Love – Konsequent scheitern (Band 2)

Love – Konsequent scheitern (Band 2)

Ellen M. Zitzmann


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-99107-858-6
Erscheinungsdatum: 11.10.2021
Während Giulia einen Flirt auf sich wirken lässt, überrascht sie eine Kontaktanfrage von einem Mann, der ihr Profil auf einer Plattform entdeckt. Im Liebesrausch verstrickt sie sich in kriminelle Machenschaften, bis seine wahre Identität zum Vorschein kommt.
Auf der Finca

Zwölf Uhr mittags. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Sie hatte verschlafen. Kein Wunder. Erst gegen 4 Uhr morgens war sie eingeschlafen. Die halbe Nacht hatte sie an Alex gedacht und diese Beziehung in allen Details zerlegt. Es waren Erinnerungen, die aufflammten und erloschen – wieder aufflammten, wieder erloschen. Erinnerungen, die ihr zeigten, wie die Dinge einmal waren und nie wieder sein werden. Es war vorbei. Endgültig vorbei. Und sie war frei – frei genug, sich wieder einzulassen, sich neu zu verlieben.

Es war schon halb eins. Müde schleppte sie sich aus dem Bad in die Küche. Auch wenn sie sich einigermaßen fit und wohl fühlte, war sie angeschlagen. Da sie keinen allzu ermatteten Eindruck machen wollte, begrüßte sie Manuel, der am Küchentisch saß, mit einem lockeren Spruch: „Oh, schon wach!“
Dieser hob den Kopf, lächelte ein wenig abwesend und vertiefte sich gleich wieder in die Zeitung. Clarissa saß auf der Terrasse. Sie wirkte in sich gekehrt und schien das Alleinsein gerade vorzuziehen.
„Was wolltest du denn?“ Manuel faltete die Zeitung zusammen und legte sie mit der Titelseite nach oben auf den Tisch.
„Ach, ähm, nichts“, erwiderte Giulia beiläufig und bekam große Augen, als sie die fettgedruckte Überschrift auf der Titelseite las: Sexpuppen können sprechen! Sie beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte ihr Kinn in die Hände und las eifrig den ganzen Artikel. Der Geschäftsführer von True Companion erklärte, dass die Firma daran arbeiten würde, lebensechten und sprechenden Sexpuppen künstliche Intelligenz einzupflanzen, die auf die individuellen Bedürfnisse der Besitzer eingehen würde. In dem Artikel wurden fünf weibliche Ausführungen vorgestellt: 1. Die frigide Farrah. 2. Die wilde Wendy. 3. Die 18-jährige Yoko. 4. Die reife Martha. 5. Die sadistische Susan.
„Was ist?“ Manuel schaute sie verdutzt an.
„Hast du das gelesen?“ Giulia tippte gleich mehrmals mit dem Zeigefinger auf die Schlagzeile.
„Nein. Mich hat das Viertelfinale im Herreneinzel der French Open interessiert. Sensationell. Nadal scheiterte an Djokovic. Absurdes Tennis auf höchstem Niveau.“
„Scheitern ist an sich keine Niederlage“, murmelte Giulia vor sich hin, und dass sie gespannt auf den wilden Charly warten würde. Irritiert drehte sich Manuel zu ihr um und las den Artikel. Mal schmunzelte er, mal hielt er inne, mal wurde er nachdenklich. „Ganz ehrlich, Giulia. Die Übersexualisierung in unserer Gesellschaft geht mir allmählich auf den Geist. Auch möchte ich mir nicht vorstellen müssen, wie oft pornografische Seiten im Netz aufgerufen werden – von Pädophilen, Fetischisten, Voyeuristen, denen zahllose Kinder zum Opfer
fallen.“
Clarissa schneite herein und wollte wissen, worüber sie sich so lebhaft unterhalten würden.
„Über das Geschäft mit der Erotik, ähm, und der absinkenden Moral im digitalen Beziehungsumfeld.“ Manuel holte tief Luft. Es fiel ihm schwer, sachlich zu bleiben.
„Kaputt. Die Gesellschaft ist einfach kaputt. Aber erst brauche ich einen Kaffee. Bin immer noch müde.“ Einige Minuten später stellte Clarissa eine Kanne mit frisch gebrühtem Kaffee auf den Küchentisch.
