Belletristik

Endlos verbunden

Gabriela Meyer

Endlos verbunden

Leseprobe:

6. KAPITEL
Der siebte Himmel kann auch zugleich die Hölle sein

Was um Himmels willen hat Sam denn für heute bloß geplant? Es ist nichts Neues für mich, dass er mit mir irgendwohin fährt und ich keine Ahnung habe, wo wir schlussendlich landen werden. Oft vermute ich jedoch während der Fahrt schon etwas oder habe es aus ihm rausgekitzelt, bis wir da sind. Heute geht’s scheinbar zum Flughafen, aber mehr ist beim besten und geschicktesten Willen nicht aus ihm rauszukriegen. Will der Draufgänger in ihm Sex über den Wolken, oder wie? Jedenfalls ist er äußerst gut gelaunt und sprüht vor Vorfreude, was mich noch neugieriger werden lässt. Wir albern rum und ich versuche mit diversen Mitteln, mehr herauszufinden, aber er bleibt weiter hartnäckig geheimnisvoll und verrät mir kein Wort mehr darüber.

„EIN TANDEM-FALLSCHIRMSPRUNG? Du erwartest tatsächlich, dass ich mit dir zusammen in 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug springe?“ Ich bin mäßig begeistert, eher schockiert und eindeutig in einem Dilemma! Sam weiß doch, dass ich auf solche Adrenalinkicks nicht sonderlich stehe … Mein Gott, was hat er sich denn dabei gedacht. Mir wird schon leicht übel, wenn ich bloß daran denke. „Ach komm, Süße, sei kein Feigling! Ich bin überzeugt, dass es dir gefallen wird. Das macht Spaß, du wirst sehen!“, lockt er in bittendem Tonfall und seinem verführerischen Lächeln, dem ich schon immer schwer widerstehen konnte.

Ich schwanke … zugegeben, das Gefühl, frei in der Luft zu segeln wie ein Vogel, hat sehr wohl seinen Reiz auf mich. Aber der Gedanke, freiwillig aus einem Flugzeug ins Nichts zu springen, bewirkt akutes Herzrasen und Panik! Zudem kenne ich den inneren Angsthasen in mir. „Ich weiß nicht Sam, ehrlich gesagt ist mir nicht ganz wohl dabei. Vielleicht bin ich einfach die Falsche für solche Späße?“, wende ich in absichtlich eher jammerndem Tonfall ein. Aber sowohl das Gesagte wie auch mein flehender, um Erlösung bittender Blick werden von ihm einfach ignoriert. Stattdessen greift er ins Innenfutter seiner leichten, schwarzen Lederjacke und holt einen kleinen Flachmann hervor. „Dachte mir schon, dass ich dich eventuell noch auflockern muss“, schmunzelt er, während er den Verschluss aufschraubt. Er hält mir den Flachmann hin und sagt: „Hier, nimm einen kräftigen Schluck und dann gib dir einen Ruck, du Weichei. Du wirst es ganz sicher nicht bereuen, ich verspreche es dir!“

Der Kerl kennt mich einfach zu gut inzwischen, seufze ich innerlich. Er weiß, dass ich den Ausdruck Weichei hasse und was den alkoholischen Teil betrifft, sage ich jetzt mal nix dazu … Meine Hand bewegt sich wie von selbst auf den Flachmann zu, ich tue wie geheißen und der Cognac wärmt meinen Magen und verleiht mir ein Quäntchen Mut. Kurz darauf denke ich mir tatsächlich: Ach, was soll’s, Sam hat recht. Das wird sicher ein einmaliges Erlebnis. Außerdem ist er der perfekte Tandemmaster, schließlich hat er bereits etliche Hunderte Sprünge hinter sich und weiß, wovon er redet. Zudem will ich ihm seine Überraschung nicht vermiesen und außerdem lenkt mich diese Action davon ab, ständig mit den Gedanken zu Alex abzuschweifen. Also sage ich einlenkend: „Ok, wenn du den Flachmann mit hochnimmst und mir vor dem Absprung noch einen weiteren Schluck abgibst, ist die Sache gebongt.“ Er lacht mich strahlend an, packt mich und schwingt mich im Kreis rum. Er freut sich wie ein kleines Kind … Irgendwie ist er ja wirklich echt süß.

