Erotik & Sinnlichkeit

Meine italienische Liebe

Katharina K.

Meine italienische Liebe

Ich liebe einen um 15 Jahre jüngeren Mann, na und?

Leseprobe:

Es begann im April 2010 …


Ich heiße Katharina, bin zweiundsechzig Jahre jung. Sechs Jahre Rente liegen nunmehr hinter mit. Ich hatte nie Langeweile, endlich konnte ich allen meinen Interessen nachgehen. Inlineskaten, schwimmen, Rad fahren Museumsbesuche, Ausstellungen und, und, und. Auf meinen zahlreichen Unternehmungen lernte ich Lisa kennen, die mir von ihren Erlebnissen in einem Seniorenforum – einem Community-Treff für Partnersuchende, Freundschaften, Interessensaustausch und Freizeitgestaltung – erzählte und mir empfahl, mich in diesem Forum anzumelden. Einfach so, man hatte hier Fun im Chat.
Gesagt, getan, obwohl ich eigentlich nicht wusste, warum, war ich plötzlich Mitglied in dieser Plattform und hatte gleich meine Probleme mit einem aussagekräftigen Profiltext. Was sollte ich bloß schreiben? Ich suchte ja keinen Mann für gewisse Stunden, war ich doch verheiratet und wollte es auch bleiben; auch eine Affäre oder Seitensprung kam für mich nicht infrage, weil ich fünfundzwanzig Jahre davor eine Affäre hatte, die negativ endete. Irgendwie hatte ich es dann doch geschafft, einen neutralen Profiltext anzugeben. „Möchte mich hier unterhalten und bin gespannt, was auf mich zukommt“ – das war es. Ab und zu loggte ich mich in dieses Forum ein, um Nachrichten zu lesen, die ich von männlichen Mitgliedern erhalten hatte. Ich antwortete auf keine dieser Nachrichten; es interessierte mich im Grunde nicht, ob sie mich kennenlernen oder nur chatten wollten, sah mir aber sehr wohl die Profile der männlichen Suchenden an.
Es war wieder einmal ein Regentag im April. Ich konnte meine Outdooraktivitäten nicht ausüben, diverse Hausarbeiten waren erledigt, und wieder einmal loggte ich mich ein.
Neugierig, wie ich nun mal bin, gab ich meine Suche auf die Jagd nach vierzig- bis sechzigjährigen Männern und Frauen ein, mal sehen, was sich da so zeigte und was die hier so suchten. Plötzlich kam ich auf ein männliches Profil ohne Foto, mit dem Nicknamen „Perte“ (meine damaligen Italienischkenntnisse konnten diesen Nicknamen gleich übersetzen: „für dich“; dieses Profil war sehr spannend zu lesen. „Suche hier Freundin zwischen fünfzig und sechzig für Mailfreundschaft, vielleicht auch etwas mehr.“ Dazu gab es drei Rosenfotos, eine Rose war mit zwei Blüten; darunter stand: „Zu zweit ist alles schöner“.
Ich war begeistert von dieser Fantasie und Romantik, mit der sich dieser Mann präsentierte. Ich las nun das Profil genauer: Er war siebenundvierzig Jahre, Italiener aus „Triest und verheiratet“. Komisch, dachte ich mir. Ein Italiener in einem österreichischen Forum, der eine Freundin sucht? Na ja, dachte ich mir, vielleicht hat er öfters in Österreich zu tun und sucht hier eine Freundin für romantische Treffen. Das war es auch schon wieder und ich meldete mich für diesen Tag ab.
Einen Tag später bekam ich eine Nachricht von Marco – so nannte sich dieser Mann (er hatte offenbar gesehen, dass ich sein Profil besucht hatte). „Du scheinst Humor zu haben (mein Profilname war etwas lustig und heiter gewählt) hast du vielleicht Yahoo? Ich bin unter diesem Namen … zu finden, würde mich freuen dich kennenzulernen.“
So jetzt saß ich da, sollte ich antworten? Ich wusste nicht, warum es mich gerade diesmal reizte, auf diese Nachricht zu antworten. Es wird wohl das Schicksal gewesen sein, wie sich später herausstellte. Ich musste Marco aber mitteilen, dass ich weder Yahoo noch Messanger hatte, würde mich aber bemühen es einzurichten, was für mich natürlich nicht so einfach war, als sogenannter „Silbersurfer“, der mit dem Computer nicht sehr viel anzufangen wusste. Außer einfachen Mails zu schreiben und zu verschicken, aber – hurra! – ich hatte es geschafft und wir tauschten Fotos aus.
