Erotik & Sinnlichkeit

Sieht so für dich Liebe aus?

Hope Konstant

Sieht so für dich Liebe aus?

Leseprobe:

Wenige Wochen später hatte ich David und einige Bekannte zu einem Grillfest eingeladen. David fand bei meinen Leuten keinen richtigen Anschluss, was aber daran lag, dass David nicht wollte. Meine Kollegen konnten ihn gut leiden und es war auch wirklich schwer, ihn nicht zu mögen. David hielt meine Leute für zwielichtig und war von Anfang an ziemlich verschreckt gewesen, als er auf sie traf. Er hatte mich deshalb darum gebeten, dass er Chris einladen durfte, damit er jemanden hätte, an den er sich während dieser Zeit halten konnte. Mir gefiel diese Aussicht nicht besonders, aber er sah mich mit solch einem Hundeblick an, dass ich letztendlich zustimmte. Was hätte ich sonst sagen sollen? Ich versuchte das Gute darin zu sehen und munterte mich mit dem Gedanken auf, dass ich dann wenigstens mal Zeit hätte, mich alleine mit meinen Jungs zu unterhalten, weil David eh nur bei Chris rumhängen würde. Ich hatte Chris schon lange nicht mehr gesehen, da er mich mied wie die Pest und ich ihm dankbar dafür war. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass er kein schlechter Typ war, aber er sollte seine Nase aus meinen Angelegenheiten raushalten und aufhören auf David einzuwirken und mich bei ihm in Verruf zu bringen.
Als er an jenem Abend an der Tür klingelte, war David gerade damit beschäftigt, neue Getränke zu holen. Daher ging ich zur Tür, um ihm aufzumachen, und er schäumte natürlich erwartungsgemäß vor Freude geradezu über, als er mich erblickte. Ich fragte mich unwillkürlich, was er denn erwartet hatte. Es war schließlich mein Fest gewesen, hätte ich da durch Abwesenheit glänzen sollen? Er verzog keine Miene, aber sein Blick sprach Bände. Ich schenkte ihm ein gespielt freudiges Lächeln und gestikulierte ihm, dass er eintreten sollte. Er ging vor bis in die Küche, und während ich ihm folgte, erwischte ich mich dabei, wie ich ihm beim Gehen auf den Arsch guckte. Er hatte sich an diesem Abend echt schick gemacht und ich neigte dazu, mich und meine Feier als den Anlass dafür anzusehen. In der Küche fragte ich ihn, was er trinken wolle. Eigentlich war es mir ja scheißegal, und nichts widerstrebte mir mehr, als das Schweigen zwischen uns zu brechen, aber wenn David mitgekriegt hätte, dass ich seinem Ehrengast nichts zu trinken anbot, wäre er eingeschnappt gewesen und hätte mir vorgeworfen, dass ich mir keine Mühe gäbe, mit Chris auszukommen. Womit er ja sogar recht gehabt hätte, denn Chris und ich würden niemals Freunde werden. Der Zug war längst abgefahren, aber David wollte es nicht wahrhaben. Außerdem gab sich David doch auch keine Mühe, mit meinen Leuten in engeren Kontakt zu treten. Ausnahmsweise fügte ich mich für diesen einen Augenblick in die Rolle des zuvorkommenden Gastgebers und hoffte, dass ich damit für diesen Abend meine Pflicht erfüllt hätte. Mit hörbarem Widerwillen in der Stimme sagte er, dass er gerne ein Bier hätte, und während er das sagte, sah er mich nicht an. Ich holte ihm ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete ihm sogar noch die Flasche und reichte sie ihm. Auch als er die Flasche entgegennahm, sah er mir nicht ins Gesicht. Er konnte mich anscheinend wirklich bis auf den Tod nicht ausstehen. Mit einem leisen herablassenden Lächeln nahm ich seine unverhohlene Verachtung zur Kenntnis und wollte gerade in den Garten zu meinen anderen Gästen gehen, als sich Chris einen Kommentar nicht mehr länger verkneifen konnte: „Hast du ihn doch wieder rumgekriegt, ja?