Mara stand unvermittelt in der Tür. Sie ließ mit einem Jubelschrei verlauten, wie toll das Schwimmen im Pool war und dass sie duschen gehen würde. Ihre Haare waren triefend nass und ihr Shape-Badeanzug mit Wasser vollgesogen.
Clarissa schenkte eine große Tasse heiß dampfenden Kaffee randvoll ein, während Mara an ihr vorbei ins Badzimmer stapfte. Clarissa lächelte sie aufmunternd an, stellte die Kanne auf den Tisch, reichte Giulia die Tasse, die fragte, ob sie heute schon ihren Mitbewohner erreicht hätte. Im selben Atemzug erinnerte sie ihre Freundin daran, was sie gestern am späten Abend nach dem vierten Glas Rotwein gesagt hatte, dass nämlich ihre Gefühle eine vertrackte Angelegenheit seien und dass sie nicht sagen könne, was ihr in der Liebe fehlen würde. Auch könne sie nicht behaupten, dass ihr Mitbewohner grundsätzlich herzlos sei. In Wahrheit sei sie nämlich ein stinknormaler Familienmensch und würde sich nichts mehr wünschen, als mit ihm wieder richtig zusammenzukommen. Clarissa kniff ihre Augenbrauen zusammen, sodass sich ein paar Falten auf ihrer Stirn bildeten. Mit gedämpfter Stimme antwortete sie: „Nein, ich habe meinen Mitbewohner noch nicht erreicht.“
Nach einer Weile gesellte sich Mara zu ihnen an den Tisch. Nicht wissend, worüber sie sich gerade unterhielten, erkundigte sie sich frei heraus nach Giulias Beziehungsstatus und ob sich denn was Verheißungsvolles auftun würde.
„Nicht dass ich wüsste.“ Giulia war deutlich anzumerken, dass sie sich auf dieses Thema nicht näher einlassen wollte.
„Besser so“, sprang ihr Clarissa zur Seite. „Wer weiß schon, ob wir lange genug leben, um uns ständig über die nächste und nächste und nächste Liebe Gedanken zu machen. Bei der Gelegenheit, Giulia, wie geht’s denn deinem Sohn?“
„Amar? Gut. Wirklich gut. Er hat sich in Frankreich ein Leben aufgebaut und, hm, scheint happy zu sein.“
„Scheint?“
„Nun ja, wissen tut man das nie genau.“
„Dennoch, freut mich zu hören. Das Teenageralter war schwierig genug.“
„Das kannst du laut sagen.“
Zusammen gingen sie hinaus auf die weitläufige Terrasse, um die reine Bergluft zu genießen, in die sich der Duft von Kräutern und Sträuchern mischte. Sie atmeten ein paar Mal tief durch. Mit heiterer Miene und sichtlich entspannt entschied sich Clarissa plötzlich, schwimmen zu gehen. Sie holte die Badesachen aus ihrem Zimmer und schlenderte im Zickzack betont lässig durch den Garten hinunter zum Pool. Dabei fiel ihr Handtuch zu Boden, das sie die restlichen Meter zum Pool noch lässiger hinter sich herzog.
Während Giulia ihre Freundin beobachtete, dachte sie an ihren Sohn. Es waren warme Gedanken, die mit Gefühlen des Stolzes einhergingen. Amar hatte es nach etlichen Jahren des ziellosen Herumirrens geschafft, sich zu stabilisieren. Giulia atmete ein paar Mal tief ein und merkte, wie sich ihr Geist und Körper entspannten. Als sie sich wieder an den Küchentisch setzte, fühlte sie sich leicht und wohl. Mara und Manuel waren tief in ein Gespräch verstrickt und schenkten ihr keine Aufmerksamkeit. Giulia nahm das halbvolle Glas Wasser, das sie auf dem Tisch stehen ließ, leerte es in einem Zug und konzentrierte sich auf das Gespräch.
