Ratgeber & Sachbuch

Glück und Erfolg zum Selbermachen

Senay Yalcin

Glück und Erfolg zum Selbermachen

Sei selbst der Macher! Das Buch als Wegweiser zu den eigenen Potenzialen, die darauf warten in Anspruch genommen zu werden.

Leseprobe:

Rückblick


1975, ich war gerade sechzehn Jahre alt und bereits in der Ausbildung zur Fotolaborantin. Überall war die augenfällig populärste Zeitschrift BRAVO in den Händen von Teenagern. Ich antwortete auf eine Kontaktanzeige mit Bild per Chiffre. Unsere Kommunikation lief per Post und durch Telefonate.

Die erste persönliche Begegnung mit meiner ersten Liebe war in Karlsruhe. Eine quellreine Liebe auf den ersten Blick. Die Abschiedszeremonie am Karlsruher Bahnhof konnte man nicht als besonders gefühlsbetont charakterisieren. Seinen Worten? „Du bist ein schönes Mädchen, etwas schlanker, dann bist du meine Braut.“ hatte ich eine große Bedeutung beigemessen.
Mit stiftenden Gedanken im Hinterkopf winkte ich ihm zu. Der Zug fuhr ihn in seine Heimatstadt.
Zu Hause der kritische Blick in den Spiegel. Ich sagte mir: „Bin ich wirklich zu dick mit Kleidergröße sechsunddreißig?“
„Ich muss abnehmen!“
Dieser Satz wurde bei mir zur Obsession.

Die nächsten zwanzig Jahre wurde ich durch die verschiedenen Süchte körperlich und seelisch an den Rand der Zerstörung getrieben.
Eine Macht musste mich auf unsanfte Art wecken. Meine Seele begann das Unaussprechliche auszusprechen:

„Du kannst die Macht ausmachen - oder die Macht macht dich aus!“




Macht


Leidenschaft wird zur Gewohnheit. Gewohnheit wird zur Sucht. Sucht wird zur Macht.

Die Definition der Macht ist unser Urteil, welches wir diesem Element - das wir als reine Energie empfinden - zumessen.
Nach Jahren eines der Sucht verfallenen Lebens kann ich alle Handlungen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten, die unser Bewusstsein dominieren, als Macht betiteln.
Alle Handlungen, welche über das Maß oder über den reinen Genuss hinausgehen, sind Sucht. Essen, Alkoholkonsum, Nikotin, Koffein, Drogen, Sport, Arbeiten, zwanghaftes Wiegen, zwanghafte Kontrolle, Sex, Spielen, Fernsehen, Internet usw. Die Handlungen, die wir zwanghaft ausüben, befinden sich außerhalb unserer Kontrolle. Wir können aus eigener Kraft nicht aufhören. Diese dominanten Gewohnheiten schlüpfen in eine Verpackung mit der Aufschrift „Macht“, und wir sind unseren Gewohnheiten gegenüber machtlos!
Macht kann gefährlich sein, aber sie kann auch dazu dienen, die Taten eines Menschen zu adeln.
Eine andere Art von Macht ist die Macht, die wir als handelnde Personen - Partner, Eltern, Kinder, Vorgesetzte, Kollegen, Rechtsanwälte, Prominente, Politiker - über andere ausüben.
Die stärkste Macht ist die Liebe. Auch diese wird von uns sehr oft missbraucht oder als Instrument zur Erreichung eines Profits eingesetzt. Wir können dem anderen gegenüber eine Macht ausüben. Wir können delegieren, wir können bestimmen, wir können dem anderen etwas verbieten. Jeder kann über einen anderen Menschen Macht ausüben. Doch diese zweite Macht ist weniger stark als die erste: Der mächtigste Mann der Türkei war und bleibt der ehemalige Präsident Atatürk. Dennoch war er gegenüber Alkohol und Nikotin machtlos. Mit siebenundfünfzig Jahren besiegte die Sucht auch diesen so mächtigen Mann.
Die Sucht hat folglich die stärkste Macht über uns. Wir sind ihr gegenüber machtlos. Wenn wir sie nicht frühzeitig erkennen und akzeptieren, dann erleben wir, was die Macht ausmacht.
Die Sucht erzeugen wir durch ständiges „Suchen“.
Die Suche nach Anerkennung, Liebe, Geborgenheit, Zufriedenheit, Perfektionismus, Vollkommenheit, Schönheit, Reichtum, Erfolg. Wenn wir diese Ziele nicht erreichen, sinken unser Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und unsere Selbstliebe.
Zum Trost greifen wir zum Suchtmittel und aktivieren damit unsere Selbstzerstörung.
Zu diesem Selbstzerstörungsmechanismus passt ganz treffend eine diplomatische Aufforderung aus der Seele: „Mache es, sonst macht es die Macht!




