Alltag & Lebensführung

(M)Eine Diagnose Psychose

S. Ananda

(M)Eine Diagnose Psychose

Leseprobe:

Danksagung

Ich danke meinem Ehemann und meiner Familie für ihre immerwährende Unterstützung in guten und in schlechten Zeiten.
Ich danke den Helfern, Pflegern und Ärzten für ihre Geduld und Hilfe, auch wenn diese durch meine Krankheit zunächst nicht als solche bei mir ankommen konnte.
Ich danke meiner Lektorin für ihre geduldigen Korrekturen und hilfreichen Kommentare zum Buch. Ich danke dem Verleger und seinen Helfern für ihren unerschütterlichen Glauben an das Ergebnis!
Und ich danke Gott und allen seinen Engeln, dass sie mich unterstützt haben in der Fertigstellung dieses Buches.
Ihr alle habt mich geleitet und geführt, mich geschützt und geprägt, mir geholfen und mich geheilt. Ohne eure Hilfe wäre dieses Werk nie entstanden!

DANKE!


Liebe Leserinnen und Leser,

zu Ihrem Mut, dieses Buch zu kaufen, kann ich Sie nur beglückwünschen. Es handelt sich keineswegs um eine leichte, jedoch um eine absolut ehrliche Lektüre. Ich nenne diese Geschichte, meine Geschichte, harten Tobak!
Psychosen sind heute gut untersucht. Es gibt viele Lehrbücher zu dieser Krankheit und ihrer Behandlung. Doch die betroffenen Menschen sprechen selten offen davon, was in ihnen vorgeht oder während der Psychose vorgegangen ist. In diesem Sinne ist das Buch, das Sie jetzt in Ihren Händen halten, als die andere Seite der Medaille gedacht und stellt die Sicht einer Patientin in einer Psychose dar. Ich wünsche mir, mit diesem Buch ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen für die Aussprache des Horrors, den manche Menschen erlebt haben. Ich will dieses Buch als Signal aussenden, dass es nun an der Zeit ist, nicht länger zu schweigen. Vergewaltigungen und Schande, Krankheit und Brandmarkungen von psychisch kranken Menschen sind in unserer Welt an der Tagesordnung. Bitte fragen Sie sich selbst, ob dies nicht längst ins Mittelalter, in unsere Vergangenheit gehören sollte. Ich bin der Meinung, dass ein offener Umgang mit unseren Erlebnissen und mit bisher Unausgesprochenem unser Leben nur lebenswerter machen kann.
Und seien Sie nun eine Ärztin/ein Arzt, eine Pflegerin/ein Pfleger, eine Patientin/ein Patient oder einfach nur eine Leseratte: Ich wünsche Ihnen, dass dieses Buch Ihnen die Augen öffnet für den Umgang mit einer völlig anderen Welt, einer Welt, die Sie vielleicht schon kennen oder jetzt zum ersten Mal sehen. Einer Welt, die so real ist wie Sie und ich. Einer Welt, die sich versteckt hält aus Angst vor Schmach. Einer Welt, in der alles möglich ist.
Betreten Sie diese Welt mit Bedacht! Sehen Sie sie als so fragil, wie sie ist! Behandeln Sie sie mit Vorsicht! Aber verurteilen Sie sie nicht, weil Sie dann einen Teil verurteilen, der auch Teil Ihrer eigenen Welt ist, denn niemand ist jemals „normal“.