Marco sah hübsch aus, schwarze Haare etwas gewellt, grüne Augen; ich war begeistert. Ich suchte ein geeignetes aktuelles Foto von mir, von dem ich glaubte, dass ich gut aussah. War ja nicht so einfach eines zu finden, endlich hatte ich ein Foto, welches meiner Kritik standhielt. In einem weißen Hosenanzug mit türkisem Shirt. Eine Mail, verfasst mit diesem Bild, und schnell auf Absenden, bevor ich es mir wieder überlegte.
Mit Spannung wartete ich am nächsten Tag auf eine Antwort von Marco. Marco kommentierte dieses Foto mit „hübsch, sexy, fantastisch“. Obwohl ich solche Komplimente oft in meinem Berufsleben gehört hatte, hatten mir diese netten Worte von einem um fünfzehn Jahre jüngeren Mann doch sehr geschmeichelt; ich dachte mir aber, dass er ein süßer Marcello Mastroianni, ein Italiener eben, war. Wir chatteten eine Weile und verabredeten uns wieder für den nächsten Tag im Chat. Schrieben uns nette Geschichten, und dieser Chat mit Marco war mir nach einigen Tagen schon zur lieben Gewohnheit geworden, den ich schon vermisste, wenn Marco nicht online war.
Zehn Tage, nachdem ich Marcos Mailbekanntschaft gemacht hatte, schrieb ich ihm, dass ich nach Griechenland reisen und dort für eine Woche einen Urlaub mit meiner Nichte verbringen würde. Ich hatte das Gefühl, dass er enttäuscht war, zumindest hatte er es geschrieben, weil wir uns erst zehn Tage kannten und wir uns eine Woche nicht im Chat treffen konnten. In Griechenland angekommen, ging ich am nächsten Tag in ein Internetcafé, um meine Mails abzurufen. Ich bekam immer sehr viele Mails von Bekannten, Freunden und natürlich die Werbung. Aber wie war ich erstaunt, es war auch eine Mail von Marco dabei! Er wünschte mir noch einen schönen Urlaub.
Natürlich antwortete ich ihm gleich, dass ich mich freute, von ihm eine Nachricht zu lesen, und erzählte ihm in der Mail, dass es hier regnete, dass ich noch niemals so schlechtes Wetter hier erlebt hatte und dass ich auch meinen Regenschirm in Wien vergessen hatte.
Ab diesem Tag gehörte der Besuch in einem Internetcafé zu meinen täglichen Aktivitäten in Griechenland, um zu sehen, ob mir Marco geschrieben hatte. Und ob! Ich bekam unheimlich liebe nette Mails von ihm, dass es ihm leidtat, dass es regnete, aber er wüsste schon, was er bei Regenwetter machen würde. Er würde mich im Hotel mit einer Rose zwischen den Zähnen besuchen, sich vor mich knien, mich küssen, mich ganz langsam ausziehen und mich verwöhnen – wow!
Ich war geschockt über diese Mail, nein, geschockt ist nicht der richtige Ausdruck. Ich war in Aufruhr. Das kann nicht sein, ein Mann, der so romantisch ist? Der all das macht, was ich mir in meinen Träumen gewünscht habe? Ich konnte es nicht glauben, dass es so was gab. Ich war total fertig, durfte es mir aber nicht anmerken lassen, war ich doch nicht allein auf Urlaub.
Ich ertappte mich immer wieder in dieser Woche dabei im Internet nachzusehen, ob ich von Marco eine Mail hatte. Ich freute mich stets eine Nachricht von ihm zu lesen. Am vorletzten Tag meiner Heimreise nahm ich allen Mut zusammen und fragte ihn, ob er denn nicht Lust hätte, wenn ich wieder in Wien wäre, mit mir zu telefonieren. Ich hätte einen Tarif, der es mir erlaubte, kostenlos in die EU zu telefonieren, und ich würde ihn anrufen. Ich war ja so gespannt auf seine Stimme.