“ Aus seiner Tonlage hörte ich heraus, dass er geladen und auf Stress mit mir aus war. Aber an dem Abend hatte ich ausnahmsweise mal keinen Bock auf Stress und auch keine Lust, mir die Stimmung versauen zu lassen, also schenkte ich ihm einen geringschätzigen Blick und wollte kommentarlos an ihm vorbei in Richtung Garten gehen. Er packte mich jedoch fest am Arm und zog mich mit einem Ruck zu sich zurück und so etwas konnte ich überhaupt nicht leiden. Mit einem genauso starken Ruck riss ich mich von ihm los, warf ihm einen warnenden Blick zu und fragte gereizt: „Was willst du eigentlich von mir? Wenn du auf Stress aus bist, dann such dir dafür einen anderen, aber lass mich in Ruhe.“ Er sah mich beinahe irritiert an und erwiderte patzig: „Lass du doch einfach David in Ruhe, dann werde auch ich dich sofort in Ruhe lassen.“ Durch seinen frechen und großschnauzigen Ton kam ich direkt an einen Punkt, an dem ich mich zusammenreißen musste, um ihm nicht an den Kragen zu gehen, und erwiderte mäßig beherrscht: „David will von mir aber nicht in Ruhe gelassen werden. Es wird Zeit, dass du der Wahrheit mal ins Auge siehst. David wird bei mir bleiben, egal wie viel Scheiße du über mich erzählst. Als ‚bester Freund‘ solltest du dich vielleicht lieber für David freuen, anstatt zu versuchen, sein Glück kaputt zu machen.“ Als er diese Worte von mir hörte, wurde er hörbar aggressiver: „Jetzt versuch nicht, mich als schlechten Freund hinzustellen. So eine Scheiße funktioniert bei mir nicht. Machst du das bei David auch immer so? Er ist doch nur noch bei dir, weil du ihm die ganze Zeit irgendeinen Müll einredest und ihm das Hirn vernebelst!“ Er sah mich unfassbar angepisst an und dieser Gesichtsausdruck stand ihm wirklich gut. Dennoch konnte ich mir ein leises Lachen nicht verkneifen, als ich sagte: „Frag ihn doch mal, warum er noch immer bei mir ist, er wird es ja wohl am besten wissen. Aber ich kann dir seine Antwort auch schon sagen: weil er mich liebt. Vielleicht solltest du das auch mal versuchen.“ Ich ließ es mir nicht nehmen, ihm zuzuzwinkern, um ihn noch ein wenig weiter zu provozieren. Ich hatte keine Lust mehr auf Smalltalk, stieß ihn an seiner Schulter aus dem Weg und ging in den Garten. Dort traf ich David, küsste ihn auf die Stirn und teilte ihm mit, dass sein VIP-Gast eingetroffen und in der Küche zu finden sei. Mir kam die Galle hoch, als ich sah, wie sehr er sich über diese Nachricht freute. Er ließ alles stehen und liegen und stürmte aufgeregt in die Küche. Der restliche Abend gestaltete sich so, wie ich es mir schon vorher gedacht hatte: Es bildeten sich zwei Lager. Chris und David blieben überwiegend unter sich und ich war mit meinen Leuten beschäftigt. Es sah aber glücklicherweise so aus, als hätten die beiden nicht über mich gesprochen, denn ihre Stimmung blieb durchweg ausgelassen. Wäre das Thema auf mich gekommen, wären die beiden vermutlich wieder aneinandergeraten und die Stimmung wäre gekippt.
