Nur eine Liaison
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 606
ISBN: 978-3-7116-1643-2
Erscheinungsdatum: 27.08.2026
Eine Rhein-Kreuzfahrt wird für Anna zur Reise in die Vergangenheit. Zwischen Lebenslust, Verletzlichkeit und verbotener Nähe begegnet sie einem Mann, der mehr in ihr berührt als nur Sehnsucht. Ein Roman über späte Leidenschaft und alte Wunden.
Prolog
Anna, 1940 in Berlin geboren, sollte Katja heißen. Die gesetzestreuen, engstirnigen und an den Endsieg glaubenden Beamten der Anmeldebehörde lehnten es kategorisch ab, eine derartige Registrierung vorzunehmen. Ein russischer Name in diesen Zeiten? Einfach undenkbar. Und Hans Zimmerer, Sohn des Schneiders Johannes und der Hausfrau Luise Vogeler, und seine Frau Hertha beugten sich widerwillig dem Amtsschimmel.
Als Bohrwerksdreher im Flugzeugbau wurde Annas Vater mit Kriegsbeginn als tauglich und zur Ersatzreserve 1 eingestuft. Er wurde aber an der Heimatfront gebraucht. Er starb nicht an der Front für Volk und Vaterland, wie es sich für einen guten Deutschen gehört hätte. Durch groben Leichtsinn wurde er von einer Straßenbahn erfasst und zu Tode geschleift. Er machte seine kleine Tochter, die er so herbeigesehnt hatte, zur Halbwaise und seine Frau mit gerade 26 Jahren zur Witwe. Eine viel zu kurze Zeit war ihm vergönnt, sein kleines blondes Mädchen zu vergöttern und zu verwöhnen, und Anna hatte keine Erinnerung daran. Ihr blieben ein Wehrpass mit einem vergilbten, nicht ganz scharfen Passbild und Erzählungen der Onkel und Tanten, von denen es reichlich gab.
Ihre Mutter war das elfte von zwölf Kindern, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Grundschulbesuch und einer Lehre an der Haushaltsschule musste sie frühzeitig als Hausmädchen bei reichen Leuten in Stellung gehen und zum Unterhalt beisteuern. Die erstbeste Gelegenheit nutzte sie, um aus der verstaubten, kleinbürgerlichen Enge auszubrechen und sich in der Hauptstadt Berlin umzuschauen. Jung, hübsch, mit langen blonden Haaren und einer tadellosen Figur arbeitete sie als ungelernte Kellnerin in einer schäbigen Eckkneipe im Prenzlauer Berg. An männlichen Verehrern mangelte es nicht. Auch Hans, acht Jahre älter als Hertha und erfahren in Liebesdingen, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, legte sich mächtig ins Zeug. Es schmeichelte ihr, dass ein verheirateter Mann so um sie warb. Er war von ihrer fröhlichen, immer netten Art derart angetan, dass er sich von seiner gleichaltrigen, nicht sonderlich attraktiven und schwermütigen Frau scheiden ließ. Damit verband er die Hoffnung, dass die naive, unverbrauchte Kleinstadtschönheit, die er tatsächlich liebte, seinen Kinderwunsch erfüllen würde.
Drei Monate nach seiner Scheidung heiratete der Berliner Hans Zimmerer seine Hertha Erna Anna Döbbert aus dem Provinznest Demmin. Aller Prognosen ihrer älteren, weiblichen, durchweg neidischen Geschwister zum Trotz entpuppte sich die Verbindung als äußerst harmonisch, und die Geburt der kleinen Anna setzte diesem Bund die Krone auf.
Annas erste Lebensjahre waren die glücklichsten, denn die Natur hat es so eingerichtet, dass jeder Mensch eine glückliche Phase durchlebt, weil sie die Erinnerung ausblendet. Ihre Gedächtniskraft reichte bis zum vierten Lebensjahr zurück. Es war Krieg. Sie erinnerte sich an die durchdringend heulenden Sirenen, die einen neuerlichen Luftangriff ankündigten. Auch an ihre Verbrennung dritten Grades, weil sie vor Müdigkeit den Topf mit heißer Suppe vom Herd gerissen hatte. Ebenso an den endlosen Krankheitsverlauf danach.
Eine Zeit, angefüllt mit nicht enden wollenden Schmerzen. Sie erinnerte sich an das Bügelbrett, das zur Trage aufgewertet wurde und monatelang eine Symbiose mit dem verbrannten, nässenden Fleisch eingegangen war, weil es an Verbandstoff mangelte. Auch daran, wie sie im Luftschutzbunker verschüttet wurden und an die qualvolle Zeit, bis Hilfe von außen kam.
Irgendwann musste sich dann Annas kleines Gehirn geweigert haben, weitere Bilder zu speichern. Wie aus heiterem Himmel war da plötzlich ein mickriges Baby. Das sollte ihre Schwester sein? Anna konnte sich noch so anstrengen, eine Mutti mit einem dicken Bauch gab es in ihrer Erinnerung nicht.
Sie hasste dieses ewig schreiende, halslose Monster, weil es jegliche Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich zog. Die bis dahin Anna zuteilgewordenen spärlichen Zuwendungen ihrer Mutti blieben irgendwann aus. Sie spürte von Tag zu Tag mehr, dass sie etwas an sich hatte, das ihre Mutter gegen sie aufbrachte. Sie litt maßlos unter Liebesentzug, und die ständige Gier nach ein wenig Liebe und Anerkennung prägte die Person Anna. Dieses Verhalten zog sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben, bis sie diesen durchtrennte.
