Belletristik

Das Geheimnis der Muschel

Norbert W. Binke

Das Geheimnis der Muschel

... neugierig auf Geheimcode H4m

Leseprobe:

Kapitel 1 - Erinnerungen

Sarah war heute überaus früh im Wattenmeer unterwegs, denn sie konnte einfach nicht schlafen. Obwohl sie ein Schlafdefizit hatte, ging ihr noch so viel im Kopf herum. So war sie bei leichtem Nieselregen bereits am frühen Morgen im Watt, um die frische Nordseeluft in sich hineinzuziehen. Das Wattenmeer war für sie stets etwas ganz Besonderes, zumal sie dabei leidenschaftlich nach Muscheln Ausschau hielt und das bis zum heutigen Tage. Sie sammelte sie in den unterschiedlichsten Größen und Farben und so wurde dieser Morgen gleichzeitig wieder eine Reise in ihre Vergangenheit. In ihrem rot-gelb gestreiften Friesennerz wurde sie schon von Weitem gesehen. Dieser Tag begann trübe und regnerisch, grau in grau wie so oft an der Küste. Den Südwester hatte sie tief ins Gesicht gezogen. Er verdeckte ihre roten Wangen. Sie hatte sich vorgenommen, diesmal das Büsumer Wattenmeer zu durchstreifen, um weiter zu erkunden, ob es eine Überraschung für sie parat hätte oder etwas für sie dabei wäre.
Schon als Kind liebte sie es, nach Muscheln Ausschau zu halten, vor allem dann, wenn ihr Vater sie dabei aufklärte, was sie alles so gefunden hatte. Diese Streifzüge in die für sie so unbekannte Welt gingen ihr nie mehr aus dem Kopf. Sie machten stets den gemeinsamen Urlaub mit ihren Eltern und den jüngeren Zwillingsbrüdern zu etwas ganz Besonderem. Ihre Neugier wurde immer größer, je öfter sie auf Entdeckungstour ging. Einmal etwas Außergewöhnliches zu finden, trieb sie an. So blieb es nicht aus, dass sie, wo immer sie auch war, Muscheln sammelte und von überallher mitbrachte. Diese Mitbringsel dekorieren noch immer ihr Zimmer im Elternhaus in Blankenese. Ihr innerer Drang war bis heute stets latent präsent und auf keinen Fall befriedigt und so suchte sie auch heute weiter.
Diesen spontanen, überfälligen Kurzurlaub hatte sie bitter nötig nach all den nächtelangen Sitzungen im Büro in den letzten Wochen. Sie wollte einfach nur abschalten und wieder einmal hinter ihren Kinderträumen her jagen. Immer wieder suchte sie nach dieser geheimnisvollen Muschel und wollte sie finden. Es hatte sie schon als Kind fasziniert, von solchen geheimnisvollen Dingen zu träumen. Dieser übersinnliche Bann war stark in ihr verwurzelt und ließ sie nie wieder los.
Als sie dann auch noch das Buch über Robinson Crusoe gelesen hatte, gab es für sie kein Halten mehr. Sie spürte ständig in sich dieses Gefühl, eines Tages werde sie etwas finden, was von großer Bedeutung für sie sein würde. Diese unbewusste Intuition sollte ihr Leben völlig verändern und würde ihr sonst so geordnetes Dasein komplett auf den Kopf stellen.
Sie wollte hier und heute, an diesem besonderen Ort ihrer erlebnisreichen Kindheit, regenerieren und neue Kraft tanken. Sarah hatte sich deshalb vorgenommen, in Büsum einfach total abzuschalten. Sie wollte sich nur treiben und ihre Seele baumeln lassen. Die letzten beiden bearbeiteten Rechtsfälle hatten sie ganz schön geschlaucht und an ihre physische Grenze getrieben. Die Mühe war es aber wert gewesen, denn es hatte sich für sie ausgezahlt. Jetzt gehörte die Firma ihr ganz allein.
Der noch verbliebene Partner ihres Vaters, zu dem Sarah-Rachel ein ganz besonderes Verhältnis hatte, bewunderte sie über alle Maßen. Er war der Zahlenmensch an der Seite von ihrem Dad gewesen. Die beiden hatten die Firma aufgebaut und zu dem gemacht, was sie heute ist. Er hatte sich nach 45 Jahren endgültig aus der Firma verabschiedet, was ihm nicht leichtgefallen war. Als Mitgesellschafter hatte er immer ein großes Interesse daran gehabt, dass die Zahlen in dieser schnell wachsenden Firma stets stimmten. Ihr Vater hingegen war der kreative Kopf und das Gehirn dieser Unternehmung gewesen, der, wie er öfters schmunzelnd sagte, auch einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen könne.
Sarah-Rachel Wiran war 32 Jahre alt, in Hamburg geboren und jetzt schon Eignerin einer gut am Markt positionierten Firma für Mikroelektronik. Diese Hightech-Schmiede entwickelte, produzierte und verkaufte technisch hochwertige und innovative Produkte für die Wehr- und Überwachungstechnik. Gerade der Bereich Überwachungstechnik (ÜT) nahm eine Schlüsselstellung innerhalb der Firma ein, an der auch Rachels Herzblut hing.
Das absolute Highlight bildete das neue, von Sarah konzipierte radargesteuerte Zielsuchgerät. Es kam an der neuesten Generation ihrer derzeitigen Version von Tarnkappendrohnen zum Einsatz. Diese fortschrittliche und zukunftsweisende Zielsucheinheit war „State of the art“ und weckte Begehrlichkeiten. Sie war technologisch gesehen unschlagbar und nicht zu knacken, worauf Sarah besonders stolz war. Diese Einzigartigkeit bot natürlich auch Ansatz für Spionageaktivitäten. Ihre Firma musste ständig auf der Hut sein vor solchen Spionageangriffen, was oft das Los von Marktführern ist, wenn sie Sicherheit unterschätzen und kein Augenmerk darauf legen.
Ihr Vater war schon etwas besonders und überaus ehrgeizig, aber Rachel setzte noch einen drauf. Schon vor dem Studium besaß sie bereits drei Patente aus der Mikroelektronik, die ihr Vater aber nicht so richtig wertschätzte. Sie waren ihrer Zeit weit voraus und für ihren Vater nicht zeitnah genug. Die Bauelemente dafür gab es damals noch gar nicht am Markt zu kaufen. Das sollte sich schon bald ändern. Aber Sarah-Rachel glaubte an das, was sie da entdeckt und entwickelt hatte und an den Weg, den sie gehen wollte. Ihr Credo war nämlich:

