Cover: Sizilien – Cosa Nostra

Sizilien – Cosa Nostra
Erfüllung


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 376
ISBN: 978-3-7116-1668-5
Erscheinungsdatum: 08.07.2026
Nach dem Tod ihres Mannes reist Talia nach Sizilien, um ihre Trauer hinter sich zu lassen. Doch erst die Begegnung mit einem kleinen Mädchen rührt ihr Herz – und zieht sie zugleich in die gefährliche Welt des Mafiabosses Salvatore Denaro.
1. Das Jahr 2010

Sizilien


Salvatore Denaro ist mit seinen fast dreißig Lebensjahren der Sohn, den sich jeder CAPOFAMIGLIA als Nachfolger wünschte. Er ist der ganze Stolz seines Vaters Matteo Denaro. Salvatore ist zu einem stattlichen Ehrenmann (UOMO D’ONORE) herangewachsen. Mit seinen 1,9 m Körpergröße ist er untypisch riesig für italienische Verhältnisse. Selbst sein Vater brachte es in seiner Jugend nur auf 1,7 Meter. Seine haselnussbraune Augenfarbe erbte er von seiner Mutter.
Sie war eine kleine, zierliche Frau, die leider zu früh für den Jungen an Brustkrebs verstarb. Seine schwarzen, gewellten Haare waren ein Geschenk der DNA seines Großvaters. Sein Vater ist hier leer ausgegangen und hatte mit dreißig Jahren eine Platte am Kopf. Die fehlende Mutterliebe und die strenge Erziehung des Mafiabosses Matteo Denaro erschufen in seinem eigenen Kind ein Ebenbild von sich selbst. Salvatores Mutter war eine äußerst liebevolle und hingebungsvolle Frau. Sie war für ihre bäuerliche Abstammung belesen. In jungen Jahren stach sie wie ein Sonnenstrahl aus zerrissenen Wolken aus der Masse hervor. Die Gerechtigkeit stand für sie immer an erster Stelle. Ihre Anwesenheit hüllte die Umgebung in einen Glanz, der der Sonne glich, und lockte Matteo an. Ihre Liebe entfachte in der Schule und erreichte ihren Höhepunkt in Salvatore. Leider erkrankte sie, bevor er zehn Jahre alt wurde, und verstarb kurze Zeit später. Da merkte ihr Sohn, dass Vermögen nicht alles ist und selbst genug Geld keine Sicherheit für die Existenz bietet. So gesehen ist das Leben eines mittellosen Menschen im Vergleich nichts wert. Matteo verlor sich in der Cosa Nostra und verhalf ihr zu einer immensen Machtsteigerung. Die Heroingeschäfte florierten. Die gesteckten Gelder wurden pro umgeschlagene Lieferung verdreifacht. Jeder der Befugten in der Cosa Nostra investierte seine Euros in die Drogengeschäfte. Die Schutzgelder flossen wie Honig aus den Bienenwaben. Selbst wenn Matteo im Drogenmilieu tätig war, duldete er keinerlei Drogenkonsum unter seinen Leuten. Für ihn waren die Junkies keine Menschen. Sie waren sozialer Abschaum. Er half, diesen Abfall schneller in die Tonne zu befördern, und verdiente dabei zusätzlich eine Stange Geld. Außerdem waren es alles Schwächlinge ohne einen harten Kern – somit ein überflüssiger gesellschaftlicher Ballast. Eine Zeit lang bereitete ihm Salvatore Sorgen. Sein Junge legte Wert auf ausgleichende Gerechtigkeit: Er glich in dieser Angelegenheit durch und durch seiner Mutter. Dank Vito Cammardella, seinem besten Freund, wurde er wieder in die Gewässer der Cosa Nostra geführt.
