Erotik & Sinnlichkeit

Schwanenliebe - ein ganzes halbes Leben

Florentine Steigenberger

Schwanenliebe - ein ganzes halbes Leben

Leseprobe:

„Es ist Alexander! Er sitzt immer noch in meinem Hinterkopf!“ Und es ist zum Verrücktwerden. Immer wieder ließ sie andere Männer spüren, dass diese Beziehung nicht funktioniert hatte. Und immer wieder spürte sie, dass Alexander noch immer tief in ihrem Herzen verankert ist.

***

In den nächsten Wochen entwickelt sich zwischen ihr und Pedro tatsächlich eine Art Brieffreundschaft per WhatsApp. Sie unterhalten sich auf Englisch, Deutsch oder Spanisch; für Florentine eine willkommene Gelegenheit, Letzteres wieder aufzufrischen. Sie findet es ausßerdem ganz spannend, mit einer wildfremden Person übers Leben und die Liebe zu philosophieren und sie ist begeistert, wie weise er auf ihre bewusst allgemeinen Fragen antwortet. Pedro kommt aus Uruguay und wollte sich mit seinem Schritt, nach Deutschland zu gehen, eigentlich beruflich verbessern. Leider werden seine Ausbildung und sein Studium in Deutschland natürlich nicht anerkannt. Florentine kennt nur zu gut die Berichte von ihren ausländischen Kunden, deren Qualifikationen sie immer wieder für die deutschen Behörden übersetzen muss und die dennoch nur bedingt in Deutschland Gültigkeit haben.
Also verdient Pedro sich seinen Unterhalt als Kellner und ist damit zwar versorgt, aber nur bedingt glücklich. Was aber die allgemeinen Vorstellungen von Liebe, Zukunft und Glück angeht, so muss Florentine in den Briefen mit Pedro immer wieder feststellen, dass sie eigentlich keinen Grund hat, unzufrieden oder gar unglücklich zu sein. Was sie aus ihrem Leben macht, ist alleine ihre Entscheidung. Niemand sonst ist für ihre Gefühle zuständig. Nur sie selbst. Das sollte sie endlich mal erkennen.
Pedro hat eine sehr klare und erfrischende Sicht auf das Leben. Sie wundert sich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit er offen Dinge einfach anspricht, ohne viel drumherum zu reden. Und immer wieder muss sie erkennen, dass sie selber oft viel zu kompliziert denkt. Sie wagt nicht, zu viel von sich zu verraten, aber dennoch antwortet sie ihm ehrlich, als er eines Tages fragt: „Are you in love with someone?“
„Ja, ich liebe jemanden. Schon seit vielen Jahren, aber dieser Mann liebt mich leider inzwischen wohl nicht mehr. Oder zumindest ist er sich mal vorübergehend nicht mehr sicher. Das geht jetzt aber schon eine ganze Weile so. Was meinst du, würdest du darauf warten, dass sich das vielleicht noch mal ändert?“
Pedro antwortet: „If you love him, wait for him without asking anything in return. And when you’re ready, you’re gonna let him go without even noticing.“

***

Pedro hatte recht, sie würde von Alexander nichts mehr erwarten. Sie hatte ihn losgelassen. Wenn er sich meldete, freute sie sich unbändig. Und wenn er sich nicht meldete, dann war das auch in Ordnung. Alles war gut. Nur einem neuen Schwan, einem, dem sie sich genauso öffnen würde wie Alexander, so jemandem war sie noch nicht wieder begegnet und das war auch gar nicht nötig.

