Das Kristallzepter

Das Kristallzepter

Désirée Rickenbacher


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 454
ISBN: 978-3-99131-049-5
Erscheinungsdatum: 20.12.2022
Miriya ist eine einsame junge Frau. Ihr Dorf verachtet sie und sie hat keine Freunde außer ihrem treuen Einhorn. Doch das alles ändert sich schnell, als der Kommandant der Palastwache mit einem besonderen Auftrag zu ihr kommt.
Kapitel II - Von fremden Reitern

„Ihr werdet dieses Mädchen suchen, bis ihr es gefunden habt. Wir sind ganz bestimmt nicht vergebens gekommen“, sagte der fremde Reiter mit Nachdruck. Er warf der unsympathischen, alten Hexe, die wie eine übergroße Krähe im Türrahmen stand, einen drohenden Blick zu, der sie zusammenzucken ließ, als hätte er ihr stattdessen eine Ohrfeige gegeben.
„Wir behalten uns vor, hier zu warten, bis Ihr das Mädchen gefunden habt“, wandte er sich nun an Gildo, der zutiefst unglücklich mit der Entwicklung der Dinge zu sein schien.
„Natürlich. Wir werden Euch und Euren Männern das Gästehaus richten“, antwortete er und beugte den Kopf, während der Reiter an ihm vorbeitrat.
„Sie ist nicht hier. Wir warten“, wies er die wartenden Männer an. Schon kurze Zeit später waren die Pferde abgeschirrt und mit Heu und Wasser versorgt und die Männer der Palastwache bezogen ihr Lager im Gästehaus. Die Bewohner Ke-Indas sahen die Fremden, die so plötzlich aufgetaucht waren und nach dem Waisenmädchen suchten, nur mit schrägen Blicken scheu an.

Miriya wachte auf, weil sie Wassertropfen auf ihrem Gesicht spürte. Sie öffnete die Augen und schaute in einen sturmgrauen Himmel, in dem der Wind weiße Wolkenfetzen vor sich hertrieb wie verirrte Schafe. Es regnete große Tropfen. Sternensilber stand unter einem Felsvorsprung und wieherte leise. Miriya schlüpfte ebenfalls unter das natürliche Regendach, kurz bevor der Himmel seine Schleusen öffnete und einen wolkenbruchartigen Regenfall niederprasseln ließ. Riesige Tropfen landeten klatschend auf Bäumen und Farnwedeln und wühlten die glatte Oberfläche des Sees auf. Kleine Wellen rollten plätschernd gegen das Ufer. Die Wolkenfetzen hatten sich unterdessen zu riesigen, schwarz-grauen Wolkentürmen zusammengeschlossen. Ein verästelter Blitz durchzuckte plötzlich den tobenden Himmel, für einen Herzschlag war alles in ein unheimliches, grelles Licht getaucht. Donner grollte dröhnend seine Antwort auf den Blitz. Der Boden schien zu beben, das Savannengras wogte und bog sich fauchend im schneidenden Wind. Elfen schwirrten panisch umher. Für Geschöpfe ihrer Größe waren die Regentropfen brutale Geschosse, wurden sie davon getroffen, konnten sie abstürzen oder gar erschlagen werden. Die meisten hatten sich rechtzeitig unter Felsvorsprüngen und in dichten Baumkronen verkrochen, doch einige, vom Nektarduft der Blumen wie berauscht, waren sitzengeblieben und vom Regen überrascht worden. Miriya beobachtete mit Respekt das unheimliche Naturschauspiel. Sie hielt sich die Ohren zu und drückte sich gegen Sternensilbers wärmende Flanke. Der Hengst hatte seine empfindlichen Ohren angelegt, schien aber nicht übermäßig beunruhigt. Plötzlich rollte ein gigantischer Blitz mit einem scharfen, sirrenden Geräusch übers Firmament und schlug krachend irgendwo in der Richtung ein, in der sich Ke-Inda befand. Miriyas Herz schien einen Schlag auszusetzen. Bei allen negativen Gefühlen, die das Einhornzüchterdorf in den letzten zwei Sommern seit dem Tod ihrer Eltern in dem Mädchen entfacht hatte, so war es doch ihre Heimat, in der sie glückliche Stunden als Kind und junge Erwachsene verlebt hatte. Auch waren ihr die Einhörner keineswegs gleichgültig. Sie stand da wie betäubt, mit offenem Mund, die Hände immer noch über ihren Ohren und sah hilflos zu, wie der schwarze Rauch eines lodernden Feuers sich in den sturmgrauen Himmel schraubte. Sie musste sich unbedingt vergewissern, dass niemandem, ob Mensch oder Tier, etwas geschehen war.

