Erotik & Sinnlichkeit

Die erotischen Fantasien einer Frau

Marie-Luise Freidl

Die erotischen Fantasien einer Frau

Leseprobe:

Zum Inhalt

Die Protagonistin ist einerseits Realistin, andererseits ist sie aber auch eine Träumerin und lebt mit bunten Fantasien. Wie eine Traumtänzerin fliegt sie durch ihr Leben und ihrem Körper fällt es immer schwerer, mit ihrer Geschwindigkeit und ihrer Fantasiewelt Schritt zu halten. Dazu kommt noch, dass sie ausgerechnet jetzt ein Buch schreiben will. Immer mehr verstrickt sie sich in ihrer Traumwelt, bis sie völlig zusammenbricht und einen Neubeginn wagt.


Der Anfang

„Ich weiß jetzt ganz genau, was ich für ein Buch schreiben werde“, sagte sie freudestrahlend zu ihrem Mann. „Na, und was willst du schreiben?“, fragte er erwartungsvoll. „Du wirst staunen“, erwiderte sie. Als sie ihm über Titel und Inhalt des Buches erzählte, musste er lachen. „Ich muss dir aber sagen, dass der Markt voll ist mit solchen Büchern.“ „Das weiß ich doch, aber mein Buch wird anders sein!“ „Ja, mein Schatz dein Buch wird bestimmt ganz anders, denn du bist ja meine Märchenerzählerin, meine fantasievolle Träumerin und jetzt komm bitte ins Bett, es ist schon spät und ich muss morgen wieder früh raus!“ Sie begann sich auszuziehen. „Ich sehe dir noch immer gerne zu, wenn du dich ausziehst“, raunte er ihr zu. „Wirklich? Und es macht dir gar nichts aus, wenn ich auch nicht mehr die Jüngste bin?“ „Nein, mein Schatz, du wirst immer meine kleine Kuschelmaus bleiben!“ „Wie lieb von dir“, lächelte sie ihm zu und schlüpfte schnell unter seine Bettdecke. „Mir ist kalt“, sagte sie und schmiegte sich ganz eng an ihn. „Ist das nicht wundervoll, wenn wir uns gegenseitig wärmen, und wenn wir uns erst lieben … Und wenn wir uns geliebt haben, wie wunderschön ist es dann erst.“ Sie sprach mit geschlossenen Augen. „Für mich ist es so, als würde ich durch ein Land voller warmer, weicher Wolken gehen und ich bin immer ganz glücklich, wenn wir uns geliebt haben und genau darüber will ich in meinem Buch schreiben.“ „Und ich soll dir dabei helfen“, fragte er. „Ja, mein Liebster ich brauche für dieses Buch deine volle Manneskraft“, sagte sie lachend zu ihm. „Die kannst du haben!“ Und mit einem Schwung lag er auf ihr, sie vereinigten sich und begannen sich zu wiegen, so wie der Wind über ein Kornfeld streift. Zwei Menschen im Gleichklang, wie er nur wirklich Liebenden zu eigen ist. Als sie wieder nebeneinander lagen, strich er ihr über die geröteten Wangen und sagte: „Du bist immer so schön, deine Wangen sind so rot, am liebsten würde ich dich so malen lassen.“ „Findest du? Ich bin einfach nur glücklich und mein ganzer Körper ist erfüllt von Wärme.“ „Es ist schön so einzuschlafen und morgen reden wir über unser Buch. Gute Nacht, mein Liebster.“


