The Rabbit Hole Called Success
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 248
ISBN: 978-3-7116-1032-4
Erscheinungsdatum: 04.11.2025
Oliver lernt auf einer turbulenten Berg- und Talfahrt die Glanz- und Schattenseiten des Erfolgs kennen. Zwischen Drogenkonsum, exzessiver Arbeitsmoral und der Leere, die damit kommen, führt er seinen eigenen persönlichen Kampf. Ob da noch Platz für Liebe ist?
PROLOG
Down The Rabbit Hole
Irgendwann kommt die Zeit, wo man aussichtslos in einer dunklen, schäbigen Gasse zwischen Müllcontainern sitzt und keine Ahnung hat, wie man hierhergekommen ist.
Eigentlich sollte mir kalt sein. Es ist Winter. Heute schneit es sogar. Was wohl der Grund dafür ist, dass ich draußen bin?
Ich trage keine Jacke. Meine schwarzen Jeans sind dreckig vom Boden, auf dem ich sitze, wahrscheinlich sogar von der Art und Weise, wie ich hier gelandet bin. Das T-Shirt, das ich trage, hat sogar einen Riss an der linken Seite. Ich muss hängen geblieben sein und es mir dabei aufgerissen haben. Nichts, was mir Sorgen bereitet. Ich realisiere es nur. Ich starre lieber wieder an die Hauswand mir gegenüber. Roter Backstein, wie er in dieser Stadt an jeder Ecke zu finden ist. Es hat mich nie interessiert, aber aufgefallen ist es mir wohl. Auch wenn ich in den letzten Jahren wenig um mich herum wahrgenommen habe.
Oje … Meine Hand zittert. Spüre ich etwa endlich die Kälte? Oder wird mir bewusst, was aus mir geworden ist?
Ich sehe an meinem Arm entlang bis zur Beuge meines Ellenbogens. Mein Mundwinkel zuckt nach oben. Nicht, weil ich etwas Schönes sehe, sondern das Ergebnis von vielen aufeinanderfolgenden Fehlern und weil ich amüsiert darüber bin. Über mich selbst.
Der letzte Einstich in meiner malträtierten Ader ist keinen halben Tag alt. Nach dem Mittagessen war es – habe ich überhaupt etwas gegessen? Vermutlich nicht. Es tut nichts zur Sache. Ich hatte, was ich wollte. Meine Nadel, meinen Stoff und allem Anschein nach auch den Willen hinauszugehen.
Jetzt, wo ich wieder zu mir komme, die Welt um mich so wirr erscheint und die Kälte mir Ausnüchterung schenkt, erkenne ich klar, wie erbärmlich ich bin.
Nur dumpf höre ich die Geräusche der Stadt, in deren Ecke ich in irgendeiner Gasse vielleicht gerade meine letzten Stunden verbringe. Man liest doch immer wieder von den Drogenopfern, die in verlassenen Straßen gefunden werden. In Müllcontainern, weit entfernt wäre ich ja nicht. Bei dem Gedanken entkommt mir ein Schnauben.
Mein Wille, aufzustehen, mich in meine Wohnung zurückzuschleppen und mich aufzuwärmen, ist nicht vorhanden. Dafür spüre ich die Kälte noch nicht zu Genüge. Eigentlich spüre ich gar nichts. Weder Kälte noch Wärme, weder Freude noch Trauer. Ich fühle einzig nichts. Irgendwie gar nicht so schlecht, außerdem ist es der Grund für meine gegenwärtige Situation. Nichts empfinden. Abschalten. Zumindest die Lautstärke des Lebens runterdrehen wollen, weil es zu viel ist. Irgendwann geht das mit Alkohol nicht mehr. Irgendwann beruhigt der Joint vom Dealer des Vertrauens nicht mehr, sondern regt auf, macht nervös. Paranoid. Man giert nach etwas Anderem. Nach mehr.
Die Geschäftswelt bietet so viele Möglichkeiten. Ich bin einfach an alles drangekommen, was ich haben wollte. Die Erinnerung bringt mich zum Lachen.
Mit der rechten Hand fahre ich über die dünne Haut um die Einstichlöcher. Ich wollte nie so enden. Dennoch war es unausweichlich. Sie alle haben es doch auch getan. Sie haben gesagt, wie erlösend es ist, wie geil es ist. War es auch. Für einen viel zu kurzen Zeitraum. Und für welchen Preis? Das Geld war mir egal, mein Körper auch und meine Firma? Alles prima. Mit meinen neuen Kontakten konnte ich ganz neue Wege beschreiten.
Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Diese neuen Kontakte haben mir Situationen eingebrockt, in denen ich niemals landen wollte. Mein Kopf kippt nach vorne, dass meine langen schwarzen Haare lose in mein Blickfeld gleiten. Hmm … wie oft hat man mich daran gepackt und gezogen? Ich hab’s genossen, bis zu einem gewissen Moment. Bis ich nichts mehr gespürt habe, bis ich immer mehr zu einer leeren Hülle meiner selbst geworden bin. Warme Tränen laufen meine Wangen hinunter.
Warm? Ich spüre die Wärme meiner Tränen. Wieder muss ich lachen. Wie lächerlich ich doch bin. Freue mich über meine warmen Tränen. Ich merke gerade noch, wie die Kälte über mich einbricht, und bevor ich mich aufrappeln kann, um doch noch meine Wohnung wieder aufzusuchen, steht diese Person plötzlich vor mir. Zumindest erkenne ich die Schuhe und die Stimmung, die sich stets in mir ausbreitet.
