Skizzen eines Sommerrausches
EUR 25,90
Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 468
ISBN: 978-3-7116-0018-9
Erscheinungsdatum: 30.09.2024
Zwei gut situierte Arbeitskollegen, beide jeweils im ehelichen Trott gefangen, kommen sich langsam näher, spüren Schmetterlinge im Bauch wie verliebte Teenager. Es entwickelt sich eine stürmische Affäre, die zur erotischen Fahrt in der Achterbahn wird.
Vorgeschichte
Als ich P. das erste Mal sah, begegnete ich einer unscheinbaren, zurückhaltenden Mittvierzigerin, ohne jegliche Anziehungskraft und Ausstrahlung, eher zurückgezogen als auffallend, ernst blickend, mit seltenem Lächeln um die Mundwinkel und langen schwarzen Haaren, im Pony geschnitten, die alle vier Wochen frisch gefärbt wurden, um die grauen Strähnen zu unterdrücken.
Gekleidet üblicherweise in enganliegenden Blue Jeans, die ihre attraktive Figur bewusst betonten, einem dazu passenden Hemd oder Shirt sowie einem nie fehlenden – meines Erachtens jedoch eher überflüssigen – Seidenschal, der täglich wechselte, und trotzdem immer auf dieselbe Art und Weise um ihren Hals gewickelt war. Im Winter trug P. dazu regelmäßig lange, dunkle, abgetragene Lederstiefel, kniehoch, im Sommer hingegen Sandalen oder – etwas seltener jedoch – offene Schuhe mit Absatz oder Sportschuhe.
Niemals hätte ich damals gedacht, dass diese unauffällige und eher farblose Frau Jahre später meine Gefühlswelt so komplett auf den Kopf stellen und mein – auch bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als langweilige – Leben in ein Davor und Danach unterteilen würde.
Ich arbeitete zu dieser Zeit als Vertriebsleiter in einem Schweizer Industriekonzern, der sich auf spezielle Nischenmärkte im Sensorik- und Kommunikationsbereich spezialisiert hatte, und dadurch, da in den adressierten Segmenten weltweit führend, Kunden aus allen Regionen der Welt belieferte. Ich wurde von einem ehemaligen Arbeitskollegen dahin zurückgeholt, kurz nachdem er dort die Leitung des Bereiches übernommen hatte. Die Arbeit bescherte mir eine intensive Reisetätigkeit, so wie ich sie mir seit meinen jungen Jahren gewünscht und danach schätzten gelernt hatte, was jedoch nach sich zog, dass ich eher selten im Büro, sondern oft unterwegs war. Überzeugt hatte mich nicht nur die Vielfältigkeit und Verantwortung des Jobs als Vertriebsleiter, sondern auch die Gelegenheit in der Geschäftsleitung Einsitz zu nehmen und aktiv die Geschicke der Business Unit steuern zu können. Und so kündigte ich beim damaligen Arbeitgeber und trat meine neue Aufgabe im Februar des Jahres 2016 an.
P. stieß nur wenige Monate nach mir zur Firma, vermittelt durch eine Headhunter-Agentur für höhere Kaderangestellte, und sollte die Leitung des Innendienstes übernehmen. Ihre ruhige Art und seriöse Ausstrahlung sowie ihre breiten Kenntnisse im Einführen neuer IT-Plattformen qualifizierten sie hervorragend für diese Herausforderung, die Fähigkeit zur Leitung eines Teams hatte sie schon in ihren früheren Tätigkeiten bewiesen. Ihr Beitritt zur Geschäftsleitung war anfangs nicht vorgesehen, wurde P. aber ein Jahr nach ihrem Dazustoßen aufgrund der erreichten Resultate, welche sie in dieser Zeit vorweisen konnte, berechtigterweise angeboten.
Mit ihrem Beitritt waren wir nun zu fünft, welche die Division leiteten. P. war jedoch das einzige weibliche Mitglied, und dies in einer Firma, in welcher Frauen bis dahin nur in einfachen Positionen in der Sensorkonfektion und in der Endprüfung anzutreffen waren. Meine Wahrnehmung von P. hatte sich dadurch zwar nicht sonderlich verändert, aber es hatte zur Folge, dass ich ihr von da an öfters begegnete, und vor allem, dass ich nun vermehrt mit ihr direkt zu tun hatte als noch in den Tagen zuvor. Ich lernte sie jetzt als Kollegin schätzen, unterhielt mich mit ihr regelmäßig morgens bei einer Tasse Kaffee oder – zwar eher selten noch – bei einem gemeinsamen Mittagessen zusammen mit den Kollegen der Geschäftsleitung.
Zwei Jahre nach unserem Einstieg ins Unternehmen beschloss der Mutterkonzern sich auf sein Kerngeschäft zu reduzieren, den Fokus anders zu setzten und sich als Folge dessen von unserer Division zu trennen. Die Geschäfte unserer Einheit liefen zwar gut, aber die Quersubventionierung in andere Bereiche des Unternehmens ließ am Ende des Jahres kaum mehr als eine schwarze Null übrig.
