Blind Date – Eine Erregung

Blind Date – Eine Erregung

Linda Treiber


EUR 21,90

Format:
Seitenanzahl: 104
ISBN: 978-3-99130-045-8
Erscheinungsdatum: 07.10.2021
Die beziehungsunwillige Ich-Erzählerin lässt sich zur Teilnahme an einem Freudenfest überreden, um einen geeigneten Partner kennenzulernen. Doch der taucht den ganzen Abend nicht auf und die Wahrheit über seinen Verbleib bereitet dem Fest ein abruptes Ende…
„Wir können uns einreden,
dass wir mit einem Buch nicht allein sind,
wie wir uns einreden können,
dass wir mit einem Menschen nicht allein sind.“
Thomas Bernhard „Verstörung“



Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, weshalb ich Ella mein Kommen zu ihrem Freudenfest garantiert habe, ich verabscheue nämlich derartige Feste wie nichts anderes, und trotzdem habe ich mich dazu hinreißen lassen, mein Erscheinen zu garantieren, da Ella mir Hermann vorstellen wollte, angeblich der ideale Partner für mich, wie sie sagte, es muss wohl ein Akt vollkommener Verzweiflung gewesen sein, da ich doch derartige Feste immer schon konsequent und erfolgreich gemieden hatte, anders kann ich mir das sonst nicht erklären. Wie war es Ella also möglich, mich so weit zu bringen, ihr meine Teilnahme an diesem Fest zu garantieren, dachte ich, also nicht etwa nur mein Kommen zuzusagen, sondern tatsächlich zu garantieren, genauso habe ich es ihr gesagt, ich garantiere dir zu kommen, das waren meine Worte, es ist mir bis heute unverständlich, wie ich mich so leichtsinnig auf ein derartiges Abenteuer hatte einlassen können. Jedenfalls hatte ich Ella schon seit Längerem nicht mehr gesehen, als wir uns eines Nachmittages in der Kärntnerstraße über den Weg gelaufen sind und sie mich schon aus weiter Entfernung auch gleich erkannt hatte, obwohl ich immer versuche, bei derartigen Ausflügen, unerkannt zu bleiben, und daher meist mit Hut und Sonnenbrille unterwegs bin, aber im Falle von Ella ist mir dieses Erkanntwerden noch nie unangenehm gewesen, da jedes Treffen mit ihr immer ein sehr freudiges ist, und ich gerade an diesem besagten Nachmittag, an welchem ich eigentlich nur einen kurzen Spaziergang unternehmen wollte, um meinen Kopf frei zu bekommen von einer komplizierten Vertragsarbeit, an der ich schon seit Stunden gesessen hatte, dann doch sehr froh war, als ich Ella auf mich zukommen sah und wir kurzerhand beschlossen, uns im Café Sacher einen Cappuccino und ein Stück Original Sache Torte zu gönnen, so wie wir das meistens machen, wenn wir uns in der City zufällig begegnen. Diese Ablenkung täte mir ganz gut, dachte ich, mein Vertrag läuft mir nicht davon und stehlen wird ihn wohl auch keiner, ich war sogar irgendwie erleichtert, als wir uns trafen, hatte ich doch jetzt eine gute Ausrede, diese leidige Vertragsbastelei, wie ich es immer nenne, nun doch länger unterbrechen zu können als geplant. Wahrscheinlich hatte ich im Unterbewusstsein sogar gehofft, sie
unterwegs zu treffen, war es ja auch nicht weiter verwunderlich, ihr in der Kärntnerstraße über den Weg zu laufen, da sie seit fast schon zwanzig Jahren eine Boutique in der Wollzeile betreibt, und es daher auch schon früher des Öfteren vorgekommen ist, es musste einfach sein, dachte ich, denn gerade an diesem Tag war sie damit beschäftigt, ihr sogenanntes Freudenfest, welches sie und ihr Mann alljährlich in ihrem Wochenendhaus in Klosterneuburg veranstalten, vorzubereiten, und da kam ich ihr gerade recht, wie sie sagte, denn sie hätte auch Hermann, einen Nachbarn eingeladen, ein eingefleischter Junggeselle, der aufgrund einer Herzattacke und einem damit verbundenen, längeren Krankenhausaufenthalt nun frühzeitig pensioniert werden musste, da er seinen Job als Chirurg nicht mehr ausüben könne, so Ella weiter, sie hätte dabei sofort an mich denken müssen