Der Regulator

Der Regulator

Maurice Remy


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 130
ISBN: 978-3-99131-324-3
Erscheinungsdatum: 29.06.2022
Jean lebt als Schriftsteller in einer einsamen Hütte in den Bergen Bulgariens. Eines Tages klopft es an der Tür. Eine offensichtlich verwirrte junge Frau steht davor. Ein spannendes Abenteuer beginnt.
Der Regulator

Im schneebedeckten Gebirge kauerte ein weißgeschneites Häuschen, das einst ein bewachtes Munitionsdepot war. Im Juli 2003 wurde es vom Verteidigungsministerium im Rahmen eines durch ein Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen finanzierten Projekts (UNDP) zerstört. Das Militärlager ging in den Besitz einer staatlichen Jagdverwaltung über, die es zu einer gemütlichen Hütte umbaute und den Jägern im Sommer gegen eine symbolische Miete anbot. Seit fünf Jahren machte ich sie mir jeden Winter zunutze, weit weg vom hektischen und lauten Leben in der Hauptstadt.
Ich bevorzugte die Einsamkeit in der Natur. Die Bequemlichkeiten des modernen Menschen wurden mir zu viel. Auch hatte ich hier weder Internet, Radio oder Fernsehen noch Heizung. Einmal in der Woche nahm ich ein Bad bei Vasil Stoychev, dem Gründer des Wandervereins „Raliza“, der eine kleine, einige Kilometer von der Hütte entfernte Skistation betrieb. Bei ihm kaufte ich Essen doppelt so teuer, aber es lohnte sich, weil mein Aufenthalt ganz den Büchern gewidmet wäre. Die Bedingungen im Häuschen waren spartanisch. Drinnen gab es nur einen alten Gusseisenofen, aus dem zu hören war, wie das Holz knisterte, während sich die Feuerwärme rundum ausbreitete.
Die Gaslampe beleuchtete schwach ein altes speckiges Notizbuch, in das ich schrieb. Ich war versunken und zitterte vor Angst um meinen Haupthelden, ich ermutigte ihn und half ihm ein wenig, weil ich wusste, dass er stärker war, als er aussah.
Allmählich verlor meine Hand an Kraft und langsam schlief ich auf dem grob gezimmerten Tisch ein. Irgendwann wachte ich auf, starr vor Kälte. Die Gaslampe war erloschen und im Ofen war nur noch etwas Glut. Widerwillig zog ich mich an und ging hinaus. Den Schneefall ließ ich außer Acht. Ich erreichte den Schuppen und sah mich unbewusst im Spiegel, der an der Wand hing. Der hier und da ergraute Dreitagebart verriet meine vierzig Jahre. Die gewellten schulterlangen Haare verbargen den Bartteilweise, aber nach ein paar Tagen musste ich mich wieder rasieren. Ich hasste diese Prozedur, aber noch mehr hasste ich den langen, juckenden Bart. Ganz egal, wie sehr ich versuchte, mich vor der Zeit zu verstecken, sie holte mich immer wieder ein und verpasste mir ein paar Fältchen ins Gesicht. Aber immer noch fühlte ich mich jung, so dass ich mit Leichtigkeit zwei dicke Holzscheite schulterte und hinein rannte. Gut, dass ich den Türriegel angehoben hatte, weil er leicht hinunter fiel und ich sonst hätte draußen bleiben können. Ich legte den größeren Stamm in den Ofen, ließ die Gusseisenplatte hinab und machte es mir auf der hölzernen Pritsche bequem. Wie gut, dass ich eine dicke alte Steppdecke fand, die ziemlich schwer war, aber dafür wunderbar wärmte. Ich fiel in ein süßes Nickerchen.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Zuerst leise. Die Decke über den Kopf gezogen, schien es mir, als hätte ich geträumt. Aber das zweite Klopfen war deutlich, laut und eindeutig. Schon war ich mir sicher, dass draußen jemand war. Verwirrt stand ich auf, öffnete und sah vor mir eine schöne Frau mittleren Alters. Sie war ganz verfroren, nackt und barfuß, ihr Mund blutete, und sie hatte sich unbeholfen in eine abgetragene Militärdecke gehüllt.