Während wir unsere Sprungkombis anziehen, erklärt Sam mir den genauen Ablauf und worauf ich später zu achten habe. Als wir fertig angezogen voreinander stehen, nimmt er mich liebevoll in den Arm und küsst mich zärtlich. Danach schaut er mich ungewöhnlich ernsthaft an und sagt: „Danke, dass du mitkommst, Alea. Es bedeutet mir wirklich sehr viel und es wird garantiert unvergesslich. Ich wollte das schon lange mal mit dir zusammen machen, aber heute ist, glaub ich, der perfekte Zeitpunkt!“ Bevor ich nachfragen kann, wieso es denn heute so perfekt sei, kommt aus dem Lautsprecher an der Wand hinter uns der Aufruf, dass wir uns zum Flugfeld begeben sollen …

Der Steigflug in die Absetzhöhe dauert rund 15 Minuten. Allein die Aussicht dabei ist schon atemberaubend schön, was mich ein wenig von meiner Nervosität ablenkt. Sam und ich sind inzwischen mehrfach gesichert miteinander verbunden, als eine sympathische Männerstimme aus dem Cockpit ertönt: „Noch zwei Minuten!“ Ich bekomme Herzrasen und meinen zweiten Schluck Cognac von Sam, dann ziehen wir uns Kappen, Sprungbrillen und Handschuhe an. Als wir hören, wie der Pilot den Schub zurücknimmt, robben wir zur inzwischen offenen Tür rüber und schon erklingt ein grinsendes: „Exit! Viel Spaß ihr beiden!“ Ich stelle meine Füsse auf das Trittbrett, nehme die Arme vor die Brust und atme, wie Sam mir zuvor empfohlen hat, nochmal tief durch und dann kreische ich beim Absprung wie eine Fünfjährige beim Anblick einer großen, fetten Spinne …

In rund zehn Sekunden beschleunigen sich unsere Körper auf 200 km/h, dennoch fühlt es sich mehr nach Fliegen als nach Fallen an und es ist einfach nur atemberaubend schön. Die Gefühle, welche dabei ausgelöst werden, sind einfach unbeschreiblich. Ich strahle glückselig lächelnd vor mich hin und genieße den rund 50 Sekunden dauernden freien Fall in vollen Zügen. Als Sam danach den Fallschirm aktiviert, beginnt der rasend schnelle Flug in eine ruhige, fast schwerelose Schirmfahrt überzugehen. Sie wird ungefähr weitere sieben Minuten im siebten Himmel schwebend dauern. Das hatte er mir beim Ankleiden erklärt. Ich grinse noch immer sprachlos und total überwältigt vor mich hin, als Sam von hinten nach meiner Hand fasst und zum Reden ansetzt: „Alea, du weißt gar nicht, wie sehr ich es liebe, dich so strahlend und glücklich zu sehen, und ich würde nichts lieber, als dich für den Rest meines Lebens zur glücklichsten Frau zu machen! Ich weiß, wir wollten nie von Liebe sprechen, aber ich kann es nicht länger verleugnen, dass ich genau das tue! ICH LIEBE DICH! Bitte heirate mich und mach mich damit zum glücklichsten Mann auf der Erde und im Universum!“

Mein glückliches Grinsen weicht erst der Überraschung und endet dann in einem geschockten, fassungslosen Blick. Gut, kann er das nicht sehen, da er sich ja hinter mir befindet. Mir sinkt das Herz in die Hose! Hab ich richtig gehört?! War das gerade ein Heiratsantrag! Was zum Henker war denn plötzlich mit den Männern nur los?!! Erst hat Alex sein Herz offen vor mir ausgebreitet, auch wenn ich dem Braten noch immer nicht ganz traue. Dann Steve und sein vorgeschlagenes Arrangement und auch er war gefühlsoffen wie nie zuvor gewesen. Und nun schießt Sam den Vogel ab! Ein Heiratsantrag und ich kann mich nicht mal aus dem Staub machen, mitten in der Luft, gefangen und ohne Möglichkeit zur Flucht! Das hat er echt clever eingefädelt, der dämliche, romantische, liebe Mistkerl. Mein Hirn rotiert, mein Inneres ist aufgewühlt und ich befürchte, das werden die längsten und peinlichsten fünf Minuten meines Lebens …

„Bitte Süße, sag endlich was … Egal was, aber rede mit mir“, bittet Sam schon ein bisschen verzweifelt und versucht, mit einigen Verrenkungen einen Blick auf mein Gesicht zu erhaschen, was ihm jedoch nicht gelingt. Es bricht mir fast das Herz, es tut mir so leid. Er hätte es mehr als verdient, auf diese eine Frage, die er noch nie zuvor einer Frau gestellt hat, ein spontanes, freudiges und ehrliches „Ja“ als Antwort zugejubelt zu bekommen, aber nicht von mir! Ich kann nicht! Irgendwann antworte ich so sanft es mir in meiner Verwirrung möglich ist und ungewollt ein bisschen trotzig: „Ich will aber nicht heiraten, Sam, das weißt du doch ganz genau! Weshalb bringst du uns in diese Lage? Wieso machst du es jetzt kompliziert? Es war doch alles perfekt bisher, wie es war, oder nicht?“ Und dann rollt mir unkontrolliert eine erste Träne die Wange runter. Sam spürt das wohl irgendwie, er umarmt mich von hinten tröstend und flüstert: „Lass dir Zeit, Kleines. Du musst mir nicht heute eine Antwort darauf geben, ich wollte dich nicht erschrecken. Und du weißt, ich würde dich durch eine offizielle Verbindung wie die Ehe nicht in deinen persönlichen Freiheiten begrenzen! Genauso wenig wie du es bei mir tun würdest. Wir haben, was dieses Thema betrifft, doch dieselben Ansichten und harmonieren bestens. Überleg es dir ganz in Ruhe und dann reden wir nochmal darüber. O.K.?“ „O.K.!“, hauche ich verweint, ich muss mich erst mal beruhigen …

