Liebe schmeckt wie Honig
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-99185-208-7
Erscheinungsdatum: 17.06.2026
Ein geerbtes Haus, die Magie der Bienen, eine verborgene Liebesgeschichte: In der Uckermark begibt sich Miela auf eine Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst. „Liebe schmeckt wie Honig“ ist ein berührender Roman über Wahrheit, Sehnsucht und Neuanfang.
Schichten aus Staub und Zeit
Am nächsten Morgen lag der Garten in einem warmen, weichen Licht da. Die Sonne stand noch tief am Horizont und warf lange Schatten durch die hohen Bäume. Miela stand barfuß auf der Veranda, eine bunte Strickjacke aus dem alten Garderobenschrank über ihr Nachthemd gezogen, und trank, an einen Holzpfeiler gelehnt, heißen Tee. Ihre Augen tasteten wieder die verwilderte Gartenlandschaft ab. Die Luft fühlte sich noch klar und frisch an und duftete nach Rosen. Ein paar Vögel schienen sich bei ihrem Gesang zu erfreuen. Alles um sie herum war friedlich. Erstaunlich, wie sehr sie sich fremd und zugleich verbunden fühlte, als wäre sie nie ganz fort gewesen.
Es war ein Brief ihrer Mutter aus Amerika gewesen, der sie hierher nach Warnitz in die Uckermark geführt hatte. Ihre Großmutter sei gestorben, schrieb sie, und Miela habe ihr altes Haus geerbt. Den Brief vom Nachlassverwalter hatte sie beigefügt. Miela sollte sich nun um den Verkauf des Grundstückes kümmern; schließlich habe Johanna es ihr vererbt. Täuschte sie sich oder konnte sie die missgünstige Haltung ihrer Mutter zwischen den Zeilen erkennen? Anbei lagen der Haustürschlüssel und die genaue Adresse – mehr nicht.
Miela erhielt nicht viele Briefe von ihrer Mutter; vielleicht drei im Jahr. Meistens war der Inhalt belanglos. Sie schrieb von Dingen, die Miela nicht interessierten. Und ebenso interessierte sich ihre Mutter auch nicht für Miela. Manchmal kam ein Anruf von ihr, wohl eher zur Kontrolle. Danach hatte Miela nie das Gefühl, dass das Telefonat schön gewesen war.
Sie beendete die negativen Gedanken an ihre Mutter, überlegte, was sie mit dem heutigen Tag anstellen könnte, und entschied sich, das Haus genauer zu erkunden. Sie wollte durch die Räume wandern und in Schränken, Kommoden und Kisten nach Erinnerungen suchen, die Johannas Namen trugen.
Miela ging in die Küche zurück, stellte ihre leere Teetasse in die Spüle und begann in der Speisekammer. Das Einmachregal war voll von vergessenen Gläsern: Birnen, Zwetschgen, ein letztes Glas Holunderblütengelee. Die Etiketten waren verblasst, die Deckel staubig. Miela wischte vorsichtig über jedes einzelne Glas, als könnte es unter dem Staub wieder sprechen lernen.
Im Wohnzimmer öffnete sie die Schubladen des alten Sekretärs. Briefe, vergilbte Rechnungen, ein paar vergessene Kassenzettel, ein Schreibblock, ein einzelner, getrockneter Lavendelzweig. Hinter einer losen Schubladenrückwand fand sie ein altes Rezeptbuch, handgeschrieben in Johannas eleganter Schrift. Miela blätterte ehrfürchtig eine Seite nach der anderen um und fand Aufzeichnungen von Teemischungen, Salben, Blütenextrakten.
Der Vormittag verging zwischen sanfter Ruhe und dem hellen, lebendigen Vogelgezwitscher, das durch die offenen Fenster drang. Immer wieder hielt sie inne, wenn ein Duft, ein Fund, ein winziger Gegenstand ihr Herz wie ein vertrauter Freund berührte.
Im oberen Stockwerk öffnete sie schließlich den alten Kleiderschrank. Darin hingen Johannas Sommerkleider, sorgfältig aufgereiht. Auf der obersten Ablage, zwischen ordentlich zusammengelegten Strickpullovern und Blusen, lag eine kleine Holzschachtel mit einem bestickten Deckel. Miela nahm sie heraus, öffnete sie jedoch nicht, sondern stellte sie auf den kleinen Tisch im Wohnzimmer.