Er war sofort einverstanden, gab mir seine Telefonnummer und eine Zeit am Morgen um neun Uhr vor, und ich versprach ihm am Montag um neun anzurufen.
Endlich war es Montag. Ich konnte diesen Tag kaum erwarten. Gott, war ich aufgeregt! Die Stimme dieses Mannes zu hören, der mich zu faszinieren begann. Aber ich konnte nicht pünktlich sein. Die U-Bahn hatte einen Defekt und stand still. Ich schickte ihm eine SMS, dass sich mein Anruf etwas verspäten würde. Er antwortete mir, dass es kein Problem sei, er warte mit Freude auf meinen Anruf.
Dann endlich war es so weit. Ich stieg aus der U-Bahn, suchte mir eine Nische in einem Haus, und meine Finger wählten seine Nummer. +39… dann der Rufton. Ein Mal, zwei Mal, meine Knie zitterten. Was soll ich bloß reden mit ihm? Spricht er überhaupt deutsch? Endlich ein Hallo auf der anderen Seite. Im perfekten Deutsch. Marco lebte viele Jahre in Deutschland. Wir unterhielten uns circa fünfzehn Minuten über alles Mögliche, er wollte wissen, wo ich war, wo ich hinging, und das schönste daran, wir konnten herzhaft lachen. Mein Gott, war das schön, so herzlich zu lachen. Wir verabschiedeten uns und verabredeten uns für den nächsten Tag im Chat. Es war so ein eigenartiges Gefühl, ich hatte zu Marco von Beginn an Vertrauen.
Wir schrieben und sagten im Chat oft das Gleiche, und ich begann mich in Marco zu verlieben. So ein Schwachsinn, Katharina, sagte ich mir an manchen Tagen, du kennst diesen Mann nicht persönlich, nur vom Telefon und Chat, und verliebst dich. Ich sprach mit mir selber. Nimm dich zusammen Katharina. Aber es half nicht sehr viel. Meine Gedanken waren täglich bei Marco.
Unsere Chats und Telefonate wurden immer intimer, wir ließen unserer Fantasie freien Lauf, und er sagte mir, wie sehr er mich begehre und wolle. So hatten wir an manchen Tagen virtuellen Sex. Eine ganz neue Situation für mich. Mein letzter Live-Sex war vor mehr als zwanzig Jahren mit meinem Mann. Wir begannen uns auch liebevolle und erotische SMS zu senden, die eine Fortsetzung unserer Chats und Telefonate waren. Sie machten mich glücklich. Meistens versendete er die SMS am späten Abend und erst danach konnte ich mit den Gedanken an Marco einschlafen.
Ich schlafe getrennt von meinem Mann in einem anderen Zimmer, das Handy immer unter meinem Kissen versteckt. Den Piepton und Vibracall hatte ich auf ganz leise gestellt – sicher ist sicher! Aber so leise konnte die Info gar nicht sein, dass ich sie nicht gehört hätte.
Nur am Wochenende war Funkstille. Ich hätte doch so gern auch am Wochenende eine SMS von ihm. Konnte es nicht verstehen, dass er keine Möglichkeit fand, mir eine Nachricht zu senden. Wo doch meine Lebenseinstellung war, alles ist möglich, wenn man es will. Ich fieberte dem Wochenanfang entgegen, um wieder Kontakt mit Marco zu haben. Nach einigen Wochen hatte ich das Gefühl Marco zieht sich zurück. Die SMS wurden weniger, immer seltener war er online – oder versteckte er sich vielleicht im Chat als unsichtbar? Auch auf meine Mails reagierte er nicht.
Ich schickte ihm oft erotische Mails, manches Mal hatte ich einfach nur eine Frage betreffend Internet – Marco war Informatiker –, auch die beantwortete er nicht. Darüber war ich sehr traurig, vor allem weil ich nicht wusste, ob er mir auf diesem Wege zu verstehen geben wollte, dass er kein Interesse mehr hatte und keinen Kontakt haben mochte? Vielleicht war es ihm unangenehm mir das zu schreiben; ich schrieb ihm eine Mail, dass ich das Gefühl hätte, irgendetwas wäre passiert zwischen uns, und dass er sich zurückgezogen hätte und ich glaube, dass es ihm unangenehm wäre, mir zu sagen, dass er kein Interesse mehr hatte und keinen Kontakt haben mochte. Ich machte ihm den Vorschlag, dass ich auf Yahoo online sein würde, und wenn er den Kontakt abbrechen wollte, sollte er einfach nicht reagieren; dann wüsste ich Bescheid.
