Es waren drei Sommer

Es waren drei Sommer

Beatrix Rudolph


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-99131-649-7
Erscheinungsdatum: 03.01.2023
Die große Liebe – jeder, der sie erlebt hat, weiß, wie schön, wie verrückt und vor allem einmalig sie sein kann. Auch nach Jahren noch … so geht es Betti nicht anders. Langsam muss sie Abschied nehmen. Gegen ihren Willen und machtlos, etwas daran zu ändern!
Prolog

Wer kennt sie nicht – die Jugendliebe, die erste große Liebe.
Dieses Buch erzählt die Geschichte von Betti und Anton. Hat es auch nur 3 Sommer gedauert, im ersten Sommer lernten sie sich kennen, die beiden anderen waren sie richtig zusammen, so hat diese Zeit Spuren hinterlassen, als ob sie ein ganzes Leben zusammen waren. Keine andere Zeit ist Betti so in Erinnerung und so lebendig geblieben wie diese. Auch wenn Zeit vergänglich ist und die heutige schneller an einem vorüberzieht, als es noch zu Kindertagen war, so ist diese Zeit, welche 3 Sommer dauerte, doch stehen geblieben. Denn diese Zeit ist nicht vergänglich, und die Erinnerung daran ist, als ob es gestern gewesen wäre. Anton war die große Liebe, und die vergisst man bekanntlich nicht, obwohl Betti lange Zeit dachte, sie wäre die Einzige, der es so gehen würde, dass nur sie noch an ihre erste Liebe oft zurückdenken würde. Doch dem ist bei Weitem nicht so. Vielen geht es ähnlich wie Betti, natürlich spricht keiner darüber, denn jeder denkt wahrscheinlich so im Stillen, dass es nur ihm oder ihr so geht. Vielleicht ist es auch einem ein wenig komisch, oder es kommt einem nicht normal vor, mit der Vergangenheit doch so in der Gegenwart zu sein. Und wem soll man auch immerzu von seiner ersten Liebe vorschwärmen? Was soll der Zuhörer denn denken? Dass man irgendwie gestört ist? Betti war ja selbst mal der Meinung, dass es irgendwann vorbei sein muss. Sie war sogar der festen Überzeugung, es war ein Kapitel in ihrem Leben wie viele andere auch, und irgendwann verblasst die Erinnerung daran, oder sie findet es gar nicht mehr der Rede wert, darüber nachzudenken. Schließlich kann man sich doch nicht ein Leben lang an diesen Erinnerungen festhalten. Doch Betti kann. Und so schwelgt sie mal wieder in Erinnerungen. Und zu einem bestimmten Lied einer bekannten Sängerin muss man gar nichts mehr sagen. Wenn sie dieses Lied hört, dann sieht sie sich und ihre Jugendliebe. Diese Sängerin bringt es auf den Punkt. Ebenso ist es bei vielen Liedern von ihrem Lieblingssänger, dann denkt Betti: Diesen Titel hat er wohl für mich geschrieben. Trifft ja mal wieder komplett auf sie zu. Worum es in diesen Songs geht? Na, um die Liebe, und wie man eine große Liebe sprengt, aber man nicht weiß, wie dies zu tun ist. Oder, dass man sich so lange nicht gesehen hat und doch wissen will, wie es dem anderen geht. Genauso ergeht es Betti in ihren Momenten, wenn sie mal wieder in der Vergangenheit – in ihrer Jugendzeit – kramt. Sie ist jetzt im besten Lebensalter, wenn sie sich das schönredet. Denn die Jugendzeit ist nun doch schon eine Weile her, würde Betti sich quälen wollen, dann würde sie sagen, es ist über dreißig Jahre her, aber dies hat so etwas Negatives, da sagt sie sich lieber, es sind zweimal 15, zweimal 16 oder eben auch schon zweimal 17 Jahre her. Hört sich gleich viel besser an. Und die Erinnerungen sind eh so frisch, als ob es gestern gewesen wäre. Dabei hat sie damals, als sie noch ein Teenager war, von ihrer Mutter und Oma, die immer noch von ihrer ersten Liebe