Ratgeber & Sachbuch

Amsel Donata

Emil Schwertner

Amsel Donata

Die Beschenkten sind wir

Leseprobe:

Die Amsel

Der Tod ist ihr erster Spielkamerad gewesen. Als sie dennoch zur Welt kam, hat sie niemand willkommen geheißen. Den Leib der Mutter hat sie vor der Zeit verlassen. Sie kennt nicht das schöne Gefühl, sehnlichst erwartet zu werden. Deshalb trägt ihre Seele bei unserer ersten Begegnung das dunkle Kleid der Schwermut. Meine Amsel lebt mit der Erinnerung, einen Kampf auf Leben und Tod bestanden zu haben.
Und so sind wir einander das erste Mal begegnet. Es ist ein Tag im späten Herbst. Die Zimmertür ins Freie steht offen. Ich schaue hinaus in das Dickicht der Sträucher und Bäume. Eine endlose Wolkendecke verfinstert die Mittagsstunden. Vögel fliegen heran und ziehen sich ängstlich wieder zurück. Eine schwarzgraue Amsel aber wagt sich durch die offene Tür zu mir herein. Ihre Augen sind matt, ihr Gefieder zerzaust, ihre Füße schmutzig. Ich bleibe ganz ruhig sitzen, um sie nicht zu verscheuchen. Sie kommt immer näher, so nahe, daß ich sie anfassen könnte. Längst muß sie mich bemerkt haben; und trotzdem kommt sie noch näher. Ja, sie schaut ganz unbefangen nach mir. Ihre Augen erscheinen mir zu groß. Obwohl ihr Blick ins Leere geht, nehmen diese Augen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Groß treten sie aus dem schmucklosen Kopf heraus. Ein unbeschreiblicher Ernst liegt in diesen Augen. Tränen rinnen heraus. Da beginne ich, erst richtig hinzusehen. Ein Mädchenkopf gewinnt klare Umrisse. Schwarzbraunes Haar rahmt ihn ein. Die ganze Gestalt verliert allmählich die Beschwingtheit des Vogels. Ein schwerfälliger Leib tritt an seine Stelle. Jede Bewegung fällt ihm schwer. Weil die Beine ihren Dienst versagen, trägt ihn ein Rollstuhl. Rechte Hand und rechter Arm sind lahm. Das sind vermutlich die Spuren ihres Kampfes. Diese Amsel wird mein Zimmer nicht mehr wie die anderen Vögel verlassen können. Wo sie hingefahren wird, muß sie zwangsläufig bleiben. Sie kann ja nichts gegen den Willen anderer entscheiden. Während ich diesen bedrückenden Gedanken nachhänge, streckt sie ihre linke Hand nach mir aus. Dabei trifft mich ein unsagbar trauriger Blick, der sich tief in meine Seele eingegraben hat. Darin lese ich die Frage: Was wirst du mit mir tun? Dieser Blick hat zehn Jahre lang schon viele getroffen. Die Antwort aber