Der Brockenarzt
Wiederkehr
EUR 26,00
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 474
ISBN: 978-3-99185-071-7
Erscheinungsdatum: 09.02.2026
Am mythenumwobenen Brocken im Harz prallen Gut und Böse unerbittlich aufeinander. Aber sind der von Gott verstoßene Satanas und der im Ort Brockenstedt praktizierende Brockenarzt erbitterte Feinde oder Verbündete im Kampf gegen Gewalt und Ungerechtigkeit?
I
Reise nach Brockenstedt
Dienstag, 26. Mai
Zug
»Komm endlich nach Hause, Jürgen. Es wird Zeit. Ich brauche Dich hier.«
Geralds Stimme am Telefon klang ernst und dringlich. Er nannte keine Einzelheiten. Unnötig. Sein Anruf setzt mich in Bewegung. Er kommt mir gelegen.
Ich bin auf dem Weg, steige in Wernigerode um und sitze jetzt in der Brockenbahn, angetrieben von einer altmodischen Dampflok. Allzu lange dauert die Fahrt nicht mehr. Dann bin ich am Ziel: Ein neues Leben, erster Tag. Das ist mein Plan, unabhängig von Geralds Absichten.
In den Wagon ist eine Familie zugestiegen, sitzt schräg gegenüber auf der anderen Fensterseite, auf einer der zahlreichen Viererbänke, die durch den Gang getrennt sind. Der Vater nimmt ein Kleinkind, das mich ernst anschaut, auf seinen Schoß. Ich lächele es an.
Das Kind bleibt unbeeindruckt und schaut beharrlich recht streng her zu mir. Dann lehnt es sich doch mit dem Kopf zurück an die Brust seines Erzeugers, entspannt sich und fängt an zu quengeln. Der Mann öffnet ein Glas mit Brei, nach der Aufschrift bestehend aus Apfel und Birne, und füttert den Racker, der jetzt hörbar schmatzt, sich dem Löffel entgegenstreckt und vergnügt aussieht.
Die Mutter wirkt erschöpft. Sie sitzt leicht gebeugt ihrem Gefährten und dem Kleinen gegenüber. Zwei weitere, schon größere Kinder gehören offenbar zu ihnen, ein Junge und ein Mädchen. Sie springen durch den Wagen und stürzen sich auf die nur von einem Geländer umzäunte offene Plattform im Freien zwischen den einzelnen Wagons, um den Rauch und den Dampf der Lok während der Fahrt zu genießen.
»Seid vorsichtig.«
Die Eltern schauen ihnen nach. Etwas besorgt, aber mit einem Grinsen im Gesicht. Vermutlich sind sie froh, die beiden quirligen Quälgeister beschäftigt zu sehen.
Es ist beneidenswert, gemeinsam durchs Leben zu schreiten, oder?
Eine junge Frau mit Rucksack und Koffer spricht mich an:
»Entschuldigen Sie. Ich sitze lieber in Fahrtrichtung und bei Ihnen ist noch ein Platz frei, wenn Sie erlauben.«
»Selbstverständlich.«
»Danke.«
Wir lächeln uns an. Ihre Augen flimmern. Ihr Gesicht ist offen, wirkt freundlich und zielstrebig. Das dunkle Haar ist kurz geschnitten. Ein taffer Charakter, denke ich.
Sie wuchtet ihren Rucksack hoch in das Ablagefach über mir, zieht den Rollkoffer heran, setzt sich links neben mich auf den Sitz und sieht nach vorn. Sie zerrt eine Tageszeitung, eingeklemmt im seitlichen Griff des Trolleys, hervor. Es ist das hier in der Region populäre ‚Harzer Tagblatt‘. Sie blättert die großen Seiten der Zeitung vor ihrem Gesicht auf.
