Sonstiges & Allerlei

Wenn das jeder machen würde

Dieter Franke

Wenn das jeder machen würde

Leseprobe:

Karibikküste Honduras

Die Fahrgäste des Reisebusses wurden vor dem Einsteigen von einer Sicherheitskraft mit Metalldetektor nach Waffen abgesucht. Teo konnte beobachten, dass vor der Abfahrt dem Fahrer und einem mitfahrenden Marshall Pistolen ausgehändigt wurden. Der offizielle Sicherheitsangestellte der Firma, der die Sicherheitskontrolle beim Einsteigen durchgeführt hatte, trug eine schussbereite Schnellfeuerwaffe und Pistolen.
Der Bus fuhr nonstop von Tegucigalpa durch ganz Honduras bis an die Küste der Karibik. Nur einmal, an einem großen, gesicherten Rastplatz mit Restaurants und Kantinen, konnten die Fahrgäste sich erfrischen und etwas essen. Beim Einsteigen kam wieder der Metalldetektor zum Einsatz.
In Tela nahm Teo ein Taxi, das ihn zu Mannis Weinstube brachte, wo das von Deutschland aus arrangierte Rendezvous zur vereinbarten Zeit stattfand – ein nicht so ganz selbstverständlicher Vorgang des Zusammenspiels nationaler und internationaler Reiseanschlüsse.
Der Freund hatte Teo ein Zimmer besorgt, das er aber schon bald gegen eine kleine, möblierte Wohnung in der Wohnanlage bei Doña Isabel tauschte. Nach dem Einzug wurde das Ereignis in Mannis Weinstube gefeiert. Den Rückweg zu seinem neuen Zuhause wollte Teo schwimmend zurücklegen.
Teo schwamm in der warmen Meeresdünung der Karibik. Eine leichte Strömung unterstützte ihn bei seinen Anstrengungen. Manni von der Weinstube hatte gemeint, da sei eine Strömung in seiner gewünschten Richtung. Trotzdem musste er sich kräftig ins Zeug legen. Sein neues Heim war fast zwei Kilometer von Mannis Weinstube entfernt, wenn man am Strand entlang ging. Aber Teos Gedanke war gewesen, geradlinig durch die Bucht zu schwimmen, um die Biegung des Sandstrandes abzukürzen und dort zu landen, wo sich seine neue Bleibe befand. Das war eigentlich kein abwegiger Gedanke.
So hatte er sich am Strand bei Mannis Weinstube in die Brandung gestürzt und war ins tiefere Wasser hinausgeschwommen. Er konnte da draußen das Rauschen der sich überschlagenden Wellen am Strand nicht mehr hören. Die Lichter vom Strand und der Straße dahinter sowie auch die hellen Sterne, die sich tanzend in der Dünung widerspiegelten, gaben genügend Licht, sodass er sich in der Dunkelheit orientieren konnte. Auf halber Strecke musste er einen ausgedienten, langsam verrottenden Anlegesteg passieren. Der ragte hundert Meter weit ins Meer hinaus. Daran wollte er großräumig außen vorbeischwimmen, denn solch vermodernder Holzanleger verbarg manch spitzes Objekt kurz unter der Wasseroberfläche, was ihm hätte gefährlich werden können. Teo schwamm noch ein Stück weiter raus, als er auf der Höhe des Anlegers angekommen war.
Seine Schuhe und sein Portemonnaie waren in Mannis Gewahrsam geblieben. Nur mit Hemd und Hose bekleidet hatte Teo die Weinstube verlassen. Das Problem war nur, dass er sich überhaupt noch nicht in der Gegend auskannte. So verfehlte er prompt sein Ziel. Ein paar Hundert Meter dahinter prügelten ihn die kräftigen, schnell aufeinanderfolgenden Brecher unsanft auf den Strand.
Danach folgte eine sechsstündige Odyssee durch die nächtlichen Dünen und Vororte von Tela. Er suchte nach dem Weg, der ihn vom Strand zu der kleinen Wohnanlage von Doña Isabel führen würde. Aber auf der Suche danach führte ihn sein Irrweg durch schlafende Vororte und er verlief sich immer weiter. Klar, dass seine „vierbeinigen Freunde“ ihm auf den Fersen waren und ihn kräftig verbellten.
Als es hell wurde, konnte Teo sich besser orientieren und fand zum Strand zurück. Von da konnte man in der Ferne den verwaisten Anlegesteg erkennen. Er hatte mindestens einen Kilometer zu weit entfernt nach seiner Bleibe gesucht.