Um vor der Presse und den regionalen Honoratioren in besserem Licht zu erscheinen, bot der Konzern uns an, den gesamten Sensor-Bereich mittels eines Management-Buy-outs herauszukaufen und eine eigenständige Firma auf die Beine zu stellen, die vollständig vom Stammhaus abgespalten werden sollte, alle Kunden, Projekte und Produkte jedoch als Teil des Startkapitals übernehmen durfte. Die Alternative, den gesamten Bereich zu schließen und damit an die fünfzig, zum großen Teil langjährige Mitarbeiter, auf die Straße zu stellen, wäre der Öffentlichkeit durchaus schwieriger zu vermitteln gewesen.
Von den damals fünf Mitgliedern der Geschäftsleitung waren nur vier dazu bereit, in dieses Abenteuer einzusteigen, das fünfte zog sich zurück und wechselte die Firma, da es uns die Bewältigung der Herausforderung nicht zutraute. Nur noch zu viert reichten unsere privaten finanziellen Mittel bei Weitem nicht aus, um diesen Schritt allein zu vollziehen, und so machte man sich auf die Suche nach potenziellen externen Investoren, welche zwar keine persönliche Verbundenheit zur Firma mitbrachten, jedoch genügend monetäre Argumente, um die Aktienmehrheit zu übernehmen.
Anfänglich noch zögernd, erkannte alsbald auch ich, dass dies eine einmalige Chance in meinem Leben sein würde, und so schloss ich mich dem verbliebenen Kollegium an und verhandelte mit den Investoren unsere neuen Arbeitsverträge, welche aufgrund der neuen Ausgangslage um einiges attraktiver wurden als noch in der Zeit davor. Dies war mit großer Wahrscheinlichkeit der Anfang einer noch engeren Zusammenarbeit mit P., was nach sich zog, dass ich sie von da an noch besser und vor allem anders kennenlernte als bisher.
Die Initialphase der neuen Organisation war geprägt von einer langen Serie aufgezwungener Workshops, die uns von den Mehrheitsaktionären verschrieben wurden, um die Ausrichtung der Firma neu zu definieren, die Strategie der Segmente zu formulieren, die Arbeitsteams frisch aufzustellen sowie um alle Prozesse umzuformulieren – und trotz unseres Wissens, dass die alten Strategien und Ausrichtungen eigentlich stimmten und nur neu bestätigt werden mussten, brauchten wir lange, um zu merken, dass uns diese Schulungspakete einzig und allein darum aufgedrückt wurden, um bereits investiertes Geld möglichst schnell wieder aus der Firma herauszuziehen und somit das Verlustrisiko der Hauptaktionäre zu minimieren.
Es führte aber auch zu einer noch engeren Zusammenarbeit mit dem Leitungsteam, teilweise mit großen Reibungsflächen untereinander, die sich zeitweise als sehr belastend herausstellten. Die Workshops dauerten meistens zwei Tage, mit einer Übernachtung auswärts, sowie gemeinsamen Teamfindungsaktivitäten nach Arbeitsschluss. Den Abend besiegelten wir dann oft noch mit dem einen oder anderen Glas Wein oder mit einem Bier, dies allerdings meistens nicht in vollständiger Besetzung; nur der harte Kern zog nach dem Abendessen noch in eine nahegelegene Bar, die übrigen bevorzugten, sich auf ihre Zimmer zu begeben.
P. gehörte, wie auch ich, immer diesem harten Kern an, und es ist auf diese Veranstaltungen zurückzuführen, dass ich sie plötzlich als sehr lustige und aufgestellte, warmherzige und liebenswürdige Kollegin betrachten und allmählich in mein Herz zu schließen begann. Zu dritt oder viert rauchten wir dann gemeinsam eine Wasserpfeife oder verzogen uns in eine Zigarren-Lounge, bestellen Gin in Kellerbars und lauschten den Jazzmusikern bei ihren Interpretationen bekannter Songs.
Später dann, nachdem auch wir uns auf unsere Zimmer zurückgezogen hatten, dachte ich manchmal an P., stellte sie mir in ihren engen Jeans vor, malte mir aus, wie es wäre, wenn ich sie noch auf ihrem Zimmer besuchen würde, überlegte mir, sie anzurufen und auf ein letztes Glas aus der Minibar zu mir zu bitten; aber es blieb immer bei diesen kurzen Gedankenspielen vor dem Einschlafen – mehr wurde daraus nie.
Ich war Zeit meines Lebens ein kommunikativer und extrovertierter Charakter, allerdings in Herzensangelegenheiten meist scheu und zurückhaltend, was sich auch mit zunehmendem Alter und wachsendem Selbstbewusstsein nie wesentlich geändert hat. Niemals hätte ich den Mut aufgebracht, P. auch nur andeutungsweise darauf anzusprechen, dass ich mich von ihr seit einiger Zeit angezogen fühlte. Der Weg zu den meisten meiner früheren Beziehungen wurde von der späteren Partnerin bereitet, ein fallen gelassener Handschuh, den ich jedoch meistens schnell und gerne aufgenommen und weiter kultiviert habe. Eine der wenigen Ausnahmen davon ist die Beziehung zu meiner heutigen Frau; in diesem Fall ging die Initiative unbestritten von meiner Seite aus, da sie selbst noch wesentlich zurückhaltender ist als ich selbst.