und wollte mich ohnehin dieser Tage noch anrufen, um auch mich zu diesem besonderen Fest, wie sie sagte, einzuladen, um Hermann und mich miteinander bekannt zu machen. Er wäre der ideale Mann für mich, nur eine Persönlichkeit wie er könnte mit jemanden, der so kompliziert sei, wie ich es bin, auskommen, und ich müsste ihn daher unbedingt auf ihrem Freudenfest kennenlernen, das waren ihre Worte. Er wäre ein ausgezeichneter Chirurg am Privatklinikum Döbling gewesen, lebte nur für seine Arbeit und hatte daher auch nie Zeit für eine intensivere Beziehung oder gar für ein Familienleben. Er sei mir, was das beträfe, ziemlich ähnlich, hätte auch ich immer meiner beruflichen Laufbahn Vorrang gegeben und nie wirklich gelebt, sagte sie, wobei ich bis heute nicht verstanden habe, was sie damit meinte, denn, dass ich nicht gelebt hätte, kann ich nun wirklich nicht behaupten, und tatsächlich trifft eher das Gegenteil zu, ich habe zu intensiv gelebt, sodass einfach keine Zeit für Familie gewesen wäre, jedenfalls ist dies meine gängige Argumentation, wenn ich auf dieses Thema angesprochen werde. Die Wahrheit aber ist, dass ich seit jeher beziehungsunfähig bin, was ich Ella aber in dieser Deutlichkeit nie gesagt habe, und sie daher auch immer davon ausging, ich hätte einfach immer Pech gehabt, bei der Wahl meiner Partner, was aber auch niemals der Fall gewesen ist, denn alle meine Partner waren durchaus passabel, was mich naturgemäß zu dem Schluss führen muss, dass jegliches Scheitern, meine Beziehungen betreffend, ursächlich an meiner Beziehungsunfähigkeit liegen musste, ich denke, dass ich schon seit meiner frühen Kindheit Probleme mit der Aufrechterhaltung von längerfristigen Beziehungen und Freundschaften jeglicher Art hatte, welche sich mit dem Alter sicher nicht gebessert haben konnten, ja, ich denke sogar, dass zu meiner besagten Beziehungsunfähigkeit eine Beziehungsunwilligkeit dazugekommen sein musste, lebe ich nun schon seit einigen Jahren alleine, und war noch nie so glücklich wie in diesem Moment. Also gerade jetzt, wo ich meine Unabhängigkeit und Freiheit uneingeschränkt genießen kann, dachte ich, soll ich all das aufgeben, für jemanden wie Hermann, den ich nicht kenne und auch eigentlich gar nicht kennenlernen will, also alles, was ich mir in den letzten Jahren an Freiheiten so hart erkämpft hatte, sollte ich jetzt wieder aufgeben und zunichtemachen, nur weil Ella der Meinung war, den idealen Mann für mich gefunden zu haben. Gerade Ella, wo doch sie es war, die mich damals, während wir noch zur Schule gingen und ich den verrückten Plan hatte, einen unserer Schulkameraden überstürzt heiraten zu wollen, erfolgreich davon abgehalten hatte, diesen wohl größten Fehler meines Lebens zu begehen, wofür ich ihr bis heute ausgesprochen dankbar bin und ihr das auch immer wieder sage, sie war sozusagen die Rettung in letzter Minute für mich, das weiß sie auch, und dennoch will sie mich jetzt in ein derartiges Abenteuer stürzen, für das ich einfach nicht bereit bin, und ich denke auch in Zukunft nicht mehr bereit sehr werde. Ich habe in meinem Leben mehr als genug Beziehungen erlebt und jede davon hat, früher oder später in einer Katastrophe geendet, ich bin also nach all meinen zahllosen Beziehungskatastrophen, die meine Beziehungsunfähigkeit mehr als deutlich belegen, nun auch nicht mehr bereit, mich in derartige Beziehungsverhältnisse einzulassen, dachte ich, wie sollte es mir denn auch plötzlich möglich sein, zu glauben, dass es den idealen Partner für mich geben könnte, dass ich meine Beziehungsunfähigkeit über Nacht verloren hätte, und bereit sein würde, alles für den möglicherweise idealen Partner stehen und liegen zu lassen, also über Nacht meine Beziehungsunfähigkeit überwunden zu haben, wo ich sie eigentlich