Manuel sagte: „Nach gründlicher Abwägung, ähm, meine ich, die romantischen Beziehungen laufen doch überall auf der Welt nicht besonders gut, weder im Bett noch im Alltag.“ Er wirkte reifer, älter, so, als hätte ihn sein Leben zu dem Mann geformt, der er hatte sein sollen, dachte sich Giulia insgeheim. Und er war ernster geworden, bewahrte sich jedoch seinen lebendigen Ausdruck, der ihm, wenn er über sein Gesicht huschte, ein jugendlich frisches Aussehen verlieh.
„Wie recht du doch hast, Manuel“, brachte sich Giulia in das Gespräch ein. „Mit den Liebesbeziehungen in den westlichen Konsumgesellschaften wird es eben nicht einfacher.“ Giulia blickte die beiden erwartungsvoll an. Ihr Kommentar schien ihnen ganz willkommen, weshalb sie weitersprach. Sie kam auf Indianerstämme zu sprechen, die mit unkonventionellen Methoden ihr Miteinander in den ehelichen Partnerschaften regeln würden. „Die Aché-Indianer in Paraguay sprechen von einer Ehe, wenn Mann und Frau in derselben Hütte wohnen und sich die Hängematte teilen. Die Ehe gilt als geschieden, sobald sie ihre Hängematten in verschiedenen Hütten aufhängen.“ Giulia kam regelrecht ins Schwärmen. Ohne Luft zu holen, fuhr sie fort: „In anderen Stämmen heiraten die Mädchen mehrere Male, bevor sie eine langfristige Beziehung eingehen, oder sie werden zu vorehelichen Dienstleistungen mit anderen Männern angehalten, um sexuelle Kompetenzen aufzubauen.“
„Interessant. Das mit dem sexuellen Nachhilfeunterricht finde ich gar nicht mal so verkehrt. Den sollte es für Männer wie für Frauen geben. Beim Sex sind doch viele praktisch vollkommen ahnungslos und lassen sich auf faule Kompromisse ein. Nach dem Motto: Der Sex läuft gut, aber die Beziehung nicht, oder die Beziehung läuft gut, aber der Sex ist scheiße, hält man dann an der Restbeziehung fest“, bekräftigte Mara mit süß-saurer Miene und kam auf den 90-jährigen indischen Sexologen Mahinder Watsa zu sprechen, der mit seiner Kolumne Ask the Sexpert weltweite Bekanntheit errungen hatte. Watsa würde über Sex und Sexualität ohne Blabla und Umschweife sprechen, was sehr befreiend wirken würde, berichtete sie voller Begeisterung. Außerdem würde er sich den einfachsten und dümmsten Fragen stellen: Kann man beim Herunterschlucken von Sperma schwanger werden? Ist es sicher, den Penis in der Scheide zu lassen, wenn man schläft? Wird man von der Masturbation blind?
„So lächerlich, wie sich manch eine Frage anhört, so wichtig ist es, sie ohne Scham einem vertrauenswürdigen Menschen stellen zu können, der nicht darüber lacht. Kinder und Jugendliche müssen vorbehaltlos aufgeklärt werden. Denn sie schämen sich, mit ihren Eltern oder älteren Geschwistern darüber zu sprechen.“ Mara nahm sich die Toastscheibe aus dem Ständer, der auf dem Tisch stand und legte sie auf ihren Teller. Ihr war nicht entgangen, dass Manuel sie regelrecht angestarrt hatte, bevor er sein Plädoyer hielt.
„Ich bleibe dabei: Wir sind übersexualisiert durch das Internet. Die Pornos und obszönen Selbstdarstellungen, die dort zu finden sind, machen viel kaputt, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Auch muss scharf kritisiert werden wie Männer noch heutzutage Frauen wahrnehmen und marginalisieren. Pornodarstellungen zeigen doch ein absolut unausgewogenes Dominanzverhältnis zwischen Mann und Frau. Frauen sind da nichts weiter als Samenauffangbecken. Und dann, ähm, die ganzen Sexsüchtigen, die sich täglich in den Beratungsstellen melden und über die Verlockungen von Pornografie und Prostitution im Internet berichten. Sexsüchtige gibt es doch in allen Alters- und Einkommensgruppen. Schüler, die ihre Schulabschlüsse deswegen nicht schaffen. Studenten, die nicht mehr von Tinder, YouTube und so weiter loskommen. Erwachsene, die sich um den Schlaf bringen.“ Das Thema regte Manuel ziemlich auf. Abrupt erhob er sich, ging zur Anrichte, holte sich eine Zigarette aus der Schachtel hervor, die neben dem Salzgebäck und den Erdnüssen lag, und steckte sie samt Feuerzeug in seine Hosentasche.