Doch nicht nur meine Schüchternheit stand mir im Wege, es kam der Umstand dazu, dass P. seit Jahren verheiratet war und zwei Kinder, die nun in den Teenager-Jahren steckten und noch zu Hause wohnten, großgezogen hatte. Zudem war ihr Ehemann den meisten in der Firma vage bekannt, holte er sie doch von Zeit zu Zeit von der Arbeit ab, meistens an solchen Tagen, an welchen sich ihr Auto im Service befand und sie demzufolge mit dem Zug ins Geschäft gefahren war. Es kam auch vor, dass er bei solcher Gelegenheit kurz in den Kaffeeraum hochkam und einen kleinen Espresso zu sich nahm, sich mit den Anwesenden über Belangloses unterhaltend, bis P. ihren Laptop runtergefahren und ihre Sachen zusammengepackt hatte. Auch ich hatte zu Hause eine Frau und eine Familie; wir legten jedoch großen Wert auf unser Privatleben, sodass man in der Firma meine Frau nur wenig kannte, unsere Töchter schon gar nicht. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – war eine Beziehung mit P. zwar eine sehr schöne Vorstellung, welche sich jedoch fernab jeglicher Realität bewegte.
Während eines dieser besagten Workshops wurde P. in einem Reorganisationsexperiment praktisch ihr gesamtes Team entzogen sowie ihr Verantwortlichkeitsbereich völlig auf den Kopf gestellt. Und dies geschah mit einer so kaltblütigen Selbstverständlichkeit, dass es P. nahe an den Rand der Tränen trieb, sie sich praktisch nicht mehr dazu äußern konnte und – völlig verstummt – das ganze Elend über sich hinwegziehen ließ. Abends dann merkte man ihr nicht mehr viel an, sie gebärdete sich allerdings sehr ruhig und in sich zurückgezogen, lächelte selten, erinnerte mich wieder an die Frau, welche ich zu Beginn unserer Bekanntschaft wahrgenommen hatte. Ich fühlte mit ihr, war selbst auch traurig über das Geschehene, konnte ihr aber nicht wirklich weiterhelfen, da das Übel auch über mich und meinen Bereich herzog, zwar nicht in derselben Art und Weise wie bei P., doch auch ich hatte meine Kröten zu schlucken und versuchte daran nicht zu ersticken. Und so kam es, dass der unschöne Vorfall erst eine Woche danach, als wir wieder alle im Geschäft waren, seine volle Tragweite offenbarte.
Zu dieser Zeit hatte ich noch ein Einzelbüro, mein ehemaliger Kollege hatte die Unternehmung bereits vor einem Monat verlassen und ließ mich als Erbe des gesamten Reiches zurück, worüber ich jedoch nicht traurig war. Ich schätzte meine Ruhe, wenn ich mit Kunden im Ausland telefonieren und verhandeln musste, und dies konnte ich nun ungestört tun.
Eines Morgens in der auf den Workshop folgenden Woche betrat P. unerwartet mein Arbeitszimmer, mit Tränen in den Augen und einem Briefumschlag in ihren Händen. Nach anfänglichem Zögern weinte sie sich aus, sagte, dass sie das Vorgefallene nie von uns erwartet hätte, dass sie unter solchen Umständen nicht mehr weitermachen wolle und könne und dass sie von uns allen in einem nicht wiedergutzumachenden Ausmaß enttäuscht worden sei.
„Für mich gibt es in dieser Firma keinen Platz mehr“, schluchzte sie, „und dies nach all den Anstrengungen und Aufopferungen, die ich auf mich genommen habe, die mich in der Anfangsphase des Firmenumbruchs regelmäßig bis abends um 10 Uhr haben arbeiten lassen, während andere Kollegen des Gremiums sich schlank aus der Affäre zogen, nachmittags nach Hause verschwanden und uns mit den Problemen allein zurückließen. Ich habe tagelang meine Kinder gar nicht gesehen, da sie schon im Bett waren, wenn ich abends von der Arbeit kam, und morgens früh um fünf, als ich mich schon wieder auf den Weg ins Büro machte, noch nicht einmal wach waren.“ Tränen liefen unter ihrer Brille hervor, verschmierten ihr das Gesicht, auch wenn P. sich selten schminkte. Mir tat es im Herzen weh, sie so zu sehen, ich spürte, wie auch meine Augen glasig wurden, blickte zu Boden, suchte nach Worten.
