Erotik & Sinnlichkeit

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Jove Viller

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Leseprobe:

PROLOG

Er: „Liebste, ich muss dir was sagen. Ich kann so nicht weitermachen.“
Sie: „Was meinst du?“
Er: „Ich meine dieses Doppelleben, das ich seit einigen Monaten führe. Das bringt mich um.“
Sie: „Aber wir haben doch eine sehr schöne Zeit miteinander und ich verlange doch gar nicht, dass du deine Frau verlässt.“
Er: „Ich weiß, du bist sehr rücksichtsvoll und verlangst eigentlich gar nichts von mir.“
Sie: „Was ist es dann?“
Er: „Ich fühle mich innerlich zerrissen. Ich liebe dich unendlich, aber irgendwie auch meine Frau. Das klingt selbst für mich komisch und ich hätte nie gedacht, dass mir das einmal passieren würde. Aber so ist es.“
Sie: „Ich weiß das und ich kann damit leben. Das hast du von Anfang an gesagt und ich habe es akzeptiert. Was hat sich jetzt geändert?“
Er: „Ich weiß nicht, wie ich beides unter einen Hut bekommen soll. Wenn ich mit dir zusammen bin, sind wir beide sehr glücklich miteinander. Wenn ich zu Hause bin, denke ich dauernd an dich und ich weiß, ich sollte das nicht tun.“
Sie: „Aber du hast auch gesagt, dass du deiner Frau nicht so nahe bist wie mir. Vielleicht ist es nur Gewohnheit, was euch beide noch verbindet. Willst du deshalb unsere Liebe aufgeben? Eine Liebe, wie weder du noch ich sie je erlebt haben?“
Er: „Du hast recht, eine Liebe wie unsere gibt’s nur ein Mal. Und ich werde krank, wenn ich daran denke, dass ich dich nicht mehr sehen soll. Aber meine innere Stimme, mein Gewissen sagt, ich darf das nicht tun. Ich habe meiner Frau versprochen, mit ihr zusammenzubleiben, bis dass der Tod uns scheidet. Und jetzt betrüge ich sie quasi seit einem dreiviertel Jahr. Ich hab keine Ahnung, ob sie was gemerkt hat. Man sagt ja immer, Frauen haben einen sechsten Sinn für so was. Aber ich will nicht, dass sie was merkt. Daher müssen wir beide uns trennen.“
Sie: „Steht dein Entschluss ganz fest?“
Er: „Ich kann nicht anders. Es tut mir sehr leid und ich werde es bereuen. Ich will dir nicht wehtun und ich möchte am liebsten mit dir auf einer einsamen Insel glücklich sein. Aber da ist dieser Schatten, diese Stimme, die immer sagt: Das darfst du nicht.“
Sie: „Wie stellst du dir das vor?“
Er: „Ich denke, wir verbringen heute noch hier, fahren morgen wie geplant zu dir und ich fahre am Freitag nach Hause. Dann brechen wir den Kontakt ab und versuchen beide, unsere Leben allein in den Griff zu bekommen. Bis zu meiner Abfahrt am Freitag möchte ich aber, dass wir beide versuchen, unser Glück, unsere Liebe noch zu genießen, damit wir uns in guter Erinnerung behalten.“
Sie: „Du willst ab Samstag jeden Kontakt einstellen?“
Er: „Ja, alles andere wäre falsch.“
Sie: „Alles aufgeben, was wir schon erlebt und geplant haben?“
Er: „Ja, mein Entschluss steht fest, so wie jetzt kann ich nicht weiterleben.“
Sie: „Und wie ich weiterlebe ist dir egal?“
Er: „Nein, es ist, du bist mir nicht egal. Ich liebe dich, aber ich kann nicht bei dir bleiben. Meine früheren Versprechungen hindern mich daran.“
Sie: „Du liebst also deine Frau mehr als mich?“
Er: „Nein, ich liebe dich. Aber meiner Frau gegenüber bin ich verpflichtet. Die Liebe zu ihr ist nicht mehr das, was sie einmal war. Das weißt du auch schon, das habe ich dir alles erzählt. Aber ich kann mich nicht von ihr lösen. Nenn es Gewohnheit, nenn es Verantwortung, nenn es, wie du willst, aber ich komme nicht von ihr los.“
Sie: „Glaubst du, dass du mit ihr glücklicher bist?“
Er: „Nein, Glück, Liebe, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit und gleiches Denken und Fühlen in vielen Dingen gibt es nur mit dir. Ich werde es schon auf der Rückfahrt bereuen, aber ich muss es tun.“