Der Traum

Schweißgebadet wachte sie am nächsten Morgen auf. „An meine nächtlichen Schweißausbrüche habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt, aber das ich neuerdings auch noch Albträume habe, verschlimmert das Ganze doch erheblich. Ich muss sofort duschen gehen. Ich sage dir dann später guten Morgen.“ Schnell sprang sie aus ihrem Bett und verschwand im Bad. „Wovon hast du denn geträumt?“, wollte ihr Mann wissen. „Stell dir vor, ich habe heute im Traum eine Stimme gehört!“ „Was für eine Stimme?“, fragte er. „Irgendwie war mir die Stimme vertraut, aber dann auch wieder nicht“, sagte sie zu ihm. Ich erzähle dir beim Frühstück, was mir diese Stimme gesagt hat.“ „Ja, aber beeil dich ich muss zur Arbeit“, antwortete er. Sie hüpfte aus der Dusche, trocknete sich ab, kämmte ihre Haare und fasste sie mit einer Spange zusammen, schlüpfte in Slip und Jeansrock und zog ein ärmelloses T-Shirt an. „Guten Morgen, mein Liebster. Bitte entschuldige, ich muss ja schrecklich aussehen.“ „Aber warum denn?“, fragte er. „Mein Albtraum und mein Schweißausbruch – ich bin noch völlig fertig davon!“ „Du Ärmste, bitte erzähl schnell!“ Sie begann zu erzählen. „Also, ich schrieb bereits an meinem Buch, da hörte ich plötzlich eine Stimme und die Stimme fragte mich, was ich da mache. ‚Ich schreibe ein Buch‘, antwortete ich der Stimme. ‚Lass mal sehen‘, sagte die Stimme und verlangte von mir die beschriebenen Seiten. ‚Das ist ja lauter konfuses Zeug, was du da schreibst, alles Pralltöne, nur Hammerschläge, willst du die Leute damit umbringen? Glaubst du den LKW-Fahrer, die Krankenschwester, die Steuerberaterin interessiert das?!‘ Die Stimme war außer sich vor Zorn. ‚Schnell, vernichte diese Seiten, verbrenne sie, zerreiße sie‘, forderte die Stimme mich auf. Ich war so geschockt, dass ich nicht einmal antworten konnte. Die Stimme hatte dann aber doch Mitleid mit mir und sagte: ‚Schreibe noch einmal fünfhundert Seiten, vernichte sie wieder, nimm dann fünf Buchstaben, forme aus ihnen ein Wort und mit diesem Wort beginnst du dann von Neuem zu schreiben, verschaffe den Menschen ein wenig Wärme in ihrem tristen Dasein und siebe, siebe, siebe!‘“ „So schlimm war der Traum doch gar nicht“, meinte ihr Mann. „Ja, aber die Stimme war wirklich unerbittlich und sie war so zornig über mein ‚Geschreibsel‘, wie sie es nannte und ich bin mir jetzt völlig unsicher, ob ich überhaupt fähig bin ein Buch zu schreiben“, sagte sie entmutigt. „Natürlich kannst du schreiben“, antwortete ihr Mann. „Denk über diese Worte nach, wir sprechen dann heute Abend darüber.“ Er stand vom Tisch auf, stellte sich dann hinter sie und umfasste sie mit seinen Armen. „Oh, du hast ja gar keinen BH an!“ Schnell ließ er seine rechte Hand unter ihr T-Shirt gleiten, streichelte ihre Brüste. „Ist das schön“, sagte sie. „Ich muss jetzt gehen, auf Wiedersehen, mein Schatz!“ „Auf Wiedersehen, mein Liebster, bis heute Abend!“ Sie saß noch eine Weile am Tisch, immer noch etwas erregt von seiner Berührung, und musste ein wenig über sich selbst lächeln. Vor einer halben Stunde war sie schweißgebadet und völlig fertig von ihrem Albtraum aufgewacht, jetzt war sie erregt von der Berührung ihres Mannes, ein Wechselbad der Gefühle. „Ich bin wirklich verrückt“, dachte sie bei sich, „wie soll man da ein vernünftiges Buch schreiben? Vielleicht hatte die Stimme recht“, sinnierte sie weiter. Siebe, siebe, siebe, sagte die Stimme dann noch und sie soll fünfhundert Seiten schreiben und alles wegwerfen und mit einem Wort, welches fünf Buchstaben hat, von Neuem beginnen. Sieben heißt, etwas von etwas trennen. Nun denn, das zu ergründen war für sie nicht so schwer. Aber fünfhundert Seiten schreiben und alles wegwerfen, das war unmöglich. Sie würde dem nicht Folge leisten. Da wären dann noch die fünf Buchstaben, über die würde sie heute Abend nachdenken und ihr Mann würde ihr dabei helfen. Sie begann den Tisch abzuräumen, versorgte ihre Tiere und ging dann ihrer Arbeit nach.


