Sonstiges & Allerlei

Allein wäre ich weniger einsam

Ursula Jaqua-Lanz

Allein wäre ich weniger einsam

Der Alkoholfaktor

Leseprobe:

PROLOG

Sie war unruhig an diesem Herbstabend. Die ersten Nebelschwaden schlichen sich bis auf den Berg herauf zum Chalet. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag kaum blicken lassen, nur ein paar matte Strahlen waren ab und zu durch den Dunst gebrochen. Tanja war müde und froh, dass dieser Tag, an dem auch gar nichts geklappt hatte, endlich zu Ende ging. Die Arbeit mit Ben, dem jungen Pferd, das ihr zum Training anvertraut worden war, hatte sie heute Nachmittag viel Mühe gekostet. Er war nervös und unkonzentriert gewesen; hatte sich ihre eigene innere Unruhe auf ihn übertragen? Als er endlich fertig gestriegelt in seiner Box stand, war sie zu spät dran gewesen, um die Mädchen rechtzeitig von der Schule abzuholen.
Und nun die Angst vor dem unvermeidlichen Streit mit Pesche. Sicher hatte er an diesem Morgen die Scheidungspapiere vom Anwalt per Einschreiben bekommen, unterzeichnen müssen, und allein deshalb würde er sich geärgert haben. Übliche Folge: Er würde sich betrinken. Ob er seinen Zorn im Zaum halten konnte, wusste sie nicht. Und wenn nicht? Dann würde er sie wohl hier oben aufsuchen, herumbrüllen, ihr die Schuld geben an seiner Misere, etwas zerstören, wie neulich, als er die Ständerlampe an die Wand geknallt und die Kristallvase zerschlagen hatte. Nichts wäre sicher vor seiner Wut. Und sie selbst? War sie sicher, dass er nicht handgreiflich werden würde? Wie damals, als sie ihn vor die Wahl gestellt hatte:
„Die Sauferei oder ich, auf eines musst du verzichten.“
„Ich werde dich nie gehen lassen, verlass dich drauf. Töten, ja, dazu könnte es kommen, falls du davonlaufen willst. Darauf, und nur darauf, kannst du dich verlassen“, hatte er geschrien und sie zu Boden gestoßen.
Diese voller Hass hingeworfenen Worte blieben in ihrer Seele stecken und schmerzten wie ein Seeigelstachel in der Fußsohle. Töten würde er sie nicht, da war sie sich sicher. Er besoff sich normalerweise im Wirtshaus und war dann zu Hause unflätig, eklig und gemein. Aber er war kein Säufer von der brutalen Sorte.
Sie schlich sich nochmals leise in das Kinderzimmer, um die Mädchen zu küssen und zuzudecken. Dann schloss sie alle Fenster, ließ den Schlüssel von innen in der Haustür stecken und ging ins Bett.
Bereits im Halbschlaf glaubte sie ein Motorengeräusch zu hören. Ein Auto fuhr die Bergstraße hoch und kam näher. Sie öffnete die Augen und hielt den Atem an. Der Wagen bog jedoch nicht in ihre Seitenstraße ein und hielt auch nicht auf ihrem Kiesparkplatz. Tanja tadelte sich selbst für ihre Panik und drehte sich auf die andere Seite. Doch kaum hatte sie ihre Augen geschlossen, fuhr sie hoch, erschreckt durch das Klirren von zerbrochenem Glas.



