Kunst & Fotografie

Der Kunsthammer

Olaf Eulitz

Der Kunsthammer

Ein Handbuch zur kritischen Kunstbetrachtung

Leseprobe:

Einleitung

Nun stehen wir vor diesem Bild. Ratlosigkeit! Was soll das nun wieder? Wir sehen einen Hammer, offensichtlich aus Pappe, auf einem weißen Bildgrund.
Die erste Reaktion – lächeln. Soll das nun Kunst sein? Verstohlen schauen wir uns um. Was meinen denn die anderen? Wir fühlen uns verunsichert. Wer weiß heute schon noch, was Kunst ist? Gerade bei zeitgenössischer Kunst reicht die Spannbreite der Gefühle von totaler Ablehnung über Gleichgültigkeit und Spott bis hin zu gläubiger Begeisterung. Und dieser Hammer da: Ist das nun Werkzeug, Dekoration, Design, Kunst oder einfach nur Humbug?

Wir suchen nach einer Richtschnur, die uns eine Orientierung im Kosmos der Kunst ermöglicht. Gewiss, es findet sich jede Menge Literatur. Große Bildbände mit gelehrten Texten über die Kunst des Barock bis hin zur Postmoderne.
Jeder Kunstführer, der uns durch eine Ausstellung geleitet, hat für jedes Bild Erklärungen parat, und es ist nur eine Frage seiner Beredsamkeit, ob er uns zu überzeugen vermag. Stehen wir später noch mal allein vor dem so hochgelobten modernen Kunstwerk, kommen uns womöglich neue Zweifel. Was hat er denn eigentlich gesagt, unser gelehrter Führer, der ja immerhin, das wissen wir, Kunstgeschichte studiert hat? Nun, und dann mag es uns manchmal scheinen, als habe er in den fünfzehn Minuten, in denen er über das Bild gesprochen hat, eigentlich gar nichts gesagt.

Unter dem Begriff Kunst werden völlig unterschiedliche Dinge zusammengefasst: Kunst der Romantik und Kunst des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich wohl um Bilder in beiden Fällen, aber die Ähnlichkeit ist äußerlich. Dahinter stehen vollkommen unterschiedliche Sichtweisen und Bedeutungen. Daher möchte ich gemeinsam mit Ihnen den Begriff der Kunst und seine Inhalte untersuchen. Insbesondere den Wandel des Bildes vom Zaubermittel zur inhaltsleeren Dekoration wollen wir verfolgen. Wir wollen auch fragen, wie sich nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die Stellung des Künstlers in seiner Zeit geändert haben.

Wir sehen heute, dass die Kunst in der Gesellschaft einen neuen Platz sucht. In der Mediengesellschaft geraten Bilder zur Massenware. Wir werden täglich mit einer Flut von Bildern überschwemmt. Künstler suchen daher zu Recht Auswege in neuen Darstellungsformen. Jedoch finden wir in Museen oder Galerien neben gelungenen Lösungen ebenso großsprecherische Belanglosigkeiten. Es nützt nichts, für alles ein unbegrenztes Verständnis aufzubringen. Deshalb werde ich die Übertreibungen kritisieren, die den Kunstbegriff im Unbestimmten verschwimmen lassen. Selbst Experten fällt es heute schwer, Kunst als solche eindeutig zu erkennen. Neben unbeschwerter Freude an der Kunst müssen wir wieder in die Lage kommen, echte Kunstwerke von Schwindel zu unterscheiden und uns ein eigenes Urteil zu bilden.

Wir wollen versuchen, uns in der Kunstsituation von heute zu orientieren, um Wertungen vorzunehmen und die neuen Möglichkeiten künstlerischen Schaffens kritisch betrachten zu können. Es ist nicht meine Absicht, einen Überblick über alle möglichen Kunststile zu geben. Vielmehr sollen nur große Entwicklungslinien nachgezeichnet werden. Ich versuche dabei, mich auf die Malerei zu beschränken, was sich aber bei den modernen Kunstrichtungen unmöglich durchhalten lässt. Auch will ich nicht umfassend über einzelne Künstler informieren. So werden lediglich Künstler vorgestellt, um Richtungswechsel zu verdeutlichen. Stets gab es auch Künstler, die sich nicht in den von mir dargestellten Rahmen einordnen lassen und doch große Kunstwerke geschaffen haben. Trotzdem meine ich, dass es Tendenzen gab, die man als solche beschreiben kann. Das will ich versuchen.