„Auch du warst dann nicht da“, sagte P., „aber bei dir war es etwas anders, du warst entweder im Spital wegen deiner Schulter oder auf Geschäftsreise, kannst also nicht wirklich was dafür; aber allein war ich halt doch. Und nun soll das der Dank dafür sein?“ Sie drehte sich um und sagte, dass sie den Brief in dieser Nacht verfasst hätte und ihn nun der Geschäftsleitung vorlegen wolle. „Es ist meine Kündigung“, erklärte P. noch, obwohl ich mir dies fast schon hätte denken können.
Trotzdem war ich wie vor den Kopf gestoßen, traute meinen Ohren nicht. Jetzt, wo ich P. immer mehr zu mögen und zu schätzen begann, sie fest ins Herz geschlossen hatte, jetzt wollte sie gehen? Ich schloss die Tür vor ihrem Gesicht und hielt sie zurück, begann auf sie einzureden, sie zu trösten, sie mit allen mir einfallenden Argumenten von diesem Schritt abzuhalten, verbrüderte mich mit ihr gegen die anderen, gab ihr recht und gestand, dass auch ich mich manchmal so fühlte, trotzdem aber weitermachte.
Wir redeten und redeten. Am Ende meinte sie, dass sie es sich bis morgen nochmals überlegen wolle, den Brief heute nicht abgeben, ihn aber einstweilen auch noch nicht vernichten wolle. Als sie tags darauf dann wieder in mein Büro kam, dankte sie mir und gestand, dass sie es sich wegen mir nochmals anders überlegt hätte und weiterhin in der Firma bleiben würde. „Danke, dass du mich gestern angehört hast, dass du mich getröstet und ernst genommen hast. Ohne dich wäre ich jetzt weg …“
In den kommenden Monaten und Jahren kam sie gelegentlich mal auf diese Geschichte zu sprechen und wiederholte, dass ich es gewesen wäre, der sie damals zurückgehalten hätte. Mich machte sie mit solchen Aussagen sehr glücklich, es schien, als hätte ich damit eine ganz spezielle Rolle in ihrem Leben eingenommen.
Irgendwann kam dann Covid-19 und veränderte die Welt. Auch unser Büro blieb nicht mehr so, wie es früher mal war: Nur noch die Leute in der Produktion waren täglich in der Firma, da die Maschinen nicht von zu Hause aus bedient werden konnten. Allerdings sorgten die großen Abstände in den Hallen dafür, dass dieser Umstand nie problematisch war, eine Ansteckung konnte jederzeit gut vermieden werden.
In den Büros allerdings sah es anders aus: Es ging um kleinere und engere Räume und mehr Mitarbeiter, die sich darin aufhielten. Die Geschäftsleitung beschloss, die meisten davon ins Homeoffice zu verlegen. Auch von uns vom Management war jeweils nur noch ein Vertreter, der täglich wechselte, im Büro zugegen. Es wurde ein Einsatzplan erstellt, welcher wöchentlich aktualisiert wurde, Desinfektionsmittel-Flaschen wurden auf allen Tischen zur Verfügung gestellt – und die Maskentragepflicht hielt Einzug.
Ich sah P. nun nur noch sporadisch und auch an den seltenen Tagen, an welchen wir beide zugegen waren, war der Kontakt stark reduziert. Die Zuneigung, die ich zu ihr gefasst hatte, verlief im Sand, der Status Quo übernahm das Regime und P. wurde wieder zu einer Kollegin wie andere auch, persönliche Gespräche mit ihr bildeten die Ausnahme. Trotzdem fehlte mir nichts, ich spürte keinen Verlust und auch keine Sehnsucht nach den vergangenen Zeiten.
Das neue Leben pendelte sich ein im Rhythmus von PCR-2-Tests und Corona-Impfungen – die Nachrichtenkanäle auf allen Sendern berichteten nur noch und ausschließlich über Neuinfektionskennzahlen, statistische Mittelwerte, Sterblichkeitsraten, Quarantänemaßnahmen und eine Vielzahl weiterer neu kreierter klinischer Messgrößen. Praktisch wöchentlich wurde ein neuer Kennwert definiert und herangezogen. Selbst wurde man zum Mitbetroffenen und Zuschauer zugleich, die Monotonie lähmte das öffentliche Leben, man blieb zu Hause und wartete ab.
Vor der Epidemie war ich regelmäßig auf Geschäftsreisen, besuchte Kunden und Partner, suchte und akquirierte Projekte auf allen fünf Kontinenten. Dies änderte sich mit dem neuen Virus schlagartig: Dienstreisen gab es praktisch keine mehr, die Meetings wurden über neue Online-Medienplattformen abgehalten, persönlicher Kundenkontakt wurde zu einer seltenen Ausnahme.
Und so verging die Zeit, das Jahr 2020 neigte sich dem Ende zu, alles blieb wie gehabt. Wer dachte, dass sich im neu beginnenden Zeitabschnitt die Dinge wieder normalisieren würden, sah sich grundlegend getäuscht. Erst im Sommer zeigten die Infektionszahlen nach unten, weitere gravierende Wellen wurden nicht mehr befürchtet, eine allmähliche Entwarnung hielt Einzug in unser aller Leben.