Teil 1
WÖRTER-DIEBE

Ich liebe Wörter, ich liebe es sie zu singen, zu sprechen und seit neustem liebe ich es auch, sie zu schreiben.
Anne Rice


Linz

1.
Über zwei Stunden Autofahrt habe ich schon hinter mir. Von Wien nach Linz, ganz schön weit. Ich fahre nicht oft so weit weg. Und wenn doch, nehme ich normalerweise den Zug. Das ist bequem und günstig und ich komme nicht so müde an. Aber diesmal ist es etwas anderes. Ich muss auf jeden Fall flexibel sein. Für den Fall, dass ich schnell wieder nach Hause will, darf ich einfach nicht abhängig sein von so banalen Dingen wie Zugabfahrtszeiten. Das Auto sollte in der Nähe sein, man weiß ja nie … Zwei Stunden Rückfahrt würde ich im Notfall schon schaffen.
Die ganze Fahrt hindurch denke ich an das, was da vor mir liegt. ‚Was machst du hier? Bist du total verrückt geworden? Da musstest du tatsächlich 50 Jahre alt werden, um dich auf so was einzulassen?‘ Ich war doch bisher immer die Vernünftige in der Familie. Immer schön brav Vorbild sein und vor allem anständig! Na gut, fast immer, um hier ehrlich zu bleiben … Das, was ich hier vorhabe, passt eigentlich ganz und gar nicht zu meinem Lebensbild. Aber die Neugier und die Spannung, die sich in den letzten Wochen, nein, Monaten aufgebaut hatten, haben gesiegt.
Etwas abgehetzt komme ich am Bahnsteig an. Mein Zeitmanagement ließ ein wenig zu wünschen übrig. Irgendwo musste ich mich verschätzt haben. Zum Schluss hatte ich noch einige Minuten vom Parkhaus zum Bahnsteig laufen müssen. Da stehe ich also. Aufgeregt wie ein Teenager, mein Herz schlägt bis zum Hals. Ob vor Aufregung oder vom Laufen, ist schwer zu sagen. Und jetzt habe ich noch genau fünf Minuten, bis der Zug kommt. Fünf Minuten – oh Gott! Werde ich ihn gleich erkennen? Ich habe ein paar Fotos und wir haben uns per Skype gesehen. Aber sieht er wirklich so aus? Wenn ja, brauche ich wahrscheinlich kein Fluchtauto. Dann werde ich sowieso schwach … Ich darf gar nicht an seine angenehme Stimme denken mit diesem süßen kölschen Akzent. Nein, ich habe mich bestimmt nicht in ihm getäuscht! Das werden die zwei schönsten Tage seit Langem! Für uns beide! Ich weiß es!
Im Lautsprecher ertönt die Ansage, gleich wird der Zug einfahren! Ist er auch so aufgeregt wie ich? Oder ist er ganz gelassen, weil er so was öfter macht? Nein, auf keinen Fall! Oje, wie sehe ich eigentlich aus? Abgehetzt? Vom Winde verweht? Es ist ein regnerischer Tag und der Wind war entsetzlich gewesen. Zu spät für einen Spiegel, am Horizont taucht der Zug auf. Und irgendwie denke ich nur mehr: „Endlich!“ Seit Wochen warten wir auf diesen Moment!
Langsam fährt der IC aus Würzburg ein, mein Blick streift über die Fenster, eines nach dem anderen. Es ist viel los in dem Zug. Offenbar wollen noch mehr Leute aus Deutschland unser schönes Österreich besuchen! Und dann sehe ich ihn! Er steht an der Tür und hat mich auch schon erkannt. Wir sehen uns nur einen Augenblick an, dann steigt er aus und kommt auf mich zu. In diesem Moment empfinde ich ein Gefühl von Nach-Hause-Kommen. Ich will ihm so viel sagen: ‚Endlich bist du da! Ich warte schon so lang auf dich!‘ Aber ich kann es nicht. Ich sage gar nichts, genieße nur den Moment. Sein Gesicht ist mir so vertraut, als hätte ich es bisher nicht nur beim Skypen auf dem Bildschirm gesehen. Ich habe sofort das Gefühl, wir kennen uns ewig. Da weiß ich es! Ich hätte auch mit dem Zug kommen können. Ich denke, wir werden beide bleiben, zumindest einmal bis morgen …

