Erotik & Sinnlichkeit

Wellness-Wochenende

Margarete Schwer

Wellness-Wochenende

Leseprobe:

Zügig sind sie auf der Autobahn. „Und du warst da schon mal, in diesem ‚Vital-Hotel‘?“, will Astrid von Anne wissen. „Ja, vor einem halben Jahr, mit meinem Gatten zum 15. Hochzeitstag. Mir hat’s wirklich gut gefallen, deshalb kam ich auf die Idee.“ Anne beschreibt noch einmal ausführlich die Saunalandschaft und die Therme des Wellness-Hotels. Dann kichert sie. „Ob wir auch so viel Glück haben, weiß ich natürlich nicht. Aber im August waren da drei ausgesprochen ansehnliche Jungs anzugucken.“ „Erzähl!“, verlangt Astrid. „Athletisch, schlank, glatt rasiert. Nur, zwei hatten Vollbärte, da steh ich ja gar nicht drauf. Aber von hinten, mmm. – Einer von den beiden war auch etwas vollschlank. Dafür der Dritte ein echter Till-Schweiger-Verschnitt, etwas kleiner, könnte als der jüngere Bruder durchgehen.“ „Äh …“ Astrid zieht ratlos die Brauen hoch. „Klingt ja ganz gut. Aber waren die nun rasiert oder hatten Bärte?“ Tina verdreht die Augen. „Mensch Astrid! Warst wohl länger nicht mehr in der Sauna? Im Gesicht Vollbart, ansonsten überall rasiert. – Wirklich überall?“ Anne überlegt. „Glaub schon. – Hab die zwar dezent beobachtet, aber so anstarren wollte ich die auch nicht. Der Till-Schweiger-Verschnitt ist ja schon aus der Bio-Sauna geflohen, als ich den mal ab und zu anguckte. Und mein Mann saß neben mir. Wohl ein bisschen schüchtern“, erzählt Anne. „Wieso schüchtern? Was hättest du denn sonst vorgehabt? Ich denk’, ihr hattet Hochzeitstag!“, hakt Lydia nach. „Na klar. Kennst du denn nicht den Spruch: ‚Appetit holen ist erlaubt, aber gegessen wird zu Hause‘?“ „Schöner Spruch“, lässt sich Astrid vernehmen. „Wenn zu Hause mal jemand kochen würde. Muss ich ja alles selbst machen.“ „Hm“, verstummt Anne betroffen. Astrid ist seit fast drei Jahren verwitwet, die Tochter jetzt gut 15 Jahre alt. Darmkrebs war es, zu spät erkannt. In nur einem halben Jahr war alles vorbei. „Aber gucken ist ja auch mal ganz schön, auch ohne anpacken“, muntert sie die betretene Stimmung wieder auf. Jetzt bieten die anderen Anekdoten auf, bei denen sie schon mal einen hübschen Kerl, einen ansehnlichen Jungen zu Gesicht bekommen haben. „Bus fahren ist gut!“, schwärmt Anne. „Die, die noch keinen Führerschein oder zumindest kein Auto haben, sind seltener verfettet. Und so im öffentlichen Raum lassen sie sich auch nicht so hängen.“ „Findest du?“, meint Lydia. „Also Schwimmbad oder Strand ist nicht schlecht. Einfach in strategisch günstiger Position ruhig hinlegen, Zeitschrift in die Hand und die Blicke schweifen lassen. – Klar musst du viele Nieten einfach ausblenden, aber die eine oder andere Grazie ist immer dazwischen.“ „Grazie? Meinst du jetzt Frauen???“, fragt Tina entgeistert. „Nee“, grinst Lydia, „natürlich nicht. Bin doch schwul, ich steh auf Männer. Aber Anne schwärmte doch von den drei Grazien im August in der Therme.“ „Grazien? Na gut, wenn ihr meint.“ Anne lacht. „Fiel mir damals so spontan ein. Und mein Gatte hatte es auch sofort verstanden.“ „Okay, okay“, beschwichtigt Tina. „Dann gehen wir mal Grazien gucken.“ „Falls welche da sind …“, bremst Anne die Begeisterung. „Ach, komm. Am Wochenende wird schon der eine oder andere Jüngling da sein.“ „Klar, nur in Begleitung.“ „Na und? Wir wollen doch auch nur gucken, oder?“ „Jou.“