Grob werde ich am Arm gepackt, hochgerissen und vorwurfsvoll angesehen. Meine Sicht ist verschwommen, doch ich erkenne die eindringlichen Augen, denen ich das alles hier erst zu verdanken habe. Nein! Das ist nicht fair. Es waren meine eigenen Entscheidungen. Mir wird eine Predigt entgegengeschleudert, die mich bei vollkommener Klarheit wohl aufs Tiefste gekränkt hätte. Doch jetzt sind mir die Worte egal, wie alles andere. Ich frage mich, ob man mich gesucht oder nur zufällig hier gefunden hat. Doch das tut nichts zur Sache. Nichts tut es.
Ich werde aus der Gasse rausgezogen. Das Licht der Straßenbeleuchtung blendet meine Augen und ich wende mich ab, direkt in den hilfebietenden Arm, und ich spüre tatsächlich Wärme.
Bring mich nach Hause, flehe ich tief in mir drinnen.
Ich werde weggebracht. Wohin, weiß ich nicht. Wohin, ist mir wieder egal, solange ich in diesen Armen weilen darf.
KAPITEL 1
Oliver
„Warum ich das gerne mache? Ich liebe Kinder. Sie sind so herrlich ehrlich. Herrlich ehrlich. Gut, nicht? Aber ich meine das so. Sie lachen aus tiefstem Herzen aus sich heraus, wenn sie sich freuen, sie weinen bitterlich, wenn sie traurig sind, und sie gucken richtig blöd, wenn sie etwas nicht verstehen. Die unterdrücken nichts, weißt du? Nicht so wie wir Erwachsenen. Wir erlauben uns nicht, offen zu sein und Gefühle zuzulassen, weil wir uns schwach fühlen oder verletzlich. Ach, ich weiß auch nicht. Trinken wir noch ’nen Tequila?
Sehr schön.
Ich hätte gerne einmal Kinder, mindestens zwei, aber am liebsten sogar vier oder fünf. Ich will das ganze Haus mit Kinderlachen füllen können. Also ja, ich wünsch mir irgendwann auch mal ein Haus, ein richtig großes, mit viel Platz für eine große Familie. Irgendwo auf dem Land, mit einem Garten für den Hund und die Katzen. Doof, oder? Wenn man das schon so genau vor Augen hat. Es wird ja eh nie so, wie man es sich vorstellt. Trotzdem, das wäre schön. Vielleicht ja ein Haus in der Nähe vom Meer? Magst du das Meer? Ich liebe das Meer, das Rauschen und die Ruhe und die Entspannung. Hmm, die Entspannung hat man mit Kindern nicht mehr, das kenn ich ja durch meinen Beruf. Aber es gibt so viel zurück. Kinder geben so viel.
Hach, wenn doch mal der Richtige kommen würde …“
***
Oliver Duncan war nie ein Kind von Traurigkeit. Er hat immer von sich überzeugt. Egal, ob es darum ging, das schönste Mädchen der Schule zum Abschlussball auszuführen, später seinen eigenen Vater dazu zu bringen, ihm den Laden zu überschreiben, oder jüngst, in einer Bar die hübsche Kindergärtnerin in ein Taxi einzuladen.
„Ich mach’ sowas normalerweise nicht“, kicherte sie mit vorgehaltener Hand. Der Einfluss von Tequila war ihr an den Augen abzusehen, auch am Gang haperte es, aber Oliver hatte den Arm stützend um sie gelegt. „Keine Sorge, ich werde noch andere Dinge mit dir tun, die du normalerweise nicht machst“, versprach er beim Einsteigen und gab dem Fahrer die Adresse durch. Sie waren alle gleich. Alle machten sowas normalerweise nicht und alle gingen ihm auf den Leim. Egal, ob Mann oder Frau.
Die Fahrt wurde wie nebenbei mit der Kreditkarte bezahlt und Kate, wie sie sich vorgestellt hat, hing sich an Olivers Arm ein. Er war das gewohnt und er mochte das. So konnte er sie problemlos in seine zentrale Londoner Wohnung geleiten. Im Lift strich er ihr als letzten seiner Tricks das lange brünette Haar hinter das Ohr und komplimentierte ihre sanften braunen Augen. Kate sagte ihm nicht zum ersten Mal, dass sie in seinen tiefen grünen Augen versinken wollte. Oliver unterdrückte es, darüber zu lachen. Der Spruch war abgedroschen, schmeichelte ihm kein bisschen, und trotzdem führte er sie nach einem kurzen Kuss in die Wohnung. Die Schuhe wurden ausgezogen und Kate tappte den engen Flur entlang. Ihre Hand landete bereits auf der richtigen Türklinke. Oliver schmunzelte. Irgendwie hatten die meisten sofort den richtigen Riecher, aber Oliver hatte andere Pläne und bat Kate mit in die offene Wohnküche, um ihr ein Glas Wasser zu reichen. „Wir wollen doch nicht, dass du morgen Kopfschmerzen hast“, sagte er und wünschte sich damit eigentlich, dass er sie noch vor Morgengrauen aus der Wohnung haben konnte.