Im Herbst 2021 rechnete man dann definitiv mit einer Normalisierung auch in der Arbeitswelt. Die Geschäftsleitung dachte über das Wiedereinführen des Weihnachtsessens mit allen Mitarbeitern nach – als Zeichen der Verbundenheit und des Neuanfangs.
Als ich P. das erste Mal sah, begegnete ich einer unscheinbaren, zurückhaltenden Mittvierzigerin, ohne jegliche Anziehungskraft und Ausstrahlung, eher zurückgezogen als auffallend, ernst blickend, mit seltenem Lächeln um die Mundwinkel und langen schwarzen Haaren, im Pony geschnitten, die alle vier Wochen frisch gefärbt wurden, um die grauen Strähnen zu unterdrücken.
Gekleidet üblicherweise in enganliegenden Blue Jeans, die ihre attraktive Figur bewusst betonten, einem dazu passenden Hemd oder Shirt sowie einem nie fehlenden – meines Erachtens jedoch eher überflüssigen – Seidenschal, der täglich wechselte, und trotzdem immer auf dieselbe Art und Weise um ihren Hals gewickelt war. Im Winter trug P. dazu regelmäßig lange, dunkle, abgetragene Lederstiefel, kniehoch, im Sommer hingegen Sandalen oder – etwas seltener jedoch – offene Schuhe mit Absatz oder Sportschuhe.
Niemals hätte ich damals gedacht, dass diese unauffällige und eher farblose Frau Jahre später meine Gefühlswelt so komplett auf den Kopf stellen und mein – auch bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als langweilige – Leben in ein Davor und Danach unterteilen würde.
Ich arbeitete zu dieser Zeit als Vertriebsleiter in einem Schweizer Industriekonzern, der sich auf spezielle Nischenmärkte im Sensorik- und Kommunikationsbereich spezialisiert hatte, und dadurch, da in den adressierten Segmenten weltweit führend, Kunden aus allen Regionen der Welt belieferte. Ich wurde von einem ehemaligen Arbeitskollegen dahin zurückgeholt, kurz nachdem er dort die Leitung des Bereiches übernommen hatte. Die Arbeit bescherte mir eine intensive Reisetätigkeit, so wie ich sie mir seit meinen jungen Jahren gewünscht und danach schätzten gelernt hatte, was jedoch nach sich zog, dass ich eher selten im Büro, sondern oft unterwegs war. Überzeugt hatte mich nicht nur die Vielfältigkeit und Verantwortung des Jobs als Vertriebsleiter, sondern auch die Gelegenheit in der Geschäftsleitung Einsitz zu nehmen und aktiv die Geschicke der Business Unit steuern zu können. Und so kündigte ich beim damaligen Arbeitgeber und trat meine neue Aufgabe im Februar des Jahres 2016 an.
P. stieß nur wenige Monate nach mir zur Firma, vermittelt durch eine Headhunter-Agentur für höhere Kaderangestellte, und sollte die Leitung des Innendienstes übernehmen. Ihre ruhige Art und seriöse Ausstrahlung sowie ihre breiten Kenntnisse im Einführen neuer IT-Plattformen qualifizierten sie hervorragend für diese Herausforderung, die Fähigkeit zur Leitung eines Teams hatte sie schon in ihren früheren Tätigkeiten bewiesen. Ihr Beitritt zur Geschäftsleitung war anfangs nicht vorgesehen, wurde P. aber ein Jahr nach ihrem Dazustoßen aufgrund der erreichten Resultate, welche sie in dieser Zeit vorweisen konnte, berechtigterweise angeboten.
Mit ihrem Beitritt waren wir nun zu fünft, welche die Division leiteten. P. war jedoch das einzige weibliche Mitglied, und dies in einer Firma, in welcher Frauen bis dahin nur in einfachen Positionen in der Sensorkonfektion und in der Endprüfung anzutreffen waren. Meine Wahrnehmung von P. hatte sich dadurch zwar nicht sonderlich verändert, aber es hatte zur Folge, dass ich ihr von da an öfters begegnete, und vor allem, dass ich nun vermehrt mit ihr direkt zu tun hatte als noch in den Tagen zuvor. Ich lernte sie jetzt als Kollegin schätzen, unterhielt mich mit ihr regelmäßig morgens bei einer Tasse Kaffee oder – zwar eher selten noch – bei einem gemeinsamen Mittagessen zusammen mit den Kollegen der Geschäftsleitung.
Zwei Jahre nach unserem Einstieg ins Unternehmen beschloss der Mutterkonzern sich auf sein Kerngeschäft zu reduzieren, den Fokus anders zu setzten und sich als Folge dessen von unserer Division zu trennen. Die Geschäfte unserer Einheit liefen zwar gut, aber die Quersubventionierung in andere Bereiche des Unternehmens ließ am Ende des Jahres kaum mehr als eine schwarze Null übrig.