ist immer Speise und Trank, Kleidung und Körperpflege gewesen. Dankbar bin ich allen, die das für sie getan haben. Sie aber hat auf mehr gewartet – nicht auf mehr Geld oder mehr Essen oder auf besser ausgebildete Pfleger, sondern auf jene Zuneigung, welche ihr sagt: Du bist willkommen bei mir; du bist unersetzlich für mich; wenn du nicht da bist, bin ich traurig.
Bei ihrer Geburt hat sie lauter geschrien als andere. Ihre anhaltende Todesangst mußte sich der Welt mitteilen. Die Mittel des kleinen Krankenhauses reichen nicht aus, das kümmerliche Leben zu retten. In schneller Fahrt gelangt sie in die Hände von Fachärzten. Glücklicherweise sind es Menschen, die ihrer Berufung, Leben zu retten, treu geblieben sind. Sie wird also überleben, aber als Gezeichnete. Auch nach den Jahren der Kindheit wird sie ihr Leben nicht selber in die Hand nehmen können. Trotzdem nehmen sie der Mann und die Frau ihres Ursprungs nicht auf. Heime werden ihre Heimat, Häuser mit langen Gängen und Zimmer mit Nummern. Ein zum Pflegeheim umgerüstetes Schloß bietet ihr Unterkunft. Geschulte Pflegerinnen wickeln und waschen sie zur vorgeschriebenen Zeit. An Essen und Trinken ist nichts auszusetzen. Auch die Unterkunft selbst ist wie alle aufgelassenen Schlösser schön gelegen. Eine Krankenschwester, welcher die Verlassenheit meiner Amsel zu Herzen geht, drückt sie manchmal teilnahmsvoll an sich. Sie will an dem Kinde etwas gutmachen. In solchen Stunden bekommen ihre dunklen Augen einen matten Glanz. Hoffnung, nicht größer als ein Staubkorn, erwacht. Nach wenigen Wochen jedoch wechselt diese Frau wegen besserer Verdienstmöglichkeiten den Arbeitsplatz. Wieder erlischt die Hoffnung, und wieder geht der Blick des Kindes ins Leere. Noch denkt es nicht, aber schon fühlt es: Ich bin für niemanden wichtig.
Auch die Heime wechseln aus unterschiedlichen, meist verwaltungsmäßigen Gründen. Die Jahre der frühen Kindheit gehen im Einerlei des freudlosen Alltags dahin. Der bisher letzte Aufenthalt auf ihrer ziellosen Lebensfahrt ist das „Haus im Wald“. Es ist Teil einer Stiftung erfolgreicher Kaufleute, die selbst keine Kinder haben. Der Name weist auf seine Umgebung hin. Das Heim liegt im Osterwald, einem wunderschönen Mittelgebirge. Ungefähr neunzig Behinderten bietet es eine Heimstatt. Deren Krankheiten sind vielfältig. Von dorther ist meine Amsel zu mir gekommen.