Vito Cammardella war ein introvertierter Ehrenmann, redete wenig und besaß für Matteo einen äußerst faszinierenden Intellekt. Er sah in ihm ebenso enormes Potenzial wie in seinem eigenen Sohn – etwas, das einer speziellen Förderung bedarf. Seinen unstillbaren Durst nach Informatik beabsichtigte Matteo für sich zu nutzen.
An den ersten Mord erinnerte sich Matteo wie an den Verlust seiner Unschuld. Wobei das letztere ihm beträchtliche Freude bereitet hatte.
Matteo suchte diese Erinnerung immer wieder heim. Er war damals keine fünfzehn Jahre und sammelte mit den älteren Ehrenmännern Schutzgelder im gesamten Trapani. Er rauchte und trank, nahm nur von Drogen Abstand. Er gehörte zu den jungen Männern, vor denen die normalen Menschen Schiss hatten. Der Blick in ihre Seelen erregte sein Inneres. Er hungerte nach dem Respekt, den er mit der Angst verwechselte. Die schönsten Mädchen liefen ihm nach. Doch er hatte damals schier nur Gefühle für Camilla. Sie rannte ihm nicht hinterher, mied ihn jedoch auch nicht. In ihren haselnussbraunen Augen sah er keine Angst. Ihre Wärme, die er wahrnahm, verwirrte ihn, sie war ihm fremd. So vergnügte er sich mit den anderen, die ihm nachliefen.
Matteo Denaros Opfer begab sich wie an allen Tagen davor in sein Geschäft, unwissend, dass es sein letzter Tag war. Die Anweisung vom CAPOFAMIGLIA war, jeden, der nicht zahlt, zu beseitigen. Niemand wagte es, den Befehl vom CAPOFAMIGLIA infrage zu stellen. Sie statuierten ein Exempel. In unregelmäßigen Abständen wurden die Kunden an die Regeln erinnert. Es war ein blutiges Jahr. Der Mann fiel vor ihm auf die Knie und bettelte um einige Tage mehr Zeit. Doch der Befehl war ein anderer. So läuft es bei der Cosa Nostra. Eine strenge Rangordnung durch alle Schichten. Keine Diskussionen – sonst bist du der Nächste an der Reihe. Die Wucht des Schusses riss ihm um ein Haar die Waffe aus der Hand. Er war schmächtig. Das Blut spritzte den Raum voll. Matteo hatte die Hauptschlagader des Halses erwischt. Der Mann sackte in sich zusammen. In diesem Moment schossen dem Schützen Gedanken über die Blutmenge durch den Kopf. Er analysierte seinen Fehler. Ein Plastiksack? Verwarf es wieder … Die Sauerei war ihm zuwider. Sein Opfer blieb für ihn nichts weiter als ein Schlachttier beim Metzger. Er empfand weder Empathie noch Reue. „Selbst schuld“, überlegte er sich. „Hätte zahlen sollen, der Blödmann“, war sein zweiter Gedanke. Eine große Blutlache bildete sich innerhalb kurzer Zeit unter seinem ersten Opfer. Er wischte sich die Spritzer aus dem Gesicht, steckte sich die Waffe ein und spazierte unbehelligt auf die menschenleere Straße hinaus. Die zuvor belebte Gegend war wie leergefegt: Sizilianer waren misstrauisch, aber nicht lebensmüde. Es lag nun mal in ihrer Natur, unnachgiebig zu sein. Und genau das kostete diesem Mann das Leben.
