11 - 12 Jahre

Marius – Das Tor zur anderen Welt

Nathalie Schmidt

Marius – Das Tor zur anderen Welt

Leseprobe:

Teil I



Kapitel 1

Es war noch früh morgens und dunkel, als Marius die Augen aufschlug. Er brauchte ein paar Minuten, bevor er die Orientierung wiederhatte und wusste, wo er sich befand. Vor zwei Tagen, am Freitag, war Marius mit seinem Vater von Hamburg nach Bayern gezogen. Sein Vater war ein leitender Angestellter in einer großen Firma, die einen neuen Abteilungsleiter für die Filiale in Rosenheim suchte. Es war ein tolles Angebot, dem er nicht widerstehen hatte können. Jetzt wohnten sie in dem kleinen Ort Viehbach auf dem Land, in dem es weder einen Bahnhof noch ein Kino oder sonstige Freizeitangebote gab. Wie der Name schon sagte, gab es jede Menge Bauernhöfe und Vieh, vor allem Kühe, Schafe, Hunde und Katzen in der Gegend. Ansonsten gab es einfach gar nichts, was man hier unternehmen konnte, ohne kilometerweit fahren zu müssen.
Mit einem Seufzen drehte sich Marius auf die andere Seite. Er war noch keine 48 Stunden hier und vermisste bereits seine Freunde und sein altes Zuhause. „Wie soll ich das nur aushalten in diesem Kaff?“, fragte sich der elfjährige Junge zum wiederholten Mal. „In diesem Kuhdorf passiert in 100 Jahren nichts und Freunde habe ich auch keine.“ Marius streckte sich, gähnte leicht verschlafen und knipste die Nachttischlampe an. Heute lag noch ein weiterer anstrengender Tag vor ihm und seinem Vater. Im ganzen Haus standen noch zahlreiche Kartons mit Büchern, Geschirr, Fotos und Kleidung, die darauf warteten von ihnen in die Schränke eingeräumt zu werden. Bilder mussten an die Wand gehängt werden, der Fernseher und die Stereoanlage waren noch nicht angeschlossen und zahlreiche Dinge hatten noch nicht ihren Platz bekommen.
Langsam ging die Sonne auf und die Vögel zwitscherten vor dem Fenster, als Marius über den Flur ins Bad ging und sich Gesicht und Hände wusch. Er war ein aufgeweckter Junge mit blonden, kurzen Haaren und einer Menge Sommersprossen im Gesicht, vor allem auf dem Nasenrücken, die ihm ein spitzbübisches Aussehen verliehen. Die meerblauen Augen, ein Erbe mütterlicherseits, waren mit langen, geschwungenen Wimpern besetzt und wurden von ebenmäßigen Augenbrauen eingerahmt. An der rechten Stirnseite hatte er eine kleine, dezente Narbe, die von einer seiner zahlreichen Platzwunden zurückgeblieben war. Marius war schon immer ein sehr lebhafter Junge gewesen und leider auch ein kleiner Pechvogel. So hatten ihn seine Eltern wegen drei kleiner Platzwunden, eines Armbruchs, eines abgefallenen Daumennagels und zahlreicher aufgeschlagener Knie behandeln lassen. Wenn sich jemand verletzte, war grundsätzlich Marius mit von der Partie.
Zum Abschluss bürstete der Junge seine Haare und stylte den Pony mit etwas Gel nach oben, wie es in Hamburg unter den Jungs derzeit Mode war. Danach zog er eine helle Jeanshose an, die auf Höhe der Hüften hing, und streifte sich ein grünes Sweatshirt über. Dann ging er in die Küche und bereitete das Frühstück vor.
„Guten Morgen, Marius“, sagte sein Vater, der den Flur entlangkam, „wie hast du geschlafen?“ „Gut, Papa“, antwortete der Junge.
Nach einem kurzen Frühstück machten sich die beiden an die Arbeit und leerten Kiste um Kiste, räumten Schränke ein und sortierten die Dinge, die sie aus Hamburg mitgebracht hatten.
Marius’ Mutter war vor drei Jahren mit Anfang 30 an Krebs gestorben. Es hatte eine ziemlich chaotische Zeit gefolgt, in der Marius’ Vater lernen hatte müssen einzukaufen, zu kochen, Wäsche zu waschen, ohne sie zu verfärben, und das alles neben dem manchmal sehr stressigen Berufsalltag. Außerdem hatten Vater und Sohn den schmerzlichen Verlust der geliebten Frau und Mutter überwinden müssen. Mittlerweile waren sie ein eingespieltes Team in dem reinen Männerhaushalt.
Mittags aßen sie einen kleinen Snack aus belegten Brötchen und abends kochte Papa eine Portion Spaghetti mit Tomatensoße aus dem Glas, die er mit verschiedenen Zutaten ergänzte.
Spät am Abend fielen beide erschöpft ins Bett, aber dankbar, dass fast das ganze Haus fertig eingeräumt war, denn am nächsten Morgen musste Marius das erste Mal in seine neue Schule und sein Vater hatte seinen ersten Tag als Abteilungsleiter.

