Gene einer Mörderin

Gene einer Mörderin

Francesca Gordoni


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-99131-488-2
Erscheinungsdatum: 02.08.2022
Ist Herbert ihre große Liebe? Susanne glaubt es. Aber dann entdeckt sie Dinge, die ihre bis dahin vermeintlich heile Welt in Sekundenbruchteilen aus den Angeln heben ...
I

Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln in meiner Nase. Ich erwache langsam und spüre, wie mein Kopf dröhnt. Meine Decke habe ich rausgestrampelt, und ich versuche, sie mir mit meinen noch steifen Fingern zu angeln. Mit Mühe kann ich sie ins Bett zurückzerren. Ich igle mich ein.
Mit halb offenen Augen blinzle ich auf die zweite Hälfte meines Doppelbettes. Sie ist leer und kalt. Die Daunendecke liegt ordentlich zusammengefaltet auf dem unbenutzten Laken. Langsam krampft sich mein Magen zusammen, ein Gefühl, mit dem ich in den letzten Tagen leben lernte. Ich spüre, wie die Übelkeit in mir hochsteigt, der ich nicht entrinnen kann und derer ich auch nicht in der Lage bin, mich zu entledigen. Mein Bauch ist leer.
Vorsichtig betaste ich mit den Fingerspitzen meine Backen, meine halb geschlossenen Augenlider, mein Gesicht. Es fühlt sich alles aufgequollen und heiß an. Mein Kissen ist feucht und kalt. Ich muss im Schlaf geweint haben, wie jede Nacht seit damals.
Kraftlos richte ich mich auf, reibe mir die Augen und lasse mich wieder zurückfallen. Meine Gedanken kreisen um jenen Tag, der meinem Leben eine Wende geben sollte, die ich nie für möglich gehalten hatte. Kurze Momente tauchen in meinem Kopf auf. Erinnerungen, die mich frösteln lassen. Notrufnummer, Polizei, das traurige Gesicht des Notarztes, der Leichenwagen, das offene Grab, der Eiffelturm, Paris. Gänsehaut bildet sich auf meinen Armen. Der kalte Schauder, der mir über den Rücken läuft, ist unangenehm. Ich schüttle meinen Kopf, um all die Gedanken zu verscheuchen, und richte mich abermals auf.
Langsam steige ich auf den Vorleger, suche mit meinen Zehenspitzen nach den Pantoffeln, angle mir meinen Hausmantel vom Haken und streife ihn mir über. Vorsichtig stehe ich auf. Das Zimmer beginnt sich zu drehen. Wenn ich diese Schwindelanfälle doch nicht hätte! An der Bettkante suche ich Halt und schiebe mich vorsichtig hoch. Mit schlurfenden Schritten erreiche ich schließlich die Küche. Ein Kaffee wird mir helfen, auf die Beine zu kommen.
Es ist alles wie immer. Nichts erinnert hier an die vergangenen Tage. Die Vase mit dem getrockneten Strauß Rosen steht wie eine stumme Zeugin in der Mitte des Esstisches. Endlich ist meine Kaffeemaschine betriebsbereit, was sie mit einem lauten Gurgeln und Keuchen ankündigt, und ich kann mir mein morgendliches Lebenselixier zubereiten. Ich nehme meine Lieblingstasse – ein Mitbringsel von seiner letzten Reise vor seinem Tod –, blau und weiß mit einem roten Herz. In der Mitte steht „Je t’aime“. Bis jetzt hatte ich nicht die Kraft, sie in den Müll zu werfen.
Er brachte sie mir aus Paris mit, meiner Lieblingsstadt, meiner zweiten Heimat. Auf meiner ersten Reise dorthin vor unzähligen Jahren hatte ich mich in sie verliebt. Besonders hatte ich immer den Frühling in Paris gemocht, mit den wunderbar duftenden Blumen in den Tuileries, dem zarten Frühlingswind, wenn er durch meine Locken fuhr, dem einzigartigen Geschmack der Croissants mit Café au lait zum Frühstück.