Mit Pedros Brieffreundschaft hatte Florentine außerdem einen wirkungsvollen Ersatz für die Kommunikation zu Sebastian gefunden. Sie freut sich über seine Komplimente und muss jedes Mal schmunzeln, wenn er sich beklagt, dass er doch gerne mehr wäre als ein Brieffreund.
„Mensch Pedro, du bist noch so jung! You will find your perfect match soon!“ Pedro wohnt in Köln und somit wäre alles andere ohnehin viel zu kompliziert. Wenn es der Grunderfinder wollen würde, würde sich im Laufe der Zeit schon etwas entwickeln. Florentine hatte ein gutes Bauchgefühl. Sie hatte Pedro in ihrem Leben bisher vielleicht maximal zehn Minuten persönlich gesprochen. Durch die „Brieffreundschaft“ hatte sie aber das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen und fühlte sich unglaublich zu ihm hingezogen, obwohl er so viel jünger und ganz anders war als sie und die Männer, die sonst ihr Leben beeinflussten. Was würde passieren, wenn sie sich jetzt wieder träfen? Florentine schiebt den Gedanken beiseite! Auch das würde sich schon ergeben, wenn der Grunderfinder das wollte.
Und damit lag sie gar nicht so falsch. Denn eines Tages erhält sie eine Nachricht von Pedro.
„Hast du Lust in der nächsten Woche mit mir mittagessen zu gehen?“
„Klar!“, flachst Florentine zurück, „kommst du mich besuchen?“ Sie hofft, dass er das nicht allzu ernst nimmt, denn das würde schon ein wenig kompliziert werden.
„Ja, ich mache gerade meine Abschiedstour durch Deutschland und komme dann auf dem Weg von Hamburg nach Düsseldorf bei dir vorbei!“, antwortet Pedro trocken.
Florentine erschrickt! „Abschiedstour?“
„Ja –, muss ich mich entscheiden! Meine Ticket zurück nach Uruguay läuft in der nächsten Woche ab. Ein Flugticket nach Montevideo ist sehr teuer und es gibt für mich keinen Grund, weiter in Deutschland zu bleiben. Ich habe versucht. Aber es ist schwer, hier einen Job zu finden, wenn man nicht perfekt spricht Deutsch. Zumindest in meiner Branche. Also: Ende mit das Abenteuer Deutschland. Ich würde dich aber gerne noch mal sehen!“
Florentine schluckt. Ja, sein Deutsch war nicht perfekt –, aber warum war uns Deutschen das so wichtig? Sie würde Pedro auch gerne noch einmal sehen. In Wahrheit hatte sie gehofft, es könnte sich irgendwann unter anderen Umständen ergeben. So musste sie aber entscheiden: jetzt oder nie! Sie überlegt fieberhaft, wie sie ein spontanes Treffen mit ihren Geschäftsterminen unter einen Hut bringen kann. Außerdem wollte sie ihn nicht unbedingt zu Hause treffen und sich damit Fragen von den Eltern und Anna einhandeln.
„Weißt du was, wir treffen uns einfach am Flughafen auf einen Kaffee!“
Noch während sie schreibt, stellt sie sich vor, wie wenig romantisch es ist, einen ihr eigentlich vollkommen fremden und doch so vertrauten Menschen am Flughafen zu treffen und gleich wieder zu verabschieden. Und das wahrscheinlich für immer! Egal, das war für diese Situation die pragmatischste Lösung. Zudem war es ein öffentlicher, sehr belebter Ort, denn einen winzigen Gedanken verschwendet sie schon daran, dass sie sich ja eigentlich mit einem wildfremden Mann trifft. Was könnte passieren?
Florentines Bauch kribbelt. Pedro nennt ihr Abflugzeit und Airline, sodass Florentine genau weiß, an welchem Schalter er einchecken muss.
„Ok, ich komme einfach zwei Stunden früher! Dann können wir sehr viel Kaffee trinken. Da stehst du ja drauf!“, scherzt Pedro mit dem Hinweis auf ihr erstes Aufeinandertreffen.
Einige Tage später macht sich Florentine tatsächlich auf zum Düsseldorfer Flughafen. „Pedro, dein Abenteuer Deutschland mag ja vorbei sein, aber mein Abenteuer beginnt grad erst“, denkt sich Florentine.
Weil Pedro sich in den letzten Tagen, während er auf seiner Abschiedstour in Deutschland war, nicht gemeldet hat, schickt sie ihm zur Sicherheit noch eine Nachricht: „Todo claro para hoy?“, aber er meldet sich nicht zurück. Würde er überhaupt da sein? Na ja, ein Ticket hat er ja! „Ich fahre jetzt los, und dann werde ich sehen!“ Florentine steigt ins Auto und mit ihr tausend Schmetterlinge im Bauch.
Am Flughafen parkt sie ihr Auto in einem der großen Parkhäuser. Der Düsseldorfer Flughafen ist ihr zwar inzwischen vertraut, allerdings fällt es ihr immer noch schwer, sich im Gewirr der Parkhäuser zwischen Ankunft und Abflug zurechtzufinden. Sie notiert sich zur Sicherheit ihre Parkplatznummer auf dem Ticket und macht sich auf den Weg zur Abflughalle.
Es ist 16:45 Uhr. Perfekt! Um 17 Uhr wollte sie Pedro am Check-In treffen. Sein Flug geht erst um 22 Uhr, somit hätten sie bis 21 Uhr Zeit zum Kaffeetrinken. Florentine lächelt bei dem Gedanken daran, wozu sie alles Zeit hätten.
In der Abflughalle wimmelt es von Reisenden. Insbesondere an den Flugschaltern nach Südamerika haben sich lange Schlangen gebildet. Fast alle Reisenden schieben Kofferkulis mit viel Gepäck. Aus dem wilden Gebrabbel verschiedener Sprachen ergibt sich ein geschäftiges Summen vor der hektischen Kulisse der Abflugtafel mit den Flugzeiten.
„Ach herrje, wie soll ich Pedro denn hier finden?“ Sie schreibt ihm eine Nachricht, aber er meldet sich nicht zurück. Auf dem iPad prüft Florentine nun noch einmal die Flugnummer und den Schalter und geht dann eine kleine Treppe hinauf, von der aus sie einen guten Überblick über die Abflughalle hat. Ihre Augen schweifen über hunderte Reisende und die geschäftigen Flughafenmitarbeiter. Neben den eigentlichen Check-In-Schaltern gibt es auch die Baggage-Drop-off-Schalter, an denen man sein Gepäck selber aufgeben kann. Auch hier stehen kleinere Warteschlangen.