Gut zwei Stunden später betritt das Quartett die ‚textilfreie‘ – so der Hinweis im Hotelgang – Saunalandschaft. Die Taschen werden deponiert, Handtücher und Bademäntel herausgeholt, ein erster Rundgang gestartet. Anne zeigt, wo die Klos sind, die Schließfächer für die Hotelchips, die Bar und der Weg zur ‚Asia-Lounge‘. „Womit fangen wir an?“, will Astrid unternehmungslustig wissen. „Bio-Sauna“, schlägt Lydia vor. „Heißer ist mir erst mal zu anstrengend. Das ist für mich kein Wellness mehr.“ Der Rest stimmt zu. Feixend breiten sie ihre neuen Saunatücher aus. Es war Annes Idee: Zu Weihnachten schenkte sie jeder ein großes Badelaken mit der unübersehbaren Aufschrift ‚Rubens’ Topmodell‘. Jede hat eine andere Farbe, damit sie nicht verwechselt werden. Die Vier lassen sich gemütlich auf den Bänken nieder. Die Sauna ist sonst leer. „Und, hat eine schon was gesichtet?“, will Anne wissen. Zwei schütteln den Kopf. „Nö, wir sind doch gerade erst da.“ „Also, ein Schlaksiger war unter der Dusche. Hatte aber den Rücken voller schwarzer Haare.“ „Iiih!“, macht Lydia spontan. Die drei gucken sie überrascht über den Ausbruch an, dann lachen sie los. Tina berichtet gerade von ihrem zwar netten, aber äußerst hässlichen neuen Kollegen, als Till Schweiger persönlich die Bühne betritt. Anne erkennt ihn sofort, er hat auch das gleiche hellblaue Handtuch um die Hüften, das er, überrascht und verunsichert von den ihn neugierig abtastenden Blicken, noch festhält, und verdrückt sich in die äußerste Ecke der obersten Bank. „Grazie!“, sagt Anne mit bedeutsamem Blick in die Runde. Astrid grinst breit. „Das heißt nicht ‚Grazie‘, sondern ‚tante grazie‘!“ „Oh ja, tante grazie!“, bestätigt Tina und versucht einen Blick in die dämmerige Ecke zu werfen. „Bella Italia!“, ruft Lydia seufzend aus und lacht leise los. „Sie sind wieder zu dritt“, flüstert Anne, die die beiden anderen Jungs durch das Fenster gesehen hat. „Einer hat eine Perle dabei.“ „Egal“, raunt Lydia zurück. „Angenehme Träume sind gesichert.“
Anne fragt dann laut in die Runde „Kommt eine mit raus? Ich hab genug.“ „Jetzt schon?“ Doch Astrid reagiert und geht mit. „Bis später!“, ruft Anne noch kühn in die obere hintere Saunaecke. Das Licht springt gerade auf helles gelb und sie sieht den verdutzten Blick des schönen Jünglings. Sie zwinkert ihm einfach zu, dreht sich um und geht. Astrid folgt ihr, sie duschen kalt, tauchen ein paar Minuten in das kühle Außenbecken ein. Dann holen sie die Bademäntel und lassen sich auf der geschützten Terrasse auf den Liegen nieder. „Hier?“, fragt Astrid verwundert. „So heiß ist mir auch nicht mehr, dass ich Schneegriesel gemütlich fände.“ „Warte ab, nur ein paar Minuten“, lächelt Anne verschmitzt. Astrid legt sich neben sie. Es dauert nicht lange, bis sich ihre Miene aufhellt. „Bella Italia!