Später erzählte er Manni von seinem Missgeschick. Der meinte, dass er Glück gehabt hätte, keinen bösen Bandidos begegnet zu sein. Wahrscheinlich sei es schon zu spät und niemand mehr unterwegs gewesen. Die Strände und die Gegend außerhalb der Hotelanlagen seien brandgefährlich, besonders im Dunkeln. Er solle immer wachsam sein, zu jeder Tageszeit, legte Manni ihm nahe.
Früher seien die bösen Buben so frech gewesen, sogar am helllichten Tage Touristen an den Stränden, sogar am Hauptstrand unterhalb der Promenade, auszurauben. Das sei natürlich geschäftsschädigend für die Betreiber der Hotels und Restaurants gewesen. Weil die Kundschaft wegblieb, taten sich die Betreiber zusammen und verhandelten vertraulich mit ihren Freunden und Helfern. Die Jungs in Blau kannten die bösen Buben und von einer Woche auf die andere gab es sie nicht mehr. Auch heutzutage sei man mit Kriminellen nicht zimperlich, wusste Manni zu berichten.
Seit geraumer Zeit gebe es in Tela Touristenpolizei, die am Tage durch die Stadt und am Strand entlangpatrouillierte – mit umgehängter Maschinenpistole. Die hätten aber vor Sonnenuntergang Feierabend und danach keine Befugnis mehr, ihre Arbeit als Banditenjäger auszuüben, erzählte Manni.
Die Statistik registrierte trotzdem weniger Überfälle seit Einführung der Touristenpolizei in Tela. Das konnte man im jährlich erscheinenden Touristenführer lesen. In diesem, wie auch in den Reiseführern, wurde davor gewarnt, dass es keine gute Idee sei, abends oder nachts durch menschenleere Straßen oder an den Stränden spazieren zu gehen.
Das mit den Straßen sah Teo ein, das mit den Stränden sah er ein bisschen anders. Er konnte auf drei Wegen nach Hause gehen. Die Hauptstraße entlang über die alte Brücke oder die neue zweispurige, menschenleere Avenue über die neue Brücke. Die dritte Möglichkeit führte am Strand entlang. Die ersten zwei Möglichkeiten schloss Teo für sich aus, weil man da in eine Falle geraten könnte, die vor und hinter einem zuschnappen würde. Gegen diese Art von Fallen hatte er schon in Johannisburg in Südafrika auf seinen nächtlichen „Sprints“ von der Arbeit nach Hause kein Konzept gehabt. Den Weg am Strand entlang fand Teo geradezu ideal. Er war ein guter Schwimmer, und wenn ihm jemand auflauern sollte, würde er im Meer verschwinden. Das war schon geprobt worden und in seiner ganzen Zeit in Tela gab es nur einen Ernstfall.
Teo saß vor der Weinstube von Manni. Auf der anderen Straßenseite tummelte sich eine Handvoll jugendlicher Einheimischer auf Fahrrädern. Die wiederholte Fragerei, ob sie ein Getränk haben könnten, musste Teo ablehnen. Schließlich hatte er keinen „Dukatenesel“. Als er zum Strand runterging, um sich auf den Heimweg zu machen, erschienen noch zwei Jugendliche auf der anderen Straßenseite. Teo vermutete, dass sie sein Verlassen des Lokals weitergemeldet hatten. Wie immer führte sein Weg am Hauptstrand entlang, an dessen Ende ein Fluss zu durchwaten war. Danach kam ein Strandabschnitt, der besondere Aufmerksamkeit erforderte. Er war oberhalb zur Straße hin von einem dichten Palmenhain gesäumt und von der Avenue drang nur spärlich Licht durch. Das war der Abschnitt, wo Teo ganz nahe am Wasser durch die auslaufenden Wellen marschierte. Plötzlich stockte er, zehn Meter vor sich sah er zwei Gestalten mit Macheten in den Händen stehen. Die waren aus der Deckung des Palmenhaines gekommen und stellten sich ihm in den Weg. Teo machte seine Routinebewegungen und ließ alles an Gegenständen fallen, womit man nicht schwimmen konnte. In diesem Fall war es eine Regenjacke, die er dabeihatte. Dann streifte er seine Schlappsandalen so über die Hände, dass die Halteriemen derselben auf dem Handrücken Halt fanden. Die Sandalensohle kam so auf der Handfläche bis über den Puls in Position – ein äußerst effektiver „Turbo-Schwimm-Antrieb“ beim Freistil. Er vergrößerte die Schaufelfläche der Hand um das Doppelte.