Er hatte mich gebeten, ihn zu begleiten, aber mein voller Terminkalender und mein Pflichtbewusstsein hatten es nicht zugelassen. Jammerschade! Hätte ich sein Angebot angenommen, wäre das Bett neben mir nun wahrscheinlich nicht kalt und ich nicht einsam.
Ich lasse mich auf einen Sessel nieder, auf einem zweiten stapeln sich Zeitschriften, alte Tageszeitungen und die ungeöffnete Post der letzten Tage. All die Kondolenzschreiben zu sichten, zu lesen oder gar zu beantworten, war mir bis jetzt unmöglich erschienen. Ich bin kraftlos, willenlos. In meiner Phantasie stelle ich mir vor, dass gleich die Türe aufgeht und die vertrauten Schritte auf mich zukommen mit den Worten „Guten Morgen, mein Schatz, gut geschlafen?“ Ich warte und lausche. Nichts dergleichen geschieht.
In Gedanken versunken trinke ich die Tasse leer, ohne es zu bemerken. Ich stehe auf, um nachzugießen. Wie spät ist es eigentlich? Was ist heute für ein Tag? Samstag? Sonntag? Ich muss mich konzentrieren.
Doch, es ist Sonntag, der 22. Mai, und ich kann von draußen die Kirchenglocken hören. Es ist später Vormittag. Ich suche in meiner Brotdose nach Gebäck. Ein altes Stück Kuchen liegt darin. Auch im Kühlschrank ist nichts zu finden, was meinem knurrenden, aber doch sehr sensiblen Magen gefallen würde. Ein Joghurt aus unbekannten Zeiten, ein Stück Hartkäse, dessen Rand bereits dunkelgelb und eingetrocknet ist, zwei Eier, von denen ich keine Ahnung habe, wie lange sie schon in der Eiertasse stecken.
Sonntag, das heißt, der Supermarkt um die Ecke hat geschlossen, und die nächste Tankstelle, wo man was Essbares erwerben kann, ist sechs Kilometer entfernt.



II

Ich lebe nicht mehr im Stadtzentrum Wiens, wo man rasch zu etwas Essbarem kommt.
Herbert und ich waren vor fünf Jahren in diese Gegend gezogen. Nach vielen Jahren Stadtleben wollten wir es ruhiger angehen lassen. Davor, also zur Studienzeit, hatten wir das Pulsieren der Großstadt geliebt. Unzählige Abende hatten wir in den wunderbaren und einzigartigen Kaffeehäusern der Stadt verbracht. Wie oft waren wir eng umschlungen durch die schöne Altstadt Wiens geschlendert, vorbei am imposanten Opernhaus, entlang der bekannten Einkaufsstraße bis hin zum Wahrzeichen Wiens. Gerne hatten wir das umfangreiche Veranstaltungsangebot dieser Stadt wahrgenommen, ob Kabarett, Musical, Theater oder Konzert, alles war uns willkommen gewesen. Wir hatten uns als Teil der Kultur gefühlt, am bunten Geschehen teilgenommen, uns treiben lassen.
Es hatte uns nichts ausgemacht, dass die Straßenbahn direkt vor dem Schlafzimmerfenster vorbeigefahren war und wir jeden Tag zur ersten Fahrt um 5:00 Uhr kurz erwacht waren. Es hatte uns nie gestört, dass der morgendliche Lärm des geschäftigen Treibens der arbeitenden Bevölkerung unsere oft kurze Nacht jäh beendet hatte.
Wir vereinten uns zum Morgengruß, anschließend genossen wir gemeinsam eine kalte Dusche. Danach noch meine morgendliche Sportrunde mit meinen Übungen, und der Tag konnte kommen. Wie hatten wir diese letzten Monate von Herberts Studienzeit genossen, zumindest an jenen Tagen, an denen wir uns trafen.
Kennengelernt hatte ich Herbert in Brüssel. Er war Student der Biochemie an der Universität Wien und absolvierte sein Erasmus-Semester. Ich studierte Kunstgeschichte und Französisch und hielt mich in dieser Stadt auf, um meine Sprachkenntnisse aufzubessern. Um meinen bescheidenen Lebensunterhalt zu bestreiten, musste ich einen Job als Billeteurin im Musée Fin-de-Siècle annehmen.
