Sonstiges & Allerlei

Am Rande der Gesellschaft

Dominique Marin

Am Rande der Gesellschaft

… und was wir von Hunden lernen könnten

Leseprobe:

VORWORT

Meine eigentliche Motivation zum Schreiben dieses Buches bestand darin, den Menschen zur Selbstreflexion anzuregen und seine eigene, angenommene Realität einmal zu hinterfragen. Auch ist es mir ein Anliegen, das Verhalten den Tieren gegenüber deutlich zu sensibilisieren. Hundefreunde werden vielleicht eine neue Möglichkeit finden, wie sie ein harmonisches und respektvolles Leben mit ihrem Vierbeiner ansteuern können. Manchmal braucht es dazu einfach mal neue Ideen und Gedankenansätze. Es ist mir klar, dass ich nicht jeden zu begeistern vermag, einige werden meine Ausführungen vielleicht sogar ablehnen, weil sie sich in ihrer Lebensanschauung angegriffen fühlen. Für andere wirkt vielleicht alles zu weit hergeholt, weil nichts mehr in ein bekanntes Schema passt. Doch vielleicht gibt es ja auch diejenigen, die sich inspirieren lassen und das für sich herausnehmen, was sie brauchen. Das sind dann vielleicht die Menschen, denen man gerne begegnet, die ebenso frei denkend ihren Lebensweg beschreiten. Man kann es nie allen recht machen, aber man kann zu sich selber stehen, und so sollte es auch sein. Ich würde nie den Anspruch erheben, anderen etwas vorzuschreiben oder gar allein die Wahrheit gepachtet zu haben. Jeder hat etwas beizutragen, und je größer die Vielfalt, desto größer ist die Auswahl.
Ich habe meine vergangenen Lebensabschnitte abgelegt und einen Weg beschritten, der für viele unerwünscht und Angst machend wäre.
Einen Weg am Rande der Gesellschaft.
Durch meine selbst gewählte Isolation in einem abgelegenen Wohnort, wo die Wildnis in greifbarer Nähe lag, begann ich mich mit natürlichen Umweltbedingungen zu konfrontieren. Eine anfänglich harte Umstellung, bei der ich zunehmend auf gesellschaftliche Komfortzonen verzichten musste. Da meine Lebenssituation nicht gerade mit Luxus im allgemeinen Sinn gekrönt war, musste ich immer wieder aufs Neue improvisieren. Mein Leben orientierte sich immer stetiger an der Natur, weil sie es war, die mir am nächsten stand.
Zugute kam mir, dass ich meine geliebte Hündin an meiner Seite hatte. Sie gehört zu dem Geschlecht der Malamuten (Alaskan Malamute), einem einstmals arktischen Inuit-Volk, die solche Hunde als Zug- und Arbeitstiere einsetzten.

Es folgten Jahre, in denen ich eine autodidaktische Ausbildung absolvierte, in der ich immer wieder die Selbstverantwortung lernen musste, auf all unseren unzähligen Touren, draußen in der Natur, allein mit meiner vierbeinigen Begleitung, oft abseits aller Wege. Ein Pfad, der keine Worte brauchte, stetige Überwindung und Konfrontation mit einer wilden Umwelt war. All das hat mich sensibilisiert und geprägt, geschüttelt und in ein fast archaisches Weltbild manövriert. Und dies nur einen Schritt von der modernen Welt entfernt, in der ich zusehends meinen Platz nicht mehr fand.