Die Sonne

Am Nachmittag legte sie sich für eine Weile in die Sonne. Sie trug einen Bikini. Nach einiger Zeit zog sie ihr Bikinioberteil aus und cremte ihre Brüste mit Sonnenmilch ein. So lag sie einige Zeit. Ihr Körper war von der Sonne völlig durchwärmt, sie fühlte eine leichte Erregung und rekelte sich behaglich auf ihrer Liege. Wie ist es möglich, dachte sie bei sich, dass sie die Sonne so erregen konnte, und zwar fast so, als ob ihr Mann neben ihr liegen würde. Nach einiger Zeit kam ihr vor, als ob die Sonne mit ihr sprechen würde. „Du bist sehr schön“, sagte sie. „Ich scheine gerne auf deinen Körper, warum ziehst du dir nicht auch noch deine Bikinihose aus, ich schenke dir die Energie eines ganzen Waldes“, sprach sie weiter. Und sie zog auch noch ihre Bikinihose aus, cremte ihr Becken, ihren Venushügel ein und wurde dadurch noch erregter. „So ist es viel besser“, sagte die Sonne dann. „Du bist so hingebungsvoll und schön, komm jeden Tag zu mir und ich beschenke dich mit Licht, Wärme und Kraft!“ „Ja, ja, ich komme auch morgen zu dir und ich freue mich schon darauf!“
„Du siehst jetzt aber gut aus und so entspannt“, sagte ihr Mann zu ihr beim Abendessen. Sie trug einen kurzen weißen Jeansrock, ein eng anliegendes weißes T-Shirt und hatte einen zartrosa Schal um ihren Hals gewickelt. „Ja wirklich, findest du? Ich habe heute nach meiner Arbeit ein Sonnenbad genommen und stell dir vor, die Sonne hat mit mir gesprochen!“ „Aha und was hat die Sonne gesagt?“ „Sie sagte, dass ich sehr schön sei und sie beschenkt mich mit der Energie eines ganzen Waldes und sie sagte auch, dass ich meinen Bikini ausziehen sollte und das tat ich dann auch.“ „Und stell dir vor, ich war fast genauso erregt, als wäre ich mit dir zusammen, ich atmete schwer, ich genoss ihre warmen Strahlen auf meinen Brüsten, auf meinem Bauch, auf meinen Beinen … Die Wärme der Sonne ist wundervoll, und wenn ich ganz nackt bin, fühle ich noch alles viel besser, nach einiger Zeit war mein Körper so heiß, dass ich es nicht mehr aushielt und ins Haus ging. Ich duschte mich, zog mich an und fühle mich auch jetzt noch wohlig warm.“ „Komm her“, sagte er zu ihr und zog sie an ihrer Hand auf seinen Schoß. Er umarmte sie und sagte: „Du bist wirklich noch ganz warm, fast heiß, oh, wie ich dich liebe, noch mehr als die Sonne es tun kann!“ „Liebe“, rief sie plötzlich aus. „Was meinst du?“, fragte er. „Liebe, das ist das Wort, das die Stimme gemeint hat“, sagte sie hoch erfreut. „Bist du sicher?“, fragte er sie. „Liebe, dieses Wort hat doch fünf Buchstaben und damit soll ich zu schreiben beginnen!“ „Also, so falsch liege ich doch gar nicht mit dem Thema meines Buches, ich schreibe einfach über die Liebe und lasse alles andere weg. Siebe, siebe, siebe hat die Stimme gesagt! Ich schreibe ganz einfach über die Liebe zwischen Mann und Frau. Ganz genau, über die erotische Liebe, und ich werde alles sehr fantasievoll beschreiben, alles werde ich anders benennen, ich soll keine Pralltöne und keine Hammerschläge verwenden, also muss ich alles irgendwie umschreiben. Und du, mein Liebster, musst mir dabei helfen“, sagte sie ganz aufgeregt. Sie saß immer noch auf seinen Schoß. „Weißt du, ich bin einfach glücklich, ich habe dich und heute Nachmittag hat mir sogar die Sonne gesagt, dass sie mich liebt und sie hat mich mit Energie beschenkt und das war wunderschön.