Als sie sich am Abend erschöpft von den vielen Eindrücken des Tages in den alten Sessel am Fenster fallen ließ, spürte sie, wie sehr ihr Johanna fehlte. Nicht die Großmutter aus Erzählungen, sondern die Frau, die sie gern selbst näher kennengelernt hätte.
Sie blickte auf die Holzschachtel auf dem Tisch und das Licht des Sonnenuntergangs fiel genau darauf. Eine Einladung. Aber nicht für heute.
Heute hatte sie nur begonnen, zu atmen, in diesem alten Haus, inmitten von Staub und Zeit.
Die Holzschachtel
Der nächste Morgen war etwas kühler als der vorherige. Es war noch sehr früh, noch vor sechs Uhr, und in diesem zarten Dämmern zwischen Nacht und Tag schwebte eine stille Verheißung wie das Versprechen eines neuen Anfangs, getragen vom goldenen Licht, das bernsteinfarben über die Wiesen glitt. Miela trat vorsichtig in die Küche, die Füße noch nackt, die blonden, lockigen Haare ungekämmt. Sie füllte den Emailletopf mit frischem Wasser und stellte den Herd an.
Als sie ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen ließ, blieb er an der Holzschachtel hängen, als wäre sie nicht einfach ein Gegenstand, sondern eine geheime Entdeckung. Heute fühlte sich etwas in ihr bereit an. Sie war nicht unbedingt neugierig, eher gespannt.
Miela hüllte sich wieder in die kuschelige Strickjacke, nahm die Schachtel vom Tisch und setzte sich mit angezogenen Beinen auf die Küchenbank. Der Tee dampfte aus dem weißen Becher in ihren Händen. Sie stellte ihn auf dem Tisch ab und legte beide Hände auf den Deckel der Schachtel. Die Stickerei zeigte verblasste Blüten, fein genäht mit einem Faden, der silbern wirkte.
Sie öffnete den Deckel langsam. Der Geruch von altem Holz und Lavendel stieg ihr in die Nase. Nichts Besonderes auf den ersten Blick. Und doch blieb ihr Herz einen Moment lang stehen.
Obenauf lag ein Stück gefaltetes Leinen, darunter ein kleines Päckchen Briefe, sorgfältig mit einer Schnur zusammengebunden. Keine Namen. Nur das verblasste Papier, das etwas von der vergangenen Zeit bewahrt hatte.
Darunter eine feine Kette: Schlicht, silbern. Der Anhänger ein kleiner, ungeschliffener Stein, durchsichtig wie Morgentau.
Miela ließ die Kette mit dem Stein vorsichtig durch ihre Finger gleiten. Irgendetwas daran berührte sie. Etwas, das keinen Namen hatte. In diesem Moment war es kein Schmuckstück im eigentlichen Sinne, sondern ein Zeichen. Eines, das sich ihr nicht erklärte, sondern einfach blieb.
Sie betrachtete den Stein im Licht. Es war, als würde er leuchten. Nicht sichtbar, sondern in ihr.
Sie legte die Kette mit dem Anhänger sanft zurück in die Schachtel. Ebenso die ungeöffneten Briefe und das Leinen. Mit einem neu gewonnenen, feinen Gespür für die besondere Entdeckung legte Miela den bestickten Deckel wieder auf die Schachtel und brachte sie zurück ins Wohnzimmer.
Erste Begegnung
Es war später Vormittag, als Miela beschloss, den hinteren Teil des Gartens zu erkunden. Der Weg war kaum noch erkennbar, von Gräsern und wildem Klee überwuchert; die Holzdielen des kleinen Stegs zum alten Geräteschuppen vom Wetter gebleicht und von Moos überzogen. Eine Reihe hoher, windschiefer Birken säumte die hintere Ecke des Gartens. Sie wirkten, als neigten sie sich aus Ehrfurcht vor ihrem Alter.
Miela trug ein knielanges Leinenkleid, das sie in Johannas Kleiderschrank gefunden hatte, ging barfuß, ihr Haar ein lockiger, ungebändigter Rahmen um das Gesicht. Der Wind hatte ihr einzelne Strähnen in die Stirn geweht. Sie wischte sie zur Seite, murmelte etwas Unverständliches, als wäre sie sich selbst über ihre Verfassung nicht ganz im Klaren.
Als sie um die Hecke bog, blieb sie abrupt stehen. Da war jemand.