XI - Der Verlust des Kunstbegriffs

Nun machen wir ernst:
- Alles, was ein Künstler macht, ist Kunst!
- Jeder Mensch ist ein Künstler!

Beide Behauptungen werden heute, je nach Anlass, verwendet.
Ergebnis: Alles oder nichts ist Kunst. Der Begriff ist sinnlos! Oder wie die Mathematiker sagen: Er ist leer. Das kann doch nicht sein – oder?

Wir wollen das genauer prüfen. Ich bin ein kreativer Mensch und zeichne gern. Somit kann ich mich Künstler nennen. Besonders während langweiliger Besprechungen im Büro kritzele ich meinen Notizblock mit verschiedenen Mustern und Figuren voll. Offenbar ist das nun Kunst. Meine Kollegen belächeln ab und zu meine Stricheleien. Doch wer will nun bestreiten, dass ich künstlerisch tätig bin? Aber damit sind wir nicht am Ende. Denn nicht nur meine Kritzeleien sind Kunst, sondern alles, was ich tue. Gemäß dem Motto: „Alles, was ein Künstler macht, ist Kunst!“ Morgens stehe ich auf und schlurfe ins Bad. Beim Rasieren ziehe ich kunstvolle Muster in den Schaum – meine Aktionskunst! Schade, dass niemand zuschaut. Auch beim Frühstück entsteht unentwegt Kunst, ob ich nun meine Tasse mit Kaffee fülle oder Honig auf mein Brötchen tropfe. Abends gehe ich rechtschaffen müde zu Bett und schlafe auch bald ein. Meine Frau kommt etwas später und betrachtet noch eine Weile meinen Kunstschlaf.
Jetzt übertreibt er aber, werden Sie, lieber Kunstfreund, nun sagen. Nicht alles, was jemand tut, kann Kunst sein. Übertreibe ich wirklich? Dann schauen wir doch mal ins berühmte New Yorker Museum of Modern Art. Im März 2013 konnte man da Tilda Swinton beim „Kunstschlaf“ sehen. Die Aktion nannte sie „The Maybe“ (Das Vielleicht). Die Besucher spazieren durch die Gänge und finden plötzlich Frau Swinton friedlich in einem Glaskasten schlummern. Sie liegt da bekleidet mit Jeans und einer blassblauen Bluse auf einer Matratze und schläft. Oder sie tut zumindest so. Sie schläft da nicht immer, sondern nur zu zufälligen und nicht angekündigten Zeiten. Daher der Titel der Aktion „Das Vielleicht“. Überraschung, Erstaunen! Noch etwas?
Es genügt also, sich im Museum zum Schlafen zu legen und schon ist Kunst entstanden? Ist ein Augenblick der Überraschung schon Kunst? Ist das so? Nach den obigen Prämissen schon. Frau Swinton probierte ihren Museumsschlaf schon 1995 in London aus. Da hielt sie eine Woche lang einen regelmäßigen Schlafrhythmus von acht Stunden ein. Also fehlte dort der Überraschungseffekt. Also kann wirklich jede beliebige Aktion, jedes beliebige Objekt Kunst sein?
Schauen wir zur wichtigsten Kunstausstellung der Moderne, der documenta in Kassel: Da wurde gegärtnert, gekocht, es gab einen Secondhandladen, Diskussionsrunden, einen Schweinestall, einen Übungsplatz für Hunde und ein sogenanntes Sanatorium mit Therapieangeboten.
„Die Italienerin Lara Favaretto verzichtete bei ihrer Schrottskulptur ‚Momentary Monument IV‘ auf jede ästhetische Form, indem sie das von Kasseler Mülldeponien stammende Material einfach auskippen ließ.“ Das „Haus für Schweine und Menschen“ bleibt eine Weile im Gedächtnis, die Diskussionen mit Herrn Beuys mochten gesellschaftlich interessante Themen betreffen, im Lädchen mit den Altkleidern konnte man über ungerechte Vermögensverteilung sprechen. Lange und klug sprechen kann man über alles Mögliche. Aber all das begründet noch keine Kunst. Ich meine, eine künstlerische Form ist eben auch unverzichtbar. Jeder Künstler versucht heute, mit angeblicher Originalität den anderen zu übertreffen und Aufsehen zu erregen. Es gibt wohl keinen Bereich des Lebens mehr, der inzwischen nicht zur Kunst erklärt wurde.
Die amerikanische Künstlerin Carolee Schneemann hatte 1964 die Absicht, ihre Gedanken und Anliegen in künstlerischer Form auszudrücken. Ihr ging es um feministische Inhalte, um die sogenannte sexuelle Befreiung. Sie wollte Frauen im puritanischen Amerika eine erotische Stimme geben, wie ich in einem Artikel las. Dazu veranstaltete sie eine Performance mit dem Titel Meat Joy (Fleischliche Freuden). Da wälzten sich acht nahezu nackte und farbverschmierte Männer und Frauen eng verschlungen am Boden. Rohe gerupfte Hühner, Fische und Würste wurden dazu geworfen. Das wurde als befreiendes, ausgelassenes Treiben gefeiert. Ich bezweifele sehr, dass die Form dieser Aktion dem Anliegen auch nur im Mindesten angemessen war. Die amerikanischen Frauen werden vielmehr verärgert, verstört oder angeekelt reagiert haben. Bei Feministinnen war Schneemann wegen ihrer Aktionen eher verhasst. Leider hat auch diese Aktion einen besonderen Platz in der Kunstgeschichte gefunden. Es ist daher kein Wunder, dass sie auch heute vielen Künstlern als Vorbild dient, die mit ähnlichen Aktionen auf sich aufmerksam machen möchten.
Künstler, die längst mit jeder Tradition gebrochen haben und das für revolutionär halten, versuchen immer wieder, die Grenzen der Kunst zu sprengen. Jede Handlung, jedes ihrer Produkte erklären sie zu Kunst. Vieles mag ja einigermaßen unterhaltsam sein, aber Unterhaltung ist noch nicht Kunst. Oder doch?