Und dann sieht sie ihn. An einem dieser Gepäckaufgabe-Schalter kämpft er mit der Technik am Self-Check-In-Desk. Er dreht ihr den Rücken zu. Florentines Herz schlägt schneller. Noch ist sie sich nicht 100%ig sicher, ob er es wirklich ist. Daher geht sie langsam die Treppe hinunter und nähert sich dem Schalter. Sie hat den jungen Mann am Schalter immer fest im Blick. Anscheinend spürt er das, denn mit einem Mal dreht er sich unvermittelt kurz um und blickt ihr direkt in die Augen. Ihr stockt der Atem.
Pedro lächelt sie ein wenig hilflos an. „I am nearly done. Just give me five more minutes and I am all yours!“
Florentine lächelt nur, ohne etwas zu erwidern. Es verschlägt ihr die Sprache. Es ist, als würde sie einen alten Freund wiedersehen und nicht einen Menschen, den sie erst zehn Minuten in ihrem Leben getroffen hatte. Sie stellt sich ein wenig abseits und beobachtet Pedro. Es ist ihr schon fast unheimlich, wie vertraut er ihr ist und sie ist mit einem Mal kein bisschen nervös mehr. In ihrem Bauch hat sie ein ganz warmes Gefühl und sie wartet geduldig, bis er sein Gepäck aufgegeben hat. Pedro trägt Jeans und Turnschuhe, ein T-Shirt und um die Hüften eine dicke Winterjacke. Mitten im Sommer? Na ja, er war jetzt fast ein Jahr in Deutschland, da wird er so einiges an Gepäck zu transportieren haben.
„Und ich treffe ihn ausgerechnet erst jetzt! Danke, lieber Grunderfinder!“, murmelt Florentine in sich hinein.
Da steht er nun, ein junger, sportlicher Mann Anfang dreißig, den sie nach einem flüchtigen Small Talk im Bistro der Messe Köln und nach unzähligen Konversationen per Smartphone vier Stunden vor seiner endgültigen Heimreise nach Südamerika zum ersten Mal richtig und persönlich kennenlernen kann. Warum war sie hergekommen? Was erwartete sie sich von diesem Treffen? Was an Pedro fand sie so magisch anziehend? Warum hatte sie noch nicht mal den Funken einer Angst, dass er auch ein Krimineller sein könnte? Es gab ja genügend Berichte über Internetbekanntschaften, die beim ersten Treffen nach hinten losgehen. Und viel mehr als eine Internetbekanntschaft hatte sie bisher zu Pedro ja nicht aufbauen können.
Florentine kann sich die Frage nicht beantworten. Aber ihr gehen tausend Dinge durch den Kopf. Die Zeit scheint stillzustehen, während sie Pedro beobachtet. Im Gewühl der hektisch durcheinanderrennenden Reisenden erkennt Florentine zumindest, dass es eine gute Entscheidung war, heute hierherzukommen. Ihr Bauch kribbelt, aber sie ist kein bisschen nervös. Ein wenig erinnert sie dieses Gefühl an das Gefühl, das sie als Kind am Heiligen Abend gehabt hatte, bevor es die Bescherung gab. Spannung, Neugierde, Vorfreude … Von allem ein wenig.
Als Pedro mit seinem Gepäck fertig ist, kommt er schüchtern lächelnd auf sie zu. Intuitiv breitet Florentine die Arme aus und inmitten des Gewühls von Koffern, Touristen und lärmenden Menschen umarmen sie sich sekundenlang, wie es alte Freunde tun, die sich nach langer Zeit wiedersehen.
„Sorry, to keep you waiting!“, haucht er ihr in den Nacken und küsst sie auf die Wange.
„Kein Problem. Heute habe ich es mal nicht eilig!“, antwortet Florentine und erkennt selber erst in diesem Moment, dass es seit langer Zeit mal wieder ein Termin ist, den sie nicht komplett durchorganisiert, geplant und strukturiert hat. Sie hat sich einfach den Nachmittag frei genommen, ohne Zeitplan. Das war lange nicht vorgekommen.
