Alltag & Lebensführung

Freiheit von der Eifersucht

Thomas Deutschbein

Freiheit von der Eifersucht

Wege zu einer neuen Partnerschaft

Leseprobe:

_ Vorwort
„Eifersucht ist ein Zeichen von Liebe.“ – „Eifersucht ist kein Zeichen von Liebe.“ – Wer sich mit der Ratgeberliteratur zum Thema Eifersucht beschäftigt, wird entweder auf die eine oder auf die andere Aussage stoßen – man kann es sich aussuchen. Was hat also Eifersucht mit Liebe zu tun? „Müssen“ wir eifersüchtig sein, wenn wir lieben, oder ist eine Liebe ohne Eifersucht denkbar und lebbar?
Diesen Fragen wird hier nachgegangen, wobei unsere gän­gigen Vorstellungen von Partnerschaft etwas radikaler hinterfragt werden als sonst in der Literatur üblich; hierbei werden auch Aspekte von Liebe, Sexualität und Partnerschaft zur Sprache kommen, die sonst eher ausgeblendet werden, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. Das Ergebnis sei jetzt schon ver­raten: Ja, es ist möglich, Partnerschaft und Liebe ohne Eifersucht zu leben, ­jedoch nicht im Rahmen des traditionellen, uns allen bekannten, Partnerschaftsmodells. Es wird gezeigt, daß Eifersucht eine notwendige Folge des derzeitigen Partnerschaftsmodells ist. Im letzten Teil des Buches wird diskutiert, wie Liebe und Partnerschaft konzipiert sein müssen, damit Eifersucht nicht mehr auftritt.
Am Ende dieses Buches befindet sich ein Fragebogen über Treue, Untreue und Eifersucht. Ich empfehle, diesen Fragebogen vor dem Lesen dieses Buches zu beantworten – und ihn dann nach dem Lesen noch einmal durchzugehen. Es ist durchaus möglich und wahrscheinlich, daß es interessante Ergebnisse gibt.


_ Teil 1:
Ein genauer Blick auf ein bekanntes Gefühl
Treue als Voraussetzung

Gesetzt den Fall, man würde die Menschen fragen, was für sie das Wichtigste in einer Ehe oder Partnerschaft sei, so würden viele die Treue nennen – dem Partner treu sein und treu bleiben ist für die meisten ein hoher Wert, ja die unverzichtbare Voraussetzung jeglicher Beziehung. Treue hält die große Mehrzahl aller Männer und Frauen für wichtig, wesentlich und unentbehrlich. Wo es die Erwartung von Treue gibt, da gibt es auch die Möglichkeit von Untreue – und Eifersucht ist die allgemein übliche Reaktion auf wahrgenommene oder vermutete Untreue. Somit ist Eifersucht die Konsequenz der Erwartung von Treue. Da fast alle die Wichtigkeit von Treue für selbstverständlich halten, halten sie auch die Eifersucht als natürliche und automatische Reaktion auf die Bedrohung der Treue für logisch und zwingend: In einer repräsentativen Umfrage der Zeitschrift „Elle“ fanden 82?% der Befragten, daß Eifersucht völlig legitim sei, wenn man liebe. (Spiegel Panorama 14.?03.?2006)
Eifersucht und Treue gehören demnach zusammen und sind sozusagen nur im Doppelpack zu haben: Wer das eine will, kriegt auch das andere. Dies ist den meisten zumindest halbwegs bewußt. Und da Treue für die meisten einen hohen Wert darstellt, färbt dies auch auf die Eifersucht ab – dann muß Eifersucht doch wohl auch etwas Gutes sein. Wenn man in der Beratung junge Menschen fragt, wie sie sich ihren Partner vorstellen, so wird meistens die Erfordernis von Treue genannt. Fragt man dann weiter, warum sie sich eigentlich einen „treuen“ Partner wünschen, so geraten die Befragten ins Schleudern. Schon die Frage löst Verwunderung aus, das ist doch wohl selbstverständlich! Darüber hinaus fällt den meisten wenig ein; die Frage scheint ein Tabuthema zu berühren.
Doch wo ein Tabu herrscht, da besteht die Möglichkeit zu Entwicklung und Erkenntnis; eine Erfahrung, die schon Adam im Paradies machte, als er das Tabu in Frage stellte und den Apfel pflückte. Also stellen wir weiterhin unverdrossen die scheinbar so selbstverständliche Frage: Warum wünschen wir uns eigentlich einen treuen Partner?