Der Bunte Vogel

In jener Zeit ist im ganzen Land die Suche nach dem Bunten Vogel in vollem Gange. Seine Bedeutung für das Wohlbefinden der Bevölkerung ist so groß, daß sich die höchsten Stellen im Lande damit beschäftigen. Auch in Wahlkämpfen wollen Parteien und Kandidaten damit punkten. Es geht um eine Antwort auf die Frage: Wie können wir möglichst allen Mitbürgern einen Zugang zum Bunten Vogel ermöglichen? Dieses Tier braucht eine artgerechte Unterkunft. Am liebsten nistet es im Denken der Gesellschaft. Von dorther fliegt es durch das ganze Land. Deshalb braucht der Bunte Vogel ein engmaschiges Netz von Außenstellen oder Außennestern. Denn er will ja allen zu Diensten sein. Die Regierung verfügt deswegen per Gesetz: Jede Stadt- und Landgemeinde hat für ihn eine geeignete Unterkunft zu errichten, soweit das nicht schon geschehen ist. Für die Unterkunft und deren Ausbau in der öffentlichen Meinung sorgt die Regierung ihrerseits. An den Universitäten werden dafür Lehrstühle eingerichtet. Kongresse und Akademien rücken die Sache in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Mittels Studien und Gutachten beobachtet man von verantwortlicher Stelle aus, wie sich in den Köpfen der Menschen die Gastfreundschaft für den Bunten Vogel entwickelt. In die Lehrpläne der Schulen werden entsprechende Lernziele aufgenommen. Die Medien sollen über Funk und Presse für die Beschäftigung mit dem Bunten Vogel werben und über seine Arbeitsweise informieren. Ja, sogar das Grundgesetz des Staates soll deswegen um einen Artikel erweitert werden. Niemand darf sich in Zukunft diesem Geschöpf in den Weg stellen; und niemand darf am Kontakt mit ihm gehindert werden. Weil er auch überall ein ganz handfestes Zuhause braucht, haben die Verantwortlichen unter den besten Architekten im Lande einen Wettbewerb ausgeschrieben. Sein Nest soll für ihn anziehend und bequem sein. Ein Bauwerk ist gefragt, das seinen Bedürfnissen angepaßt ist. Wegen des besonderen Anspruchs an seine Unterkunft wird zunächst ein Musterhaus oder, wie man es auch nennen könnte, ein Musternest geplant. Unter den eingehenden Entwürfen kommt ein Plan zum Zuge, der vor allen anderen Dingen dem Nutzen dieses Bauwerks dienlich ist. Dieser Plan überrascht die Auftraggeber zunächst; aber nachdem dessen Urheber sein Werk erläutert hat, findet es große Zustimmung. Architekt F. hat bei seiner Planung die Art und Weise der Nutzung in kluger Voraussicht bedacht. Das bedeutet für ihn, daß die einzelnen Räume nur 1,5?m hoch sein müssen. Während man in anderen Häusern Wohnstuben oder Arbeitszimmer in einer Höhe von bis zu 2,5?m vorfindet, reicht nach seiner Ansicht für den angegebenen Zweck das genannte bescheidene Maß, ja ist diesem Zweck sogar dienlich. Nun soll einerseits der Bau durch eine schöne Fassade die Aufmerksamkeit auf sich ziehen; anderseits kommt die Inneneinrichtung mit ganz bescheidenen Mitteln aus. Die üblichen Funktionsräume wie Küche oder Speicher erübrigen sich. Auch kostspielige Möbel sind nicht gefragt. Man kann den Bau auch als Niedrigenergiehaus ausweisen. Denn je niedriger der Raum, desto weniger Heizung ist notwendig. Außerdem entsteht ja Wärme bei sachgemäßer Nutzung. Unverzichtbar sind jedoch Matratzen und an kälteren Tagen Zudecken. Als Beleuchtung reicht ein schummriges Orientierungslicht. Auffallend ist also die hervorragende Erfindung des Architekten, niedrige Räume zu schaffen. Dabei mußte er mehrere Probleme lösen. Zum einen erfordert das Treppenhaus ganz andere Berechnungen als sonst üblich. Verbunden damit muß auch der Aufzug in mehrgeschossigen Häusern wegen der kürzeren Wege von Stockwerk zu Stockwerk neu konstruiert werden. Denn Aufzüge sind ja gerade zum Erreichen der höher gelegenen Nester notwendig, damit seine Besucher den Bunten Vogel schnell genug erreichen können. Besucher in einem solchen Nest haben es nämlich gerade auf den letzten Metern vor dem Ziel sehr eilig. Auch die Außenansicht verlangt eine abweichende Gestaltung wegen der niedrigeren Stockwerke. So hat der Architekt sehr geschickt die Fenster derart angeordnet, daß eine Reihe jeweils in zwei Stockwerke Licht einläßt. Der damit verbundene geringere Lichteinfall fällt nicht ins Gewicht, weil sich das Leben in diesen Nestern ja vorwiegend in der Nacht abspielt.