Nikotinsucht


Meine erste genussreiche Begegnung mit dem Nikotin war mit sechszehn während meiner Ausbildung 1975 zur Fotolaborantin.
Der Ausbildungsbetrieb im Zentrum von Karlsruhe, der nur achthundert Meter von meinem elterlichen Haus entfernt war, bestand aus circa zwanzig Mitarbeitern, darunter zehn jungen Lehrlingen.
Das Fotolabor war spezialisiert auf Schwarzweißabzüge mit Handentwicklung. Farbabzüge wurden am Farbprinter erstellt. Meine Lieblingsabteilung war die Dunkelkammer. Faszinierend war das Beobachten des Entwicklungsprozesses eines Fotos im Schwarzweißlabor.
Sowohl Chef als auch Chefin waren sehr streng. Im Labor waren die Chefin und zwei ausgelernte Mitarbeiter ein eingespieltes Team. Ich spürte sehr schnell, dass ich nicht dazugehörte. In meiner Isolation, die durch Negativität, Ablehnung und Depression gekennzeichnet war, sehnte ich mich sehr stark nach Anerkennung und Lob. Nichts dergleichen wurde mir zuteil. Ich färbte mir die Haare von schwarz auf blond, um bei der Chefin Aufmerksamkeit zu erwecken. Leider erwies sich auch diese Aktion als fruchtlos.
Wie geht man damit um, wenn man von der harmonischen Zusammenarbeit ausgeschlossen ist?
Gefühle sind zwar nicht immer sofort durch logisches Denken, wohl aber durch Handeln beeinflussbar.
Im Betrieb rauchten, mit Ausnahme von vier Lehrlingen und Mitarbeitern, circa sechszehn Personen.
Die Nutzlosigkeit meines negativen Gefühls kompensierte ich durch das erstmalige Annehmen einer Zigarette vom Kollegen. Somit erschuf das Nikotin eine Gemeinsamkeit unter Kollegen.
Der Einstieg waren HB-Zigaretten. Es dauerte nicht lange, da ging ich zu Marlboro über. Drei bis vier Zigaretten pro Tag, aber noch richtig mit Genuss. Von fünf Mark Taschengeld in der Woche kaufte ich mir für zwei Mark eine Schachtel Zigaretten. Oder war es Anerkennung?
Aufrecht stand ich vor meiner Mutter und versuchte mein Taschengeld um zwei Mark zu erhöhen. Die Begründung, dass in unserem Ausbildungsbetrieb die Getränke nicht mehr umsonst wären, war sehr überzeugend.

Wie den anderen, so fiel auch der Chefin mein neues Verhalten auf. Fast mit Anerkennung sagte sie: „Ach, du rauchst auch?“ Über was sich die Teenager freuen.
Endlich hatte ich es geschafft, sie auf mich aufmerksam zu machen. Die Aufmerksamkeit dauerte gerade einmal zehn Minuten. Welcher Faktor wurde hier nicht berücksichtigt? Ich arbeitete daran, eine gute Formel zu entwickeln! Von den zehn Lehrlingen gelang es mir, mit zweien eine einigermaßen gute Beziehung zu pflegen. Ein Mädchen hatte es auf mich abgesehen, ich wurde von ihr regelrecht gemobbt. Wie in der Grundschule fühlte ich mich auch in dem Betrieb von den anderen ausgeschlossen.
Die Suchreise nach Aufmerksamkeit und Lob sowie nach Ansporn setzte sich im Elternhaus fort.
Mein Vater war die ganze Woche im Außendienst tätig. Meine Mutter, unermüdlich mit dem Haushalt beschäftigt, hatte ein nahezu abweisendes Verhalten mir gegenüber angenommen. So blieb für die Eltern keine Zeit für mich.
Meine schöpferische Fantasie entdeckte die Zeitschrift BRAVO als Mittel, um gegen die Unzufriedenheit anzusteuern. Eines Tages wurde ich auf eine Kontaktanzeige in der BRAVO aufmerksam. Ich sah darin eine Quelle, aus der mir Aufmerksamkeit zufließen und die mein Leben spannender gestalten würde. Ich antwortete auf eine Chiffre-Anzeige mit Bild. Instinktiv stellte ich mir das Bild eines jungen attraktiven Türken vor, der mein Leben farbiger gestalten würde. Wenige Tage später bekam ich ein interessantes Schreiben von ihm. Ein angenehmer Brief, abgerundet mit dem Satz:
„Ich finde Dich sehr süß!“