Ich fange von mir aus kein Gespräch an und schlage einen dicken Wälzer auf, extra für die Fahrt gekauft und seit heute früh wiederholt in der Hand, und lese:
Da erhob sich Satanas gegen die grausame Willkür Gottes und der Zorn des Herrn fuhr auf den Sohn herab und stieß diesen aus dem Himmel und durch die trübe Schicht der Luft hinab tief in die schattige und vollkommen leere Unterwelt, in die Einöde des Brockens, die finster war und wüst.
Was für ein Blödsinn, Entschuldigung, Gerald, lieber Freund. Der Text ist nach meiner Ansicht nur Humbug. Entnommen aus den Untiefen des Alten Testaments oder irgendwelchen abstrusen Schriften, die unter den Tisch fielen, weil sie den Kirchenvätern nicht in den Kram passten. Ich verliere einmal mehr die Geduld damit, klappe den Schmöker wieder zu und wende ihn hin und her.
Vorne auf dem Umschlag steht der Titel des Buches: ‚Satanas – Der unheimliche Held kehrt zurück‘. Verantwortlich für dieses Machwerk ist mein bester Freund, Dr. Gerald Müller, ein bekannter und renommierter Heimatforscher.
Wie heißt es auf der Rückseite zur Person des Autors: ‚Niedergelassener Arzt in seiner Heimatstadt Brockenstedt und einer der wenigen Forscher, die sich mit den Sagen und Mythen des Harzes befassen, spezialisiert auf die Gegend rund um den Brocken.‘
Dazu ein Foto von einem älteren, freundlich lächelnden Mann, der gelassen und nachdenklich wirkt.
So kenne ich meinen langjährigen Vertrauten. Gerald publizierte in den letzten Jahren schon einige Abhandlungen über die geheimnisvolle Welt des Harzes.
Er stieß auf das ‚Buch Satanas‘, wie der Klappentext verrät, erst vor Kurzem durch einen ungewöhnlichen Zufall. Es handele sich bei dem besagten ‚Buch‘ um eine altrömische Schriftrolle, die uralt und nur mit Mühe zu entziffern sei.
Entdeckt wurde sie auf einer von Geralds einsamen Wanderungen durch das wildromantische Elendstal, gelegen inmitten eines Gebiets unberührter Natur in der Stadtgemeinde Brockenstedt. Sie war versteckt zwischen Harzer Labkraut und Wald-Sauerklee unterhalb eines felsigen Steilhangs am Wegesrand.
Ich grinse. Der Gedanke ist zu drollig.
Gerald schreibt, der kostbare Gegenstand sei nahe dem sanft dahinplätschernden Brockenbach wie durch ein Wunder dem Erdreich entwachsen. Äußerlich unversehrt und im Sonnenlicht glänzend, aus der Unterwelt wieder auferstanden. Scheinbar zu dem Zweck, um in Geralds Hände zu gelangen und diesem die Veröffentlichung der ‚Wahrheit über Satanas‘ zu ermöglichen.
Witzig.
Der Autor behauptet, dass die aus dieser ominösen Schriftrolle gewonnenen Erkenntnisse nach einer Neubewertung zahlreicher kirchlicher Glaubenssätze verlangen.
Meinetwegen, ich bin nicht religiös.
Ziel des Buches ist, so denke ich, die Ehrenrettung des in meiner Heimat sagenhaften Bösewichts Satanas.
In der Region ist der Halunke überaus prominent, eine Attraktion, und überall gegenwärtig, nicht zuletzt in der Walpurgisnacht rund um den Brocken. Er kurbelt den Tourismus an. Viele Sehenswürdigkeiten sind mit seinem Namen verbunden, obwohl er früher über einen erbärmlich schauderhaften Ruf verfügte. Der ist in den letzten Jahrhunderten verblasst und verlor seinen einstigen Schrecken nahezu vollständig. Die Realität überholte Satanas.
Geblieben ist in dem Landstrich das dumpfe Gefühl von etwas Unerwünschtem und Gruseligem. Die Einheimischen erkennen in dem Schauer, der ihnen bei der Nennung des Namens leicht über den Rücken läuft, offenbar trotzdem die Basis eines Geschäftsmodells.