Dieser Kegelabend verlief definitiv anders als die vorangegangenen. Ein absolutes Novum war, dass nicht gekegelt wurde und niemand Interesse hatte, die Neuigkeiten des Dorfes durchzuhecheln. Nichts beschäftigte die Gemüter mehr als die Frage, wie, wann und in welchem Rahmen das bevorstehende Ereignis begangen werden sollte. Dieser Tag rangierte urplötzlich in seiner Wichtigkeit und dem Unterhaltungswert noch vor der Fernsehserie „Sturm der Liebe“ und der das Land erschütternden Wirtschaftskrise, der Wahl des Präsidenten in Amerika und der täglich erschreckenden Hiobsbotschaft über den Anstieg der Strompreise. Es sollte ein absoluter Höhepunkt werden, der in die Annalen des Vereins eingehen würde.
Eine über die gesamte Seite reichende Anzeige im dörflichen Informationsblatt wies auf das bevorstehende 40-jährige Jubiläum des Kegelvereins „Ohne ihn“ hin. Der ausführliche Artikel über diesen jahrelangen sportlichen Zusammenhalt wurde mit einem Bild vom Gründungstag der Damenriege ergänzt. Darauf waren junge, adrett gekleidete Frauen abgelichtet. Über Jahre hatten sie die Kegeltouren ihrer Sturm- und Drangzeit gemeistert sowie die mit dem Älterwerden unvermeidlichen Hüft- und Knieoperationen. Der Bericht wies darauf hin, dass es bis zum heutigen Tag nicht einen einzigen Ausfall gab. Für Anna stand fest, dass sie auch noch kegeln würden wenn sie an der Schnabeltasse hängen. Der Zahn der Zeit hatte seine Spuren hinterlassen und waren die Landfrauen vor Jahren bildschön, war heute nur noch das Bild schön.
Anna war der einzige Neuzugang des Vereins. Sie war auf die Vorschläge zur Gestaltung dieses Großereignisses gespannt. Sie hatte sich auch Gedanken gemacht, hielt sich aber zurück. Schnell hatte sie begriffen, dass in der Gruppe eine gewisse Hackordnung herrscht, die sich vor Urzeiten gebildet haben musste und heute noch Bestand hatte. Ausschlaggebend dafür war die Größe des Bauernhauses, der Ackerfläche, die Anzahl von Kühen, Schweinen, Pferden und Stallungen. Unterm Strich machte das alles Elfriede zur Führerin der Damenriege, und danach sah die Sitzordnung und die Wortführung aus. Anna saß am Ende des Tisches und ihr gegenüber Elisabeth. Sie war es auch, die ihr vor zwei Jahren den Vorschlag machte, dem Kegelverein beizutreten.
Anna wurde Mitglied des Kegelklubs „Ohne ihn“, weil sie glaubte, sich als Zugereiste über diese Mitgliedschaft schneller zu integrieren. Ihr Bestreben war, sobald als möglich in das Dorfleben mit seinen Traditionen und Aktivitäten einbezogen zu werden. Gleichzeitig war sie sich darüber im Klaren, dass sie bei aller Bereitschaft und allen Bemühungen immer die Fremde bleiben würde. Das wäre genauso, als würde man dem Leipziger Allerlei, das nur aus heimischem Gemüse zubereitet wird, eine fremdländische Knolle beimischen.
Anna war so eine fremde Knolle. Es störte nicht, dass sie sich an den Unterhaltungen kaum beteiligen konnte. Das dörfliche Platt war für Anna eine Sprache mit sieben Siegeln.
Elisabeth verschaffte sich Gehör. „Ich könnte mir ein Hotel vorstellen, das Kutschfahrten und abendfüllendes Programm anbietet.“ Sie hatte kaum ihren Satz beendet, da ging ein Aufschrei durch den Raum.
„Du mit deinen Kutschfahrten, davon haben wir doch wohl schon reichlich gemacht. Was haltet ihr denn von einem Flug nach Berlin?“, fragte Klara und schaute in die Runde. „Anna könnte uns die interessantesten Ecken zeigen. Schließlich ist sie aus Berlin und verfügt über Insiderwissen.“
Der Vorschlag fand allgemein Anklang, bis auf Elisabeth. „Mich bekommen keine zehn Pferde in ein Flugzeug.“ Dabei machte sie ein Gesicht, als würde sie sich bereits im Sinkflug befinden.
„Dann mach einen besseren Vorschlag, aber vergiss deine Kutschfahrt“, bemerkte Klara ziemlich bissig. Und schob noch hinterher: „Bist du überhaupt schon mal geflogen, außer zu Hause rausgeflogen?“ Das war ziemlich gemein und Elisabeth schmollte.
Silvia, die neben Anna saß, hatte die Statur eines Walrosses, nur ihr Körper beherbergte noch einen riesigen Busen, den sie mit dreifach um den Hals geschlungener Perlenkette dekorierte. „Was haltet ihr von einem Aufenthalt in einem Hotel mit hervorragendem Wellnessbereich?“
Ihr schlug nichts als Empörung entgegen. Am lautesten krähte Margarete: „Was willst du denn da anfangen? Etwa in die Sauna gehen oder im Wasser rumplanschen? Stell dir unsere Truppe im Badeanzug vor. Wir bekommen doch sofort Badeverbot.“
„Was haltet ihr denn von einer Rheintour auf einem Kreuzfahrtschiff bis runter nach Rüdesheim? Unterwegs mit mehreren Haltepunkten, Vollverpflegung und Programm rund um die Uhr, wenn nicht Landgang angesagt ist“, fragte Elfriede in die aufgebrachte Runde hinein.
Mit Erstaunen nahm Anna zur Kenntnis, dass der Vorschlag allgemeine Zustimmung fand. Sie selber konnte sich einen besseren Zeitvertreib vorstellen. Drei Tage auf einem Schiff und keine Ausweichmöglichkeit? Einfach nur schrecklich.