In dem Augenblick, als ich ihr öffnete, brach sie zusammen und fiel in meine Arme. Ich hob sie auf, legte sie auf die Pritsche und deckte sie mit der dicken Steppdecke zu.
„Ist noch jemand draußen?“, fragte ich, entschlossen ihr zu helfen, denn hierher hatten sich auch vorher viele Touristen verirrt. Man fand sie erst im Frühling, wenn der Schnee schmolz.
Sie sagte nichts und sah mich immer noch verängstigt an. Ich reichte ihr eine trockene Serviette, auf der ein Weihnachtsmann aufgedruckt war, und tupfte das frische Blut aus der tiefen, aber nicht so gefährlichen Wunde ab. Dann trat ich zurück und legte mich auf den Tisch. Aus ihrer Decke machte ich ein Kissen und schlief zusammengerollt und glücklich darüber, ein menschliches Leben gerettet zu haben.

***

Ich schrak auf. Das Geräusch des Hubschraubers des Zivilschutzes hatte mich geweckt. Meine unbekannte Gästin schlüpfte unter die Decke.
„Sie suchen dich“, sagte ich. „Sie sind bald hier. Soll ich ihnen sagen, dass du bei mir bist?“
Sie deckte sich auf und schüttelte den Kopf.
„Fliehst du vor ihnen?“
Sie schüttelte erneut den Kopf, was mich noch mehr verwirrte.
„Soll ich ihnen eine vermisste Person melden?“
Die Frau legte ihre Hand auf ihre vollen Lippen und ließ mich wissen, dass sie das nicht will.
„Wer bist du? Wie heißt du?“
Sie zuckte die Achseln und senkte die Augen.
„Woher kamst du letzte Nacht? Von der Hütte ‚Nadezhda‘ oder ‚Schneegipfel‘?“
Sie zeigte nach oben, was mir nicht besonders half, die Richtung zu erfahren.
„Bist du jemandem weggelaufen?“
Diesmal nickte sie.
„Ich bin jemandem weggelaufen“, sagte sie mit zitternder Stimme.
„Deinem Mann oder deinem Freund?“, vermutete ich.
Sie zuckte die Achseln und begann unverständliche Phrasen zu flüstern:
„Er tötet. Vielfraß rettet. Vielfraß ist tot. Beschützer schläft ein. Inki-Nanka, komm! Komm schon! Es ist kalt. Kalt.“
Sie hatte offensichtlich einen Schock erlitten. Ich dachte, es wäre für sie am besten, sie in Ruhe zu lassen, bis sie sich seelisch erholt, wenn sie es überhaupt konnte.
„Ich muss raus, kannst du mich hören? Ist alles in Ordnung?“
Diesmal nickte sie zustimmend. Ich zog eine schwarze Puffer-Jacke über das T-Shirt, das ich trug. Ein langer Marsch stand mir bevor, etwa 5 Kilometer, also zog ich mich nicht dick an. Ich wusste, dass ich mich erkälten würde, wenn ich in dieser Kälte schwitzen würde.
„Ich komme gegen Abend zurück. Mach niemandem auf. Ich habe den Ofen aufgeladen, damit du nicht hinaus musst.“
Sie lächelte, sagte wieder nichts, winkte mir zu, und ich ging hinaus.
Die Sonne war über den sich unter dem Schnee biegenden Bäumen aufgegangen. Es hatte aufgehört zu schneien und das Außenthermometer, das am Rahmen der dicken Stahltür hing, zeigte minus zehn Grad Celsius. Ich machte mich auf den Weg zur „Nadezhda“-Hütte, um Antworten zu suchen. Der Weg lief entlang des Bergkamms, schlängelte sich an einem Felsenmassiv vorbei und weiter durch die jahrhundertealten weißen Kiefern, Bergkiefern und Tannenbäume. Ich watete fast bis zur Hüfte in den flauschigen Schnee und machte einen Pfad.