„Wie zuvorkommend von dir“, nahm sie das Glas an und sah ihn mit einem leisen Seufzen an. Für sich selbst hatte er ebenfalls Wasser gerichtet, denn Kate heute hier zu haben, hatte nur einen einzigen Grund.
Oliver verbrachte jede freie Minute am Schreibtisch, sei es zu Hause oder in der Zentrale seiner Firma Oliver’s.
Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal einfach nur mit einem Freund auf einen Kaffee gegangen war oder ein ungezwungenes Gespräch mit einer Bekannten geführt hatte. Dafür wusste er, welche Bars er ansteuern musste, um nach einem spendierten Drink genau das zu bekommen, was er wollte. Sex! Keine komplizierten Gespräche mehr, die ihn von seiner Arbeit ablenken konnten, sondern einfach nur das Mittel, das den Zweck heiligte: Druck abzulassen.
Nach dem vergnüglichen Stelldichein mit der Pädagogin verbarrikadierte er sich für Tage in seinem Arbeitszimmer und feilte an den Vorbereitungen seines Exports in die Vereinigten Staaten. Der Vertrag für das gemeinsame Projekt mit einem renommierten amerikanischen Spielehersteller sollte perfekt sein, seine Präsentation makellos, seine Überzeugung stärker als jede andere. Deswegen war er auch so vertieft und verbissen.
Seit dem Universitätsabschluss waren bereits einige Jahre vergangen. Von kindlichen Freundschaften hatte er sich abgewandt und konzentrierte sich ausschließlich auf die Entwicklung neuer Spiele, neuer Strategien und vor allem auf die Verbesserung seiner eigenen Effizienz.
Bis er in seinen Zwanzigern den Spieleladen seines Vaters übernommen hatte, wurden dort lediglich analoge Spiele angeboten. Mit Olivers neuer Geschäftspolitik und dem Blick in die Moderne fand sich stetig mehr Elektronik im Angebot, ehe das Hauptaugenmerk auf Virtual Reality gelegt wurde.
Die Firma, die Oliver aufgebaut hatte, wuchs, und er konnte so weit ausbauen, dass Oliver’s Games nur noch eine kleine Niederlassung war, in der auch wirklich Videospiele und Zubehör verkauft wurden, denn ihm wurde schnell klar, dass es rentabler war, andere für sich verkaufen zu lassen, sich selbst auf die Entwicklung zu spezialisieren und eine bahnbrechende Idee nach der anderen zu verwirklichen und auf den Markt zu bringen. Die großen Ketten deckten sich ein, und der Vertrieb zum kleinen Mann war nicht mehr Olivers Sorge. Dennoch war der Laden sein Ein und Alles, und er würde ihn sich von niemandem nehmen lassen. Es war das Erste, was er wirklich haben wollte und um das er gekämpft hatte. Es war auch sein erster erfolgreicher Geschäftsabschluss, der die Namensänderung mit sich gezogen hatte und Olivers Berufung als Spieleentwickler erst so richtig ins Rollen gebracht hatte.
Ein schrilles Geräusch riss ihn abrupt aus der Konzentration. Oliver griff hastig nach seinem Smartphone, nahm mit einem genervten „Ja“ den unerwarteten Anruf entgegen. Er fasste sich mit Zeigefinger und Daumen massierend an die Stirn, als er eine bekannte Stimme vernahm.
„Leticia Lloyd, was verschafft mir die Ehre?“, fragte er mit spielerischem Sarkasmus und musste dabei grinsen. Seine ehemalige Schulkollegin und gleichzeitig als Inhaberin der LLL, einem Multiunternehmen der Spielebranche, seine größte Konkurrenz. Zumindest wenn es um den britischen Markt ging. Sie legte ihm auch sofort die Tatsachen auf den Tisch, eine Angewohnheit, die Oliver sehr an ihr schätzte. Was ihm allerdings nicht gefiel, war der Inhalt ihres Geredes.
„Ich muss dir von deinem Vorhaben abraten, das ist nicht klug“, tönte ihre Stimme durch das Smartphone. „Oh, musst du das?“, lachte Oliver. Er wusste, dass diese Frau, die er groß gewachsen mit langem, brünettem Haar und stechend blauen Augen im Bilde hatte, überall ihre Spitzel hatte und somit über seine Pläne Bescheid wusste. Es ärgerte ihn zwar, aber es wunderte ihn nicht. Sie hatte auch direkt ein Gegenangebot parat: „Lass uns doch zusammenarbeiten. LLL übernimmt Oliver’s und wir bauen in den nächsten fünf Jahren ein Imperium auf, das auch die Amerikaner von der Spitze verdrängt.“ Das war’s. Noch mehr hatte ihn diese Frau noch nie beleidigt.
„Träum weiter“, knurrte er und beendete das Telefonat abrupt. Das Smartphone wurde unsanft auf den Tisch zurückgeknallt. Oliver schüttelte energisch den Kopf. Ihm kam in den Sinn, dass Leticia den Deal bestimmt selbst schließen wollte, aber Oliver war ihr zuvorgekommen. Das war seiner Meinung nach der einzige Grund für den Anruf und dieses lächerliche Angebot.