„In der Einfachheit liegt die Genialität eines Produktes.“

Da ihr Vater große Stücke auf seine technikbesessene Tochter hielt, war für ihn klar, dass sie in die Firma irgendwann mit einsteigen würde. Er hatte immer ein waches Auge auf das, was sie machte, denn seine Intuition sagte ihm, dass seine Rachel es weit bringen würde. Er schätzte besonders ihre Fähigkeiten und die Kreativität, wie sie miteinander verschmolzen zu dem, was diese Firma ausmachte, nämlich der Zeit weit voraus zu sein. Sarah ihrerseits genoss es, überaus früh an der langen Leine ihres Vaters zu agieren. Diese Freiheit ebnete ihr den Weg zum Erfolg.
Für Sarah-Rachel lief alles wie aus dem Bilderbuch. Sie studierte Mikroelektronik in Deutschland und begann danach ein Zweitstudium in Toulouse in Frankreich. Am ISAE-Institut Supérieur de l’Aéronautique et de l’Espace absolvierte sie ihren (MSc GNSS) – Master of Science in Global Navigation Satellite System. Zurück in Deutschland promovierte sie dann noch in Mikroelektronik.
Sarah und ihre Zwillingsbrüder wurden dreisprachig erzogen. Ihre Mutter sorgte dafür, dass ihre Kinder neben Deutsch auch die englische und hebräische Sprache beherrschten. Sie war eine kosmopolitisch ausgerichtete Frau. Sarah war das wie immer nicht genug und so hatte sie Französisch als Leistungsfach belegt. Die Entscheidung sollte sich für sie mehr als einmal auszahlen. Sie hatte somit auch kein Problem während der Zeit in Toulouse.

Nach der Promotion und den zwei Jahren bei der ESA war sie nicht mehr zu bremsen. Sie stieg in die Firma ihres Vaters mit ein. Ihre Kreativität kannte keine Grenzen und so blieb es nicht aus, dass sie sich weitere Patente erarbeitete und diese in ihre Produkte, die sie entwickelte, einfließen ließ. Die meisten dieser Patente fanden ihre Anwendung in den neuen ÜT-Produkten, die diese so begehrenswert machten. Der Clou dieser Produkte lag in der Miniaturisierung und Robustheit, was die Kunden stets schätzten. Sarah katapultierte sich mit ihren entwickelten Produkten in die Weltliga, denn ihre Patente stellten das Nonplusultra in der Mikroelektronik dar. Vor allem die scharfe Bilderkennung und -auflösung sowie deren schnelle Auswertung waren das Herzstück. Die Mikroelektronik machte das möglich und die beherrschte Sarah. Sie erntete endlich auch die Anerkennung ihres Vaters, was sie freute und auch stolz machte.
So, wie sie sich für Muscheln interessierte, begeisterte sie sich für jede Idee, die ihr Vater skizzierte und sie umsetzte. Oft sagte sie mit etwas Ironie zu ihm:

„Was du in der Vergangenheit entwickelt hast, ist im Vergleich als schwerer Maschinenbau anzusehen. Heute passt so etwas mühelos auf ein Substrat (Miniatur Leiterplatte).“

Ihr Vater war immer ihr großes Vorbild gewesen und zeigte schon in jungen Jahren seinem Mädchen, wie man lötet, Schaltpläne erstellt und liest. Mit sieben Jahren baute sie ihr erstes Transistorradio, auf das sie noch heute unglaublich stolz ist. Diese erste Arbeit nahm einen ganz besonderen Platz in ihrem Büro ein. Nicht ohne Grund, denn alles, was mit Naturwissenschaft zu tun hatte, lockte sie aus der Reserve. Rachel war regelrecht besessen von dieser nicht fassbaren und unbekannten Welt und das auch noch als Frau. Nicht nur, dass sie in Mikroelektronik promoviert hatte, sie war obendrein auch noch ein wahres Verkaufsgenie. Diese beiden Talente hatte ihr Vater schnell und früh erkannt und so blieb es nicht aus, dass er sie förderte und erst recht richtig forderte. Ihres Vaters Fußstapfen waren somit auch nicht zu groß für sie. So katapultierte er seine Rachel von heute auf morgen auf den Sessel einer nur von Geheimnissen umgebenen Firma.
Die WIRSKO-Tec GmbH entwickelte und fertigte spezielle kleine und leistungsstarke Überwachungsdrohnen in Hamburg und bediente den weltweiten Bedarf von hier aus. Sie hatte ein rasantes Wachstum innerhalb von 25 Jahren hingelegt und avancierte so zum Marktführer einer immer noch schnell wachsenden Branche.
Sarah-Rachel war nicht nur intelligent, sondern auch eine bildschöne, orientalisch anmutende Frau mit jüdischen und deutschen Wurzeln. Ihre Mutter war jüdischer Abstammung. Sie hatte ihren neun Jahre älteren Vater während seines Zusatzstudiums in Israel kennen und lieben gelernt. Sie war eine grazile, liebenswerte, weltoffene, moderne Lehrerin und unterrichtete Hebräisch, Deutsch, Englisch sowie Kunstgeschichte in Tel Aviv. Von der ersten Begegnung an mit Max Wiran war es um sie geschehen. Dieser blonde, nordisch und gut aussehende Hüne hatte sie sofort mit seinen stechend blauen Augen verzaubert. Ihr Vater, der in Hamburg am 31. 12. 1945 geboren wurde, war ein richtiger „Selfmademan“, den die Elektronik schon als Junge fasziniert hatte. Sein Physiklehrer animierte ihn, sein Talent für die Elektronik auszubauen. Er förderte ihn, wo er konnte, und sagte immer wieder:

„Max, in deinen Adern fließt kein normales Blut, sondern Blut, das mit Elektronen getränkt ist.“

Dieser Ausspruch hatte Wirkung, er machte Max überaus stolz. Von nun an war er den Geheimnissen der Elektronen auf der Spur, denn er wollte alles wissen über diese Technik. Er war zwar kein begabter Schüler, aber die Elektrotechnik hatte es ihm angetan. Er hatte ein Gespür für alles, was geheimnisvoll anmutete und zu der Zeit verboten war für Kinder.
Alles begann mit dem Fund zweier alter Radios und einem ehemaligen Funkgerät der Wehrmacht. Auf dem Dachboden des Bauernhofes vom Großvater seines Freundes Klaus fanden sie diese drei geheimnisvollen Kästen. Nachdem sie diesen Fund entdeckt hatten, wuchs Max’ große Neugier. Für ihn gab es jetzt keine Zurückhaltung mehr. Die Geräte hatten mindestens schon 12 Jahre in einer großen Kiste, trocken unter Heu versteckt, auf dem unzugänglichen Spitzboden gelegen. Max und Klaus begannen die gefundenen Geräte zu untersuchen, nachdem der Großvater Max die Geräte geschenkt hatte. Er bemerkte nur dabei:

„Die müssen unsere Jungs nach dem Krieg wohl damals vergessen haben und ich weiß sowieso nicht, was das für Zeug ist. Seid aber vorsichtig damit.“

Max’ Freude war unendlich groß, zumal er nie damit gerechnet hätte, diese geheimnisvoll anmutenden Geräte zu bekommen. Er ahnte nur, was er damit anfangen könnte, und untersuchte sofort die beiden schwarzen, quadratischen Kästen aus Bakelit. Es stellte sich heraus, dass es ein „DKE 38“, ein „Deutscher Kleinempfänger von 1938“ und ein Lumophon WD361 waren. Sie hatten diesen aufregenden Fund sofort ihrem Physiklehrer gezeigt, der die Geräte kannte und identifizieren konnte. Max und Klaus untersuchten diese beiden für sie noch unheimlichen Kästen mithilfe des Wissens ihres Lehrers. Speziell Max verbrachte jede freie Minute an den Geräten.
Klaus war nur der Mitläufertyp, denn sein Interesse galt eher seinem großen, schwarzen, stets gepflegten Neufundländer. Dieser Hund war sein Ein und Alles und durfte auch schon mal auf seinem Bett schlafen, wenn seine Mutter es nicht sah.
Max besorgte sich die spärlich vorhandenen Informationen zu diesen Geräten, um sich auch gleich theoretisch in die Materie einzulesen, was die Sache noch interessanter machte. Der Aufbau des DKE 38 und WD361 hatte ihn in seinen Bann gezogen, vor allem die großen A-Röhren sowie die kleineren Röhren, die sogenannten RV12 P2000. Schnell hatte er es geschafft, alle Geräte wieder voll funktionstüchtig zu machen. Selbst der E52 Einheitsempfänger der Deutschen Wehrmacht rauschte, nachdem Max ihm hingebungsvoll wieder Leben eingehaucht hatte. Es war hauptsächlich Max’ großer Neugier zuzuschreiben, die noch verstärkt wurde, als sie beide heimlich nachts den Militärsender AFA und BFN hören konnten. Später kamen dann die Piratensender Radio ?Caroline und Veronica hinzu. Sein erster DKE 38 und etwas später der anspruchsvollere WD361 mit beleuchteter Senderskala leisteten ganze Arbeit unter der Bettdecke. Max und Klaus hörten sich alles an, was so aus dem Äther kam. Insbesondere Max war ganz begeistert von dieser geheimnisvollen Technik und begann zu ergründen, wie die Musik aus dem Lautsprecher kam und so weiter und so weiter … Noch heute klang in seinem Kopf die Musik von „Tom Dooley“ und „Melodie Fair“, wenn er an die alten Zeiten zurückdachte mit seinen ersten Radios.

Max machte das Fachabitur parallel zu seiner Lehre als Radio- und Fernsehtechniker. Bei der Bundeswehr vertiefte er seine Kenntnisse und absolvierte den Masterstudiengang an der UniBW in Hamburg in Elektro- und Informationstechnik. Darüber hinaus hatte er ein Gespür für Dinge, die andere brauchten. Er entwickelte und verkaufte seinen ersten portablen KW-Empfänger im Mini-Format, der ein richtiger Verkaufshit in den Kreisen der Amateurfunker im In- und Ausland wurde. Dieses Gerät erwirtschaftete das Startkapital für die neu gegründete Firma WIRSKO-Tec GmbH.

Max war darüber hinaus begeisterter Motorflieger und als Hamburger Jung zugleich Segler aus Leidenschaft. Sein großer Traum war immer, mit seiner Cessna 172 einmal in östlicher Richtung um die Welt zu fliegen und in westlicher Richtung mit seiner „Debi“ um die Erde zu segeln. Debi, das war sein 12,35 m langes, hochseetüchtiges Segelboot, eine Hanse 411, das den Kosenamen seiner Frau trug.

Max war ein geborener neugieriger Abenteurer, der seinesgleichen suchte. Mit dieser Neugier hatte er es schon weit gebracht. Selbst seine außergewöhnliche, liebevolle Frau konnte er damit anstecken und so standen den beiden Abenteurern alle Wege und Türen offen. Er hatte sich nach Vollendung seines sechzigsten Geburtstages aus der Firma verabschiedet, denn er sah, dass seine Rachel ihn nicht mehr brauchte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-95840-280-5
Erscheinungsdatum: 09.11.2016
EUR 15,90
EUR 9,99

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