“ „Ja, ja, du mit deiner Fantasie, nun hast du mich mit deiner Energie schon angesteckt. Ich werde dich jetzt beglücken!“ Er nahm ihre Hand und legte sie in seinen Schritt. Sie fühlte seinen erregten Penis. „Wie schön“, sagte sie, ich habe schon solche Sehnsucht nach dir.“ Sie sprang von seinem Schoß und ging voran ins Schlafzimmer. „Ich werde deinen Penis anders benennen“, sagte sie beim Gehen. „Und wie willst du ihn nennen?“, wollte er wissen. „Vielleicht Zauberstab, oder Liebesstab oder Zirbelzipfel“, sagte sie. „Dann nenne ihn Liebesstab, das gefällt mir“, sagte er. „Wie kommst du auf Zirbelzipfel?“ „Ach, nur so, ist mir einfach so eingefallen, weißt du, das Zirbelholz ist ein sehr biegsames Holz, biegsam und fest und stark, so wie dein Penis eben, wenn er erregt ist! Aber jetzt genug mit der Theorie mein Liebster, schreiten wir zu Taten!“ Sie begann sich auszuziehen. Völlig nackt stand sie nun vor ihm. „Willst du rauf?“, fragte er sie. Wie sehr sie diese Aufforderung liebte, eine Aufforderung zum Spielen. Die beiden passten wunderbar zusammen, er war zärtlich und stark, sie war hingebungsvoll und gelenkig. „Komm“, sagte er zu ihr und schloss sie in seine Arme. Die beiden küssten sich leidenschaftlich. „Du bist so heiß, so heiß wie die Sonne“, flüsterte er ihr ins Ohr. Sie ließ sich ins Bett fallen und streckte ihre Hände nach ihm aus. „Komm zu mir, lieben wir uns so wie wir uns immer lieben, nur noch viel leidenschaftlicher und heißer als sonst! Tanzen wir über glattes Parkett, bloßfüßig, leichtfüßig, hebe mich über deinen Kopf und drehen wir uns im Kreis, mein Liebster!“ Und er ließ sich auf ihre Aufforderung ein, konnte nicht widerstehen, war ihr vollkommen verfallen. Sie verstand es ihn zu locken, sie verstand es mit ihm zu spielen.
Als sie erschöpft aber glücklich nebeneinander lagen, sagte sie zu ihm: „Morgen beginne ich mein Buch zu schreiben, irgendwann muss ich doch damit anfangen. Nachdem ich das Rätsel meines Traumes gelöst habe, fällt es mir schon etwas leichter, ich bin jetzt nicht mehr so unsicher wie heute Morgen.“ „Und die fünfhundert Seiten, welche die Stimme verlangt hatte und die du vernichten solltest?“, fragte er weiter. „Ich werde das einfach ignorieren und weiter gar nicht darüber nachdenken, Träume sind Schäume“, sagte sie lachend zu ihrem Mann. „Na, du musst ja selber wissen, was du tust“, antwortete ihr Mann darauf. „Danke, mein Liebster, ich bin so froh, dass du mir vertraust und du wirst mir wohl auch helfen, wenn ich nicht mehr weiter weiß, und bitte, du musst unbedingt mein Geschriebenes lesen und mich korrigieren!“ „Ja, mein Schatz, das werde ich tun, doch jetzt schlafen wir, morgen ist wieder ein harter Arbeitstag.“


