Sonstiges & Allerlei

Kann die Diagnose die Liebe fressen?

Linda Marest

Kann die Diagnose die Liebe fressen?

Leseprobe:

Prolog




Joana

Hi, ich bin Joana.
Vor mir ist keine Kletterwand sicher. Nicht nur wegen des Trainings, schließlich brauchen von High Heels geplagte Füße einen Ausgleich, sondern auch wegen der Herausforderung, möglichst glatte Wände in möglichst senkrechter Linie zu bezwingen.
Während des Studiums arbeitete ich stundenweise als persönliche Assistentin in einer Baufirma. Mit Diplomen in Bauwesen, Volkswirtschaft und Russisch in der Tasche sollte ich, später, so der Plan, die Firma meines Vaters übernehmen. Meine Brüder leiten die Tochterfirmen. Mein Vater ist noch nicht soooo alt, da hätte ich noch Zeit, Kinder bekommen zu können.
… doch stattdessen kam der Krebs.



Gregor

Hallo, ich heiße Gregor.
Nach meiner Knieoperation gab ich den Triathlon auf, blieb dem Berg an sich jedoch immer verbunden. Bergsteigen, Klettern, manchmal Bergwandern und natürlich die Gemeinschaft der Dolomitenmänner und Bergretter bestimmten mein Leben, in dem die Arbeit als Spengler/Dachdecker eine nebensächliche Rolle spielte.
Bis Joana in mein Leben trat und mir den Atem nahm, zuerst vor unfassbarem Glück, dann blieb mir vor Angst die Luft weg …




A
wie Akutphase und Akutnachsorge
Joana

Ich liege; langsam dämmert das Bewusstsein wieder hoch, und ich werde mir in elend langsam kommenden Ebenen meiner Umgebung bewusst. Es ist wie sich lichtender Nebel, der nach und nach die Umgebung sichtbar macht. Angst empfinde ich keine, bin neugierig, völlig gefangen von den überwältigenden Eindrücken, die auf meine Sinne einprasseln.
Noch habe ich die Augen geschlossen. Schon jetzt ist so viel einzuordnen. Überwältigende Müdigkeit drückt mich in die Kissen und doch höre ich rhythmisches Piepsen und Rauschen, Pumpen. Es ist keine Harmonie in den Geräuschen, keine Logik erkennbar, keine Musik - es ist nervend. Ich will mich bewegen und bekomme augenblicklich Atemnot. Was war das jetzt? Habe ich mich bewegt, oder war die Absicht schon als Ursache ausreichend?? Verwirrt drifte ich weiter. Die Nebel ziehen sich wieder zusammen, und ich versinke in gnädig tröstlicher Watte.



Gregor

Joana wird operiert, ich kann nichts tun, gar nichts, weniger als gar nichts. Wenn ich frage, wie es ihr geht, bekomme ich höflich nichtssagende Antworten und halte die Schwestern von der Arbeit ab.
Notwendige Arbeit. Für meine … ja, was denn nun? Frau? Wir sind nicht verheiratet. Sie ist in mein Leben gefegt wie ein Wirbelsturm, hat alles auf den Kopf gestellt und mein Herz mit Farben gefüllt, die vorher gar nicht da waren. Oder sie waren da, aber ich hatte nicht die Fähigkeit, sie zu sehen. In der Beziehung zu Joana lernte ich ihre Art, an Dinge heranzugehen, kennen, sie zeigte mir ihre Kraft. Sie hat mich umgehauen und wie einen Fisch auf dem Trockenen zurückgelassen. Sie ist mein Element, ohne sie kann ich nicht atmen.

Jetzt ist sie schon eine gefühlte Ewigkeit im OP.
Kleinhirnbrückenwinkeltumor. Was für ein Wort. Ich stelle mir das wie ein riesiges Vogelnest zwischen einem Brückenpfeiler und dem Brückensteg vor. Irgendwo im Kopf.
Es begann ganz harmlos oder eigentlich tragisch, im Nachhinein betrachtet.