Ihre S. Ananda


Einige Hinweise zum besseren Textverständnis

Die Worte er, Mann, Freund, Lebenspartner, Partner, Josua (als Hinweis auf den Heilsbringer, Jesus Christus) und ähnliche sind immer auf die gleiche Person bezogen. Die Bezeichnungen sind so unterschiedlich gewählt wie meine Gefühle zum Zeitpunkt ihrer Wahl. Alle übrigen Charaktere habe ich zu deren Schutz umbenannt.
Im Februar 2009 zog ich zu meinem Partner. Wir wollten gemeinsam ein Leben aufbauen. Unsere Pläne enthielten den Wunsch nach Familie, Kindern, Haus und Hund. Im März 2009 erkrankte ich an einer Eileiterentzündung, die alles zunichte zu machen schien. Auf diese Erkrankung folgte eine innere Trennung von meinem Partner. Äußerlich waren wir noch ein Paar, doch innerlich hatten wir bereits miteinander abgeschlossen. Im August 2009 fiel der erste Schlag aus Verzweiflung. Es folgte eine kurze Zeit der Trennung, in der ich darum kämpfte, meinen Mann bei mir zu behalten, und letztlich wieder bei ihm einzog. Im November 2009 schloss ich mein Grundschullehramtsstudium erfolgreich ab. Kurz danach fiel der zweite Schlag gegen meinen Partner. Im Anschluss (Dezember 2009) trennte ich mich von ihm. Ich zog zu meinen Eltern zurück und suchte mir von dort aus eine neue Wohnung. Im Januar 2010 fuhr ich allein auf eine Ägyptenrundreise, die ich mit meinem Lebenspartner gemeinsam geplant hatte. Im Februar 2010 wurde ich verbeamtet und begann meinen Referendariatsdienst in einer Grundschule im Nachbarort. Februar, März, April und Mai 2010 arbeitete ich als Referendarin. Im April oder Mai 2010, ich kann den genauen Zeitpunkt nicht mehr bestimmen, erkrankte ich. Die Ärzte sprachen von einer Psychose.
Manche Abschnitte dieses Buches wirken beim ersten Lesen lückenhaft und nicht zusammenhängend. Dies ist ein Symptom von Psychosen. Psychosen lassen den Geist lückenhaft werden und der/die Betroffene erinnert sich nicht an alle Vorfälle und Gedanken oder gesprochenen Worte und Handlungen. Sollten Sie also eine Stelle finden, in der Sie keinen Zusammenhang finden können, so wissen Sie genau, dass es mir zu diesem Zeitpunkt ebenso ging.


Kapitel 1

Ich glaube, fast ein ganzes Jahr vor dem Nervenzusammenbruch begann es, also 2009, mit dem Einzug in eine Wohnung, in die ich nicht wollte, zu einem Mann, den ich liebte.
Dort erwartete mich als Erstes viel Stress und als Nächstes eine Eileiterentzündung. Diese Eileiterentzündung war zunächst nichts Schlimmes.
Ich hatte Schmerzen und ging zum Gynäkologen. Der sagte mir, die Eileiter seien entzündet und ich solle doch Ruhe halten. Das tat ich aber nicht, ich putzte stattdessen Fenster und führte den Haushalt, was sich böse rächte, nämlich schon am Tag darauf.
Vielleicht war es ein Dienstag. Als ich morgens aufstand, war mein Partner schon lange außer Haus, er hatte zu dem Zeitpunkt Frühschicht. Ich ging ins Bad und zur Toilette, da konnte ich nicht mehr aufstehen vor Schmerzen im Unterleib. Ich brach ohnmächtig zusammen. Als ich wieder zu mir kam, krabbelte ich irgendwie ins Wohnzimmer bis zum Telefon, um die 112 zu wählen und mich abholen zu lassen.
Ich erklärte, ich hätte eine Eileiterentzündung, und dass ich wahrscheinlich nicht in der Lage wäre, die Wohnungstüre zu öffnen, daher bat ich darum, dass der Krankenwagen eventuell die Feuerwehr mitbringe, damit sie sich mit einer Brechstange Zutritt zur Wohnung verschaffen könne.
Ich weiß nicht, wie lange sie brauchten, jedenfalls waren sie ziemlich bald da. Bis dahin hatte ich es geschafft, mir einen Bademantel überzuwerfen und mich an die Türe zu hocken und sie tatsächlich zu öffnen.
Dann traten zwei Sanitäter und eine Helferin ein, die mich stützend zum Bett verfrachteten und dort kurzerhand einen Notarzt für Gynäkologie riefen. Der kam auch sofort, weil ich mich vor Schmerzen krümmte und fast nicht mehr ansprechbar war.
Der Notarzt untersuchte mich kurz und drückte auf meinen Unterleib. Ich schrie ihn an, denn das tat verdammt weh. Er gab mir sechs verschiedene Spritzen und versetzte mich damit total ins Delirium. Man verfrachtete mich auf einen Tragstuhl und brachte mich Richtung Krankenwagen, um mich dann ins Schnell-Gesund-Krankenhaus zu fahren.
Ich wurde untersucht und es stellte sich heraus, dass die Eileiterentzündung vom linken Eileiter bis in die Gebärmutter gestreut hatte. Was selbstverständlich Schmerzen verursachte, höllische Schmerzen. Ich bekam Antibiotika. Daraufhin hatte ich eine Woche lang ein Krankenbett gebucht.