„Lass uns erst mal einen Kaffee trinken gehen, und dann sehen wir weiter! Warum trägst du eigentlich deine Winterjacke mit dir rum, bei fast 30 Grad Außentemperatur?“
Pedro legt den Kopf schief: „In Montevideo ist jetzt Winter! Schon vergessen: ich fliege ans andere Ende der Welt!“ Das hatte Florentine in der Tat vergessen.
Gemeinsam schlendern sie zum nächsten Starbucks, denn sie entscheiden, dass sie keine Zeit mit irgendwelchen Fahrten in die Stadt vergeuden würden, sondern lieber hier am Flughafen gegebenfalls später noch etwas essen gehen würden.
„Ich habe mich schon gefragt, ob du überhaupt kommen würdest!“ Pedro stupst sanft seinen Ellenbogen in Florentines Seite. Sie dreht sich zu ihm und sieht ihm in seine wasserblauen Augen, die ihr sofort wieder so vertraut vorkommen. „Klar, das hatten wir doch ausgemacht! Warum hattest du Zweifel?“
„Warum bist du gekommen?“, fragt Pedro sofort zurück. Das war die Frage, über die Florentine selber soeben lange nachgedacht hatte und sich bis jetzt nicht beantworten kann.
„Because, I think, I like you!“, antwortet sie etwas zögerlich.
„You like me?“ Pedro zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Ich sagte, ich GLAUBE, dass ich dich mag. Das denkt zumindest mein Bauch. Come on, we are pen-friends! We should trust each other!“, weicht Florentine aus.
„Gegenfrage: Warum hast DU mir überhaupt geschrieben, als du meine Visitenkarte gefunden hast?“ Florentine stellt sich vor ihn und stemmt herausfordernd ihre Hände in die Hüften.
„Jaaa …“, antwortet Pedro nun seinerseits unsicher, „das war in der Tat eine komische Situation. Ich hatte dich in dem Café sitzen sehen und du hast offensichtlich auf jemanden gewartet. Du bist mir sofort aufgefallen: die patente Business-Frau, selbstbewusst und viel beschäftigt … und sehr hübsch! Als ich später dann die Visitenkarte gefunden hatte, wusste ich ja gar nicht, ob das überhaupt deine ist und ob du sie mit Absicht für mich hast liegen lassen. Ich habe es einfach riskiert …“
„Weil …?“, bohrt Florentine. „Because you are an interesting woman!“, antwortet Pedro.
„Interesting?“ Jetzt zieht Florentine die Augenbrauen hoch.
„Ja, irgendetwas hat mich gereizt, ich kann nicht sagen, was es war. It was just a feeling!“ Florentine lacht. „Da sind wir mit diesem „Gefühl“ ja zumindest schon mal zu zweit!“
„Das ist doch ein ganz guter Anfang oder nicht?“, entgegnet Pedro.
Pedro bestellt zwei große Milchcafé, während Florentine an einem Tisch in einer Ecke des Cafés Platz nimmt und schnell einen Blick in ihre E-Mails im iPad wirft. Ein Kunde will dringend eine größere Übersetzung bei ihr beauftragen und sie muss noch kurz das Angebot dazu verschicken. Als Pedro mit den zwei Milchcafés zum Tisch zurückkommt, sagt er lässig: „Take your time, we still have over three hours to talk!“
Florentine bemerkt, wie unhöflich ihre Aktion ist, und klappt das iPad zu. „Oh sorry, ich hatte mir eigentlich vorgenommen, diese Art von Multi-Tasking zu lassen. Aber weißt du, wenn man selbstständig ist, ist man ständig in Position und hat Angst, dass einem irgendwelche Aufträge durch die Lappen gehen. Ich muss mich schließlich um so viele Dinge alleine kümmern und …“ Pedro hatte sich ihr gegenüber hingesetzt. Er legt nun seine Hand auf die ihre und blickt ihr tief in die Augen. „Relax, ich verstehe das. Kein Problem. Und ab morgen kannst du dich wieder ganz deiner Arbeit widmen. Dann bin ich am anderen Ende der Welt und werde dich bestimmt nicht so schnell wieder von deiner Arbeit abhalten.“ Florentine schluckt. „Du hast recht, wir sollten die Zeit nutzen!“