Joana maulte etwas über Übelkeit beim Frühstückstisch. Obwohl wir verhüten, kam sofort die Idee einer Morgenübelkeit, also Schwangerschaft, also ein Kind mit dieser wunderbaren Frau in meinen Kopf, und ich musste unwillkürlich lächeln. Egal wie sie dazu stand, ich würde mein Bestes tun, um ihr einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich sicher fühlen und sich freuen konnte. Aber würde sie das wollen? Mich? Mich durch ein Kind an sich gebunden haben? Und würde das, was ich zu bieten habe, für sie ausreichend sein?

Sie schien nicht in diese Richtung zu denken, in Richtung Schwangerschaft, und ich hielt tunlichst den Mund.

Beim Schuheanziehen klagte sie über ein Flimmern vor den Augen. Der Kreislauf, dachte ich. Wir hatten uns heftig geliebt und etwas weniger Schlaf als gewohnt abbekommen. Auch mir steckte die Nacht noch in den Knien, sie glichen eher Gummi, aber es war ein schönes, entspanntes Gefühl.
Ich zog sie hoch und küsste sie gründlich. Das Flimmern verschwand, wie sie sagte, dann gingen wir zur Arbeit.



Joana

Die Nebel lichten sich. Die kenne ich schon. Auch die nervtötenden Geräusche habe ich wiedererkannt.
Meine ganze linke Körperhälfte brennt wie Feuer, die rechte ist weit weg. Das ist gut. Würde die auch noch brennen, hätte ich keine Chance, dem Schmerz zu entfliehen, und ich hätte auch keinen Ort, wohin ich gehen könnte.

Jemand berührt meine Schulter. Scheiße, tut das weh! Finger weg!!!
„Ich gebe dir gleich was zum Schlafen. Du hast die OP gut überstanden. Es ist alles O.K.“
Warum verbrennt dann meine Haut?
Ich versinke im Nebel, aber der Schmerz kommt mit mir mit. Wie eine zu heiße Badewanne oder ein Sandsturm in der Wüste. Erschrocken halte ich die Luft an.
„Atme!!!“, peitscht eine Stimme durch den Nebel - Wie denn, wenn’s brennt?
In den kühlen Teilen meines Körpers suche ich nach einem Platz zum Rasten.



Gregor

Ein Becher Automatenkaffee reißt mich zurück ins Hier und Jetzt. Ich habe einen zu großen Schluck genommen, mein Magen protestiert; ich atme mit offenem Mund und wechsle den Plastikbecher in die andere Hand.
Es ist dunkel draußen - wann war es Abend geworden? Ich weiß es nicht. Seit Joana vom OP auf die Aufwachstation gekommen ist, befinde ich mich in einer Seifenblase. OP gut überstanden, aber ich darf noch nicht zu ihr. Mein Herz brennt (oder doch nur der Magen?), ich muss mich mit eigenen Augen von ihrem Zustand, ihrem Überleben, ihrem Wohlergehen überzeugen. Muss sie sehen.
Endlich. Ich trete zu ihrem Bett, mit bangem Herz und weichen Knien. Wie beim ersten Rendezvous. Ich hatte solche Angst, dass sie nicht kommt. Und dann war sie aufgetaucht. In High Heels, knallenger Nadelsteifenhose, Leinensakko, auch in der Freizeit topgestylt oder kam sie direkt vom Büro? War die Einladung zum Kaffee ein schlechter Zeitpunkt? Sie wirkte erfreut, und mein Herz kam stolpernd zur Ruhe.
Jetzt liegt sie vor mir. Wie ein zerfranstes Vögelchen. Die Haare orange vom Desinfektionsmittel, der Schädel teilweise rasiert, mit weißen Kompressen abgedeckt, ein Schlauch kommt direkt aus dem Kopf, gleich daneben der zum Zopf gebundene Rest ihrer Haare grotesk schräg abstehend. Ein weiterer Schlauch in der Nase, einer verschwindet unter der Bettdecke. Am Hals ein Gestrüpp vieler Plastikteilchen mit noch mal so vielen großen und kleinen Flaschen und Beuteln, die am Ständer daneben hängen. Weiße, gelbe, klare und milchig-trübe Flüssigkeiten. Sogar ein Stethoskop hängt dabei.
Das verstörendste ist der Schlauch im Mund, das rhythmische Heben und Senken einer Maschine und die tiefen Schatten um ihre Augen. Ich traue mich nicht, sie zu berühren und lege deshalb den Kopf neben ihren. Meine Lider gehen augenblicklich zu - ich bin so müde. Und so unzureichend, verschwitzt, dreckig, zu nichts zu gebrauchen, keine Hilfe.
„Ich brauche dich“, flüstere ich in ihr Ohr. Mein Gott, wie selbstsüchtig.
„Bleib bei mir.“ Auch nicht besser.
„Ich liebe dich.“ Das fühlt sich gut an.
Ich atme ihren Duft ein und finde ihn auch noch unter dem Gestank der Desinfektionsmittel. Das macht mich ruhiger - Joana ist noch da.