Am nächsten Tag standen Vater und Sohn im Morgengrauen auf, zogen sich zügig an und verließen nach dem Frühstück gemeinsam das Haus. Sie fuhren mit dem grünen Audi die zehn Kilometer bis zu dem nächsten größeren Ort Stephanskirchen, in dem es ein Gymnasium gab. Auf der Fahrt betrachtete Marius die schöne, hügelige Landschaft, die grünen Wiesen und Felder, die rings um die Landstraße lagen. Sie fuhren durch ein Waldstück, in dem die ersten kräftigen Sonnenstrahlen des Frühjahrs durch die Baumgipfel lugten und auf den Boden helle Muster hinterließen. Doch viel nahm Marius nicht von der schönen Umgebung wahr, dafür hatte er ein zu mulmiges Gefühl im Bauch. „Ist alles in Ordnung, Marius?“, fragte sein Vater, als er merkte, wie still Marius heute war. Sonst plapperte der Junge manchmal ununterbrochen drauflos, doch heute war er völlig in sich versunken. „Ja, es wird schon werden“, meinte der Junge, der seinen Vater nicht beunruhigen wollte.
Kurz darauf kamen sie nach Stephanskirchen und fuhren durch die gepflegte Hauptstraße. Rechts und links gab es schöne Häuser mit hübsch gestrichenen Fassaden und bunt blühenden Vorgärten. Viele Kinder liefen die Straße entlang, um pünktlich in ihren Schulen zu erscheinen. In Stephanskirchen gab es außerdem eine Realschule und eine Grundschule für die kleinen Kinder. An der nächsten Ampel mussten sie halten und ein Schulweghelfer half den jüngeren Kindern über die Straße. Marius’ Vater bog rechts ab und hielt vor einem großen weißen Gebäude, zu dem eine breite Treppe hinaufführte. „Viel Glück, mein Sohn, ich hole dich gegen Mittag wieder hier ab.“ Marius stieg aus dem Auto, winkte seinem Vater durch die geschlossene Scheibe noch einmal zu und stieg die Stufen zum Eingangsportal hinauf. Plötzlich rempelte ihn ein Junge an und rief: „Pass doch auf, wo du hinläufst.“ Erbost antwortete Marius, der beinahe hingefallen wäre: „Pass doch selbst auf.“ „Willst du Ärger haben?“, fragte der fremde dunkelhaarige Junge, der Marius um einen Kopf überragte. Marius ignorierte den streitsüchtigen Bub und ging durch die großen Flügeltüren ins Innere der Schule. „Das war Alex, der sucht mit jedem Streit, geh ihm am besten einfach aus dem Weg“, wandte sich ein etwa gleichaltriger Junge mit dunkelbraunen Haaren an Marius. „Ich heiße Timo.“ „Hallo, ich bin Marius, kannst du mir sagen, wo ich das Sekretariat finde?“ „Im ersten Stock, links den Gang hinunter, dann siehst du schon das Schild.“ Marius bedankte sich und ging zu der Treppe, die ins obere Stockwerk führte. Am Ende des breiten Flurs auf der linken Seite befanden sich mehrere Türen. An der dritten Tür entdeckte Marius ein Schild, auf dem mit großen Buchstaben Sekretariat, bitte anklopfen stand. Marius sammelte sich, klopfte dann energisch an die Tür und öffnete sie nach der Aufforderung. „Guten Tag, mein Name ist Marius Gabler. Ich soll mich bei Ihnen melden.“ „Hallo Marius, herzlich willkommen in unserer Schule. Mein Name ist Schuster, ich bin hier die Sekretärin. Dein Klassenlehrer ist Herr Finsterwalder, ich bringe dich zu ihm“, antwortete die nette ältere Dame, die am Schreibtisch hinter dem Tresen saß. Die mütterliche Frau stand auf, umrundete das Empfangspult und verließ mit Marius im Schlepptau das Zimmer. Sie gingen zurück zur Treppe, stiegen in das Erdgeschoss hinunter und betraten den hinteren Teil der Schule. Frau Schuster bog rechts in einen Flur, der mit selbst gemalten Bildern verziert war, und blieb vor einer Tür stehen, auf der das Schild Klasse 5a, Herr Finsterwalder zu sehen war. „Das ist dein neues Klassenzimmer, Marius. Komm, ich bringe dich rein.