Einwände kamen prompt wieder von Elisabeth. „Ich gehe auf kein Schiff. Mir wird schon schlecht, wenn ich an die Schaukelei denke. Und ich kann nicht schwimmen.“
Die besonnene und zurückhaltende Luzie schien genervt zu sein, denn sie sagte unumwunden: „Das Schiff geht nicht unter und wenn, gibt es Rettungsringe. Da dir alles nicht passt, musst du zu Hause bleiben. Mach es dir auf dem Sofa bequem und schau dir irgendeine Serie an. Davon gibt es ja wahrlich genug. Da findest du garantiert etwas Passendes.“
Für Elfriede war das Thema erledigt und sie erklärte sich bereit, bis zum nächsten Kegelabend Informationen einzuholen. Der Preis spielte keine Rolle, dafür aber die Ausstattung des Schiffes und das angebotene Programm. Ihre Devise lautete: Wir wollen uns auf Biegen und Brechen amüsieren. Anna hatte ihre Zweifel, aber die äußerte sie nicht. Sie wusste, sie war in dieser Hinsicht skeptisch. Sie einigten sich auf einen Termin im September und zufrieden mit dem Ausgang der Diskussion ließen sie das Essen kommen. Wie immer schmeckte es vorzüglich und dabei wurden dann doch noch die kaum erwähnenswerten Ereignisse des Dorfes besprochen.
Eigentlich liebte Anna die Atmosphäre des Abreisens oder Ankommens. Sie hatte eine Schwäche für Flughäfen und Bahnhöfe mit ihrem unverwechselbaren Geruch. Sie mochte den Lärm, die Leute in Aufbruchstimmung oder bei der Heimkehr. Sie liebte Schiffe, die an- und ablegen, das damit verbundene geschäftige Treiben, das Zurufen der Kommandos. Alles perfekte Orte, um Menschen zu beobachten, und das tat Anna für ihr Leben gern. Nur waren dieses Mal die Voraussetzungen, um dieses Flair genießen zu können, völlig andere. Sie war eingebunden in eine Gruppe von Frauen, die alle nach einer Pfeife tanzten, und wehe, eine kam aus dem Takt. Sogar ein laut geäußerter geistiger Seitensprung kam einem Mordversuch gleich und wurde mit bösen Bemerkungen und entsprechenden Blicken bedacht. Die Pfeife flötete und kollektives Amüsement war angesagt.
Herausgerissen aus der dörflichen Idylle mit überschaubarem Autoverkehr und voller Erwartung auf das große Abenteuer, fieberten die Kegeldamen der pulsierenden Großstadt Köln und der Schiffsreise auf dem Rhein entgegen. Lange genug hatten sie darauf gewartet und sich entsprechend vorbereitet. Alle hatten in letzter Minute den einzigen Friseur im Dorf aufgesucht und sich den Einheitsschnitt verpassen lassen. Treffpunkt war der Platz vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude von Hochneukirch mit seinen riesigen Pfützen, die nicht einmal im Hochsommer richtig austrockneten.
Der wahllos abgekippte Schotter war ein dürftiger Versuch, über die ungeheuren Löcher hinwegzutäuschen. Bierdosen lagen herum. Vor dem Kleidercontainer stapelten sich blaue Müllsäcke und im Rinnstein stauten sich vom letzten Regenguss die aufgeweichten Pizzakartons.
Die Fenster des Gebäudes waren mit Brettern vernagelt. Darauf klebten die Wahlplakate der letzten Landtagswahl. Dem amtierenden Ministerpräsidenten der CDU, Jürgen Rüttgers, hatten übermütige Jugendliche einen Bart à la Hitler verpasst und der Gegenkandidatin Hannelore Kraft von der SPD eine mächtige Brille und Sommersprossen. Wer wollte, konnte sich darüber amüsieren, aber das war Schnee von gestern und wurde kaum noch wahrgenommen. Außer Anna wurden alle Frauen von ihren Männern im Auto zum Bahnhof kutschiert. Es wäre ja auch eine glatte Zumutung, den Trolley ein paar Hundert Meter zu bewegen. Wozu gab es Ehemänner? Sie konnten gut und gerne als Kofferträger fungieren. Anna hätte ebenfalls das Auto nehmen können. Sie zog es aber vor, die kurze Strecke vorbei an wundervoll angelegten und gepflegten Vorgärten zu laufen. Sie wurde bereits erwartet und mit großem Hallo, als hätten sie sich ewig nicht gesehen, empfangen. Sie begrüßte die Männer mit Handschlag und sie wechselten ein paar freundliche Worte. Es war ihnen anzumerken, dass sie nicht sonderlich unglücklich über den Ausflug ihrer Frauen waren. Die scherzhaften Aufmunterungen und Durchhalteparolen gingen nur so zwischen ihnen hin und her. Die Aussicht, vor der besseren Hälfte drei volle Tage Ruhe zu haben, stimmte sie ausnahmslos fröhlich.
Die Männer schleppten die überdimensionalen Koffer, ausreichend für einen dreiwöchigen Trip, die Treppen runter durch einen verdreckten, nach Urin stinkenden und mit beschmierten Wänden spärlich beleuchteten Tunnel und zum Bahnsteig wieder hinauf. Mit überschwänglich wohlgemeinten Worten verabschiedeten sie sich auffällig schnell. Ihre Frauen waren so mit dem Austausch des neuesten Dorfklatsches beschäftigt, dass ihnen das überhaupt nicht auffiel. Sie erhielten letzte Anweisungen von Elfriede, der selbst ernannten Gruppenführerin.