Lässt sich demnach gar nichts Konkreteres über Kunst sagen? Ich halte das zumindest für äußerst unbefriedigend. Leider finde ich in der Literatur bestätigt: Alles kann heute Kunst sein. Jedes Objekt kann zugleich Kunst und normaler Gegenstand sein. Ein ähnliches Verständnis hatte offenbar auch Marcel Duchamp, der Erfinder der Readymades, von dem wir schon hörten: „– weil es für ihn keinen Grund dafür gab, dass ein Objekt als Kunst auf den Sockel gehoben wird, gab es für ihn auch keinen Grund, seinen Objekten das Prädikat ‚Kunst‘ abzusprechen.“

Ein Stapel Holz im Museum ist Kunst, in meinem Garten ist es Brennholz. Was stellt der Stapel Holz im Museum dar? Er stellt einen Stapel Holz dar – das Objekt verweist nicht mehr auf etwas, sondern ist vielmehr selbst das Gemeinte. Darstellung und Wirklichkeit fallen wieder zusammen, ähnlich wie in der Kunst der Urgesellschaft. Das wird nun auch als Errungenschaft der Kunst gepriesen. Aber wie hohl klingt doch die Botschaft in Wahrheit gegenüber den prähistorischen Höhlenbildern?

Wenn wir über moderne Kunst lesen oder wenn wir uns die Kunstwerke im Museum bei einer Führung erläutern lassen, tauchen immer wieder bestimmte Floskeln und Formulierungen auf, die unser Urteilvermögen verwirren sollen. Schließlich bleiben wir ratlos zurück und meinen, dass unser Verständnis für Kunst eben nicht ausreicht. Wie konnte es spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg dazu kommen, dass jegliche Begrifflichkeit aus dem Wort Kunst verschwand?
Ich glaube, dass lange gültige und sinnvolle Positionen der Kunstausübung in den letzten Jahrzehnten ins Extreme überdehnt wurden. Da gibt es einige Entwicklungen, die bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts zurückreichen und die die Begriffe verwirrt haben. Das sind unter anderem:
- Die Verachtung des handwerklichen Könnens
- Der Missbrauch der Freiheit
- Die Erweiterung des Kunstbegriffs
- Die leeren Worte
- Das Versagen der Kritik

Ich möchte versuchen, dies durch Zitate und Belege im Folgenden nachzuweisen.