„Um was zu tun?“ Pedro grinst verschmitzt. „Uns kennenzulernen, zu reden, anstatt zu schreiben!“, antwortet Florentine. „Stimmt!“, meint Pedro, zum Schreiben haben wir ja noch das ganze halbe Leben!“
Florentine läuft bei dieser Aussage von Pedro ein Schauer über den Rücken. Pedro nimmt wieder ihre Hand. „Zum Berühren nur noch heute!“ Florentine lächelt und entzieht ihre Hand aus seinem sanften Griff.
„Erzähl mal, wie war dein Jahr in Deutschland? Wie findest du die Deutschen? Und warum gehst du zurück? Freust du dich auf zu Hause? Wirst du wiederkommen?“
Pedro hebt beide Hände und gibt Florentine ein Time-Out! „Hey Florentine, so many questions at the same time … darf ich jetzt erst mal die ersten zehn beantworten?“
Und so erzählt Pedro Florentine alles von seinem Abenteuer Deutschland, was sie wissen will. „Und die Frage, ob ich wiederkomme … das hängt davon ab, wie schnell ich wieder 2000 Euro für ein Ticket zur Verfügung habe“, beendet Pedro seine Ausführungen.
„Jetzt bist du dran, Florentine! Erzähl mir, wer Florentine wirklich ist. Oder bist du so, wie du aussiehst?“ „Wie sehe ich denn aus?“, will Florentine sofort wissen.
„Wie eine toughe, selbstbewusste Powerfrau! Aber dass du nicht tough bist, sondern sehr sensibel und warmherzig, das habe ich ja schon während unserer Brieffreundschaft herausgefunden. Aber du bist auch ängstlich, hast Angst vor deiner eigenen Courage, vor der Zukunft und vor einem Neuanfang!“
„Moment mal, willst DU jetzt erzählen, wie ich bin oder soll ich es tun?!“ Florentine bremst Pedro abrupt aus. Eigentlich hat sie sich aber ernsthaft erschreckt, weil er den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Wie konnte es sein, dass er auf Basis von Kurznachrichten und dem wenigen, was sie von sich erzählt hat, so viel von ihr wusste?
„Dann sag mir was, was ich noch nicht weiß!“, fordert er sie auf.
„Ich bin verheiratet!“, antwortet sie, ohne zu zögern. „Noch!“, fügt sie hinzu.Das ist für Pedro in der Tat neu. Er fragt deshalb noch mal nach: „Mit dem Vater deiner Kinder?“
„Nein, mit der Liebe meines Lebens. Dem Mann, mit dem ich für immer zusammenbleiben wollte. Aber ‚für immer‘ war dann nach 15 Jahren für ihn zu Ende. Er hat entschieden, dass er mich nicht mehr so liebt, als dass es ‚für immer‘ reichen würde. Aber das hatte ich dir doch schon erzählt!“
„Du hattest mir erzählt, dass du jemanden liebst, der dich nicht mehr liebt, ja!“ Pedro ist nachdenklich. „Warum habt ihr euch nicht scheiden lassen?“
„Es hat sich noch nicht die Notwendigkeit ergeben! Bei meiner ersten Ehe habe ich das auch erst viele Jahre nach der eigentlichen Trennung gemacht!“
„Aber wenn ich das richtig verstehe, hast du dich von deinem Ex-Mann doch gar nicht getrennt. Zumindest nicht räumlich, ihr habt doch eine Zeit lang alle zusammengewohnt?“
„Ja!“, antwortet Florentine und ihr wird bewusst, wie kompliziert und merkwürdig das für einen Außenstehenden erscheinen muss.
„Wie kann das funktionieren?“
„Ganz gut, pass auf, ich male dir unsere Villa Kunterbunt mal auf. Das war eigentlich wirklich eine coole Lösung.“
Florentine zeichnet eine Skizze der Villa Kunterbunt auf ein Blatt Papier und erklärt, wer wann in welcher Ebene gewohnt hat und wie sich die Situation in den letzten Jahren entwickelt hat und dass nach und nach alle Bewohner ausgezogen und in die weite Welt geflogen sind. Ohne dass sie es merkt, haben sich ihre Augen dabei mit Tränen gefüllt.
