Cover: 3x Mord und zurück

3x Mord und zurück
Teil I


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 210
ISBN: 978-3-99185-043-4
Erscheinungsdatum: 19.02.2026
Was, wenn der elf Jahre ältere Bruder, den man so verehrt, drängt, kriminell zu werden? Autoklau, Raubüberfalle, drei Morde, Verurteilungen – Werner konnte sich lange nicht aus den Fängen seines Bruders retten. Heute blickt er zurück. Eine wahre Geschichte.
Kapitel 1


Eigentlich hatten sich meine Eltern ein Mädchen gewünscht, denn sie hatten bereits drei Söhne. Als ich im Februar 1948 in der Berliner Charité zur Welt kam, war mein Bruder Wolfgang schon 7, Bernd 9 und Joachim, den wir später nur noch Jochen nannten, 11 Jahre alt. Meine Mutter erzählte mir, da besuchte ich schon die Schule, von einer Frau, die zur gleichen Zeit ihre vierte Tochter bekommen hatte. Die beiden Frauen hatten ernsthaft erwogen, die Kinder gegenseitig zu adoptieren, doch Zeit und Bürokratie machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. In der Retrospektive hätte ich kaum schlechter abschneiden können, hätten sie ihre Idee in die Tat umgesetzt.
Nach dem Krieg vertrieb mein Vater Flaschenkapseln. Er leitete seine eigene Fabrikation und hatte mehrere Angestellte. Seinen Besitz in Polen und in Ostdeutschland hatte er verloren, zumal wir zu den ersten Republikflüchtigen gehörten. Solange die Firma gut lief, zeigte mein Vater mich stolz bei seinen Mitarbeitern und Kunden vor. Doch seine Spielleidenschaft führte erst die Firma an den Rand des Ruins, im Anschluss ging der Zusammenhalt der Familie den Bach runter.
Als seine Kreditwürdigkeit dann endgültig erschöpft war und schließlich auch seine Schulden das noch vorhandene Vermögen überstiegen, brachten die Gläubiger erst mal seine Firma in ihren Besitz. Nach dem Offenbarungseid meines Vaters stand er schließlich mit seiner schönen Frau, vier unmündigen Söhnen und leeren Taschen auf der Straße. Das war Anfang der 1950er-Jahre.
Ein winziger Ableger der Kapselproduktion war eine Firma in Gelsenkirchen. Der neue Besitzer, sein früherer Buchhalter, wollte auf das Insiderwissen seines früheren Chefs nicht verzichten und gab ihm einen Job, den er aber schnell wieder verlor, als die ersten Gläubiger Gehaltspfändungen vornehmen ließen. In der Folge vermied mein Vater es peinlich, eine Stellung als fester Angestellter anzunehmen, und so mutierte er zum Handelsvertreter, denn als freiberuflich Tätiger mit entsprechendem Spesenkonto sah er sich geschützt vor dem Zugriff seiner Gläubiger.
Wie erfolgreich er damit war, beweist die Tatsache, dass kein einziger seiner Gläubiger jemals auch nur einen Pfennig von ihm wiedersah.