1 Die Verachtung des handwerklichen Könnens

Bei der Betrachtung moderner Bilder fällt oft auf, wie wenig Sorgfalt der Maler auf die Ausführung seines Bildes gelegt und wie wenig Mühe er sich dabei gegeben hat. Begriffe des Raumes, der Perspektive, der Komposition oder Farbharmonie scheinen überhaupt keine Rolle zu spielen. Selbst wenn man von diesen möglicherweise überholten Regeln absieht, fällt die Nachlässigkeit der Arbeiten auf. Oftmals habe ich den Eindruck, der Künstler will zeigen: Ich gebe mir bewusst keine Mühe. Ich bin stolz darauf, mich nicht auf solche akademischen Dinge einzulassen. Häufig scheint es dem Künstler zu genügen, wenn er einen bestimmten Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, in seinem Bild „irgendwie“ ausgedrückt findet.
Die Form des Ausdrucks, die handwerklich korrektes Arbeiten erfordert, scheint vollkommen unwichtig. Die Form aber ist zugleich der Prüfstein für den Inhalt. Ich verwende im Weiteren den Begriff „Form“ in ähnlicher Bedeutung wie „handwerkliches Können“. Das ist zwar nicht völlig korrekt, kommt der Sache aber in diesem Absatz sehr nahe. Jedenfalls meine ich mit „Form“ hier nicht die Komposition eines Bildes.
Ludwig Reiners schreibt dazu: „… Und damit kommen wir zu dem Kern unseres Problems. Die Form ist ja kein Kleid, das sich jedermann nach Belieben umhängen kann. Die Form ist die Kontur des Gehaltes, die Leiblichkeit des Gedankens. Der Gehalt kommt erst zur Welt, indem er sich in den Worten (oder im Bild) verkörpert.“ Indessen scheinen aber Begriffe wie Expression, Kreativität, Intensität und ähnliche Begriffe wichtiger als handwerkliches Können. Was ist die Ursache für die verhängnisvolle Verachtung handwerklicher Fähigkeiten? Wir finden sie in den Akademien in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s: „Es kam dahin, dass die akademische Ausbildung geradezu verachtet wurde. Daran war sie nicht unschuldig. Zwar bot sie weiterhin eine gründliche Ausbildung im Zeichnen, in der Anatomie und den malerischen Techniken. Das ist die Grundlage. Aber danach fängt die künstlerische Arbeit erst an. Doch auf diesem Feld versagten die Akademie und der Salon. Hier hing man zu sehr an einer überholten Kunstauffassung und der Antwort auf die Frage: Was soll die Kunst leisten?“ Die Überbetonung des Handwerklichen einerseits und das Festhalten an überholten klassizistischen Idealvorstellungen andererseits schuf Raum für oppositionelle Kunstauffassungen. Allerdings fühlte sich die Akademie im Einklang mit der Kunstauffassung des überwiegenden Teils des gebildeten Bürgertums, also der Kunstkonsumenten. Das sollte zu ihrer Entschuldigung auch erwähnt werden. Jedenfalls versäumte sie es, Künstler und Publikum in eine zeitgemäße Kunstauffassung zu begleiten und beharrte stattdessen auf veralteten Positionen.
Wie so oft, wenn Ansichten einseitig überspitzt werden, schlägt das Pendel danach genau zur entgegengesetzten Seite aus. So entstand die diametral entgegengesetzte Überzeugung, dass handwerkliches Können die Ausformung des wahren Ausdrucks geradezu behindere. Damit sind wir wiederum bei einer extremen Position, nur eben in anderer Richtung. Vieles, was die Malerei seither, beginnend mit dem Fauvismus, hervorgebracht hat, findet so auch eine mögliche Erklärung. Ich halte dies leider für das grundlegende Missverständnis in der modernen Malerei. Es geht ja nicht um die Entscheidung: Form oder Ausdruck. Vielmehr gehört im Kunstwerk beides unabdingbar zusammen. Leider verharrt die Kunstausübung noch immer in der Überzeugung, dass die Form, also die handwerkliche Ausführung, gegenüber dem Ausdruck oder dem Konzept unbedeutend sei. Radikale Ausformung dieser Einstellung findet sich in einer Gattung, die sich deshalb auch als Konzeptkunst bezeichnet.
„Künstlerische Modernität – das ist fast gleichbedeutend mit der Überzeugung, von den Dingen und vom Menschen möglichst wenig zu verstehen, auf das Wissenschaft – Naturwissenschaft – nicht zur Zerstörerin des einheitlichen Gesichtssinneserlebnisses werde. Ein Denken in Dualismen muss auch dem Realismus der Kunst den Laufpass geben, weil es sich herumgesprochen habe, dass die sichtbare Außenhülle der Natur gegenüber den Ereignissen und Kräften in ihren Kernbereichen relativ belanglos ist, und weil der heutige Naturbegriff mit der Goethe’schen Naturanschauung nicht mehr in Deckung zu bringen sei. Darum müsse sich das künstlerische Schaffen von der äußeren Naturnähe, von der Dinglichkeit der Erscheinung abwenden.“
Aber wohin wendet sie sich? Eben hat sie sich von der Naturwissenschaft abgewendet, weil sie das evokative Erleben von Kunst behindere, dafür wendet sie sich eigenen Theorien zu, um daraus eine neue „Natürlichkeit“ zu kreieren. Das beginnt mit den bereits angesprochenen Pointillisten. Zwar waren ihnen die Erkenntnisse früherer Künstler und die Lehren der Akademien ziemlich gleichgültig, dafür betonten sie die Bedeutung ihrer Entdeckung der Farbmischung im Auge. Es geht weiter zu Freud. Jetzt musste die Theorie der Psychoanalyse zur Begründung des Surrealismus herhalten. Die Anthroposophie, verstanden als weltanschauliche Theorie, hatte bedeutenden Einfluss auf Künstler aller Couleur. Schließlich folgten Esoterik und Mystik, bis man schließlich jede Theorie und Regel als einengend verwarf. Gefühl, Ausdruck, Farbenrausch waren die neuen Ziele. Nur keine Regel; keine kleinliche Mühe auf die Erscheinung der Dinge verwenden, wo es doch um Ektasen geht. „Der Betrachter ist schockiert, verunsichert, verstört? Gut so! Das macht zumindest bekannt.“ Genügt es wirklich, dem Kunstfreund einige grobe Pinselstriche hinzuwerfen, die wir dann selbst deuten sollen? Ein Künstler, der die Form verachtet, verachtet zugleich sein Gegenüber, den Betrachter. Jeder Künstler ist aber dem Betrachter verpflichtet!