Sie locken damit Fremde an, die sich am Reiz und Zauber einer skurrilen Atmosphäre mit fliegenden Hexen erfreuen und ebenso für andere übernatürliche Erlebnisse begeistern, die aus diesem Grund in den besten Gasthäusern und Hotels einkehren und vor Ort großzügig Geld ausgeben.
Ich profitiere mit meinem verpachteten Hotelbetrieb selbst vom Fremdenverkehr und der zu dessen Belebung eigens erzeugten Propaganda. Deshalb: Satanas lebe hoch.
»Dürfen wir etwas trinken?«
Die zwei Kinder stehen bei den Eltern und versorgen sich mit Getränken aus Plastikflaschen. Sie schlucken heftig und düsen wieder zurück nach draußen zu Dampf und Qualm.
»Fallt nicht runter!«
Vergebene Liebesmüh. Kinder achten vermutlich nie auf Ratschläge, denke ich, und sehe nach links: Der kleine Knirps, in sich versunken, schläft an Vaters Brust. Sein Mund steht offen. Er sabbert vor sich hin. Ich schaue weg.
Mein Reiseziel ist Brockenstedt, laut Fahrplan eine knappe Stunde entfernt. Ich stecke das Buch zurück in die Tasche, das einzige mitgenommene Gepäckstück auf der Fahrt. Dann lehne ich den Kopf nach hinten an die Kopfstütze.
Brockenstedt? Ist es vernünftig, dorthin zu fahren, zurückzukehren in die alte Heimat, für den Rest meines Lebens? Zweifel bestehen, trotz Geralds Aufforderung heimzukehren.
Der Zug ruckelt und wird langsamer. Ich schüttele den Kopf, schließe die Augen und döse vor mich hin. Ein Lied kommt mir in den Sinn: ‚Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei.‘ Wir lernten das damals in der Schule. Deutschunterricht, 9. Klasse, Realschule. Renate und ich. Renate, meine erste große Liebe.
Wir beide saßen im Klassenzimmer in der vordersten Reihe bei der Lehrerin, unzertrennlich, ein Herz und eine Seele. Wir bummelten in der Pause und nach der Schule Seite an Seite überall hin, ohne Rücksicht auf die scheelen Blicke oder das blöde Gerede unserer Mitschüler:
»Guck mal, die zwei, die lieben sich.«
Ihr Gegacker ließ uns kalt.
Ein Paar, dem der Erdkreis zu Füßen liegt, so kam es mir damals vor. Ein Kindheitstraum: Unschuldig und blutjung, aus dem Nichts geboren. Erschaffen durch ein biologisches Wunder, das kein Mensch zu erklären vermag, von Hinweisen auf hormonelle Störungen einmal abgesehen.
Die rätselhafte Biochemie zweier unreifer Körper, die auf niemanden hören und sehen, außer auf sich selbst und die nur Flausen im Kopf haben. Die überzeugt sind, füreinander geschaffen zu sein.
Die Zukunft malte ich mir seinerzeit nach Belieben bunt aus: Wir zwei erobern die Welt. Nichts ist unmöglich. Ein unwirkliches Gefühl. Schade, dass diese Gefühlsregung nicht von Dauer ist und nur allzu schnell vorübergeht.
Die Sommerferien beendeten die Romanze abrupt.
Der Kopf nickt nach unten. Ich schrecke hoch und verdränge die hinterhältigen Gedanken an meine Schulzeit. Verdammt, es ist unmöglich, im Sitzen zu schlafen. Ich sehe aus dem Fenster der betulich dahin schleichenden Harzer Schmalspurbahn. Vierzig Minuten bis zum Ziel: Brockenstedt, Endstation, der letzte Halt des Zuges unterhalb des Brockens. Ankunft planmäßig um 14.59 Uhr auf Gleis 1. Es gibt nur dieses eine.