2.
Ganz schön lang, so eine Zugfahrt von Würzburg nach Linz. Fast vier Stunden. Aber was soll’s, jetzt habe ich mich schon ein paar Wochen auf dieses erste Treffen gefreut, da kann ich auch die paar Stündchen im Zug noch absitzen. Wie wird das sein, wenn ich sie zum ersten Mal live erlebe? Ihre Stimme kenne ich schon vom Telefon und ihre blauen Augen habe ich auf Bildern gesehen, die wir getauscht haben, und als wir letzte Woche mal geskypt haben. Sind die wirklich so strahlend? Werden wir uns auf dem Bahnsteig umarmen? Vielleicht vorsichtig küssen? Keine Ahnung. Das ist ein komisches Gefühl, jemanden zum ersten Mal zu treffen, den man übers Internet kennengelernt hat. Nicht, was Sie jetzt denken, keine Dating-Plattform. Nein, wir haben letztes Jahr angefangen, zusammen Wordox zu spielen. Das ist ein Spiel für zwei Personen, so ähnlich wie Scrabble, man muss auf einem schachbrettartigen Spielfeld Wörter bilden aus sechs vorgegebenen Buchstaben. Dabei kann man die Wörter des anderen ergänzen oder komplett benutzen, also z. B. einer schreibt: DIEB und man bekommt in seiner Buchstabenvorgabe unter anderem ein E und ein N. Also kann man das Wort DIEB ergänzen und DIEBEN daraus machen. Damit stiehlt man dem anderen vier Buchstaben und bekommt selbst sechs Punkte. Wer zuerst 25 Punkte erreicht, hat das Spiel gewonnen. So hatten wir beide auch mal angefangen, bis es mir zu dumm wurde, dauernd zu verlieren, und ich per Chat in dem Programm an sie geschrieben habe: „Kannst du mich auch mal gewinnen lassen?“ Frech schrieb sie zurück: „Nö, wieso?“ Das stachelte mich natürlich an und ich versuchte fortan, ihr möglichst viele Buchstaben zu stehlen, denn der Untertitel des Spiels lautet: Der Wörterdieb. Aber nun hatten wir einmal angefangen mit dem Chat und bauten das aus. Morgens ein fröhliches „Guten Morgen ;-)“ oder abends ein müdes „Gute Nacht ;-)“ waren die ersten zaghaften Botschaften, die wir austauschten. In den folgenden Monaten waren die Dialoge umfangreicher und wir hatten auch begonnen, in WhatsApp zu schreiben, weil die Buchstabenübertragung in Wordox limitiert ist und der Chat nach dem Ende eines Spiels verschwindet. So lernten wir uns näher kennen. Ich musste passen, als ich sie nach ihrem Wohnort fragte, und sie sagte: „im Marchfeld.“ Das hatte ich noch nie gehört und damit war für sie klar, dass ich nicht aus Österreich komme. Irgendwann hatten wir dann auch mal per WhatsApp telefoniert und sie sagte zu mir: „Deine Sprache klingt wie die in den Karnevalssitzungen aus Köln.“ Kein Wunder, denn da komm ich ja her. Mein Akzent lässt sich nicht verleugnen, den hört man sogar durch, wenn ich Englisch oder Französisch spreche. Aber was soll’s, der Kabarettist Konrad Beikircher sagt das so: „Der Rheinländer an für sich ist ja von Natur aus Katholik, also quasi Chromosomonal-Katholik. Er ist Katholik in der barock-franziskanischen Ausgabe und das hört man auch sofort. Er wird immer von ‚unserem Herrjott‘ sprechen, so als ob der nur für den Rheinländer geschaffen wäre.“ Aber das ist ein anderes Thema. Jetzt war ich als Rheinländer mit Zwischenstopp bei meinen Kindern in Würzburg auf dem Weg nach Linz (nicht Linz am Rhein, sondern an der Donau), und dort sollte ich also eine Frau treffen, die ich über Wordox kennengelernt habe. Wie wird das sein? Was werden wir machen? Gut, ich hatte ein Hotelzimmer für uns beide reserviert, und das aber nur für eine Nacht, man weiß ja nie. Kann sein, dass wir beide oder einer von uns danach oder dazwischen oder schon gleich sagt: das war wohl nix.