Wie freute ich mich aber, als ich gleich, nachdem er die Mail gelesen hatte, im Chat war und er mir schrieb, dass er den Kontakt weiterhin haben wollte, aber in einer Krise steckte, in einer Arbeitskrise.
Also fanden unsere Chats und Telefonate die Fortsetzung. Wir tauschten wieder Fotos von uns aus – und auch erotische Fotos aus dem Internet. Marco machte mir die tollsten Komplimente und war glücklich, dass er mich lieben durfte.
Eines Tages meldete ich mich wieder mal im Forum an und ging auf sein Profil. Freundin zwischen fünfzig und fünfundsechzig. Er hatte das Alter erhöht. Ich war etwas enttäuscht. Sagte er nicht ständig, wir hätten uns gefunden, und dass er froh darüber sei? War ich vielleicht so blauäugig das alles zu glauben, und meinte er das gar nicht so? Ich sprach ihn darauf an und er sagte, er würde sich abmelden, denn wir hatten uns ja gefunden. Ich sagte ihm, dass ich mich auch abmelden und mich freuen würde, wenn er sich nicht mit einem anderen Nicknamen anmelden würde. Später sollte ich erfahren, dass er sehr wohl in anderen Foren angemeldet war.
Marco schickte mir Nacktfotos von sich. Sensationell, geil, er hatte einen wunderschönen Körper und eine tolle Figur. Ich war weggetreten, und ich verwarf alle meine guten Vorsätze, nie mehr eine Affäre zu beginnen, über Bord, denn jetzt war ich mir sicher, er wollte mich treffen. Vielleicht hatte er Hemmungen, mich zu fragen, und ich ergriff die Initiative.
Mein bisheriges Leben bestand darin, immer alles zu organisieren und zu managen in meiner Familie und im Bekanntenkreis. Also fand ich nichts dabei ihm zu schreiben, dass ich mich freuen würde, ihn persönlich kennenzulernen. Ich konnte überall hinkommen. Ich gab ihm auch zu verstehen, dass ich nie seine oder meine Ehe gefährden würde und er keine Angst zu haben brauchte, dass ich eines Tages mit meinen Koffern vor seiner Tür stände und mehr wollte, als nur schöne Stunden mit ihm zu verbringen.
Aber es kam keine Reaktion auf meine Mail. Ich grübelte und grübelte. Warum reagierte er nicht? Wo er mich doch begehrte, wie er immer wieder sagte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich hatte doch zu Marco auch Vertrauen, dass er mir keine Schwierigkeiten in meiner Ehe machte. Dann kam ich zu dem Gedanken, dass Marco sich vielleicht dachte: Na ja, ich kenn diese Person nicht, wer weiß, wie sie im wahren Leben ist.
In der Zwischenzeit wurde es Ende Mai und ich kaufte mir ein Netbook, um auch in meinem Sommerhaus beziehungsweise wenn ich auf Urlaub in Österreich war, mit Marco in Verbindung zu sein. Wir telefonierten und chatteten, wir chatteten und telefonierten. Ich fand auch in meinem Sommerhaus immer eine Möglichkeit mit ihm in Verbindung zu sein oder zu telefonieren.
Im Juni fuhr mein Mann drei Wochen auf Kur. Wieder erwähnte ich so nebenbei, dass mein Mann drei Wochen nicht da sei, aber null Antwort von Marco. Täglich dachte ich mir: Heute wird Marco mich fragen, ob wir uns treffen. Aber es gab sie nicht, diese Frage, die ganzen drei Wochen nicht. So vergingen die Tage und Wochen mit Chat und Telefonaten.
In der Zwischenzeit wurde es August und ich hatte die Absicht, meine Nichte, die in Kärnten auf Kur war, zu besuchen. Ich schrieb Marco eine Mail, dass ich drei Tage in Bad Eisenkappel wäre und wir uns vielleicht sehen könnten. – Es kam wieder keine Reaktion. Langsam gab ich meinem dominanten Verhalten die Schuld. Dränge ich mich vielleicht auf? Stimmt es gar nicht, das, was er mir sagt beziehungsweise in den SMS schreibt?