schwärmten, gedacht, nun muss ja auch mal gut sein. Ihre Mutter hatte damals einen Matrosen als Freund, der auch dazu noch total super aussah – weiß Betti von ihrer Mutter. Sie hat zwar nie ein Foto des Freundes gesehen, aber dem Erzählen ihrer Mutter nach war dieser ja ein einziger Leckerbissen. Ab und zu sieht ihre Mutter ihre Jugendliebe von damals noch in der Zeitung, aber vom Leckerbissen ist nicht viel übriggeblieben. Manchmal fuhr Betti auch mit ihrer Mutter durch die Stadt, wo die einstige Liebe wohnte, um ihn vielleicht wie ganz zufällig zu sehen. Nie hat es funktioniert. Aber so ewig, wie das bei denen her war, kann man doch nicht mehr so in die Schwärmerei verfallen. Als Betti das erste Mal von der Schwärmerei ihrer Mutter hörte, war dessen Jugendliebe so an die 30 Jahre her und bei ihrer Oma weitere 20 Jahre dazu. In den ganzen Jahren muss man doch damit mal abgeschlossen haben. Aber Betti wurde eines Besseren belehrt. Jetzt ist sie ebenfalls klüger, denn bei ihr ist die große Liebe, wie bereits erwähnt, auch eine Ewigkeit her. Es ist nicht bei dieser ersten Lieben geblieben, doch sie ist und bleibt für ewig – das weiß Betti nun inzwischen – etwas ganz Besonderes. Anton war die erste wahre Liebe, auch wenn es am Anfang nicht danach aussah. Es gibt Tage, da muss Betti mindestens einmal am Tag an ihn denken, an die schöne und auch weniger schöne Zeit. Doch sie hat festgestellt, wenn sie so zurückdenkt, dann überwiegen die schönen Momente. So ist dies wohl bei Erinnerungen. Und die nicht schönen Momente sind in der Erinnerung auch gar nicht mehr so schlecht, wie sie damals schienen. Im Nachhinein muss Betti sogar manchmal schmunzeln, wenn sie sich an die Streitereien erinnert. Damals waren dies für sie große Probleme, heute würde sie damit ganz anders umgehen. Ja, die Erfahrungen von heute und das Alter von damals, das wär schon was. Und irgendwie hat sie das Gefühl, da ist immer noch ein unsichtbares Band, welches die beiden zusammenhält. Wenn Betti erfährt, dass er mal wieder in der Stadt ist, ist die Aufregung groß. Doch meistens sieht sie ihn nicht, immer nur die anderen. Denn gerade, wenn sie denkt, vielleicht sehe ich ihn, dann passiert natürlich nichts. Denkt sie jedoch nicht an ihn, dann kann es sein, dass er plötzlich vor ihr steht, sie nicht mal mehr die Chance hat, sich zu verstecken und er sagt: „Hallo Schätzchen, wie geht’s?“ Warum sie sich wiederum dann gern verkriechen würde, weiß sie nicht, wünscht sie sich doch des Öfteren, dass sie ihn sieht. Gut nur, dass er ihre Aufregung nicht sehen kann. Vielleicht ahnt er es ja. Doch so cool, wie er tut, ist er in Wirklichkeit ebenso wenig wie Betti. Sie tut jedoch ganz gelassen und sagt dann nur. „Na, bist du auch mal wieder da?“ Etwas Schlaueres fällt ihr dann in solchen Momenten nicht ein. Sie denkt dann nur darüber nach, ob sie denn heute einigermaßen gut aussieht, liegen die Haare und hat sie Klamotten an, die ihrer Figur schmeicheln? Er soll ja schließlich nicht denken, nur gut, dass wir nicht mehr zusammen sind, sondern vielleicht: Mensch, die sieht ja noch ganz passabel aus. Ein bisschen zugenommen vielleicht, aber das steht ihr. Bettis Trost ist dann in diesen Momenten, dass er ja auch nicht mehr wie 20 aussieht und auch ein wenig zugenommen hat. Doch kurioserweise interessiert sie das Aussehen gar nicht so. Die Stimme ist immer noch die gleiche, von welcher sie seit jeher angetan war. Leicht rauchig und cool. Nachdem der erste „Schock“ dann