Ein junger Mann, Anfang dreißig, die Hände in den Hosentaschen, das Gesicht halb von der Sonne beschienen. Er trug ein einfaches, helles Baumwollhemd, die Ärmel hochgekrempelt, und sah aus, als gehöre er hierher, als sei er ein Teil dieses Gartens wie die Birken im Hintergrund.
Er sah sie nicht sofort. Erst, als sie einen Zweig streifte und es raschelte, hob er den Kopf.
Braune Augen, wachsam, aber nicht neugierig. Kein Lächeln. Kein Schrecken. Nur ein aufmerksames Wahrnehmen.
„Hallo?“, begrüßte Miela ihn vorsichtig, in einem Wort gleichzeitig danach fragend, wer er denn sei und was er hier treibe.
Er nickte unmerklich und erwiderte: „Ich bin Jonas. Ich … helfe hier manchmal. Mit den Bienen.“
Miela brauchte einen Moment. „Ich wusste nicht, dass … jemand kommt.“
Er zuckte mit den Schultern. „Deine Großmutter hat mich gebeten, weiter nach ihnen zu sehen. Ich dachte, das wäre in Ordnung.“
Sie wollte etwas sagen, vielleicht sich entschuldigen, obwohl es keinen Grund gab. Stattdessen rieb sie sich den Unterarm. Ihre Haut war vom Sonnenlicht warm, ein feiner Duft nach Salbei stieg ihr von der Wiese in die Nase.
„Ich heiße Miela!“, sagte sie dann. „Ich bin …“ Sie brach ab. Was war sie? Enkelin? Fremde? Suchende?
Er nickte noch einmal. „Ich weiß. Deine Großmutter hat mir von dir erzählt.“
Und dann trat eine dieser merkwürdigen Pausen ein, die nicht leer sind, sondern von allem angefüllt, was man nicht sagt.
Miela spürte, wie ihre Unsicherheit sich nicht löste, sondern wie ein schwerer Mantel auf ihr lag. Gleichzeitig war da etwas an Jonas – in seinem Verharren, seiner Haltung –, das sie nicht verstand, aber festhielt.
Sie schob sich eine lockige Haarsträhne hinters Ohr. „Ich … ich schau mich nur ein wenig um.“
„Mach das!“, sagte er. „Es gibt hier viel zu entdecken.“
Dann wandte er sich ab, langsam, ohne Hast, und ging in Richtung der Bienenkästen. Nicht, weil er sie alleinlassen wollte, sondern weil er spürte, dass sie Raum brauchte.
Miela blieb stehen, legte ihren Kopf in den Nacken und spürte die Sonne in ihrem Gesicht. Sie lauschte dem Flirren und Summen der Insekten in der Luft. Und für einen Moment beschlich sie das Gefühl, dass dieser Ort etwas in ihr verändern würde. Vielleicht war der Tod ihrer Großmutter der Anfang von etwas, das sie noch nicht begreifen konnte.
Der Regen tanzt
Das alte Fahrrad, das Miela im Schuppen gefunden hatte, quietschte, als sie es die Einfahrt hinunter durch das Tor schob. Sie stieg auf und trat kräftig in die Pedale. „Der rostige Esel sollte dringend überholt werden“, dachte sie. Der Fahrtwind fuhr ihr durchs Haar und für einen Moment fühlte sie sich wie früher als Kind, ohne jede Richtung, aber voller Schwung. Der Schotterweg zum Dorf war holprig, gesäumt von Heckenrosen, wilden Sträuchern und kleinen gelben Blümchen, die sie nicht benennen konnte. Es roch nach feuchter Erde und aufgewärmtem Gras.
Im Dorf angekommen, stieg sie ab und schob das Rad über das mittelalterliche Kopfsteinpflaster auf dem kleinen idyllischen Marktplatz, im Zentrum die alte Dorfkirche aus dem 18. Jahrhundert, umgeben von Backstein- und Fachwerkhäusern im brandenburgischen Stil. Sie hatte das Gefühl, dass sich hier in all den Jahren nichts verändert hatte. Der Tante-Emma-Laden wirkte wie aus einer früheren Zeit. ‚Landmarkt Warnitz‘ stand über der Schaufensterscheibe. Ein Postschild an der Ecke des Gebäudes war ein Relikt längst vergessener Zeiten. Genau gegenüber befand sich in einem alten roten Ziegelhaus mit schiefem Dach ein kleines Blumengeschäft mit dem Namen ‚Blumenfee‘. Beeindruckt von diesem bezaubernden Örtchen stellte sie ihr Fahrrad vor dem Landmarkt ab. Als sie die Tür aufstieß, läutete die Glocke über ihr, und der Geruch von alten Holzregalen, Kaffee und frisch gebackenem Brot legte sich wie eine Lieblingsdecke um sie.
„Na schau einer an!“
Hinter der Theke stand ein beleibter, älterer Herr, vielleicht der Inhaber: grau gewordener Schnauzbart, rote Schürze und ein verschmitzter Blick in den Augen, die mehr sahen, als sie verrieten.
„Die Miela Sommer, oder? Ich hätte dich fast nicht erkannt. Aber die strahlenden Augen sind noch immer dieselben. Du bist deiner Großmutter sehr ähnlich geworden. Warst noch ein kleines Mädchen. Ich bin der Gustav, erinnern tust du dich wahrscheinlich nicht mehr.“ Er streckte ihr freundlich seine Hand über den Tresen entgegen.
Sie lachte, überrascht von der Wärme in seiner Stimme, und gab ihm die Hand. „Hallo, Gustav. Du hast recht. Ich wusste nicht, dass ich meiner Großmutter so ähnlich sehe. Ich bin hier, um nach ihrem Haus zu sehen.“
„Das ist schön, dass du dich kümmerst, Miela“, erwiderte er.
Es entstand eine kurze Pause, so, als dachte jeder für sich einen kurzen Moment lang an Johanna.
„Ich … wollte ein paar Dinge holen. Für die nächsten Tage …“, sagte Miela, sich aus dem stillen Moment lösend.
„Na dann los, Kind. Die Milch steht immer noch hinten, Brot ist frisch. Ich mach dir den guten Blütenhonig fertig.“
Während sie durch die engen Regalreihen schlenderte, wickelte Gustav Landbrot in Papier und sprach, mehr zu sich als zu ihr:
„Deine Großmutter … die Johanna, das war eine Frau, sag ich dir. Still, aber mit einem Blick, da bist du lieber ehrlich gewesen. Und manchmal hat sie uns alle überrascht.“
Miela hielt inne. „Womit?“
Gustav lächelte und horchte in sich hinein, als würde er ein altes Lied in sich abrufen.
...
Am nächsten Morgen lag der Garten in einem warmen, weichen Licht da. Die Sonne stand noch tief am Horizont und warf lange Schatten durch die hohen Bäume. Miela stand barfuß auf der Veranda, eine bunte Strickjacke aus dem alten Garderobenschrank über ihr Nachthemd gezogen, und trank, an einen Holzpfeiler gelehnt, heißen Tee. Ihre Augen tasteten wieder die verwilderte Gartenlandschaft ab. Die Luft fühlte sich noch klar und frisch an und duftete nach Rosen. Ein paar Vögel schienen sich bei ihrem Gesang zu erfreuen. Alles um sie herum war friedlich. Erstaunlich, wie sehr sie sich fremd und zugleich verbunden fühlte, als wäre sie nie ganz fort gewesen.
Es war ein Brief ihrer Mutter aus Amerika gewesen, der sie hierher nach Warnitz in die Uckermark geführt hatte. Ihre Großmutter sei gestorben, schrieb sie, und Miela habe ihr altes Haus geerbt. Den Brief vom Nachlassverwalter hatte sie beigefügt. Miela sollte sich nun um den Verkauf des Grundstückes kümmern; schließlich habe Johanna es ihr vererbt. Täuschte sie sich oder konnte sie die missgünstige Haltung ihrer Mutter zwischen den Zeilen erkennen? Anbei lagen der Haustürschlüssel und die genaue Adresse – mehr nicht.
Miela erhielt nicht viele Briefe von ihrer Mutter; vielleicht drei im Jahr. Meistens war der Inhalt belanglos. Sie schrieb von Dingen, die Miela nicht interessierten. Und ebenso interessierte sich ihre Mutter auch nicht für Miela. Manchmal kam ein Anruf von ihr, wohl eher zur Kontrolle. Danach hatte Miela nie das Gefühl, dass das Telefonat schön gewesen war.
Sie beendete die negativen Gedanken an ihre Mutter, überlegte, was sie mit dem heutigen Tag anstellen könnte, und entschied sich, das Haus genauer zu erkunden. Sie wollte durch die Räume wandern und in Schränken, Kommoden und Kisten nach Erinnerungen suchen, die Johannas Namen trugen.
Miela ging in die Küche zurück, stellte ihre leere Teetasse in die Spüle und begann in der Speisekammer. Das Einmachregal war voll von vergessenen Gläsern: Birnen, Zwetschgen, ein letztes Glas Holunderblütengelee. Die Etiketten waren verblasst, die Deckel staubig. Miela wischte vorsichtig über jedes einzelne Glas, als könnte es unter dem Staub wieder sprechen lernen.
Im Wohnzimmer öffnete sie die Schubladen des alten Sekretärs. Briefe, vergilbte Rechnungen, ein paar vergessene Kassenzettel, ein Schreibblock, ein einzelner, getrockneter Lavendelzweig. Hinter einer losen Schubladenrückwand fand sie ein altes Rezeptbuch, handgeschrieben in Johannas eleganter Schrift. Miela blätterte ehrfürchtig eine Seite nach der anderen um und fand Aufzeichnungen von Teemischungen, Salben, Blütenextrakten.
Der Vormittag verging zwischen sanfter Ruhe und dem hellen, lebendigen Vogelgezwitscher, das durch die offenen Fenster drang. Immer wieder hielt sie inne, wenn ein Duft, ein Fund, ein winziger Gegenstand ihr Herz wie ein vertrauter Freund berührte.
Im oberen Stockwerk öffnete sie schließlich den alten Kleiderschrank. Darin hingen Johannas Sommerkleider, sorgfältig aufgereiht. Auf der obersten Ablage, zwischen ordentlich zusammengelegten Strickpullovern und Blusen, lag eine kleine Holzschachtel mit einem bestickten Deckel. Miela nahm sie heraus, öffnete sie jedoch nicht, sondern stellte sie auf den kleinen Tisch im Wohnzimmer.
Als sie sich am Abend erschöpft von den vielen Eindrücken des Tages in den alten Sessel am Fenster fallen ließ, spürte sie, wie sehr ihr Johanna fehlte. Nicht die Großmutter aus Erzählungen, sondern die Frau, die sie gern selbst näher kennengelernt hätte.
Sie blickte auf die Holzschachtel auf dem Tisch und das Licht des Sonnenuntergangs fiel genau darauf. Eine Einladung. Aber nicht für heute.
Heute hatte sie nur begonnen, zu atmen, in diesem alten Haus, inmitten von Staub und Zeit.
Die Holzschachtel
Der nächste Morgen war etwas kühler als der vorherige. Es war noch sehr früh, noch vor sechs Uhr, und in diesem zarten Dämmern zwischen Nacht und Tag schwebte eine stille Verheißung wie das Versprechen eines neuen Anfangs, getragen vom goldenen Licht, das bernsteinfarben über die Wiesen glitt. Miela trat vorsichtig in die Küche, die Füße noch nackt, die blonden, lockigen Haare ungekämmt. Sie füllte den Emailletopf mit frischem Wasser und stellte den Herd an.
Als sie ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen ließ, blieb er an der Holzschachtel hängen, als wäre sie nicht einfach ein Gegenstand, sondern eine geheime Entdeckung. Heute fühlte sich etwas in ihr bereit an. Sie war nicht unbedingt neugierig, eher gespannt.
Miela hüllte sich wieder in die kuschelige Strickjacke, nahm die Schachtel vom Tisch und setzte sich mit angezogenen Beinen auf die Küchenbank. Der Tee dampfte aus dem weißen Becher in ihren Händen. Sie stellte ihn auf dem Tisch ab und legte beide Hände auf den Deckel der Schachtel. Die Stickerei zeigte verblasste Blüten, fein genäht mit einem Faden, der silbern wirkte.
Sie öffnete den Deckel langsam. Der Geruch von altem Holz und Lavendel stieg ihr in die Nase. Nichts Besonderes auf den ersten Blick. Und doch blieb ihr Herz einen Moment lang stehen.
Obenauf lag ein Stück gefaltetes Leinen, darunter ein kleines Päckchen Briefe, sorgfältig mit einer Schnur zusammengebunden. Keine Namen. Nur das verblasste Papier, das etwas von der vergangenen Zeit bewahrt hatte.
Darunter eine feine Kette: Schlicht, silbern. Der Anhänger ein kleiner, ungeschliffener Stein, durchsichtig wie Morgentau.
Miela ließ die Kette mit dem Stein vorsichtig durch ihre Finger gleiten. Irgendetwas daran berührte sie. Etwas, das keinen Namen hatte. In diesem Moment war es kein Schmuckstück im eigentlichen Sinne, sondern ein Zeichen. Eines, das sich ihr nicht erklärte, sondern einfach blieb.
Sie betrachtete den Stein im Licht. Es war, als würde er leuchten. Nicht sichtbar, sondern in ihr.
Sie legte die Kette mit dem Anhänger sanft zurück in die Schachtel. Ebenso die ungeöffneten Briefe und das Leinen. Mit einem neu gewonnenen, feinen Gespür für die besondere Entdeckung legte Miela den bestickten Deckel wieder auf die Schachtel und brachte sie zurück ins Wohnzimmer.
Erste Begegnung
Es war später Vormittag, als Miela beschloss, den hinteren Teil des Gartens zu erkunden. Der Weg war kaum noch erkennbar, von Gräsern und wildem Klee überwuchert; die Holzdielen des kleinen Stegs zum alten Geräteschuppen vom Wetter gebleicht und von Moos überzogen. Eine Reihe hoher, windschiefer Birken säumte die hintere Ecke des Gartens. Sie wirkten, als neigten sie sich aus Ehrfurcht vor ihrem Alter.
Miela trug ein knielanges Leinenkleid, das sie in Johannas Kleiderschrank gefunden hatte, ging barfuß, ihr Haar ein lockiger, ungebändigter Rahmen um das Gesicht. Der Wind hatte ihr einzelne Strähnen in die Stirn geweht. Sie wischte sie zur Seite, murmelte etwas Unverständliches, als wäre sie sich selbst über ihre Verfassung nicht ganz im Klaren.
Als sie um die Hecke bog, blieb sie abrupt stehen. Da war jemand.
Ein junger Mann, Anfang dreißig, die Hände in den Hosentaschen, das Gesicht halb von der Sonne beschienen. Er trug ein einfaches, helles Baumwollhemd, die Ärmel hochgekrempelt, und sah aus, als gehöre er hierher, als sei er ein Teil dieses Gartens wie die Birken im Hintergrund.
Er sah sie nicht sofort. Erst, als sie einen Zweig streifte und es raschelte, hob er den Kopf.
Braune Augen, wachsam, aber nicht neugierig. Kein Lächeln. Kein Schrecken. Nur ein aufmerksames Wahrnehmen.
„Hallo?“, begrüßte Miela ihn vorsichtig, in einem Wort gleichzeitig danach fragend, wer er denn sei und was er hier treibe.
Er nickte unmerklich und erwiderte: „Ich bin Jonas. Ich … helfe hier manchmal. Mit den Bienen.“
Miela brauchte einen Moment. „Ich wusste nicht, dass … jemand kommt.“
Er zuckte mit den Schultern. „Deine Großmutter hat mich gebeten, weiter nach ihnen zu sehen. Ich dachte, das wäre in Ordnung.“
Sie wollte etwas sagen, vielleicht sich entschuldigen, obwohl es keinen Grund gab. Stattdessen rieb sie sich den Unterarm. Ihre Haut war vom Sonnenlicht warm, ein feiner Duft nach Salbei stieg ihr von der Wiese in die Nase.
„Ich heiße Miela!“, sagte sie dann. „Ich bin …“ Sie brach ab. Was war sie? Enkelin? Fremde? Suchende?
Er nickte noch einmal. „Ich weiß. Deine Großmutter hat mir von dir erzählt.“
Und dann trat eine dieser merkwürdigen Pausen ein, die nicht leer sind, sondern von allem angefüllt, was man nicht sagt.
Miela spürte, wie ihre Unsicherheit sich nicht löste, sondern wie ein schwerer Mantel auf ihr lag. Gleichzeitig war da etwas an Jonas – in seinem Verharren, seiner Haltung –, das sie nicht verstand, aber festhielt.
Sie schob sich eine lockige Haarsträhne hinters Ohr. „Ich … ich schau mich nur ein wenig um.“
„Mach das!“, sagte er. „Es gibt hier viel zu entdecken.“
Dann wandte er sich ab, langsam, ohne Hast, und ging in Richtung der Bienenkästen. Nicht, weil er sie alleinlassen wollte, sondern weil er spürte, dass sie Raum brauchte.
Miela blieb stehen, legte ihren Kopf in den Nacken und spürte die Sonne in ihrem Gesicht. Sie lauschte dem Flirren und Summen der Insekten in der Luft. Und für einen Moment beschlich sie das Gefühl, dass dieser Ort etwas in ihr verändern würde. Vielleicht war der Tod ihrer Großmutter der Anfang von etwas, das sie noch nicht begreifen konnte.
Der Regen tanzt
Das alte Fahrrad, das Miela im Schuppen gefunden hatte, quietschte, als sie es die Einfahrt hinunter durch das Tor schob. Sie stieg auf und trat kräftig in die Pedale. „Der rostige Esel sollte dringend überholt werden“, dachte sie. Der Fahrtwind fuhr ihr durchs Haar und für einen Moment fühlte sie sich wie früher als Kind, ohne jede Richtung, aber voller Schwung. Der Schotterweg zum Dorf war holprig, gesäumt von Heckenrosen, wilden Sträuchern und kleinen gelben Blümchen, die sie nicht benennen konnte. Es roch nach feuchter Erde und aufgewärmtem Gras.
Im Dorf angekommen, stieg sie ab und schob das Rad über das mittelalterliche Kopfsteinpflaster auf dem kleinen idyllischen Marktplatz, im Zentrum die alte Dorfkirche aus dem 18. Jahrhundert, umgeben von Backstein- und Fachwerkhäusern im brandenburgischen Stil. Sie hatte das Gefühl, dass sich hier in all den Jahren nichts verändert hatte. Der Tante-Emma-Laden wirkte wie aus einer früheren Zeit. ‚Landmarkt Warnitz‘ stand über der Schaufensterscheibe. Ein Postschild an der Ecke des Gebäudes war ein Relikt längst vergessener Zeiten. Genau gegenüber befand sich in einem alten roten Ziegelhaus mit schiefem Dach ein kleines Blumengeschäft mit dem Namen ‚Blumenfee‘. Beeindruckt von diesem bezaubernden Örtchen stellte sie ihr Fahrrad vor dem Landmarkt ab. Als sie die Tür aufstieß, läutete die Glocke über ihr, und der Geruch von alten Holzregalen, Kaffee und frisch gebackenem Brot legte sich wie eine Lieblingsdecke um sie.
„Na schau einer an!“
Hinter der Theke stand ein beleibter, älterer Herr, vielleicht der Inhaber: grau gewordener Schnauzbart, rote Schürze und ein verschmitzter Blick in den Augen, die mehr sahen, als sie verrieten.
„Die Miela Sommer, oder? Ich hätte dich fast nicht erkannt. Aber die strahlenden Augen sind noch immer dieselben. Du bist deiner Großmutter sehr ähnlich geworden. Warst noch ein kleines Mädchen. Ich bin der Gustav, erinnern tust du dich wahrscheinlich nicht mehr.“ Er streckte ihr freundlich seine Hand über den Tresen entgegen.
Sie lachte, überrascht von der Wärme in seiner Stimme, und gab ihm die Hand. „Hallo, Gustav. Du hast recht. Ich wusste nicht, dass ich meiner Großmutter so ähnlich sehe. Ich bin hier, um nach ihrem Haus zu sehen.“
„Das ist schön, dass du dich kümmerst, Miela“, erwiderte er.
Es entstand eine kurze Pause, so, als dachte jeder für sich einen kurzen Moment lang an Johanna.
„Ich … wollte ein paar Dinge holen. Für die nächsten Tage …“, sagte Miela, sich aus dem stillen Moment lösend.
„Na dann los, Kind. Die Milch steht immer noch hinten, Brot ist frisch. Ich mach dir den guten Blütenhonig fertig.“
Während sie durch die engen Regalreihen schlenderte, wickelte Gustav Landbrot in Papier und sprach, mehr zu sich als zu ihr:
„Deine Großmutter … die Johanna, das war eine Frau, sag ich dir. Still, aber mit einem Blick, da bist du lieber ehrlich gewesen. Und manchmal hat sie uns alle überrascht.“
Miela hielt inne. „Womit?“
Gustav lächelte und horchte in sich hinein, als würde er ein altes Lied in sich abrufen.
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