„Du wolltest doch mit dem Rauchen aufhören?“, fragte Giulia etwas provozierend.
Manuel zuckte abweisend mit den Schultern und wandte sich ihr zu: „Wollte ich?“ Er beugte sich vor, fixierte sie mit seinem Blick und sagte: „Stell dir vor, in letzter Zeit habe ich mir noch ein paar andere Macken zugelegt – Schlafstörungen, Übergewicht, Sorgen.“
Mara und Giulia waren wie vor den Kopf gestoßen und begriffen so gut wie nichts. Seine Offenheit machte sie sprachlos und eine ganze Weile saßen sie einfach nur da. Manuel eilte hinaus, zündete sich eine Zigarette an und blieb am Türrahmen stehen.
Giulia erschrak. Der Anblick erinnerte sie an eine Situation, die vergessen war. Sie sah Alex vor sich, wie er einmal mit der glimmenden Zigarette, am Türrahmen eines Lokals lehnte.
„Umso peinlicher ist es …“ Manuel drehte sich zu ihnen um, sprach laut und deutlich weiter, „mir selbst einzugestehen, dass ich als Vater versagt habe.“ Er kehrte an den Tisch zurück, drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und setzte sich neben Mara. „Mein Ältester schmiss die Schule, kurz vor seinem Abi, absolvierte dann eine Schreinerlehre“, erklärte Manuel, zog seine Stirn in Denkerfalten und ergänzte, dass sein Sohn Stuhlmodelle entwerfen würde – von schlicht und puristisch bis extravagant und trendig.
„Cool“, äußerte sich Mara anerkennend. „Er tritt in deine Fußstapfen. Darauf kannst du stolz sein.“ Mara aß den letzten Bissen Toast, den sie sich mit Ziegenfrischkäse bestrichen hatte.
„Wenn du meinst.“
Manuel stand auf, ging wieder hinaus und zündete sich die nächste Zigarette an. Mara beobachtete er aus den Augenwinkeln, die ihm einen fragenden Blick zuwarf.
„Das frische Poolwasser tut gut. Habt ihr schon mal was von Slow Sex gehört?“ Clarissa schneite mit einem Lavendelstrauß in die Küche herein. Gutgelaunt plauderte sie drauflos und erzählte über eine neue Sexualitätsform, die ihr beim Schwimmen durch den Kopf ging. Dabei sei man keinem Leistungsprogramm unterworfen und könne ganz ohne Druck und ohne Penetration Sex genießen. Eine achtungsvolle Methode sei das, bei der sanfte körperliche Berührungen im Mittelpunkt stehen würden und eine Befriedigung in homöopathischen Dosen erfolgen
würde.
Mit einem knarzenden Geräusch schob Giulia ihren Stuhl zurück. „Also Veggie Sex“, schoss aus ihr in höchst zutreffender Weise heraus, währenddessen sie herzhaft lachte und ihren Bauch festhielt. Sie lehnte sich zurück und bekundete grinsend, es schleunigst ausprobieren zu wollen.
Clarissa steckte den Lavendelstrauß in eine Vase, brach sich eine große Scheibe Baguette ab, das seit Stunden auf dem Tisch lag, schnappte sich ein paar Würfel vom pfefferummantelten Schafskäse, den sie im Kühlschrank fand, und hastete, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wieder in Richtung Pool. Endlose Beziehungsgespräche schienen sie momentan nicht zu interessieren.
Giulia und Mara beschlossen hingegen, sich in die bequemen Gartenstühle auf die Terrasse zu setzen und weiter zu diskutieren. Schließlich standen etliche Fragen im Raum: Wie lange hält die sexuelle Anziehung und Romantik zwischen zwei Menschen im Normalfall an? Kann sie ewig andauern, so wie es das klassische Ehemodell vorsieht? Ist die Zweierbeziehung noch zu
retten?