Mein eigenes Erinnerungsvermögen reicht nicht so weit zurück, dass ich heute noch sagen könnte, in welchem Jahr wir genau nach Gelsenkirchen kamen, wo wir in Buer ein baufälliges Haus bezogen. Polstersessel und Himmelbetten gehörten der Vergangenheit an, und das Essen war genauso miserabel wie die Laune meiner Eltern. Ich war noch zu klein und mein Bruder Joachim war schon zu stark, um als Prügelknabe herzuhalten, also fiel das Los erst mal auf unseren Wolfgang. Später sollte ich dann einmal seinen Platz einnehmen.
So bekam ich schon als kleiner Junge die Streitereien zwischen meinen Eltern mit, verkrümelte mich jedes Mal, wenn ein Donnerwetter aufkam. Und das gab es unbedingt jedes Mal, wenn meine Eltern zusammentrafen. Mein Vater wusste meiner Mutter schwere Vorwürfe zu machen und wollte ihr die Alleinschuld an seinem Versagen in die Schuhe schieben. Meine Mutter war in den 1930er-Jahren eine preisgekrönte „schöne Berlinerin“ gewesen, nun trauerte sie ihrer Vergangenheit nach und mein Vater den filzbezogenen Spieltischen der Casinos, unter denen er seine langen Beine nicht mehr ausstrecken konnte. Stattdessen musste er sich mit Preisskat begnügen. Zwar kam er manchmal mit einem schwer beladenen Präsentkorb nach Hause, wenn er gewonnen hatte, aber beim Spiel ging in der Regel das bisschen Geld drauf, das seiner Familie aus der bittersten Not geholfen hätte.
Mein Bruder Joachim arbeitete damals bereits mit 14 Jahren im Bergbau und steuerte damit schon einen Teil zum Lebensunterhalt von uns anderen bei, die wir noch zu jung waren, um uns aktiv am Wiederaufbau zu beteiligen. Ich fuhr zu der Zeit ein quietschendes Vorkriegsmodell eines später im Wirtschaftswunder weiterentwickelten Tretautos. Die gleichaltrigen Jungen aus der Nachbarschaft durften auf Anordnung ihrer Eltern nicht mit mir spielen, denn meine Brüder standen im Verdacht, von deren Bauernhof Eier und Hühner zu stehlen. Was allerdings den Tatsachen entsprach. Immer dann, wenn bei uns Hühnchen auf den Mittagstisch kam, fehlte eines bei unseren Nachbarn.
Mein Aktionsradius war sehr begrenzt, denn meine Mutter ließ es nicht zu, dass ich mich zu weit vom Haus entfernte. Stundenlang beschäftigte ich mich allein, machte nie Lärm, war sehr früh völlig stubenrein und gehorchte aufs Wort. Deshalb hielt man mich für ein liebes, braves Kind. Eher war ich aber verängstigt, zurückhaltend und verschlossen.
Meine Brüder Wolfgang und Bernd gingen noch zur Schule und arbeiteten nachmittags aushilfsweise hier und da, um sich ihr Taschengeld zu verdienen. Mit 14 trat Bernd eine Lehre als Konditor an. Joachim, Mitverdiener und dadurch Mitverantwortlicher der Familie, war ein Muster an Sparsamkeit und Bescheidenheit. Aus alten Teilen baute er sich ein Fahrrad zusammen und war glücklich und stolz auf seinen Besitz, als hätte er im Lotto gewonnen. Er übernahm schon früh mit großem Ehrgeiz die Rolle meines Vaters, der sich mehr und mehr von seiner Familie zurückzog. In meinem Bruder erkannte ich schon als Kind sein Genie, er wurde mein großes Vorbild. Dabei kam ich auch dem Wunsch meiner damals schwerkranken Mutter nach, die auf ihren „Großen“ besonders stolz war.
Oft musste ich mit meiner Mutter auf den Markt nach Buer gehen. Das bedeutete einen Fußmarsch von 2 Kilometern. Heute noch erinnere ich mich gut daran, wie erschöpft ich jedes Mal danach war. Schon auf dem Weg wurden mir die Beine so weich wie gekochte Spaghetti, und ich hätte mich manchmal am liebsten aufs Trottoir gesetzt mit den Worten „Kann nich’ mehr“, doch meine Mutter machte lange Schritte und zog mich ungeduldig am Handgelenk, sodass ich hinter ihr her stolperte.
Als Frau eines erfolgreichen Geschäftsmannes hatte es ihr jedes Mal geschmeichelt, wenn man ihr die vier Kinder nicht ansah. Nun lebten wir nahezu mittellos in einem völlig anderen Milieu, und es schmeichelte ihr niemand mehr. Sie fühlte sich um ihr Leben betrogen und haderte mit ihrem Schicksal. Wenigstens tat es ihr gut, ihren Frust an ihrem „Kleenen“ auszulassen.