Nicht ohne den Bandidos zugerufen zu haben, dass ihre Mühe zwecklos sei, rannte er in sein tosendes, rettendes Element und schwamm in Richtung seines Zuhauses davon. Im weiten Bogen wurde wieder um den alten Anleger herumgeschwommen.
Teo hatte über die lange Zeit, die er schon in Tela verbrachte, beobachten können, dass die meisten der Einheimischen des Schwimmens nicht mächtig waren, von einigen abgesehen, die sich eben über Wasser halten konnten. Außerdem hätten sie Angst vor Haien, erzählte Manni, die aber so nah an der Küste kaum vorkamen. Letztlich konnte man mit Macheten auch nicht wirklich effektiv schwimmen. So rechnete er bei seinem Ausweichmanöver nicht mit Verfolgung.
Außer diesem einen unfreiwilligen Mal, nach Hause schwimmen zu müssen, hatte Teo die Strecke von Mannis Bar bis zu seiner Wohnanlage schon zwei Mal freiwillig absolviert. Die Stelle, wo er sich an den Strand spülen lassen musste, war ihm inzwischen bekannt. Von dort war seine Wohnanlage nur hundert Meter entfernt.
Die Übergriffe der Bandidos schienen nicht nur auf Touristen beschränkt zu sein. Einmal machte er mit Ana Patrizia im hellen Sonnenschein einen Strandspaziergang. Als die beiden das Strandeinzugsgebiet der letzten Hotelanlage des Städtchens verließen, stoppte sie und nahm Teos Hand. Ab hier wolle sie nicht mehr weitergehen, bemerkte sie, und zog ihn an der Hand zurück. Dort, außerhalb der Stadt, sei es ihr zu gefährlich. So drehten sie um und gingen wieder zurück auf den verhältnismäßig sicheren Strandabschnitten.
Ana Patrizia, eine Einheimische, hatte Teo in der kleinen Strandbar am Hauptstrand kennengelernt, wo die Tische und Stühle direkt im Sand platziert waren. Sie war hinter der Bar tätig und die zwei trafen sich manchmal zum Spanischlernen, wenn sie frei hatte.
Die kleine Wohnanlage, in der Teo wohnte, lag direkt hinter der letzten Strandhotelanlage im Westen des Städtchens. Um zum Einkaufen ins Zentrum von Tela zu gelangen, ging er immer den Weg am Strand entlang. Schöner, frischer und sonniger konnte man seinen Weg in die Stadt ja gar nicht gestalten, als durch die auslaufenden Wellen entlangzuspazieren. Bei Sonne wie bei warmen Regen brachte das gute Laune.
Es gab ausgeglichene Perioden, wenn die Sonne viel schien und es ab und an auch mal kräftig regnete. Das Wasser des Tela-Sees lief dann in gemäßigter Strömung unter der alten und der neuen Brücke durch ins Meer. Der Strand um die Ablaufstelle des Sees änderte ständig sein Aussehen. Bei wenig oder gar keinem Regen schlängelte sich manchmal nur ein Bach Hunderte von Metern durch den Sand, um irgendwo im Meer zu verschwinden. Bei und nach starkem Regen bahnten sich beachtliche Wassermassen mit starker Strömung einen direkten Weg vom See durch den Strand ins Meer. Dieses Gewässer musste Teo jeden Tag zweimal überwinden. Einmal am Tage und einmal in der Dunkelheit. Solange das Wasser beim Überqueren nur knapp bis unter die Hüfte ging und Teo beide Hände freihatte zum Balancieren, war das Durchwaten keine Schwierigkeit. Bei größeren Regenmassen und in der Regenzeit blieb ihm nichts anderes übrig, als eben die Brücke zu benutzen. Dafür musste er aber erst vom Strand weg auf die Straße gehen.