Ich schickte ihm täglich mindestens zwei SMS, an manchen Tagen waren es auch mehr als drei. Mir kamen immer öfter die Gedanken, was ich eigentlich wollte. Marco war so viele Jahre jünger, warum sollte er sich mit einer Zweiundsechzigjährigen treffen? Ich nahm mir vor, nach dem Satz „Mach dich selten, dann bist du beliebt“ Marco gegenüberzutreten. Wenn Marco sich mit mir treffen wollte, hätte er es längst getan. Nun nahm ich mir vor, die SMS zu reduzieren, nicht im Chat zu sein et cetera, aber ich schaffte es nicht. Dieser Mann hatte eine Anziehung für mich, die unglaublich war. Niemals hatte ich solche Gefühle empfunden. Als ich in Kärnten war, schämte ich mich dafür, dass ich mich wieder mal aufdrängte und ihm vorgeschlagen hatte, dass wir uns vielleicht sehen könnten. Ich schickte ihm eine SMS, dass er meine Mail nicht lesen und einfach ungelesen löschen sollte.
Ich hatte mir nun vorgenommen, ihn nie mehr einen Vorschlag zu machen, dass wir uns treffen konnten. Ich wollte mich zurückziehen und abwarten; wenn ich schwer zu erreichen wäre, würde mich Marco vielleicht begehrenswerter finden. Eine schwierige Beute machte die Jagd spannender. Aber wie heißt es so schön? Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
An einem Wochenende fuhr ich mit meiner Nichte von Freitag bis Sonntag nach Lignano, ich wusste, dass Marco auch in Lignano eine Wohnung hatte. Es hatte mich etwas gewundert, dass jemand, der in Triest wohnte und das Meer hatte, auch eine Wohnung in Lignano besaß, wo er seine Wochenenden im Sommer verbrachte. Irgendwie schien es mir unwahr. In Lignano fühlte ich mich Marco sehr nahe. Ich besuchte den Wochenmarkt, aber all die hübschen Sachen, die hier angeboten wurden, interessierten mich nicht wirklich. Immer wieder schweiften meine Augen in die Menschenmenge, ob ich vielleicht Marco erkennen würde. Gleichzeitig hatte ich Angst, ihn wirklich zu sehen, und er mich vielleicht erkennen würde und den Eindruck bekäme, ich verfolgte ihn. Ich hätte mich ja nicht zu erkennen gegeben, aber es war ein schönes Gefühl, dieselbe Luft zu atmen und die gleiche Sonne zu spüren beziehungsweise den Regen. Denn es regnete fast das ganze Wochenende.
Ende September fuhr ich auf Kur nach Kärnten. Ich informierte Marco in einer Mail, dass ich auf Kur wäre und ob er nicht Lust hätte, sich mit mir zu treffen, einfach nur so bei einem Cappuccino oder einer Pizza und sonst nichts. Er brauchte keine Angst zu haben, dass ich ihn verführen wollte. Ich hatte jetzt wirklich den Vorsatz, nur meinen Chatpartner zu treffen, ohne Erwartungen zu setzen. Das war auch meine Lebensdevise. Wenn du keine Erwartungen setzt, kannst du auch nicht enttäuscht werden. Ich glaube, Marco hatte sich gedacht: Okay, damit sie endlich Ruhe gibt, will ich sie treffen. Und dann hatte er mir am 9. Oktober 2010 um dreizehn Uhr ein Rendezvous auf der Autobahnabfahrt Udine vorgeschlagen. Dort würde er mich abholen. Am 8. Oktober erzählte mir Marco, dass seine Frau einen Autounfall gehabt hätte und er nicht so viel Zeit hätte, da er sie vom Krankhaus abholen müsse. Obwohl ich ein positiv denkender Mensch bin und zuerst immer das Gute in einem Menschen sehe, dachte ich doch, dass es ein dummer Zufall wäre.