Salvatore war da anders als sein Vater damals. Da er seine gesamte Jugend seit dem Tod seiner Mutter an den Privatschulen in Deutschland verbracht hatte und nur in den Ferien den alten Herren besuchte, stumpfte er nicht so ab. Er zeigte seinem Vater ein Gesicht von sich, das dieser sehen wollte. Mit seinen 30 Jahren strebte er als Berater an, die Cosa Nostra mehr in die Legalisierung zu führen. Das Geld zukunftssicher investieren und nicht in Rauschgift. Auch wenn die Drogen ertragreich waren, war diese Branche umkämpft und forderte selbst in den eigenen Reihen immer wieder Opfer. Deswegen studierte er Psychologie, um Personen gezielter zu lenken. Er perfektionierte seine Fähigkeiten im Laufe der Jahre: Bald kontrollierte er Situationen und Menschen, ohne deren Wissen. Nur sein genannter Bruder Vito wurde von ihm verschont. Er war zu wichtig. Auf ihn baute Salvatore. Seine subtile Art ließ ihn unbemerkt für andere agieren. Er war unnachgiebig. Wenn er zu einer Einsicht gekommen war, dann setzte er alles daran, dass ausnahmslos jeder ihm nacheiferte.
Matteo war sich der Fähigkeiten seines Sohnes bewusst und schrieb sich alles zu. Die Nachfolge war in seinen Augen gesichert. Egal, was morgen kommt – ein Bandenkrieg ausbricht oder ein Staatsanwalt wieder meinen wird, er könne die Mafia auslöschen. Nichts bereitete Matteo mehr schlaflose Nächte. Die Cosa Nostra litt unter den Rückschlägen der 80er-Jahre und ist wie der Phönix aus der Asche auferstanden. Einen großen Anteil trug er, Matteo Denaro, dazu bei.
Vito Cammardella schützte die Flanken seines Sohnes. Die Familien Denaro und Cammardella waren schon seit Jahrzehnten miteinander befreundet. Vitos Vater war ebenfalls Matteos bester Freund seit Kindheitstagen. Leider wurde er zu früh aus dem Leben gerissen. Daher betrachtete Matteo Vito wie einen eigenen Sohn und ließ ihm die gleiche hochwertige Ausbildung in Deutschland zukommen. Das war der eine Grund. Der andere Antrieb war plausibler. Er hatte nicht im Sinn, Salvatore allein zu lassen. Er hatte vor, ihm eine Stütze an die Seite zu erziehen, und das ist ihm gelungen. Vito war mit seinen 1,85 m ebenfalls zu groß für italienische Verhältnisse. Er war schlank, durchtrainiert, hatte schwarze, kurze Haare und die für die sizilianische Region typischen dunkelbraunen Augen. Warum Vito jeglichen Aufstieg in der Hierarchie verweigerte, verstand er nicht. Vito war die Loyalität in Person. Wie Salvatore verfügte er über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und nahm sofort wahr, wenn jemand zu Unrecht beschuldigt wurde. Vito war ein Kopfmensch, zweifelte manchmal zu viel an sich und an falschen Stellen. Seine Intuition war sein verlässlichstes Instrument für das Aufspüren der Vertrauenswürdigkeit. Alles Fähigkeiten, die nützlich sein könnten, so Matteos Gedanke.
Im Großen und Ganzen passten beide Freunde perfekt zueinander. Keine Frau vermochte die zwei je auseinanderzubringen. Sobald der eine von denen eine berührte, „starb“ sie für den anderen sogleich. Gefühle hin oder her. Es gab keine Kompromisse. Selbst wenn die Liaison zu Ende war, blieben diese Frauen für den zweiten Bruder unantastbar. Das haben sich die Jungs geschworen, als sie sich das erste Mal in das gleiche Mädchen, Ariane, verliebt hatten. Niemand von denen näherte sich ihr. Ihr Bund war ihnen mehr wert. Die Frau, die vermochte, diesen Bund in Wanken zu bringen, war nicht geboren. Nicht in Sizilien. Die wahre Probe für ihre Freundschaft stand noch aus …