Von Kindheit an war mein Interesse den Tieren zugeschrieben. Der rationellen, technischen Materie gegenüber war ich eher ausgeliefert, und meine Vorlieben fanden sich zunehmend in praktischen und selbst erhaltenden Bereichen. Nichtsdestotrotz hat mir vielleicht meine damalige Berufsausbildung als Schriftsetzer einen Impuls ermöglicht, viele Jahre später dieses Buch zu verfassen. Später folgten dann noch weitere Ausbildungen, die meinem ursprünglichen Interesse den Tieren gegenüber näherkamen. Auch befasste ich mich nunmehr seit Jahren mit ganzheitlicher Medizin und Bewusstseinsforschung. Eine Berufsausbildung in Naturmedizin folgte und Dutzende Weiterbildungen über Mensch und Tier. Stets suchte ich im „letzten Winkel“ nach neuen, wiederentdeckten Methoden, die für die Öffentlichkeit (noch)
nicht (be)greifbar waren. Wenn man den Menschen zu verstehen beginnt, kann man vieles auch bei Tieren wiederfinden. Waren oder sind nicht gerade sie diejenigen, bei denen man einiges abschauen könnte?
Bei meinem intensiven Kontakt zu Hunden, denen ich sehr vieles abgeschaut habe, galten diese für mich stets als Unterstützung und Begleitung. Sie ermöglichten mir, nicht aufzugeben, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich eine Führungsposition als „Rudelführer“ zu behaupten hatte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren teilweise grenzwertig, und nur durch autodidaktisches und eigenes Forschen fand ich „Wahrheiten“, die in keinen Schulbüchern zu finden sind.
Dieses Buch möchte ich nicht als eine Art von Selbstdarstellung betrachten, denn allzu oft neigen Menschen dazu, dich in irgendeine Schublade zu stecken, über die sie dann urteilen und zu der sie Vergleiche anstellen. Ich verstehe mich als einen Teil der Natur, ohne dabei irgendetwas über- oder unterzubewerten. Ich bin hier, um meine Erfahrungen zu machen und zu erweitern. Weder bin ich ein Aussteiger noch Mitglied irgendeiner Gesellschaft, es gibt hierfür weder einen Namen noch eine Bezeichnung. Ich bin hier, weil ich hier bin.

Meine Anschauungen entsprechen meiner subjektiven Wahrnehmung über die Natur. Wie könnte es anders sein? Nicht die Sensationen und bahnbrechenden Enthüllungen stehen im Vordergrund, sondern die unscheinbaren Dinge, die irgendwo im Individuum schlummern, aber nicht zur Geltung gebracht werden (können). Es sind oft diese kleinen und versteckten Dinge, die in sich die Weisheiten bergen, die wir alle bloß vergessen haben.

Ich habe den Begriff „Natürlichkeit“ des Öfteren benutzt, weil er eine zentrale Rolle spielt. Definiert (per Wiktionary) wird dieser Begriff in etwa so: Eigenschaft, vor allem von Personen, die ein offenes, unverstelltes Verhalten zeigen.
Für mich etwas zu kurz gegriffen, zumal der Begriff „Personen“ durch „Menschen“ ersetzt werden müsste (darauf werde ich noch zurückkommen). Allerdings, denke ich, ist in unserem Sprachgebrauch deutlich zu verstehen, was mit Natürlichkeit in Zusammenhang steht. Ergänzende Begriffe wie „naturnahes Verhalten“, „sich seiner eigenen Natur bewusster Mensch“, „Ursprünglichkeit“, „Echtheit“, „Unverfälschtheit“, ja sogar „Aufrichtigkeit“ könnte man alle dazurechnen. Wir wollen uns ja nicht mit Wortbegriffen aufhalten, vieles steht auch „zwischen den Zeilen“.
Verstecke ich für einen Hund ein Leckerli im Erdreich und fordere ihn zum Suchen auf, beginnt „seine Reise“ bis zum Erreichen des begehrten Objekts. So fand ich es sinnvoll, diverse Richtungen anzustoßen, um dem Leser eine Spur zu legen. Jeder wird sein Leckerli auf individuelle Weise finden. Dieses Buch möchte in kein bekanntes Schema passen (auch dazu nehme ich noch Stellung), daher könnte es vielleicht für manchen etwas „schwierig werden“, weil man ein bekanntes Thema einmal gänzlich anders betrachtet.