„Von der LLL übernommen werden, dass ich nicht lache“, murmelte er leise vor sich hin und schnaubte abwertend. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein? Wurde er ihr etwa zu gefährlich? Das war nur ein weiterer Ansporn, dieses Meeting in den kommenden Tagen einwandfrei über die Bühne zu bringen.
Ein Blick auf die Uhr ließ Oliver wissen, dass er weit über eine übliche Zubettgehzeit hinweg war, und so entschied er sich, vorerst eine Pause zu machen und das Badezimmer aufzusuchen.
Als er sich nach einer erfrischenden Dusche im Spiegel betrachtete, bemerkte er, wie tief seine Augenringe bereits waren. Wie sehr sein Körper nach Schlaf lechzte, obwohl sein Geist noch so viele Vorbereitungen vornehmen wollte.
„Du hast keine Zeit dazu“, sagte er sich selbst, sauer, dass ihm das Nichterfüllen dieses Grundbedürfnisses so zusetzte. Es war doch schon genug, dass er essen und duschen und hier und da eben seinen Druck mit einer unbedeutenden Bekanntschaft abbauen musste. Aber Schlaf war nur lästig. Es dauerte zu lange, wenn es wirklich einen Nutzen zeigen sollte, und man konnte dabei nichts machen.
Oliver hatte immer funktionieren müssen. Sein Vater hatte ihn immer zu exzellenten Noten gedrillt und ihm sogar einen Tutor bestellt. Mit André hatte er nicht nur die französische Sprache gemeistert, auch vom Schlafen hatte er ihn regelmäßig abgehalten. Es war bestimmt nicht das, was sein Vater damit gemeint hatte, als er ihn eines Morgens an den Haaren aus dem Bett gezogen und gesagt hatte: „Schlafen kannst du im Ruhestand.“ Dennoch. Dieser Satz blieb Oliver über seine gesamte Studienzeit im Kopf. Auch darüber hinaus.
Schlafen war absolut nutzlos im Vergleich zu den anderen Grundbedürfnissen. Die Nahrungsaufnahme ging gerne nebenbei vonstatten. Sex machte Spaß, selbst wenn er bei der Wahl seiner Partner dafür lange nicht mehr so wählerisch wie früher war. Damals hatte er noch das ein oder andere intellektuelle Gespräch gesucht. Denn vielleicht hätte er ja doch jemanden gefunden, der mit ihm auf einer Augenhöhe war. Aber diese Hoffnung hatte er schon lange aufgegeben, zumal sie alle danach so unerträglich gesprächig wurden, und damit konnte er nicht umgehen. Während des Duschens konnte er immerhin seine Gedanken sortieren, und nicht selten spürte er danach neuen Tatendrang.
Wie ferngesteuert machte er den kleinen Schrank im Badezimmer auf und griff nach einem Döschen mit Pillen. Ritalin stand auf einem weißen Aufkleber. Zögernd drehte er den Behälter in der Hand, doch bevor er es öffnen konnte, stellte er es doch zügig wieder zurück. So weit wollte er es nicht kommen lassen. Auch wenn er diesem Schritt schon näher war, als er es jemals hätte sein wollen. Er hatte sich die Tabletten besorgt. Genommen aber noch keine.
„Einstiegsdroge“ ging ihm durch den Kopf. Aber er dachte auch wieder an den Anruf seiner Konkurrentin. Ihr schien Schlaf ebenso zuwider zu sein, warum sonst hätte sie mitten in der Nacht angerufen? Außerdem, egal zu welcher Uhrzeit Oliver am LLL-Business-Tower vorbeifuhr, es brannte immer Licht in diesem einen Büro, von dem er ganz genau wusste, dass sein Gegenpart dort saß und schuftete. Schneller als zuvor griff er wieder zurück in das Kästchen, schnappte die Dose und fummelte eine Tablette heraus. Er besah sie einen Moment und legte sie auf die Zunge.
„Einmal tut keinem weh“, sagte er sich selbst, nachdem er sie mit etwas Wasser geschluckt hatte. Das war nicht der Einstieg. Er würde nicht so enden wie diese dummen Junkies. Der Spiegelschrank wurde geschlossen. Er verließ das Badezimmer und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Eine Welle an Motivation und Kreativität überrollte ihn, und er gewahr ihr, zu walten.
Nach der Perfektionierung seines Vertragsentwurfs tüftelte Oliver an einem neuen Konzept. Würfel, Karten, Figuren, Spielfelder. Die Ideen, Geschichten und Bilder erschienen regelrecht vor seinem geistigen Auge. Oliver konnte kaum schnell genug tippen, Skizzen zeichnen oder Gedanken zu Ende bringen, da war schon das nächste da und verlangte nach Aufmerksamkeit. „Teufelszeug“, dachte er und verfiel dem Rausch und Antrieb des Medikaments.
Die nächsten Nächte verbrachte er in ähnlicher Manier. Die Tabletten wurden immer selbstverständlicher eingenommen, manchmal schlich sich sogar eine zweite dazu. Und am Tag seines geschäftlichen Termins ließ er das kleine Döschen mit Leichtigkeit in seiner Aktentasche verschwinden, gemeinsam mit all seinen Unterlagen. Ein Nobeltaxi wartete bereits auf der Straße, um ihn zum Flughafen zu bringen. In der Business Class wollte er das erste Mal seit fünf Tagen etwas Schlaf abbekommen, ehe er seine Präsentation ein letztes Mal für sich durchging.