Die Dorfbewohner hatten alle Hände voll zu tun. Ein riesiger Blitz war fauchend in einen der Ställe gefahren und hatte ihn angezündet. Verletzt oder tot war glücklicherweise niemand, nicht einmal ein Einhorn. Schnell bildeten die Einhornzüchter im Regenschauer eine Kette zum Dorfbrunnen und reichten sich Holzeimer voll Wasser, um die Flammen zu bekämpfen. Die Männer der Palastwache behielten die Lage im Auge, schienen aber vorerst nicht gewillt, ins Geschehen einzugreifen. Ihr Kommandant stand mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen gelehnt da und beobachtete das geschäftige Treiben mit hochgezogenen Augenbrauen, sein Vizekommandant stand neben ihm und stopfte eine kleine, elegant geschwungene Pfeife. Die Einhörner bockten, stiegen auf die Hinterbeine und wieherten schrill und ängstlich. Sie gebärdeten sich wie toll, während die Reittiere der Palastwache sich nach einem anfänglichen Schockmoment beruhigt hatten und jetzt ruhig dastanden und Regen und Wind trotzten. Als die Lage aussichtslos wurde, befahl der Kommandant der Palastwache dann doch, dass man den Dorfbewohnern aushelfen solle. Schweigend bildeten sie eine zweite Kette und bekämpften den Brandherd von einer zweiten Seite. Das Feuer brannte trotz des starken Regens munter weiter und frass sich geschäftig durch Strohdach und Holzbalken des Stalles. Der starke Wind verteilte glühende Aschefetzen und plötzlich stand auch Hinayas Hausdach in Flammen. Die dürre Frau sprang schreiend herum und kreischte um Hilfe, was dem Anführer der Palastwache trotz allem Anstand und aller Zurückhaltung ein kurzes Grinsen entlockte. Die unsympathische Alte sah erneut wie eine übergroße, gerupfte Krähe aus, die orientierungslos herumhüpfte und allen im Weg stand. Gegen Abend hörte der Regen auf, der Wind nahm ab und die Wolken teilten sich, um der tiefstehenden Sonne einen Blick auf die verkohlten Überreste des Stalles und Hinayas Hauses zu gewähren. Zwei weitere Häuser waren ein Opfer der Flammen geworden, selbst mit tatkräftiger Hilfe der Palastwache hatte man dies nicht verhindern können. Wehklagend standen die Besitzer der Häuser vor den Ruinen und sammelten das zusammen, was sie aus dem Flammenmeer hatten retten können. Am lautesten klagte das alte Weib. Sie rang sich die Hände und schluchzte trocken. Die Luft war nun kühl und klar, wie vom Gewitter gereinigt und roch leicht salzig. In Ka-Nuya wagte man sich aus den Schlupfwinkeln. Miriya sprang kurzentschlossen auf Sternensilbers Rücken und lenkte ihn durch die regennasse, leicht dampfende Savanne. Der Teich, bei dem sie letzte Nacht auf den Schattenwolf getroffen war, hatte das umliegende Ufergebiet überflutet und sah schlammig und aufgewühlt aus. Sternensilber fiel in seinen weichen, wiegenden Schritt und sie näherten sich langsam dem Dorf der Einhornzüchter.