Im Sommer 1953 fanden wir endlich eine neue Wohnung, in die es nicht mehr hineinregnete. Anfangs lebten wir alle auf, auch mein Vater erschien wieder mehr oder weniger regelmäßig bei uns. Doch es dauerte nicht lange, und meine Eltern stritten sich wieder wie früher. Es war ein schwacher Trost, dass es mir nicht mehr ins Bett regnete, was mir meine Mutter vorher als Bettnässen ausgelegt und mich dafür bestraft hatte. Aber die verbitterte Frau fand schnell neue Gründe für ihre zahlreichen Beschimpfungen und Ohrfeigen. Mit Wolfgang und Bernd schimpfte sie oft laut, mehr und mehr zogen sich die zwei zurück. Nur mit ihrem Großen kam sie gut aus, denn er hatte damals schon diplomatisches Geschick und wusste ihr zu schmeicheln. Er machte sich damit bei meinen anderen zwei Brüdern recht unbeliebt, vor allem bei Wolfgang, den er Wozzek nannte und an dem er stets herumhänselte, immer etwas auszusetzen fand und ihn ständig bevormundete.
Vielleicht war ich als Kind ein wenig sensibel oder ich bin es geworden, auch mag mein Alter eine Rolle gespielt haben. Auf jeden Fall habe ich die Streitigkeiten zu Hause nie so gut verdaut wie meine Brüder. Ich hatte immer große Angst vor dem Zorn meiner Mutter, vor körperlichen Züchtigungen, und empfand es als furchtbar schmerzhaft, wenn ich beschimpft oder geschlagen wurde. Sobald ich spürte, dass etwas „in der Luft lag“, tat ich keinen Mucks mehr, um nicht die Auswirkungen ihrer üblen Laune ausbaden zu müssen. Sobald sie jedoch wieder ansprechbar war, versuchte ich, doppelt so lieb zu ihr zu sein, wohl in der Hoffnung eines Kindes, Zuwendung von seiner Mutter zu erhalten. Diesen Beweis blieb sie mir bis kurz vor ihrem Tode schuldig. Meine Mutter sollte 93 Jahre alt werden.
Von meinen Brüdern Wolfgang und Bernd hörte ich damals oft, wie sie über „die Alte“ und über „den Alten“ herzogen. Beide besaßen Stahlruten und Klappmesser, mit denen sie häufig herumspielten. Sie fanden das cool. Sie sprachen davon, unserem Vater mit einer Billardkugel in der Faust ins Gesicht zu schlagen. Ihr Motiv war mir schon damals nicht ersichtlich. An einem Abend, als mein Vater gerade nach Hause kam, hatten meine Brüder unter Mitwirkung meiner Mutter über der Wohnungstür einen Eimer Wasser bereitgestellt, der sich dann auch planmäßig über ihn ergoss, als er die Tür öffnete. Mein Vater verließ daraufhin wortlos das Haus. Das Familienleben mit uns hatte sich danach für ihn erledigt. Meine Brüder und auch meine Mutter verbuchten das als großen Erfolg.
Aber auch unter meinen Brüdern gab es bösen Streit. Ausgerechnet Heiligabend, es war im Jahr 1955, als unsere Nachbarn zu beiden Seiten Weihnachtslieder sangen, ging Wolfgang mit einem Messer auf Joachim los und schrie dabei laut, er würde ihn jetzt kaltmachen. Die Gesänge bei den Nachbarn verstummten. Da Wolfgang schon mit seinem Messer meinem Teddybären den Bauch aufgeschlitzt und ihm Kopf und Gliedmaßen abgerissen hatte, kam ich meinem Bruder Joachim zu Hilfe. Doch er brauchte mich nicht, ich war ihm bei dieser Aktion nur im Weg. Er schlug Wolfgang mit einem einzigen Fausthieb nieder und nahm ihm das Messer ab. Danach ließ er ihn seine Verachtung spüren. Und ich tat es ihm nach. In der Folgezeit demütigten wir unseren Bruder Wolfgang, der schon unter unserem Vater sehr gelitten hatte und somit Kummer gewohnt war, und trieben ihn oft zur Verzweiflung. Unsere Verachtung trug mit Sicherheit dazu bei, seine schon vorhandenen schädlichen Neigungen zu fördern, und so wurde aus Wolfgang ein Krimineller, der anfing, Mopeds zu stehlen und sich auch einen scharfen Revolver anschaffte, mit dem er als Demonstration seiner Fähigkeiten das Türschloss vom Keller der Nachbarn zerschoss.