Um vor der Presse und den regionalen Honoratioren in besserem Licht zu erscheinen, bot der Konzern uns an, den gesamten Sensor-Bereich mittels eines Management-Buy-outs herauszukaufen und eine eigenständige Firma auf die Beine zu stellen, die vollständig vom Stammhaus abgespalten werden sollte, alle Kunden, Projekte und Produkte jedoch als Teil des Startkapitals übernehmen durfte. Die Alternative, den gesamten Bereich zu schließen und damit an die fünfzig, zum großen Teil langjährige Mitarbeiter, auf die Straße zu stellen, wäre der Öffentlichkeit durchaus schwieriger zu vermitteln gewesen.
Von den damals fünf Mitgliedern der Geschäftsleitung waren nur vier dazu bereit, in dieses Abenteuer einzusteigen, das fünfte zog sich zurück und wechselte die Firma, da es uns die Bewältigung der Herausforderung nicht zutraute. Nur noch zu viert reichten unsere privaten finanziellen Mittel bei Weitem nicht aus, um diesen Schritt allein zu vollziehen, und so machte man sich auf die Suche nach potenziellen externen Investoren, welche zwar keine persönliche Verbundenheit zur Firma mitbrachten, jedoch genügend monetäre Argumente, um die Aktienmehrheit zu übernehmen.
Anfänglich noch zögernd, erkannte alsbald auch ich, dass dies eine einmalige Chance in meinem Leben sein würde, und so schloss ich mich dem verbliebenen Kollegium an und verhandelte mit den Investoren unsere neuen Arbeitsverträge, welche aufgrund der neuen Ausgangslage um einiges attraktiver wurden als noch in der Zeit davor. Dies war mit großer Wahrscheinlichkeit der Anfang einer noch engeren Zusammenarbeit mit P., was nach sich zog, dass ich sie von da an noch besser und vor allem anders kennenlernte als bisher.
Die Initialphase der neuen Organisation war geprägt von einer langen Serie aufgezwungener Workshops, die uns von den Mehrheitsaktionären verschrieben wurden, um die Ausrichtung der Firma neu zu definieren, die Strategie der Segmente zu formulieren, die Arbeitsteams frisch aufzustellen sowie um alle Prozesse umzuformulieren – und trotz unseres Wissens, dass die alten Strategien und Ausrichtungen eigentlich stimmten und nur neu bestätigt werden mussten, brauchten wir lange, um zu merken, dass uns diese Schulungspakete einzig und allein darum aufgedrückt wurden, um bereits investiertes Geld möglichst schnell wieder aus der Firma herauszuziehen und somit das Verlustrisiko der Hauptaktionäre zu minimieren.
Es führte aber auch zu einer noch engeren Zusammenarbeit mit dem Leitungsteam, teilweise mit großen Reibungsflächen untereinander, die sich zeitweise als sehr belastend herausstellten. Die Workshops dauerten meistens zwei Tage, mit einer Übernachtung auswärts, sowie gemeinsamen Teamfindungsaktivitäten nach Arbeitsschluss. Den Abend besiegelten wir dann oft noch mit dem einen oder anderen Glas Wein oder mit einem Bier, dies allerdings meistens nicht in vollständiger Besetzung; nur der harte Kern zog nach dem Abendessen noch in eine nahegelegene Bar, die übrigen bevorzugten, sich auf ihre Zimmer zu begeben.
P. gehörte, wie auch ich, immer diesem harten Kern an, und es ist auf diese Veranstaltungen zurückzuführen, dass ich sie plötzlich als sehr lustige und aufgestellte, warmherzige und liebenswürdige Kollegin betrachten und allmählich in mein Herz zu schließen begann. Zu dritt oder viert rauchten wir dann gemeinsam eine Wasserpfeife oder verzogen uns in eine Zigarren-Lounge, bestellen Gin in Kellerbars und lauschten den Jazzmusikern bei ihren Interpretationen bekannter Songs.
Später dann, nachdem auch wir uns auf unsere Zimmer zurückgezogen hatten, dachte ich manchmal an P., stellte sie mir in ihren engen Jeans vor, malte mir aus, wie es wäre, wenn ich sie noch auf ihrem Zimmer besuchen würde, überlegte mir, sie anzurufen und auf ein letztes Glas aus der Minibar zu mir zu bitten; aber es blieb immer bei diesen kurzen Gedankenspielen vor dem Einschlafen – mehr wurde daraus nie.
Ich war Zeit meines Lebens ein kommunikativer und extrovertierter Charakter, allerdings in Herzensangelegenheiten meist scheu und zurückhaltend, was sich auch mit zunehmendem Alter und wachsendem Selbstbewusstsein nie wesentlich geändert hat. Niemals hätte ich den Mut aufgebracht, P. auch nur andeutungsweise darauf anzusprechen, dass ich mich von ihr seit einiger Zeit angezogen fühlte. Der Weg zu den meisten meiner früheren Beziehungen wurde von der späteren Partnerin bereitet, ein fallen gelassener Handschuh, den ich jedoch meistens schnell und gerne aufgenommen und weiter kultiviert habe. Eine der wenigen Ausnahmen davon ist die Beziehung zu meiner heutigen Frau; in diesem Fall ging die Initiative unbestritten von meiner Seite aus, da sie selbst noch wesentlich zurückhaltender ist als ich selbst.