Ich habe mich bewusst entschlossen, dieses Buch in einer einfachen, gut verständlichen Sprache zu verfassen. Die Natur ist ebenso einfach, direkt und unmissverständlich. Die Welt ist schon kompliziert genug geworden. Gut verbalisierte Worthülsen scheinen auf den ersten Blick ihre Wirkung zu erzielen, doch langfristig vermögen sie das Herz eines Menschen weder zu berühren noch zu befriedigen. Deshalb verwende ich in diesem Buch auch die Du-Form, weil es am besten zu den Inhalten passt. Hunde haben mich gelehrt, direkt, konsequent und aufrichtig zu sein, und dies ohne den Anspruch auf gut dokumentierte, wissenschaftliche Tatsachen oder rationelle Überlegungen. Wissenschaft ist dann ein Segen, wenn sie sich unvoreingenommen an der Objektivität der Natur messen kann, und dies in einem ganzheitlich orientierten Zusammenhang. Es ist ratsam, stets den Mittelweg zu wählen, ohne nach links oder rechts auszuweichen. Oder anders ausgedrückt: Orientiere dich am Stamm und nicht an den Ästen.
Man könnte mir vorwerfen, ob es denn nötig sei, ein gängiges System zu kritisieren. Dies ist eine Frage der eigenen Wahrnehmung. Man muss es ja nicht zwingend als Kritik betrachten. Es sind zusammengefasste Gedanken, über die man selber reflektieren kann und darf. Wenn alles in bester Ordnung wäre, es keine schwerwiegenden Probleme gäbe, wäre der Mensch zufrieden und glücklich. Sichtbar glücklich. Jeder hat mal ab und zu seine Bürden zu tragen, das gehört zum Leben und zum Wachstum. Doch die wirklichen Behinderungen, die ein freies Leben verhindern möchten, müssen und sollten erkannt werden. Nicht Einzelne, sondern alle sollten daran arbeiten, dass unsere Welt zu ihrem natürlichen Ursprung zurückfinden kann. Solange es noch Menschen gibt, die Hunger leiden oder kein Dach über dem Kopf haben, stimmt noch so einiges nicht. Leider müssen uns oft erst Schicksalsschläge heimsuchen, bevor wir begreifen, in wessen „Spiel“ wir da geraten sind.
Besonders auch unserem Verhalten den Tieren gegenüber sollte mehr Beachtung geschenkt werden, denn sie sind da, um uns zu helfen, selbstlos und ohne es zu wissen.
Dieses Buch enthält einen Funken, der langsam und nicht physisch brennt, bis zum Ende, wodurch unser Bewusstsein erfasst und erhellt werden kann. Es geschieht subtil und still, und irgendwann erkennst du, dass sich deine Gedanken und Ansichten gewandelt haben.
Etwaige Wiederholungen im Text sind so gewollt und möchten allen helfen, die sich der Natürlichkeit öffnen wollen.

So hoffe ich doch, das eine oder andere Herz erwecken zu können, auf dass es viele werden, die sich aufmachen an sich zu arbeiten, um ihre eigene, natürliche Welt und die aller Völker in ein harmonisches Dasein zu verwandeln, so wie es eigentlich gedacht ist. Die Tiere und besonders unsere Hunde könnten uns dabei wesentlich helfen …