Kapitel 2

Am selben Tag noch rief ich meinen Partner an, sagte ihm, dass ich im Schnell-Gesund-Krankenhaus wäre, dass es mir gut ginge (so weit), dass ich versorgt wäre und er sich keine Sorgen machen müsste. Als er mich besuchen kam, brach er an meinem Bett heulend zusammen und sagte: „Ich hab zu Hause die Spritzen gesehen und du warst nicht da. Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Ich dachte, du wärst tot. Ich dachte, dir wäre was passiert.“ – Es war fürchterlich, für mich wahrscheinlich fürchterlicher als für ihn, ihn so nervenzusammenbrechend neben mir sitzen zu sehen.
Ich fühlte mich schuldig, denn mein Partner war meinetwegen in Sorge. Ich hatte ihm so viele Sorgen bereitet, dass er weinte. Ich beschloss, so schnell wie möglich für ihn gesund zu werden. Für ihn nicht an meine Krankheit zu denken, sondern für ihn gesund zu sein und gesund zu bleiben. Ich war die Starke. Ich musste die Starke sein, denn er zeigte Schwäche zu einem Zeitpunkt, zu dem ich seine Stärke brauchte. Er weinte und zitterte und erklärte mir, dass er Angst gehabt hatte. Und das war meine Schuld. Meine Schuld allein. Ich nahm diese Schuld auf meine Schultern, obwohl ich wusste, dass ich sie nicht tragen konnte. Ich nahm diese Schuld mit und beschloss, wiedergutzumachen, was ich durch meine schlimme Krankheit verbrochen hatte.
Das Nächste, woran ich mich erinnere aus dieser Zeit, waren meine Zimmergenossinnen. Eine Frau, die schwanger war und ein Baby kriegen sollte, aber das bitte liegend, weil sie es sonst verloren hätte, und eine weitere, die etwas älter war als wir beide und der Gebärmutter und Eierstöcke entfernt wurden.
Da habe ich mich gefragt, ob das für mich auch sinnvoll wäre. Ich setzte mich mit dem Gedanken auseinander, meine Entzündung dadurch zu bewältigen, dass ich mich aushöhlen ließ. Ich wollte schließlich für meinen Partner wieder gesund werden. Das hatte ich mir vorgenommen. Also war eine Aushöhlung meiner Genitalien vielleicht gar keine schlechte Idee. Sie war eigentlich die einfachste Lösung. Die einfachste Lösung all dieser Probleme, all der Schmerzen, all des Leides, das ich meinem Mann zufügte. All dessen, was schiefgelaufen war. Ich behielt die Idee im Hinterkopf und dachte darüber öfter nach. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht den Mut, sie auszusprechen. Der erste vielleicht etwas selbstverstümmelnde Gedanke. Eventuell auch der erste nicht mehr klare Gedanke, den ich hatte.
Während der zwei Tage im Schnell-Gesund-Krankenhaus bekam ich weiter Antibiotika, musste viel liegen, durfte mich nur so wenig wie möglich bewegen. Dann kam eine Gynäkologin zu mir. Sie bat meine Zimmergenossinnen aus dem Zimmer, um mit mir privat sprechen zu können. In diesem Gespräch teilte sie mir mit, dass ich unter Umständen niemals in meinem Leben Kinder bekommen könnte, denn die Gebärmutter war von der Entzündung angegriffen.
Das schockte mich sehr. Ich rief meinen Partner an und teilte ihm mit, dass ich mit ihm sprechen müsse. Er sagte, er habe keine Zeit, er würde an diesem Tag nicht kommen können. Mein Herz zerbrach. Ich weinte und schrie ihn innerlich an: „Du musst! Ich brauche dich hier. Ich brauche jetzt deine Hilfe. Bitte sei da für mich!“ Doch ich sagte nichts dergleichen. Ich bat ihn, am Tag darauf zu kommen, weil ich ihm diese Hiobsbotschaft nicht am Telefon überbringen wollte.