Es war im Dezember, und ein dichter, undurchdringbarer Nebel hatte sich seit Wochen in fast ganz Belgien festgesetzt. Es hatte auch nicht den Anschein, als ob die Sonne ihre Strahlen noch einmal vor März über Brüssel scheinen ließe. Eine trostlose Zeit, und mir fehlte jegliche Motivation, mich neben meinem Halbtagesjob und den Vorbereitungen für meine Abschlussprüfungen auf diese Stadt und ihre Schönheiten einzulassen.
Nach getaner Arbeit im Museum ging ich für gewöhnlich in mein kleines Apartment, das ich mit einer hiesigen Medizinstudentin teilte. Michelle war ein lebensfroher und offenherziger Typ. Ihr Optimismus und ihre Fröhlichkeit waren ansteckend, und manchmal schaffte sie es tatsächlich, mich aus meiner Lethargie zu reißen und in ein Café oder eine Bar zu verschleppen. Selten blieb ich länger als bis Mitternacht, mich interessierten die oberflächlichen Unterhaltungen und plumpen Annäherungsversuche der männlichen Gäste nicht im Geringsten. „Wenn schon ausgehen, dann mit Niveau“, war immer meine persönliche Devise. Für das Rumgehopse in einer Diskothek war ich generell zu spröde, und laute Musik zu hören gehörte nie zu meinen Leidenschaften.
Ich hatte nie geraucht und auch kaum Alkohol getrunken, weil er mir viel zu schnell ins Blut ging und ich den Konsum üblicherweise mit ausgedehnten Kopfschmerzen büßte. Außerdem wollte ich mein straffes morgendliches Sportprogramm, das ich seit Jahren absolviere, nie für eine unterdurchschnittliche Abendunterhaltung sausen lassen.
Jeden Tag lief ich von meinem Haus in der Rue des Sols zum Quai de L’Industrie, weiter die Senne entlang Ich liebte seit jeher das Glücksgefühl, welches in solchen Momenten in jede Faser meines Körpers dringt und mich mit Energie versorgt, von der ich einen ganzen Tag zehren kann, auch wenn an manchen Tagen eine anständige Portion Überwindung vonnöten ist, um in Kälte, Finsternis und Nieselregen joggen zu gehen. Gerade in jenen unwirtlichen Morgenstunden war es doppelt schwierig, den inneren Schweinehund zu besiegen. Nur mein eisener Wille meine Figur zu erhalten und die Gewohnheit, sich täglich zu bewegen, trieben mich an, kaum Ausnahmen zu erlauben.
Auf dem Rückweg machte ich einen kleinen Umweg über den Parc de Bruxelles, um hier meine Karateübungen durchzuführen.
Dass ich einen Sport wie Karate mache, habe ich in erster Linie meiner Mutter zu verdanken. Sie hatte mich im zarten Alter von sechs in einen Karatekurs gesteckt. Mehr aus einer Laune als aus wirklicher Überzeugung, denn in unserer Nachbarschaft wurde diese Möglichkeit angeboten. Sie hatte befunden, es wäre besser, sich zweimal in der Woche vernünftig zu bewegen, anstatt sich debil einem Gameboy zu widmen.
Im Laufe der Jahre hatte ich mich an diese Trainingseinheiten gewöhnt, und ich hatte begonnen, den tieferen Sinn dieser Sportart zu verstehen und zu lieben. So war sie zu einem fixen Bestandteil meines Lebens geworden. In meiner Pubertät war ich schließlich froh, dass ich diese in Österreich nicht sonderlich verbreitete Kampfsportart erlernen durfte. Nicht nur einmal hatten mir meine Fähigkeiten geholfen, ungebetene Verehrer in die Flucht zu schlagen. Ich war ein durchaus attraktives Mädchen gewesen, zwar etwas burschikos und überaus schlank geraten, aber meine dunkelblauen Augen mit den langen und dichten Wimpernkränzen sowie den darüber liegenden buschigen Augenbrauen hatten so manchen Jüngling fasziniert. Meine dunkelbraunen lockigen Haare trage ich seit jeher stets kurz geschnitten, wobei mir immer ein bis zwei Locken frech in die Stirn hängen. Zusätzlich bin ich noch immer von sportlicher Statur, und mein durchtrainierter Oberkörper sowie meine langen Beine waren damals und sind heute noch ein Blickfang für so manchen Mann.