Manuel gesellte sich ebenfalls zu ihnen. Er schnippte die Asche seiner Zigarette in den Aschenbecher, hielt sie zwischen dem Ringfinger und kleinen Finger der linken Hand fest und schaltete mit dem Zeigefinger seinen Tablet-PC ein, der auf einem der Gartenstühle lag. Er nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch in die Luft und drückte den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus. Bei Google tippte er ein: Sex, Libido, Partnerschaft. Im Nullkommanichts erschienen eine unübersichtliche Menge von Einträgen, YouTube-Videos und Buchtipps, woraufhin Manuel die Suche eingrenzte und Abfallen, Libido, Ehe eingab. Dank seiner Fähigkeit, Texte schnell zu erfassen und relevanten Wortstoff herauszufischen, konnte er sich einen Überblick verschaffen. Während er noch konzentriert mit gesenktem Kopf auf den Bildschirm seines Tablets starrte, fasste er kurz zusammen: „Die Libido hält in jeder Beziehung etwa drei Jahre an. Nach der Eheschließung sinkt die Lust stark ab. Frauen sind beim Sex schneller gelangweilt als Männer, die sich entgegen der landläufigen Meinung wenig aus sexueller Vielfalt machen. Primatenweibchen sind beim Sex die agierenden Kräfte und stellen attraktiven Primatenmännchen nach.“ Manuel hob den Kopf. Mit einem schalkhaften Ausdruck in seinem Gesicht kommentierte er: „Aha, Frauen stellen also Männern nach. Die Katze ist aus dem Sack.“ Und folgerte daraus, dass sich das romantische Modell der monogamen Ehe auf keinen Fall mit den angeborenen menschlichen Trieben verträgt, weil es die Beziehungspartner in einen endlosen Kreislauf von Frustration und Enttäuschung hineintreibt.
Mara ignorierte seine Anspielung, amüsierte sich dagegen köstlich über die kessen Primatenweibchen. Seelenruhig fragte sie in die Runde, was Beziehungspartner tun können, um der absinkenden Lust auf Sex in einer langjährigen monogamen Ehe entgegenzuwirken.
„Davonlaufen, betrügen, sich zusammenreißen, einer Therapie unterziehen? Oder den Rest des Lebens mit Leere und Nichts verbringen“, antwortete Giulia wie aus der Pistole geschossen. Giulia kam ins Grübeln. Auf dem Weg zum Herd gab sie zu, dass sie in ihrer Verliebtheit oft die agierende Kraft und die Jägerin war. Sie schaltete das Kochfeld der Herdplatte ein, um Rühreier zuzubereiten.
Mara war nicht mehr zu bremsen: „Eine Affäre stellt doch vieles auf den Kopf: Gewohntes, Verhaltensmuster, Bilder, Vorstellungen über die Liebe und Sexualität, die sich selten mit den eigenen Bedürfnissen und denen des Partners decken. Sollten sie das dann doch tun, ist das ein absoluter Volltreffer.“ Mit süßester Stimme fügte sie hinzu: „Affären fordern uns doch alle heraus. Weil sie ein Neudenken darüber einfordern, welche Dinge in der bestehenden Beziehung vernachlässigt wurden. Nach meinem Empfinden eignen sich Affären auch gut dafür, neue Sexpraktiken auszuprobieren und alte Gewohnheiten loszuwerden. So gesehen, sind sie niemals nutzlos, da sie für gewöhnlich die erlahmte Sexualität in einer monogamen Beziehung anregen.“
„Aber, aber, Mara“, erwiderte Manuel hörbar irritiert und sprach in einem sachlichen Ton weiter: „Auch wenn mir der Gedanke zugegebenermaßen gefällt, hätte ich meiner Ex doch nie im Leben sagen können, dass Fremdgehen gut für eine Ehe ist, weil man dann neue Sexpraktiken ausprobieren kann. Ihre Liebe hätte ich sofort verloren. Vielleicht hätte sie mich auch mit einem Messer attackiert!“ Mit der Gabel stocherte er in dem Rührei herum, das ihm Giulia auf einem Teller mit extra viel Speck serviert hatte. Manuel gab zu, dass diese Liebe auch ohne Fremdgehen lange vor der Scheidung verloren war. Noch nie hatte er Mara so waghalsig sprechen hören, was er dem Umstand zuschrieb, dass ihre gemeinsame Schulzeit schon lange her war. Vielleicht zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre. Jedenfalls war Mara damals äußerst schüchtern und stand nur ungern im Mittelpunkt. Er betrachtete ihr dunkelbraunes Haar, das in der Nachmittagssonne glänzte und ihrem Gesicht ein besonders elegantes Aussehen verlieh. Und je länger er Mara ansah, desto geheimnisvoller und anziehender wirkte sie auf ihn. Manuels Gefühle spielten plötzlich verrückt. Es war eine Mischung aus Erregung, Unsicherheit, Angst, Freude. Er schien drauf und dran, sich wieder in seine Jugendliebe zu verlieben.