Die Komponenten der Eifersucht

Eifersucht ist die Reaktion auf wirklichen oder vermeintlichen Liebesentzug. Diese Reaktion tritt vor allem auf, wenn der Partner sich jemand anderem zuwendet als uns selbst. Das Auftreten von Eifersucht ist nicht auf Paare beschränkt; Kinder können auf Geschwister eifersüchtig sein, wenn sie sich von Mama vernachlässigt fühlen; auch unter Freunden kann Eifersucht vorkommen. Bei Paaren jedoch gewinnt Eifersucht noch einmal eine besondere Qualität; denn Eifersucht wird hier am Sex festgemacht.

Eifersucht ist meist eine Mischung von mehreren negativen Gefühlen, von denen folgende besonders hervorstechen:

• Verletztsein: Dies ist sicher das häufigste Gefühl. Es ist das Gefühl, daß die Basis der Partnerschaft verlassen bzw. entzogen wurde, daß eine unausgesprochene Vereinbarung, ein Versprechen gebrochen wurde. Typischer Gedanke: Warum hat er mir das angetan.
• Angst, Panik: Die Angst richtet sich hier besonders auf die Möglichkeit, den Partner und somit seine Liebe zu verlieren, „Ich kann ohne ihn nicht leben“.
• Wut, Haß: Wut richtet sich vor allem auf die dritte Person, die man dafür verantwortlich macht, daß es zum „Treuebruch“ kam oder kommen könnte. Die Wut kann sich aber auch auf den untreuen Partner richten („Wie kann sie es wagen.“)
• Mißtrauen: Eine argwöhnische, mißtrauische Haltung, die stets das Schlimmste – gewöhnlich Fremdgehen des Partners und Beendigung der Beziehung – vermutet, gehört in der Regel auch zur Eifersucht.
• Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle: In der Regel sinkt bei Eifersucht das Selbstwertgefühl. Je nach Veranlagung versinkt der/die Eifersüchtige in Hilflosigkeit und Angst oder versucht, durch Wut und Rache sein Selbstwertgefühl wiederherzustellen.
• Scham, Ehre verletzt: Die Rolle der betrogenen Ehefrau, des gehörnten Ehemannes wird hier als absolut stigmatisierend empfunden – als Schande. Schlimm vor allem dann, wenn andere von dem Seitensprung/der Affäre wissen oder wissen könnten, ganz schlimm, wenn diese es eher wußten als man selbst, „nur ich habe es nicht gewußt.“

Dieser Gefühlscocktail kann verschiedene Verhaltensweisen zur Folge haben:

• Ausrasten, eine Szene machen
• Gewalttätig werden
• Kontrollieren, nachspionieren, einen Detektiv beauftragen
• „Die Koffer packen“, sofort die Beziehung beenden
• Aus Rache selber fremdgehen – und anderes mehr.

Bei „gerechtfertigter“ Eifersucht, wenn die Untreue herauskommt, fühlt sich der „Betrogene“ oft, als würde man ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Viele können nicht mehr essen und nicht mehr schlafen; sie erleben die Untreue als absolute Katastrophe mit tiefen Depressionen, psychosomatischen Symptomen wie Herzrhythmusstörungen und Panikattacken bis zu Selbstmordgedanken, was im Extremfall auch zu Mord oder Suizid führen kann. Immer wieder tauchen Bilder und Phantasien auf, die den Partner im zärtlichen oder sexuellen Kontakt mit dem Nebenbuhler zeigen. Die Betroffenen fühlen sich traurig, erniedrigt, gedemütigt; das Vertrauen in den Partner geht gegen Null. Frauen in dieser Situation reagieren emotionaler, oft in Form von offen geäußerter Wut, Männer blocken eher ab und ziehen sich zurück. Sehr typisch ist auch die Verunsicherung: Wie konnte das geschehen? Wie konnte mein Partner mich so hintergehen? Man fühlt sich verwirrt und unsicher, weiß nicht, was man jetzt von der Beziehung halten soll, ja, man fühlt sich verraten – ein Versprechen ist gebrochen worden, man fühlt sich betrogen, gebrandmarkt, für dumm verkauft. Entsprechend sinkt das Selbstwertgefühl.