gar nicht überwinden will. Ich will keine langfristigen Beziehungen mehr eingehen, jetzt nicht mehr, dachte ich, mir reicht die Beziehung zu mir selbst, wo ich diese sogenannte Selbstbeziehung ja schon jahrelang so erfolgreich praktiziere, jetzt plötzlich aufgeben und alles zunichtemachen, für eine Fremdbeziehung, die ohnedies nur scheitern kann, dachte ich weiter, noch jemand neben mir, der mich ständig kritisiert und analysiert, dazu bin ich nicht bereit, die Selbstanalyse ja, darin habe ich jahrzehntelange Erfahrung und bin auch erfolgreich darin, eine Fremdanalyse nein, das halten meine Nerven nicht mehr aus, ich bin schließlich keine Zwanzig mehr und will mir das auch nicht mehr zumuten, dachte ich, während Ella immer weiter über ihr geplantes Freudenfest berichtete und ich mich eigentlich nicht mehr, auf das, was sie sagte, konzentrieren konnte. Wie kann Ella wohl besser wissen als ich selbst, wer der ideale Partner für mich sein sollte, musste ich immer wieder denken, ich weiß ja wohl selbst am besten, wer ich bin, oder wer zu mir passen würde, besser als jeder andere, gerade weil ich so viel Zeit mit Selbstanalyse verbracht habe und immer noch verbringe, dachte ich, und gerade weil ich mich nicht andauernd mit Beziehungsproblemen und den damit verbundenen Beziehungsanalysen beschäftigen musste, gibt es vermutlich niemanden auf dieser Welt, der in der Praxis von Selbstanalyse und Selbstreflexion so geübt wäre wie ich. Wieso also sollte ich mich von einem Fremden analysieren und kritisieren lassen, wo es doch niemanden gibt und jemals geben wird, der mich besser kennen könnte, als ich mich selbst, das wäre ja absurd, dachte ich fortwährend, es wäre also am besten, Ella gleich eine Absage zu erteilen, und ihr ein für alle Mal klarzumachen, dass ich nicht zu ihrem Freudenfest erscheinen würde. Während ich hin und her überlegte und Ella mir quasi ohne Pause über dieses sogenannte erste Kennenlerntreffen mit Hermann vorschwärmte, und dabei wiederholt äußerte, dass sie ja schon immer davon überzeugt gewesen wäre, dass ich mir, solange sie sich zurück erinnern könne, die falschen Typen aussuchen würde, wie sie wörtlich sagte, und sie mich jetzt endlich erretten müsste, da es in meinem Alter nicht mehr so viele Gelegenheiten gäbe, einen passenden Partner zu finden, und sie, Ella, jetzt nicht länger untätig bleiben könne, das sei sie mir schuldig, betonte sie, damit ich nicht eine dieser alleinstehenden, frustrierten Frauen, wie sie sagte, werden würde. Und dieser Hermann, ihr Nachbar, wäre also nach Ansicht von Ella der ideale Partner für mich, ich müsste ihn daher unbedingt kennenlernen und am besten gleich bei ihrem Freudenfest, denn auch Hermann ginge schon auf die Sechzig zu, und auch er wäre kein so kontaktfreudiges Wesen und auf ihre Hilfe angewiesen, es wäre gewissermaßen für uns beide die letzte Chance auf eine gelungene, gemeinsame Zukunft, davon sei sie felsenfest überzeugt, wiederholte sie mehrmals. Jedenfalls sah ich in diesem Moment keine andere Möglichkeit, als diese Einladung anzunehmen, ihr also mein Kommen zu garantieren, da ich wusste, dass sie mich nicht eher davonkommen lassen würde, ehe sie mich nicht in der Falle hatte, so gut kannte ich sie, um das zu wissen, und so hatte ich wohl, ohne viel zu überlegen, mein Kommen zugesagt, und wohl auch gleich garantiert. Sie war mit meiner Garantie zu kommen jetzt sichtlich zufrieden, das merkte ich sofort, und hat mir sogleich von ihrer neuen Herbstkollektion berichtet, sie wolle jetzt, zusätzlich zu den Kleidern, eine eigene Taschenkollektion ins Programm aufnehmen, sie wäre jetzt selbst als Designerin tätig, habe auch schon eine geeignete Näherei gefunden, die ihre Taschen produzieren könnte, sie habe aber erst ein paar Modelle entworfen, eines