Ich würde wohl später wieder hier entlangkommen und ich hoffte, es würde einfacher sein. Das würde es aber nur sein, wenn sich der Wind nicht verstärken und den Weg nicht mit Schneewehen verschütten würde. Langsam näherte ich mich der Hütte „Nadezhda“.
Ohne zu klopfen, öffnete ich die abgeblätterte Papptür und trat hinein. Ich fand Baj Vasil, einen grauhaarigen dicken Mann, etwa fünfzig, auf einem Stuhl sitzen und die Bindung eines Skis abmontieren.
„Hallo, Baj Vasko! Wie geht’s?“
„Baj Vasko kannst du zu deinem Vater sagen! Ich bin immer noch jung!“, sagte er hastig.
„Ich bin gekommen, um etwas Mehl und Zucker zu holen.“
„Du warst doch letzte Woche schon hier. Fütterst du die Gämsen?“
„Ich füttere niemanden, mein Mehl wurde feucht und klumpig. Ich hatte es im Kasten bei den Schuhen vergessen.“
„Gut, dass du kommst, aber ich habe auch nicht viel. Ich warte auf die Mannschaft des Zivilschutzes, gleich danach auf eine Touristengruppe. Irgendwelche Kinder haben sich gestern verlaufen, so dass man sie in Aktion hat treten lassen.“
„Woher kommen sie denn?“, fragte ihn.
„Von der Berghütte ‚Slanchev den‘ oder ‚Slanchevo zwete‘, diese Namen ändern sich jedes Jahr.“
Ich erstarrte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Etwas stimmte hier nicht. Die Entfernung von der Nadezhda-Hütte zur Slanchev den-Hütte beträgt 6–7 Kilometer. Wenn sie gestern von dort weggelaufen wäre, hätte sie nicht spät in der Nacht zu mir kommen können. Es war unmöglich, an der Skistation vorbeizugehen und zu mir weiterzulaufen. Barfuß und nackt mit einer abgenutzten Militärdecke. Irgendjemand hätte sie bestimmt gesehen. Und Baj Vasko betonte das Wort „Kinder“ mit Nachdruck, erwähnte aber keine Frau.
„Ich werde warten, bis du sie bewirtet hast, und wenn noch ein Brötchen für mich übrig bleibt …“
Vasil Stoychev sagte nichts, sondern stand auf, lehnte den bereits reparierten Ski an die Wand und nahm den zweiten. Während ich nachdenklich wartete, wurde die Tür mit einem Donner aufgeschlagen. Neun muskulöse Männer stürzten herein.
Sie stellten sich als Rettungsmannschaft aus dem Zivilschutz vor. Der Pistolenhalfter eines von ihnen schaute unter der Tarnjacke hervor, was er ziemlich ungeschickt vertuschte. Sie setzten sich um den Kanonenofen im Esszimmer herum. Auf die Schnelle tranken sie eine Tasse Tee. Sie sahen besorgt aus und redeten nicht viel. Der Anführer der Gruppe, Pavel, holte Fotos aus der Seitentasche seiner Thermojacke und legte sie auf den Tisch.
„Eine ganze Klasse mit zwei Lehrern ist verschwunden. Haben Sie sie gesehen?“
Ich schaute sie mir aufmerksam an. Auf den Fotos sah ich kleine 6- bis 7-jährige Kinder, an die ich mich nicht erinnern konnte, aber ich war beeindruckt von einem schönen Mädchen unter ihnen mit braunen, ausdrucksstarken Augen, geraden Gesichtszügen und einem unschuldigen Kinderlächeln. Es trug ein schneeweißes Hemd und eine Perlenkette mit roten Herzen.
„Ich habe sie nicht gesehen“, sagte ich und zögerte, von meiner Besucherin von der Nacht zu erzählen. Im Moment würde ich über sie schweigen, weil mir diese Jungs ziemlich verdächtig erschienen.
„Bist du hier abgestiegen?“, fragte mich der Mann, der das Bild gezeigt hatte.
„Nein, fünf Kilometer höher in einer kleinen Jagdhütte“, sagte ich.
„Es ist in der Nähe der alten Kaserne!“, sagte Baj Vasil.