Bernd hatte sich bereits frühzeitig mit 17 für 5 Jahre freiwillig bei der Bundeswehr verpflichtet. Das war auch das Beste, was er tun konnte. Als Wolfgang alt genug war, tat er das Gleiche. Von unserem „Zuhause“ hatten beide die Nase gestrichen voll. Joachim blieb bei uns und ließ sich als anständig und rechtschaffen anerkennen, insbesondere von mir. Er verabscheute Mädchen, Tanz, Zigaretten und Alkohol, besaß einen Motorroller und später einen eigenen VW. Ich schaute zu ihm auf, weil er so selbstsicher war und mir in jeder Beziehung half. Übers Wochenende nahm er mich oft mit nach Witten zum Paddeln. Er selbst hatte sich ein Faltboot zugelegt und unternahm damit Campingtouren mit seinem Freund Gottfried, den er vom Bergwerk kannte.
An einem Sonntagnachmittag kam er gerade nach Hause, als meine Mutter mich grundlos schlug. Er nahm mich mit in die Stadt, kaufte mir ein Eis und tröstete mich. Ich hing sehr an ihm und konnte nicht oft genug mit ihm zusammen sein.
Zu Weihnachten 1958 glaubte er, mir ein königliches Geschenk zu machen mit seinem Jugendtraum, einem Märklin-Baukasten um 180 Mark. Das war damals ein Haufen Geld, etwa unsere Wohnungsmiete für drei Monate. Aber ich hatte kein Talent zum Basteln und wusste nichts recht damit anzufangen. Er hatte es gut gemeint, und ich war ihm dankbar, als ich jedoch seine Enttäuschung spürte, fühlte ich mich schuldig. Zumindest konnte ich seine Erwartungen an mich mit meinen sportlichen Leistungen im Schwimmen erfüllen und damit die Schlappe mit dem Baukasten zumindest zum Teil wettmachen.
Zu Ostern 1959 behauptete sich Joachim gegen meine Mutter, die mich aus finanziellen Erwägungen weiterhin die Volksschule besuchen lassen wollte. Gegen ihren Willen kam ich in die Oberschule. Mutter monierte, das Schulgeld sei gar nicht aufzubringen, zumal mein Vater keinen Unterhalt zahlte. Joachim setzte sich auch dafür ein, und damit war mein Weg ins Gymnasium geebnet. Das Scheidungsverfahren sollte sich noch lange hinziehen, weil meine Mutter großen Wert darauf legte, im Urteil als unschuldig geschieden zu gelten.
Joachim besuchte zu dieser Zeit die Bergschule, wollte den Aufstieg vom Hauer zum Steiger unter Tage. Ich selbst hatte die Vorstellung, später einmal als Chirurg im OP zu stehen, und lernte fleißig im Gymnasium. Für meine guten Leistungen schenkte Joachim mir eine goldene Armbanduhr, ein Kunststoffboot und später auch noch ein Rennrad. Während der Ferien befuhren wir in Luxemburg und in der Eifel zusammen Wildwasserbäche. Ich erfüllte zwar nicht einmal die Mindestanforderungen für das Wildwasserfahren, aber mein Bruder sah das nicht und wollte aus mir einen kernigen Kanuten machen.
Auf unserem allwöchentlichen Weg nach Witten fuhren wir immer öfter bei seinem Freund Jürgen vorbei, dessen junge Frau dann aus meinem Bruder ihren Liebhaber machte. Später gestand er mir, dass er bis dahin noch nie etwas mit einer Frau gehabt hatte. Zu dem Zeitpunkt war er allerdings bereits 22 Jahre alt. Es war wohl ein einschneidendes Erlebnis für ihn, denn seine gesamte Lebensweise änderte sich daraufhin abrupt. Das wirkte sich natürlich auch auf mich aus, denn plötzlich glaubte er, noch viel nachholen zu müssen, und kümmerte sich fortan mehr um seine Liebschaften, ich spielte mit einem Mal keine Rolle mehr.
Meine Mutter musste damals als Verkäuferin in einem Warenhaus und zeitweise als Näherin in einer Textilfabrik arbeiten, denn mein Vater hielt es mit seiner Unterhaltspflicht wie zuvor mit seinen Gläubigern. Mit Wehmut dachte meine Mutter in jener Zeit oft an die fetten Jahre in Berlin, in denen sie von Männern begehrt worden war und sich den besten hatte aussuchen können. Immerhin hatte sie sich diesen wohlhabenden Fabrikanten geangelt. Nun aber konnte sie sich mit ihrem schweren Los als arme Frau nicht wirklich abfinden, war oft sehr verbittert und voller Hass auf diesen Loser und Spieler, von dem sie nach der Scheidung keinen Pfennig Unterhalt bekam. Die liebevolle Zuwendung einer Mutter, so wie ich sie bei Schulkameraden erlebte, habe ich zu Hause sehr vermisst. Mit meinen Problemen war ich allein. Von meiner Mutter bekam ich zu hören, ich sei ihr eine Last, einen Vater gab es nicht mehr, und Bruder Joachim war wie von der Bildfläche verschwunden und hatte nur noch Weibergeschichten im Kopf. Ich erkannte ihn nicht wieder und fühlte mich wie ein versehentlich ausgebrütetes Kuckucksei.