Bevor ich hier einschlafe, muss ich gehen. Irgendwann falle ich zu Hause ins Bett. Wie ich heimgekommen bin? Ich weiß es nicht.



Joana

Ich kann nicht atmen, rein geht, raus nicht, ich habe keine Kraft, mich dagegen zu stemmen. Eigentlich hätte ich schon Kraft, aber wenn ich anpresse, überflutet mich das heftige Brennen und zwingt mich in die Knie. Und vorsichtig atmend komme ich gegen den Widerstand nicht an.
Um mich herum wuselt eine geschäftige, halb zugewandte Aufmerksamkeit, mehr geräteorientiert als personenzentriert. Ich fühle mich unsichtbar, versteckt hinter piepsenden Boxen.
Ich wage ein Blinzeln. Das rechte Auge protestiert, das linke geht auf. Gregor sitzt neben meinem Bett. Er muss es sein. Ich will, dass er es ist. Obwohl ich verstehen könnte, wenn er das Weite gesucht hätte. Er ist so voller Agilität, was soll er mit einer kranken Frau?

Ich erkenne sein Hemd und darüber seinen Kopf, verschwommene Gesichtszüge. Vielleicht brauche ich jetzt nach der Tumorentfernung eine Brille. Er scheint zu schlafen. Ich würde gerne seine Hand spüren, um zu wissen, dass er tatsächlich da ist und ich ihn mir nicht einbilde. Aber er ist so weit weg, zu weit. Um ihn zu erreichen, muss ich meinen Oberkörper anheben, und sofort bekomme ich einen Hustenanfall.
Eine Schwester wuselt heran. Dunkles Haar, die Streifen auf ihrer Kleidung bewegen sich mit dem Oberkörper hin und her - hin und her … mir wird schlecht …

Das ist gemein. Die Streifen sind scharf zu erkennen, das Gesicht verschwommen. Funktionieren so Gleitsichtgläser? Keine Ahnung, ich muss Opa fragen, wenn ich ihn sehe.



Gregor

Joana scheint wach zu sein, den Blick zur Decke, den Kopf nach hinten überstreckt, schüttelt es sie heftig im Bett herum. Sie wird gerade abgesaugt. Ein Schleimpfropfen hat die Kanüle am Hals verstopft. Die Schwester fährt mit einem langen Schlauch bis zum Anschlag hinein, also bis in die Lunge hinunter, kein Wunder, dass Joana fast an die Decke geht.
Später wird sie mir erzählen, dass sie schon fast süchtig nach dem Absaugen gewesen war. Weil sie danach so viel besser atmen konnte und weil sie sich durch den intensiven Reiz besser spüren konnte. Nur vor dem Geräusch habe ihr immer gegraust.
Dass ihr ein Loch in den Hals gebohrt werden musste, in dem jetzt eine Kanüle steckt, durch die sie atmet, war notwendig gewesen, weil sie keine Kraft hatte, die Luft bis zum Mund heraufzuatmen, wie mir gesagt wurde.
Die Information lief über zwei Ecken, da ich ja nicht mit ihr verheiratet bin. Und als Lebensgefährte gelte ich noch nicht. Noch nicht lange genug zusammen, hieß es. Was wissen die schon von Intensität? Die zählen nur in Jahren.

Ich wandere durch die Straßen, zu viel geht mir durch den Kopf, um ein guter Gesellschafter zu sein. Joana wird von der Kanüle eine Narbe behalten, wenn sie nicht sogar die Kanüle selbst behalten wird. Wie wird sie darauf reagieren? So sorgfältig wie sie sich immer fürs Büro zurechtmachte? Farblich und stilmäßig auf den Inhalt des Meetings abgestimmt. Einen dunklen Schal in der Tasche, wenn am Nachmittag noch eine ernstere Besprechung anberaumt war.