Dominique Marin



EINLEITUNG

Der Wind peitschte mir eiskalt ins Gesicht. Die Sicht trübte sich merkbar. Es war einer jener Wintertage, bei denen man sich wünschte irgendwo an einem warmen Plätzchen zu sein. Die Umgebung war in ein düster wirkendes Grau gehüllt. Der leichte Schneefall ließ die Flocken wie unwirkliche Kristalle am Himmel erscheinen, wenn das fahle Licht sie manchmal erhaschte.
Es war Winter und bitterkalt. Hier oben, auf ca. 2400?m Höhe, umringt von einer grandiosen Bergkulisse, war zurzeit niemand mehr unterwegs, zumindest nicht aufrecht auf zwei Beinen. Dies wurde mir zusehends bewusst. Nicht dass mich diese Gegebenheit befremdete, war ich es doch fast schon gewohnt, auf diese Weise unterwegs zu sein. Doch jede neue Tour, die ich mit meiner Hündin, einer Malamute-Dame mit Ursprung im arktischen Norden, unternahm, bot mir neue Eindrücke und Erkenntnisse, auch wenn sie mir mitunter so einiges abverlangte. Der Schneefall wurde deutlich stärker, alles, was noch irgendwie als Spur erkennbar war, drohte nun immer mehr zu verschwinden. Wir hatten noch mindestens zwei Stunden Wegstrecke vor uns, und zu allem Übel schien die Zeit schneller zu laufen, als wir es konnten. Die Dämmerung rückte unaufhaltsam näher. Weder eine Schutzhütte noch irgendwelche Bäume waren in Sichtweite. Einen Notstopp konnten wir also abschreiben. An meiner körperlichen Kondition lag es in dieser Situation zum Glück nicht, aber psychisch hieß es klarzukommen. Was könnte wohl alles passieren, jetzt, in jeder Minute? Es braucht ein Urvertrauen und die Gewissheit, dass die Chance noch immer besteht, glimpflich davonzukommen. Wind, Kälte und Schnee … Ein endloses Treiben.
Es ging nur langsam voran, einen Fuß vor den anderen; ich wusste die Richtung, ein Pfad war bei dieser Schneeschicht jedoch nicht mehr auszumachen. Alles zugeschneit! Selbst Cheyenne, meine vierbeinige Begleiterin, zog es nun vor, meine Fußstapfen zu benutzen, um nicht selber pflügen zu müssen. Durch den stärker werdenden, alles durchdringenden Wind entstanden unheimliche Melodien, wie das Wehklagen abtrünniger Geister.
Wir befanden uns mitten auf einer Tour, bei der das Wetter uns anfangs gut gesinnt war. Wie so oft empfanden wir es als Herausforderung, ständig neue Routen zu wählen, denn das Gefühl, wir müssten allein diesen Planeten neu erkunden, war oft mein Begleiter.
Wetterwechsel gehören nun mal zu den Bergen, das zu akzeptieren hatte ich keine Mühe.
In der Ferne konnten wir schemenhaft ein Rudel Gämsen erkennen, die alle gemächlich hintereinander herstapften. Meine Bewunderung gilt diesen Tieren. Es sind Überlebenskünstler, wahre Helden der Natur. An ihnen und anderen Wildtieren habe ich mich oft orientiert, denn sie repräsentieren das Unverfälschte, die Kraft und Wildheit der Natur und sind mit einer hervorragenden Anpassungsfähigkeit gesegnet.
Ich war mir sehr wohl bewusst, dass, wenn ich jetzt aus irgendeinem Grund nicht mehr weitergehen könnte, ich hier liegen bleiben müsste, allein, und niemand wüsste davon. Cheyenne würde vielleicht bei mir sitzen bleiben und warten, sicher so lange, bis der Hunger und die Unsicherheit übermäßig würden. Wenn Hunde, insbesondere nordische Hunde, nicht wirklich darauf trainiert werden, in jedem Fall Hilfe zu holen, würden vermutlich die meisten so reagieren, besonders dann, wenn sie sich in fremdem Territorium befinden. Nun, sich darüber weitere Gedanken zu machen, wäre in dieser Situation einfach nicht angebracht gewesen. Mein selbst gewähltes Schicksal galt es einfach, als bestmögliches zu akzeptieren. Solche Gedanken muss man ziehen lassen, sonst ziehen sie dich runter.
Ein Rotfuchs kreuzte in ca. 10?m Abstand unsere eingeschlagene Richtung. Das hieß für uns, dass die Waldgrenze bald erreicht sein würde. War wohl ein Bote für mich, die kleine Pelzpfote! Wie auch immer, ich war froh endlich Bäume zu sehen, denn dort gab es keine überschneiten und schroffen Felsklippen.
Dann erblickten wir endlich unser geparktes Auto; dass dieses nun völlig zugeschneit war und wir uns auf einer steilen Bergstraße befanden, ist eine andere Geschichte …