„Flug London – New York, Ihr Kapitän heißt Sie herzlich willkommen …“, waren die Stichworte, den Alarm zu stellen, die Ohrenstöpsel einzusetzen und die Augenmaske aufzulegen.
…
Down The Rabbit Hole
Irgendwann kommt die Zeit, wo man aussichtslos in einer dunklen, schäbigen Gasse zwischen Müllcontainern sitzt und keine Ahnung hat, wie man hierhergekommen ist.
Eigentlich sollte mir kalt sein. Es ist Winter. Heute schneit es sogar. Was wohl der Grund dafür ist, dass ich draußen bin?
Ich trage keine Jacke. Meine schwarzen Jeans sind dreckig vom Boden, auf dem ich sitze, wahrscheinlich sogar von der Art und Weise, wie ich hier gelandet bin. Das T-Shirt, das ich trage, hat sogar einen Riss an der linken Seite. Ich muss hängen geblieben sein und es mir dabei aufgerissen haben. Nichts, was mir Sorgen bereitet. Ich realisiere es nur. Ich starre lieber wieder an die Hauswand mir gegenüber. Roter Backstein, wie er in dieser Stadt an jeder Ecke zu finden ist. Es hat mich nie interessiert, aber aufgefallen ist es mir wohl. Auch wenn ich in den letzten Jahren wenig um mich herum wahrgenommen habe.
Oje … Meine Hand zittert. Spüre ich etwa endlich die Kälte? Oder wird mir bewusst, was aus mir geworden ist?
Ich sehe an meinem Arm entlang bis zur Beuge meines Ellenbogens. Mein Mundwinkel zuckt nach oben. Nicht, weil ich etwas Schönes sehe, sondern das Ergebnis von vielen aufeinanderfolgenden Fehlern und weil ich amüsiert darüber bin. Über mich selbst.
Der letzte Einstich in meiner malträtierten Ader ist keinen halben Tag alt. Nach dem Mittagessen war es – habe ich überhaupt etwas gegessen? Vermutlich nicht. Es tut nichts zur Sache. Ich hatte, was ich wollte. Meine Nadel, meinen Stoff und allem Anschein nach auch den Willen hinauszugehen.
Jetzt, wo ich wieder zu mir komme, die Welt um mich so wirr erscheint und die Kälte mir Ausnüchterung schenkt, erkenne ich klar, wie erbärmlich ich bin.
Nur dumpf höre ich die Geräusche der Stadt, in deren Ecke ich in irgendeiner Gasse vielleicht gerade meine letzten Stunden verbringe. Man liest doch immer wieder von den Drogenopfern, die in verlassenen Straßen gefunden werden. In Müllcontainern, weit entfernt wäre ich ja nicht. Bei dem Gedanken entkommt mir ein Schnauben.
Mein Wille, aufzustehen, mich in meine Wohnung zurückzuschleppen und mich aufzuwärmen, ist nicht vorhanden. Dafür spüre ich die Kälte noch nicht zu Genüge. Eigentlich spüre ich gar nichts. Weder Kälte noch Wärme, weder Freude noch Trauer. Ich fühle einzig nichts. Irgendwie gar nicht so schlecht, außerdem ist es der Grund für meine gegenwärtige Situation. Nichts empfinden. Abschalten. Zumindest die Lautstärke des Lebens runterdrehen wollen, weil es zu viel ist. Irgendwann geht das mit Alkohol nicht mehr. Irgendwann beruhigt der Joint vom Dealer des Vertrauens nicht mehr, sondern regt auf, macht nervös. Paranoid. Man giert nach etwas Anderem. Nach mehr.
Die Geschäftswelt bietet so viele Möglichkeiten. Ich bin einfach an alles drangekommen, was ich haben wollte. Die Erinnerung bringt mich zum Lachen.
Mit der rechten Hand fahre ich über die dünne Haut um die Einstichlöcher. Ich wollte nie so enden. Dennoch war es unausweichlich. Sie alle haben es doch auch getan. Sie haben gesagt, wie erlösend es ist, wie geil es ist. War es auch. Für einen viel zu kurzen Zeitraum. Und für welchen Preis? Das Geld war mir egal, mein Körper auch und meine Firma? Alles prima. Mit meinen neuen Kontakten konnte ich ganz neue Wege beschreiten.
Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Diese neuen Kontakte haben mir Situationen eingebrockt, in denen ich niemals landen wollte. Mein Kopf kippt nach vorne, dass meine langen schwarzen Haare lose in mein Blickfeld gleiten. Hmm … wie oft hat man mich daran gepackt und gezogen? Ich hab’s genossen, bis zu einem gewissen Moment. Bis ich nichts mehr gespürt habe, bis ich immer mehr zu einer leeren Hülle meiner selbst geworden bin. Warme Tränen laufen meine Wangen hinunter.
Warm? Ich spüre die Wärme meiner Tränen. Wieder muss ich lachen. Wie lächerlich ich doch bin. Freue mich über meine warmen Tränen. Ich merke gerade noch, wie die Kälte über mich einbricht, und bevor ich mich aufrappeln kann, um doch noch meine Wohnung wieder aufzusuchen, steht diese Person plötzlich vor mir. Zumindest erkenne ich die Schuhe und die Stimmung, die sich stets in mir ausbreitet.