Wird sie ihre Narben akzeptieren können, sie tragen wie eine Trophäe, oder wird sie sie verdecken wollen mit einem Halstuch, einem Schal oder einer Kette?
Ich finde mich vor den Schaufenstern eines Juweliers wieder. Die Eheringe blicken mich vorwurfsvoll an. Ich starre sehnsüchtig zurück. Eine Kropfkette aus zarten Perlen in fünf Reihen beherrscht die Auslage. Wenn es so weit ist, könnte das eine Lösung sein, sofern sie den Druck des zusätzlichen Gewichts am Hals erträgt. Vielleicht nicht alltagstauglich, aber fürs Konzert oder ein Arbeitsessen, wenn sie sich schön fühlen möchte.

Ob sie schon weiß, dass ihr rechter Mundwinkel nach unten zieht? Es könnte sich auch zurückbilden, sagt die Logopädin, mit viel konsequenter Therapie.
Viel Therapie bekommt Joana jetzt schon. Abends ist sie komplett geschafft, verschwindet in ihren Kissen, obwohl sie fast zehn Kilo zugenommen hat, wirkt sie zerbrechlich, irgendwie durchscheinend.



Joana

Ich wurde auf die Duschliege gewuchtet, und dann ging es den Gang hinunter.
Die Neonröhren am Plafond blenden mich und verursachen rasende Kopfschmerzen. Der Wechsel von Licht und Schatten, verbunden mit einem etwas unrhythmischen Schaukeln, löst ein Stroboskopgewitter in meinem Kopf aus. Zum Bad geht’s ums Eck.
Festklammern scheint mir eine gute Idee zu sein, irgendwo Halt finden, wie ein Kind den Rockzipfel der Mutter in angstfeuchten Händen zerknautschend, kralle ich meine Finger in das Nachthemd. Zum Glück ertaste ich ein Seil oder einen Schlauch aus Plastik und klammere mich daran. Ich habe Angst zu fallen, und die 90 -Grad-Kurve drückt mir tief in den Magen. Mir wird schon wieder schlecht.
Die dunkelhaarige Schwester mit der tiefen Stimme zieht mir einen Waschlappen über die Hand und hebt meinen Ellenbogen an. Endlich kann ich wieder einmal mein Gesicht berühren. Fasziniert betaste ich es - lange nicht mehr gespürt.
„… Und auch die rechte Seite waschen“, fordert sie bestimmt und schiebt meine Hand weiter ins Leere zu ein paar Unebenheiten - überfordert stemme ich mich dagegen. Was will sie nur??

Während die Wassertropfen wie Granatensplitter auf meine Haut prasseln, registriere ich, dass die rechte Seite zwar meinen Befehlen gehorcht, aber kaum zu spüren ist, die linke dagegen vom Beschuss der Wassertropfen an der Grenze des Erträglichen schmerzt, dafür aber passiv mit bzw. neben mir auf der Duschliege liegt.



Gregor

Jetzt mache ich Nägel mit Köpfen!! Einen schmalen Ring (passend zu Joanas schlanken Händen) in der Tasche, betrete ich das Krankenzimmer. Joana liegt mittlerweile auf der Reha-Station. Sie ist stabil, hat noch die blöde Kanüle im Hals und eine Ernährungssonde im Bauch, aber keine grauslichen Schläuche mehr aus Kopf und Hals.
Sie liegt auf der Seite, fast schon auf dem Bauch und schläft. Es wirkt friedlich, beinahe schon normal.
Eine Schwester begrüßt mich und erklärt mir den Therapieplan, der an der Wand hängt, den ich abfotografiere, und das Tagesprotokoll. Ernährungsplan. Bewegungsplan. Kanülenentwöhnungsplan. Alles protokolliert, im Stundentakt kontrolliert. Sie überflutet mich mit Infos. Verlangt Aktivität. Nicht wegen eines vollgerotzten Filters in Panik geraten und läuten, sondern Handschuhe anziehen und austauschen. Wasser über die Sonde in den Magen tropfen lassen. Ich solle es mit einem grünen Kugelschreiber abhaken, mich an die Zeiten halten. Bei therapeutischen Positionierungen nichts verändern, Joana ablenken, um die Liegedauer hinauszuzögern. Bei prophylaktischen Positionierungen darf ich Änderungen vornehmen, muss aber auf die Fersen, den Po und den Winkel des Oberkörpers achten.