Am späten Abend erweckte Chris schließlich auch die Aufmerksamkeit meiner Jungs. Sie wussten bereits, dass ich einen schweren Stand bei ihm hatte und er mich nicht an Davids Seite sehen wollte. Irgendwann machte dann einer den Vorschlag, dass ich mal etwas mit Chris unternehmen sollte. Ich zeigte ihm daraufhin sofort einen Vogel, aber als ich später noch einmal über diesen Vorschlag nachdachte, musste ich einsehen, dass es möglicherweise gar keine so schlechte Idee sei. David könnte ich damit beweisen, dass ich mich wirklich bemühte, mit seinem scheiß Chris auszukommen, und Chris würde vielleicht mal merken, dass ich gar nicht so übel war. Ein anderer Vorschlag meiner Jungs sah vor, dass ich versuchen sollte, Chris ins Bett zu kriegen, um ihn so von meinen Qualitäten zu überzeugen. Als ich das hörte, bekam ich mich gar nicht mehr ein vor Lachen. Der, von dem der Vorschlag kam, meinte, dass Chris vielleicht wegen einer Durststrecke so übel drauf war. Ich klärte die Runde erst einmal darüber auf, dass Chris hetero war und dieser Plan daher wohl niemals zur Ausführung kommen würde. Die Entgegnungen darauf gingen alle in dieselbe Richtung: „Das heißt doch nichts!“, „Vielleicht macht er ja für dich eine Ausnahme“ oder „Soll ich mal für dich vorfühlen? Aber wenn er zu haben ist, nehme ich ihn zuerst“. So ging es noch ein wenig mit Späßen, blöden Sprüchen und Lachern weiter, aber ich dachte überwiegend über diesen ersten Vorschlag nach und auch über Chris’ Vorwurf, dass ich David manipulieren würde. Aber das war überhaupt nicht so. Ich manipulierte David nicht. Genau genommen half ich ihm nur ein wenig auf die Sprünge, bei Dingen und Themen, bei denen er nur etwas länger brauchte, um letztendlich auf dasselbe Ergebnis zu kommen. Also beschleunigte ich eigentlich nur seinen Denkprozess etwas. Je weiter die Zeit voranschritt, desto mehr Alkohol floss naturgemäß und ich begann immer mehr zu bedauern, dass Andrew an diesem Abend nicht kommen konnte. Bei diesem Bedauern verweilte ich jedoch nicht lange, dafür waren meine Gedanken an diesem Abend einfach zu sprunghaft. Die Gespräche zwischen meinen Jungs und mir wurden immer versauter und derber, und wenn es mir mal zu krass wurde, zog ich mich dort gedanklich heraus und begann David und Chris zu beobachten. Die beiden alberten herum, quatschten sehr vertraut miteinander und an der Mimik und Gestik der beiden erkannte man, dass sie nicht erst seit gestern beste Freunde waren. Ich war fasziniert vom Anblick der beiden und deren Umgang miteinander. Bei diesen Beobachtungen bemerkte ich zum ersten Mal, wie süß Chris aussah, wenn er grinste, lächelte oder lachte. Ich selbst hatte ja noch nie das Vergnügen gehabt, ihn aus nächster Nähe grinsen, lächeln oder lachen zu sehen. Mit meinem hohen Alkoholpegel im Körper begann ich, ohne es in diesem Moment selbst zu merken, Chris abzuchecken. Mein Blick blieb die ganze Zeit an ihm haften. Ich betrachtete sein Gesicht und stellte mir vor, wie er mir mal so einen freundlichen Blick zuwerfen würde, mit dem er ununterbrochen David ansah. Dann starrte ich wieder unverwandt auf seinen Arsch, wenn er sich neckisch über Davids Stuhl beugte, wodurch meine Fantasie anfing mit mir durchzugehen. Ich stellte mir vor, wie ich mich hinter ihn stellte, meine Hand unter sein T-Shirt schob und ihm über seine Brust und seinen Bauch streichelte. In meiner Fantasie gefiel ihm das und mir gefiel alleine schon die Vorstellung dieser Handlung. Ich ließ meiner Fantasie freien Lauf, stand in ihr weiterhin hinter ihm und zog ihm sein T-Shirt aus, betrachtete seinen Oberkörper, seine Arme, seine Schultern und streichelte zart und ehrfürchtig über seine Muskeln. Ich legte meine Arme um ihn und ließ meine Hände auf seinem Körper in Richtung Süden wandern. Er legte seinen Kopf in den Nacken und hatte die Augen geschlossen, während ich seinen Gürtel öffnete und danach auch seine Hose. In meiner Vorstellung konnte ich sehen und spüren, dass ihm gefiel, was ich tat, und außerhalb meiner Fantasie baute sich in meiner Hose eine enorme Beule auf. Meine Hand war im Begriff, sich unter den Bund seiner Boxershorts zu schieben, als ich wieder zur Besinnung kam. Ich riss augenblicklich meine Augen von Chris’ Anblick ab, fasste mir an den Kopf, fuhr mir durch die Haare und versuchte die Hitze, die in meinem Körper aufstieg, zurückzudrängen. Mein Penis schwoll ab, sobald mir bewusst wurde, was ich mir gerade mit wem vorgestellt hatte. Ich stand auf und sagte meinen Kumpels, dass ich für uns neue Getränke holen gehen würde.