jedenfalls überwunden ist, wird ein wenig geplaudert, und mit der Zeit legt sich die Anspannung. Nur, wer schon etliche Jahre mit seiner großen Liebe auseinander ist, kann dies wohl verstehen. Und wenn sich beide wieder verabschieden, sich alles Gute wünschen, und Betti zu Anton sagt, er könne sich mal sehen lassen, wenn er wieder in der Stadt ist, denn er weiß ja schließlich, wo sie wohnt, dann ist von Anspannung nichts mehr übriggeblieben, doch Betti ist danach immer ganz verwirrt. Und will sie wirklich, dass er ohne Weiteres bei ihr vor der Tür steht, wenn er mal wieder in der Stadt ist? Was wäre, wenn er an der Tür klingeln würde, Betti ist nicht darauf vorbereitet, reißt die Tür auf und Anton steht vor ihr? Und sie hat sich die Haare nicht zurechtgemacht und die Jogginghose an. Nicht auszudenken. Dann ist es doch schon besser, er kommt nicht unverhofft vorbei. Würde er sich jedoch vorher anmelden, könnte Betti das Beste aus sich rausholen, wäre aber wiederum zu aufgeregt, und würde Wochen vorher schon nicht mehr schlafen können. Nach solchen nicht vorhersehbaren Aufeinandertreffen dauert es dann immer ein paar Tage, bis Betti sich wieder eingekriegt hat, darüber nachdenkt, hat sie in Bezug auf Anton die richtige Entscheidung getroffen, und letztlich kommt sie zu dem Entschluss, alles ist gut so, wie es ist. Jedoch ist ihr nach den vielen Jahren klar geworden, dass es wirklich nur die eine große Liebe gibt. Man kann sich neu verlieben, das war ja bei Betti – ohne Frage – auch der Fall. Und sie war in einen jungen Mann so verliebt, dass sie wirklich dachte, er wäre ihre große Liebe, oder zumindest die zweite große Liebe. Als die Beziehung jedoch zu Ende und sie über den Verlust hinweg war, hat sie keine Gedanken mehr an ihn verschwendet. So nach und nach sind wieder die Erinnerungen an ihre Jugendliebe zurückgekehrt. Alles andere ist in den Hintergrund gerückt und war nicht mehr wichtig, so tief der Schmerz auch mal war. Betti ist überzeugt davon, dass man nur von einer großen Liebe sprechen kann. Und wenn es bei der zweiten oder dritten Liebe erst so weit ist, dann kann die erste Liebe nicht die große Liebe gewesen sein.
Manchmal denkt Betti auch, was wäre, wenn …

Sie noch immer mit Anton zusammen wäre. Sie hätte, so wie jetzt auch, bestimmt zwei Kinder und wäre verheiratet. So hatte sie es sich damals in ihrer jugendlichen Naivität vorgestellt. Zu DDR-Zeiten war es ganz normal, dass man sehr früh heiratete und Kinder bekam. Anders als heute, hatte man mit 18, 19 Jahren schon die Lehre beendet und dann gearbeitet, sofern man nicht studierte. Zum damaligen Zeitpunkt hätte Betti sich auch nicht vorstellen können, jemals einen anderen Mann zu haben. Die Generation vor ihr hatte ebenfalls jung geheiratet, und die meisten blieben für ewig zusammen. So schnell trennte man sich nicht. Sicherlich gab es auch Scheidungen, aber Betti hatte nicht das Gefühl, dass sich viele scheiden ließen. Und sie war sich in ihrer Beziehung zu 100 % sicher. Natürlich traf all dies nicht zu, und so kam es anders. Das Schicksal hatte andere Pläne mit ihr vor. Ist schon komisch zu wissen, dass das Leben auch hätte ganz anders ablaufen können. Jeder hat doch sein Schicksal irgendwie und in gewisser Weise selbst in der Hand. Manche Dinge kann man steuern, während andere wieder ihren ganz eigenen Verlauf nehmen. Wäre ihr Leben anders verlaufen, hätte sie heute nicht die Kinder, die sie hat, es wären andere usw. Und eigentlich ist es nicht schlimm, denn wenn dies so eingetreten wäre, dann wären heute die Erinnerungen bestimmt nicht mehr so präsent. Denn die „Sehnsucht“ nach damals wäre ja nicht da. Betti hätte ihn ja jeden Tag um sich gehabt. Sie hat mal bei anderen Leuten nachgefragt, die noch mit ihrer ersten Liebe zusammen sind, wie das denn so ist. Na ja, Alltag eben, und die Schwärmerei ist auch weg. Von den Leuten sagt keiner, wie toll die Zeit damals war. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile. Eine Freundin von Betti hatte sich auch von ihrer großen Liebe getrennt, dann irgendwann einen anderen Mann geheiratet und wurde schwanger. Das ist auf den ersten Blick alles wunderbar, doch nun kommt es: Das Kind war nicht von ihrem Mann, sondern von ihrer großen Liebe. Sie hatte sich zwischenzeitlich wieder mit ihm getroffen. Sicherlich war es ein großer Schock für die Leute um sie herum, wie konnte sie, die noch nicht lange verheiratet war, ein Kind von ihrem Ex bekommen. Doch Betti fand dies gar nicht schlimm. Im Gegenteil, ihre Freundin bekam ein Kind von der großen Liebe. Darüber hat Betti auch oft nachgedacht, wie es gewesen wäre, wenn sie von Anton ein Kind gehabt hätte. Vielleicht wäre eine große Ähnlichkeit mit dem Vater vorhanden gewesen, Betti hätte öfter mal sagen können: „Ganz der Vater.“ Sie wären noch zusammen und wenn nicht, wäre der Kontakt zwischen Betti und Anton intensiver. Aber vielleicht wären dann die Erinnerungen an die Zeit des Zusammenseins ganz anders. Denn so ein Kind hätte das Leben vermutlich anders verlaufen lassen. Ganz abwegig war der Gedanke an ein Kind nicht, doch dazu später mehr. Um einen kleinen Einblick zu bekommen, wer ist Betti überhaupt, beginnen wir mit der Kindheit.



Bettis Kindheit

Betti wuchs in einem kleinen Ort mit ca. 12.000 Einwohnern in der ehemaligen DDR auf. Hier hatte sie alles, was sie brauchte, was sie nicht kannte, konnte sie nicht vermissen. Ihre Eltern hatten ein Haus, in welchem sich zwei Wohnungen in der oberen und eine Gaststätte in der unteren Etage befanden. In der zweiten Wohnung lebte Bettis Oma zusammen mit ihrem Lebensgefährten und ihrem Sohn, das heißt, Bettis Onkel. Dieser war nur vier Jahre älter als Betti. Aber das fand Betti unheimlich toll, der Altersunterschied gefiel ihr. Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass sie des Öfteren zu ihrem Onkel Dirk, der ja nebenan wohnte, rübergegangen ist. Sie klopfte immer an die Kinderzimmertür und steckte dann den Kopf durch. Zu diesem Zeitpunkt war sie ca. 12 Jahre alt, Dirk also schon 16 und hatte immer Kumpels da. Da das Zimmer sehr klein war, war die Hütte immer voll. Die großen Jungs hörten laut Musik und tranken auch schon Bier. Manchmal durfte Betti für die Jungs das Bier von unten holen. Sie bekam einen großen Krug mit, den ließ sie vom Wirt füllen und ging stolz wieder in das Kinderzimmer, wo die Jungs sich das Bier schmecken ließen. Bettis Oma arbeitete ebenfalls in der Gaststätte, doch sie hatte kein Problem damit, dass ihr Sohn mit 16 Jahren sich Bier holte. In dem Punkt war sie recht entspannt. Und von der lauten Musik hat sich auch nichts mitbekommen, da sie ja immer bis in den späten Abend arbeiten musste. Und die Gaststätte war immer gut besucht. Das hing auch damit zusammen, dass dort nach der Spätschicht die Arbeiter, welche in einem großen ansässigen Werk arbeiteten, sich auf ein Feierabendbier dort einfanden. Die Fahrradständer vor der Gaststätte waren immer belegt, und es gab genug