Werfen wir einen kurzen Blick in die Vergangenheit. Kant schrieb: „… Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung allererst ein Produkt, wenn es künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt wird.“ Das Mittelalter hatte sehr strenge künstlerische Regeln. Diese bauten aber weder auf den Naturwissenschaften noch auf Schönheit auf, sondern auf Weltanschauung und ihrer Vermittlung. Bei einem mittelalterlichen religiösen Bild wird die erkennbare Illustration des Heilsgeschehens angestrebt. Da lässt sich jede Szene einem Bibelabschnitt recht genau zuordnen. Bei den modernen religiösen Bildern finden wir eine eher gefühlsmäßige Annäherung und müssen uns Mühe geben, der Intention des Künstlers nachzuspüren. Viele der alten Regeln sind dabei außer Kraft gesetzt.

Ab der Renaissance gab die Natur die Regeln vor. Für Leonardo und Michelangelo war das Naturstudium Quelle und Inspiration ihres Könnens. Es entstanden zahlreiche Anatomielehrbücher und Bücher zu perspektivischen Darstellungen.
In Deutschland begann Dürer um 1508 mit systematischen Studien zur Entwicklung einer Proportionslehre. Er wollte die menschlichen Maße rational vermitteln. Die „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ prägte die Kunsttheorie der folgenden Jahrhunderte. Sie sind aber nicht als Zeichenvorlagen gedacht. Dürer wollte kein „Musterbuch“ schaffen, sondern – ganz im Sinne der Renaissance – modellhafte Grundlagen herstellen, die ein mathematisches Verständnis von der menschlichen Gestalt befördern sollten. Um stimmige Figuren schaffen zu können, müsse neben das Rationale noch das Naturstudium und die schöpferische Gewalt des Künstlers hinzutreten.