In der Küche mixte ich neue Drinks und ausgerechnet Chris kam genau dann auch in die Küche, um für David und sich neues Bier zu holen. Wir nickten uns knapp zu, dann ging er zielstrebig auf den Kühlschrank zu und war dort am Herumwühlen. Keine Ahnung, welcher Teufel mich in diesem Moment ritt, aber mein Mund war schneller als mein Hirn und ich hörte mich sagen: „Na, schwelgt ihr schön in alten Zeiten?“ Ohne sich mir zuzuwenden, fragte er: „Warum? Willst du uns das etwa auch noch kaputtmachen?“ Sein Ton war dieses Mal gar nicht so gereizt oder aggressiv wie das letzte Mal, sondern er fragte es eher beiläufig, so als würden wir gerade nicht ein Thema anschneiden, das ihn für gewöhnlich zur Weißglut brachte. Bei seiner trocken gestellten Frage musste ich lachen, ich war ehrlich belustigt. Was dachte er denn von mir? In seinen Augen verkörperte ich anscheinend das wahrhaft Böse. Ich antwortete auf seine rhetorische Frage nicht, sondern kümmerte mich weiter um meine Getränke. Er holte seine beiden Flaschen aus dem Kühlschrank und öffnete sie. Aber anstatt die Küche danach zu verlassen, drehte er sich mir zu und sah mich mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier an. Ich mischte meine Drinks zu Ende und sah ihm geradewegs in die Augen, er zuckte nicht mit einer Wimper, sondern begegnete meinem Blick ganz konsequent. An dem Ausdruck in seinen Augen sah ich, dass er schon einiges „getankt“ hatte. Ohne den Blickkontakt zu ihm abzureißen, griff ich unter den Tresen und holte eine Packung kleiner Schnäpse hervor, die ich Chris entgegenhielt: „David bestand darauf, dass ich die hole. Er meint, die würdest du gerne mögen.“ Er sah abwechselnd in mein Gesicht und auf die Schnäpse, dabei machte er ein misstrauisches Gesicht, so als würde ich ihm einen vergifteten Apfel anbieten. Schließlich fragte er: „Warum so nett?“ Ich antwortete darauf nicht, sondern sah ihm so lange in die Augen, bis er endlich nach der Packung griff. Als er die Packung in der Hand hielt, fragte ich ihn: „Willst du mich denn nicht fragen, was ich dafür will?“ Er verdrehte die Augen, legte die Packung zurück auf den Tresen und wollte die Küche verlassen. Ich packte ihn am Handgelenk, zog ihn zu mir und drückte ihm die Packung wieder in die Hand. Er sah mich genervt an und fragte gedehnt und leiernd: „Und? Was willst du dafür?“ Ich sah ihm fest in die Augen und antwortete vergnügt: „Nur eine faire Chance von dir.“ An seinem fragenden Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er mehr Informationen brauchte, also führte ich aus: „Was weißt du denn schon von mir? Und damit meine ich aus erster Hand und nicht die Gerüchte, die du irgendwo aufschnappst und sofort unhinterfragt glaubst.“ Er fragte ungeduldig: „Marko, was willst du? Komm auf den Punkt.“ Er machte es mir wirklich schwer, ruhig und sachlich zu bleiben. Seine Art mir gegenüber und der Ton, den er anschlug, provozierten mich ungemein. Ich presste zwischen den Zähnen hervor: „Ich will, dass du einen Tag mit mir verbringst und dir dann erst ein Urteil über mich erlaubst. Schaffst du das?“ Er atmete genervt durch, verdrehte die Augen und fragte missgestimmt: „Was soll das bringen? Ich muss dich nicht mögen und du mich auch nicht. Was soll der Scheiß? Du hast David um den Finger gewickelt, und das ist es doch, was du wolltest. Also: Herzlichen Glückwunsch! Lass uns einfach weiter getrennte Wege gehen und uns am besten so gut, wie es eben geht, meiden, okay?