*) Wie bereits gesagt: Auch ich bin als Kind der 50er Jahre allergisch gegen den ÜBERTRIEBENEN Genderwahn. Die LeserINNEN mögen mir darob nicht gram sein und dürfen mich dafür als "alten weißen Mann" bezeichnen, falls ihnen dann leichter ist.

5 Sterne
Kein Selters - Champagner - 08.08.2022
Egon Reip

Wenn es immer heißt „Sekt oder Selters“ um den Unterschied zwischen „fast food“, für zwischendurch und einem exquisiten Haubenmenü zu artikulieren, so ist dieses Buch Champagner - prickelnd, hochwertig und sicherlich nichts für so einfach zwischendurch. Man muss sich die Zeit nehmen, einzutauchen, auf der (geistigen) Zunge zergehen lassen und wird dafür entsprechend belohnt.Auch wenn, oder gerade weil es kein durchgehender Roman ist, sondern eine Aneinanderreihung von einzelnen, sehr unterschiedlichen Geschichten und Texten, Erinnerungen und Gedanken, ergibt die Summe ein Bouquet, das ein ganzes Leben umfasst.Es lohnt sich auf alle Fälle.,

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