Das Nest

Das „Haus im Wald“ ist das Nest meiner Amsel; es ist auch das Nest vieler graudunkler Vögel. Auf einem abseits gelegenen Grundstück befindet sich das Haupthaus, das sich mit Sandstein und Fachwerk, von Wald umgeben, malerisch darbietet. Einige weitere kleinere Häuser ergänzen die Anlage. Darin sind junge Menschen untergebracht, deren Leben durch ganz verschiedene Behinderungen beeinträchtigt ist. Ungefähr genau so viel Mitarbeiter wie Bewohner sind für Betreuung und Unterhalt nötig. Bei meiner Einführung als Pfarrer in B. weist mich ein Gemeindemitglied auf diese Einrichtung hin und empfiehlt mir einen Besuch. Wenige Tage später begegne ich dort zum ersten Mal einer größeren Gruppe behinderter Menschen, damals überwiegend im Kindesalter. Jeder ist anders geartet; jedem fehlt etwas anderes. Gemeinsam ist allen ein Leben im Schatten des Lebens. Das Wissen um ihre Würde hat mir geholfen, Berührungsängste zu überwinden. Von jenem Tag an habe ich mich ihnen Schritt für Schritt innerlich genähert. Nach der Eröffnung des Hauses waren die Bewohner noch in Räumen mit bis zu sechs Betten untergebracht. Das hat sich nach und nach zum Besseren gewendet, bis schließlich jede Person in ein Einzelzimmer verlegt werden konnte. Gut ausgebildete einerseits und durch ein gutes Familienleben anderseits berufene Betreuer haben den Kindern und später Erwachsenen ihr schweres Leben so angenehm gestaltet, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war. Es ehrt unsere Gesellschaft und unseren Staat, daß sie es an nichts fehlen lassen, was die äußere Seite des Lebens betrifft. Nahrung, Kleidung, Wohnung stehen ausreichend zur Verfügung. Doch der Mensch, und erst recht der behinderte Mensch, braucht mehr. Die Seele ruft, ja sie schreit nach Zuwendung. Dieser Schrei zielt auf uns alle. Der Staat kann nicht mit Behinderten spazieren gehen – aber wir!
Eine Schule für „Praktisch Bildbare“ ist dem Heim angeschlossen. Diese Bezeichnung geht auf das vergebliche Bemühen zurück, die Wirklichkeit einer Behinderung wohlwollend zu umschreiben. Eine Wertschätzung jedoch, welche die Wirklichkeit verschleiert, dient niemandem. Manche wollen die Einschränkung, die diesen Menschen auferlegt ist, ins Alltägliche wenden. Doch damit ist den Betroffenen nicht geholfen. Es ist zwar richtig, den Behinderten nur jene Handgriffe abzunehmen, die sie wirklich nicht selber verrichten können; nur sollte dieser Grundsatz aber nicht überzogen werden. Sonst führt das zu einer falsch verstandenen Selbständigkeit. Das sieht dann so aus: Statt eine Jacke aufzuknöpfen, wird sie wie ein Pullover über den Kopf gezogen; dabei springen Knöpfe ab. So hat der Gelähmte zwar selbständig seinen Anorak ausgezogen, braucht aber dafür fremde Hilfe zum Annähen der Knöpfe. Die Hilfsbedürftigkeit wird also nicht behoben, sondern nur verlagert. Natürlich sollen wir einem solchen Menschen nicht durch übertriebenes Bemuttern seinen letzten Rest an Selbständigkeit nehmen; wir dürfen uns und ihm aber anderseits auch nichts vormachen. Wo Leib oder Geist oder beides den Dienst versagen, ist unsere Hilfestellung unverzichtbar. Eine Behinderung läßt sich auf diese Weise nicht aus der Welt schaffen. Es bleibt für uns die anspruchsvolle Aufgabe, mit ihnen geistig und körperlich kleine Schritte zu üben.
Auch mir ist eine Gruppe von acht Kindern zugewiesen worden. Das war kein Unterricht wie in einer gewöhnlichen Schulklasse. Ziel jeder Stunde war zuerst, daß die Kinder am Ende noch vollzählig im Zimmer waren. Denn bis auf meine Amsel, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, sind alle sehr beweglich. Carsten empfängt mich mit glänzenden Augen und ruft mir zu: „Malen wir heute Saurier? Ich kann Saurier malen.“ Ich teile Blätter aus, deren Umrißzeichnungen bunt ausgemalt werden sollen. Margot braucht für ein einziges Blütenblatt zwar die ganze Stunde, arbeitet aber die Ränder genau aus. Davor hält sich damit gar nicht erst auf, sondern versucht ständig, sein Blatt mit Daumen und Zeigefinger in eine Drehbewegung zu versetzen. Sabine strebt immer wieder nach der Tür, um nach jemand anderem zu suchen. Oliver wiederholt jedes Wort von mir wie ein Echo. Am meisten begreift Thomas vom Zweck unseres Beisammenseins; er versucht sogar, Ordnung in die Gruppe zu bringen. Ebenso scheint Petra mit ihrer Aufgabe zurechtzukommen, wenn auch auf ihre eigene unruhige Art. Michael hingegen lächelt still vor sich hin. Am Schluß der Stunde rennen alle Richtung Speisesaal: Nur Lolita im Rollstuhl bleibt zurück. Es ist meine Amsel. Als ich eine Betreuerin bitte, sie nicht zu vergessen, beruhigt sie mich, freundlich lächelnd.