„Wir kommen dich morgen besuchen, Junge. Heute werden wir den Südhang des Berges durchsuchen!“, mischte sich ein bärtiger Mann in den Fünfzigern laut ein.
„Ihr seid willkommen, aber ihr sollt wissen, dass es bei mir eng ist.“
„Mach dir keine Sorgen, wir werden nicht lange bleiben, wir müssen für das Protokoll die ganze Gegend durchstreifen“, der bärtige Mann versuchte, mich zu beruhigen. „Wir haben keine Hoffnung, dass sie am Leben sind.
Nicht nach dem Schneesturm der letzten Nacht.“ Eine peinliche Stille trat ein, die ich unterbrach:
„Baj Vasko, schüttest du mir etwas Mehl ein?“ Er errötete vor Ärger, weil ich ihn mit Baj anredete, aber er konnte mir keine gebührende Antwort geben.
„Gib den Sack her, ich habe etwas anderes zu tun.“
„Ich werde dich in etwa zwanzig Tagen bezahlen.“
Er sagte nichts und stand widerwillig auf, schüttete mir die Hälfte seiner Vorräte ein und verabschiedete sich von mir:
„Hey, Schreiber, schau dich auch nach Spuren um! Das Schwierigste auf dieser Welt ist, sein Kind zu verlieren!“
Schließlich packte ich meinen Mehlsack und ging stolpernd los. Ich hatte einen langen und anstrengenden Weg vor mir. Ich dachte an die Kinder. Ich wollte, dass sie lebendig und gesund sind und wenn möglich vor Sonnenuntergang gefunden werden. Ich machte mich traurig und verwirrt auf den Weg. Also wurde die Frau bei mir nicht gesucht. Wer ist sie? Ich erinnerte mich an ihren verängstigten Blick, an die Wunde in ihrem Gesicht, an ihre undeutliche Sprache. Letzte Nacht war etwas Schreckliches passiert und ich hatte das Gefühl, als würden die Vögel einen drohenden Sturm spüren.
Zum Glück hatte der schneidende Wind vom Morgen aufgehört und hatte auf dem Pfad, den ich ausgetreten hatte, keinen Schnee angehäuft. Ich ging mühsam, nach Kinderspuren suchend und vom Gewicht des Sackes gebeugt. Sehr bald brach eisiger Schweiß auf meiner Stirn aus. Darauf achtete ich nicht, so hungrig war ich! Ich überlegte, was ich zum Abendessen zubereiten sollte. Ich hatte nur eine Kiste voller Kartoffeln und ein Fass mit gesalzenem Speck.
Ich würde sie in Scheiben schneiden und alles zusammen auf einem Blech im alten Gusseisenofen braten. Mein Mund füllte sich mit Speichel. Würde mein ungebetener Gast auch das Abendessen genießen, weil ich ihr nichts anderes zu bieten hatte? Die verlorenen Kinder vergaß ich völlig.
Ich fragte mich, was diese schöne Frau in meinem Häuschen tat. Ich hoffte selbstsüchtig, dass sie nicht weg war. Nicht dass sie es nicht könnte. Es gab genug Kleidung und Stiefel in der Hütte, die sie benutzen konnte, um wegzugehen, ohne dass ich ihren Namen erfuhr. Sie konnte den Weg zum Südhang nehmen, der zum „Paleza“ führte, von wo aus eine einsitzige Seilbahn direkt in das malerische Feriendorf Edelweiß abfuhr. Selbst wenn ich sie nie wieder sehen würde, würde die Erinnerung an diese Nacht niemals verblassen. Ich seufzte schwer, nicht nur wegen des möglichen Verlusts der Fremden. Der Pfad wurde steiler und steiler. Ich bemühte mich, tief zu atmen, und begann, mit kleinen Schritten hinaufzusteigen. So spürte ich das schwierige Gelände nicht und hörte nur das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen.