»Möchten Sie lesen?« Meine Sitznachbarin lächelt mich an und hält mir die Tageszeitung hin:
»Ich bin schon durch. Es ist vermutlich leichtere Kost als das Buch, das Sie vorhin gleich wieder wegsteckten.« Sie lacht.
»Danke.« Ich nehme die Zeitung:
»Wollen Sie im Gegenzug einen Blick in den Schinken werfen? Der ist zwar nicht mein Fall, aber womöglich begeistern Sie sich dafür.«
»Gern, ich finde das Cover reizvoll. Der Titel klingt vielversprechend.«
Ich hole das Druckwerk wieder aus der Tasche, gebe es ihr und frage:
»Wie weit fahren Sie?«
»Bis zur Endstation.«
»Das ist gut. Ich ebenso. Dann haben Sie Zeit zum Lesen.«
Ich vertiefe mich in die Zeitung meiner Nachbarin: Das ‚Harzer Tagblatt‘, die heutige Ausgabe, die Schlagzeile lautet:
Mädchenleiche in Höhle bei Bad Harzburg gefunden – seit 5 Jahren vermisste Maria B. (8) tot
Der Zug fährt schneller. Gott sei Dank. Ich blättere weiter auf Seite 3:
Das Kleinod im Harz – Der Bürgermeister von Brockenstedt ist stolz auf seine Stadt.
Der Artikel ist eine Wucht:
Idyllisch schmiegt sich der Ort an den Berg. Wie durch ein Wunder verschont von den Wirren der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte. ‚Wir bieten den Touristen aus der ganzen Welt alles, was sie sich wünschen‘, sagt Bürgermeister Feuerstein.
Sehenswürdigkeiten rundherum: Auf dem Gipfel des Brockens der berühmte Wallfahrtsort mit dem Brunnen und der Kapelle der heiligen Walpurgis, nahe beim Hexentanzplatz. Bergwerke jeder Art. Tropfsteinhöhlen. Endlose unterirdische Stollen und Tunnel. Kaiser Barbarossas letzte Ruhestätte. Das Geheimnis um das Grab von Satanas. Erzählungen von Riesen und Kobolden. Kulturelle Veranstaltungen, Vereine und Vergnügungen aller Art. Erlesene Köstlichkeiten der Gastronomie. Harzer Roller und andere Sensationen in der Region.
Nächstes Jahr wird es zu alledem ein exklusives, ein einmaliges Event geben zur Walpurgisnacht, welches uns die Aufmerksamkeit der ganzen Welt sichert, verspricht das Stadtoberhaupt und lächelt geheimnisvoll.
Auf einem großformatigen Bild mit dem Untertitel ‚Tanz in den Mai‘ strahlen die frisch gewählte, berückend aparte Maikönigin, Meike K., 19 Jahre alt, und Stadtchef Harry Feuerstein, ohne Altersangabe, glücklich um die Wette. Text und Foto stammen von Miriam und Manfred Fiedler.
Die Maikönigin lobt die zum Brocken hinaufführenden Wanderwege, welche durch die herrliche Landschaft des Harzes und Gottes freie Natur geleiten. Der Bürgermeister erklärt:
‚Kein schöneres Land in dieser Zeit. Diese Stadt bietet alles, wovon Menschen träumen. Tag und Nacht. Tauchen Sie ein in die beflügelnde Sphäre der okkulten Geschichten und Legenden. Besuchen Sie unseren eindrucksvollen Erholungspark und den Märchenwald, gelegen zwischen Brockenbach und Brockensee, inmitten der schönsten Region Deutschlands und der Welt.‘
Es ist bodenlos, wozu Journalisten in der Lage sind. Der sogenannte Bericht ist eine einzige bezahlte Leuchtreklame.