„Wir bleiben alle schön zusammen. Keiner tanzt aus der Reihe. Denkt daran, dass ich einen Gruppenfahrschein habe.“ Sie zeterte herum, als hätte sie Kleinstkinder zu betreuen. Anna hörte nicht so recht hin. Letzten Endes würde sich alles von alleine regeln. Nur der Bahnhofslautsprecher ließ sie aufhorchen. Daraus plärrte eine beinahe unverständliche Stimme: „Der Zug wird wegen technischer Störungen voraussichtlich 30 Minuten Verspätung haben. Wir bitten die Fahrgäste um Verständnis.“ Diese Ansage löste weder Ärger noch Unmut in Annas Kegelgruppe aus. Sie hatten keine Eile, denn bereits in der Vorbereitungsphase dieser Ausfahrt war ein zeitlicher Puffer von drei Stunden bis zum Ablegen des Schiffes eingeplant worden. Es gab also keinen Grund, sich graue Haare wachsen zu lassen. Sie taten es als höhere Gewalt ab. Ein technischer Schaden war zwar keine höhere Gewalt, aber warum sollten sie sich aufregen? Eine beneidenswerte Gelassenheit, die sie an den Tag legten. Anna dagegen wurde unruhig. Sie hatte diese Ansagen, die jedes Mal ein Nachspiel hatten, immer noch im Ohr. Es war nicht allzu lange her, dass sie morgens mit der Bahn zur Arbeit fuhr und es verging kaum ein Tag, an dem diese pünktlich war. Die Reisenden brachten eine gehörige Portion Verständnis auf, aber für Annas Chef war das ein Fremdwort. Die täglichen Belehrungen endeten mit dem Vorwurf, sie möge sich eine glaubwürdigere Ausrede einfallen lassen. Irgendwann stieg Anna auf einen Kleinwagen um, stand ewig im Stau und hatte Wut auf ihren Chef.
Die Zugverspätung hatte für die Laufunwilligen sogar etwas Positives. Der vorgesehene Rundgang durch die Kölner Altstadt verkürzte sich dadurch um eine halbe Stunde. Sie warteten geduldig auf den Regionalzug, der sie nach Köln bringen sollte, und tauschten weiterhin vermeintliche Neuigkeiten aus, die längst schon keine mehr waren, da sie sich alle Augenblicke trafen. Auf der Straße, beim Bäcker, beim Friseur und beim wöchentlichen Kaffeekränzchen. Und weil sie alle in einem entfernten verwandtschaftlichen Verhältnis zueinanderstanden, sahen sie sich auf jeder Beerdigung, Hochzeit und Kindstaufe. Ganz böse Zungen im Dorf sprachen sogar von Inzucht.
Als der Zug bereits in Sichtweite war, erlaubte sich Anna die Bemerkung, dass es sicherlich hilfreich wäre, sich auf dem Bahnsteig ein wenig zu verteilen, um das Einsteigen zu beschleunigen. Elfriedes Augenbrauen zuckten hoch wie zwei zum Abflug bereite Krähen, riss ihre ansonsten kleinen Schlitzaugen zu einer Größe auf, wie sie Anna vorher nie erlebt hatte, und blaffte: „Wir steigen alle an derselben Tür ein und wenn es noch so lange dauert. Wir haben gewartet, dann können die das jetzt auch.“ Anna war zwar nicht ganz klar, wen sie mit „die“ meinte. In diesem speziellen Fall gab es nur den Lokführer, aber Verallgemeinerungen waren Elfriedes Spezialität. Nachzufragen hätte keinen Sinn gehabt. Sie würde das mit einer verächtlichen Handbewegung abtun. Erschrocken starrten alle Anna an und warteten auf eine Erwiderung. Sie aber nahm es nicht persönlich und tat das Ganze mit einem Achselzucken ab. Es war ihr zu dumm, sich auf eine Diskussion einzulassen, die unweigerlich folgen würde. Zwar hatte sich Elfriede im Ton vergriffen, aber das war nun einmal ihre Art. Anna hatte seit Langem beobachtet, dass Elfriede absolut das Sagen hatte und die übrigen Mitglieder der Kegelgruppe spurten. Zwar wurde gemurrt, aber nur hinter vorgehaltener Hand oder hinter Elfriedes Rücken.
Der Zug lief ein, und als er zum Stehen kam, trat das ein, was Anna bereits im Vorfeld geahnt hatte. Sie warteten alle vor einer Tür und standen sich beim Einsteigen gegenseitig im Weg. Sie stolperten nicht nur über ihre wahllos abgestellten Koffer, Taschen, Beutel und Beutelchen, sondern auch noch über die eigenen Füße. Einige Fahrgäste schauten neugierig, andere verärgert aus dem Fenster, um die Ursache einer weiteren Verzögerung zu ergründen. Angesichts der umständlichen älteren Damen schüttelten sie nur den Kopf und brachten damit unmissverständlich zum Ausdruck, dass alte Frauen nicht auf Reisen gehen sollten.
Der Lokführer lehnte sich weit aus dem Fenster und verfolgte das Gedränge. Er vergewisserte sich mit einem verzweifelten Blick auf die Bahnhofsuhr, dass auch die Letzte eingestiegen war. Der sanfte Ruck des anfahrenden Zuges brachte sieben stämmige Frauen derart aus dem Gleichgewicht, dass sie sich schimpfend nach einem Halt umsahen, statt sich hinzusetzen. An freien Plätzen mangelte es nicht. Das folgende Gezeter nahm drastische Formen an.
Margarete fasste sich an den Kopf.
„Der Lokführer ist ein Idiot, wo hat der nur seinen Führerschein gemacht?“
Nach einer kleinen Pause schaute sie fragend in die Runde. „Machen die eigentlich einen Führerschein?“
„Egal, ob mit oder ohne. Der Lokführer ist und bleibt ein Idiot“, gab Elfriede zum Besten.