Schwäbisch Hall

Talia Russo probierte zum hundertsten Mal ihr Hochzeitskleid an. Die junge Frau war am Anfang ihres fünfundzwanzigsten Lebensjahres, schloss gerade ihr Physiotherapiestudium ab und sammelte die ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt. Sie war schlank und dennoch mit Kurven an den richtigen Stellen ausgestattet. Mit ihren 1,60 Metern hatte sie die durchschnittliche Körpergröße ihrer Freundinnen. Ihr dichtes, braunes, lockiges Haar lag ihr locker auf den Schultern. Der rote Stich darin, den sie, solange sie sich erinnern konnte, so gehasst hatte, war mit den Jahren fast verschwunden. Er wanderte ein paar Etagen nach unten, da, wo er für alle außer ihrem Luis Lenz unsichtbar blieb. Ein Gedanke an ihren Zukünftigen ließ sie lächeln. Sie waren seit der 10. Klasse zusammen. Eine gefühlte Ewigkeit, die hoffentlich nie enden würde. Sie träumten von einer Schar Kinder und einem Häuschen im Grünen mit hektarweisem Land drumherum.
Talia entwickelte mit den Jahren ein Helfersyndrom. Für sie war es essenziell, sich gebraucht zu fühlen. Sie umsorgte die Menschen, die sie liebte, gerne. Eine gezielte Schmeichelei versetzte Berge in ihr. Talia brachte alles mit, was sie in ihrem Beruf als Physiotherapeutin benötigte. Sie war nicht nur belesen und hatte einen scharfen Verstand, sondern knüpfte auch leicht Kontakte, liebte das Leben und vergötterte ihren Luis, den sie in ein paar Tagen in der St. Michaelskirche in Schwäbisch Hall ehelichen würde. Auch wenn sie katholisch war, gefielen ihr die Gotteshäuser ihrer Konfession in ihrer Heimatstadt nicht. Da Luis evangelisch war, passte ihr das gut. Die St. Michaelskirche sprühte nur so vor Geschichte – ein imposantes Gebäude, das Ehrfurcht lehrte. Es stammt aus einer Zeit, in der Gott einen höheren Wert in der Gesellschaft hatte. Für Talia war die Kirche nicht so wichtig wie die Kraft ihres Glaubens. Ihr Bund musste nicht nur vor dem Gesetz geschlossen werden, sondern in erster Linie vor dem Allmächtigen. Diese unerschöpfliche, gütige und barmherzige Kraft.
Für Luis blieb dies alles nur eine Formalität. Talia war die Frau seiner Träume, und wenn es für sie wichtig war, würde er sich fügen. Ihm höchstpersönlich bedeutete der Glaube nichts. Aus welchem Grund er bis jetzt nicht ausgetreten war, konnte er sich selbst nicht erklären. Dann kam Talia mit ihrer Kirchenhochzeit, also hat er es bleibenlassen, aber sich für später vorgenommen.
Talia war froh, eine Freundin wie Melina Gerardo zu haben. Die zwei Frauen kannten sich seit dem Sandkasten. Melina war eine waschechte Italienerin in ihren Augen. All das, was klischeemäßig angenommen wird, verkörperte sie mit allen Fasern ihres Daseins. Sie war genauso groß wie Talia, hatte im Gegensatz zu ihr dichtes, rabenschwarzes, langes Haar, ihre Schokoaugen glichen Talias. Andererseits wich ihre Haut von Talias ab. Melina hatte einen dunkleren Teint und nahm schnell Bräune an. Mit Talias Kurven vermochte sie nicht mitzuhalten. Sie war eine Zierliche, löste bei dem starken Geschlecht die Beschützerinstinkte aus. Und wurde von den Jägern unter den Männern gejagt. Talia beneidete früher ihre Freundin darum. Sie kam sich in ihrer Gegenwart wie eine graue Maus vor – bis sie mit Luis zusammenkam. Im Gegensatz zu Talia, die als ein Herzensmensch durchging, war Melina ein Kopfmensch. Sie stand gerne im Mittelpunkt des Schauspiels. Daher war es für niemanden eine Überraschung, dass sie Journalistin wurde. Mit ihrer einnehmenden Art brachte sie jede Emotion in den Nachrichten über den Bildschirm an die Menschen heran. Manchmal war sie ihrer besten Freundin zu impulsiv, aber auch ansteckend in ihrer Abenteuerlust. Sie war eine Art Seelenverwandte, die jeder Frau vergönnt sein sollte, träumte Talia. Denn wenn es hart auf hart kam, war Melina für Talia immer da und umgekehrt – wobei es bei Melina nicht oft vorkam. Daher kam es der Braut äußerst recht, dass ihre Freundin die Organisation in ihre Hände nahm. Talia war ein Einzelkind, genauso wie Melina. Die zwei verband ein tieferes Verhältnis. Sie waren Schwestern. Melina war der einzige Mensch nach Luis, der für Talia eine Rolle im Leben spielte. Die Brauteltern waren zunehmend immer mit sich selbst beschäftigt. Manchmal grübelte Talia, dass sie als Häkchen auf dem Lebensplan in die Welt gesetzt wurde: ein Haus – ein Baum – ein Sohn. Doch daraus wurde eine Tochter, zum Leidwesen ihres Vaters.
Morgen war es so weit. Der morgige Tag würde ihr Leben verändern. Der Beginn ihrer eigenen Familie mit vielen Kindern. Sie erträumte sich sehnlichst einen riesigen Clan und wünschte sich ein großes Haus, in dem nie Stille einkehren sollte. Es würde vom Kinderlachen leben, das die Seelen zu Höherem verleiten würde. Den Sorgen würde sie offen die Stirn bieten und diese wie ein Stier mit den Hörnern abschmettern. Wenn sie nur wüsste … Der Mensch plant – das Schicksal lacht … manchmal niederträchtig … Oder gibt es keine Freude ohne Leid?