Im folgenden einige typische Beispiele (entnommen aus Baumgart 2006, S. 296?f.):

„Ich habe nicht gemeint, daß ich je wieder ein normales Leben führen kann. Ich dachte, es ist alles zu Ende – wenn der Mann die Familie verläßt, und vor allem, wenn er mich verläßt. Ich kam mir weggestellt vor, wie ein Möbelstück mit zwei Kindern. Denn er war damals alles für mich, und ich war eben – das mußte ich begreifen – nicht alles für ihn.“
„Ich bin mir wie hinausgeschleudert vorgekommen, wie total allein in der Welt, ich will nicht sagen, ich war tot, aber es war Nacht. Wenn ich damals die Beratung nicht gehabt hätte – ich weiß nicht, ob ich heut noch wär.“ (Dazu Baumgart: In diesem Fall war die Frau ganz sicher, daß ihr Mann mit der Rivalin nicht geschlafen, sondern nur heftig geflirtet hatte. Und in der ­Katamnese, siebzehn Jahre nach Beratungsbeginn, war die Erinnerung noch so schmerzlich, daß Tränen flossen).“
„Mich überfiel das wie ein Erdrutsch, und ich konnte mir nichts erklären. Ich habe immer gedacht, ich hätte alles richtig gemacht, und uns kann so was nicht passieren, weil unsere Beziehung so einmalig ist. Es war so bitter – damals ging durch die Presse das Bild von einem Vietnamesen, der erschossen wird und sein Gewehr verliert. Man sah das Ungläubige von dem Mann: Warum werde ich jetzt erschossen? So hab ich mich gefühlt. Dieses: Warum mir! Warum mir? – Ich tu doch alles!“

Die Heftigkeit der Reaktion ist bemerkenswert. Baumgart kommentiert: „Viele Klienten haben die Gefährdung der tragenden Liebe als eine Frage von Tod und Leben empfunden. Immerhin ein Drittel der befragten Klienten hat Suizidversuche gemacht.“ Partnerschaft so gesehen scheint etwas absolut Gefährliches zu sein, wenn sie nicht gelingt, d.?h. einseitig beendet wird oder gefährdet scheint. Derartige Reaktionen deuten auf eine tiefe Abhängigkeit der Partner hin: Wenn mein Partner sich nicht so verhält, wie ich es mir wünsche, dann bin ich im Eimer, schlimmstenfalls verliere ich sogar jeglichen Lebenssinn. Und die Frage, die in diesem Buch immer wieder auftauchen wird, ist: Wollen wir Partnerschaft so definieren, begreifen und leben?
Schauen wir uns jedoch zunächst die verschiedenen Komponenten der Eifersucht einmal genauer an.

Verletztsein ist sicher die häufigste Reaktion bei Eifersucht – verletzt, weil der Untreue sich nicht an das „Versprechen“ gehalten hat, was er einmal gegeben hat; verletzt, weil er sein Glück sich jetzt „woanders“ holt, statt bei mir, und so weiter. Aus all dem läßt sich eine einfache Schlußfolgerung ziehen: Verletzt ist der, dessen Erwartungen nicht erfüllt wurden. Der Umkehrsatz gilt ebenso: Wer keinerlei Erwartungen hat, kann auch nicht verletzt werden. Nun ist es nicht nur so, daß es Erwartungen in einer Partnerschaft gibt, man könnte sagen, daß eine Partnerschaft geradezu aus Erwartungen besteht, Erwartungen, wie der Partner sein soll, wie er sich verhalten soll und vor allem, daß er unsere Wünsche erfüllen soll, Wünsche nach Geliebtwerden, nach Versorgtwerden und dergleichen mehr. Es ist in einer Ehe oder Partnerschaft fast unmöglich, keine Erwartungen zu haben, ja, Erwartungen gelten sogar als normal und erwünscht. Erwartungen an den Partner stellen heißt, uns ein Bild zu machen, wie ein Partner sein soll, der unsere Bedürfnisse erfüllt. Erwartungen sind auf den Partner gerichtet, aber nicht zugunsten des Partners, sondern zugunsten von uns selbst.
Verletzbarkeit und Erwartungen gehören zusammen; auch sie sind nur im Doppelpack zu haben. Je mehr Erwartungen ich an einen Menschen habe, desto verletzbarer bin ich. Immer wenn ich verletzt reagiere, so kann ich daraus schließen, daß eine Erwartung von mir enttäuscht wurde.
Die grundlegendste Erwartung in fast allen Partnerschaften ist die nach sexueller Ausschließlichkeit oder „Treue“. Diese Erwartung ist so fundamental, daß sie gewöhnlich nicht diskutiert wird; ihre Kenntnis und Befolgung wird in der Regel stillschweigend beim Partner vorausgesetzt. So schreibt die Paar- und Sexualtherapeutin Esther Perel:

Unser Glaube an die Monogamie ist sotief verwurzelt, daß die meisten Paare, insbesondere heterosexuelle, dieses Thema gar nicht erst ansprechen. Es scheint sich für sie zu erübrigen, über etwas zu diskutieren, das als gegeben feststeht. Selbst diejenigen, die sonst durchaus bereit sind, alle möglichen Spielarten der Sexualität auszuprobieren, sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, die Grenzen der Exklusivität anzutasten. Monogamie hat eine absolute Qualität, das heißt, man kann nicht vornehmlich, zu achtundneunzig Prozent etwa, monogam oder zeitweise nichtmonogam sein. Über Treue zu diskutieren würde bedeuten, daß sie verhandelbar und nicht mehr obligatorisch ist. Betrogen zu werden erscheint uns als eine so düstere Aussicht, daß wir dieses Thema lieber gar nicht erst anschneiden. Wir fürchten, daß uns das kleinste Zugeständnis geradewegs nach Sodom und Gomorrha führen wird. (Perel 2006, S. 242?f.)
Und in einem holländischen Buch über den Seitensprung schreiben die Autoren:
Ein Paar, das zusammenlebt, trifft unausgesprochen die Vereinbarung, füreinander an erster Stelle zu stehen und eine sexuelle Beziehung miteinander zu haben, die andere ausschließt. Die beiden wollen füreinander die wichtigsten Personen sein und ausschließlich miteinander sexuellen Kontakt haben. Eine außereheliche Beziehung ist ein Vertragsbruch, die die Beziehung selbst in Frage stellen kann. (Luyens/Vansteenwegen 2006, S. 15)

Es wird also „unausgesprochen“ eine „Vereinbarung“ getroffen, die, wenn sie nicht eingehalten wird, einen „Vertragsbruch“ darstellt. Das ist eine merkwürdige Formulierung, denn ein Vertrag ist eine freie, bewußte und mündlich ausgesprochene und/oder schriftlich fixierte Vereinbarung zwischen zwei Menschen mit Bindewirkung – wie kann es also einen unausgesprochenen Vertrag geben? Widerspricht diese Formulierung nicht dem Wesen des Vertrags? Tatsächlich reagieren aber die meisten im eifersüchtigen Verletztsein, als ob der andere einen Vertrag gebrochen hätte. Aber wurde denn ein Vertrag geschlossen? Sicher nicht im Sinne einer freien und bewußten Vereinbarung. Wir beziehen uns auf das obige Zitat von Perel, nach dem die ­meisten Paare dieses Thema gar nicht erst ansprechen: „Es scheint sich für sie zu erübrigen, über etwas zu diskutieren, das als gegeben feststeht.“ Ein Vertrag, über den nicht diskutiert wird, weil er als „gegeben“ feststeht? Diese Art von „Vertrag“ nehmen die meisten Menschen völlig selbstverständlich hin, was seltsam genug ist. Und wenn der Partner sich nicht nach diesem „Vertrag“ richtet, fühlen wir uns verraten – als ob der andere ein Versprechen gebrochen hätte. Aber hat er denn ein Versprechen abgegeben? Und kann ein solches Versprechen denn überhaupt abgegeben und gehalten werden?
Dies sind Fragen, die merkwürdig anmuten, schon deshalb, weil sie so gut wie nie gestellt werden. Auch sogenannte Experten stellen diese Fragen praktisch nie und übernehmen so das gängige, offensichtlich tief im Unbewußten verankerte Partnerschaftsmodell. Die „Treue“ in bezug auf sexuelle Exklusivität ist offensichtlich etwas Unhinterfragbares, etwas, das sich aus sich selbst versteht und deshalb nicht diskutiert werden muß. Diese Unverhandelbarkeit und Unhinterfragbarkeit von Treue ist Basis und Voraussetzung des tiefen Verletztheitsgefühls in der Eifersucht: Man sieht etwas als gegeben an, was aber nie explizit formuliert wurde.