“ Sie öffnete die braune Holztür und schob Marius hindurch. Ein grauhaariger Mann, der etwa 40 Jahre alt war, saß am Lehrerpult, sortierte seine Unterlagen und blickte auf, als er die Sekretärin mit dem fremden Jungen sah. Herr Finsterwalder hatte eine braune Cordhose und ein beigefarbenes, kariertes Hemd an. Im Klassenzimmer selbst waren eine Menge Tische. Ein Teil der Plätze war bereits mit Schülern belegt, andere Stühle standen noch auf den Bänken und zeigten an, dass die Besitzer noch nicht eingetroffen waren. Die Sekretärin erklärte dem Lehrer, wer Marius war, und dieser schüttelte dem Jungen die Hand. „Willkommen in unserer Klasse, Marius, ich hoffe, du fühlst dich bei uns wohl. Es ist immer schwierig, neu in eine bestehende Klasse zu kommen, aber die Jungs und Mädchen sind ganz nett und werden dich sicher gerne aufnehmen.“ Der Lehrer zeigte Marius seinen Platz in der dritten Reihe und er erkannte in seinem Banknachbarn den Jungen wieder, der sich ihm am Eingang vorgestellt hatte. „Hallo Timo.“ „Hey, das ist ja eine Überraschung“, antwortete dieser. Timo hatte braune, lockige, nicht zu kurze Haare und braune Augen. Er trug eine dunkelblaue Jeansjacke über einem modischen, roten Sportpulli und einer dunkelblau-schwarz karierten Markenjeans. Marius setzte sich hin und nach und nach trudelte der Rest der Klasse ein. Die Klassenstärke bestand jetzt aus insgesamt 24 Schülern. Durch den Neuzugang gab es nun genau zwölf Mädchen und zwölf Jungs in der Klasse.
Mit dem Gong wurde es still im Klassenzimmer und Herr Finsterwalder stellte Marius der ganzen Klasse vor. Danach musste jeder Schüler seinen Namen nennen, damit Marius die anderen kennenlernte, dann begann der Unterricht mit Mathematik.
Marius war ein sehr guter Schüler. Im Unterricht passte er gut auf und es fiel ihm leicht, die gestellten Aufgaben zu lösen. Meist gelang es ihm mit wenig Lernaufwand, gute Noten zu erzielen.
Um Viertel nach zehn Uhr begann die erste Pause. Timo nahm Marius unter seine Fittiche und zeigte ihm den Pausenhof, den Innenbereich für schlechtes Wetter und den Kiosk, bei dem Wurst- und Käsesemmeln, Wienerle, Süßigkeiten und Getränkedosen verkauft wurden. Danach setzten sie sich auf eine Bank am Pausenplatz und verzehrten ihre mitgebrachte Brotzeit. Sie stellten sich gegenseitig Fragen, um sich besser kennenzulernen. Beide verstanden sich auf Anhieb sehr gut und stellten viele Gemeinsamkeiten fest. So lasen sie gerne und viele Bücher, hörten am liebsten Rock- und Pop-Musik und waren große Fußballfans. Timo wohnte im Nachbarort, nur drei Kilometer von Marius entfernt, zusammen mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Larissa. Bevor die Pause vorüber war, verabredeten sich die beiden Jungs für den Nachmittag.
Am Ende des ersten Schultags ging Marius froh und beschwingt die Treppe hinunter und erzählte seinem wartenden Vater von den vielen neuen Eindrücken und dem neuen Freund. Gemeinsam erkundeten Vater und Sohn die möglichen Busverbindungen nach Hause, da Marius’ Vater ab dem nächsten Tag bis nachmittags arbeiten müsste. Dann gingen sie in ein italienisches Lokal an der Hauptstraße und aßen Pizza. Marius’ Vater fuhr seinen Sohn heim und musste dann wieder zurück zur Arbeit.
Marius erledigte schnell, aber gründlich seine Hausaufgaben, um zum verabredeten Zeitpunkt fertig zu sein. Er räumte gerade sein Federmäppchen auf, als es an der Tür klingelte. Timo hatte sein Mountainbike dabei und beide beschlossen gemeinsam die Gegend zu erkunden. Marius hängte sich das Schlüsselband mit dem Haustürschlüssel um den Hals und holte sein Fahrrad aus der Garage.