“, murmelt sie. „Tre tante Grazien …“ Anne zwinkert ihr wissend zu. Und die drei Jungs hängen ihre Handtücher auf die Haken und hechten ins Becken. Sie planschen und tauchen ein bisschen herum, lassen immer wieder ihre kräftigen gebräunten Schultern und Arme sehen, die muskulöse blanke Brust. Schließlich steigen sie wieder aus dem Wasser, trocknen sich ab, wobei die nackten weißen Ärsche hell unter den schlanken Taillen leuchten. Wohl noch Strand- statt Solarienbräune. Jetzt scheinen sie zu tuscheln, zwei drehen sich vorsichtig halb herum und linsen herüber. Der kleine Till scheint gepetzt zu haben. Anne schmunzelt in sich hinein und winkt freundlich hinüber. Erschreckt wenden sich die zwei ab, schlingen eilig wieder die Tücher um die Hüften und sind verschwunden. „Wow!“, macht Astrid nur. Anne lacht. „Hübsch, nicht?“ „Zum Anbeißen!“, schwärmt Astrid begeistert. „Ich glaub, ich bleib hier liegen.“ „Quatsch. Die gehen sich jetzt auch ausruhen oder was trinken und später zum zweiten Gang. So schnell hauen die nicht ab. Wenn die ungefähr den gleichen Rhythmus haben, kannst du sie bei jedem Gang hier wieder treffen. Oder guck, in welche Sauna die gehen.“

***

Tina und Lydia winken hinüber. „Ich geh mal ein bisschen schwimmen“, kündigt Astrid entschlossen an. „Nur rumhängen muss ja auch nicht sein, ein bisschen Bewegung schadet nicht.“ Erstaunt folgt Anne ihr. Tina und Lydia haben sich schon die Logenplätze am Becken gesichert. Der Mollige steigt gerade auf der gegenüberliegenden Beckenseite aus dem Wasser. Till steht schon wieder oben auf dem Brett und wippt. Kleiner Mann ganz groß, denkt Anne amüsiert und hält dann kurz die Luft an. Einen sauberen gestreckten Salto springt er und taucht gerade ins Wasser ein. Der Große hat es auch vom Beckenrand aus beobachtet, verzieht griesgrämig das Gesicht. Ob er seinen Rücken noch merkt? Anne lässt sich bei den Freundinnen nieder. „Was macht Astrid?“, fragt Tina. „Sie will schwimmen und sich bewegen“, antwortet Anne. „Also, ich mach hier Wellness und sonst gar nichts“, erklärt Lydia mit Nachdruck. Astrid ist neben den Startblöcken ins Wasser gestiegen. Es scheint kalt zu sein. Sie paddelt auf die erste Bahn, dann fängt sie an zu kraulen. Zügig und kraftvoll pflügt sie durchs Wasser, wendet am Ende und arbeitet sich wieder zurück. Am Startpunkt wieder angekommen pausiert sie kurz am Beckenrand – und grinst breit. Der Große kommt ihr auf Bahn zwei entgegen. Soll sie warten? Und dann? Etwa um die Wette schwimmen? Sie stößt sich ab, aber krault in Rückenlage. So kann sie bei allem Spritzwasser doch noch erkennen, dass er auf den Startblock steigt und sie anguckt. Dann hechtet er flach ins Wasser, taucht weit. Und krault ihr nach. Erst am Ende hat er sie eingeholt. Prustend und schnaufend hängen sie am Beckenrand. Sie lacht ihn an. „Ganz schön schnell, für eine Frau“, schnauft er anerkennend. „Sieht man mir auch nicht an“, lächelt sie verschmitzt. „Hm. Stimmt. Aber auch daran hätte Rubens sicher seine Freude gehabt.“ Sie hebt erstaunt die Augenbrauen. Wann hat er ihre Saunalaken gesehen? Er lächelt verlegen, wird sogar etwas rot. „Danke für die Blumen.“ Sie hält seinen Blick einen Moment lang fest. „In der Reha hab ich angefangen zu trainieren, zur Stärkung des Oberkörpers. Und schwimmen macht mir mehr Spaß als reines Krafttraining an den Maschinen.