Hinaya war schluchzend vor den verkohlten Überresten ihres Häuschens zusammengebrochen. Jegliche Hoffnung auf Rettung hatte sie verlassen, als sie gesehen hatte, dass nicht einmal die Männer der Palastwache etwas gegen die Flammen in ihrem Häuschen hatten ausrichten können. Nun standen sie neben der wehklagenden Frau und musterten diese etwas abschätzig. Strikt dazu ausgebildet, in Notsituationen nicht die Nerven zu verlieren, konnten sie das Verhalten der älteren Person nicht nachvollziehen oder billigen. Die anderen Familien, die ihre Häuser verloren hatten, hatten sich längst gefangen und begonnen, alles, was sie hatten retten können in die zur Verfügung gestellten Übergangsunterkünfte zu verfrachten. Die Reiter hatten ihr Bestes getan und das Feuer schließlich zähmen können. Es hatte eine Weile gedauert, aber schlußendlich hatte man gemeinsam alle Brandherde auslöschen können. Nun standen die Dorfbewohner von Ke-Inda fassungslos um die verkohlten Überreste dessen, was am Morgen noch hübsche Holzhäuser mit sorgfältig angebrachten Strohdächern gewesen waren. Während die Einhornzüchter sich in erster Linie darauf konzentrierten, den Betroffenen zu helfen, sich um die verstörten Einhörner zu kümmern oder das Ausmaß der Schäden abzuschätzen, wandten sich die Blicke der Palastwache einer plötzlichen Eingebung folgend ab von der Zerstörung, hinaus auf die Ebene jenseits der Umzäunung, die das Dorf umschloss. Nachdem das von der Sonne erhitzte Gelände durch den Regen merklich abgekühlt worden war, zogen nun glitzernde Nebelschwaden auf. Das Sonnenlicht der tiefstehenden Sonne filterte durch die Nebelfetzen und ließ sie milchig verschwimmen. Plötzlich wandten sämtliche Pferde und viele Einhörner ihre Köpfe, die Ohren gespitzt, die Nüstern witternd in die Luft gestreckt. Die lärmigen Aufräumarbeiten und das geschäftige Treiben im Dorf kamen zum Erliegen, als alle auf einmal still wurden. Umrisse zeichneten sich in den Nebelschwaden ab, langsam schälten sich Formen daraus hervor. Ein wildes Einhorn schritt in majestätischer Erhabenheit auf das Dorf zu. In die lange Mähne waren Amulette, farbige Bänder, kleine Glöckchen, die kaum hörbar waren und Zöpfchen mit Federn eingeflochten. Das sanfte, durch die Nebelschwaden gedämpfte Licht ließ das silberne Horn leuchten. Die Männer der Palastwache standen wie versteinert, die Dorfbewohner staunten mit offenen Mündern. Auf dem Rücken des wilden Einhorns wurde die zierliche Gestalt eines Mädchens sichtbar. Sie saß stolz, hoch aufgerichtet mit kerzengeradem Rücken ruhig und selbstsicher ohne Sattel und Zaumzeug auf dem mächtigen Tier. Ihre bronzebraune Haut schimmerte golden im Licht der untergehenden Sonne, das seidig schimmernde blau-schwarze Haar war auf die gleiche Weise verziert wie die Mähne ihres Reittieres. Ein Raunen ging durch die Menge, als Miriya das Gatter passierte und von Sternensilbers Rücken glitt. Das Einhorn hielt sich dicht hinter ihr, so dicht, dass sie die Wärme seines Körpers auf ihrem Rücken spüren konnte. Die Männer der Palastwache verneigten sich leicht. Ihr Kommandant trat vor und wollte etwas sagen, doch Hinaya, die sich bei Miriyas Anblick wieder gefasst hatte, schnitt ihm kreischend das Wort ab.
„Was fällt dir eigentlich ein, einfach so auf deinem verfluchten Einhorn zu verschwinden?! Das wird Konsequenzen haben, du –“ Ihre Schimpftirade wurde vom Anführer ungeduldig im Keim erstickt, als er die Alte bestimmt zur Seite schob, weg von dem hübschen Mädchen. Sie sah ihn erstaunt aus großen, dicht bewimperten Augen an. Alles schwieg und starrte Miriya an.
„Du musst Miriya sein“, sagte der Kommandant. Seine Stimme hatte einen angenehmen, wenn auch ein wenig heiseren Klang und die sanfte Bestimmtheit, mit der er sprach, wies darauf hin, dass er es gewohnt war, dass seinen Befehlen Folge geleistet wurde.
„Mein Name ist Keyan und ich komme aus Kirk-Wana, der Hauptstadt. Königin Raika schickt mich, dich zu ihr zu geleiten“, fuhr der hochgewachsene, breitschultrige, junge Mann fort. Er beugte kurz den Kopf zum Gruß. Seine Wortwahl und sein Tonfall ließen keine Zweifel daran, dass Miriya keine Wahl blieb, als ihn zu begleiten. Er schien in ihren Augen einen Anflug Widerwillen zu erkennen.