Eine früh verwitwete Tante meines Vaters in den USA wollte mich, den 12-jährigen Gymnasiasten, für die restliche Schulzeit zu sich holen. Damit hätte sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn erstens hatte sie keine eigenen Kinder und zweitens wollte sie meiner Mutter eine Last abnehmen. Doch obwohl sich meine Mutter nur über mich beklagte, wollte sie mich nicht gehen lassen. Schließlich brachte ich sie wenigstens so weit, dass sie beim Schulleiter vorsprach. Triumphierend kam sie zurück. Ich sah sofort, dass nichts mehr zu retten war. Sie wusste plötzlich, dass die Amerikaner einen abscheulichen Slang sprächen. Während eines längeren Aufenthaltes in den Staaten würde ich also das feine Englisch verlernen. „Und dann legst du womöglich die Beine auf den Tisch und isst Kaugummi, wenn du zurückkommst“, argumentierte sie. An ein Zurückkommen hatte ich allerdings gar nicht gedacht.
In der Folge ließen meine schulischen Leistungen deutlich nach, und ich blieb in allen Fächern zurück. Hausaufgaben gab es für mich nicht mehr, Durchmogeln wurde zur Routine.

In der Nachbarschaft lebte eine Kriegswitwe mit ihrem einzigen Sohn, der ein paar Jahre älter war als ich und eine Ausbildung zum Elektriker machte. Rolf beschäftigte sich mit allen möglichen Problemen im Bereich der Physik und Fotografie. Zwar war er ziemlich verschlossen, aber doch sympathisch und sehr ausgeglichen. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und fachsimpelten über technische Dinge. Aus heiterem Himmel verbot mir meine Mutter eines Tages den Umgang mit „diesen Leuten“. Basta. Keine weitere Erklärung. Damals hatte ich noch nicht das Rückgrat, ihr zu widersprechen.
In der Schule bekam ich Schwierigkeiten in den Lernfächern, besonders in Latein, der späten Rache der Römer an den Germanen. In allen anderen Fächern konnte ich mich gerade noch so retten. Aber mein Schulbesuch beschränkte sich doch mehr und mehr auf den Besuch der Schule. Hausaufgaben machte ich kaum noch oder nur kurz morgens am Busbahnhof. Ostern 1962 blieb ich als 14-Jähriger mit einer 5 in Latein und fehlendem Ausgleich sitzen.