Es ist kurz nach 21:00 Uhr, als Sam mich vor meinem Haus aussteigen lässt. Das geplante Abendessen und das anschließende körperliche Vergnügen haben wir heute ausfallen lassen. Mir ist eher nach Alleinsein zumute und Sam hat es begriffen und akzeptiert, dass ich für heute nicht mehr darüber debattieren will und kann. Die Rückfahrt war entsprechend wortkarg und ruhig. Wir haben uns mit einem langen Kuss, der für mich einen Hauch Lebewohl beinhaltet hat, verabschiedet. Ich habe ihm versprochen, mich zu melden, sobald ich zu einer definitiven Entscheidung gelangt bin. Der spektakuläre und wunderschöne Verlobungsring, welchen er nach unserer Landung in einem Feld nahe dem Flughafen kurz hervorgeholt und mir gezeigt hat, ist wieder sicher in der Samtschatulle verpackt. Sam hat ihn wort-, aber nicht hoffnungslos und mit einem angedeuteten Lächeln ins Handschuhfach gelegt, als wir in den Wagen stiegen.

Während Thor und ich zusammen in Richtung Wald laufen, schütte ich diesem, einmal mehr, mein Herz aus. Einen besseren Zuhörer kann man sich nicht wünschen. Es scheint, als ob mein bisheriges Leben gerade in sich zusammenbricht. Nach diesen Offenbarungen von Steve und Sam können wir nicht mehr so weitermachen wie bis anhin. Egal wie ich mich entscheide, so wie es war, wird und kann es künftig nicht mehr weitergehen. Beim Namen Sam schaut er mich jedes Mal kurz an, während Steves Name hingegen keine Reaktion bei ihm auslöst. Einen wirklich brauchbaren Ratschlag kriege ich von ihm zwar nicht, dennoch hilft mir die Zeit in der Friedlichkeit der Natur, meinen inneren Frieden wieder annähernd zu finden. Sicher liebe ich Sam auf meine lockere Art und Weise, Steve irgendwie ja auch … Aber das ist eine rein freundschaftliche, freie Liebe ohne Bedingungen und Erwartungen. Jedenfalls ist es bisher so gewesen.

Und nun wollen beide plötzlich künftig eine neue Form der Beziehung mit mir leben, welche zwangsweise das Verhältnis zum jeweils anderen garantiert verändern oder beeinträchtigen würde. Komplikationen sind jedenfalls absehbar und zu erwarten. Und der Störenfried ist ja ebenfalls noch ein offenes Thema. Auch wenn sich dieses wohl bald schließen wird, sobald ich den wunden Punkt mit seiner zukünftigen Frau anspreche. Denn auf ein weiteres Arrangement wie mit Steve, wo eine Ehefrau im Hintergrund eine Rolle spielt, werde ich mich bei Alex nicht einlassen. Irgendwie ist aus dem Nichts und völlig unerwartet das absolute Chaos über mir eingebrochen und das alles innert nur einer Woche!

Ich gedenke, auch diese Situation zu meistern, wie ich bis anhin noch alles gemeistert habe, was mir mein Leben beschert. Ein alter, weiser Spruch, den mein Vater mir immer mal wieder vorgesagt hat, lautet: Du kriegst vom Universum nicht mehr aufgebürdet, als dass du zu tragen vermagst. Ich weiß noch nicht, wie und es wird auch nicht mehr heute geschehen, aber ich schaffe das! Für heute jedoch ist definitiv genug! Wieder zu Hause esse ich noch eine Kleinigkeit und lasse mich danach müde und überwältigt ins Bett sinken. Noch ehe ich mir suggerieren kann, dass ich bitte keine Träume haben möchte, bin ich erstaunlicherweise bereits eingeschlafen und sanft im Traumreich angekommen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 136
ISBN: 978-3-99107-866-1
Erscheinungsdatum: 16.09.2021
EUR 15,90
EUR 9,99

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