Der Wind

Gut gelaunt wachten die beiden am nächsten Morgen auf. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte sie fröhlich, „heute habe ich gut geschlafen, kein Schweißausbruch, kein Albtraum!“ „Das freut mich und ich wünsche dir auch einen guten Morgen“, sagte er. Nachdem er sich verabschiedet hatte, saß sie noch eine Weile am Tisch und dachte an den gestrigen Nachmittag – ihr Sonnenbad. Auch heute scheint wieder die Sonne, sie sah aus dem Fenster. „Ob die Sonne auch heute mit mir spricht und mich mit ihren warmen Strahlen umfängt“? Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken und der Gedanke daran erregte sie schon. Mit Leichtigkeit erledigte sie ihre Arbeit und freute sich auf ihr Sonnenbad, danach würde sie ihre ersten Seiten zu schreiben beginnen. Diesmal legte sie sich gleich ganz nackt auf ihre Liege. Nacktheit und Erregtheit waren für sie eine Art Vollkommenheit. Die Wärme der Sonne, eine vertraute Umgebung und Stille. Während dieser Zeit begann sie die Stille zu lieben. Doch die Stille war nicht still, vielmehr hörte sie plötzlich Stimmen, die sie vorher nicht kannte. Diese Stimmen machten ihr keine Angst, nein, sie beflügelten sie in ihrem Dasein. „Mein Kind da bist du ja wieder, ich freue mich“, sagte die Sonne. Sie lächelte und breitete ihre Arme aus als wolle sie sie umarmen. Als die Frau eine Weile so dalag, begann ein leichter Wind zu wehen. Er spielte mit ihrem Haar und flüsterte ihr ins Ohr: „Du bist sehr schön, darf ich dich ein wenig streicheln“? „Ja, ja mein lieber Wind, eine kleine Abkühlung würde mir gut tun!“ „Weißt du“, sprach der Wind, „ich komme von weit her. Ich wehe über Berggipfel, über die Meere, reiße manchmal grob an den Baumwipfeln, bin oft sehr stürmisch und wild, doch wenn ich ein nacktes Weib sehe, werde ich schwach und ich möchte mich sogleich zu ihr legen und sie nur mehr ganz zart streicheln.“ „Dann streichle mich doch, lieber, zarter Wind, du streichst so ohne Widerstand über meine Haut, niemand kann das besser als du, bitte komm doch morgen wieder!“ Und er versprach es ihr. Sie zog sich an und schrieb noch am selben Nachmittag ihre ersten Seiten. „Du schreibst wirklich wunderbar, meine Liebe“, sagte ihr Mann am Abend zu ihr. „Wirklich, gefällt es dir?“ Sie errötete ein wenig. „Ich habe mich auch sehr angestrengt dabei, du musst nämlich wissen, dass es mir unglaublich schwer gefallen ist! Allein schon das Sitzen, nach einer Stunde tat mir mein Rücken so weh, dass ich aufstehen und an die frische Luft gehen musste! Schreiben ist, glaube ich, das Schwerste, das ich bisher gemacht habe, es wird ewig dauern, bis ich mein Buch fertig habe!“ „Aller Anfang ist schwer, meine Liebe, du wirst dich schon noch an das Sitzen gewöhnen, lass dir einfach Zeit damit, steigere dich nicht zu sehr hinein, ich habe Angst, dass du dich zu sehr verausgabst“, sagte er etwas besorgt. „Ich bin eben ein Bewegungstier. Mein ganzes bisheriges Leben bin ich nur gegangen, das wird mir erst jetzt so richtig bewusst, sitzen ist mir immer schwer gefallen!“ Und etwas nachdenklich sprach sie dann weiter: „Warum ausgerechnet ich auf die Idee komme, ein Buch zu schreiben!? Die ewig Rennende soll auf einmal still sitzen und Rückenschmerzen bekommen und ein Buch schreiben, ein erotisches, mit viel Fantasie, ich glaube, ich bin wirklich etwas verrückt, die Stimme hatte schon recht!“ „Siehst du, du zweifelst schon wieder an dir. Wenn du dir unsicher bist oder wenn dir etwas zu schwierig ist, beginnst du an dir zu zweifeln. Mach einmal etwas fertig, ich weiß, dass du das kannst!“ „Vielleicht ist es der falsche Zeitpunkt“, sinnierte sie weiter. „Andererseits fühle ich mich gerade jetzt so gut, so glücklich, so sicher. Du, unsere Kinder, unsere allerliebsten Enkelkinder, meine Arbeit – alles ist so gut jetzt. Ich habe Energie, Inspiration, Fantasie!“ „Doch wenn ich daran denke, wie lange ich an so einem Buch sitzen muss, dann vergeht mir die ganze Freude, die ersten zwei Seiten haben mich schon völlig geschafft!“ „Du musst eben einen Weg finden, wie du alles auf die Reihe kriegst“, versuchte er seine Frau zu beruhigen. „Du hast Talent, du schreibst so zartfühlend, wie du eben bist, das gefällt mir“, redete er weiter. „Und dazwischen musst du dich halt ein wenig hinlegen, um deinen Rücken zu schonen.“ „Ja, natürlich, das ist es“, rief sie erfreut aus. „Ich brauche doch zwischendurch Inspirationen für mein Buch, natürlich musst du dann Zeit für mich haben und dich zu mir legen, mein Liebster, und dann reisen wir wieder ins Land der erotischen Fantasien!“