Die zwei Jungen fuhren aus dem kleinen Ort hinaus und bogen dann von der Hauptstraße auf einen Feldweg ab. Sie fuhren ein großes Stück, ohne dass ihnen eine Menschenseele begegnete. Die ersten Frühlingsstrahlen vermittelten ein Gefühl der Wärme. Ringsum sah man zarte Knospen aus den Bäumen sprießen. Die ersten Frühlingsblumen suchten sich ihren Weg durch die noch teilweise bräunlich gefärbten Grasflächen. Eine schwarze Katze pirschte sich auf der Jagd an ihre Beute heran und machte einen Satz zur Seite, als die Jungen mit ihren Fahrrädern vorbeifuhren. Marius genoss den schönen Nachmittag und streckte sein Gesicht in die Sonne.
Sie überquerten eine große Hauptstraße und fuhren Richtung Waldrand weiter. Timo erzählte Marius, dass sie in Richtung Badesee fuhren. Im Sommer trafen sich dort die Kinder zum Schwimmen, Planschen und Spielen. Groß war der kleine Moorsee nicht, aber für die Kinder der Umgebung war genug Platz. Nachdem die zwei Buben eine Weile durch den Wald geradelt waren, kamen sie auf eine größere Lichtung. Der Weg führte weiter geradeaus und es gab eine Abzweigung nach rechts. „Wir müssen jetzt nach rechts abbiegen“, rief Timo seinem neuen Freund über die Schulter zu. Die Räder holperten das letzte Stück über die Baumwurzeln, die sich ihren Weg durch den Kiesweg gegraben hatten. Nach einer letzten lang gezogenen Biegung erblickte Marius den See. Ein idyllischer Ort erstreckte sich vor ihnen. Marius stieg von seinem Rad ab und schaute sich fasziniert um. Die Sonne ließ das Wasser wie Diamanten funkeln und das Ufer spiegelte sich in dem ruhigen Gewässer. In der Nähe ihres Standortes gab es einen schmalen, hölzernen Steg, von dem aus man die Beine ins Wasser baumeln lassen konnte. Der See war an der tiefsten Stelle nur einen Meter 50 tief, sodass auch ungeübte Schwimmer darin baden konnten. Marius war begeistert und freute sich bereits auf die Sommertage, an denen er zum Baden kommen würde. In Hamburg gab es keinen solch gemütlichen See in der Nähe von Marius’ Zuhause und sie waren immer nur im Schwimmbad gewesen. „Vielleicht ist es hier auf dem Land doch nicht so schlecht!“, dachte Marius.
Das Südostufer wurde von einem breiten Streifen Wiese gesäumt, am Nordufer standen Bäume und Sträucher und bildeten ein unüberwindbares Dickicht. Im Westen standen ein paar Fahrräder an Bäumen oder lagen auf dem Boden. Dort begann ein kleiner Trampelpfad, der sich im Laufe der Jahre durch die zahlreichen Kinderfüße gebildet hatte und der zu einem kleinen fast viereckigen Stück Wiese führte. In der Mitte dieser Wiese erblickte Marius ein gespanntes Netz, das an zwei Bäumen befestigt war. Eine Gruppe Kinder spielte Volleyball und das Lachen klang zu den beiden Neuankömmlingen herüber. „Da sind Serat und Charly, das sind gute Freunde von mir. Komm, ich stell sie dir vor.“ Timo lehnte sein Fahrrad an einen Baum und stapfte in Richtung Trampelpfad los. Marius lehnte sein Fahrrad an einen anderen Baum in der Nähe und beeilte sich seinem Freund zu folgen. Der Pfad war etwa 300 Meter lang und schlängelte sich vorbei an Sträuchern, Dornengestrüpp und vereinzelten Bäumen. Er war gerade so breit, dass ein Junge Platz hatte, ohne dass ihm die kleinen Äste oder Dornen ins Gesicht schlugen oder die Haut aufrissen. „Hallo Timo“, rief einer der Jungen auf der Wiese und unterbrach das Spiel, indem er den Ball fing und festhielt. Der Junge war ein bisschen kleiner als Timo und Marius, hatte rabenschwarzes Haar und war dunkelhäutig. Er war erst zehn Jahre alt und lebte mit seinen türkischen Eltern und fünf Geschwistern in einem