Am 9. Oktober cancelte ich das Mittagessen im Hotel. Was sollte ich bloß anziehen. Hohe Absätze? Oder vielleicht niedrige Absätze? Eine schwierige Entscheidung zu treffen, um ihm zu gefallen. Ich wechselte meine Bekleidung mehrmals, betrachtete mich im Spiegel, fand mich alt, hatte plötzlich viel mehr Falten als einen Tag zuvor. In diesem Moment handelte ich wie eine Siebzehnjährige. Mein Kopf befahl mir, mein Outfit nicht zu sexy zu gestalten, wollte ich doch Marco nur als Chatpartnerin ohne Emotionen und Gefühle gegenübertreten. Ich entschied mich endlich für mein Bauchgefühl, ich redete mir ein, dass man sich bewusst machen sollte, dass man auch eine falsche Entscheidung treffen durfte. Was soll’s … Ich wollte Marco einfach nur live sehen und mit ihm lachen. In diesem Moment war mir der Eindruck, den ich auf Marco hinterließ, egal. Hauptsache, ich hatte ihn persönlich kennengelernt und wusste, wie er aussah. Manches Mal kamen mir ja schon Zweifel, ob er tatsächlich so aussah, wie auf dem Porträtfoto, welches ich von ihm hatte. Vielleicht war das der Grund, dass er sich so lange zierte, sich mit mir zu treffen? Vielleicht war er schon sehr alt oder gar unter zwanzig und lebte einfach im Chat ein Leben, das er gern geführt hätte. Alle diese Argumente schrieb ich Marco und dass es mir nichts ausmachen würde, wenn er ganz anders aussähe; mir war es wichtig, dass er wusste, dass ich seine Fröhlichkeit an ihm schätzte, auch mit Pickel auf der Nase oder einem Stock mochte ich ihn.
Ich fuhr viel zu früh mit dem Auto von meinem Hotel nach Udine. Um zwölf Uhr wäre ich schon bei unserem ausgemachten Ziel gewesen. Ich blieb auf der Raststation vor der Abfahrt Udine stehen, setzte mich auf einen Stein und wartete bis 12.30 Uhr. Die Zeit verging so langsam; immer wieder schaute ich auf die Uhr: 12.05 Uhr, 12.10 Uhr, 12.20 Uhr. Die Zeit schien stillzustehen. Endlich 12.30 Uhr, ich setzte meine Fahrt Richtung Udine Nord fort. Um 12.45 Uhr war ich am Ziel. Noch immer fünfzehn Minuten zu früh. Ich blieb nun im Auto sitzen und wartete, bis der Zeiger der Uhr auf dreizehn Uhr zeigte.
Jetzt … aber kein Marco in Sicht. Als überpünktliche Person wurde ich etwas nervös, zehn Minuten nach dreizehn Uhr, noch immer kein Marco. Mir kamen die Zweifel, ob ich am richtigen Platz war. Gedanken, dass Marco vielleicht gar nicht kommen würde, kamen mir nicht. Ich hatte so viel Vertrauen in ihn, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass er, ohne eine Nachricht zu senden, nicht kommen würde. Aber jetzt – piep, piep – eine SMS. Schnell öffnete ich die Nachricht und Marco teilte mir mit, dass er sich fünfzehn Minuten verspäten würde. Ich wartete also, es war in Italien heiß, ich war viel zu warm angezogen und begann leicht zu schwitzen. Oh Gott, hoffentlich riecht man es nicht. Ich nahm mir schnell ein Erfrischungstuch, reinigte meine Achselhöhen und wartete … In der Zwischenzeit wurde es 13.30 Uhr, Marco kam nicht. Jetzt war ich mir fast sicher, ich war am falschen Platz.
Ich fuhr mit dem Auto die Abfahrt und eine Straße führte rechts zu einem Bürogebäude mit einem großen Parkplatz. Ich war mir sicher, das war der richtige Verabredungsplatz. Ich stieg aus dem Auto und wartete. Um 13.40 Uhr sah ich ein Auto kommen, welches auch auf den Parkplatz fuhr, der Fahrer stieg nicht aus. Trotzdem ging ich dem Auto entgegen. Plötzlich stieg der Mann aus und aus der Ferne sah ich ihn. Er war es. Marco, er sah genauso aus wie auf dem Foto. Nämlich entzückend und süß. Wir begrüßten uns mit zwei Wangenküssen. Marco bot mir an, in sein Auto zu steigen, um ins Zentrum zu fahren und in einer Trattoria eine Pizza zu essen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 44
ISBN: 978-3-99026-843-8
Erscheinungsdatum: 08.08.2013
EUR 13,90
EUR 8,99

Krampus & Nikolo