„Und dafür bezahlen wir auch noch Steuern“, tönte es aus Silvias Mund.
...
Anna, 1940 in Berlin geboren, sollte Katja heißen. Die gesetzestreuen, engstirnigen und an den Endsieg glaubenden Beamten der Anmeldebehörde lehnten es kategorisch ab, eine derartige Registrierung vorzunehmen. Ein russischer Name in diesen Zeiten? Einfach undenkbar. Und Hans Zimmerer, Sohn des Schneiders Johannes und der Hausfrau Luise Vogeler, und seine Frau Hertha beugten sich widerwillig dem Amtsschimmel.
Als Bohrwerksdreher im Flugzeugbau wurde Annas Vater mit Kriegsbeginn als tauglich und zur Ersatzreserve 1 eingestuft. Er wurde aber an der Heimatfront gebraucht. Er starb nicht an der Front für Volk und Vaterland, wie es sich für einen guten Deutschen gehört hätte. Durch groben Leichtsinn wurde er von einer Straßenbahn erfasst und zu Tode geschleift. Er machte seine kleine Tochter, die er so herbeigesehnt hatte, zur Halbwaise und seine Frau mit gerade 26 Jahren zur Witwe. Eine viel zu kurze Zeit war ihm vergönnt, sein kleines blondes Mädchen zu vergöttern und zu verwöhnen, und Anna hatte keine Erinnerung daran. Ihr blieben ein Wehrpass mit einem vergilbten, nicht ganz scharfen Passbild und Erzählungen der Onkel und Tanten, von denen es reichlich gab.
Ihre Mutter war das elfte von zwölf Kindern, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Grundschulbesuch und einer Lehre an der Haushaltsschule musste sie frühzeitig als Hausmädchen bei reichen Leuten in Stellung gehen und zum Unterhalt beisteuern. Die erstbeste Gelegenheit nutzte sie, um aus der verstaubten, kleinbürgerlichen Enge auszubrechen und sich in der Hauptstadt Berlin umzuschauen. Jung, hübsch, mit langen blonden Haaren und einer tadellosen Figur arbeitete sie als ungelernte Kellnerin in einer schäbigen Eckkneipe im Prenzlauer Berg. An männlichen Verehrern mangelte es nicht. Auch Hans, acht Jahre älter als Hertha und erfahren in Liebesdingen, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, legte sich mächtig ins Zeug. Es schmeichelte ihr, dass ein verheirateter Mann so um sie warb. Er war von ihrer fröhlichen, immer netten Art derart angetan, dass er sich von seiner gleichaltrigen, nicht sonderlich attraktiven und schwermütigen Frau scheiden ließ. Damit verband er die Hoffnung, dass die naive, unverbrauchte Kleinstadtschönheit, die er tatsächlich liebte, seinen Kinderwunsch erfüllen würde.
Drei Monate nach seiner Scheidung heiratete der Berliner Hans Zimmerer seine Hertha Erna Anna Döbbert aus dem Provinznest Demmin. Aller Prognosen ihrer älteren, weiblichen, durchweg neidischen Geschwister zum Trotz entpuppte sich die Verbindung als äußerst harmonisch, und die Geburt der kleinen Anna setzte diesem Bund die Krone auf.
Annas erste Lebensjahre waren die glücklichsten, denn die Natur hat es so eingerichtet, dass jeder Mensch eine glückliche Phase durchlebt, weil sie die Erinnerung ausblendet. Ihre Gedächtniskraft reichte bis zum vierten Lebensjahr zurück. Es war Krieg. Sie erinnerte sich an die durchdringend heulenden Sirenen, die einen neuerlichen Luftangriff ankündigten. Auch an ihre Verbrennung dritten Grades, weil sie vor Müdigkeit den Topf mit heißer Suppe vom Herd gerissen hatte. Ebenso an den endlosen Krankheitsverlauf danach.
Eine Zeit, angefüllt mit nicht enden wollenden Schmerzen. Sie erinnerte sich an das Bügelbrett, das zur Trage aufgewertet wurde und monatelang eine Symbiose mit dem verbrannten, nässenden Fleisch eingegangen war, weil es an Verbandstoff mangelte. Auch daran, wie sie im Luftschutzbunker verschüttet wurden und an die qualvolle Zeit, bis Hilfe von außen kam.
Irgendwann musste sich dann Annas kleines Gehirn geweigert haben, weitere Bilder zu speichern. Wie aus heiterem Himmel war da plötzlich ein mickriges Baby. Das sollte ihre Schwester sein? Anna konnte sich noch so anstrengen, eine Mutti mit einem dicken Bauch gab es in ihrer Erinnerung nicht.
Sie hasste dieses ewig schreiende, halslose Monster, weil es jegliche Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich zog. Die bis dahin Anna zuteilgewordenen spärlichen Zuwendungen ihrer Mutti blieben irgendwann aus. Sie spürte von Tag zu Tag mehr, dass sie etwas an sich hatte, das ihre Mutter gegen sie aufbrachte. Sie litt maßlos unter Liebesentzug, und die ständige Gier nach ein wenig Liebe und Anerkennung prägte die Person Anna. Dieses Verhalten zog sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben, bis sie diesen durchtrennte.