Grob werde ich am Arm gepackt, hochgerissen und vorwurfsvoll angesehen. Meine Sicht ist verschwommen, doch ich erkenne die eindringlichen Augen, denen ich das alles hier erst zu verdanken habe. Nein! Das ist nicht fair. Es waren meine eigenen Entscheidungen. Mir wird eine Predigt entgegengeschleudert, die mich bei vollkommener Klarheit wohl aufs Tiefste gekränkt hätte. Doch jetzt sind mir die Worte egal, wie alles andere. Ich frage mich, ob man mich gesucht oder nur zufällig hier gefunden hat. Doch das tut nichts zur Sache. Nichts tut es.
Ich werde aus der Gasse rausgezogen. Das Licht der Straßenbeleuchtung blendet meine Augen und ich wende mich ab, direkt in den hilfebietenden Arm, und ich spüre tatsächlich Wärme.
Bring mich nach Hause, flehe ich tief in mir drinnen.
Ich werde weggebracht. Wohin, weiß ich nicht. Wohin, ist mir wieder egal, solange ich in diesen Armen weilen darf.
KAPITEL 1
Oliver
„Warum ich das gerne mache? Ich liebe Kinder. Sie sind so herrlich ehrlich. Herrlich ehrlich. Gut, nicht? Aber ich meine das so. Sie lachen aus tiefstem Herzen aus sich heraus, wenn sie sich freuen, sie weinen bitterlich, wenn sie traurig sind, und sie gucken richtig blöd, wenn sie etwas nicht verstehen. Die unterdrücken nichts, weißt du? Nicht so wie wir Erwachsenen. Wir erlauben uns nicht, offen zu sein und Gefühle zuzulassen, weil wir uns schwach fühlen oder verletzlich. Ach, ich weiß auch nicht. Trinken wir noch ’nen Tequila?
Sehr schön.
Ich hätte gerne einmal Kinder, mindestens zwei, aber am liebsten sogar vier oder fünf. Ich will das ganze Haus mit Kinderlachen füllen können. Also ja, ich wünsch mir irgendwann auch mal ein Haus, ein richtig großes, mit viel Platz für eine große Familie. Irgendwo auf dem Land, mit einem Garten für den Hund und die Katzen. Doof, oder? Wenn man das schon so genau vor Augen hat. Es wird ja eh nie so, wie man es sich vorstellt. Trotzdem, das wäre schön. Vielleicht ja ein Haus in der Nähe vom Meer? Magst du das Meer? Ich liebe das Meer, das Rauschen und die Ruhe und die Entspannung. Hmm, die Entspannung hat man mit Kindern nicht mehr, das kenn ich ja durch meinen Beruf. Aber es gibt so viel zurück. Kinder geben so viel.
Hach, wenn doch mal der Richtige kommen würde …“
***
Oliver Duncan war nie ein Kind von Traurigkeit. Er hat immer von sich überzeugt. Egal, ob es darum ging, das schönste Mädchen der Schule zum Abschlussball auszuführen, später seinen eigenen Vater dazu zu bringen, ihm den Laden zu überschreiben, oder jüngst, in einer Bar die hübsche Kindergärtnerin in ein Taxi einzuladen.
„Ich mach’ sowas normalerweise nicht“, kicherte sie mit vorgehaltener Hand. Der Einfluss von Tequila war ihr an den Augen abzusehen, auch am Gang haperte es, aber Oliver hatte den Arm stützend um sie gelegt. „Keine Sorge, ich werde noch andere Dinge mit dir tun, die du normalerweise nicht machst“, versprach er beim Einsteigen und gab dem Fahrer die Adresse durch. Sie waren alle gleich. Alle machten sowas normalerweise nicht und alle gingen ihm auf den Leim. Egal, ob Mann oder Frau.
Die Fahrt wurde wie nebenbei mit der Kreditkarte bezahlt und Kate, wie sie sich vorgestellt hat, hing sich an Olivers Arm ein. Er war das gewohnt und er mochte das. So konnte er sie problemlos in seine zentrale Londoner Wohnung geleiten. Im Lift strich er ihr als letzten seiner Tricks das lange brünette Haar hinter das Ohr und komplimentierte ihre sanften braunen Augen. Kate sagte ihm nicht zum ersten Mal, dass sie in seinen tiefen grünen Augen versinken wollte. Oliver unterdrückte es, darüber zu lachen. Der Spruch war abgedroschen, schmeichelte ihm kein bisschen, und trotzdem führte er sie nach einem kurzen Kuss in die Wohnung. Die Schuhe wurden ausgezogen und Kate tappte den engen Flur entlang. Ihre Hand landete bereits auf der richtigen Türklinke. Oliver schmunzelte. Irgendwie hatten die meisten sofort den richtigen Riecher, aber Oliver hatte andere Pläne und bat Kate mit in die offene Wohnküche, um ihr ein Glas Wasser zu reichen. „Wir wollen doch nicht, dass du morgen Kopfschmerzen hast“, sagte er und wünschte sich damit eigentlich, dass er sie noch vor Morgengrauen aus der Wohnung haben konnte.
„Wie zuvorkommend von dir“, nahm sie das Glas an und sah ihn mit einem leisen Seufzen an. Für sich selbst hatte er ebenfalls Wasser gerichtet, denn Kate heute hier zu haben, hatte nur einen einzigen Grund.