Mit letzter Kraft erreichte ich die Jagdhütte und klopfte keuchend an die Tür. Ich betete, dass sie noch da war. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war, aber ihre Anwesenheit beruhigte mich und zog mich magnetisch an. Ich klopfte dreimal an die Stahltür, wartete eine Weile und dann öffnete sie sich. Ich sah meine Gästin meinen alten Wollpullover tragen, der einst von meiner Großmutter gestrickt worden war und ihr fast bis zu den Knien reichte.
„Hallo!“ Ich begrüßte sie freundlich und fühlte, wie meine Stimme zitterte.
Sie lächelte charmant. Für einen Moment stockte mein Atem. Ich ging hinein, ohne den Schnee von meinen Wanderschuhe abzuschütteln, und nahm den Sack von meinen Schultern herunter. Dann ging ich wieder zum Schuppen, wo ich das Brennholz aufgestapelt hatte. Ich nahm zwei Holzscheite und wickelte ein Stück Speck aus dem Fass, das ich in einer Nische hinter dem geschnittenen Holz versteckt hatte, in eine alte Zeitung. Ich ging in die warme, gemütliche Hütte und zog meine Oberkleidung aus. Sie reichte mir eine Tasse heißen Tee und berührte unbewusst meine Finger. Ich nahm einen Schluck von dem aromatischen Getränk und entspannte mich. Ich musste etwas zum Abendessen machen.
Die Kartoffeln waren in einer großen Holzkiste, direkt neben der für die Schuhe. Ich öffnete sie, nahm ein paar und legte sie neben den Speck auf den Tisch. Meine Küchenutensilien hingen an einem Brett darüber, sodass ich nicht jedes Mal laufen musste, wenn ich etwas zubereitete.
Das Blech hatte ich vergessen, deswegen ging ich auf den Hof zurück. Ich wusch es nie, sondern rieb es nur mit Schnee ab. Ich fand es leicht und ging zu der Unbekannten zurück. Sie hatte das Messer genommen und schnitt den Speck in zarte Stücke. Unmerklich fiel mein Blick auf ihr Dekolleté. Ihre prächtigen Brüste schwangen in symmetrischem Takt. Sie hatte sich vorgebeugt und der ausgeleierte Pullover gab mir die Gelegenheit, einen Augenblick Schönheit zu stehlen. Auf keinen Fall wollte ich ihre Würde verletzen oder sie beleidigen, also schaute ich weg.
Die Perlenkette mit den roten Herzchen des gesuchten Mädchens hing an ihrem Hals. Ich war sprachlos und wusste nicht, was ich tun sollte. Sie war zwei Schritte weit von mir und schnitt die rohen Kartoffeln. In ihren Augen war die Frage zu lesen: „Was hast du gesehen, dass du das Blech hast fallen lassen?“ Ich näherte mich ihr vorsichtig und bat sie in einem gleichmäßigen Ton:
„Bitte gib mir das Messer!“
Sie sah mich fragend an, zögerte kurz und gab es mir zurück. Ich hatte das Gefühl, dass eine Ewigkeit vergangen war.
„Woher hast du das?“ Ich nickte zu ihrem Hals.
Sie zuckte unwillkürlich die Achseln, verschränkte die Arme und nahm ihre Halskette ab. Sie wollte sie mir geben, genau wie ein Kind. Ich schüttelte meinen Kopf und nahm ihre zarten Hände in meine.
„Nein, ich will es nicht. Es gehört dir.“, schüttelte ich den Kopf und lächelte.
Jetzt fragte ich mich, ob ich überhaupt schlafen könnte. Unzählige Gedanken gingen mir durch den Kopf. Wir aßen langsam zu Abend und sie genoss jeden Bissen. Für mich war es anders. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand meinen Hals gepackt und mich am Schlucken gehindert. Ich konnte nur daran denken, all die scharfen Gegenstände zu verstecken. Es konnte auf keinen Fall ein Traum sein, Gott, sie trug die Halskette des kleinen verlorenen Mädchens!