Am Anfang wusste Teo noch nicht, wie stark die Strömung nach einem Regen anwachsen konnte. Er ging an einem Abend, nachdem es am Nachmittag wolkenbruchartig geregnet hatte, mit zwei Einkaufstüten am Strand nach Hause. Seine lange Hose hatte er auch ausgezogen und obenauf in eine Einkaufstüte gelegt. Teo registrierte erst, wie stark die Strömung war, als er mit beiden Einkaufstüten im Arm, einfach weggespült wurde. Natürlich fielen ihm die Tüten aus dem Arm, die er schnellstens wieder einzufangen suchte, was ihm auch gelang. Aber die Tüten waren offen und der halbe Inhalt schwamm davon – auch seine Hose, worin sich Hausschlüssel und Geld befanden. Es gelang ihm noch, einen Salatkopf, Möhren, einen Milchkarton und einiges andere aus dem Wasser zu fischen. Die Strömung machte beim Eintreten ins Meer eine strudelförmige Bewegung und spülte einiges zurück an den Strand. Seine Hose und ein paar andere Kleinigkeiten waren aber von den Fluten entführt. Von da an begegnete er dem ablaufenden Wassern mit mehr Respekt. Eine Woche später fand er in der Nähe der Stelle des Missgeschicks seine Hose wieder. Die lag am Strand, halb von Sand bedeckt. Schlüssel und Geld waren noch drin.
In der Regenzeit war der Ablauf des Tela-Sees so breit, wie die Brücken lang waren, und er erinnerte eher an einen schnell dahinfließenden Fluss. Der hatte sich ein breites Bett geradewegs durch den Strand zum Meer gespült. Zum Durchwaten war er nun zu tief. Wollte man ihn am Strand überqueren, musste man sich schon bemühen, hindurchzuschwimmen.
An stürmischen, regnerischen Tagen schien das Meer in Wut zu geraten. Es verformte und verwüstete den Strand mit brüllenden, mit Gischt gekrönten Riesenwellen. Die brachen sich mit schäumendem Getöse gleich dutzendfach hintereinander. Bei Sturm schwamm eine Menge Treibgut in den Fluten und der Strand war auf seiner vollen Breite mit Treibholz, Baumstämmen, Wasserpflanzen und Plastikmüll bedeckt. Die Strandreinigungskräfte der Hotelanlagen und der Stadt waren immer wieder dabei, die Strände von diesem Treibgut zu befreien. Die Strände der Hotelanlagen wurden jeden Tag gesäubert. Die städtisch kontrollierten Strände blieben schon mal bis zum nächsten Unwetter unangetastet. Es sollte sich wohl ein bisschen mehr ansammeln, damit sich das Aufräumen auch lohnte.
Es bereitete Teo Vergnügen, nur mit Hemd und Shorts bekleidet im strömenden, warmen Regen seine Strandstrecke abzulaufen. Bei tosender Meeresaktivität erkundete er, wie die Naturgewalten letzte Nacht den Strand wieder aufs Neue zugerichtet und verformt hatten.
Teos kleine Strandbar hatte immer geöffnet. Die Stühle und Tische unter dem auf vier Stützen stehenden Dach aus Palmenwedeln standen übereinandergestapelt in einer Ecke, wenn der Strand überspült wurde. Lange nach einem Sturm waren die Wellen noch so hoch, dass die Wellenausläufer über die ganze Breite des Strandes bis hin zur Bar strömten. So kam es vor, dass die eine oder andere Kokosnuss herangespült und Teo und vielleicht noch einem anderen Gast zu Füßen gelegt wurde.
Bei solch einem Wellengang war es schlicht unmöglich, im Meer schwimmen zu gehen. Selbst bei sonnigem Wetter mit starkem Wind war es Teo einmal nicht gelungen, die „Armada“ von mannshohen Wellen zu überwinden. Um ins tiefe Wasser zu gelangen, wo man schwimmen konnte, musste er erst die in kurzen Abständen auf ihn eindreschenden Wellen hinter sich bringen. Es ging dabei weniger ums Überwinden der Wellen als ums „Untendurchtauchen“. Um hinüberzuspringen, waren sie zu hoch und steil und brachen zu schnell. Beim „Untendurchtauchen“ ließen sie ihm keine Zeit zum Aufstehen, um zwischendurch Luft und neuen Schwung für die nächste Welle zu holen. Sie folgten in zu kurzen Abständen hintereinander. So wurde Teo immer wieder von den steilen Wellen umgestoßen, bevor er für den nächsten Tauchsprung bereit war. Das halbe Brandungsfeld war noch nicht überwunden, als der Kampf für verloren angesehen werden musste. Ihm blieb nichts weiter übrig, als den Rückzug anzutreten. Bei jeder „schadenfrohen“ Welle, die auf ihn zukam, musste er sich in die Hucke setzen, um nicht noch mehr verprügelt zu werden. Schließlich war flaches Wasser erreicht, wo man sich aufrichten und schnell auf den Strand laufen konnte.