Dieser Kegelabend verlief definitiv anders als die vorangegangenen. Ein absolutes Novum war, dass nicht gekegelt wurde und niemand Interesse hatte, die Neuigkeiten des Dorfes durchzuhecheln. Nichts beschäftigte die Gemüter mehr als die Frage, wie, wann und in welchem Rahmen das bevorstehende Ereignis begangen werden sollte. Dieser Tag rangierte urplötzlich in seiner Wichtigkeit und dem Unterhaltungswert noch vor der Fernsehserie „Sturm der Liebe“ und der das Land erschütternden Wirtschaftskrise, der Wahl des Präsidenten in Amerika und der täglich erschreckenden Hiobsbotschaft über den Anstieg der Strompreise. Es sollte ein absoluter Höhepunkt werden, der in die Annalen des Vereins eingehen würde.
Eine über die gesamte Seite reichende Anzeige im dörflichen Informationsblatt wies auf das bevorstehende 40-jährige Jubiläum des Kegelvereins „Ohne ihn“ hin. Der ausführliche Artikel über diesen jahrelangen sportlichen Zusammenhalt wurde mit einem Bild vom Gründungstag der Damenriege ergänzt. Darauf waren junge, adrett gekleidete Frauen abgelichtet. Über Jahre hatten sie die Kegeltouren ihrer Sturm- und Drangzeit gemeistert sowie die mit dem Älterwerden unvermeidlichen Hüft- und Knieoperationen. Der Bericht wies darauf hin, dass es bis zum heutigen Tag nicht einen einzigen Ausfall gab. Für Anna stand fest, dass sie auch noch kegeln würden wenn sie an der Schnabeltasse hängen. Der Zahn der Zeit hatte seine Spuren hinterlassen und waren die Landfrauen vor Jahren bildschön, war heute nur noch das Bild schön.
Anna war der einzige Neuzugang des Vereins. Sie war auf die Vorschläge zur Gestaltung dieses Großereignisses gespannt. Sie hatte sich auch Gedanken gemacht, hielt sich aber zurück. Schnell hatte sie begriffen, dass in der Gruppe eine gewisse Hackordnung herrscht, die sich vor Urzeiten gebildet haben musste und heute noch Bestand hatte. Ausschlaggebend dafür war die Größe des Bauernhauses, der Ackerfläche, die Anzahl von Kühen, Schweinen, Pferden und Stallungen. Unterm Strich machte das alles Elfriede zur Führerin der Damenriege, und danach sah die Sitzordnung und die Wortführung aus. Anna saß am Ende des Tisches und ihr gegenüber Elisabeth. Sie war es auch, die ihr vor zwei Jahren den Vorschlag machte, dem Kegelverein beizutreten.
Anna wurde Mitglied des Kegelklubs „Ohne ihn“, weil sie glaubte, sich als Zugereiste über diese Mitgliedschaft schneller zu integrieren. Ihr Bestreben war, sobald als möglich in das Dorfleben mit seinen Traditionen und Aktivitäten einbezogen zu werden. Gleichzeitig war sie sich darüber im Klaren, dass sie bei aller Bereitschaft und allen Bemühungen immer die Fremde bleiben würde. Das wäre genauso, als würde man dem Leipziger Allerlei, das nur aus heimischem Gemüse zubereitet wird, eine fremdländische Knolle beimischen.
Anna war so eine fremde Knolle. Es störte nicht, dass sie sich an den Unterhaltungen kaum beteiligen konnte. Das dörfliche Platt war für Anna eine Sprache mit sieben Siegeln.
Elisabeth verschaffte sich Gehör. „Ich könnte mir ein Hotel vorstellen, das Kutschfahrten und abendfüllendes Programm anbietet.“ Sie hatte kaum ihren Satz beendet, da ging ein Aufschrei durch den Raum.
„Du mit deinen Kutschfahrten, davon haben wir doch wohl schon reichlich gemacht. Was haltet ihr denn von einem Flug nach Berlin?“, fragte Klara und schaute in die Runde. „Anna könnte uns die interessantesten Ecken zeigen. Schließlich ist sie aus Berlin und verfügt über Insiderwissen.“
Der Vorschlag fand allgemein Anklang, bis auf Elisabeth. „Mich bekommen keine zehn Pferde in ein Flugzeug.“ Dabei machte sie ein Gesicht, als würde sie sich bereits im Sinkflug befinden.
„Dann mach einen besseren Vorschlag, aber vergiss deine Kutschfahrt“, bemerkte Klara ziemlich bissig. Und schob noch hinterher: „Bist du überhaupt schon mal geflogen, außer zu Hause rausgeflogen?“ Das war ziemlich gemein und Elisabeth schmollte.
Silvia, die neben Anna saß, hatte die Statur eines Walrosses, nur ihr Körper beherbergte noch einen riesigen Busen, den sie mit dreifach um den Hals geschlungener Perlenkette dekorierte. „Was haltet ihr von einem Aufenthalt in einem Hotel mit hervorragendem Wellnessbereich?“
Ihr schlug nichts als Empörung entgegen. Am lautesten krähte Margarete: „Was willst du denn da anfangen? Etwa in die Sauna gehen oder im Wasser rumplanschen? Stell dir unsere Truppe im Badeanzug vor. Wir bekommen doch sofort Badeverbot.“
„Was haltet ihr denn von einer Rheintour auf einem Kreuzfahrtschiff bis runter nach Rüdesheim? Unterwegs mit mehreren Haltepunkten, Vollverpflegung und Programm rund um die Uhr, wenn nicht Landgang angesagt ist“, fragte Elfriede in die aufgebrachte Runde hinein.
Mit Erstaunen nahm Anna zur Kenntnis, dass der Vorschlag allgemeine Zustimmung fand. Sie selber konnte sich einen besseren Zeitvertreib vorstellen. Drei Tage auf einem Schiff und keine Ausweichmöglichkeit? Einfach nur schrecklich.