davon. Betti mochte aber dieses Feeling, wenn sie aus der Gaststätte das laute Murmeln der Gäste in ihrem Zimmer mitbekam. Ihr Zimmer und das ihres Bruders – sie teilten sich die ersten 12 Jahre ein Zimmer – lag genau über dem Gastraum. Oftmals gab es unter den Gästen auch Streit, dann eilten Betti und ihr Bruder immer zum Fenster, öffneten es dann und lehnten sich so weit heraus, dass sie sehen konnten, was da unten los war. Des Öftern bekamen sie die Schlägereien mit, welche manchmal nicht ohne waren. Worum es bei diesen Streitigkeiten ging, wussten sie nicht, war ihnen auch egal. Hauptsache, es war etwas los. Manchmal stand auch ein Stuhl der Gaststätte auf dem Flur zum Trocknen. Dann konnte ein Gast nicht mehr an sich halten und hat ihn nass gemacht. Des Öfteren saß aber auch ein betrunkener und mit Blut verschmierter Gast auf den Treppenstufen. Das fand Betti immer unheimlich, und so huschte sie dann ganz schnell an den Betrunkenen vorbei. Und wenn sie in der Stadt betrunkene Männer sah, die auch noch auf dem gleichen Bürgersteig unterwegs waren wie sie, dann bekam sie leichte Panik, wechselte sofort die Straßenseite und rannte und fuhr so schnell sie konnte weg. Diese Betrunkenen waren ihr immer suspekt. Bettis Bruder war ein Jahr älter als sie, und dies war nicht sehr schön. Sie stritten sich sehr oft, das kann schon am Altersunterschied gelegen haben, der ja nun wirklich nicht sehr groß war, aber wenn ihr Bruder eine Zeit lang nicht zu Hause war, war ihr dies genauso wenig recht. Ihr Bruder Remo musste aufgrund seines Asthmas des Öfteren zur Kur, und diese dauerte immer 6 Wochen. Dreimal war Remo zur Inlandkur, und danach durfte er sogar ins Ausland nach Zypern. Dort war das Klima mediterran, ein gutes Klima für Asthmakranke. Als klar wurde, dass Remo eine sechswöchige Kur bekommen sollte, war die Aufregung für die gesamte Familie groß. Betti hat ihren Bruder aber nicht beneidet, da sie es ohne ihre Familie so lang, besonders ohne ihre Mutter, nicht ausgehalten hätte. Remo war ebenfalls nicht sonderlich erbaut darüber, hat er doch schon dreimal erfahren müssen, wie lang sechs Wochen sind. Sicher war dies jetzt etwas anderes, konnte er doch ins Ausland fliegen und eine ganz andere Welt kennenlernen. Aber in seinem Alter, er war wohl gerade 12 Jahre alt, ist man auf das Die-Welt-Kennenlernen noch nicht so aus. Also wechselten sich Freude und Trauer bei Remo ab. Am Tag der Abreise haben Betti und ihre Eltern Remo nach Berlin gebracht, von dort ging dann der Flieger. Das war für Betti schon Abenteuer pur, denn wann kam man schon mal in Hauptstadt Berlin und dann auch noch zum Flughafen. Als Betti mit ihrer Familie wieder zu Hause waren, da fehlte Remo doch schon. Die Tage ohne ihren Bruder waren sehr einsam, zumal sich beide zu diesem Zeitpunkt noch ein Zimmer teilten. Jetzt war keiner da, der mit Betti stritt. Es war sehr ruhig. Betti hat ihn in diesen Zeiten seiner Kuren ganz schön vermisst. Und nachts war es am schlimmsten, denn sie hatte jetzt das Zimmer für sich allein und natürlich kroch die Angst im Dunkeln in ihr hoch. Es war eine ganz schöne Umstellung, so allein im Zimmer zu schlafen, und sie hat sich in den sechs Wochen auch nicht daran gewöhnt. Das Gute an der Abwesenheit ihres Bruders war, dass Betti ihm Briefe schreiben konnte, denn sie schrieb gern und viel und hatte natürlich auch sehr hübsches Briefpapier. Die Briefbögen waren in einer festen Mappe geheftet, und die Briefumschläge lagen in einem