Manni hatte seine Weinstube aufgegeben und war mit seiner einheimischen Freundin in ihr Heimatdorf gezogen, wo sie ein Haus stehen hatte. Teo besuchte die beiden öfter. Das Dorf lag an der Hauptstrecke zur Stadt La Ceiba, wo alle Stunde ein Bus fuhr. Teo und Manni verstanden sich gut und konnten stundenlang im Garten sitzen und über Gott und die Welt reden.
Manni war ein netter, langhaariger Typ mit Haaren bis über die Schultern. Er war viel in der Welt herumgekommen und nun hatte es ihn hierher verschlagen. Bei seinem letzten Abflug von Deutschland hatte er „Stand-by-Roulette“ gespielt. Auf dem Flughafen hatte er nicht auf eine Maschine mit bestimmtem Ziel gewartet, sondern auf die nächste, die flog und auf der ein Platz frei geworden war. Die nächste Maschine war nach Mexiko geflogen und Manni war dabei gewesen.
Das war schon ein paar Jahre her und inzwischen hatte der Wind des Lebens ihn an die karibische Hondurasküste geweht. Manni wollte nicht mehr zurück. Er hatte eine bescheidene Rente, die ihm seine Schwester überwies.
„Warum willst du nicht mehr zurück?“, fragte Teo.
Manni druckste ein bisschen rum, dann klagte er Teo sein Leid: „Hör zu, Teo, du kennst dich ja mit der Materie aus. Immer wenn ich von langen Reisen aus der Welt zurück nach Deutschland kam, hat sich ein Teil meiner Freunde, Bekannten und Verwandten komisch, merkwürdig, ja, sogar abweisend mir gegenüber benommen. Als wenn ich nicht mehr Manni gewesen wäre. Dabei war ich noch genauso Manni wie immer. Nur weil meine Reisen sich immer weiter und über längere Zeiträume erstreckten, hatte ich vielleicht den Rahmen ihrer Vorstellungen, was ein Normalbürger machen darf, gesprengt.
‚Wenn das jeder machen würde!‘, hat mal ein Bekannter zu mir gesagt. So richtig vorwurfsvoll. Als wenn ich ein asozialer Vagabund wäre und anderen auf der Tasche läge. Dabei spart das Sozialamt sogar noch die Zuschüsse, die ich kriegen würde, wenn ich in Deutschland wäre.
Also, für den Typ bin ich kein Normalbürger mehr, kein Manni mehr. Aus dem Rahmen gefallen. Außerhalb seiner Verständniswelt.
Ich lebe nun mal ein individuelles Leben, was nichts mit asozial zu tun hat. Ein langweiliges, gesellschaftskonformes Leben liegt mir nicht.
Der hat mir auch vorgeworfen, dass ich mich doch nur meiner Verantwortung entziehen wolle. So ein Klops. Meiner früheren Verantwortung bin ich längst enthoben. Die hat sich jetzt hierher verlagert.
Und weißt du was? Der Spinner braucht selbst für nichts Verantwortung zu übernehmen. Der hat weder Arbeit noch Familie und lebt allein. Kriegt Geld vom Staat, womit der Verantwortung für ihn übernimmt.
Dann hat mir mal vor langer Zeit ein ehemaliger Freund eine dumme Frage gestellt. Vor was ich denn wegliefe, hat er mich auf einem meiner Besuche in Deutschland gefragt.
Ja, vor was läuft man denn weg, wenn man ein unbescholtener Bürger ist, Zeit hat und auf Reisen geht?
Ich kann mir vorstellen, dass viele vor der langweiligen Eintönigkeit zu Hause weglaufen. Vielleicht auch, weil ihnen das Wetter auf den Geist geht und ihr Gemüt betrübt. Viele hauen sicher ab, weil sie aus den Mauern, die sie umgeben, endlich mal ausbrechen müssen.
Mich haben das Fernweh und die Abenteuerlust nach draußen gezogen. Millionen andere gehen auf Reisen, um fremde Länder, Menschen und Kulturen zu erkunden. Bildet ja auch und erweitert den Horizont. Weitere scheuen keine Mühe, um in den abgelegenen Gegenden dieser Erde die Schönheit der Landschaften zu sehen und zu erleben. Die brauchen die prickelnde Atmosphäre und Fremdartigkeit, die sie nur dort vor Ort umgibt. Im Sessel vorm Fernseher kriegt man das nicht mit.