Ich falte die Zeitung zusammen und lege sie auf die Tasche. Keine Lust auf Mord und Totschlag. Null Interesse an Werbetexten über meinen Heimatort. Ich kenne die Wahrheit. In der Realität sieht alles nüchterner aus. Ich bin ohne Illusionen, was in Brockenstedt auf mich wartet, und sehe nachdenklich aus dem Fenster.
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Reise nach Brockenstedt
Dienstag, 26. Mai
Zug
»Komm endlich nach Hause, Jürgen. Es wird Zeit. Ich brauche Dich hier.«
Geralds Stimme am Telefon klang ernst und dringlich. Er nannte keine Einzelheiten. Unnötig. Sein Anruf setzt mich in Bewegung. Er kommt mir gelegen.
Ich bin auf dem Weg, steige in Wernigerode um und sitze jetzt in der Brockenbahn, angetrieben von einer altmodischen Dampflok. Allzu lange dauert die Fahrt nicht mehr. Dann bin ich am Ziel: Ein neues Leben, erster Tag. Das ist mein Plan, unabhängig von Geralds Absichten.
In den Wagon ist eine Familie zugestiegen, sitzt schräg gegenüber auf der anderen Fensterseite, auf einer der zahlreichen Viererbänke, die durch den Gang getrennt sind. Der Vater nimmt ein Kleinkind, das mich ernst anschaut, auf seinen Schoß. Ich lächele es an.
Das Kind bleibt unbeeindruckt und schaut beharrlich recht streng her zu mir. Dann lehnt es sich doch mit dem Kopf zurück an die Brust seines Erzeugers, entspannt sich und fängt an zu quengeln. Der Mann öffnet ein Glas mit Brei, nach der Aufschrift bestehend aus Apfel und Birne, und füttert den Racker, der jetzt hörbar schmatzt, sich dem Löffel entgegenstreckt und vergnügt aussieht.
Die Mutter wirkt erschöpft. Sie sitzt leicht gebeugt ihrem Gefährten und dem Kleinen gegenüber. Zwei weitere, schon größere Kinder gehören offenbar zu ihnen, ein Junge und ein Mädchen. Sie springen durch den Wagen und stürzen sich auf die nur von einem Geländer umzäunte offene Plattform im Freien zwischen den einzelnen Wagons, um den Rauch und den Dampf der Lok während der Fahrt zu genießen.
»Seid vorsichtig.«
Die Eltern schauen ihnen nach. Etwas besorgt, aber mit einem Grinsen im Gesicht. Vermutlich sind sie froh, die beiden quirligen Quälgeister beschäftigt zu sehen.
Es ist beneidenswert, gemeinsam durchs Leben zu schreiten, oder?
Eine junge Frau mit Rucksack und Koffer spricht mich an:
»Entschuldigen Sie. Ich sitze lieber in Fahrtrichtung und bei Ihnen ist noch ein Platz frei, wenn Sie erlauben.«
»Selbstverständlich.«
»Danke.«
Wir lächeln uns an. Ihre Augen flimmern. Ihr Gesicht ist offen, wirkt freundlich und zielstrebig. Das dunkle Haar ist kurz geschnitten. Ein taffer Charakter, denke ich.
Sie wuchtet ihren Rucksack hoch in das Ablagefach über mir, zieht den Rollkoffer heran, setzt sich links neben mich auf den Sitz und sieht nach vorn. Sie zerrt eine Tageszeitung, eingeklemmt im seitlichen Griff des Trolleys, hervor. Es ist das hier in der Region populäre ‚Harzer Tagblatt‘. Sie blättert die großen Seiten der Zeitung vor ihrem Gesicht auf.
Ich fange von mir aus kein Gespräch an und schlage einen dicken Wälzer auf, extra für die Fahrt gekauft und seit heute früh wiederholt in der Hand, und lese:
Da erhob sich Satanas gegen die grausame Willkür Gottes und der Zorn des Herrn fuhr auf den Sohn herab und stieß diesen aus dem Himmel und durch die trübe Schicht der Luft hinab tief in die schattige und vollkommen leere Unterwelt, in die Einöde des Brockens, die finster war und wüst.