„Morgen werden wir aufbrechen. Und du wirst mit uns nach Kirk-Wana kommen“, fügte er mit Nachdruck hinzu. In den braunen Augen des Mädchens tauchte ein belustigtes, herausforderndes Funkeln auf. Als Kommandant der Palastwache wagten nicht viele Menschen es, Keyan so kühn in die Augen zu schauen und obwohl sie sich eben erst begegnet waren, kam er nicht umhin, von ihr fasziniert zu sein. Ihre singende, dunkle Stimme durchbrach seine Gedanken und er merkte erstaunt, dass er abgeschweift war.
„Und was will Ihre Majestät Königin Raika von mir?“, wollte Miriya wissen. Ihre Augen fixierten seinen Blick und obwohl sie ihm nur bis knapp an die Nasenspitze reichte, hatte er das Gefühl, dass sie auf Augenhöhe sprachen.
„Das hat Ihre Majestät mir nicht offenbart. Es schien Ihr wichtig zu sein, dass wir dich so schnell wie möglich finden und zu Ihr bringen“, antwortete er schließlich. Ein Anflug von Misstrauen glitt über ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen. Ihr Einhorn schüttelte leicht den herrlichen, gehörnten Kopf. Sie schien ihre Optionen sorgfältig abzuwägen. Keyan hielt unwillkürlich die Luft an, bis sie endlich kurz nickte.
„Dann sollten wir Ihre Majestät wohl nicht mehr warten lassen“, sagte sie schlicht und er, der Kommandant der Palastwache, spürte verwundert, dass sie ihn soeben aus ihrem Gespräch entlassen hatte. Gertenschlank und biegsam wie Schilf im Wind stand sie einen Augenblick reglos vor ihm, dann drehte sie sich ihrem Einhorn zu und flüsterte ihm leise Worte zu, die selbst Keyan, der direkt vor ihr stand, nicht zu hören vermochte. Das Einhorn wieherte leise und schnaubte so rau, dass den umstehenden Menschen eine Gänsehaut über den Rücken fuhr. Sternensilber hob den Kopf und blickte Keyan forschend an, als der junge Mann Miriya mit einer Geste einlud, ihm zu folgen. Dem wachen Auge des Kommandanten entging nicht, wie Hinaya Miriya hasserfüllt anblickte. Er beugte sich kaum merklich vor und sagte leise: „Wenn diese Hexe Hand an dich anlegt, kann sie was erleben.“
Da wandte das Mädchen ihm ihr hübsches Gesicht zu und grinste ihn an. Keyan erwiderte das Grinsen. In dieser Nacht schlief Miriya zusammen mit den Männern der Palastwache im Gästehaus, neben dem Feuer, das die Reiter aus Kirk-Wana zum Kochen geschürt hatten. Während der Feuerschein die blauen Reflexe in ihrem Haar tanzen ließ, schlief sie friedlich dicht an Sternensilber gepresst, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seiner Schwester in das Haus zu folgen. Die Männer musterten respektvoll das Mädchen, das es geschafft hatte, sich ein wildes Einhorn zum Freund zu machen.

Am nächsten Morgen zogen Nebelschwaden dicht über dem Savannengras dahin, man sah kaum bis zum anderen Ende des Dorfes. Die Sonne leuchtete fahl und gedämpft durch eine dichte Wolkenschicht und tauchte deren Ränder in goldenes, dunstiges Licht. Schon früh am Morgen, als es noch dunkel gewesen war, hatte Keyan sowohl seine Männer wie auch Miriya geweckt. Das Mädchen fand sich etwas verwirrt auf hartem Boden vor, jemand hatte ihr im Laufe der Nacht seinen Umhang als Decke überlassen und der weiche, warme Stoff fiel schwer von ihren Schultern, als sie sich benommen aufrichtete. Sternensilber blies ihr als Morgengruß freundlich seinen warmen Atem ins Gesicht. Miriya hob den schweren Umhang auf und blickte sich fragend um.
„Du hast mit den Zähnen geklappert“, erklärte ein Mann, der in der allgemeinen Geschäftigkeit des Aufbruchs plötzlich neben ihr auftauchte. Er hatte die aschblonden Haare im Nacken mit einem Lederband zusammengefasst und seine kornblumenblauen Augen funkelten lustig, während er den dargebotenen Umhang an sich nahm und ihn sich wieder um die breiten Schultern schlang.