Wie schon erwähnt, der hauptsächliche Grund scheint der zu sein, aus seiner gewohnten Umgebung herauszukommen, um sich in einem anderen Klima aufzuhalten und etwas anderes zu sehen als nur den beschränkten Raum, der einen zu Hause umgibt.
Wenn also einer eine solch dumme Frage stellt, sollte er selbst einmal ‚weglaufen‘, damit der Kopf zum Überlegen frei wird.
Siehst du, die sind mir gegenüber alle komisch geworden. Ich weiß nicht, was die alle haben. Deswegen habe ich keine Lust mehr zurück.“
„Was du da erzählst, hab ich auch schon erlebt“, bekundete Teo. „Als wenn man ihnen etwas getan hätte.“
„Habe ich vielleicht auch“, erzählte Manni weiter. „Ich habe sie im Stich gelassen, bin einfach ausgestiegen aus dem sicheren Boot der sesshaften Solidargemeinschaft und davongeschwommen. Verrat! Ich habe sie enttäuscht oder überrascht. Ich weiß nicht, was der Grund ist, dass einige sich so sonderbar verhalten. Vielleicht Neid oder Missgunst? Was meinst du dazu?“
„Kann schon sein, ich weiß es auch nicht“, gestand Teo. „Ich habe aber auch einige Freunde und Bekannte, die begeistert sind, dass da einer der ihren ist, der ihnen vormacht, wie man seinen engen Rahmen sprengen kann und ein freiheitlicheres und unabhängigeres Leben führt. Außerdem gibt es noch einen ganzen Schwung von Leuten, die kein Interesse am Reisen haben und lieber zu Hause bleiben“, hielt Teo dagegen.
„Schon möglich“, grübelte Manni vor sich hin.
„Aber das Desinteresse am Reisen kann auch noch andere Hintergründe haben. Da kann nämlich ein Sicherheitsbedürfnis hinter der vermeintlichen Interesselosigkeit stecken.
Der Schlüssel zum Weltenbummeln, speziell für Minderbemittelte, die sich keine Versicherungen leisten können, ist Risikobereitschaft.
Bei den Desinteressierten mag bewusst oder eher unbewusst das Sicherheitsbedürfnis überwiegen. Schon die gewohnte Umgebung, in der man wohnt, vermittelt eine gewisse Sicherheit: keine fremden oder fremdartigen Menschen. Keine fremden Sprachen, Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten. Keine andersartige Mentalität oder unverständliches Gebaren. Kein ungewohntes Klima, keine heimtückischen Krankheiten oder fremdartige Insekten und Getier. Außer den Sicherheiten, die die gewohnte Umgebung bietet, beinhaltet das Sicherheitsbedürfnis noch allerlei Versicherungen, die abgeschlossen wurden. Man geht zu Ärzten, zu denen man Vertrauen hat und wo man sich sicher fühlt. Man wohnt in einer Wohnung, in der man sich sicher fühlt, und so was alles. Sich von diesen vertrauten Dingen zu entfernen, um andere Länder zu erkunden, hieße ja, Risiken einzugehen. Da ist eine Hemmschwelle. Aber, na klar, hast du sicher recht, dass ein Teil bodenständig ist und kein Interesse am Reisen hat.“
Manni machte Teo und sich ein kaltes Bier auf und fragte ihn: „Hast du schon mal Geschichten über deine Reiserei geschrieben?“
Teo verneinte. „Nee, du?“
„Ja“, sagte Manni. „Früher mal, für meine Freunde und Verwandten. Einige haben das mit Begeisterung gelesen. Andere waren nicht sonderlich interessiert mit ihren Alltagssorgen. Da waren aber auch einige, die absolut nichts davon wissen wollten. Die schienen Angst zu haben, vielleicht Dinge aus den Geschichten zu erfahren, die sie mir nie zugetraut hätten. Mit dem Lesen der Geschichten hätten sie ihr altes Bild von mir revidieren müssen. Und das wollten sie wohl nicht. Deswegen ließen sie es lieber.“
„Meinst du?“, fragte Teo.
„Na klar“, meinte Manni, „war doch einfacher. So konnten sie mich weiterhin unterschätzen. Scheint doch sowieso an der Tagesordnung zu sein, dass alle sich gegenseitig unterschätzen!“
Teo nickte: „Da kannst du recht haben.“
Manni hob den Zeigefinger: „Ist ja alles nur eine Vermutung von mir. Muss ja nicht so sein, aber möglich!“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 474
ISBN: 978-3-95840-008-5
Erscheinungsdatum: 02.12.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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