Oliver verbrachte jede freie Minute am Schreibtisch, sei es zu Hause oder in der Zentrale seiner Firma Oliver’s.
Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal einfach nur mit einem Freund auf einen Kaffee gegangen war oder ein ungezwungenes Gespräch mit einer Bekannten geführt hatte. Dafür wusste er, welche Bars er ansteuern musste, um nach einem spendierten Drink genau das zu bekommen, was er wollte. Sex! Keine komplizierten Gespräche mehr, die ihn von seiner Arbeit ablenken konnten, sondern einfach nur das Mittel, das den Zweck heiligte: Druck abzulassen.
Nach dem vergnüglichen Stelldichein mit der Pädagogin verbarrikadierte er sich für Tage in seinem Arbeitszimmer und feilte an den Vorbereitungen seines Exports in die Vereinigten Staaten. Der Vertrag für das gemeinsame Projekt mit einem renommierten amerikanischen Spielehersteller sollte perfekt sein, seine Präsentation makellos, seine Überzeugung stärker als jede andere. Deswegen war er auch so vertieft und verbissen.
Seit dem Universitätsabschluss waren bereits einige Jahre vergangen. Von kindlichen Freundschaften hatte er sich abgewandt und konzentrierte sich ausschließlich auf die Entwicklung neuer Spiele, neuer Strategien und vor allem auf die Verbesserung seiner eigenen Effizienz.
Bis er in seinen Zwanzigern den Spieleladen seines Vaters übernommen hatte, wurden dort lediglich analoge Spiele angeboten. Mit Olivers neuer Geschäftspolitik und dem Blick in die Moderne fand sich stetig mehr Elektronik im Angebot, ehe das Hauptaugenmerk auf Virtual Reality gelegt wurde.
Die Firma, die Oliver aufgebaut hatte, wuchs, und er konnte so weit ausbauen, dass Oliver’s Games nur noch eine kleine Niederlassung war, in der auch wirklich Videospiele und Zubehör verkauft wurden, denn ihm wurde schnell klar, dass es rentabler war, andere für sich verkaufen zu lassen, sich selbst auf die Entwicklung zu spezialisieren und eine bahnbrechende Idee nach der anderen zu verwirklichen und auf den Markt zu bringen. Die großen Ketten deckten sich ein, und der Vertrieb zum kleinen Mann war nicht mehr Olivers Sorge. Dennoch war der Laden sein Ein und Alles, und er würde ihn sich von niemandem nehmen lassen. Es war das Erste, was er wirklich haben wollte und um das er gekämpft hatte. Es war auch sein erster erfolgreicher Geschäftsabschluss, der die Namensänderung mit sich gezogen hatte und Olivers Berufung als Spieleentwickler erst so richtig ins Rollen gebracht hatte.
Ein schrilles Geräusch riss ihn abrupt aus der Konzentration. Oliver griff hastig nach seinem Smartphone, nahm mit einem genervten „Ja“ den unerwarteten Anruf entgegen. Er fasste sich mit Zeigefinger und Daumen massierend an die Stirn, als er eine bekannte Stimme vernahm.
„Leticia Lloyd, was verschafft mir die Ehre?“, fragte er mit spielerischem Sarkasmus und musste dabei grinsen. Seine ehemalige Schulkollegin und gleichzeitig als Inhaberin der LLL, einem Multiunternehmen der Spielebranche, seine größte Konkurrenz. Zumindest wenn es um den britischen Markt ging. Sie legte ihm auch sofort die Tatsachen auf den Tisch, eine Angewohnheit, die Oliver sehr an ihr schätzte. Was ihm allerdings nicht gefiel, war der Inhalt ihres Geredes.
„Ich muss dir von deinem Vorhaben abraten, das ist nicht klug“, tönte ihre Stimme durch das Smartphone. „Oh, musst du das?“, lachte Oliver. Er wusste, dass diese Frau, die er groß gewachsen mit langem, brünettem Haar und stechend blauen Augen im Bilde hatte, überall ihre Spitzel hatte und somit über seine Pläne Bescheid wusste. Es ärgerte ihn zwar, aber es wunderte ihn nicht. Sie hatte auch direkt ein Gegenangebot parat: „Lass uns doch zusammenarbeiten. LLL übernimmt Oliver’s und wir bauen in den nächsten fünf Jahren ein Imperium auf, das auch die Amerikaner von der Spitze verdrängt.“ Das war’s. Noch mehr hatte ihn diese Frau noch nie beleidigt.
„Träum weiter“, knurrte er und beendete das Telefonat abrupt. Das Smartphone wurde unsanft auf den Tisch zurückgeknallt. Oliver schüttelte energisch den Kopf. Ihm kam in den Sinn, dass Leticia den Deal bestimmt selbst schließen wollte, aber Oliver war ihr zuvorgekommen. Das war seiner Meinung nach der einzige Grund für den Anruf und dieses lächerliche Angebot.
„Von der LLL übernommen werden, dass ich nicht lache“, murmelte er leise vor sich hin und schnaubte abwertend. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein? Wurde er ihr etwa zu gefährlich? Das war nur ein weiterer Ansporn, dieses Meeting in den kommenden Tagen einwandfrei über die Bühne zu bringen.