Angst und Panik sind weitere häufige Gefühle in der Eifersucht. Ängste und Panik zeigen ein tiefgehendes Gefühl von Hilflosigkeit an. Wenn also das wirkliche oder vermutete Verhalten des Partners mich in einen Zustand der Hilflosigkeit bringt, was besagt das? Es besagt, daß ich mich von meinem Partner abhängig gemacht habe.
Auch diese Abhängigkeit ist etwas so Allgemeines und Selbstverständliches, daß es kaum jemals hinterfragt wird. Zum Beispiel wird ständig überall und in allen Medien suggeriert, daß der Partner uns glücklich machen kann. Partnerschaften werden gewünscht und angestrebt, weil wir in dem blinden Glauben leben, der Partner würde oder könnte uns glücklich machen, indem er sich uns zuwendet, uns liebt usw. Mit diesem Glauben machen wir unbewußt einen folgenschweren Schritt: Wir übertragen dem Partner die Macht, uns glücklich zu machen: Wenn der Partner ein bestimmtes, erwünschtes Verhalten zeigt, sind wir glücklich. Warum ist dieser Schritt so folgenschwer? Ganz einfach: Mit diesem Schritt übertragen wir dem Partner auch die Macht, uns unglücklich zu machen. Unser Befinden, unser Glück oder Unglück, liegt dann ganz offensichtlich nicht in unserer Hand, sondern in der des Partners: Ist er treu, dann sind wir zufrieden, ist er untreu, dann bricht die Welt zusammen. Und das alles aufgrund einer „Vereinbarung“, die nie ausgesprochen oder explizit geschlossen wurde.
Diese Abhängigkeit hat auch eine emotionale oder energe­tische Seite. Liebe bedeutet für viele einen Gefühlsstrom, in dem sie sich genährt und geborgen fühlen. Wenn dieser Gefühlsstrom plötzlich wegfällt, wird uns unsere Abhängigkeit von diesem Strom der Liebe bewußt: Ein Gefühl der Hilflosigkeit und Angst kommt auf. Vor allem Männer, die ja gemeinhin als das starke Geschlecht gelten, bekommen das zu spüren, wenn sie von ihren Frauen verlassen werden. Warum gerade Männer? Weil Frauen aufgrund ihrer mütterlich-umsorgenden Natur oft ihre Männer emotional „mitversorgen“. Der Mann ist diesen emotional nährenden Zustrom gewöhnt, auch wenn er ihn oft bewußt nicht wahrnimmt – aber das Fehlen dieses Zustroms wird ihm schlagartig bewußt, wenn er wegfällt. Dies ist die energetische Abhängigkeit, die Abhängigkeit von der nährenden Energiezufuhr in der Liebe.
Auch Frauen kennen die Abhängigkeit in der Partnerschaft. Wenn der Mann der Dreh- und Angelpunkt des eigenen Daseins ist, wenn man Entscheidungen, die man eigentlich selber fällen könnte, bewußt oder unbewußt an den Mann delegiert, „mein Mann wird’s richten“, und dieser Mann dann plötzlich geht oder sich in „eine andere“ verliebt, dann kann frau an der Panik, die sie ergreift, merken, daß sie ihr Selbst in den Mann verlagert und sich so in der Beziehung abhängig gemacht hat.

Wut und Haß sind weitere häufige Gefühle in der Eifersucht; sie sind nach Angst und Panik die andere Möglichkeit, auf Verletztsein und Hilflosigkeit zu reagieren. Wut ist eine eher starke Reaktion, die durch Handeln das Böse aus der Welt schaffen möchte, aber da Wut letztlich eine Reaktion auf Hilflosigkeit und Opfergefühle ist, ist sie auch eine schwache Reaktion, die gewöhnlich zu keinem positiven Ergebnis führt. Wenn Wut in der Eifersucht auftaucht, liegt dem gewöhnlich ein Besitzdenken zugrunde. Was ist Besitzdenken? Aufgeklärt, wie wir sind, werden wir zumindest in der westlichen Welt wohl selten behaupten, daß der Partner uns gehört wie ein Gegenstand, über den man frei verfügen, den man auch kaputtmachen und wegwerfen kann. Aber in der eifersüchtigen Wut reagieren wir so. Ein typischer Gedanke hierfür lautet: „Du gehörst doch zu mir“ – mit Betonung auf „zu mir“. Eifersüchtiges Besitzdenken zementiert eine als Tatbestand empfundene Erwartung: Mein Partner gehört zu mir und hat damit keinerlei Freiheit mehr, sich jemand anderem zuzuwenden. Wenn er es doch tut, wirklich oder eingebildet, dann ist die gerechte Weltordnung verletzt und Empörung kommt auf: Wie kann sie es wagen. Diese Wut ist blind; sie will losstürzen, schreien, eine Szene machen, dreinschlagen. Wer in der eifersüchtigen Wut ist, will nicht zuhören und verstehen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 218
ISBN: 978-3-99003-223-7
Erscheinungsdatum: 05.01.2011
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo