Lea – Liebe und andere Sünden

Lea – Liebe und andere Sünden

Kate C. Hardt


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 339
ISBN: 978-3-85022-941-8
Erscheinungsdatum: 02.11.2009

Rezensionen:

01.04.2010Wieder mehr Sinn für Romantik

St. Pölten Konkret

Lea – Liebe und andere Sünden

Lea blickte aus dem ovalen Fenster. Ein Wolkenmeer lag vor ihr ausgebreitet, schon seit Stunden hatte sich das Bild nicht verändert. Die Sonne kitzelte sie in der Nase, doch sie bemerkte es kaum. Sie war tief in Gedanken versunken und bereits seit Längerem mit dem Versuch beschäftigt, ihre Gefühle einzuordnen. Es gelang ihr nicht. Wenn sie ehrlich war, spürte sie gar nichts. Weder Vorfreude noch Trauer, Angst oder Abenteuerlust, keine Aufregung und auch kein Gefühl der Freiheit – nur Leere. Seufzend wandte sie den Kopf ab und warf ihrem Sitznachbarn, der lautstark vor sich hin schnarchte, einen Blick zu. Seine Grunzlaute vermischten sich mit dem Dröhnen der Motoren. Aber nicht einmal diese unangenehme Geräuschkulisse konnte eine Gefühlsregung in ihr bewirken. Ob sie sich wohl in einer Art Schockzustand befand? Schließlich sagte man seiner Familie, seinen Freunden, seiner Heimat und allem, was einem von klein auf vertraut war, nicht jeden Tag Lebewohl.
Es war seltsam gewesen, dachte Lea, als sie ihre Mutter und ihren Vater so fest umarmt hatte, wie sie nur konnte, in dem Bewusstsein, sie für ein ganzes Jahr nicht mehr wiederzusehen. Daran durfte sie gar nicht denken. Worauf um Himmels willen hatte sie sich da eingelassen? Sie war sich so erwachsen vorgekommen. Alle hatten sie bewundert, weil sie es wagte, mit achtzehn, gleich nach Abschluss der Schule, für ein Jahr als Au-pair-Mädchen ins Ausland zu gehen. So viel Mut sah ihr gar nicht ähnlich. Nur Tom war keineswegs begeistert gewesen und war völlig ausgerastet, als sie ihn mit ihrem spontanen Entschluss überrascht hatte. Ach Tom! Wie viele Jahre mochte sie wohl in ihren Klassenkameraden verliebt gewesen sein, ohne dass er auch nur die geringste Ahnung davon gehabt hatte? Er war ihr immer unerreichbar erschienen, bis eines Tages alles anders kam.

Es geschah auf der Abschlussfeier. Lea würde diesen Tag nie vergessen, auch wenn die Details etwas verschwommen waren. Damals waren alle bester Laune. Die unglaubliche Erleichterung aufgrund der bestandenen Prüfungen vereinte die sonst eher von Zwistigkeiten zersplitterte Klasse 8A. Lea kam etwas verspätet zu der Party. Da kein anderer Platz mehr frei war, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zu Maria, Tina, Felix, Marlene, Bernhard und Tom an den Tisch zu setzen. Die sechs zählten zur absoluten Elite der achten Klassen. Es war, als hätten sie das Wort „cool“ erfunden. Aber an jenem Abend hielten sie sich ausnahmsweise mit bissigen Bemerkungen zurück. Man wollte gnädig darüber hinwegsehen, dass man mit einer Streberin am Tisch saß. Lea hatte die Schule mit einem glatten Notendurchschnitt von Sehr Gut abgeschlossen und war so glücklich, dass sie nicht einmal die wenig erfreuten Blicke ihrer Sitznachbarn störten.
„Auf die 8A!“, sagte sie fröhlich und erhob ihr Weinglas. Tom, der ihr genau gegenübersaß, zuckte kurz mit den Schultern und erhob dann ebenfalls sein Glas, woraufhin die anderen es ihm gleichtaten. „Auf die 8A und die Beste unseres Jahrgangs!“, sagte er mit leicht sarkastischem Unterton. Lea ignorierte seine Anspielung sowie Tinas und Marlenes gehässiges Gekicher. Sie wollte sich um keinen Preis ihre gute Laune verderben lassen. Außerdem hatte sie selten die Chance, Tom, der sie niemals beachtet hatte, so aus der Nähe zu betrachten. Anfangs hielt sie sich eher im Hintergrund und warf nur hie und da ein paar Worte ein. Doch je mehr Wein sie trank, desto öfter mischte sie sich in das Gespräch ein und überraschte alle mit ihrem Humor. Als sie es endlich einmal wagte, Tom direkt in die Augen zu blicken, merkte sie, dass dieser sie mit fragendem Blick musterte. „Darf’s noch ein Glas Wein sein?“, erkundigte er sich belustigt.
Er hatte Lea bisher noch nie beschwipst gesehen und eigentlich angenommen, dass Mädchen wie sie überhaupt nicht tranken. Augenblicklich wurde sie rot. Sie wusste, dass sie sich untypisch verhielt, nur konnte sie ihr Verhalten nicht mehr wirklich steuern. Aber ihr Alkoholspiegel war bereits so hoch, dass sie nicht näher darüber nachdachte und ihre Verlegenheit schnell verflog. Sie vergaß ihre sonstige Zurückhaltung und antwortete ihm: „Klar, aber nur, wenn du noch eines mittrinkst.“ Dann fasste sie ihn an der Hand und zog ihn mit zur Bar hinüber. Tom war so überrumpelt, dass er ihr widerspruchslos folgte, während ihnen Marlene einen zornigen Blick hinterherwarf. Die Streberin bewegte sich eindeutig in ihrem Revier. Unglaublich, dass Tom da mitspielte.
Der Alkohol machte Lea mutig oder vielleicht auch unvernünftig genug zu sagen und zu tun, wonach ihr gerade war. Sie drückte Tom ein Glas in die Hand und deutete mit einem Kopfnicken an den Tisch zurück: „Hast du nun was mit Marlene oder nicht?“ – „Ich glaube nicht, dass dich das etwas angeht“, erwiderte er, aber seine Worte klangen weniger böse als amüsiert über ihre plötzliche Forschheit. „Ich meine ja nur, weil sie mich so anfunkelt“, sagte sie entschuldigend. „Hältst du dich etwa für eine ernst zu nehmende Konkurrenz?“, fragte er mit unergründlichem Blick. Im nüchternen Zustand wäre sie vermutlich ziemlich gekränkt gewesen, so aber entgegnete sie gelassen: „Tja, das musst du wohl selbst herausfinden.“ Tom machte ein überraschtes Gesicht. Eine solche Antwort hatte er von der schüchternen Lea absolut nicht erwartet. Noch ehe er etwas erwidern konnte, drehte sie sich um und schlenderte zur Tanzfläche hinüber. Er schüttelte leicht den Kopf und kehrte an seinen Tisch zurück. Weder ihm noch Lea war klar, dass das der Moment war, in dem er angebissen hatte.
Marlene nahm ihn sofort in Beschlag und meinte abfällig: „Was willst du denn mit der? Wechselst du neuerdings die Fronten?“ Tom hatte vor einiger Zeit ein Techtelmechtel mit ihr angefangen. Sie sah toll aus und er mochte sie ganz gern, aber besitzergreifend durfte sie auf keinen Fall werden. In dem Moment stupste Tina die beiden an und zeigte in Richtung Tanzfläche: „Was ist denn heute in unsere graue Maus gefahren?“ Alle wandten ihre Köpfe in Richtung Lea, die in der tanzenden Menge ihr Umfeld schon gar nicht mehr wahrzunehmen schien. Wenn sie sich bei einer Sache sicher fühlte, dann war es das Tanzen. Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie in ihrer Freizeit immer getanzt, von klassisch bis modern alles. Für einen Moment hatte sie Tom völlig vergessen.
Als es auf der Tanzfläche plötzlich unerträglich eng wurde, kletterte sie kurzerhand auf einen der Tische und tanzte dort weiter. Tom verfolgte sie mit seinen Augen und war amüsiert und verwundert über diese Seite seiner sonst so unauffälligen Klassenkameradin. Und entweder war es Neugier, oder es geschah, um Marlene in ihre Schranken zu weisen, jedenfalls ließ er seine Freunde sitzen und stieg auf den Tisch zu Lea. Sie bemerkte ihn nicht einmal. Oder wollte sie ihn nicht bemerken? Vielleicht hatte er sie vorhin wirklich beleidigt. Normalerweise wäre ihm das egal gewesen, nicht aber an diesem Abend. Also legte er einen Arm um ihre Taille und wirbelte sie zu sich herum.
Verdutzt blickte sie ihn an, als er ihre Arme ergriff und sie um seinen Hals legte. Während er begann, sich mit ihr im Takt der Musik zu bewegen, flüsterte er ihr ins Ohr: „Okay, wer bist du und was hast du mit Lea gemacht?“ Sie verzog auf komische Weise das Gesicht: „Aus welchem Film hast du die Zeile geklaut?“ Er musste lachen, weil er es nicht gewohnt war, dass jemand nicht auf seine Flirtversuche einging. „Die Zeile wollte ich immer schon mal anbringen. Also, wo ist Lea?“ –
Sie lächelte: „Das ist die wahre Lea.“ Dann küsste sie ihn und nahm ihm, dem großen Eroberer, vollends den Wind aus den Segeln. Bis zu diesem Zeitpunkt war das das Verrückteste und Gewagteste, was das Mädchen jemals getan hatte. Im nüchternen Zustand wäre sie eher gestorben, als auch nur von sich aus zwei Worte mit ihm zu wechseln. Wenn Lea damals jemand erklärt hätte, wie viele noch unglaublichere Dinge ihr bald passieren würden, sie hätte lauthals darüber gelacht, sich an die Stirn getippt und kein Wort ernst genommen.

Lea schaute auf ihre Uhr. Noch knapp drei Stunden Flugzeit. Wieder wandte sie ihren Blick dem Fenster zu. Die Gedanken flossen besser, wenn man dabei die Wolken betrachtete. Wenn sie jetzt darüber nachdachte, konnte sie nur den Kopf schütteln. Tom und sie waren sehr unerwartet ein Paar geworden. Die langweilige Streberin ohne Selbstbewusstsein und Ausstrahlung und der Star der Schule! Wie absurd! Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie einen Freund, noch dazu einen, der in der Schule als Weiberheld galt. Dass das nicht unbedingt ein Segen war, hatte sich erst nach und nach he­rauskristallisiert. Tom hatte sie ziemlich herumkommandiert, ihr gesagt, was sie anzuziehen und wie sie sich zu verhalten hatte, und war eigentlich durch und durch ein Macho gewesen. Er hatte sie behandelt, als wäre sie sein Eigentum, und das Wort Sensibilität schien für ihn ein Fremdwort zu sein.
Es passte ihm keineswegs, dass sie nicht sofort mit ihm ins Bett gehen wollte, sondern sich etwas Zeit erbat. Es fiel ihm schwer, das zu akzeptieren, beziehungsweise beschaffte er sich sein Vergnügen nach einiger Zeit eben anderweitig. In ihrer Verliebtheit hatte Lea anfangs alles geschluckt und versucht ihrem Freund alles recht zu machen, um ihn nicht zu verlieren. Irgendwann hatte sie es dann aber doch sattgehabt und ihr Stolz hatte sich geregt. Sie erkannte, dass es nicht immer Glück bringt, wenn lange gehegte Wünsche in Erfüllung gehen. Mit Bedauern stellte sie außerdem fest, dass ihr Tom geistig nicht gewachsen war. Er war ein Blender. Ihre unglückliche Beziehung und die Tatsache, dass sie vor ihrem Studium endlich einmal etwas erleben wollte, hatten sie dazu bewogen, ihre Heimat zu verlassen.
Nun war sie froh, dass sie nicht mit Tom geschlafen hatte. Es war schon genug, dass sie sich fast drei Monate lang von ihm hatte tyrannisieren lassen. Sie war überzeugt, er würde bald Trost finden. Er war nur so aufgebracht über ihr Vorhaben gewesen, weil sie ihn einerseits nicht um Erlaubnis gebeten hatte und weil er sie andererseits nicht mehr ins Bett bekommen hatte. Trotz allem würde sie sicher oft an ihn denken müssen. Immerhin hatten sie viel Zeit – auch schöne Zeit – miteinander verbracht. Außerdem war er ihr erster Freund gewesen.
Wieder seufzte Lea. Sie würde alle furchtbar vermissen. Aber das gute Verhältnis zu ihrer Familie würde sich durch nichts trüben lassen, und ihre Freundinnen waren treue Seelen, die sie über alles auf dem Laufenden halten würden. Sie brauchte wirklich keine Angst zu haben, zu Hause etwas zu verpassen. Ein Jahr war außerdem nicht die Ewigkeit. „Also genug von der Vergangenheit!“, rief sie sich zur Vernunft. Noch eineinhalb Stunden. Über ihre ungewisse Zukunft nachzugrübeln war genauso wenig beruhigend wie in der Vergangenheit zu schwelgen. Sie musste sich irgendwie ablenken. Also begann Lea in ihrem Rucksack zu kramen. Es war sicher nicht schlecht, vor der Landung noch mal einen Blick auf die Fotos zu werfen, die die amerikanische Gastfamilie ihr geschickt hatte. Umso leichter würde sie die Leute am Flughafen erkennen.
Als Erstes bekam sie jedoch ein dickes Manuskript zu fassen. Sie zog es ein Stück heraus und lächelte unwillkürlich. Lea liebte es zu schreiben. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich fantasievolle Geschichten einfallen lassen, und ihre Deutschlehrer waren alle regelrecht begeistert von ihr gewesen. Während ihres Abschlussjahres hatte sie zur Entspannung eine Geschichte geschrieben, die volle Buchlänge besaß. Obwohl sie sehr stolz darauf war, hatte sie nie gewagt, sie jemandem zu zeigen. Darüber hinaus hatte Tom sie stets wegen ihrer schriftstellerischen Ambitionen aufgezogen. Und sie ließ sich nun einmal sehr leicht entmutigen. Jedenfalls hatte sie ihr Buch im letzten Moment noch in den Rucksack gesteckt. Sie wollte in einigen ruhigen Stunden in Amerika weiter daran arbeiten beziehungsweise ein paar Verbesserungen vornehmen. Wer weiß, wie oft sie diese Ablenkung brauchen würde? Vorsichtig verstaute sie das Manuskript wieder und fand schließlich die gesuchten Familienfotos.
Die zwei kleinen Mädchen sahen entzückend aus, wie die reinsten Engel. Mit einem Schmunzeln fiel ihr Blick auf den Vater der beiden. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer besorgten Großmutter: „Verlieb dich bloß nicht in den Hausherrn, Kind! Das gibt nur Probleme!“ Sie musste innerlich lachen. Der Tierarzt sah ja wirklich sympathisch aus. Aber welch absurder Gedanke, sie könnte sich in einen Mann verlieben, der doppelt so alt war wie sie! Arme Großmama … Sie war überhaupt der Meinung, dass Lea, sollte sie das gefährliche Amerika überleben, immerhin mit einem unehelichen Kind und einem Schock fürs Leben heimkehren würde. Die Mutter der Kinder, ebenfalls Tierärztin, wirkte eher streng. Die würde sich ihren Mann ohnehin niemals ausspannen lassen, dachte Lea. Was die Familie wohl von ihren Fotos gehalten haben mochte?
Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als die Stewardess sie bereits zum zweiten Mal aufforderte, den Sicherheitsgurt anzulegen, da die Landung kurz bevorstand. Es wurde tatsächlich ernst. In weniger als einer halben Stunde würden ihre Füße das erste Mal amerikanischen Boden betreten.

Lea schob den Gepäckwagen mit ihren beiden Koffern vor sich her und versuchte, sich in dem großen Bostoner Flughafen zurechtzufinden. Da erblickte sie am anderen Ende der Halle einen Mann und eine Frau, die jeder ein kleines Mädchen mit braunen Locken auf dem Arm hielten. Das mussten sie sein. Die vier hatten sie noch nicht entdeckt. Einen Augenblick lang hielt sie inne, um allen Mut zu sammeln. Dann setzte sie sich langsam wieder in Bewegung und steuerte auf ihre neue Familie zu. Mit jedem Schritt, den sie auf dem fremden Kontinent tat, schien sie ihre Vergangenheit weiter hinter sich zu lassen. Ein seltsames Gefühl erfasste sie. Es war beinahe, als spüre sie, dass ihr in diesem Land eine längere Zeit als nur ein Jahr bevorstand. Sie schüttelte den Kopf, ihre Gedanken kamen ihr lächerlich vor. Sie hatte sich zwar immer für Amerika interessiert, aber sich weder vorgestellt noch gewünscht, auf ewig hier zu leben. Sie liebte ihre Heimat über alles. Sie würde dieses Jahr erfolgreich hinter sich bringen und dann wie geplant nach Hause zurückkehren.
Als sie nur noch wenige Meter von ihrem Ziel entfernt war, wandte ihr der Mann, David Milton, den Blick zu. Auf Leas Gesicht erschien ein schüchternes Lächeln. Die Augen Mr. Miltons zeigten Erkennen und er erwiderte ihr Lächeln, während er mit einem Ellbogen seine Frau Amy anstieß, um sie auf das Mädchen aufmerksam zu machen. Diese eilte sofort auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Das Kind auf ihrem Arm verbarg das Gesicht in ihren Haaren. „Du musst Lea sein, willkommen in Boston!“, sagte Amy sehr langsam und bedacht. „Falls wir zu schnell oder undeutlich sprechen, musst du uns das immer sofort sagen.“ Sie meinte es sehr nett, aber Lea musste sich ein Lachen mühsam verbeißen. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Und keine Sorge, ich werde nachfragen, wenn ich etwas nicht verstehe“, antwortete sie in fließendem Englisch. Nur ihr Akzent verriet, dass sie keine Amerikanerin war.

Monate später erschienen Lea die Momente des ersten Kennenlernens unwirklich. Alles war damals wie in einem Traum an ihr vorübergezogen. Sie war sehr gehemmt und zurückhaltend gewesen. Amy und David hatten ihr förmlich jedes Wort aus der Nase ziehen müssen.
Die ersten Wochen waren sehr hart für Lea. Alles war neu und fremd, nicht nur die Umgebung, sondern auch das Verhalten und die Mentalität der Leute. Die beiden Mädchen, die auf den Bildern wie Engel gewirkt hatten, entpuppten sich als wahre Teufel. So empfand sie es zumindest am Anfang. Nachdem sie in den ersten zwei Wochen einfach alles probiert hatte, um die beiden Nervensägen zufriedenzustellen, und sie am Rande des Wahnsinns war, entschied sie, über ihre Situation einfach nur noch zu lachen. Sie war bisher immer ein beliebter Babysitter gewesen. Aber es war eben etwas anderes, neun Stunden fünf Tage die Woche mit zwei kleinen Kindern allein zu sein.
Eines Nachmittags, als Lea wieder einmal am Ende ihrer Kräfte war, stand sie auf, marschierte zum Telefon und rief ihre Mutter an. „Hi, Mama“, sagte sie kurz, „hör dir das an!“ Dann hielt sie den Hörer weit von sich gestreckt in Richtung der Kinder. „Ich will meine Mommy! Mommy!“, kreischten sie wie aus einem Munde. Dabei überschlugen sich ihre Stimmen, als würden sie jeden Moment aufgespießt. „Mama, bist du noch dran?“, fragte Lea. „Glaub mir, ich hab sie weder gewürgt noch geschlagen noch bedroht. Ich habe lediglich versucht ihnen klarzumachen, dass sie vor dem Mittagessen nichts Süßes mehr haben dürfen. Daraufhin haben sie durchgedreht. So läuft das ständig, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Lange halte ich das nicht mehr durch. So verwöhnte Kröten hab ich noch nie erlebt.“ – „Doch, das hältst du durch, Lea. Du hast dir das so sehr gewünscht. Das weißt du selbst ganz genau“, beschwichtigte sie ihre Mutter.
Das Mädchen seufzte: „Aber, was soll ich tun?“ – „Zeig ihnen, dass sie nicht die einzig wichtigen Personen auf der Welt sind. Nach zwei Wochen müssten sie schön langsam begriffen haben, dass ihre Eltern sie nicht im Stich gelassen haben, sondern jeden Abend verlässlich wiederkommen. Sie wissen das mittlerweile und wollen nur testen, wie viel Macht sie über dich haben. Also zeig ihnen, wer der Herr ist, du bist schließlich die geistig Überlegene. Und erzähl ihnen von dir und davon, dass du deine Mutter auch vermisst. Du denkst vielleicht, dass sie zu klein sind, um das zu begreifen. Aber Kinder sind schlauer, als man meint. Nimm auf keinen Fall irgendetwas persönlich, was die Zwerge zu dir sagen. Humor, Verstand und Geistesgegenwart sind die stärksten Waffen. Von allem hast du reichlich.“ Lea lauschte den Worten ihrer Mutter, die wie Balsam auf ihrer Seele waren. Dann meinte sie: „Ich werde es versuchen. Schlimmer kann es nicht werden. Vielen Dank, Mama, und auf bald!“ Als sie aufgelegt hatte, holte sie tief Luft und wandte sich den Schreihälsen zu. „Na, dann wollen wir doch mal sehen!“, dachte sie. Diesmal blitzten ihre Augen angriffslustig.

Lea hatte zwar großes Heimweh, aber sie hatte nicht vor aufzugeben. Auch wenn sie sich in den ersten Wochen jeden Abend in den Schlaf weinte, war das nichts gegen die Schande, die ihr ihrer Meinung nach blühte, sollte sie ihr Auslandsjahr vorzeitig abbrechen. Dann wäre sie nicht nur eine Streberin, sondern auch eine Versagerin. An Toms Kommentare wollte sie erst gar nicht denken.
Nach und nach begriff das Mädchen, dass die zwei Kleinkinder sich auch erst an die neue und ungewohnte Situation gewöhnen mussten. Am ersten Tag hatten sie Lea sehr bereitwillig und aufgeregt als Spielkameradin aufgenommen. Als sie allerdings erkannten, dass diese Fremde, denn nichts anderes war sie, in Zukunft untertags ihre geliebte Mutter ersetzen sollte, bekamen sie es mit der Angst zu tun und wandten sich gegen Lea. Diese zwang sich immer wieder dazu, sich zu erinnern, dass die beiden erst zwei und drei Jahre alt und einfach verwirrt waren. Mit viel Geduld gelang es ihr, das Vertrauen und schließlich auch die Liebe der zwei zu gewinnen, bis sie sie voll akzeptierten, ein Vorbild in ihr sahen und sich ein Leben ohne die lustige, energievolle Lea nicht mehr vorstellen konnten.

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5 Sterne
Lea - Liebe und andere Sünden - 03.05.2010
Ilse E.

Toll geschrieben, einfach super zum Lesen, kann ich nur empfehlen!

5 Sterne
Lea - Liebe und andere Sünden - 08.02.2010
Andrea H.

Ein Buch für Romantiker, konnte es nicht mehr aus der Hand legen, nur zu empfehlen.

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