2. Beginn 2025

Sizilien


Der Februarwind wehte kalt über die Küste von Trapani. Die Wassermassen waren stürmisch und eisig. Es würde lange dauern, bis Salvatore diese morgens wie gewohnt durchpflügen würde. Sein Blick schweifte aus dem Arbeitszimmer Richtung Meer. Der Schaum der Wellen war selbst von seinem weiten Aussichtspunkt sichtbar.
Das Domizil, das er errichtet hatte, glich einer Festung. Von zwei Seiten war es von meterhohen Klippen geschützt. Die einzige Schwachstelle war hier der Zugang zur Bucht. Aber hier hatte er bestialische Schäferhunde platziert. Sie zerrissen jeden in Stücke, der ihnen zu nah kommt. Selbst er näherte sich den Viechern nur mit einem Elektroschocker. Die Unzahl an Überwachungskameras erledigte ihr Übriges. Es ging so weit, dass die Einheimischen aufgehört haben, diese Bucht aufzusuchen, und begannen, sich auf den nahegelegenen Stränden herumzutreiben, was ihm recht war.
Die übrigen zwei Flanken umgaben die Bergmassive. Wenn einer von diesen Seiten angreifen würde, käme er nicht umhin, erst mal die Berge von einer anderen Stelle aus zu besteigen. So eine Arbeit wäre zu viel für die Mafiosi. Es gab nur eine Straße zu seinem Anwesen, die ebenfalls unter Überwachung stand. Die lange, ausgezeichnet einsehbare Strecke verführte zum Rasen – da war er sich sicher. Daher ließ er an dieser Stelle in einem halben Kilometer Abstand spezielle Reifenkiller einbauen, die im Untergrund versteckt waren. Diese Arbeit wurde exzellent erledigt – so erstklassig, dass er selbst erst mal suchen müsste, um sie zu entdecken. Das war ein knapper Kilometer bis zu dem Dörfchen Scopello. Und vom Dorf aus führte diese Straße weitere fünfzig Kilometer, bis sie sich verzweigte. Dank seines Freundes Vito war die ganze Strecke mit moderner Technik ausgestattet. Egal, wer käme, er würde mindestens eine halbe Stunde für die Reaktion haben. In seinen Kreisen war diese Zeit goldwert. Diese Zeitspanne entschied über Leben und Tod. Sein Vater war vor zehn Jahren nicht so vorausschauend und belächelte Salvatores Befürchtungen. Das wurde ihm zum Verhängnis. Diesen Fehler würde sich der Sohn nicht leisten.
Sein schickes Anwesen schmückte sogar ein nagelneuer Hubschrauberplatz inklusive Hubschrauber – und unten in der Bucht stand seine unscheinbare Jacht, unsichtbar für alle. Für seine Position eindeutig zu klein. Er legte eigentlich keinen Wert auf diese Sachen, doch sein Status verlangte es von ihm.
Sein Haus hatte pro Etage 300 qm Wohnfläche und erstreckte sich über zwei Obergeschosse hoch und zwei Untergeschosse runter. Die Stockwerke im Felsen hatten beim Bau die größten Schwierigkeiten verursacht. Salvatore befürchtete, dass irgendwann einmal das Felsgestein abbricht. Aber zu nah am Hügel weigerte er sich, zu bauen. So kamen die Geologen nicht umhin, eine präzise Stelle herauszufinden, damit der Stein fast unantastbar blieb und nur das Erdreich abgetragen wurde.
Im Erdgeschoss lagen alle Gesellschaftsräume wie Empfangszimmer, Esszimmer, Wohnzimmer, Bibliothek, sein Arbeitszimmer, Küche, Speisezimmer und eine kleine Wohnung für Gina – seine Köchin und Haushaltsdame in einem –, wobei es auf jedem Stockwerk ein paar Zimmer für Angestellte gab.
Zum zweiten Stock führte eine massive weiße Marmortreppe. Dort lagen die Schlafräume mit eigenem Bad in diversen Größenverhältnissen. Den größten Trakt belegten drei miteinander verbundene Schlafzimmer. Sie waren ungefähr gleich groß und hatten untereinander Verbindungstüren. Das von der Treppe aus gesehen äußere rechte Zimmer hatte sein Bad auf der rechten Seite. Die anderen zwei Schlafzimmer teilten sich ihr Badezimmer. Sein Engelchen hatte das linke und er das rechte. In der Mitte hielt er sich ungern auf. Das war mal das Zimmer von Ellas Mutter.
Der erste Stock des Untergeschosses war dem Vergnügen geweiht: Billard, Sauna, kleiner Pool, Diskothek, Kinosaal und ein paar private Räume für den Rückzug.
Für das zweite Untergeschoss hatten nur die Ranghöchsten seines Clans Zutritt. Dort befanden sich die Sicherheit des gesamten Anwesens, das Herz, und ein Geheimgang, der zur Bucht durch die Höhlen des Felsens führte.