“ „Man merkt’s. – Noch eine Runde?“ Sie lächelt breit und stößt sich anstelle einer Antwort kräftig vom Rand ab. Er folgt ihr beim Sport-Brustschwimmen, hat aber offensichtlich Mühe mitzuhalten. Sie bemerkt es und nimmt etwas Tempo heraus. Vorführen will sie ihn ja nun auch nicht. Außer Atem kommt er gleichzeitig mit ihr wieder unter den Startblöcken an. Er schnauft heftig und wirft ihr anerkennende Blicke zu. Sie strahlt sichtlich stolz und zwinkert zurück. Er macht keine Anstalten, noch einmal zu starten. Astrid stößt sich vom Rand ab und krault wieder auf dem Rücken. Sie will wenigstens mitbekommen, ob er geht. Tatsächlich steigt er, diesmal an der Leiter, aus dem Wasser. Langsam betritt er den Startblock zwei. Er holt tief Luft, konzentriert sich und springt. Astrid verlangsamt ihr Schwimmtempo, er taucht gar nicht wieder auf. Wo ist er? Dann stößt er nach Luft schnappend auf der halben Bahn wieder aus dem Wasser. Erleichtert schwimmt sie weiter, er paddelt gemächlich auf seiner Bahn zum Rand. Sie wartet auf ihn. „Ich dachte schon, du wärst verschwunden“, begrüßt sie ihn. „So weit, wie du getaucht bist.“ Erfreut hört er ihr Kompliment. „Früher hab ich das auch gemacht. Aber mit Kontaktlinsen ist das nicht so ratsam“, erzählt sie weiter. „Springen Sie deshalb auch nicht?“, will er wissen. „Auch“, gibt Astrid sich einsilbig. Gegenüber steht Anne auf Startblock drei, der Mollige und Till turnen nun am Ein-Meter-Brett herum. Der Mollige nimmt Anlauf und klatscht mit einer gewaltigen Arschbombe ins Becken. Astrid lacht. „Jetzt kriegen wir sogar noch ein Wellenbad!“

***

Besuch

Tina und Astrid sitzen auf den zwei Sesseln, Anne und Lydia haben es sich auf dem zugedeckten Bett gemütlich gemacht. Der kleine Beistelltisch steht zwischen ihnen, darauf eine aufgerissene Chips-Tüte, die Schokolade ist schon fast aufgegessen. Tina schwenkt gedankenverloren ihr Wasserglas, als müsse sie darin etwas auflösen. Sie starrt in ihren Kalender und sinniert. „Das dritte Mai-Wochenende“, sagt sie unvermittelt. „Ist Christi Himmelfahrt vorher. Wer kann da nicht?“, fragt sie in die Runde und hebt den Blick. „Hm. Könnte gehen. Müsste ich Montag sofort den Brückentag eintragen“, meint Anne. „Ich hab da sowieso schon frei“, erklärt Lydia. „Schön! Und was ist mit dir?“, will Tina von Astrid wissen. „Hm“, brummt sie. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den anderen Brückentag hab. Aber vielleicht kann ich mit meinem jung-dynamischen Vertreter ja noch tauschen. Der bucht sowieso meistens ‚Last-Minute‘.“ Anne strahlt. „Mensch, das wär doch klasse! Paris im Mai! Sieh’ bloß zu, dass du den Freitag getauscht kriegst!“ Astrid lacht. „Ich tu mein Möglichstes. Vielleicht fällt mir noch etwas ein, wofür ich bei ihm noch einen gut habe.“ „Wenn er bestechlich ist, schmeißen wir zusammen …“ „Und ob er das ist, der Möchte-gern-Lebemann.“ „Gutschein für ein teures Restaurant in Essen?“, schlägt Tina vor. „Zur Not, ja.“ „Dann ist ja alles geritzt!“ Anne ist begeistert. „Noch nicht …“, bremst Astrid, stößt aber auch mit den anderen an.