Obwohl ich, ohne als Narzisstin abgestempelt zu werden, mich selbst nach wie vor als hübsch bezeichne, war ich nie darauf aus, auf Männer Eindruck zu schinden und Kapital aus meinem wohlgeformten Körper zu schlagen. Meine Liebschaften beschränkten sich auf sehr wenige One-Night-Stands. Einer ernsthaften Beziehung war ich lange Zeit aus dem Weg gegangen.
Meine Mutter hatte mich immer bestärkt, Sport zu machen, auf meine Figur zu achten und Vorsicht gegenüber Männern walten zu lassen. Warum ihr Vertrauen in Männer zutiefst erschüttert war, konnte ich erst nach ihrem Tod in Erfahrung bringen. Sie starb viel zu früh an einem Herzinfarkt. Damals war ich 16 Jahre alt gewesen.
So war ich eben zu einer ernsten jungen Frau herangereift, die früh für sich selbst sorgen musste und nie das Bedürfnis verspürte, nächtelang durch Städte zu ziehen, stattdessen bereitete mir ein gutes Buch oder eine optimale Vorbereitung auf meine Prüfungen wesentlich größere Befriedigung.
Bald sollte ich wieder nach Wien zurückkehren und mein Studium zu Ende bringen. Noch hatte ich keine Vorstellung, was ich mit meinem Diplom anfangen könnte. Meine wenigen Freunde hatten mich davor gewarnt, Kunstgeschichte zu studieren – kein Mensch würde das brauchen in Zeiten wie diesen. Oft kam die Frage: „Willst du in einem Museum versauern?“ Meine Vorstellung war eher, als Gutachterin für Versicherungen zu arbeiten. Eine andere beinahe fixe Idee von mir war, bei der Wiederbeschaffung von geraubten Kunstgegenständen oder deren Bewertung mithelfen zu können. In meinen Augen gab es ein reiches Betätigungsfeld für jemanden, der Kunstgeschichte studiert hatte. In jedem Fall aber hätte ich mich mit dem Nachhilfeunterricht in Französisch oder mit dem Abhalten von Sprachkursen über Wasser halten können, bis sich für mich ein interessanterer Job auftäte.
Meine monatlichen Ausgaben hielten sich zum Glück in Grenzen. Von meinen Eltern hatte ich eine passable und schuldenfreie Eigentumswohnung in Wien geerbt, die ich benutzen und im schlimmsten Fall verkaufen und mir im Gegenzug etwas Kleineres zulegen konnte. Die Betriebskosten waren gering, und ich selbst schwelgte lange Zeit meines Lebens nicht im Luxus. Solange mein Vater gelebt hatte, war es finanziell zwar einfacher, aber Verschwendung oder Übermaß waren selbst in dieser Zeit in unserer Familie verpönt gewesen. Nach seinem Tod wurde der Gürtel beachtlich enger geschnallt. Meine Jeans trug ich so lange, bis sie völlig verblichen waren und an manchen Stellen schon das Innengewebe durchschien. Die Ärmel meiner Sweatshirts hatten selten die richtige Länge. Anfangs waren sie immer zu lang, sodass ich sie zweimal umschlagen musste, irgendwann hatten sie modische Dreiviertelärmel und waren so ausgewaschen, dass es schon wieder cool aussah. Mit dem bescheidenen Gehalt meiner Mutter als Buchhalterin in einer Steuerberatungskanzlei und der kleinen Waisenrente war man angehalten, keine großen Ansprüche zu stellen.