Ich war sehr glücklich, Ansporn genug dieses wunderbare Gefühl des Glücklichseins zu erhalten und zu vermehren.
Unsere Briefe entfalteten sich zu Liebesbriefen. Eine türkische Nachbarin, die den gleichen Nachnamen wie ich trug, erklärte sich bereit, die Liebesbriefe an meiner Stelle entgegenzunehmen. Auf diese Weise erfuhren meine Eltern nichts von meinem eindrucksvollen Leben.
In der Dunkelkammer im Labor reproduzierte und vergrößerte ich seine mit der Post erhaltenen, kleinformatigen Bilder. Ich schwebte auf Wolke sieben. Neugierig, ungeduldig, voller Erwartung klingelte ich jeden Abend bei der Nachbarin, die meine Briefe erhielt. Doch bald störten meine Ungeduld und Neugier die Nachbarin. Der Briefverkehr auf dem Postweg beschleunigte sich durch das tägliche Nachfragen bei der Frau leider nicht.
Schon damals schätzte ich die Unabhängigkeit. Dies mag als Gegensatz zu meinem Leben als Gefangene der Sucht erscheinen. Aber das Leben steckt manchmal voller Gegensätze. Ich beschloss, mir ein Postfach einzurichten, um den Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. So schrieben wir mehrere Monate; ich war wie im Rausch. Alles war so spannend. Jeden Mittag oder Abend lief ich zur Post.
Ich glaubte, dass seine angenehme Stimme meine Trübsal und das Unglück im Betrieb und im Elternhaus ausbalancieren würde. Als er dann vorschlug zu telefonieren, war ich vollkommen aus dem Häuschen. Im Elternhaus gab es noch kein Telefon. Bei einem Einkauf im Laden gegenüber unserem Haus sprach ich die Eierverkäuferin an, ob sie uns das Telefonat ermöglichen könnte. Sie tat es gerne.
Nach zwei Tagen war es soweit. Die Eierfrau klingelte an der Tür und holte mich mit einer raffinierten Erklärung meiner Mutter gegenüber in ihr Haus. Mein Herzklopfen und die Aufregung waren Ausdruck davon, was ich mir für die Zukunft erhoffte, nämlich eine Welt voller Liebe, Anerkennung, Bestätigung, Lob und Glück. Das Telefon klingelte bei ihr im Flur. Die Eierfrau warnte mich im Vorfeld, uns kurzzufassen. Sie war beim Telefonieren immer sparsam. Wir mussten unser langersehntes Gespräch also in wenige Worte fassen.
Er war siebzehn und hieß mit Vornamen Cengiz. Ein Türke also und ein Fan von Bruce Lee. Seine Stimme war sehr liebevoll. Von da an telefonierten wir auf diese Weise ein bis zwei Mal die Woche.
Als Fotolaborantin machte ich immer wieder aktuelle Bilder von mir und schickte sie ihm mit meinen Liebesbriefen an seine Postfachadresse.
Dann kam der ersehnte Tag. Wir beschlossen, uns zu treffen. Er kam aus Stuttgart mit dem Zug nach Karlsruhe. Seine Augenform, ähnlich der meinen, und seine magere Figur fielen mir auf, als er mir entgegenkam. Wir umarmten uns. Ich war so aufgeregt. In der Nähe des Hauptbahnhofs gab es ein Café. Das erste Treffen, sehr kurz, sehr gefühlvoll. Wir waren von Kopf bis Fuß verliebt.
Der Abschied am Bahnsteig war natürlich sehr traurig. Von dem quellreinen Gefühl erster Liebe erfüllt, fragte ich zitternd: „Wann werden wir uns wohl wieder sehen?“
Er sagte: „Vielleicht in zwei Wochen. Du bist ein schönes Mädchen. Etwas schlanker und du bist meine Braut.“
Zu Hause der kritische Blick in den Spiegel. Kleidergröße sechsunddreißig bei einer Körpergröße von hundertfünfzig Zentimetern.
Ja, er hatte recht. Ich war zu dick. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich den Gedanken, der mich nicht verlassen würde.