Da klopft es. Lydia schaut auf und stumm in die Runde. „Habt ihr das auch gehört?“, fragt sie zögernd. „Vielleicht sind wir zu laut?“, raunt Anne. „Hm. Ich guck mal.“ Lydia steht auf. Es klopft noch einmal. „Ja, Moment“, ruft Lydia in Richtung Tür und zieht die Shirtbluse glatt. Dann öffnet sie vorsichtig die Tür und linst um die Ecke. „Ach, hallo!“ „Guten Abend, ich hoffe ich störe nicht“, antwortet der Große und deutet eine Verbeugung an. „Wer von Ihnen bekommt diesen Cocktail?“ Auf seinem runden Tablett balanciert er offensichtlich einen ‚Sex on the Beach‘. Das weiße Kellner-Tuch hängt elegant über seinem Arm, die fast bodenlange, schwarze Schürze liegt schmal um die Hüften. Nur das weiße Polohemd ist viel zu eng, die Knopfleiste offen, er würde sie sonst wohl mit jedem Atemzug seines muskulösen Brustkorbs sprengen. Lydia hat sich von der Überraschung halbwegs erholt, tritt feixend zurück ins Zimmer. „Wer wollte noch ‚Sex on the Beach‘?“, fragt sie in die Runde. Astrid steht schon. „Ich!“ Sofort hatte sie die Stimme erkannt. Was auch immer er hier will, sie ist dabei. „Hallo!“ Sie tritt ihm entschlossen lächelnd entgegen. „Hallo!“, lächelt er zurück. Wird er verlegen? In dem dämmrigen Nachtlicht auf dem Gang kann sie nicht sicher erkennen, ob er tatsächlich rot wird. „Dann komm mal mit rüber.“ Sie deutet auf die gegenüberliegende Zimmertür. Sie fischt den Code-Chip aus der Hosentasche und öffnet die Tür. Sie bedeutet ihm einzutreten, steckt den Chip in die Lasche neben der Tür, das Licht flammt auf. Geblendet von der plötzlichen Helligkeit bleibt er abrupt stehen. Sie dimmt die Hauptbeleuchtung, schaltet die Strahler am Schrank aus, schließt die Tür hinter sich. Von hinten blitzen zwischen den Schürzenteilen seine nackten Beine. Was hat er nur darunter?, schießt es Astrid durch den Kopf. „Und“, fragt sie mit spöttisch-freundlichem Unterton, „Wette gewonnen?“ Stumm stellt er das Tablett auf das Beistelltischchen. Er richtet sich wieder auf, schaut sie offen an. „Ja.“ Sie lacht leise. „Und was bekomme ich vom Wett-Einsatz ab?“ „Äh.“ Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. Er überlegt krampfhaft, fragt dann vorsichtig: „Was möchten Sie denn?“ Gut gekontert, denkt sie, und mutig, ihr quasi alles zu eröffnen. Ob er so weit denkt? Mit ihren Hintergedanken rechnet? Sie zögert kurz. „Würde es dir etwas ausmachen, das Hemd auszuziehen? Es scheint ohnehin nicht deins zu sein, oder?“ Jetzt lächelt er erfreut, greift sich über den Kopf hinten in den Kragen und will offensichtlich in Männer-Manier das viel zu enge Teil über den Kopf zerren. „Stopp!“, hält Astrid ihn auf. „So zerreißt du nur die Nähte. Darf ich dir vielleicht helfen?“ Er lässt die Arme wieder sinken. Ein unergründlicher Blick trifft sie. „Natürlich. Gerne“, sagt er leise. Sie tritt näher an ihn heran. Ihre Fingerspitzen berühren ihn sacht an den Seiten und fahren vorsichtig unter den straff sitzenden Stoff. Augenblicklich rauscht eine Gänsehaut über seinen gut gebauten Oberkörper. Langsam schiebt sie das Shirt hinauf. Er hält die Luft an, hält ganz still. Die Spannung zwischen ihnen ist greifbar. Astrid spürt es ungläubig, fast bringt es sie aus dem Gleichgewicht. Hoch konzentriert schiebt sie den Stoff weiter. „Nimm die Schultern nach vorn, damit du schmaler bist“, bittet sie mit kratziger Stimme. Er tut es. Sie dehnt vorsichtig den Saum über sein breites Kreuz, dann kann er die Arme herausziehen und sie nimmt ihm das Shirt über den Kopf hinweg ab. Erleichtert schüttelt sie das Polo-Hemd aus, breitet es glatt über einer Sessellehne aus. „Wer hat denn Größe ‚M‘?