Ein Blick auf die Uhr ließ Oliver wissen, dass er weit über eine übliche Zubettgehzeit hinweg war, und so entschied er sich, vorerst eine Pause zu machen und das Badezimmer aufzusuchen.
Als er sich nach einer erfrischenden Dusche im Spiegel betrachtete, bemerkte er, wie tief seine Augenringe bereits waren. Wie sehr sein Körper nach Schlaf lechzte, obwohl sein Geist noch so viele Vorbereitungen vornehmen wollte.
„Du hast keine Zeit dazu“, sagte er sich selbst, sauer, dass ihm das Nichterfüllen dieses Grundbedürfnisses so zusetzte. Es war doch schon genug, dass er essen und duschen und hier und da eben seinen Druck mit einer unbedeutenden Bekanntschaft abbauen musste. Aber Schlaf war nur lästig. Es dauerte zu lange, wenn es wirklich einen Nutzen zeigen sollte, und man konnte dabei nichts machen.
Oliver hatte immer funktionieren müssen. Sein Vater hatte ihn immer zu exzellenten Noten gedrillt und ihm sogar einen Tutor bestellt. Mit André hatte er nicht nur die französische Sprache gemeistert, auch vom Schlafen hatte er ihn regelmäßig abgehalten. Es war bestimmt nicht das, was sein Vater damit gemeint hatte, als er ihn eines Morgens an den Haaren aus dem Bett gezogen und gesagt hatte: „Schlafen kannst du im Ruhestand.“ Dennoch. Dieser Satz blieb Oliver über seine gesamte Studienzeit im Kopf. Auch darüber hinaus.
Schlafen war absolut nutzlos im Vergleich zu den anderen Grundbedürfnissen. Die Nahrungsaufnahme ging gerne nebenbei vonstatten. Sex machte Spaß, selbst wenn er bei der Wahl seiner Partner dafür lange nicht mehr so wählerisch wie früher war. Damals hatte er noch das ein oder andere intellektuelle Gespräch gesucht. Denn vielleicht hätte er ja doch jemanden gefunden, der mit ihm auf einer Augenhöhe war. Aber diese Hoffnung hatte er schon lange aufgegeben, zumal sie alle danach so unerträglich gesprächig wurden, und damit konnte er nicht umgehen. Während des Duschens konnte er immerhin seine Gedanken sortieren, und nicht selten spürte er danach neuen Tatendrang.
Wie ferngesteuert machte er den kleinen Schrank im Badezimmer auf und griff nach einem Döschen mit Pillen. Ritalin stand auf einem weißen Aufkleber. Zögernd drehte er den Behälter in der Hand, doch bevor er es öffnen konnte, stellte er es doch zügig wieder zurück. So weit wollte er es nicht kommen lassen. Auch wenn er diesem Schritt schon näher war, als er es jemals hätte sein wollen. Er hatte sich die Tabletten besorgt. Genommen aber noch keine.
„Einstiegsdroge“ ging ihm durch den Kopf. Aber er dachte auch wieder an den Anruf seiner Konkurrentin. Ihr schien Schlaf ebenso zuwider zu sein, warum sonst hätte sie mitten in der Nacht angerufen? Außerdem, egal zu welcher Uhrzeit Oliver am LLL-Business-Tower vorbeifuhr, es brannte immer Licht in diesem einen Büro, von dem er ganz genau wusste, dass sein Gegenpart dort saß und schuftete. Schneller als zuvor griff er wieder zurück in das Kästchen, schnappte die Dose und fummelte eine Tablette heraus. Er besah sie einen Moment und legte sie auf die Zunge.
„Einmal tut keinem weh“, sagte er sich selbst, nachdem er sie mit etwas Wasser geschluckt hatte. Das war nicht der Einstieg. Er würde nicht so enden wie diese dummen Junkies. Der Spiegelschrank wurde geschlossen. Er verließ das Badezimmer und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Eine Welle an Motivation und Kreativität überrollte ihn, und er gewahr ihr, zu walten.
Nach der Perfektionierung seines Vertragsentwurfs tüftelte Oliver an einem neuen Konzept. Würfel, Karten, Figuren, Spielfelder. Die Ideen, Geschichten und Bilder erschienen regelrecht vor seinem geistigen Auge. Oliver konnte kaum schnell genug tippen, Skizzen zeichnen oder Gedanken zu Ende bringen, da war schon das nächste da und verlangte nach Aufmerksamkeit. „Teufelszeug“, dachte er und verfiel dem Rausch und Antrieb des Medikaments.
Die nächsten Nächte verbrachte er in ähnlicher Manier. Die Tabletten wurden immer selbstverständlicher eingenommen, manchmal schlich sich sogar eine zweite dazu. Und am Tag seines geschäftlichen Termins ließ er das kleine Döschen mit Leichtigkeit in seiner Aktentasche verschwinden, gemeinsam mit all seinen Unterlagen. Ein Nobeltaxi wartete bereits auf der Straße, um ihn zum Flughafen zu bringen. In der Business Class wollte er das erste Mal seit fünf Tagen etwas Schlaf abbekommen, ehe er seine Präsentation ein letztes Mal für sich durchging.
„Flug London – New York, Ihr Kapitän heißt Sie herzlich willkommen …“, waren die Stichworte, den Alarm zu stellen, die Ohrenstöpsel einzusetzen und die Augenmaske aufzulegen.
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