„Ich muss abnehmen!“




Ess-Brech-Sucht


„Ich muss abnehmen!“

Der in mir gesäte Gedanke keimte bald und schlug Wurzeln.
In meinem Ausbildungsbetrieb unterhielt sich eine Kollegin mit einem Kollegen.
„Schön, ich freue mich auf deine Einladung zum Essen. Ich werde alles essen, erbrechen und wieder essen und erbrechen. So macht das Essen richtig Spaß und ich nehme nicht zu!“ Das Aussehen dieses zwanzigjährigen Mädchens mit der Kleidergröße sechsunddreißig besagte, dass der Erfolg nicht anzuzweifeln war. Diese fertige Idee war die Lösung!
Eines Abends nach dem Essen probierte ich die Technik aus. Sehr anstrengend, aber danach sehr erleichternd.

Die Liebe zu Cengiz brachte Sinn in mein Leben. Die Liebesbriefe waren so spannend und so gefühlvoll. Jeden Tag in der Mittagspause lief ich mit Herzklopfen zur Post.
Abends wartete ich sehnsüchtig auf die Eierverkäuferin, die mich zum Telefon holte. Zwei bis drei Mal die Woche telefonierten wir. Immer wieder ermahnte die Eierverkäuferin mich, uns kurzzufassen. Sie konnte es nicht fassen, dass die Menschen zehn bis fünfzehn Minuten lang das Ohr ans Telefon hängen können.
In unseren Gesprächen fiel immer wieder die Kontrollfrage: „Hast du abgenommen?“
Die Abstände, in denen ich nach dem Essen erbrach, wurden immer kürzer. Als meine Mutter Besorgnis zeigte, ließ ich mir einige Medikamente vom Arzt verschreiben und täuschte ein Magengeschwür vor, um sie zu beruhigen.
Ich hatte Schuldgefühle Cengiz gegenüber, weil es nicht mit dem Abnehmen glückte. Mit dem Zunehmen ging es dagegen sehr gut. Nach sechs Monaten war meine Kleidergröße achtunddreißig. Mein Nikotinkonsum stieg auf das Doppelte. So schnell soll man ja nicht aufgeben!

Die zweite Begegnung, dritte Begegnung, vierte Begegnung. Ungefähr alle zwei Monate trafen wir uns in Karlsruhe. Dann kam der große Tag. Seine Eltern besuchten meine.
„Jetzt wird es sehr ernst, Senay, ich werde dich gleich nach meinem Studium heiraten“, sagte Cengiz.
Er meinte es ernst, dann musste ich aber wirklich ernsthaft abnehmen. Meine Gedanken kreisten den ganzen Tag nur darum.

Er kam ein paar Monate später nochmal, um unsere Verlobung zu planen. Bei seiner Verabschiedung kam unterschwellig bei mir das sichere Gefühl, dass er mich nicht heiraten würde. Wie entstand dieser Glaube, der nur auf einem Gefühl basierte? Tatsächlich passierte es genau, nach meinem Glauben. Er ging für immer.

Mit durchschnittlichen Noten absolvierte ich meine Ausbildung zur Fotolaborantin und nahm dann eine Anstellung in der Gastronomie an. Um so manche Gefühle zu vertreiben, verbrachte ich meine freie Zeit als Kellnerin an den Spielautomaten. Mein Trinkgeld reichte dann irgendwann auch nicht mehr aus. Immer häufiger bat ich meinen Chef um einen Vorschuss auf meinen Lohn. Die Spielsucht schlich sich in mein Leben. Meiner Mutter fiel auf, dass ich unglücklich war. Sie dachte, dass ich glücklich werden würde, wenn sie die Hochzeit mit Cengiz vorzöge. Ich sollte seine Eltern nochmals zu uns einladen. Ich jedoch wollte nicht. Warum?