“, will sie von ihm wissen und schaut ihn an. Diese Spannung nimmt ab, aber sie ist noch nicht ganz verschwunden. Ungefragt lässt er sich auf dem Fußende des Bettes nieder. Ihr Blick streichelt fast zärtlich seine noch leicht gebräunte, glatte Haut, die gut trainierten Muskeln. Er schmunzelt. „Till.“ Astrid lacht. „Aber so heißt er doch nicht wirklich, oder?“ „Nein. Er heißt mit bürgerlichem Namen Paul.“ Jetzt hakt sie nach. „Und du, Beachboy, wie heißt du?“ Erstaunt schaut er auf. „Kevin.“ Amüsiert zieht Astrid die Augenbrauen hoch. „Sagen Sie jetzt nichts“, seufzt er gespielt. „Den Film hab ich nie gesehen. Und als ich zur Welt kam, war er auch schon älter. Aber meine Eltern waren so begeistert von dem Namen.“ Astrid lächelt. „Und wie alt bist du?“ Fragend schaut er sie an. „21, warum?“ Astrid verzieht die Mundwinkel ein wenig spöttisch, zögert, dann sagt sie es doch einfach. „Jungs in deinem Alter kann ich schwer schätzen. Und ich will nicht wegen Verführung Minderjähriger angezeigt werden.“ Verblüfft sieht sie ihn dunkelrot anlaufen, setzt erklärend hinzu: „Schließlich bist du mit in dieses Hotelzimmer gekommen. Und deine Kumpel werden wissen, wo du bist.“ Langsam normalisiert sich seine Gesichtsfarbe wieder. „Hm.“ Er atmet tief durch. „Schon klar. Aber ich bin schon groß.“ Von unten herauf schaut er sie wieder so unergründlich an. Astrids Puls beschleunigt sich. So ruhig, wie es ihr noch möglich ist, sagt sie „Ich heiße Astrid und bin 46.“ Jetzt ist es an ihm, die Augenbrauen zu heben. „Echt?“, fragt er staunend und gibt zu, „Da hätte ich mich aber sehr verschätzt.“ „Ach ja? Was hattest du denn gedacht?“, will Astrid wissen. Er windet sich etwas. „Na, so Anfang, Mitte dreißig, irgendwie.“ „Oh!“ Astrid lacht erfreut. „Danke für die Blumen.“ Sie lächeln sich einen Moment lang an. Dann weicht er ihr aus, holt Luft und strafft sich. „Bist du verheiratet?“ Er schaut sie direkt an. Astrid schluckt, widersteht dem Drang, kurz die Augen zu schließen. Die Tränen bleiben zum Glück, wo sie sind. Sie atmet einmal durch. „Nein“, sagt sie ruhig. „Nicht mehr. Martin ist vor fast drei Jahren gestorben.“ „Das tut mir leid.“ Erschreckt schaut er sie scheu an. „Schon gut. – Und du?“ „Ich?“ Sein Blick wandert über das Tischchen hinab zum Teppichboden. Dann schaut er sie wieder kurz an. „Ich bin noch nicht verheiratet.“ Sein Blick geht durch die Gardinen, als könne er draußen im Dunkeln noch in die Ferne sehen. „Damit hätte ich bei deiner Jugend auch nicht gerechnet. Aber eine Freundin hast du doch bestimmt, oder?“, forscht Astrid freundlich nach. „Ja. Wir haben uns in der Berufsschule kennengelernt“, erzählt er plötzlich ganz offen. „Wir sind seit über zwei Jahren zusammen – wenn man es denn so nennen kann.“ Er seufzt tief, wirft ihr einen kurzen Blick zu. „Wieso?“, will Astrid wissen. Er zögert sichtlich, dann gibt er sich einen Ruck. „Sie ist katholisch.“ „Aha.