Der Einfall

Am nächsten Tag legte sie sich wieder in die Sonne. Sie trank zuerst an einem kleinen, runden Tisch ihren Kaffee und blätterte in einer bunten Zeitschrift. Da sah sie auf einer Seite einen Mann. Er machte Werbung für eine Armbanduhr. Sein Oberkörper war nackt, auf seinem linken Handgelenk trug er eine Uhr und seine Hand lag auf seiner rechten Schulter. Sein Kopf war nur vom Kinn abwärts zu sehen und er trug eine Jeanshose. Mit einem Lächeln schob sie die Zeitung beiseite, und stellte auf die aufgeblätterte Seite ihre Kaffeetasse. Dann zog sie ihr T-Shirt aus, ihre Hotpants behielt sie an. Sie legte sich auf ihre Liege, öffnete den Reißverschluss ihrer Hose und ließ die Sonne auf ihren Körper scheinen. Nach einer Weile kam der Wind dazu und strich ihr sanft über ihre Brüste, sie lächelte und war angenehm erregt. Sie schloss ihre Augen und holte nun in ihrer Fantasie den halb nackten Mann aus der Zeitung. Er stand nun vor ihr, sie sah nur seinen Oberkörper, sein Gesicht war für sie nicht vorhanden. Er nahm sie bei der Hand, zog sie von der Liege, er zog ihre Hotpants aus und zog dann auch seine Jeans aus. Sie legten sich ins Gras und liebten sich wie verrückt. Es war für sie, als wollte sie nur Leidenschaft spüren, die Leidenschaft eines anderen Mannes, so als ob man Leidenschaft messen könnte. Nur sein Gesicht wollte sie nicht sehen, sie wollte ihn nicht erkennen. Als das Spiel vorbei war, verschwand er wieder in der Zeitschrift, so als ob nichts gewesen wäre, legte seine linke Hand auf seine rechte Schulter und machte weiterhin Werbung für eine Armbanduhr. Sie schrieb ihr Erlebnis sogleich auf und zeigte das Geschriebene am Abend ihrem Mann.
„Lies das, mein Schatz, und sage mir, was du davon hältst“, sagte sie erwartungsvoll zu ihm. Sie ging aus dem Büro in die Küche, um dort aufzuräumen. Ihr Mann setzte sich zum Schreibtisch und las die Geschichte von ihrem Fantasieliebhaber, der sie am Nachmittag auf der Wiese beglückte. Wie ein Steinschlag, wie ein Blitz, wie ein Fall aus großer Höhe, trafen ihn ihre Worte. Eine Geschichte nur, in ihrer Fantasie, doch sie war furchtbar für ihn. Er ging zu ihr in die Küche. „Wir müssen reden“, sagte er in ernstem Tonfall. „Hat dir die Geschichte nicht gefallen?“, fragte sie ihn besorgt. „Ich dachte, ich wäre die Hauptperson in deinem Buch und jetzt hast du schon nach ein paar Seiten einen Liebhaber!“ „Aber ich bitte dich, das findet doch nur in meiner Fantasie statt, eine Seite nur mit einem männlichen Körper, nicht einmal sein Kopf war zu sehen!“ „Das ist ja noch schlimmer, du lässt dich von einem Mann ohne Kopf beglücken, einem Mann, den du nicht einmal erkennst?“ Sie war irritiert, verwundert, fassungslos, fast sprachlos. War sie zu weit gegangen? In ihrer Naivität dachte sie nämlich, dass diese Zeitschrift eine Quelle der Inspiration für ihr Buch sei. Einfach eine Seite aufschlagen, sehen, was drauf ist und darüber schreiben. Dass ihr Mann auf diese Geschichte so reagierte, wäre ihr niemals in den Sinn gekommen. Ihr König war getroffen, er war gekränkt und gedemütigt. Blitzschnell musste sie nun reagieren, ihn wieder besänftigen und versöhnen. Denn wenn sie eines nicht mochte, dann waren es diese Misstöne, sie wollte nur Harmonien, Wohlklänge in ihrem Leben.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 116
ISBN: 978-3-903067-60-8
Erscheinungsdatum: 24.02.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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