könne ich gleich an ihr bewundern, sagte sie und zeigte mir stolz ihre erste, selbstdesignte und auch von ihr höchst persönlich und von Hand genähte Tasche, die mich tatsächlich ins Staunen versetzen sollte, was ich ihr auch gleich sagte, ich musste ihr meine Bewunderung sofort kundtun, denn was ich sah, war tatsächlich meisterhaft, es zeugte von großem Talent und modischem Verständnis, das wäre mir niemals möglich, dachte ich, dazu fehlte mir jeglicher Sinn, mir wäre auch niemals aufgefallen, dass diese Tasche nicht von einem der großen Designer stammen könnte, sagte ich ihr mehrmals, auch noch einmal, nachdem wir bereits aus dem Sacher waren und uns auf dem Rückweg zu unseren jeweiligen Arbeitsorten, also sie in ihre Boutique, und ich in mein Büro, wo meine Verträge auf mich warten sollten, gemacht hatten, und ich ihre Tasche noch ein letztes Mal voller Bewunderung betrachten musste und ich dabei, also bei all der Bewunderung dieser Tasche, ganz auf meine kurz zuvor gemachte Zusage, bei Ellas Freudenfest in Klosterneuburg garantiert zu erscheinen, vergessen hatte. Erst als ich in der U-Bahn saß und ins Nachdenken kam, fing ich an, meinen Fehler zu realisieren, also mein Kommen zu Ellas Freudenfest und meine abgegebene Garantie dort auch zu erscheinen, also garantiert zu erscheinen, und begann mich zu ärgern, nicht etwa über Ella, nein, ich ärgerte mich über mich selbst und darüber, wie ich nur wieder so dumm sein konnte, mich so offensichtlich von ihr ausmanövrieren zu lassen, dabei kenne ich sie doch schon so lange, um zu wissen, dass sie bei derartigen Manövern mit höchster Raffinesse vorgeht, dachte ich, wie also konnte mir das jetzt schon wieder passieren, sie hatte wieder einmal alles perfekt und in ihrem Sinne geplant, ihre Tasche geschickt eingesetzt, um mich auszutricksen und abzulenken, darin war sie ebenso meisterhaft wie im taschendesignen, dachte ich jetzt, ich war entsetzt über so viel Dummheit, wieder einmal auf einen ihrer Tricks hereingefallen zu sein, einfach so, ohne viel nachzudenken einem derartigen Treffen, mit einem mir völlig Unbekannten zuzustimmen, obendrein auch noch auf einem ihrer sogenannten Freudenfeste, die ich in den letzten Jahren schon immer erfolgreich gemieden hatte, und noch dazu mit einem Mann, der ja schon ein Pflegefall zu sein schien, musste er doch seinen Job als Chirurg vorzeitig beenden. Da saß ich nun in der U-Bahn und ärgerte mich immer mehr über mich selbst, und dachte über eine Lösung dieses Problems nach, denn ich war fest entschlossen, dieses Freudenfest nicht zu besuchen, ich wollte diesem Treffen, mit dem für mich so idealen Partner, jedenfalls entgehen und hatte mir überlegt, einfach nicht zu diesem Fest hinzugehen, ich könnte einfach so tun, als hätte ich es vergessen, möglicherweise falsch in meinem Kalender notiert und ich würde mich danach dann einfach dumm stellen, wie ich das ja schon so oft erfolgreich praktiziert hatte. Auf diese Weise würde auch Hermann gleich erkennen, dass auch ich nicht die ideale Partnerin für ihn sein würde, denn wie ich Ella kenne, hat sie auch mich ihm gegenüber schon als die ideale Partnerin angepriesen, und mit meinem Nichterscheinen wäre ihm wohl sofort klar, dass ein Kennenlernen mit ihm keinen Vorrang für mich hätte, und so bliebe dem armen Kerl die Begegnung mit mir auch gleich erspart. Denn sollte dieser Hermann tatsächlich ein anständiger und beziehungswilliger Mann sein, dachte ich, so wäre es wohl jedenfalls für ihn besser, mich erst gar nicht kennenzulernen, denn wie schon gesagt, haben alle meine bisherigen Beziehungen in Katastrophen geendet und ihm eine solche zu ersparen, wäre garantiert nur in seinem Sinne gewesen.
5 Sterne
Eine Ich-Erzählerin-Geschichte der anderen Art  - 26.01.2022
Estefania RdK