Kapitel 2


Eines Nachmittags parkte ein Freund von Jochen seinen Ford in unserem Hinterhof, und Jochen hielt es für clever, mich hinters Steuer zu setzen und mir zu zeigen, wie man Auto fährt. Die richtigen Strategen, meinte er, können das auch ohne Schlüssel. Ich brauchte nicht lange, und schon war ich ein Stratege. Die Nachbarn riefen ihre Kinder zu sich, weil der kleine Gymnasiast wieder im Auto herummanövrierte. Ich war stolz wie Oskar, und es fiel mir leicht und machte Spaß. In meinem Umfeld kannte ich niemanden in meinem Alter, der das konnte.
Und ich verbuchte Erfolge als Radrennfahrer. Auch kam mir das Vereinsleben sehr zugute. Es ging bei unseren Treffen nicht nur um sportliche Leistungen, sondern auch um Körperpflege und Hygiene. Irgendwann stellte ich meine Mutter zögernd zur Rede, warum sie mir dieses oder jenes nie gesagt hatte. Als sie sah, wo meine Erkenntnisse herkamen, verbot sie mir dann die weitere Teilnahme am Radsport. Hierbei wurde sie von ihrem neuen Lebensgefährten unterstützt, der sich klar dafür aussprach, ich solle arbeiten gehen und Kostgeld abgeben, da ich ja zu Hause wohne und das nicht umsonst sein könne. In Thüringen hätte man mich schon längst zur Arbeit getrieben. Da kam der Typ her.
Das Wort Stiefvater habe ich nie gemocht. Und vor diesem Mann mit seinem sehr schlichten Gemüt und einem IQ von einer Scheibe Brot konnte ich in der Tat keine Achtung haben. Es gab mit ihm einmal einen Riesenstreit, weil ich bei der Tagesschau sagte, auf dieser Karte sei die ganze Welt abgebildet. Er drohte mir laut Prügel an, weil ich ihn offensichtlich verarschen wollte, denn auf einer zweidimensionalen Darstellung sei die Erde nicht darzustellen, er wisse schließlich, die Erde sei eine Kugel. Von meiner Mutter kam hierzu überhaupt kein Kommentar. Sie gönnte es mir, dass sie nun jemanden gefunden hatte, der mir ordentlich Paroli bot.
Im Sommer 1962 erschien nach langer Zeit mein Bruder Joachim wieder kurz auf der Bildfläche. Die Steigerschule hatte er geschmissen, Bergbau sei schließlich nur was für Minderbemittelte, er habe inzwischen ganz andere Pläne. Allerdings sei er gerade in Verlegenheit und nahm mir die goldene Uhr wieder ab und verkaufte auch das Wildwasserboot, das er mir geschenkt hatte. Von meiner Mutter gab es nun obendrein Druck wegen des fehlenden Geldes in der Haushaltskasse, obwohl sie doch nun ihren schwach begabten Mann hatte, der in einer Wurstfabrik die Pelle über die Wurst zog.
Seit ich 12 Jahre alt war – damals galt das noch als akzeptabel – arbeitete ich auf der Trabrennbahn und verdiente mir mein Taschengeld. Dadurch kam ich abends manchmal erst um 11 nach Hause. Aber so entlastete ich wenigstens ein kleines bisschen die Haushaltslage und lag meiner Mutter nicht so sehr auf der Tasche. Der Arbeit auf der Trabrennbahn ging ich regelmäßig ein- bis zweimal die Woche nach. Unter dem Druck von ihrem Wurstmann nahm ich noch eine Stelle als Zeitungsausträger an. Morgens um 5. Das hielt ich ein paar Monate durch, schlief dann aber im Unterricht manchmal ein und fiel immer mehr zurück.
Meine Mutter freute sich jedoch darüber, dass der „Kleine“ nun auch Geld nach Hause brachte. Dass es mich auch ruinierte, sah sie nicht. Als 14-Jähriger, der gerade sitzengeblieben war, bekam ich Minderwertigkeitsgefühle und entwickelte mich negativ, schuf mir mit meinem Verhalten keine Freunde, stieß auch mehr und mehr auf Ablehnung. Mir war bis dahin noch gar nicht bewusst geworden, dass ich mit 14 noch nicht im Stimmbruch war und insgesamt ziemlich kindlich rüberkam und selbst jüngere Schüler mich im Aussehen abgehängt hatten. Ich war einfach nur lang und dünn. Zudem war es Mitschülern immer wieder im Sportunterricht aufgefallen, dass ich viele blaue Flecken hatte, für die ich mich schämte. Am Schwimmbecken sagte der Sportlehrer zu mir: „Du hast einen schönen Körper, aber Schultern hast du wie ein Hering.“ Das war wohl nicht einmal beleidigend gemeint, aber es saß.
In den großen Ferien 1963 fuhr ich mit einer Jugendgruppe nach Bayern und traf dort ein Mädel wieder, das ich im Vorjahr kennengelernt hatte. Sie zeigte mir die kalte Schulter. Ich kam dann auf die Schnapsidee, zusammen mit drei anderen Jungen einen alten Ford kurzzuschließen und eine kleine Spritztour zu veranstalten. Die Jungs hatten Spaß, wenn die Reifen in den Kurven quietschten, aber bei einem Wendemanöver rutschten wir in Zeitlupe rückwärts in einen Graben. So kam ich gar nicht mehr dazu, das Mädel mit meinen Fahrkünsten zu beeindrucken. Anwohner hatten das Ganze beobachtet, und so war die Polizei schnell zur Stelle. Natürlich nahm ich sofort die Schuld auf mich und durfte erst mal mit auf die Wache, die Jungs wurden zurückgebracht in die Jugendherberge. Die Polizei benachrichtigte telefonisch meine Mutter, die sagte nur ganz cool, sie sollten mich ruhig einsperren, ihren Urlaub würde sie dafür nicht abbrechen. Ein Fürsorger aus Zwiesel brachte mich dann mit dem Zug nach Bochum in ein Jugendheim. Natürlich fuhren wir 1. Klasse, denn das stand ihm dienstgradmäßig zu. 2 Wochen später durfte ich wieder zu meiner Mutter nach Hause und bekam dann einige Rechnungen. Aus der kleinen Beule in der Stoßstange wurde fast ein Totalschaden abgerechnet. Vom Jugendamt Zwiesel kam die Rechnung für eine Bahnfahrt 1. Klasse, Taxi, Hotel etc. Natürlich waren alle Unkosten zu erstatten. Von mir. Das war alles in Ordnung. Und rechtens.
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5 Sterne
3x Mord und zurück - 14.06.2026
Yankie 99