„Habt Dank“, meinte Miriya. Dann kam Keyan und drückte beiden je eine Schüssel mit dampfendem Inhalt in die Hand. Es stellte sich als eine Art Brei heraus, der würzig und scharf war und jegliche Schläfrigkeit vertrieb. Miriya war sich indessen nicht sicher, ob sie dieses Lebensmittel wirklich mochte. Keyan bemerkte ihren skeptischen Blick und musste ob der krausgezogenen Nase unwillkürlich grinsen.
„Soll sehr gesund sein“, meinte er bloß und nahm dem Mädchen, das ihn zweifelnd anblickte, die leere Schale aus der Hand.
Als die Sonne es endlich geschafft hatte, sich durch die Wolken zu arbeiten, brachen die Männer der Palastwache auf. Miriya schloss sich ihnen ohne Umschweife an. Im Einhornzüchterdorf bleiben kam für sie ohnehin nicht in Frage und wenn die Königin sie sehen wollte, würde sie sich wohl oder übel an den Hof begeben müssen, ungeachtet der mysteriösen Umstände. Verweigerung würde nicht geduldet werden. Miriya ritt wie gehabt ohne Sattel und Zaumzeug auf Sternensilber. Keyan hatte sie geheißen, neben ihm zu reiten. Die anderen elf Reiter ritten in kleinen Gruppen hinter ihnen, sprachen, lachten und scherzten ungezwungen miteinander und waren doch wachsam. Miriya, die sich die Palastwache immer als ernste, schweigsame, strenge Zeitgenossen ohne Humor und Persönlichkeit vorgestellt hatte, musste überrascht ihre Vorurteile revidieren, als sie sah, wie locker und doch diszipliniert die Männer sich verhielten. Die meisten wollten von Miriya auch nicht mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln und Respektsbekundungen angesprochen werden, sondern bestanden auf informellen Umgangsformeln. Miriya war das nur recht, sie konnte mit der blumigen, unterwürfigen Sprache bei Hofe wenig anfangen und störte sich auch nicht daran, dass alle sie mit ihrem Namen und „du“ ansprachen.
Die Nebelschleier schienen sich vor dem bläulich-weißen Wildeinhorn und dem prächtigen Rappen, den Keyan ritt, zu teilen. Ab und an drangen nun Sonnenstrahlen durch die Wolkenwand. Miriya konzentrierte sich auf Sternensilbers Horn, das die gelegentlichen Strahlen schimmernd brach und regenbogenfarbig zurückwarf. Der nachtschwarze Rappe mit dem seidigen Fell neben ihr schien ob des Einhorns nicht im Geringsten aus der Ruhe gebracht zu sein. Anmutig trug er seinen Reiter mit gleichmäßigen, weichen Schritten durch das Nebelmeer. Während Keyans Männer weiterhin fröhlich schwatzten und einander derbe Scherze zuriefen, ritten der Kommandant und das Mädchen schweigend nebeneinander her. Gegen Nachmittag verflüchtigen sich die Nebelschwaden endgültig und gaben den Blick frei auf In-Nuya, den riesenhaften Gebirgszug. Wie eine gewundene, graue Wand schlängelte er sich dahin und hatte scheinbar keinen Anfang und kein Ende.
„Überqueren wir In-Nuya?“, brach Miriya neugierig das Schweigen. Sie war noch nie so weit weg von Ke-Inda gewesen und alles fühlte sich neu und aufregend an. Für sie bestand das Land Kirk-Wana aus weiten Ebenen mit smaragdgrünen, kniehohen Wiesen, dichten Wäldern, mit Seen, Tümpeln und Flüssen, mit Schilfwäldern und Schluchten wie Ka-Nuya. Der Anblick friedlich grasender Einhörner gehörte für sie ebenso dazu, wie der Anblick der auf ihre Holzstöcke gestützten Hirten, die sich leise miteinander unterhielten, sich mit Schnitzereien beschäftigten oder vor sich hindösten. Nun würde sie also ein ganz anderes Kirk-Wana kennenlernen. Und nicht zuletzt die Hauptstadt Kirk-Wana, die viele Einhornzüchter nicht ein einziges Mal in ihrem Leben besuchten.