Jetzt hielt der Zug grad in Passau. Also nur noch weniger als zwei Stunden, dann werde ich sie sehen ‚Sie will mich am Bahnsteig erwarten. Habe ich eine Chance, sie vorher aus dem Fenster zu sehen? Will ich vielleicht weiterfahren, wenn ich sie entdecke? Glaub ich nicht. Ich denke, ich werde freudestrahlend aussteigen und sie in den Arm nehmen. Und dann? Ja, was dann? Was werden die ersten Worte sein, die wir miteinander wechseln, so von Angesicht zu Angesicht? Wenn doch nur der Zug endlich da wäre. Ich freue mich schon sehr, sie endlich live zu erleben.‘ Wochenlang hatten wir uns das Treffen vorgestellt, hatten Linz als Ort ausgemacht, der für uns beide gut erreichbar ist. Ehrlich gesagt, hatte ich mir nachts auch schon mal vorgestellt, wie es mit uns im Bett sein würde. ‚Geht das überhaupt? Schließlich bin ich schon 62 und verheiratet. Kann ich das weiter meiner Frau gegenüber geheim halten? Werde ich sie wiedersehen wollen? Oder sie mich? So viele Fragen. Ich glaub, ich mach die Augen zu und versuche, ein wenig zu schlafen. Aber vorher noch schnell den Wecker stellen am Handy auf 15:30 Uhr, dann hätte ich noch ca. 15 Minuten bis zur Ankunft.‘
Im Traum kommt sie mir entgegen, und das nicht am Bahnsteig, sondern zu Hause in Köln in der Schildergasse, also in der Fußgängerzone. Da wachte ich erschrocken auf. ‚Wie soll das gehen? Da könnten wir entdeckt werden. Ich hab das Gefühl, ich muss umdrehen. Wie viel Zeit ist noch? Der Zug hält in Wels Hbf. Kann man hier aussteigen und zurückfahren? Ach Quatsch. Wer A sagt muss auch ankommen. Morgen fahre ich ja eh wieder zurück. Also die letzten 20 Minuten schaffe ich auch noch.‘
Dann fuhr der Zug in Linz ein und ich guckte aus dem Fenster. Plötzlich sah ich sie. Erwartungsvoll schaute sie zu den Zugfenstern. ‚Hat sie mich entdeckt?‘ Auf alle Fälle blickte ich in ihre Augen und die waren noch viel blauer, als ich sie nach dem Skypen in Erinnerung hatte. Ich könnte jetzt sofort darin eintauchen wie in die Fluten des Mittelmeers. Ihre blonden Locken wehten im Wind und sie suchte offensichtlich die Fenster ab, um mich zu entdecken. Das Blau ihrer Augen war das gleiche, wie das in ihrem Halstuch. ‚Wat für e lecker Mädche‘, dachte ich bei mir. ‚Ist Blau wohl ihre Lieblingsfarbe, so wie meine?‘ Jetzt aber schnell meinen Koffer gegriffen und raus aus dem Zug. Da sah sie mich, aber sie schritt nur ganz langsam auf mich zu. ‚Hat sie die gleiche Furcht wie ich?‘ Egal, jetzt hin zu ihr und sie in die Arme schließen ist das, was ich jetzt tun wollte und auch machte. Gut fühlte sich das an. Und alle Angst war weg, aber keiner von uns sagte was. Wir hielten uns nur fest.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 492
ISBN: 978-3-99107-394-9
Erscheinungsdatum: 14.12.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 20,90

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