Das Denken

Die Gesellschaft des Bunten Vogels macht sich über die Folgen ihres Verhaltens keine Gedanken. Sie nimmt das Geheimnis des Lebens nicht wahr. Ein Ort ohne entsprechendes Nest bekommt Schwierigkeiten. So geschehen in O. Dort hat die Gemeindeverwaltung vom Regierungspräsidium einen „Blauen Brief“ erhalten, weil noch keine Unterkunft für den Bunten Vogel errichtet wurde. Man müsse mit einer Strafzahlung rechnen wie beim Fehlen einer Kläranlage. Jetzt haben die Verantwortlichen gehandelt. Die Baustelle ist durch ein Bauschild gekennzeichnet mit der zeitgemäßen Aufschrift: „Bunter Vogel für alle“. Genügend Parkplätze sind eingeplant. In der Nähe begegnen einander L und M. Es sind alte Bekannte, jedoch von sehr unterschiedlicher Geistesart. L verweist mit freudiger Miene auf das Bauschild und sagt: „Endlich haben es unsere Oberen begriffen! Ich freue mich schon auf die Einweihung.“ „Was gibt es da zu weihen?“, fragt M. „Nun, es ist doch erfreulich, daß auch unser Städtchen endlich den Anschluß an die moderne Zeit gefunden hat. Es gibt schließlich nichts Zeitgemäßeres als ein Niedrigenergiehaus.“ „Da magst du schon recht haben, besonders, was den Geist betrifft“, antwortet M. Daraus entwickelt sich ein Gespräch, das die Einstellung beider Seiten vollends offenbart. L will die Anspielung nicht begreifen. Er zählt sich zu den Leuten, die mit der Zeit gehen. Außerdem hat er sich nichts vorzuwerfen; er tut nur Gutes. Deshalb darf er sich auch etwas Gutes gönnen. Schließlich gibt es nichts Schöneres, als beim Bunten Vogel einzukehren, wozu er bisher noch in die Nachbargemeinde fahren mußte. Wäre M nicht ein alter Bekannter, hätte er ihm heftiger geantwortet. Aber so begnügt er sich mit der Frage: „Warum soll ich darauf verzichten? Das ist doch mein gutes Recht!“ M überlegt ebenfalls, ob Widerspruch nicht die Freundschaft trüben könnte, besinnt sich jedoch auf seinen Grundsatz, sich mit seiner Meinung niemals zurückzuhalten. Er fragt also zurück: „Weißt Du eigentlich, wozu Dir Deine Kraft und Deine Gesundheit gegeben sind?“ „Um es mir gut gehen zu lassen!“ Darauf M: „Kennst Du das Grundgesetz unseres Staates? Darin steht der Satz ‚Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen‘.“ L hat sich mit der staatlichen Ordnung bisher nicht befaßt; er lebt wie ein ordentlicher Staatsbürger und ist, wie schon gesagt, wenn er es recht bedenkt, ein guter Mensch. Was soll er sich noch um Gesetze kümmern. Also fragt er: „Was hat das mit dem Bunten Vogel zu tun?“ „Es geht um die Menschen, die als Graue Vögel unter uns leben. Der Bunte Vogel lenkt den Blick vieler Menschen von ihnen weg. Sie bleiben sich selbst überlassen oder werden nur nachlässig betreut. In Wirklichkeit aber haben sie Anspruch auf unseren Beistand. Nicht nur Eigentum verpflichtet, sondern auch Gesundheit verpflichtet. Das Leben ist uns nicht in erster Linie zum eigenen Vergnügen gegeben, sondern zur Hilfsbereitschaft weniger Glücklichen gegenüber. Wer das begriffen hat, findet in den Nestern des Bunten Vogels keine Freude mehr.“ Fast weinerlich antwortet L: „Die Miesmacher unter uns sterben nicht aus. Du gehörst auch zu ihnen. Was hast Du nur gegen ein harmloses Vergnügen? Wir leben schließlich im einundzwanzigsten Jahrhundert.“ „Harmlos?“, fragt M; hier geht es doch darum, wie wir uns als Menschen gegenseitig einschätzen! An geistiger Energie zu sparen, widerspricht der Menschenwürde. Wer sich das Denken erspart, geht im Blick auf seine Mitmenschen schnell in die Irre. Er sieht im Gegenüber nur noch ein Mittel zum eigenen Vergnügen.“ Das will L nicht gelten lassen. Er legt Wert darauf, im Denken anderen nicht nachzustehen. So bringt er die Mehrheit ins Spiel. Er tue ja nur, was fast alle tun, ausgenommen natürlich Leute wie M. Dieser jedoch weist ihn darauf hin, welch bittere Irrwege die Mehrheit schon gegangen ist. „Die Natur lehrt uns den richtigen, den menschlichen Weg. Pflanzen und Tiere und noch viel mehr der Mensch bringen aus ihrem Ursprung eine unübersehbare und eine unüberhörbare Botschaft mit, nach der sie leben sollen. Darf ich mich einer solchen Einsicht entziehen?“ „Ach die Natur, die wird doch mal so und mal so ausgelegt. Mit dem Bezug auf die Natur wollen doch gewisse weltanschauliche Kreise nur ihre Mitmenschen beherrschen. Meine Natur führt mich zum Bunten Vogel.“ Darauf M: „Ich werde mich niemandem und selbstverständlich auch Dir nicht mit meinem Körper in den Weg stellen; meine Einwände jedoch kann ich Dir nicht ersparen. Auch kann ich das Wort ‚einweihen‘ nicht hinnehmen; denn Weihe hat immer mit Geist, also mit hoher Energie, zu tun. Zu einem solchen Niedrigenergiehaus paßt keine Art von Weihe.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 116
ISBN: 978-3-95840-920-0
Erscheinungsdatum: 29.08.2019
EUR 22,90

Halloween-Tipps