Eine unglaubliche Geschichte, Pflichtlektüre für Jugendliche

5 Sterne
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Spannend und fast unglaublich, was der Autor alles erlebt hat… sehr authentisch und ohne Pathos erzählt. Reflexion und Eingeständnis eines eigentlich längst verkorksten Lebens bringen den Autor dem Leser nahe…Und nach dem Nachwort des ersten Teils kann man die Fortsetzung kaum erwarten!Was für ein Überraschungserfolg!

5 Sterne
Eine außergewöhnliche Geschichte - 29.04.2026
Dr. W. Soehlmann

Jugendlicher Schwerverbrecher, dann Flugkapitän und Arzt, einfach unglaublich . . .

5 Sterne
Eine außergewöhnliche Geschichte - 31.03.2026
Catherine von Richter

Als Jugendlicher aktiv in 3 Mordfälle verwickelt zu werden, damit dürfte das Schicksal eines Menschen besiegelt sein. Nach Verbüßung einer Jugendstrafe dann ein Medizinstudium samt Promotion und über 30 jährige Tätigkeit als Arzt hinzukriegen spricht für einen eisernen Willen. Nebenbei eine Berufspilotenausbildung in Deutschland und in den USA abzuschließen, einfach unglaublich. Und das Ganze vor dem Hintergrund einer transsexuellen Orientierung und dem extremen Wunsch, als Frau eine Wieder-eingliederung in die Gesellschaft zu verwirklichen. Eine außergewöhnliche Geschichte. Es gibt diesen Menschen wirklich. Ich habe ihn am der Seite meiner Mutter 15 Jahre begleitet.

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