„Möchten Sie sich dazulegen?“, fragt sie. Wie bitte?? Aber sie meint es ernst, nimmt mich als Lebenspartner ernst, und plötzlich spüre ich die Sehnsucht nach Körperkontakt mit meiner Frau, eine Empfindung, die ich total verdrängt hatte.
Sie zieht eine Rolle weg, und ich klettere ins Bett, nehme den Platz der Rolle ein. Die Schwester schließt die Tür. Joana hat eine Elektrode am Finger kleben, die Puls und Blutsauerstoff anzeigt. Vorsichtig nehme ich meine Frau in den Arm, drücke sie sanft an meine Brust und atme an ihrem Nacken ihren Duft ein. Joanas Herzschlag reagiert augenblicklich, sackt um die Hälfte herunter.
Die Schwester huscht herein, sieht die Szene, lächelt, „Sie tun ihr gut“, flüstert sie aufmunternd. Weg ist sie.
Ich tue ihr gut. Mein Gott, so einfache Worte und doch lösen sie die eisige Umklammerung meines Herzens. Ganz leise steigen Tränen in mir auf, und ich weine still in das Haar meiner Frau. Meine Hand ruht auf ihrem Bauch, der wesentlich runder ist als jemals zuvor. Joana nimmt stetig zu, und ihre Hüften sind schon beinahe üppig. Der Bauch wölbt sich in meiner Hand. Und ich Vollidiot habe mich damals über ihre „Morgenübelkeit“ gefreut. Wie engstirnig von mir, wie egoistisch, ich könnte mich ohrfeigen.
Zu den Tränen der Erleichterung gesellen sich jene der Scham.
Joana

Gregor geistert durch meine Träume. Dass wir kuscheln wie früher - wie lange ist das her. Eine Ewigkeit. Ich liege auf der rechten Seite, fühle mich seltsam abgehoben, schwebend im Bett, doch der Druck tut gut. Mein Gewicht presst die Haut in die Matratze, etwas diffus glaube ich wahrzunehmen, dass ich auch noch unterhalb der „Augen-Kontroll-Grenze“, wie ich sie nenne, die Haut meines rechten Beines spüre.
Dankbar registriere ich, dass die linke Seite keinen Druck aushalten muss. Zwar ertrage ich mittlerweile gerade eben so den Kontakt des T-Shirts auf der Haut, aber die notwendige Atmung scheuert den Stoff über die Haut. Manchmal hasse ich meine Atmung. Oder Atmung prinzipiell, da die Atemluft anderer oft über meine Haut streicht.
Es ist anstrengend, schmerzhaft und lässt mich nie in Ruhe, wie ein Folterknecht, der mit der Peitsche in regelmäßigem Rhythmus auf die Haut knallt. Und kein Ende in Sicht. Es hilft, mir kühle Meeresbrandung vorzustellen, sanftes Schaukeln in linderndem Wasser, manchmal vergesse ich dieses Bild oder bin abgelenkt, dann beherrscht der Wüstensturm wieder mein Bewusstsein, böig und zerfetzend.

Gregor - ich kann ihn spüren -, er ist tatsächlich da und kuschelt an meinem Rücken. Doch sein Arm liegt schwer auf meiner Hüfte - zu schwer. Nein eigentlich nicht, aber die blöde Atmung bewegt seine heiße Haut immer wieder über meinen linken Ellenbogen. Ich versuche, ihn wegzuschieben. „Alles O.K., ich bin ja da“, sagt er. Blödmann, das weiß ich auch so, aber du tust mir weh … verdammt, geh da weg … ich habe keine Stimme, die Kanüle ermöglicht es zu atmen, aber nicht zu sprechen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 74
ISBN: 978-3-99048-926-0
Erscheinungsdatum: 09.08.2017
EUR 13,90
EUR 8,99

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