Was für ein Blödsinn, Entschuldigung, Gerald, lieber Freund. Der Text ist nach meiner Ansicht nur Humbug. Entnommen aus den Untiefen des Alten Testaments oder irgendwelchen abstrusen Schriften, die unter den Tisch fielen, weil sie den Kirchenvätern nicht in den Kram passten. Ich verliere einmal mehr die Geduld damit, klappe den Schmöker wieder zu und wende ihn hin und her.
Vorne auf dem Umschlag steht der Titel des Buches: ‚Satanas – Der unheimliche Held kehrt zurück‘. Verantwortlich für dieses Machwerk ist mein bester Freund, Dr. Gerald Müller, ein bekannter und renommierter Heimatforscher.
Wie heißt es auf der Rückseite zur Person des Autors: ‚Niedergelassener Arzt in seiner Heimatstadt Brockenstedt und einer der wenigen Forscher, die sich mit den Sagen und Mythen des Harzes befassen, spezialisiert auf die Gegend rund um den Brocken.‘
Dazu ein Foto von einem älteren, freundlich lächelnden Mann, der gelassen und nachdenklich wirkt.
So kenne ich meinen langjährigen Vertrauten. Gerald publizierte in den letzten Jahren schon einige Abhandlungen über die geheimnisvolle Welt des Harzes.
Er stieß auf das ‚Buch Satanas‘, wie der Klappentext verrät, erst vor Kurzem durch einen ungewöhnlichen Zufall. Es handele sich bei dem besagten ‚Buch‘ um eine altrömische Schriftrolle, die uralt und nur mit Mühe zu entziffern sei.
Entdeckt wurde sie auf einer von Geralds einsamen Wanderungen durch das wildromantische Elendstal, gelegen inmitten eines Gebiets unberührter Natur in der Stadtgemeinde Brockenstedt. Sie war versteckt zwischen Harzer Labkraut und Wald-Sauerklee unterhalb eines felsigen Steilhangs am Wegesrand.
Ich grinse. Der Gedanke ist zu drollig.
Gerald schreibt, der kostbare Gegenstand sei nahe dem sanft dahinplätschernden Brockenbach wie durch ein Wunder dem Erdreich entwachsen. Äußerlich unversehrt und im Sonnenlicht glänzend, aus der Unterwelt wieder auferstanden. Scheinbar zu dem Zweck, um in Geralds Hände zu gelangen und diesem die Veröffentlichung der ‚Wahrheit über Satanas‘ zu ermöglichen.
Witzig.
Der Autor behauptet, dass die aus dieser ominösen Schriftrolle gewonnenen Erkenntnisse nach einer Neubewertung zahlreicher kirchlicher Glaubenssätze verlangen.
Meinetwegen, ich bin nicht religiös.
Ziel des Buches ist, so denke ich, die Ehrenrettung des in meiner Heimat sagenhaften Bösewichts Satanas.
In der Region ist der Halunke überaus prominent, eine Attraktion, und überall gegenwärtig, nicht zuletzt in der Walpurgisnacht rund um den Brocken. Er kurbelt den Tourismus an. Viele Sehenswürdigkeiten sind mit seinem Namen verbunden, obwohl er früher über einen erbärmlich schauderhaften Ruf verfügte. Der ist in den letzten Jahrhunderten verblasst und verlor seinen einstigen Schrecken nahezu vollständig. Die Realität überholte Satanas.
Geblieben ist in dem Landstrich das dumpfe Gefühl von etwas Unerwünschtem und Gruseligem. Die Einheimischen erkennen in dem Schauer, der ihnen bei der Nennung des Namens leicht über den Rücken läuft, offenbar trotzdem die Basis eines Geschäftsmodells.