Doch nicht nur meine Schüchternheit stand mir im Wege, es kam der Umstand dazu, dass P. seit Jahren verheiratet war und zwei Kinder, die nun in den Teenager-Jahren steckten und noch zu Hause wohnten, großgezogen hatte. Zudem war ihr Ehemann den meisten in der Firma vage bekannt, holte er sie doch von Zeit zu Zeit von der Arbeit ab, meistens an solchen Tagen, an welchen sich ihr Auto im Service befand und sie demzufolge mit dem Zug ins Geschäft gefahren war. Es kam auch vor, dass er bei solcher Gelegenheit kurz in den Kaffeeraum hochkam und einen kleinen Espresso zu sich nahm, sich mit den Anwesenden über Belangloses unterhaltend, bis P. ihren Laptop runtergefahren und ihre Sachen zusammengepackt hatte. Auch ich hatte zu Hause eine Frau und eine Familie; wir legten jedoch großen Wert auf unser Privatleben, sodass man in der Firma meine Frau nur wenig kannte, unsere Töchter schon gar nicht. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – war eine Beziehung mit P. zwar eine sehr schöne Vorstellung, welche sich jedoch fernab jeglicher Realität bewegte.
Während eines dieser besagten Workshops wurde P. in einem Reorganisationsexperiment praktisch ihr gesamtes Team entzogen sowie ihr Verantwortlichkeitsbereich völlig auf den Kopf gestellt. Und dies geschah mit einer so kaltblütigen Selbstverständlichkeit, dass es P. nahe an den Rand der Tränen trieb, sie sich praktisch nicht mehr dazu äußern konnte und – völlig verstummt – das ganze Elend über sich hinwegziehen ließ. Abends dann merkte man ihr nicht mehr viel an, sie gebärdete sich allerdings sehr ruhig und in sich zurückgezogen, lächelte selten, erinnerte mich wieder an die Frau, welche ich zu Beginn unserer Bekanntschaft wahrgenommen hatte. Ich fühlte mit ihr, war selbst auch traurig über das Geschehene, konnte ihr aber nicht wirklich weiterhelfen, da das Übel auch über mich und meinen Bereich herzog, zwar nicht in derselben Art und Weise wie bei P., doch auch ich hatte meine Kröten zu schlucken und versuchte daran nicht zu ersticken. Und so kam es, dass der unschöne Vorfall erst eine Woche danach, als wir wieder alle im Geschäft waren, seine volle Tragweite offenbarte.
Zu dieser Zeit hatte ich noch ein Einzelbüro, mein ehemaliger Kollege hatte die Unternehmung bereits vor einem Monat verlassen und ließ mich als Erbe des gesamten Reiches zurück, worüber ich jedoch nicht traurig war. Ich schätzte meine Ruhe, wenn ich mit Kunden im Ausland telefonieren und verhandeln musste, und dies konnte ich nun ungestört tun.
Eines Morgens in der auf den Workshop folgenden Woche betrat P. unerwartet mein Arbeitszimmer, mit Tränen in den Augen und einem Briefumschlag in ihren Händen. Nach anfänglichem Zögern weinte sie sich aus, sagte, dass sie das Vorgefallene nie von uns erwartet hätte, dass sie unter solchen Umständen nicht mehr weitermachen wolle und könne und dass sie von uns allen in einem nicht wiedergutzumachenden Ausmaß enttäuscht worden sei.
„Für mich gibt es in dieser Firma keinen Platz mehr“, schluchzte sie, „und dies nach all den Anstrengungen und Aufopferungen, die ich auf mich genommen habe, die mich in der Anfangsphase des Firmenumbruchs regelmäßig bis abends um 10 Uhr haben arbeiten lassen, während andere Kollegen des Gremiums sich schlank aus der Affäre zogen, nachmittags nach Hause verschwanden und uns mit den Problemen allein zurückließen. Ich habe tagelang meine Kinder gar nicht gesehen, da sie schon im Bett waren, wenn ich abends von der Arbeit kam, und morgens früh um fünf, als ich mich schon wieder auf den Weg ins Büro machte, noch nicht einmal wach waren.“ Tränen liefen unter ihrer Brille hervor, verschmierten ihr das Gesicht, auch wenn P. sich selten schminkte. Mir tat es im Herzen weh, sie so zu sehen, ich spürte, wie auch meine Augen glasig wurden, blickte zu Boden, suchte nach Worten.
„Auch du warst dann nicht da“, sagte P., „aber bei dir war es etwas anders, du warst entweder im Spital wegen deiner Schulter oder auf Geschäftsreise, kannst also nicht wirklich was dafür; aber allein war ich halt doch. Und nun soll das der Dank dafür sein?“ Sie drehte sich um und sagte, dass sie den Brief in dieser Nacht verfasst hätte und ihn nun der Geschäftsleitung vorlegen wolle. „Es ist meine Kündigung“, erklärte P. noch, obwohl ich mir dies fast schon hätte denken können.