“ Ich sah ihn ausdruckslos an und erwiderte trocken: „Von mir aus gerne. Aber David will sich mit dieser Vorgehensweise nicht anfreunden und du kannst ja leider nicht damit aufhören, mich vor David schlechtzureden. Ich verliere über dich nicht ein schlechtes Wort, weil ich das Motto lebe ‚Leben und leben lassen‘, ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dich mir gegenüber genauso fair verhalten könntest, denn David muss selbst entscheiden, mit wem er seine Zeit und sein Leben verbringen will – nicht du. Indem wir einen Tag miteinander verbringen, signalisieren wir David, dass wir uns gegenseitig zumindest eine Chance geben. Wenn wir nach dem Tag zu dem Ergebnis kommen, dass wir einfach nicht miteinander können, dann wird auch David einsehen müssen, dass wir keine Freunde mehr werden. Ich glaube, dieses Einsehen Davids würde uns das Leben sehr erleichtern. Du kannst ihn ja mal fragen, was er von dieser Idee hält. Ich denke, er wäre hellauf begeistert.“ Er dachte über meine Worte nach und erwiderte erst einmal nichts. Ich konnte nicht anders, als mit einem gehässigen Lächeln noch hinzuzufügen: „Sollte ich von dir eine abschlägige Antwort erhalten, könnte ich wohl nicht anders, als David kundzutun, wie enttäuscht ich von dir bin, dass du mir einfach keine Chance gibst, obwohl ich dich doch so gerne richtig kennengelernt hätte. Außerdem solltest du dich dann in Zukunft gegenüber David lieber mit deiner negativen Meinung über mich zurückhalten. Denn diese zu äußern, nachdem du dich weigerst mich selbst richtig kennenzulernen, hättest du kein Recht mehr.“ Er verstand mich auf Anhieb und sah mich angewidert und verachtend an. Er versuchte mir durch seine nachdenkliche Mimik weiszumachen, dass er sich meinen Vorschlag durch den Kopf gehen lassen würde, aber wir beide wussten, dass er nicht viel Spielraum zum Nachdenken und Abwägen hatte. Er würde sich darauf einlassen müssen, um seinen guten Stand und seinen Einfluss auf David behalten zu können. Das wusste er, aber es war ihm zuwider, seine Niederlage vor mir einzugestehen. Er schwieg und ich sah den unverhohlenen Hass, den er für mich hegte, in seinen Augen glühen. Als Reaktion darauf, zwinkerte ich ihm zu, klopfte ihm auf die Schulter und ging dann mit meinen Gläsern und den Worten „Ich weiß, dass du dich richtig entscheiden wirst“ an ihm vorbei und zurück in den Garten. Meinen Jungs erzählte ich, dass ich Chris den Vorschlag unterbreitet, aber noch keine Zusage erhalten hätte. Wir überlegten schon einmal, was wir machen könnten, wenn er sich tatsächlich einverstanden erklären würde. Schließlich waren wir uns einig, dass Paintball wohl die beste Entscheidung wäre, um das Eis im Spiel zu brechen, und er hätte dabei die Möglichkeit, zumindest zu versuchen, seinen Frust an mir auszulassen. Chris’ Stimmung litt, nachdem ich mich in der Küche mit ihm unterhalten hatte. Ich beobachtete ihn und David zwischendurch und bemerkte, dass die Laune der beiden merklich verstimmter und befangener wurde. Hin und wieder erwiderte Chris meinen Blick, und als David auf die Toilette ging, nutzte ich die Chance und ging zu ihm herüber. Als ich direkt vor ihm stand, mied er den Blickkontakt zu mir demonstrativ. Ich redete nicht um den heißen Brei herum, sondern fragte geradeheraus: „Und, hattest du genug Zeit, um über meinen Vorschlag nachzudenken?