Es wurden schon zahlreiche Bücher über Liebesbeziehungen veröffentlicht. Jedoch hat mich dieser kurzweilige Roman voller Wiederholungen und ohne Lesepausen (außer Beistriche) besonders fasziniert. Ein Lesevermögen, Reflexionsarbeit inklusive.

5 Sterne
Eine Annäherung an Thomas Bernhard? - 06.11.2021
Herbert F.

Ich kenne Linda Treiber schon sehr lange persönlich und war überrascht, als ich erfuhr, dass sie jetzt als Autorin tätig ist. Der Titel ihres Debütromans Blind Date Eine Erregung hat mich gleich fasziniert und förmlich dazu eingeladen, ihn sofort lesen zu wollen. Auch ich bin ein bekennender Bernhard Fan, und der Anspruch der Autorin, sich mit ihm messen zu wollen, war daher ein zusätzlicher Anreiz, mich von ihren schriftstellerischen Fähigkeiten überzeugen zu wollen. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht, dass ihr das gelingen könnte, aber mit jeder Seite die ich gelesen habe, hat sie mich eines Besseren belehrt. Es ist ihr tatsächlich gelungen, ein an sich schon spannendes Thema rund um ein Blind Date, auch wortgewaltig, mit dem Bernhardschen tiefgründigen Humor, ellenlangen Sätzen, permanenten Wortwiederholungen und Worterfindungen über die gesamte Länge durchzuhalten. Ich fand es sehr mutig von ihr, wie sie förmlich einen Krieg gegen das Beziehungsdasein angezettelt hat und Wahrheiten, die eigentlich niemand hören will, zum bestimmenden Thema des Romans gemacht hat. Ich habe ihre Art zu schreiben so sehr genossen, dass ich mich geradezu in ihrer Erregung mitreißen habe lassen und war nur enttäuscht davon, dass die Geschichte nach nur 100 Seiten schon zu Ende war. Thomas Bernhard hätte seine reine Freude gehabt und ich denke, er würde ihr 5 Sterne dafür geben! Und genau das tue ich auch. Gut gemacht Linda!

5 Sterne
Wie gut ist deine Beziehung!?  - 01.11.2021
Sabine

Die Novelle BLIND DATE - Eine Erregung von LINDA TREIBER ist eine vergnügliche, kurzweilige Geschichte. Die Ich-Erzählerin wartet auf der Party ihrer Freundin Ella auf Hermann, mit dem sie verkuppelt werden soll. Der lässt aber auf sich warten. Während dieser Wartezeit erinnert sich die Single Frau aus Überzeugung an geheimnisvoll erotische Geschichten. An manchen Stellen jedoch - besonders wenn Linda Treiber schonungslos das Zusammenleben innerhalb der Ehe, im besonderen das "Sich-etwas-vormachen" schreibt, kommt man ins Grübeln und bewertet die eigene Beziehung und /oder die der Freunde etwas kritischer.Das Ende der Geschichte ist kein Happyend, soviel verrate ich! Wer mehr wissen will, erhält von mir eine Kaufempfehlung!