Solche Ausflüge nenne ich ungewolltes „Trance-Wandern“. Es gilt, einfach nur weiterzulaufen, weil es anders nicht mehr geht. Einen Schritt vor den anderen zu setzen, das Geräusch von zusammengedrücktem Schnee, Kälte, unendliches Weiß und ein schneidendes Windgeräusch in den Ohren. Absolute Präsenz im Hier und Jetzt ist gefordert!
Mein Blick suchte jedes Mal einen Farbwechsel, um der Monotonie der ewigen weißen Schneedecke zu entkommen. Sonst entstand sehr schnell ein seltsames Gefühl von „sich einfach fallen zu lassen“, so als würde man direkt ins Universum gleiten, um sich darin zu verlieren.
Das ganz Besondere bei dem Erleben ist, dass man für geschätzte Sekundenbruchteile „die sogenannte Realität verliert“. Es ist ungefähr so, als hätte einfach nichts mehr eine Bedeutung, weder Gut noch Schlecht, es ist einfach so, wie es ist. Sobald ich mich jedoch dabei ertappte, darüber nachzudenken, war alles wieder beim gewohnten, unangenehmen Realitätsempfinden. Genau in diesen Augenblicken entwickelte ich anfangs noch das Gefühl, oder besser Verlangen nach verstärkter Bequemlichkeit, nach Schutz und Wärme. Aber da musste ich mich in diesen Fällen meist gedulden, und so verwarf ich dann auch ziemlich schnell diese gedanklich quälende Vorstellung, denn unsere Pfade verlangten meine volle Aufmerksamkeit.
Tod oder Leben! Ja, so schnell kann man damit konfrontiert werden, trotz guter Vorbereitungen und richtiger Abschätzung der räumlichen Lage. Liest, sieht oder hört man etwas über solche Ereignisse, wird einem die ganze Klarheit darüber niemals selber bewusst, man kann sie einfach nicht verstehen; solcherlei Erlebnisse geschehen, wenn die entsprechenden Umstände und die Zeit dazu gegeben sind, ob erwünscht oder nicht. Die Natur bietet für das menschliche Auge wunderbare Eindrücke. Sie schert sich jedoch nicht um unsere Einstellung darüber. Es ist eine archaische Welt, ehrlich, hart, direkt und unverfälscht. Entweder du akzeptierst dies, oder du lässt die Finger davon. Es ist der Moment, der zählt, und nichts weiter. Wer seine Emotionen darüber nicht in den Griff kriegt, kann daran zerbrechen. Jeder, der einmal in der Natur überleben musste, wird dies bestätigen können.
Nun ist es eine Sache, so etwas einmal zu erleben, eine ganz andere Sache aber, es jahrelang zu wiederholen, weil es zu einem gewohnten Lebensstil geworden ist.
Für mich und meine Hündin wurde es zum Lebensweg und nicht immer ganz freiwillig, wie es mir schien.