1

Beschwingt springe ich bei der Tempelanlage von Delphi vom Trittbrett des klimatisierten Reisebusses in die mittägliche Hitze; nicht die kleinste Brise weht, über dem Asphalt flimmert die Luft. Mein Herz jubelt: Sonne! Monatelang habe ich im langen Schweizer Winter die ersten warmen Tage herbeigesehnt, und während zu Hause erst gestern die Eisheiligen begonnen haben, genieße ich die griechische Wärme mit jeder Pore.
Die Mitreisenden schwärmen die Treppen hinauf zum Tempel, nur eine französische Familie bleibt stehen, die Mutter schmiert ihre drei Kinder noch rasch mit Sonnenmilch ein; hinter ihrem Rücken stopft der Älteste seinen weißen Matrosenhut mit einem entschiedenen „Non!“ in Vaters Kameratasche.
Ich nehme den schmalen Ziegenpfad entlang der Natursteinmauer, um den ersten Tag Ferienfreiheit in Ruhe zu genießen. Rundherum karge Wiesen, auf denen sich Olivenbäume mit ihren silbrigen Blättern Luft zufächeln; zu meinen Füßen tischt der Rosmarin seine Duftdecke auf, weiße Margeriten und grell roter Mohn leuchten in dem klaren südlichen Licht.
In der Ferne liegt Athen. Unter der Dunstglocke lässt sich der Tempel der Athena auf der Akropolis nur erahnen, am Horizont verschmilzt das Azur des Mittelmeeres mit dem Kobalt des Himmels. Ich bin glücklich.
Danke, Regina, für dieses Glück. Immer wieder hast du, liebe Freundin, mich angefleht, dich während deiner Ferien auf der Insel Antiparos zu besuchen. „Wir beide brauchen Abstand, Tanja“, hast du mich gedrängt. Oder: „Reiß dich zusammen – reiß‘ aus!“ Nun habe ich mir beim Gedanken an meine Sorgen schon wieder den Seelenfrieden verdorben, auch das muss ein Ende haben.
Der schmale Pfad führt mich um die Tempelanlage herum zum Seiteneingang, die letzte Steigung ist steil und in der Hitze beschwerlich. Ich lächle beim Gedanken daran, dass das Orakel vielleicht auch für mich einen Fingerzeig hat. Hier die letzte Biegung, eine Treppe, und schon stehe ich auf dem jahrtausendealten Marmorboden des Heiligtums und ziehe die Sandalen aus, um die Wärme des ausgetretenen Steins zu spüren. Barfuß zu gehen hat etwas Reines, es erinnert an die Wanderungen von Jesus Christus. Das passt zu meiner Stimmung, zu meiner Hingabe an diese heilige Stätte, an die antiken Legenden mit ihren Lehren, es gibt mir Hoffnung.
Marmorboden, Marmorsäulen, Marmormauern! Die Elemente haben durch die Jahrhunderte hinweg eine gelbe Patina hinterlassen. Dieser Marmor ist nicht wie ein frisch geschnittener und geschliffener weiß. Ich nehme einen Stein und kratze daran. Eine kreideweiße Oberfläche kommt zum Vorschein und ich kann mir vorstellen, dass der heutige Tempel nur ein Abglanz des ehemaligen Heiligtums ist. Entzückt stelle ich mir Wände, Säulen und Böden in diesem leuchtenden Weiß vor. Wie haben die alten Griechen mit ihren einfachen Mitteln ein solches Wunderwerk geschaffen? Jedes Stück und jede Platte wurde von Hand bearbeitet. Ob sie das voller Hingabe an ihre Götter vollbracht haben? Oder vielleicht in Sklaverei? Doch daran mag ich jetzt in meiner frohen Stimmung nicht denken.
Leise Radiomusik erklingt von den nahen Zypressen. Ich gehe näher und sehe im Schatten der Bäume ein Pärchen, eng umschlungen. Die beiden sind in die Musik und ihre Umarmung versunken, ihre Liebkosungen bringen in mir die Saite der Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit zum Schwingen. Der Gedanke, dass diesen zwei ihre Wünsche bereits erfüllt wurden, bringt mich zum Schmunzeln und macht mich zuversichtlich. Natürlich völlig grundlos, heutzutage glaubt man nicht mehr an göttliche Offenbarungen. Oder vielleicht doch? Was sonst bedeuten denn all die Horoskope, Tarot-Karten und Wahrsagereien? Behutsam setze ich meine nackten Füße auf den warmen Marmor, um spitze Steine, Glasscherben und Disteln zu meiden, und suche das Orakel.
Touristen schlendern herum, knipsen: „Karli, dorthin, nein, neben die breite Säule, lächeln“, oder „den Kopf bitte ein bisschen schief, sonst krieg ich das Relief nicht drauf. Jetzt verdeckst du die Aussicht, ein bisschen nach links, ruhig jetzt, nicht bewegen!“ So nehmen sie alles Sehenswerte als Beweis ihrer kulturellen Interessen mit heim. Sie halten nicht inne, um die Atmosphäre der heiligen Stätte zu erfühlen, sie hasten durch – knips, knips, knips –, so reicht es vielleicht heute noch für ein anderes Heiligtum. Sich vorzustellen, wie hell der Marmor gewesen sein muss, wie die Pracht der Tempel von den heutigen Ruinen nur symbolisiert wird, dazu reicht die Phantasie nicht.
Dort, eine Tor-Ruine: zwei Säulen und ein Marmorbalken darüber. Ich trete näher und kann eine Inschrift erkennen. Ein Orakelspruch? „Erkenne dich selbst“, steht da in Stein gemeißelt. Ist das die erhoffte Botschaft des Schicksals? Ich spreche laut: „Erkenne dich selbst!“ Mich selbst erkennen? Ich kenne mich doch, was für eine komische Idee! Warum konnten sie sich für eine heilige Stätte nicht wenigstens etwas Spirituelles einfallen lassen? An mir selbst herum zu studieren kommt mir gar zu egoistisch vor, und doch hat der Spruch Anziehungskraft und macht mich nachdenklich.
Ich schlängle mich durch die Säulen und finde schließlich die Stufen, die laut Reiseführer früher hinunter zum Orakel geführt haben. Scherben und anderer Unrat wurden vom Meltemi, dem Schönwetterwind der Sommermonate, in das Treppenloch getragen; eilig ziehe ich meine Sandalen wieder an.