Geduldig hat Pedro sie erzählen lassen. Ohne sie zu unterbrechen. Als Florentine mit ihren Ausführungen fertig ist, sieht sie zu ihm auf und Tränen rinnen ihre Wangen hinunter.
„Sorry, ich langweile dich bestimmt! Lass uns das Thema wechseln.“ Florentine wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht.
„Nein“, antwortet Pedro „alles ok. Ich wollte wissen, wer Florentine ist. Ich weiß es jetzt! Das alles ist ein Teil von dir und wird es immer bleiben. Egal wo und mit wem du JETZT lebst!“
Florentine mochte Pedros klare Aussagen. Dennoch wollte sie nun nicht weiter in der Vergangenheit graben. Gerade wenn diese Vergangenheit sie davon abhielt, etwas Neues anzufangen.
„Komm, lass uns noch ein wenig spazieren gehen – oder etwas essen! Ich habe heute keine Lust auf noch mehr Kaffee!“ Florentine steht auf und hält Pedro ihre Hand hin. Pedro ergreift sie und gemeinsam schlendern sie durch die Abflughalle Richtung Ausgang.
„Hast du Hunger?“, fragt Florentine. „Nicht wirklich, aber ich habe eine halbe Weltreise vor mir, da sollte ich vielleicht noch etwas essen!“, meint Pedro.
Sie gehen zu einem kleinen asiatischen Imbiss. Die Auswahl am Flughafen hält sich in Grenzen, aber in Anbetracht der Zeit entscheiden sie pragmatisch.
Während des Essens versucht Florentine, noch mehr von Pedro herauszufinden, aber irgendwann ist ihr die Fragestunde zu dumm und sie unterhalten sich locker über Belangloses und scherzen, sodass die Zeit wie im Fluge vergeht.
„Pedro, ich werde jetzt mal heimfahren, du musst auch bald los, ok?“ Pedro lächelt müde. „Ok, komm ich bringe dich noch zum Parkhaus!“
Gemeinsam gehen sie durch das Labyrinth von Flughafengängen und entlang der unzähligen Wegweiser zum Parkhaus, in dem Florentine geparkt hat. „Siehst du, deshalb habe ich mir alle Nummern und Etagen notiert! Ich finde mein Auto sonst nie wieder!“
Florentines Herz beginnt schneller zu schlagen, als Pedro sich im Fahrstuhl enger an sie schmiegt.
Als die Fahrstuhltür öffnet, springt Florentine daher schnell raus und eilt förmlich zu ihrem Auto. „Sag mal spinnst du, Flori“, sagt sie innerlich zu sich, „wovor rennst du weg?“
Zu Pedro ruft sie: „Mensch, dass ich immer mein Auto suchen muss! Aber ich glaube es steht da hinten!“ Florentine eilt voran. Pedro folgt ihr.
„Ha, ich hab’s. Hier ist es. Ich kann mir das echt nie merken! Dafür war ich jetzt gar nicht so schlecht.“ Florentine kichert übertrieben. Nun ist sie doch nervös. Sie musste sich von Pedro nun verabschieden.
Florentine hat bereits die Fahrertür geöffnet, als Pedro bei ihrem Auto ankommt.
„Oh, then I think it is time to say good bye!“, beginnt Florentine und will Pedro umarmen.
Pedro schiebt Florentine sanft mit dem Rücken an ihr Auto. Während er sie mit einem Arm umarmt, fasst seine linke Hand ihren Hinterkopf und streicht ihr sanft über den Haaransatz im Nacken. Vorsichtig drückt er einen Kuss auf ihre Lippen, den Florentine kurz erwidert, dann aber sofort zurückweicht. „So, get home safely!“, sagte sie und will sich aus der Umarmung lösen. Pedro hält sie fest.
„Wir haben nur diesen einen Moment! Bekomme ich keinen Abschiedskuss?“, verlangt Pedro.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 396
ISBN: 978-3-95840-208-9
Erscheinungsdatum: 15.09.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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