Als er mich schließlich besuchen kam, trafen wir uns unten vor der Türe. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt wieder laufen, ein bisschen zumindest. Ich nahm ihn vor dem Eingang des Schnell-Gesund-Krankenhauses in den Arm und flüsterte ihm ins Ohr: „Die Ärzte haben gesagt, dass ich vielleicht nie Kinder kriegen kann.“
Er zuckte am ganzen Körper, versuchte, mich von sich wegzudrücken, und machte ein fürchterlich trauriges Gesicht – was ich sehr gut verstehen konnte, denn wir wollten Kinder – wir wollten beide eine Familie! Und zwar miteinander!
Ich fühlte mich wie eine fürchterliche Versagerin. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr Frau zu sein. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr fähig zu sein, Frau zu sein. Es war ein Gefühl von: „Du bist nichts mehr wert als Frau, denn du kannst nicht das, was andere Frauen können, nämlich Kinder bekommen“. Ich fühlte mich von diesem Moment an und mit seiner schrecklichen Enttäuschung grauenhaft – ich fühlte mich unvollständig, ich fühlte mich unbrauchbar, ich fühlte mich wie Abfall, der es nicht wert war zu sein, zu leben, zu existieren. Unser Kinderwunsch sollte sich nicht erfüllen und das war meine Schuld.
Dies war ein Gedanke, der mich lange begleitete und mich immer, immer wieder vor die Fragen stellte: Bin ich es wert? Bin ich noch Frau? Bin ich noch ganz? Bin ich heile genug für meinen Partner? Wie kann ich ausgleichen, was ich ihm genommen habe? Wie kann ich diesen Verlust, dieses Niemals-Kinder-haben-Können wiedergutmachen, so gut wie nur möglich?
Ich nahm mir zu diesem Zeitpunkt vor, meinen Partner so glücklich zu machen, wie ich nur konnte, und ihn zu halten, obwohl ich ihm seinen Herzenswunsch, nämlich eine Familie, niemals erfüllen könnte. Jedenfalls war das mein Gefühl.
Ich sprach mit meinem Mann, sagte ihm, dass ich kein Problem damit hätte, wenn er sich eine andere Frau, eine gesunde Frau suchen würde. Eine Frau, die mit ihm eine Familie gründen könnte. Wenn er mich verließ, wenn er ging. Ich war überzeugt, dass er das hören wollte. Doch er reagierte ganz unerwartet.
Er sagte: „Ich liebe dich und nicht irgendeine andere! Ich bin mit dir zusammen! Ich will keine andere Frau. Ich will dich!“
Ich hörte es, doch ich verstand es nicht. Ich hörte es und fühlte, dass es wahr war, doch ich glaubte es nicht. Ich wollte es nicht glauben. Ich dachte sehr schwarz, ich wollte nicht hören, dass es vielleicht doch weitergehen könnte mit uns. Er konnte mich gar nicht von diesem Gedanken loskriegen.
Ich wollte eine Partnerin sein, die ihm Kinder schenken, eine Familie gründen kann, und das wurde mir genommen. Die Ärzte hatten mir gesagt, es ginge nicht. Beziehungsweise, es ginge vielleicht nicht, aber ich war der festen Überzeugung, dass es niemals gehen würde. Ich hatte versagt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 206
ISBN: 978-3-95840-421-2
Erscheinungsdatum: 23.05.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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