Sie locken damit Fremde an, die sich am Reiz und Zauber einer skurrilen Atmosphäre mit fliegenden Hexen erfreuen und ebenso für andere übernatürliche Erlebnisse begeistern, die aus diesem Grund in den besten Gasthäusern und Hotels einkehren und vor Ort großzügig Geld ausgeben.
Ich profitiere mit meinem verpachteten Hotelbetrieb selbst vom Fremdenverkehr und der zu dessen Belebung eigens erzeugten Propaganda. Deshalb: Satanas lebe hoch.
»Dürfen wir etwas trinken?«
Die zwei Kinder stehen bei den Eltern und versorgen sich mit Getränken aus Plastikflaschen. Sie schlucken heftig und düsen wieder zurück nach draußen zu Dampf und Qualm.
»Fallt nicht runter!«
Vergebene Liebesmüh. Kinder achten vermutlich nie auf Ratschläge, denke ich, und sehe nach links: Der kleine Knirps, in sich versunken, schläft an Vaters Brust. Sein Mund steht offen. Er sabbert vor sich hin. Ich schaue weg.
Mein Reiseziel ist Brockenstedt, laut Fahrplan eine knappe Stunde entfernt. Ich stecke das Buch zurück in die Tasche, das einzige mitgenommene Gepäckstück auf der Fahrt. Dann lehne ich den Kopf nach hinten an die Kopfstütze.
Brockenstedt? Ist es vernünftig, dorthin zu fahren, zurückzukehren in die alte Heimat, für den Rest meines Lebens? Zweifel bestehen, trotz Geralds Aufforderung heimzukehren.
Der Zug ruckelt und wird langsamer. Ich schüttele den Kopf, schließe die Augen und döse vor mich hin. Ein Lied kommt mir in den Sinn: ‚Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei.‘ Wir lernten das damals in der Schule. Deutschunterricht, 9. Klasse, Realschule. Renate und ich. Renate, meine erste große Liebe.
Wir beide saßen im Klassenzimmer in der vordersten Reihe bei der Lehrerin, unzertrennlich, ein Herz und eine Seele. Wir bummelten in der Pause und nach der Schule Seite an Seite überall hin, ohne Rücksicht auf die scheelen Blicke oder das blöde Gerede unserer Mitschüler:
»Guck mal, die zwei, die lieben sich.«
Ihr Gegacker ließ uns kalt.
Ein Paar, dem der Erdkreis zu Füßen liegt, so kam es mir damals vor. Ein Kindheitstraum: Unschuldig und blutjung, aus dem Nichts geboren. Erschaffen durch ein biologisches Wunder, das kein Mensch zu erklären vermag, von Hinweisen auf hormonelle Störungen einmal abgesehen.
Die rätselhafte Biochemie zweier unreifer Körper, die auf niemanden hören und sehen, außer auf sich selbst und die nur Flausen im Kopf haben. Die überzeugt sind, füreinander geschaffen zu sein.
Die Zukunft malte ich mir seinerzeit nach Belieben bunt aus: Wir zwei erobern die Welt. Nichts ist unmöglich. Ein unwirkliches Gefühl. Schade, dass diese Gefühlsregung nicht von Dauer ist und nur allzu schnell vorübergeht.
Die Sommerferien beendeten die Romanze abrupt.
Der Kopf nickt nach unten. Ich schrecke hoch und verdränge die hinterhältigen Gedanken an meine Schulzeit. Verdammt, es ist unmöglich, im Sitzen zu schlafen. Ich sehe aus dem Fenster der betulich dahin schleichenden Harzer Schmalspurbahn. Vierzig Minuten bis zum Ziel: Brockenstedt, Endstation, der letzte Halt des Zuges unterhalb des Brockens. Ankunft planmäßig um 14.59 Uhr auf Gleis 1. Es gibt nur dieses eine.
»Möchten Sie lesen?« Meine Sitznachbarin lächelt mich an und hält mir die Tageszeitung hin:
»Ich bin schon durch. Es ist vermutlich leichtere Kost als das Buch, das Sie vorhin gleich wieder wegsteckten.« Sie lacht.