Handwerkliches Können war lange Zeit Bedingung für den wirtschaftlichen Erfolg eines Malers. Zwar wird dieser für ein Wirtshausschild weniger Sorgfalt aufgewandt haben als für ein Altarbild. Seine Mühe war dem Anlass angemessen. Stets aber hatte er den Kunden im Auge und bemühte sich, in handwerklicher Sicht und im Qualitätsanspruch dessen Wünschen zu entsprechen. Noch Goethe war überzeugt: „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird.“

Van Gogh hat gezeichnet und nochmals gezeichnet, bevor er seine Bilder malte. Viel zu wenig wird bedacht, nach wie viel Übung und Vorarbeiten van Gogh schließlich zu seinen gerühmten Gemälden gelangte. Viel öfter sollten auch seine frühen Zeichnungen und Gemälde gezeigt werden. Letztlich gilt auch für ihn: Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Schweiß.
„Handwerkliches Können bedeutet für den heutigen Künstler in erster Linie Beherrschung der Mittel. Eine der Voraussetzungen für die Herstellung zeitgenössischer Kunst ist die Gabe, die für eine Idee adäquate Darstellungsweise zu finden, ihr zum sichtbaren Ausdruck zu verhelfen.“

Carl Zuckmayer schreibt in seinen Lebenserinnerungen: „Aber der alte Vollrath, mit seinen buschigen weißen Augenbrauen und seinen lichtblauen Augen, sagte mir in seinem eigentümlichen Tonfall (er stammte aus Thüringen): ‚Gefühl darfste erst haben, wennde was kannst.‘ Ich weiß keinen besseren Leitsatz, für jede Art von Kunstausübung – und ich wollte, ich hätte mich in meiner Arbeit immer danach gerichtet.“

Auch für moderne Kunst gilt: Es kann unmöglich ein Nachteil sein, wenn ein Künstler gut zeichnen kann, wenn er die Grundlagen der Kompositionslehre beherrscht, mit Farbe umgehen kann und versteht, wie Farbe wirkt. Kurz gesagt, wenn er seine Mittel beherrscht. Gerade das macht ihn frei, sich auf seine Idee und sein Anliegen zu konzentrieren. Zum Glück gibt es in allen modernen Kunststilen auch zahllose Arbeiten, die mit viel Mühe, Können, Überlegung, Geduld, Fleiß und Respekt vor dem Betrachter geschaffen werden.


2 Der Missbrauch der Freiheit

An der Frankfurter Oper steht das Motto geschrieben: „Dem Wahren Schönen Guten“ (1880). Offenbar waren die Erbauer der Oper noch stark von der klassizistischen Kunstauffassung geprägt. 1898 wurde das Ausstellungsgebäude der Wiener Secession eröffnet. Auch hier gibt es ein Motto: „Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit“. Darin drückt sich eine völlig andere Auffassung aus.
Nun ist ein Motto stets nur eine stark verkürzte Formulierung einer umfassenderen Geisteshaltung. Dennoch bringt es diese auf den Punkt. Die neue Haltung, die sich am Secessionsgebäude ausdrückt, zeigt, dass die Welt sich geändert hat. Es ist richtig, es gibt mehr als die sichtbare Welt. Es ist richtig, dass die Nymphen und Sagengestalten der klassizistischen Kunstauffassung die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr interpretieren konnten. Die Kunst musste der Wirklichkeit der Zeit angepasst werden. Dazu brauchte die Kunst ihre Freiheit. Künstler nahmen sich die Freiheit und schufen großartige Bilder im Wien jener Tage.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 202
ISBN: 978-3-95840-255-3
Erscheinungsdatum: 03.01.2017
EUR 18,90
EUR 11,99

Herbstlektüre