Mara streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen und genoss die Wärme auf ihrer Haut. Von Manuels verliebten Blicken blieb sie ungerührt. Ein wissendes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie im nächsten Augenblick ihre dunkle Sonnenbrille abnahm und erfrischend unprätentiös zu erzählen anfing: „Nach meiner Scheidung konzentrierte ich mich auf meine Karriere und meine minderjährige Tochter. Mein Mann und ich teilten uns das Sorgerecht. Es gab Gott sei Dank keine Streitereien, so blieb uns der Gang zum Jugendamt erspart. Nach meiner Banklehre studierte ich Kommunikationswissenschaften. Bald danach kam ein lukratives Angebot von einer englischen Großbank. Dem konnte ich nicht widerstehen. Ich zog nach London. Sarah blieb bei meinem Ex-Mann in Hamburg. Sie besuchte mich, so oft es ging. In der Bank arbeitete ich mich zur Abteilungsleiterin hoch. Heute verantworte ich das Gesamtmarketing, Spenden und Sponsoring inklusive. Ich bin sehr stolz, vom Geldbeutel eines Mannes unabhängig zu sein. Und beruhigt, dass ich am Ende meines beruflichen Lebens nicht auf eine Teilzeit-Patchwork-Biografie zurückblicken muss – in einem Alter, in dem Männer meist noch eine Hierarchieebene nach vorne rücken, um die Früchte ihres langen beruflichen Aufstiegs in den Ruhestand hineinzu-
retten.“
Mara hatte viel erreicht, und Manuel war voller Bewunderung für sie. Zwar waren ihm Einzelheiten ihrer Biografie unbekannt, aber ihr mutiger Lebensweg imponierte ihm. Das war ihm anzusehen.
„Wie wahr, wie wahr.“ Giulias Stimme klang warm und melancholisch, und Clarissa, die sich inzwischen wieder zu ihnen gesellt und Maras Worte vernommen hatte, wusste sofort, was Giulia damit sagen wollte. Nur allzu gern hätte sie jetzt von ihr wissen wollen, weshalb die Sache mit Alex schiefgegangen war, mit der Liebe ihres Lebens, was sie oft genug
betonte.
Giulia schwieg, was sie immer tat, wenn jemand auf Alex zu sprechen kam. Clarissa war der ganzen Heimlichtuerei so verdammt überdrüssig, und statt dass sie die Entwicklung des Gesprächs abwartete, ging sie zurück ins Haus, um nach ihrem Handy zu suchen.
„Nach Alex“, begann Giulia leise, „habe ich es mit Online-Dating probiert. ElitePartner, Parship, eDarling, OkCupid schienen mir seriöse Anbieter zu sein, zumal sie sich von Anbietern wie Tinder abgrenzen.“
5 Sterne
Eine starke Frau, ein starkes Buch - 01.11.2021
G.L. Fechner

Sechs Geschichten, die jeweils das Psychogramm einer Beziehung geben. In einer Geschichte wird erzählt, wie eine junge Frau, Giulia, über den Landschaften des Daseins mit ihren schönen Träumen der Hoffnung, der Jugend, des Glücks und der Liebe in einen blauen Himmel einer Beziehung hinein schwebt. Doch sie stürzt aus ihrer sanften Idylle hart auf einen steinigen, bayerischen Boden. Was bleibt, ist ein Trümmerhaufen ihrer Gefühle.Gut erzählt, nein, sehr gut erzählt.

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