»Danke.« Ich nehme die Zeitung:
»Wollen Sie im Gegenzug einen Blick in den Schinken werfen? Der ist zwar nicht mein Fall, aber womöglich begeistern Sie sich dafür.«
»Gern, ich finde das Cover reizvoll. Der Titel klingt vielversprechend.«
Ich hole das Druckwerk wieder aus der Tasche, gebe es ihr und frage:
»Wie weit fahren Sie?«
»Bis zur Endstation.«
»Das ist gut. Ich ebenso. Dann haben Sie Zeit zum Lesen.«
Ich vertiefe mich in die Zeitung meiner Nachbarin: Das ‚Harzer Tagblatt‘, die heutige Ausgabe, die Schlagzeile lautet:
Mädchenleiche in Höhle bei Bad Harzburg gefunden – seit 5 Jahren vermisste Maria B. (8) tot
Der Zug fährt schneller. Gott sei Dank. Ich blättere weiter auf Seite 3:
Das Kleinod im Harz – Der Bürgermeister von Brockenstedt ist stolz auf seine Stadt.
Der Artikel ist eine Wucht:
Idyllisch schmiegt sich der Ort an den Berg. Wie durch ein Wunder verschont von den Wirren der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte. ‚Wir bieten den Touristen aus der ganzen Welt alles, was sie sich wünschen‘, sagt Bürgermeister Feuerstein.
Sehenswürdigkeiten rundherum: Auf dem Gipfel des Brockens der berühmte Wallfahrtsort mit dem Brunnen und der Kapelle der heiligen Walpurgis, nahe beim Hexentanzplatz. Bergwerke jeder Art. Tropfsteinhöhlen. Endlose unterirdische Stollen und Tunnel. Kaiser Barbarossas letzte Ruhestätte. Das Geheimnis um das Grab von Satanas. Erzählungen von Riesen und Kobolden. Kulturelle Veranstaltungen, Vereine und Vergnügungen aller Art. Erlesene Köstlichkeiten der Gastronomie. Harzer Roller und andere Sensationen in der Region.
Nächstes Jahr wird es zu alledem ein exklusives, ein einmaliges Event geben zur Walpurgisnacht, welches uns die Aufmerksamkeit der ganzen Welt sichert, verspricht das Stadtoberhaupt und lächelt geheimnisvoll.
Auf einem großformatigen Bild mit dem Untertitel ‚Tanz in den Mai‘ strahlen die frisch gewählte, berückend aparte Maikönigin, Meike K., 19 Jahre alt, und Stadtchef Harry Feuerstein, ohne Altersangabe, glücklich um die Wette. Text und Foto stammen von Miriam und Manfred Fiedler.
Die Maikönigin lobt die zum Brocken hinaufführenden Wanderwege, welche durch die herrliche Landschaft des Harzes und Gottes freie Natur geleiten. Der Bürgermeister erklärt:
‚Kein schöneres Land in dieser Zeit. Diese Stadt bietet alles, wovon Menschen träumen. Tag und Nacht. Tauchen Sie ein in die beflügelnde Sphäre der okkulten Geschichten und Legenden. Besuchen Sie unseren eindrucksvollen Erholungspark und den Märchenwald, gelegen zwischen Brockenbach und Brockensee, inmitten der schönsten Region Deutschlands und der Welt.‘
Es ist bodenlos, wozu Journalisten in der Lage sind. Der sogenannte Bericht ist eine einzige bezahlte Leuchtreklame.
Ich falte die Zeitung zusammen und lege sie auf die Tasche. Keine Lust auf Mord und Totschlag. Null Interesse an Werbetexten über meinen Heimatort. Ich kenne die Wahrheit. In der Realität sieht alles nüchterner aus. Ich bin ohne Illusionen, was in Brockenstedt auf mich wartet, und sehe nachdenklich aus dem Fenster.
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