Eine mehrere Hektar große Gartenanlage umsäumte das Domizil. Die Bäume waren jung. Aber in zwanzig, dreißig Jahren würde sich alles verwandeln und überall schattige Plätze für die heißen sizilianischen Sommer zaubern. Er ließ eine Plantage mit Orangen- und Zitrusbäumen anlegen. Den Geruch verband er mit Sizilien – ohne diesen war für ihn kein Sizilien möglich.
Salvatore war ein Frühaufsteher, das hatte er von seinem alten Herrn, der seit zehn Jahren tot war. Auch wenn er mit dem Vater nicht warm wurde, überkam ihn ein wenig Wehmut. Manchmal erwischte Salvatore sich bei der Frage nach seiner ihm gegebenen Lebenszeit. In seinen Kreisen lebte man unbeständig. Selbst die Hierarchiestufe garantierte keine Lebensdauer.
Damals stand es nicht zur Debatte, wer der Nachfolger von Matteo Denaro wird. Sein Vater hatte ihn in die Rolle hinein- entwickelt. Jetzt war er der CAPOFAMIGLIA des Clans. Die Größenordnung seiner Familie hielt er geheim. Er war dafür bekannt, sparsam mit der Weitergabe der Informationen umzugehen. Das hatte er ebenfalls vom Vater gelernt. Zu viele Daten verwirren die Menschen. Die meisten waren nicht in der Lage, etwas damit anzufangen. Daher war das oberste Gebot seiner Regentschaft die Abwägung jedes Informationsflusses. Es waren viele, die er täglich abwägte. Seine Fähigkeit, Menschen zu lesen, war hilfreich. Einige waren ausgezeichnete Lügner und nur ihre feinen Gesichtszuckungen verrieten sie. Fast jeder von seinen Leuten war im Bilde, dass Salvatore ein lebender Lügendetektor war. Dennoch haben einige versucht, ihn hinters Licht zu führen. Das probierten sie höchstens einmal, hinterher nicht mehr.
Er war froh darüber, dass Vito sein Angebot angenommen hatte und zu seiner rechten Hand wurde. Er war immer sein engster Verbündeter. Mit ihm redete er über alles. Fast alles … Ausnahmen waren an der Tagesordnung. Ab und zu führte sich Salvatore paranoid auf – sonst würde es jemand als eine Schwäche für eigene Zwecke ausnutzen und das würde Salvatore nicht zulassen. Er hatte ein Erbe fortzuführen. Die Cosa Nostra war sein Universum. Für ihn gab es nie einen anderen Weg. Selbst sein Studium ließ ihn nie benebeln und in der Annahme schwelgen, dass er ein anderes Leben haben würde. Es gab bei der Cosa Nostra keine Ehemaligen.
Seine Ella, seine kleine Prinzessin, war sein Sonnenschein mitten in den trüben Wolkenscharen. Im Juli wird sein Engelchen fünf Jahre alt. Sie war schlau, beherrschte Deutsch und Italienisch ihrem Alter entsprechend. In der Hinsicht kam sie nach ihrem Vater. Ihre Mutter war eine drogenabhängige Nutte. Wie es zu der Schwangerschaft kam, war Salvatore schleierhaft. Verhütung war seine Sache. Schon immer. Die Frau seiner Träume war ihm bis dahin nicht über den Weg gelaufen. Und dennoch war das ein Wunder, dass aus dem verkorksten Körper so ein Engel herauskam. Lange Zeit sorgte er sich um die geistige und physische Entwicklung seines Mädchens. Für ihre Gesundheit dankte er jeden Tag. Sobald die Mutter sich Salvatores Kontrolle entzog, hatte sie eine Überdosis. Der Kontraktbruch kam von ihr. Sie war für ihn ein Niemand. Sie war in seinen Augen keine Mutter. Nur über die Schwangerschaft behielt er sie bei sich, um ihren Zustand zu kontrollieren. Nur der Allmächtige sah, dass er oft kurz davor war, ihr eigenhändig den Hals umzudrehen. Selbst die Schwangerschaft war nicht in der Lage, sie zu bekehren. Für sie war es eher ein Hindernis als eine schicksalhafte Wohltat.
...
5 Sterne
UNGLAUBLICH - 13.07.2026
Patricia

Wurde mir von einer Freundin empfohlen und ich bereue den Kauf nicht! Das Buch ist so interessant geschrieben und enthählt Spannung im Verlauf des ganzen Buches

5 Sterne
Einfach ein schöner Schmöcker - 10.07.2026
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Dieses Buch ist ein wundervolles Buch. Es ist nicht nur sehr amüsant zu lesen, sondern involviert in der Geschichte eine Romanze von Personen, die im Verlauf eine erstaunliche Charakterentwicklung zurücklegen

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