Einwände kamen prompt wieder von Elisabeth. „Ich gehe auf kein Schiff. Mir wird schon schlecht, wenn ich an die Schaukelei denke. Und ich kann nicht schwimmen.“
Die besonnene und zurückhaltende Luzie schien genervt zu sein, denn sie sagte unumwunden: „Das Schiff geht nicht unter und wenn, gibt es Rettungsringe. Da dir alles nicht passt, musst du zu Hause bleiben. Mach es dir auf dem Sofa bequem und schau dir irgendeine Serie an. Davon gibt es ja wahrlich genug. Da findest du garantiert etwas Passendes.“
Für Elfriede war das Thema erledigt und sie erklärte sich bereit, bis zum nächsten Kegelabend Informationen einzuholen. Der Preis spielte keine Rolle, dafür aber die Ausstattung des Schiffes und das angebotene Programm. Ihre Devise lautete: Wir wollen uns auf Biegen und Brechen amüsieren. Anna hatte ihre Zweifel, aber die äußerte sie nicht. Sie wusste, sie war in dieser Hinsicht skeptisch. Sie einigten sich auf einen Termin im September und zufrieden mit dem Ausgang der Diskussion ließen sie das Essen kommen. Wie immer schmeckte es vorzüglich und dabei wurden dann doch noch die kaum erwähnenswerten Ereignisse des Dorfes besprochen.
Eigentlich liebte Anna die Atmosphäre des Abreisens oder Ankommens. Sie hatte eine Schwäche für Flughäfen und Bahnhöfe mit ihrem unverwechselbaren Geruch. Sie mochte den Lärm, die Leute in Aufbruchstimmung oder bei der Heimkehr. Sie liebte Schiffe, die an- und ablegen, das damit verbundene geschäftige Treiben, das Zurufen der Kommandos. Alles perfekte Orte, um Menschen zu beobachten, und das tat Anna für ihr Leben gern. Nur waren dieses Mal die Voraussetzungen, um dieses Flair genießen zu können, völlig andere. Sie war eingebunden in eine Gruppe von Frauen, die alle nach einer Pfeife tanzten, und wehe, eine kam aus dem Takt. Sogar ein laut geäußerter geistiger Seitensprung kam einem Mordversuch gleich und wurde mit bösen Bemerkungen und entsprechenden Blicken bedacht. Die Pfeife flötete und kollektives Amüsement war angesagt.
Herausgerissen aus der dörflichen Idylle mit überschaubarem Autoverkehr und voller Erwartung auf das große Abenteuer, fieberten die Kegeldamen der pulsierenden Großstadt Köln und der Schiffsreise auf dem Rhein entgegen. Lange genug hatten sie darauf gewartet und sich entsprechend vorbereitet. Alle hatten in letzter Minute den einzigen Friseur im Dorf aufgesucht und sich den Einheitsschnitt verpassen lassen. Treffpunkt war der Platz vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude von Hochneukirch mit seinen riesigen Pfützen, die nicht einmal im Hochsommer richtig austrockneten.
Der wahllos abgekippte Schotter war ein dürftiger Versuch, über die ungeheuren Löcher hinwegzutäuschen. Bierdosen lagen herum. Vor dem Kleidercontainer stapelten sich blaue Müllsäcke und im Rinnstein stauten sich vom letzten Regenguss die aufgeweichten Pizzakartons.
Die Fenster des Gebäudes waren mit Brettern vernagelt. Darauf klebten die Wahlplakate der letzten Landtagswahl. Dem amtierenden Ministerpräsidenten der CDU, Jürgen Rüttgers, hatten übermütige Jugendliche einen Bart à la Hitler verpasst und der Gegenkandidatin Hannelore Kraft von der SPD eine mächtige Brille und Sommersprossen. Wer wollte, konnte sich darüber amüsieren, aber das war Schnee von gestern und wurde kaum noch wahrgenommen. Außer Anna wurden alle Frauen von ihren Männern im Auto zum Bahnhof kutschiert. Es wäre ja auch eine glatte Zumutung, den Trolley ein paar Hundert Meter zu bewegen. Wozu gab es Ehemänner? Sie konnten gut und gerne als Kofferträger fungieren. Anna hätte ebenfalls das Auto nehmen können. Sie zog es aber vor, die kurze Strecke vorbei an wundervoll angelegten und gepflegten Vorgärten zu laufen. Sie wurde bereits erwartet und mit großem Hallo, als hätten sie sich ewig nicht gesehen, empfangen. Sie begrüßte die Männer mit Handschlag und sie wechselten ein paar freundliche Worte. Es war ihnen anzumerken, dass sie nicht sonderlich unglücklich über den Ausflug ihrer Frauen waren. Die scherzhaften Aufmunterungen und Durchhalteparolen gingen nur so zwischen ihnen hin und her. Die Aussicht, vor der besseren Hälfte drei volle Tage Ruhe zu haben, stimmte sie ausnahmslos fröhlich.
Die Männer schleppten die überdimensionalen Koffer, ausreichend für einen dreiwöchigen Trip, die Treppen runter durch einen verdreckten, nach Urin stinkenden und mit beschmierten Wänden spärlich beleuchteten Tunnel und zum Bahnsteig wieder hinauf. Mit überschwänglich wohlgemeinten Worten verabschiedeten sie sich auffällig schnell. Ihre Frauen waren so mit dem Austausch des neuesten Dorfklatsches beschäftigt, dass ihnen das überhaupt nicht auffiel. Sie erhielten letzte Anweisungen von Elfriede, der selbst ernannten Gruppenführerin.