“ Mit einem angesäuerten Blick keifte er mich an: „Was für eine Wahl lässt du mir denn?!“ Ich blieb ruhig und fragte ihn in ausgelassener Stimmung: „Ich werte das mal als ein Ja. Passt dir der nächste Samstag?“ Er durchbohrte mich mit seinem frustrierten, widerspenstigen Blick und antwortete nur mit einer gleichgültig-nickenden Kopfbewegung. Mit leichter Verzögerung fragte er widerwillig: „Und was hast du vor?“ Ich lächelte ihm zu und antwortete knapp: „Paintball.“ Er nickte wenig euphorisch und brach den Blickkontakt zu mir augenblicklich ab. Ich hatte ihm ansonsten nicht mehr viel zu sagen, außer dass ich ihm noch mitteilen würde, wo und wann wir uns am kommenden Samstag treffen würden. Darauf antwortete er auch nur mit einem „Okay“. Bevor ich ihn wieder verließ, gab ich ihm aber noch einen gutgemeinten Ratschlag: „Was versprichst du dir eigentlich davon, dass du jetzt hier so miesepetrig rumsitzt und schlechte Laune verbreitest? Gefällt dir das besser als die gute Laune von vorhin? Wenn ja, dann höre aber bitte damit auf, Davids Laune mit in den Keller zu ziehen. Er kann nichts dafür, dass du keinen Bock auf das nächste Wochenende hast. Wenn du eine lange Fresse ziehst und die Stimmung vergiftest, rettet dich das auch nicht vor Samstag. Sei ein Mann und ertrage dein Schicksal mit Fassung.“
Ohne eine Reaktion seinerseits abzuwarten, drehte ich mich von ihm weg und spürte, wie sich sein wütender Blick in meinen Rücken bohrte. Bevor ich außer Hörweite war, vernahm ich ein genervtes „Klugscheißer“ von ihm, woraufhin ich mir ein leises Lachen nicht verkneifen konnte, aber ansonsten reagierte ich auf diese Bemerkung nicht. Auch wenn er grundsätzlich einen unbelehrbaren Eindruck machte, nahm er meinen Ratschlag an. Nach meiner klugscheißerischen Ansprache konnte ich wieder eine ausgelassenere Stimmung zwischen den beiden beobachten, die mir wesentlich mehr zusagte als das Trauerspiel von kurz zuvor. Ich erzählte meinen Jungs, dass Paintball am Samstag stünde, und saß danach einige Zeit verträumt und entspannt bei ihnen, hörte zu, worüber sie redeten, und beobachtete unauffällig das aufgeregte Treiben zwischen David und Chris. In den frühen Morgenstunden waren alle so müde und besoffen, dass sich meine Gäste langsam, aber sicher abholen und nach Hause fahren ließen oder zu Fuß die kurze Strecke nach Hause antraten. Ich verabschiedete mich von den meisten meiner Jungs nur bis zum nächsten Samstag. Chris versuchte sich heimlich und von mir unbemerkt davonzustehlen, aber in der schon geöffneten Haustür holte ich ihn ein. Ich zog ihn an seiner Jacke zurück, drückte ihn mit einer festen Umarmung an mich und flüsterte ihm zu: „Bis Samstag. Kneifen gilt nicht.“ Er drückte mich an meiner Brust ein Stückchen von sich weg, um mir mit einem schiefen Grinsen in die Augen zu sehen, und sagte leise: „Keine Sorge, habe ich nicht vor.“ Das war das erste Mal, dass ich ihn so nah grinsen sah und dann war dieses Grinsen auch noch wirklich für mich bestimmt. Ich sah ihm erstaunt und verblüfft ins Gesicht, während er mit einem neugierigen und zugleich herausfordernden Blick antwortete. Schließlich befreite er sich komplett aus meiner Umarmung, zwinkerte mir zu, klopfte mir auf den Oberarm und verließ das Haus.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 456
ISBN: 978-3-95840-642-1
Erscheinungsdatum: 29.05.2018
EUR 19,90
EUR 11,99

Krampus & Nikolo