Früher wurden von hier unten die Schicksale der alten Griechen gelenkt. Es ist erfrischend kühl und feucht, ich setze mich vor der Absperrung in eine Mauernische. Laut Legende saß Pythia dort unten über einer Felsspalte auf ihrem Dreibein und wurde durch die von der Erde ausströmenden Gase in Trance versetzt. Wir würden heute sagen: sie war high. Die Bittsteller mussten eine Opfergabe bringen, also sozusagen eine Vorauszahlung leisten, dann duften sie ihre Probleme schriftlich darlegen. Die Offenbarung der Antwort wurde in rätselhaften, gereimten Versen vorgetragen, wodurch sie von den Ratsuchenden selbst interpretiert werden mussten. Es waren Denkanstöße, die eine neue Perspektive vermitteln sollten.
Was wäre meine Frage? Und was würde Pythia mir raten? Es ist schwierig, alles in einer einzigen Frage zu formulieren. Ich schließe die Augen wie im Gebet und wünsche mir die Gabe, den nächsten Schritt auf meinem neuen Pfad zu finden; die Fähigkeit, mich selbst im wilden Gestrüpp meines Lebens zurechtzufinden. Mich selbst zu erkennen? Das Ich, das ich als junges Mädchen werden wollte, gibt es nicht. Wie ein Stück Treibholz bin ich herumgewirbelt und mitgezogen worden, nur darauf bedacht, es allen Recht zu machen: Meinen Eltern, Pesche, Oma Martha. Habe ich je etwas Wichtiges zu meinem Wohl beschlossen? Nein. Ich habe den Mund nicht aufgemacht. Habe ich mich je gewehrt? Auch nicht. Irgendwie bin ich das artige, autoritätsgläubige kleine Mädchen geblieben.
Was ist aus meinen Jugendträumen vom Auswandern und einem Leben unter Palmen am Meer geworden? In meiner Jungmädchenfantasie bin ich mit meiner Freundin Regina über lange weiße Strände galoppiert, fühlte, wie mein Pferd im tiefen Sand hart arbeiten musste, um vorwärts zu kommen, hatte den Geruch des schweißtriefenden Felles in der Nase und im Herzen ein Freiheitsgefühl zum Jauchzen! Am Ende des Strandes habe ich mir einen tropischen Wald vorgestellt, eine Quelle, einen Bach mit kühlem Wasser. Verschwitzt und glücklich sind wir abgestiegen, haben die Sättel abgenommen und mit den Pferden aus der kühlen Quelle getrunken. Bis in jedes Detail habe ich den Traum ausgeschmückt, hörte das Schnauben der Pferde, fühlte die kühle Wiese, wo wir uns im Schatten der Bananenstauden ausruhten, habe auf das Meer geblickt – das Symbol für meine unendlichen Möglichkeiten.
Manchmal bin ich in diesen Träumen meinem Märchenprinzen begegnet, einem Jungen mit schwarzem Haar -
Liebe auf den ersten Blick. Er nahm mich in seine Arme, um mich mein ganzes Leben lang zu lieben. Natürlich wusste ich, dass diese blühenden Fantasien nicht Wirklichkeit werden. Doch ich habe damals erwartet, dass sich wenigstens einzelne Teile davon in meinem Leben wiederfinden würden. Das Leben am Meer oder die Arbeit mit Pferden, vielleicht eine große Liebe.
Warum habe ich mich nicht gewehrt, als Vater gegen eine Lehre als Bereiterin entschieden hat? Warum bin ich nicht für mein Talent im Umgang mit Pferden eingestanden? Mein Trainer Johann hat an meine Begabung geglaubt, nicht aber meine Familie. Sie konnten meine Liebe zu den Pferden nicht verstehen, nicht das Glücksgefühl erahnen, wenn zwischen Grane und mir vollkommene Harmonie herrschte, wenn er die Übungen nach vielen Wiederholungen verstanden und auf mein Lob hin gewiehert hat. Mama hat nicht geglaubt, dass er vor Freude wieherte, wenn uns etwas gelang. Ich konnte ihr die Zweifel nicht ausreden, wollte es ihr beweisen, aber dafür hatte sie keine Zeit. Und wohl auch kein Interesse.
Meine Eltern hatten die altmodische Idee, dass Mädchen nicht reiten sollten; mein Vater hat gesagt: „Mädchen sollten die Beine nicht spreizen.“ So ein veralteter Blödsinn. So kam es, dass einzig Onkel Peter mich verstanden hat. Ihm hatte ich meine Reitstunden zu verdanken, er kam für all die Kosten auf, damit ich an den Dressurprüfungen teilnehmen konnte, er fühlte mit mir, begleitete mich und teilte meine Freude. Er ist der jüngere Vetter meines Vaters, meine Eltern vertrauten ihm und waren froh, dass er sich um mich kümmerte. Von seinen wahren Motiven haben sie nie etwas geahnt. Dann kam die Mussheirat, mit der ich die Familienehre retten sollte, und aus waren die Träume.
Nun existiert die Tanja, die ich werden wollte, nicht mehr. Ich habe das Gefühl, eine Marionette zu sein, die an irgendwelchen Fäden hängt und von irgendwoher bewegt wird – zu keiner eigenständigen Bewegung fähig. Das seltsam verkrüppelte Ich, das ich geworden bin, sitzt da und hadert mit dem Schicksal.
„Muuutiii, ich will eine Cola“, kreischt ein kleines Mädchen hinter mir. Erschreckt sehe ich, wie die Mutter die Kleine am Arm hochreißt und ebenso lauthals zurückschreit. Meine meditative Stimmung ist verflogen, verwirrt entfliehe ich dem Geschrei.
Der Weg hinunter zum Bus ist viel steiniger und steiler als der Aufstieg auf dem Ziegenpfad. Nach einer Biegung sehe ich unten im Dorf das Gewimmel von Touristen, höre Dudelsackgejammer, Sirtaki und Lachen, doch danach ist mir im Moment überhaupt nicht zumute. Ich will diesen unbeschwert Lustigen nicht begegnen, nicht sprechen, kein Geplapper erdulden und flüchte mich vor dem Lärm in den Olivenhain. Ich will nachdenken und setze mich auf einen flachen Stein vor der warmen Natursteinmauer. Da, mitten im sandigen Staub liegt ein Kiesel, mit etwas Fantasie kann ich eine Herzform ausmachen. Ich kratze daran, unter dem Dreck kommt schneeweißer Marmor zum Vorschein. Ein Talisman!