Die Erinnerungen an meinen Vater sind sehr vage und beinhalten keine besonders glücklichen Momente. Er war ein stattlicher, überaus attraktiver Mann gewesen, der vermutlich viele Frauenherzen gebrochen hatte. Wenn er zur Arbeit gefahren war, hatte er stets einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine blitzblaue Krawatte getragen. Mit diesem Outfit wurden sein dunkelbrauner Lockenkopf und seine stahlblauen Augen perfekt betont.
Manchmal hatte ich als kleines Kind Angst, wenn ich tief in sie blickte. Fix bildete ich mir ein, dass in seinem Kopf eine Hexe wohnte und ich den Besen in seinen Augen ganz deutlich sehen konnte. Nie wagte ich es aber, ihm meine Phantastereien zu erzählen. Die Hexe würde den Verrat ihres Verstecks bestimmt bitter rächen und mir mit ihrem Besen den Hintern weichklopfen. Was sich Kinder doch so zusammenspinnen!
Als Finanzbeamter verdiente mein Vater zwar kein Vermögen, aber es reichte aus, um eine schöne Eigentumswohnung in einem ruhigen Viertel Wiens anzuschaffen, in den Sommerferien Italiens Strände zu genießen und im Winter den einen oder anderen Tag auf der Skipiste zu verbringen.
Standardmäßig sprach er mich mit Püppi an, was ich verabscheute. Ich fand, dass ich keine Puppe war, sondern ein ganz normales Mädchen, und so wollte ich auch behandelt werden. Meine Mama nannte mich immer bei meinem vollen Namen. Susanne gefiel mir gut.
Die Ehe meiner Eltern war bestimmt nicht das gewesen, was sich beide zum Zeitpunkt ihrer Heirat erwartet hatten. Meine Mutter war sehr jung, als sie meinen Vater kennenlernte, und sie war viel zu schnell seinem Charme erlegen. Kaum, dass sie sich kannten, wurde meine Mutter mit mir schwanger. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Umstand nicht in Vaters Lebenskonzept passte. Vielleicht hatte meine Mutter sich auch bewusst schwängern lassen, in der Hoffnung, diesen attraktiven Kerl ganz für sich zu haben. Jedenfalls zogen sie zusammen und heirateten.
Es dauerte nicht lange, bis mein Vater seinem Jagdtrieb wieder freien Lauf ließ und die eine oder andere außereheliche Affäre hatte. Wie oft er meine Mutter tatsächlich betrogen hatte, weiß ich nicht. Aber ihr trauriger Blick, wenn er wieder einmal spätabends heimkam oder angeblich samstags ins Büro musste, verriet mir, dass etwas nicht stimmte. In meiner Gegenwart bemühte sie sich, das Bild von der heilen Familienwelt aufrecht zu halten. Kein Ton kam ihr über die Lippen, die verdächtig bebten, wenn Vater grußlos die Wohnung verließ und sie auf meine Frage, wann er zurückkehren werde, keine Antwort wusste. Vielleicht waren ihr Eifersuchtsszenen in meiner Gegenwart peinlich, oder sie fürchtete, dass ihr Mann gar nie mehr den Weg zurück nach Hause nehmen würde. Sie litt still und heimlich, aber sie wusste, dass sie diesen Mann für ihre restliches Leben mit anderen Frauen würde teilen müssen. Wieso sie diesen Mistkerl nicht verlassen hatte, war mir selbst nach ihrem Tod noch ein Rätsel.
Mein Vater neigte überdies zu cholerischen Anfällen, die aus Nichtigkeiten entstanden wie einer zerbrochenen Tasse oder einem Loch in meiner Hose. Nicht selten rutschte ihm bei solchen Anlässen die Hand aus, und ich kassierte eine schallende Ohrfeige. Dafür hasste ich ihn aus tiefstem Herzen und manchmal wünschte ich mir, die Hexe in seinen Augen möge ihn in eine Spinne verwandeln, die ich genüsslich zwischen meinen kleinen Fingern zerquetschte. Als mich die Nachricht traf, dass er tödlich verunglückt sei, wusste ich daher anfänglich nicht, ob ich traurig sein oder mich darüber freute sollte.

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