„Ja. Wir werden über den In-Kara gehen“, bestätigte Keyan und als er Miriyas blanke Miene sah, fügte er erklärend hinzu, „das ist einer der tiefer gelegenen Gebirgspässe und er liegt am nächsten.“ Das war das erste Mal seit ihrem Aufbruch, dass sie ein Wort miteinander gewechselt hatten.
In-Nuya war für die Bewohner Kirk-Wanas kein Hindernis. Viele der Gebirgspässe waren gut passierbar und man konnte innerhalb von zwei bis drei Tagen auf der anderen Seite sein. In-Kara war ein Pass, der zumeist von Handelsleuten benutzt wurde. Es bestand ein reger Austausch an Gütern zwischen den verschiedenen Besiedelungen und Bevölkerungsgruppen. Ke-Inda bildete eine Ausnahme, da dessen Bewohner auf das Züchten von Einhörnern spezialisiert waren, die kein Alltagsgut, sondern einen Luxus darstellten und dementsprechend nur an reiche Leute, meist an den Adel, verkauft wurden. Die Gebirgspässe waren der kürzeste Weg, um von der einen auf die andere Seite zu gelangen. Ein wesentlich längerer Weg führte entlang des Gebirgszuges bis ans Meer, wo man auf die andere Seite gelangen konnte. Es gab auch ein paar Wege, die unter dem Gebirge hindurchführten, die meisten davon vor langer Zeit von fleißigen Zwergen aus dem Stein gehauen. Doch in den meisten Fällen entschlossen sich die Reisenden für die Gebirgspässe, wo die Luft frisch und rein war und man die großartige Aussicht genießen konnte.
Gegen Abend kam die Gruppe um Keyan und Miriya am Fuße von In-Nuya an. Die Reittiere verlangsamten ihre Schritte, als sich alle um ihren Kommandanten sammelten.
„Reiten wir durch oder lagern wir hier?“, wollte einer der Männer wissen.
„Wir dürfen Ihre Hoheit Königin Raika nicht länger als notwendig warten lassen“, meinte Keyan und die Männer nickten zustimmend und trieben die Pferde wieder an. Den ganzen gewundenen Weg entlang waren in gleichbleibenden Abständen Fackeln an den Steinwänden angebracht. Händler mit kleinen Holzwägen, vor die Pferde oder Maulesel gespannt waren, kamen ihnen entgegen oder wurden von der Gruppe überholt. Sternensilber zog viele erstaunte Blicke auf sich, überall drehten sich Menschen nach dem wilden Einhorn um, das gleichmäßigen Schrittes neben dem prächtigen Rappen herging, der dem Einhorn in Schönheit und Anmut in nichts nachstand.
„Du musst der einzige Mensch in ganz Kirk-Wana sein, der ein wildes Einhorn seinen Freund nennen kann. Wie hast du das angestellt?“, wollte Keyan wissen und in seiner Stimme schwang eine unerwartet kindliche Neugier mit. Er mag vermutlich nicht viel älter sein als ich, dachte sie erstaunt. Sein selbstsicheres Auftreten und die hochgewachsene, breitschultrige Statur ließen ihn nur merklich älter wirken.
„Ich habe Sternensilber als Fohlen gefunden. Er war schwer verletzt und fast verhungert. Ich kümmerte mich um ihn und als er gesund und kräftig war, blieb er einfach bei mir“, erzählte Miriya. Sternensilber schien zu ahnen, dass ihr Gespräch von ihm handelte, denn er drehte die Ohren aufmerksam in ihre Richtung und neigte leicht den Kopf. Das Mädchen legte eine Hand an seinen Hals.
„Kurz um den letzten Vollmond nahm ich ihn mit nach Ke-Inda.“ Sie seufzte leise und wehmütig. „Ich dachte, die Dorfbewohner würden ihn akzeptieren. Schließlich ist er nicht viel anders als die Zuchteinhörner. Aber ich vergass –“
Sie brach plötzlich ab und wandte den Kopf. Keyan sah sie fragend an. In ihren sanften, braunen Augen schimmerten Schmerz und Trauer.
„Du brauchst nicht darüber zu sprechen, wenn du nicht möchtest“, hörte er sich sagen, obwohl die Neugierde ihn gepackt hatte.

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