Ein Schatten fällt vor mir aufs Gras. Schon wieder diese Touristen. Nicht hinschauen! Doch da erklingt ein Räuspern:
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Männlich, spricht deutsch mit amerikanischem Akzent. Auch das noch!
„You are welcome“, erwidere ich mürrisch. „Haben Sie das Orakel gefunden?“
„Ich bin das Orakel“, entgegnet eine tief aus dem Bauchraum kommende Stimme. „Was ist Ihre Frage?“
Interessant. Nun muss ich doch hinschauen: Eine Lichtgestalt! Eine heiße Welle durchflutet mich, mein Herz tanzt Cha-Cha-Cha. Er steht zwischen mir und der untergehenden Sonne, die eine helle Aura um seine Figur bildet; das weiße Hirtenhemd hängt lose über der schwarzen Jeans, passt zum schwarzen Wuschelhaar und zu seiner jungenhaft hoch aufgeschossenen Erscheinung. Doch kein Tourist? Nun schenkt er mir ein Lächeln; ein Lächeln, so unwiderstehlich, dass ich erschrocken wegschauen muss.
Meine Frage will er wissen – ich gehe auf das Spiel ein:
„Was muss ich tun, um mich wieder frei zu fühlen, frei wie damals, als ich als kleines Mädchen durch die Wiesen gehüpft bin und mit dem Zittergras gesprochen habe?“
Wieder diese tiefe Stimme: „Erkenne dich selbst!“
„Abgucken gilt nicht!“, entgegne ich lachend. „Das hat bereits das Orakel gesagt, und außerdem steht es auf dem Torbogen geschrieben.“
Er streckt mir die Hand hin und zieht mich hoch. Gefällt mir, ein Gentleman in einem griechischen Tempel, das könnte glatt eine Romanfigur sein. Ich möchte jung sein und mich auf seinen Charme einlassen.
„Ich bin Iannis“, stellt er sich vor und hält mir die Hand entgegen. Sein Griff ist warm und fest.
„Ich bin Tanja.“ Galant, der Bursche. Ich schaue auf, direkt in seine schwarzen Augen. Unsere Blicke verfangen sich ineinander, mir wird mulmig. Er will etwas sagen, zögert, starrt, errötet. Ist er auch aus dem Konzept geraten?
Ich fange mich: „Ich muss mich beeilen, um den Bus in die Stadt nicht zu verpassen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 404
ISBN: 978-3-99064-585-7
Erscheinungsdatum: 30.04.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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