“ Astrid begreift nicht, was er damit sagen will. In dieser Gegend sind wohl die meisten katholisch. Er scheint ihr Unverständnis zu bemerken. „Sie ist sehr katholisch. – Ich bin ja noch nicht einmal getauft. Meine Eltern kamen noch vor meiner Geburt her, aus Albanien. Das Christentum haben sie erst hier ansatzweise kennengelernt, können aber nicht allzu viel damit anfangen. Ich war in der Schule zumindest im Reli-Unterricht. Sie fanden, ich solle wenigstens wissen, worum es geht. Naja.“ Er verstummt. Astrid wartet ab, ob noch eine Erklärung folgt. „Marie ist ein wirklich liebes, nettes, süßes, auch modernes Mädchen. Aber sie macht ihre Erzieherinnen-Ausbildung bei der Caritas. Da sind Nonnen dabei, die sie unterrichten. Und ihre streng katholische Großmutter hat sie wohl auch sehr geprägt. Jedenfalls …“ Jetzt kämpft er sichtlich mit sich. Nur ein schneller Blick fliegt durch Astrids Gesicht, ehe er wieder zu Boden geht. Sie wartet still. „Sie will keinen Sex vor der Ehe. Weil es Sünde wäre“, stößt er leise hervor. Astrid ist völlig verblüfft. Keinen Sex, mit diesem knackigen jungen Kerl??? Hat die überhaupt eine Ahnung, was sie verpasst?! „Oha“, macht sie nur. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas heute noch gibt.“ Kevin lacht bitter auf. „Ich auch nicht.“ Und leiser: „Ich liebe sie so. Ich kann sie nicht einfach abschießen. Und es macht mich verrückt, fertig.“ Jetzt schaut er Astrid wieder an. „Ich habe schon angefangen für die Hochzeit zu sparen. Wenn sie ihre Ausbildung fertig hat und ich den Techniker gemacht hab, heiraten wir.“ Seid ihr wahnsinnig?, will Astrid beinahe ausrufen. So jung und ohne gemeinsame erotische Erfahrungen heiraten, zudem noch katholisch? Wenn sie später geschieden würde, verlöre sie noch ihren Job bei der Caritas. Er scheint ihre Ablehnung zu spüren. „Was soll ich denn sonst tun?“, klagt er verzweifelt. Sie weiß es auch nicht. „Du bist sehr mutig“, sagt sie ihm ruhig. Er zuckt resigniert mit den Achseln. Dann erzählt er leise weiter. „Am Anfang dachte ich, ich werd’ sie schon rumkriegen, sie ziert sich nur. Will vielleicht testen, wie ernst es mir tatsächlich ist und nicht gleich mit dem Nächstbesten ins Bett gehen. Ist ja auch völlig okay, spricht ja für sie. Aber sie ist bis heute standhaft geblieben. Ab und zu küssen wir uns, wenn wir allein sind. Als ich ein Wochenende sturmfreie Bude hatte, war sie bei mir. Wir haben zusammen geduscht, ein bisschen gekuschelt. Aber ich durfte sie noch nicht einmal … anfassen.“ Kevin schaut Astrid an. „Sie weiß, wie schwer das für mich ist. Manchmal … streichelt sie mich ein bisschen. Schaut dann zu …“ Seine Stimme erstirbt. Er kämpft sichtlich mit den Tränen. Sie ist versucht ihn tröstend in den Arm zu nehmen. Aber er ist schon groß. Hat er gesagt. Wieso erzählt er ihr das alles? Hat wieder ihre Kummerkasten-Ausstrahlung zugeschlagen? Sacht berührt sie seine Hand, er hält sie sofort fest, wagt nicht aufzuschauen. Astrid denkt nach, dann fragt sie vorsichtig: „Ich danke dir sehr für dein Vertrauen, Kevin. Wie, denkst du, könnte ich dir denn vielleicht helfen?“ Langsam wendet er ihr sein Gesicht wieder zu. Die Augen glänzen verdächtig, er blinzelt. Dann spielt ein kleines Lächeln um seine Lippen. Er sortiert seine Gedanken, setzt an, zögert doch. Dann endlich wagt er es auszusprechen. „Ich hab selbst noch überhaupt keine Erfahrungen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 318
ISBN: 978-3-99048-030-4
Erscheinungsdatum: 06.08.2015
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