5 Sterne
Eine Bestätigung der Einsamkeit - 29.10.2021
Mathias Dubilier

Meine liebster Liebhaber der Einsamkeit war Rilke. Er hatte eine heilige Beziehung zur Einsamkeit. Obwohl er die Einsamkeit verehrte, war er einer Beziehung nicht abgeneigt, solange sie ihm Raum für seine eigene Einsamkeit ließ, in der er Inspiration fand. Der namenlose Erzähler von "Blind Date - Eine Erregung" ist in dieser Hinsicht ähnlich. In der Debütnovelle von Linda Treiber, die diesen Monat vom Novum Verlag veröffentlicht ist, ist die Erzählerin eine Alleinlebende, die von ihrer besten Freundin zu einer Party eingeladen wird um dort einen Mann kennenzulernen der ähnlich ist, und so besteht das Versprechen, dass sich zwei Allein-seiende treffen und beschließen, sich in eine Umlaufbahn umeinander eine Beziehung zu haben.Die Entscheidung, ob die Erzählerin eine solche Erwartungbelastete Einladung überhaupt annehmen soll, setzt die Gedanken der Erzählerin in Gang, die zur Struktur des gesamten Buches werden. Zunächst fragt sie sich, warum sie eine solche Einladung überhaupt annehmen sollte, da sie keine Lust auf Beziehungungen hat, aber dann fragt sie sich, ob es unhöflich wäre, die Einladung abzulehnen. Schließlich geht sie zu der Party, und in eine Anlehnung an Warten auf Godot wartet die Erzählerin immer wieder auf das längst überfällige geheimnisvolle Blind Date. Sie verbringt die Zeit zurückgezogen auf einer Liegestuhl und schwelgt in Erinnerungen an ihre vergangenen Beziehungen, die nie gehalten haben. Sie fragt sich, ob sie unfähig ist, eine Beziehung zu führen, oder ob sie sie einfach nicht will. Schließlich, so sinniert sie, beruhen die meisten Beziehungen auf einer Fantasie der Kompatibilität, sind aber in Wirklichkeit Konstrukte aus Kompromissen. Die Geschichte wird zu einer Polemik gegen die Ehe. Sie erinnert mich an Laura Kipnis' Buch "Gegen die Liebe", in dem Kipnis Ehen als "häusliche Gulags" bezeichnet, in denen es eine scheinbar endlose Liste von Dingen gibt, die verboten sind. Linda Treiber lässt ihre Erzählerin die Dinge sagen, die wir alle in Bezug auf Ehen empfinden, die aber zu tabu sind, um sie in gepflegter Gesellschaft zu äußern.Als jemand, der drei Jahre lang in erholsamer Einsamkeit lebte und jetzt in einer Beziehung lebt, in der wir die Hälfte unserer Zeit zusammen und die andere Hälfte getrennt verbringen, habe ich die Erzählerin angefeuert in ihre Erregung.Obwohl es sich um eine Polemik handelt, enthält die Geschichte auch Humor und viele Selbstzweifel der Erzählerin. An einer Stelle ertappt sie sich sogar dabei, dass sie genau das eheliche Verbrechen der Untreue begeht, das sie kurz zuvor noch beklagt hat. Der Schreibstil ist eine Hommage an Thomas Bernhards Buch Holzfällen. Obwohl ich nur die ersten Seiten von Bernhards Buch kenne, hat es Spaß gemacht zu lesen, wie eine bekennende Schülerin des Autors seinen Stil erfolgreich für ihre eigene Geschichte einsetzt. Ich mochte Ihre Fähigkeit, einen Satz zu konstruieren, der immer wieder vor meinen Augen vorbeizog, Satzteil um Satzteil, Bild um Bildteil, wie Zugwaggons, die durch Kommata verbunden sind. Manchmal lächelte ich und fragte mich, wie lange Sie den Schwung aufrechterhalten könnte bevor der Satz am Bahnhof eines Punktes ankommt, aber bald war ich von der Geschichte so eingezogen, dass ich nicht mehr der Zuschauer vom Zug war sondern Mitfahrer der von einem Gedanke, zur nächsten Erinnerung, zur aktuellen Handlung mitgerissen wurde.Die Geschichte ist das, was ich mit 100 Seiten, als Novelle bezeichnen würde, und die Spannung ob das Blind Date auftauchen wird, wird bis zu den letzten zehn Seiten aufrechterhalten. Das ende handelt sich um einen Vergleich der Einstellungen zur Einsamkeit zwischen der Erzählerin und der Mann den ihre Freundin für sie ausgesucht hat.

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