Ich beendete das Abendessen mehr schlecht als recht und nahm das Geschirr heraus. Die Utensilien versteckte ich gut zwischen den Bäumen. Auf dem Rückweg nahm ich wieder zwei knorrige Holzklötze mit, die das Feuer in der Nacht am Brennen hielten. Ich konnte kaum schlafen, geschweige denn den fantastischen Kinderroman schreiben. Manchmal sehen Leute Dinge, die sie nicht sollten. Auf Gedeih oder Verderb. Einige würden die Bibel zitieren und sagen: „Gottes Wege sind unergründlich“, andere würden sich an die Kausaltheorie halten und eine kleine Anzahl, wie ich, würde keine Logik suchen.
Viele Ereignisse sind nicht auf den gesunden Menschenverstand angewiesen und es ist besser, sie niemals aufzudecken. Sogar die Frage, wie die Kinderperlenschnur mit den roten Herzchen am Hals meiner Gästin landete, verbarg einen verrückten Albtraum, den ich vorausgesehen hatte und den ich auf jegliche Weise vergessen wollte. Ich hatte Angst vor der Wahrheit und wollte meinen Kopf in den Sand stecken, bis alles vorbei war, aber es war zu spät. Wo immer ich meine Augen hindrehte, sah ich ihre, wohin ich auch ging, suchte ich nur nach ihr. Und jetzt war sie unter die dicke Decke gerutscht und schlief tief und fest. Ich hatte mich auf meine Ellbogen auf den Eichentisch gestützt und dachte darüber nach. Ab und zu schürte ich die Glut und wartete darauf, dass die Kohlen ein wenig erloschen, um den zweiten Holzklotz nachzulegen.
In ihrem Schlaf sah sie so unschuldig und harmlos aus. Das Feuer wärmte nach und nach meinen ganzen Körper durch. Unmerklich wurde ich vom Schlaf übermannt.
Plötzlich erschreckte mich ein lauter Schlag an der Tür. Ein nächster und ein nächster folgten. Und dann hörte ich deutlich ein gruseliges Kratzen. Ein weiterer Schlag folgte. Ich hatte keine Zeit, mich zu wundern, und reagierte instinktiv. Ich sprang auf und drehte den Verriegelungsmechanismus zweimal. Bei einem so starken Stoß würde die Metallzunge des Schlosses nachgeben, aber so verriegelt, konnte nur ein Geschoss sie zerstören. Glücklicherweise hatte der Raum keine anderen Ausgänge und die Fensterchen waren sehr klein und durch dicke Eisenstangen geschützt. Ich sah sie an. Sie saß und weinte tonlos.
Sie hatte den Mund geöffnet und Tränen flossen aus ihren Augen. Ich hatte keine Zeit, sie zu trösten, zog den dicken Planenvorhang leicht zur Seite und sah aus dem Fenster. Was ich sah, könnte ich nicht ausführlich beschreiben. Er war weder ein Bär noch ein Wolf. Ein großes, schwarzes, haariges Lebewesen mit einem übermäßig großen Kiefer schnupperte die Luft! Es war ganz mit dickem Fell bedeckt und am gruseligsten waren seine Augen, wenn es überhaupt Augen waren. Es war, als hätte der Schöpfer meine Kohlen aus dem Ofen genommen und auf seine Schnauze gelegt. Ich hatte Glück, dass es mich nicht bemerkte. Es drehte sich wieder um und verschwand lautlos zwischen den Bäumen. Die einzigen Waffen, die ich hatte, waren die Axt unter dem Schuppen und das Messer, das daneben versteckt war.
Was für ein Trottel ich war! Aber ich hatte keine andere Wahl, als mich an die Gästin zu wenden. Ich umarmte sie und streichelte ihr schönes Gesicht. Ich fühlte sie am ganzen Körper zittern.
„Amarok!“, flüsterte sie leise und drückte mich so stark, als würde sie mich niemals gehen lassen.
Egal, ich musste bei ihr bleiben. Ich lag und sie hatte ihren Kopf auf meinen Arm gelegt. Mehr sagte sie nicht. Ich war geschockt und wartete mit starker Sehnsucht auf den kommenden Morgen. Das Feuer erlosch und im Haus wurde es kühler. Wir waren unter der dicken Decke, umschlungen, erwärmt und schrecklich müde. Unmerklich schliefen wir ein.

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