IN DER ABGESCHIEDENHEIT

Unser Domizil stand auf ca. 1150?m, also Alpenregion und relativ abgelegen. Ist man finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet, kann man sich nicht unbedingt aussuchen, wo man sich platzieren möchte. Und ein Leben in der Stadt wäre für mich nicht denkbar. Wenn man autark veranlagt ist, bleibt die Wahl ob Stadt oder Land erspart. Wenn sich ein Tier nicht mehr sicher fühlt, zieht es sich, sofern es kann, in die Stille zurück. Menschen scheinen sich da nicht allzu groß zu unterscheiden. Immer schon hat es Menschen gegeben, die sich entweder freiwillig oder gezwungenermaßen zurückgezogen haben. Auch lebte ich nicht nur mit, sondern auch von Hunden, die ich betreuen durfte.
Zu Beginn war es ziemlich umständlich, so zu leben. Isoliert und abgeschieden. Meine Welt drehte sich ausschließlich um eigene Interessen und Hunde und das Leben mit der Natur außerhalb eines Systems, das gar nicht weit entfernt lag. Ein stilles Dasein ohne Aufsehen, ein mancher würde meinen, es sei wie vor hundert Jahren. Keine nennenswerte Hektik oder gesellschaftlichen Abwechslungen, dafür viele Entbehrungen, die eine moderne Komfortzone nicht kennen würde. Tiere wurden immer mehr zu meinen Verbündeten, ohne sie jedoch überzubewerten, und ich erkannte sichtbar deren schicksalhaften Kampf für ein freies Leben unter harten Bedingungen. Man kann es nennen, wie man will, doch mancher, der zivilisationsgewohnt durchs Leben wandert, hätte dabei resigniert die Umgebung gewechselt. Zusehends wurde mir bewusst, dass wir zu den Letzten unserer Art gehören. Es war ein auf das Wesentliche beschränktes Leben. Hätte sich mir mit der Zeit nicht die hier dargestellte Lebensphilosophie offenbart, wäre ich diesem alten und ursprünglichen Pfad ebenso entsprungen. Solange du umgeben von alldem neuzeitlichen Geschehen bist, kannst du einfach nicht erkennen, worin sich die Menschheit wahrnehmbar verrennt. Sie nennen dies die Normalität. Man ist einfach blind dafür, einmal innezuhalten und die Stille zu genießen. Gut gemeinte Empfehlungen und Hinweise bringen oftmals nur ein bescheidenes Lächeln hervor. So kann die Stille der Isolierung zum Segen oder Fluch werden. Die Stille auszuhalten ist in der Tat nicht jedermanns Sache. Für die einen ist es pure Einsamkeit, andere würden es Lebensqualität nennen. Die Grenzen zwischen unbeschreiblicher Schönheit und abgrundtiefem Horror liegen sehr nahe beisammen. Meine vierbeinige Begleiterin zog es jedoch vor, ein naturnahes Leben zu verbringen, und ich folgte ihr dabei. Manchmal saßen wir hoch oben in den Bergen einfach da und freuten uns an der imposanten Landschaft, und die Zeit stand still. Ich konnte oft die Freude in ihrem Gesicht erkennen, wenn sie über einsame Alpen springen konnte und so ungestört ihr wahres Potenzial zur Entfaltung brachte. Diese Freude konnten wir gemeinsam teilen. Wir durchstreiften verlassene Wälder, durchquerten reißende Flüsse, erklommen imposante Hochplateaus oder ließen den Tag jeweils am Lagerfeuer ausklingen, das meist sehr sorgfältig ausgesucht wurde, um jede mögliche Störung oder Spuren zu vermeiden. Mir war stets klar dabei, dass, wenn ich meiner Hündin ein artgerechtes Leben bieten wollte, es in aller Regel einsame Pfade voraussetzen würde. Auf den meisten Abseitstouren war ich ständig auf der Hut, um Ausschau zu halten, was an „Gefahren“ auf uns zukommen könnte. Ich musste auf Wildtiere achten und auf Menschen, ich wollte einfach „unsichtbar“ bleiben. In dichter besiedelten Regionen ist dies nicht sehr einfach. So verstand ich jetzt auch, wie scheues Wild sich fühlen muss. Viele wurden ja gerade deshalb zu Nachtgängern. Mein gehetzter Eindruck wirkte sich wohl auf Cheyenne so aus, dass sie mich ernst nahm, grad so wie wenn Wildtiere auf Revierjagd waren. Vermutlich wirkte ich auf diese Weise authentisch für sie. Ich war mir lange Zeit nicht mehr bewusst darüber, dass mein Verhalten langsam groteske Züge annahm. Etwa wie einer, der ums Überleben in der Natur kämpft. So was kann nur der verstehen, der mal Ähnliches erlebt hat. Meine Lebenserkenntnisse nahmen nun einen gänzlich anderen Verlauf, als ich in jungen Jahren gedacht hätte. Ich begann mich zu verändern, mit und durch meine Hündin. Vielleicht war es ja ihre Aufgabe, mich durch eine einsame Selbstfindung zu führen. Abgeschiedene Täler, dunkle Wälder und verlassene Regionen begannen mir ihren besonderen Reiz immer mehr zu enthüllen. Hier fühlte ich mich zu Hause, als hätte ich nie etwas anderes gekannt.
Natürlich hat es auch seine Konsequenzen, wenn man so lebt. Man ist nicht mehr so „gesellschaftskonform“, beachtet weniger die Normen und Regeln, die den „Angepassten“ auferzogen wurden. Das Konsumdenken fällt weg. Das System kann doch niemand gebrauchen, der nicht mithalten kann! Lärm, Hektik und Stress können zur Tortur werden. Die Empfindsamkeit steigt. Bei den wenigen Gesprächen, die sich manchmal ergeben, beginnst du immer mehr hinzuhören. Du hörst viel genauer hin. Wer spricht denn da? Und plötzlich befindest du dich auf einem Weg, bei dem es kein Zurück mehr gibt.
Unzählige Male musste ich Cheyenne darum beneiden, dass sie eigentlich viel freier ist als ich. Sie hat immer alles dabei, was sie braucht. Ihre „Kleidung“ ist stets perfekt der jeweiligen Jahreszeit angepasst, und hätte sie das physische Empfinden nach Hunger, bliebe ihr immer noch zur Not die Jagd. Zudem lebt sie im Hier und Jetzt, also kein Bedauern über Vergangenes und keine Angst vor der Zukunft. Hunde reagieren immer unmittelbar, nämlich dann, wenn sie direkt betroffen sind. Deshalb können sie auch stundenlang liegen, vor sich hin dösen, einfach deshalb, weil sie kein Zeitempfinden haben, so wie wir das empfinden.
Das Leben in der Abgeschiedenheit kann heilsam und erkenntnisreich sein, wenn man bereit ist sich darauf einzulassen. Begleitet einen noch ein treuer Vierbeiner dabei, den man so verstehen kann, wie er ist, wird es zu einer interessanten Reise.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-99064-291-7
Erscheinungsdatum: 25.04.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 17,90
EUR 10,99

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