Zweifamilienhaus. Er war hier in Deutschland geboren worden und seine Mutter war eine der wenigen Türkinnen, die Deutsch gelernt hatten. Er ging in die vierte Klasse und würde im September, wenn alles normal lief, in die Realschule gehen. Er war ein sehr sportlicher Junge, der die meiste Freizeit mit einem Ball verbrachte. Entweder mit Fußball oder Volleyball. Da er drei ältere Geschwister hatte, waren seine Anziehsachen bereits etwas abgetragen und die graue ausgewaschene Hose hatte an den Knien schwarze Flicken aufgenäht. Sein Pulli war noch etwas zu groß und schlabberte um den schmalen Oberkörper, die Ärmel hatte er hochgekrempelt. Seine Augen waren fast schwarz und hatten lange, dunkle Wimpern, die Augenbrauen waren dicht und fast zusammen gewachsen. Die vollen Lippen und die schlanke Nase gaben ihm ein hübsches südländisches Aussehen und würden später sicherlich einigen Mädchen den Kopf verdrehen, vor allem weil er eine liebe und nette Art hatte. „Das ist Serat“, erklärte Timo seinem neuen Freund. „Er ist Türke und ein guter Freund von mir. Und das ist Marius, er kommt aus Hamburg und ist ganz neu hergezogen“, wandte sich Timo an den türkischen Jungen. „Hallo, Marius“, sagte Serat und streckte ihm die Hand entgegen. „Timos Freunde sind auch meine Freunde, herzlich willkommen in unserer Clique.“ „Und das ist Charly, die gehört auch zu unserer Gruppe. Sie ist zwar ein Mädchen, aber vollkommen in Ordnung. Mit Charly kann man Pferde stehlen.“ Marius betrachtete neugierig das näher kommende Mädchen. Bisher hatte er in Hamburg Mädchen lieber gemieden, sonst hätten ihn seine Freunde aufgezogen und behauptet, er wäre verliebt, aber hier auf dem Land schien es ganz normal zu sein, dass Jungs und Mädchen miteinander spielten. „Hey, ich bin Charlotte, aber meine Freunde nennen mich Charly“, wandte sich das hübsche blonde Mädchen an Marius. „Hallo“, antwortete Marius noch etwas schüchtern, da er wenig Erfahrung mit Mädchen gesammelt hatte. Charlotte hatte lange blonde Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und schöne strahlend-grüne Augen. Sie war ein Jahr jünger als Marius. Ein brauner Schmutzfleck zierte ihre linke Wange und kleine Äste hingen in ihren zerzausten Haaren. Sie trug eine Jeans, die ebenfalls mit Gras- und Schmutzflecken übersät war, und einen dunkelroten kurzen Wollpulli, der kess über eine Schulter gerutscht war und einen dünnen Streifen Bauch freiließ, wenn sie die Arme über den Kopf hob. Wenn sie lächelte, zeigten sich zwei nette Grübchen in den Wangen und ihre Augen blitzten vor Schalk. Obwohl sich Charlotte nichts auf ihr Äußeres einbildete und nicht auf ihre Schönheit achtete, hatte sie eine schöne, natürliche Ausstrahlung, die Marius stark beeindruckte. Charlottes Eltern stritten sich in letzter Zeit sehr häufig und sie und ihr älterer Bruder bangten manchmal um die Familie. Deshalb nutzte sie auch jede Gelegenheit, um nicht zu Hause sein zu müssen. Sie mochte beide Eltern sehr gerne und konnte es kaum ertragen, wenn die Erwachsenen sich anbrüllten und Gegenstände hinter dem anderen herwarfen. Ein paar Mal hatten bereits die Nachbarn geklingelt und sich über den Lärm beschwert und dies war Charly furchtbar peinlich. Sie konnte es nicht verstehen, dass ihre sonst so vernünftigen Eltern nicht normal miteinander reden konnten, und hatte Angst, dass sich die beiden trennen könnten und sie einen Elternteil verlieren würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 630
ISBN: 978-3-95840-305-5
Erscheinungsdatum: 10.02.2017
EUR 25,90
EUR 15,99

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