Kurz danach verunglückte meine Mutter tödlich. Die Tragödie war nun vollkommen. Bessere Gründe gab es nicht, um im Übermaß zu rauchen und die Bulimie auszukosten.
Ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter beschloss ich, den Erstbesten zu heiraten. Ein Heiratskandidat kam über meine Schwester. Er kam rechtzeitig. Unsere Beziehung war gänzlich ohne Liebe, ohne Gefühle. Nur äußerlich war er sehr gepflegt und sportlich. Ein Amateur-Fußballspieler. Immerhin konnte ich mich mit ihm sehen lassen. Er sich mit mir aber auch! Kleidergröße achtunddreißig. Optimale Frauenfigur für ihn. Was erwartet ein verletztes Mädchen noch von einem Ehemann? Absolut nichts! Dann sollten wir uns ehelich vereinen!

In einem gebrauchten Hochzeitskleid, wartete ich auf meinen Lebensretter einige Stunden, weil an dem Hochzeitstag sein Fußballspiel für ihn unausweichlich war. Die Ehe fing also sehr amüsant an! Bei der Hochzeitsfeier rutschte ich dann in die Depression. Dieser negative Gefühlszustand verging mir dann durch eine Schlägerei im Saal.

In der ersten Woche unserer Ehe - so manche wären noch in den Flitterwochen gewesen - kam es schon zum ersten Krach. Trennungsgedanken kamen und gingen wieder. Meine Gedanken kreisten nur um Cengiz. Meine Füße trugen mich in die Küche und wieder zur Toilette. Das Problem mit dem Essen und Erbrechen hatte sich noch einen anderen Verführer herangezogen. Den Alkohol! Während der Arbeitszeit in einem namhaften Fotogeschäft, bei dem ich als Fotolaborantin angestellt war, verlor ich sehr oft die Kontrolle über den Alkoholkonsum. Jetzt hatte ich mir ein gutes Paket zugelegt: Bulimie. Nikotin. Alkohol. Depression. Spielsucht.

Meine schlechte Ehe lief noch nebenher. Die Ehe schien gerettet zu sein, als ich beschloss, ein Kind auf die Welt zu bringen. Das Kind würde alles ausbalancieren, was auch immer im Konflikt stand.
Alkohol, Depression und Spielsucht waren nicht mehr Teil des Tagesablaufs. Die Bulimie und Nikotin hingegen noch bis zum vierten Schwangerschaftsmonat. Danach war ich fast fünf Monate wie im Paradies. SUCHTFREI! SUCHTFREI! SUCHTFREI! Ein unbeschreiblich schönes Gefühl.
Das himmlische Gefühl verlieh mir die Entbindung: nach neun Stunden Schmerzen die emotionale Verschmelzung von Mutter und Kind zu Liebe in höchster Dimension. Ein Sohn. Der Regulator!
Noch im Krankenhaus, eine Woche nach der Entbindung, schlich sich wieder die Nikotinsucht wie eine Schlange in mein Leben. Zwei Züge Nikotin. Es kam mir vor, als ob sich das Krankenhaus vor meinen Augen drehte. „Das Krankenhaus kann sich ruhig drehen, meine Gedanken werden sich nicht mehr um das Nikotin drehen. Ich rauche!“

Nach der Entlassung schien noch alles friedlich. Mein Nikotinkonsum blieb wie bei einem Gelegenheitsraucher. Streit mit meinem damaligen Ehemann war sehr selten. Das Kind stand bei uns im Mittelpunkt. Als junge Mutter war ich überfordert, genoss aber auch die Liebe zu meinem Sohn. Ihn zu stillen verlief so liebevoll, wie eine Zeremonie.
Meine Kleidergröße vierundvierzig war hingegen ungenießbar. Ich hatte allerdings keine Zeit, um mich zu kritisieren. Denn den Vater meines Kindes störte es ja auch nicht. Den ganzen Tag beschäftigte mich der Alltag mit meinem Baby. Das Leben war so herrlich.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 264
ISBN: 978-3-948379-58-2
Erscheinungsdatum: 29.10.2019
EUR 16,90
EUR 10,99

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