extra in der Mappe dafür vorgesehenem Fach. Die Briefumschläge glichen dem Muster des Briefpapieres. Meistens bekam Betti Briefpapier zu Ostern oder zum Nikolaus geschenkt. Sie hat sich darüber immer sehr gefreut. Jedenfalls konnte Betti ihm nun Briefe schreiben, und dies tat sie regelmäßig. Meistens jeden Tag, außer, wenn sie mal wirklich viel zu tun hatte oder viel für die Schule lernen musste, dann kam sie nicht mehr dazu. Remo schrieb natürlich nicht so gern, es kamen von ihm vielleicht zwei Ansichtskarten, auf welchen dann stand, wie das Wetter und das Essen sind. Viel erfahren haben Betti und ihre Familie nicht und so zählte sie die Tage, bis er wieder da war, damit er ihr natürlich genauestens darüber berichten konnte, wie es im Ausland war, und wie es dort aussieht. Sie freute sich auf den Tag, als sie ihn vom Bahnhof in Berlin abholen konnten. Das blieb an diesem Tag jedoch nicht die einzige Freude für Betti, sondern es gab noch eine Überraschung. Betti und ihr Bruder bekamen den Zauberwürfel, der damals ganz aktuell war, und auch heute wieder Kinder begeistert. Diesen gab es im Laden auf dem Bahnhof. Dass ihre Eltern diesen kaufen konnten, war wohl richtig Glück, denn eigentlich bekam man diese Würfel nur unter der Hand. Jedenfalls waren beide total glücklich und haben den Würfel gedreht und gedreht. Ohne Anleitung hat Betti bis zu vier Seiten wieder in die richtige Farbe gebracht. Irgendwann hatte sie mal diese Anleitung, und so konnte sie alle sechs Seiten fertigstellen. Doch es dauerte zu Hause nicht lange und sie stritten sich wieder oder gingen sich aus dem Weg. Mit wem Betti sich deutlich besser verstand, war ihr Onkel. Und da dieser ja nur vier Jahre älter war als sie, gingen sie auch in die gleiche Schule. Dort gab sie immer an, dass sie ihren Onkel holen würde, sobald ihr einer etwas Schlechtes wollte. Sie brauchte auch nur den Namen zu nennen, schon hatte sie ihre Ruhe. Betti ging in die Polytechnische Oberschule (heute Realschule), welche nicht weit von ihrem Zuhause entfernt war. Insgesamt gab es drei dieser Schulen mit einem Unterschied. In Bettis Schule begann man ab der 3. Klasse mit dem Russischunterricht, und somit waren sie die sogenannte R-Schule. Da diese Schule die Einzige dieser Art im gesamten Umkreis war, kamen viele mit dem Schulbus aus den umliegenden Städten und Dörfern. Und so hatte auch Betti ab der 3. Klasse einige neue Mitschüler und -schülerinnen. Betti war zu diesem Zeitpunkt noch sehr schüchtern und bewunderte die Neuen, dass diese einfach so ihre bisherige Schule verlassen und zu ihr auf die Schule kamen. Das hätte sie nicht gekonnt. Sie stand in der 2. Klasse ziemlich zum Ende des Schuljahres auch vor der Frage, will sie den Russischunterricht ab der 3. Klasse machen oder nicht. Sofern sie sich dagegen entschieden hätte, wäre sie auf eine andere Schule gekommen. Da es für sie nicht feststand, ihre bisherigen Mitschüler zu verlassen, brauchte keine Entscheidung getroffen werden. Lieber wollte sie den Russischunterricht machen. Und tatsächlich hat ihr dies in den ersten beiden Jahren Spaß bereitet. Ab der 5. Klasse ließ das Interesse an der russischen Sprache nach, aber nicht an den Brieffreundschaften, die daraus entstanden sind. Obwohl die Schule von Bettis Zuhause nicht weit weg war, ging sie trotzdem immer sehr zeitig dorthin. Wenn sie mal cool sein wollte, ging sie mit ihrem Onkel und dessen Freunde zusammen.
...

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