Trotzdem war ich wie vor den Kopf gestoßen, traute meinen Ohren nicht. Jetzt, wo ich P. immer mehr zu mögen und zu schätzen begann, sie fest ins Herz geschlossen hatte, jetzt wollte sie gehen? Ich schloss die Tür vor ihrem Gesicht und hielt sie zurück, begann auf sie einzureden, sie zu trösten, sie mit allen mir einfallenden Argumenten von diesem Schritt abzuhalten, verbrüderte mich mit ihr gegen die anderen, gab ihr recht und gestand, dass auch ich mich manchmal so fühlte, trotzdem aber weitermachte.
Wir redeten und redeten. Am Ende meinte sie, dass sie es sich bis morgen nochmals überlegen wolle, den Brief heute nicht abgeben, ihn aber einstweilen auch noch nicht vernichten wolle. Als sie tags darauf dann wieder in mein Büro kam, dankte sie mir und gestand, dass sie es sich wegen mir nochmals anders überlegt hätte und weiterhin in der Firma bleiben würde. „Danke, dass du mich gestern angehört hast, dass du mich getröstet und ernst genommen hast. Ohne dich wäre ich jetzt weg …“
In den kommenden Monaten und Jahren kam sie gelegentlich mal auf diese Geschichte zu sprechen und wiederholte, dass ich es gewesen wäre, der sie damals zurückgehalten hätte. Mich machte sie mit solchen Aussagen sehr glücklich, es schien, als hätte ich damit eine ganz spezielle Rolle in ihrem Leben eingenommen.
Irgendwann kam dann Covid-19 und veränderte die Welt. Auch unser Büro blieb nicht mehr so, wie es früher mal war: Nur noch die Leute in der Produktion waren täglich in der Firma, da die Maschinen nicht von zu Hause aus bedient werden konnten. Allerdings sorgten die großen Abstände in den Hallen dafür, dass dieser Umstand nie problematisch war, eine Ansteckung konnte jederzeit gut vermieden werden.
In den Büros allerdings sah es anders aus: Es ging um kleinere und engere Räume und mehr Mitarbeiter, die sich darin aufhielten. Die Geschäftsleitung beschloss, die meisten davon ins Homeoffice zu verlegen. Auch von uns vom Management war jeweils nur noch ein Vertreter, der täglich wechselte, im Büro zugegen. Es wurde ein Einsatzplan erstellt, welcher wöchentlich aktualisiert wurde, Desinfektionsmittel-Flaschen wurden auf allen Tischen zur Verfügung gestellt – und die Maskentragepflicht hielt Einzug.
Ich sah P. nun nur noch sporadisch und auch an den seltenen Tagen, an welchen wir beide zugegen waren, war der Kontakt stark reduziert. Die Zuneigung, die ich zu ihr gefasst hatte, verlief im Sand, der Status Quo übernahm das Regime und P. wurde wieder zu einer Kollegin wie andere auch, persönliche Gespräche mit ihr bildeten die Ausnahme. Trotzdem fehlte mir nichts, ich spürte keinen Verlust und auch keine Sehnsucht nach den vergangenen Zeiten.
Das neue Leben pendelte sich ein im Rhythmus von PCR-2-Tests und Corona-Impfungen – die Nachrichtenkanäle auf allen Sendern berichteten nur noch und ausschließlich über Neuinfektionskennzahlen, statistische Mittelwerte, Sterblichkeitsraten, Quarantänemaßnahmen und eine Vielzahl weiterer neu kreierter klinischer Messgrößen. Praktisch wöchentlich wurde ein neuer Kennwert definiert und herangezogen. Selbst wurde man zum Mitbetroffenen und Zuschauer zugleich, die Monotonie lähmte das öffentliche Leben, man blieb zu Hause und wartete ab.
Vor der Epidemie war ich regelmäßig auf Geschäftsreisen, besuchte Kunden und Partner, suchte und akquirierte Projekte auf allen fünf Kontinenten. Dies änderte sich mit dem neuen Virus schlagartig: Dienstreisen gab es praktisch keine mehr, die Meetings wurden über neue Online-Medienplattformen abgehalten, persönlicher Kundenkontakt wurde zu einer seltenen Ausnahme.
Und so verging die Zeit, das Jahr 2020 neigte sich dem Ende zu, alles blieb wie gehabt. Wer dachte, dass sich im neu beginnenden Zeitabschnitt die Dinge wieder normalisieren würden, sah sich grundlegend getäuscht. Erst im Sommer zeigten die Infektionszahlen nach unten, weitere gravierende Wellen wurden nicht mehr befürchtet, eine allmähliche Entwarnung hielt Einzug in unser aller Leben.
Im Herbst 2021 rechnete man dann definitiv mit einer Normalisierung auch in der Arbeitswelt. Die Geschäftsleitung dachte über das Wiedereinführen des Weihnachtsessens mit allen Mitarbeitern nach – als Zeichen der Verbundenheit und des Neuanfangs.