„Wir bleiben alle schön zusammen. Keiner tanzt aus der Reihe. Denkt daran, dass ich einen Gruppenfahrschein habe.“ Sie zeterte herum, als hätte sie Kleinstkinder zu betreuen. Anna hörte nicht so recht hin. Letzten Endes würde sich alles von alleine regeln. Nur der Bahnhofslautsprecher ließ sie aufhorchen. Daraus plärrte eine beinahe unverständliche Stimme: „Der Zug wird wegen technischer Störungen voraussichtlich 30 Minuten Verspätung haben. Wir bitten die Fahrgäste um Verständnis.“ Diese Ansage löste weder Ärger noch Unmut in Annas Kegelgruppe aus. Sie hatten keine Eile, denn bereits in der Vorbereitungsphase dieser Ausfahrt war ein zeitlicher Puffer von drei Stunden bis zum Ablegen des Schiffes eingeplant worden. Es gab also keinen Grund, sich graue Haare wachsen zu lassen. Sie taten es als höhere Gewalt ab. Ein technischer Schaden war zwar keine höhere Gewalt, aber warum sollten sie sich aufregen? Eine beneidenswerte Gelassenheit, die sie an den Tag legten. Anna dagegen wurde unruhig. Sie hatte diese Ansagen, die jedes Mal ein Nachspiel hatten, immer noch im Ohr. Es war nicht allzu lange her, dass sie morgens mit der Bahn zur Arbeit fuhr und es verging kaum ein Tag, an dem diese pünktlich war. Die Reisenden brachten eine gehörige Portion Verständnis auf, aber für Annas Chef war das ein Fremdwort. Die täglichen Belehrungen endeten mit dem Vorwurf, sie möge sich eine glaubwürdigere Ausrede einfallen lassen. Irgendwann stieg Anna auf einen Kleinwagen um, stand ewig im Stau und hatte Wut auf ihren Chef.
Die Zugverspätung hatte für die Laufunwilligen sogar etwas Positives. Der vorgesehene Rundgang durch die Kölner Altstadt verkürzte sich dadurch um eine halbe Stunde. Sie warteten geduldig auf den Regionalzug, der sie nach Köln bringen sollte, und tauschten weiterhin vermeintliche Neuigkeiten aus, die längst schon keine mehr waren, da sie sich alle Augenblicke trafen. Auf der Straße, beim Bäcker, beim Friseur und beim wöchentlichen Kaffeekränzchen. Und weil sie alle in einem entfernten verwandtschaftlichen Verhältnis zueinanderstanden, sahen sie sich auf jeder Beerdigung, Hochzeit und Kindstaufe. Ganz böse Zungen im Dorf sprachen sogar von Inzucht.
Als der Zug bereits in Sichtweite war, erlaubte sich Anna die Bemerkung, dass es sicherlich hilfreich wäre, sich auf dem Bahnsteig ein wenig zu verteilen, um das Einsteigen zu beschleunigen. Elfriedes Augenbrauen zuckten hoch wie zwei zum Abflug bereite Krähen, riss ihre ansonsten kleinen Schlitzaugen zu einer Größe auf, wie sie Anna vorher nie erlebt hatte, und blaffte: „Wir steigen alle an derselben Tür ein und wenn es noch so lange dauert. Wir haben gewartet, dann können die das jetzt auch.“ Anna war zwar nicht ganz klar, wen sie mit „die“ meinte. In diesem speziellen Fall gab es nur den Lokführer, aber Verallgemeinerungen waren Elfriedes Spezialität. Nachzufragen hätte keinen Sinn gehabt. Sie würde das mit einer verächtlichen Handbewegung abtun. Erschrocken starrten alle Anna an und warteten auf eine Erwiderung. Sie aber nahm es nicht persönlich und tat das Ganze mit einem Achselzucken ab. Es war ihr zu dumm, sich auf eine Diskussion einzulassen, die unweigerlich folgen würde. Zwar hatte sich Elfriede im Ton vergriffen, aber das war nun einmal ihre Art. Anna hatte seit Langem beobachtet, dass Elfriede absolut das Sagen hatte und die übrigen Mitglieder der Kegelgruppe spurten. Zwar wurde gemurrt, aber nur hinter vorgehaltener Hand oder hinter Elfriedes Rücken.
Der Zug lief ein, und als er zum Stehen kam, trat das ein, was Anna bereits im Vorfeld geahnt hatte. Sie warteten alle vor einer Tür und standen sich beim Einsteigen gegenseitig im Weg. Sie stolperten nicht nur über ihre wahllos abgestellten Koffer, Taschen, Beutel und Beutelchen, sondern auch noch über die eigenen Füße. Einige Fahrgäste schauten neugierig, andere verärgert aus dem Fenster, um die Ursache einer weiteren Verzögerung zu ergründen. Angesichts der umständlichen älteren Damen schüttelten sie nur den Kopf und brachten damit unmissverständlich zum Ausdruck, dass alte Frauen nicht auf Reisen gehen sollten.
Der Lokführer lehnte sich weit aus dem Fenster und verfolgte das Gedränge. Er vergewisserte sich mit einem verzweifelten Blick auf die Bahnhofsuhr, dass auch die Letzte eingestiegen war. Der sanfte Ruck des anfahrenden Zuges brachte sieben stämmige Frauen derart aus dem Gleichgewicht, dass sie sich schimpfend nach einem Halt umsahen, statt sich hinzusetzen. An freien Plätzen mangelte es nicht. Das folgende Gezeter nahm drastische Formen an.
Margarete fasste sich an den Kopf.
„Der Lokführer ist ein Idiot, wo hat der nur seinen Führerschein gemacht?“
Nach einer kleinen Pause schaute sie fragend in die Runde. „Machen die eigentlich einen Führerschein?“
„Egal, ob mit oder ohne. Der Lokführer ist und bleibt ein Idiot“, gab Elfriede zum Besten.
„Und dafür bezahlen wir auch noch Steuern“, tönte es aus Silvias Mund.
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